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Hörst du die Trommeln
Crewmitglied der Sphinx
für 0 Gold gesucht
dabei seit Feb 2016
#1
Hörst du die Trommeln
bespielt von    Liam Casey   Skadi Nordskov
07.04.1822
Hörst du die Trommeln
Es wird Morgen und du weißt
zwei Seelen sind in deinem Leib
und am Tag kannst du nicht leugnen
was dich in die Nächte treibt

Nachmittag des 07. April 1822
Skadi Nordskov & Liam Casey


Die Stadt wirkte bereits wie völlig ausgewechselt. Die Stände waren zum Großteil abgebaut und die reisenden Händler längst wieder auf dem Weg zu ihrem nächsten Ziel. Im Vergleich zu den letzten Tagen wirkten die Straßen eigenartig leer, selbst wenn man sich auf den Hauptstraßen aufhielt. Der Alltag nahm wieder seinen Lauf auf Milui und nur die wenigen Gestalten, die noch Dinge in Kisten verpackten, erinnerten an die vergangenen Festlichkeiten. Liam hatte an diesem Nachmittag zwar ein Ziel, aber keinen besonders großen Zeitdruck. Er schlenderte durch die Straßen und besah sich die kleine Stadt in ihrem urtümlichen Glanz. Die Menschen waren wieder geschäftiger, doch er ließ sich von der Hast nicht stören. Er war weit genug vom Hafen weg, um von der eigentlichen Aufbruchsstimmung nicht viel mitzubekommen. Stattdessen blieb er an einem Schild stehen und besah sich die Auswahl an Obst, die darauf angepriesen wurde. Von einheimischen bis zu exotischen Früchten schien alles erwerbbar zu sein. Ob Frischobst oder Trockenobst.
Die vergangen Tage waren wie im Rausch an ihr vorbei gelaufen - sonderlich viel davon geblieben war nicht. Nur dieses drückende Gefühl in ihrer Brust, das sie nicht so recht loszuwerden schien. Jeden Morgen war sie frühzeitig von der Sphinx geflohen und hatte sich den Kopf mit schweißtreibendem Training frei gemacht - ehe sie sich ihrem momentanen Sorgenkind gewidmet hatte. Sicherlich war es keine sonderlich schwierige Aufgabe, schweigend neben Enrique zu sitzen oder zu stehen und sich dem Alltag an Board zu widmen. Doch nicht etwa das Flicken von Fischernetzen oder Pökeln von Fleisch war ihr Problem - sondern diese unausgesprochenen Emotionen, die in ihr wüteten. Sie hasste es. So abgrundtief, dass sie an jenem Tag gänzlich verschwunden war und sich die Zeit in der Stadt vertrieb. Fast schon kopflos durch die Straße streifte und - sie konnte sich nicht einmal genau erklären wann oder wo sie dazu gekommen war - mit einem dicken Buch unter dem Arm auf eben jenes Schild zusteuerte, an dem der Lockenkopf die Auswahl in Augenschein nahm. Fast wäre sie sogar in ihn hinein gelaufen, als sie zur Seite blickte. Zuckte zusammen, als seine Schulter ihre eigene streifte und sie ein, zwei Schritte zurückwich. "Oh...Verzeihung."
Um die Beschaffung von Ressourcen wollte er sich nicht kümmern, solange er nicht explizit Auftrag dafür erhielt. Greo hatte weitaus mehr Überblick darüber, was sie hatten und was ihnen noch fehlte. Aber den Laden und seine Auswahl würde er möglichst im Kopf behalten, um ihn bei Gelegenheit anzusprechen. Etwas Trockenobst war eine willkommene Abwechslung, sobald die frischen Vorräte zur Neige gehen würden. Sein Blick wanderte vom Schild zu der Auslage im Fenster, als ihn plötzlich eine Person streifte. Im Normalfall hätte er den Rempler mit einem leisen „Nichts passiert.“ abgetan, ohne aufzusehen. Dieses Mal aber kam ihm die Stimme im letzten Moment doch zu bekannt vor. Gerade als Liam sich umwandte, lief Skadi bereits abermals Gefahr, rückwärts abermals in eine Dame hineinzulaufen, die mit einem Schritt zur Seite auswich. Liam griff kurzerhand nach dem Arm der jungen Frau, um sie aufzuhalten und lächelte der Frau entschuldigend entgegen, ehe er sich der Kurzhaarigen zuwandte. „Bei wie vielen Leuten musstest du dich heute schon entschuldigen?“
Seine Reflexe waren erstaunlich schnell. Oder ihr Kopf so vernebelt, dass Skadi nicht einmal bemerkte, wie sie geradewegs in die Frau hinein stolperte, die mit einem Ausfallschritt an ihr vorbei lief. Für einen Moment wirkte sie absolut neben sich, verzog keine Miene, als der Lockenkopf sie sanft zurückzog und sich mit einer halben Entschuldigung auf den Lippen an die Dame wandte, deren Blick womöglich neutral bis genervt ausgefallen war. Skadi kümmerte es nicht. Noch weniger, als es ohnehin getan hätte. Bei seinen Worten verzog sie nur die Lippen, wirkte schon fast trotzig, ehe sie seufzte. Es ging ihr total auf den Zunder so zu sein. "Ich habe nach den ersten 5 aufgehört zu zählen." Kurz wischte sie sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Hielt dann inne und musterte erst den Stand, dann Liam mit zusammengekniffenen Augenbrauen. "Was machst du eigentlich hier? Gibt es kein Abschiedstrinken mit deinen Musikerfreunden?"
