01.06.2019, 12:29
Amüsanter Weise bekam die Jüngste ihrer Runde nicht nur von ihm Gegenwind, sondern auch von Farley, der bislang ein wenig mit sich selbst beschäftigt gewirkt hatte. Liam hatte damit kein Problem damit – wie sollte er auch? Immerhin war er normalerweise der, der geistesabwesend durch die Gegend lief und nicht mitbekam, was um ihn herumgesprochen wurde. Demnach war Farley sogar weitaus geschickter als er, denn obwohl er sich mit seinen eigenen Gedanken abgelenkt hatte, war ihm durchaus nicht entgangen, was um ihn herum passierte. Den tadelnden Blick Shanayas nahm er mit einem eindeutigen Feixen hin, dem die zusätzliche Belustigung über Farleys Ansicht durchaus in den Mundwinkeln hing. Zum Glück war ihre junge Navigatorin so hart im Nehmen. Mit Aspen wäre wohl spätestens jetzt aus unsinnigem Geplänkel ein waschechter Streit vom Zaun gebrochen. Oder einen Augenblick später, als man Liams Frage durchaus als Seitenhieb ob ihrer Tätigkeit verstehen konnte.
„Vermutlich hat er bei all dem Trubel eben auch nicht vergessen, etwas zu essen.“, mutmaßte er und ließ das ‚im Gegensatz zu dir‘ unausgesprochen in den zwielichtigen Gassen stehen.
Wirklich wissen tat er das nicht. Er hatte während der Festlichkeiten besseres zu tun gehabt, als auf das Ess- und Trinkverhalten der anderen zu achten und sich ähnlich wie Shanaya die meiste Zeit mit Tanzen beschäftigt. Mit dem kleinen Unterschied bloß, dass er sich zwischendurch immer mal wieder etwas von den Speisen in die Backen geschoben hatte. Er stibitzte nicht, weil er wirklich Hunger hatte, doch all die Bewegung (und vermutlich auch der Alkohol) forderten ihren Tribut in Form von Appetit. Außerdem konnte man an den Speisen wirklich absolut nichts aussetzen. Liam war schon immer der gewesen, der nahm, wenn es sich anbot. Man wusste immerhin nicht, wie lange sich keine andere Gelegenheit mehr bieten würde. Und da er so ein guter Mensch war, war er auch Shanaya dabei behilflich, ihr Nahrungsdefizit aufzufüllen – glücklicherweise, ohne ihr dabei ein Auge auszustechen oder selbst über das Kopfsteinpflaster zu stolpern. Sineca beobachte dabei mit einem Funkeln in den Augen das tanzende Fleisch am Spieß, welches nach und nach im Mund der Frau verschwand. Liam legte den leeren Spieß zurück auf die Platte, fing ihren echauffierten Blick auf seinen Orientierungs-Kommentar mit einem flüchtigen Seitenblick auf und fischte sich den nächsten Spieß für den Eigenbedarf von der Platte. Ein amüsiertes Glucksen drang aus seiner Richtung, als sie versuchte, Farley in den Versuch einzuspannen, ihn abermals irgendwo auszusetzen.
„Nett, immerhin auf einer Insel mit Zivilisation. Du hältst dein Wort.“, rechnete er ihr hoch an und zog sich ein Stück Gemüse vom Spieß. „Ihr könnt es ja versuchen.“
Er nahm es nicht persönlich - wie sollte er auch? Wer austeilte, musste auch das Echo vertragen. Und gerade bei Shanaya – vielleicht sogar nur bei Shanaya – war er sich sicher, dass sie es ihm offen ans Herz legen würde, sollte es ihrer Ansicht nach Zeit für ihn sein, zu gehen. Bis es allerdings dazu kommen würde, hätte Liam vermutlich schon längst die Entscheidung getroffen, wieder eigener Wege zu ziehen. Bislang sah Liam den Versuch der Schwarzhaarigen eher amüsiert und gelassen.
„Ihr bekommt 2 Minuten Vorsprung. Und dann spürt meine Spürnase euch auf. Oder zumindest die Häppchen. Schätze, dass sie Prioritäten setzt.“
Man musste realistisch bleiben. Und Sinecas Aufmerksamkeit galt im Augenblick eher den Spießen als ihrer Begleitung. Und im Fall, dass er am Ende sowohl Shanaya und Farley als auch Sineca verloren hätte, würde er auch irgendwie über die Runden kommen. Wäre immerhin nicht das erste Mal, dass er durch die Gassen irgendeiner Stadt irrte. Mit einem unschuldigen Blick zog er das letzte Stück Gemüse vom Spieß.