Ihre Unternehmung vor gut zwei Tagen schien unendlich weit entfernt. Cornelis‘ Tod hatte der guten, ausgelassenen Stimmung einen Dämpfer verpasst, der besonders bei Skadi und Enrique seine Auswirkungen zeigte. Liam bedauerte den Verlust, besonders, da es der Rotschopf gerade erst von seiner Insel heruntergeschafft hatte. Mehr jedoch hatte er mit dem Mann nie zu tun gehabt. Wenig genug jedenfalls, um nicht groß trauern zu müssen. Anders als die Kurzhaarige und ihr Marineoffizier, wie es schien. Ihn interessierte es nicht, was sie verbunden hatte. Ihn irritierte eher der abwesende Zustand der Nordskov, die sonst so durchdacht und unerschütterlich gewirkt hatte. Der Lockenkopf schenkte ihrer Antwort ein schmales Lächeln, welches nicht über seine Lippen hinaus ging. „Ich bin verabredet.“, antwortete er der Einfachheit halber. „Das Abschiedstrinken war gestern. Die meisten sind schon längst wieder auf Reise.“ Erst jetzt fiel ihm das Buch unter ihrem Arm auf und ließ ihn die Stirn runzeln. „Und was hast du vor?“ Er deutete auf das Buch, dessen Einband er nicht erkennen konnte. Bislang war er davon ausgegangen, dass sie nicht lesen konnte und ihm daher das Versprechen abgerungen hatte, ihr vorzulesen.
Das Lächeln lag irgendwie ungelenk auf seinen Lippen, wie Skadi fand. Doch wer war sie schon so etwas zu verurteilen, wo ihr das Mitgefühl für andere selbst absolut krampfig über die Lippen ging. Ganz davon abgesehen, dass sie die letzte war, die Beileidsbekundungen brauchte. Sie hatte niemanden verloren - zumindest nicht in den letzten Tagen. Allein die Sorge um Enrique machte ihren Verstand zu einem wabbligen etwas. "Verstehe." Er war also verabredet. Na wenigstens hatte einer von ihnen unbeschwerten Spaß. Skadi nickte nur auf seine Worte, schob dann das Buch vor ihre Brust und verschränkte beide Arme fest vor dem Einband. "Ähm... nichts Genaues, ehrlich gesagt. Ich weiß nicht einmal wo oder warum ich das gekauft habe.", gestand sie kleinlaut und hob den dicken Wälzer leicht an. Womöglich hatte ihr das reich verzierte blaue Leder gefallen, das mit geschwungenen Lettern zahlreiche Mythen und Legenden versprach. "Ich habe mich zwar nicht für eine Elster gehalten, aber ich glaube, dass es mich einfach magisch angezogen hat." Ein halbes Lächeln gesellte sich auf ihre Züge und spiegelte das des Lockenkopfes.
Liam fiel es schwer, Skadis Züge recht einzuschätzen. Er kannte nur einen kleinen Teil von ihr. Den fröhlichen, ausgelassenen Teil, der sich seit dem Vorfall gänzlich von ihr verabschiedet hatte. Er wusste nicht, ob es Cornelis war, der sie beschäftigte. Oder Enrique. Oder etwas völlig anderes. Er war aber auch kein guter Samariter, der glaubte, die gesamte Welt retten zu können. Seine Taktik war mehr Ablenkung als Bewältigung – egal, ob es um ihn oder andere ging. Er wäre nicht auf die Idee gekommen, ihr so nahe zu treten und nachzufragen. Stattdessen behielt er sich ein Ohr offen, sollte sie von sich aus darüber reden wollen. Wenn nicht, war ihm das ebenso recht. Die Frage nach dem Buch in ihren Händen schien dabei jedenfalls schon einmal einen Anfang zu machen. Beruhigend, wie er fand. Als sie den Band leicht anhob, gelang ihm ein flüchtiger Blick auf den Titel. „Sagen und Legenden, hm? Da hast du jedenfalls keinen schlechten Griff gemacht.“, versicherte er ihr mit einem ehrlicheren Lächeln als zuvor. „Das wird bestimmt so einiges Schnarchen erträglicher machen.“ Liam überlegte kurz. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, Skadi nun einfach wieder sich selbst zu überlassen – nicht so geistesabwesend, wie sie eben noch durch die Straßen geirrt war. „Ehm. Sag mal, was hattest du noch gleich vor?“, hakte er schließlich nach und kratzte sich kurz am Hinterkopf.
Erst verstand Skadi nicht so recht, was Liam mit seiner Aussage bezweckte. Ließ es einige Sekunden sacken, ehe sich ein mattes Grinsen in ihre Mundwinkel stahl. "Mh... wenn du es so sagst, könnte ich meinem Unterbewusstsein fast schon ein wenig Berechnung zuschreiben, wenn deshalb eine positive Gesellschaft und ein paar Geschichten für mich herausspringen." Doch die Dunkelhaarige wusste, dass dem definitiv nicht so war. In ihrem aktuellen Zustand traute sie sich gar nichts mehr zu, außer ihren Instinkten zu folgen. Bei seiner erneuten Frage verzog sie skeptisch die Augenbrauen. Hatte er das nicht bereits gerade eben von ihr wissen wollen? "Nach wie vor... nichts." Und ihr würde jede Abwechslung willkommen sein, ehe sie auf's Schiff zurück musste. Einmal kurz entfliehen vor diesen Gefühlen, die sie nicht verstand, nicht verstehen wollte und davor zurück schreckte wie ein Kind vor Schnecken. "... sag bloß du ziehst es in Erwägung mich zu deinem Date mitzunehmen." Ein amüsiertes Schmunzeln lag auf ihren Zügen.
Sie schien tatsächlich keine Ahnung zu haben, was sie dort in den Händen hielt. Liam hantierte nur ungern mit Informationen, die er seinen eigenen Beobachtungen zu verdanken hatte. Dazu entging ihm meistens zu viel. Manchmal eben Fluch und manchmal Segen. „Scheint eine beachtliche Sammlung zu sein. Daran solltest du wirklich länger etwas haben.“ Dank seiner Überlegung entging ihm die Verwirrung auf ihren Zügen. Ihre Antwort reichte ihm, doch bevor er seinen Plan verkünden konnte, brachte sie ihn mit ihrer Vermutung ein wenig aus dem Konzept. Liam blinzelte verdutzt, da er mit dem Gedanken an ein Treffen mit Egbert alles in Verbindung brachte – aber mit Sicherheit kein Date. Skadi schien sich die Art von Verabredung jedenfalls anders auszumalen. „… Wenn du’s so nennen willst, dann ja. Demnach bist du jetzt auch verabredet.“, beschloss er kurzerhand lächelnd, packte sie an den Schultern und drehte sie sanft in die Richtung, in der der Laden liegen musste. „Dir wird’s gefallen, glaub mir. Dauert auch nicht lange.“ Zwar reine Vermutung, aber eigentlich hatten Egbert und er bereits alles geklärt. Im Grunde wollte er Skadi nur daran hindern, doch davon zu laufen. Insgeheim fragte er sich nämlich, wie sie es heute Morgen unbeschadet bis hierher geschafft hatte.
Womöglich hatte er Recht. Doch wann sie jemals die Zeit dafür haben würde vor dem Sonnenuntergang einen Blick hinein zu werfen, war fraglich. Immerhin versank sie gerade nur zu gern in Aufgaben und das Lesen ging ihr nicht sonderlich leicht von der Hand. Ihre Schulbildung war nun einmal recht rudimentär ausgefallen. Wie wohl bei den meisten Menschen dieser Welt. Abgesehen von den Aristokratenkindern und denen, deren Bildung ein wichtiger Bestandteil der Erziehung war. "Ich bin gespannt, wie viel ich davon wiedererkenne." Sicherlich so einiges, wie Skadi mutmaßte. Vielleicht war ihr als Kind eine Bibliothek verwehrt geblieben, doch die Lieder, die stets an den Lagerfeuern gesungen worden waren, enthielten ausreichend Erzählungen von Sagengestalten und Heldenfiguren. Und wann immer sie zu ihrer Marinezeit an Land gegangen war, schmuggelte sie sich in das Gebälk eines Theaters und lauschte den hochtrabenden Worten, die man so viel simpler und eindeutiger hätte formulieren können. "Ähm... " Ihr blieb kaum Zeit für Widerworte. Liam drehte sie bereits an den Schultern herum und schob sie mit sanfter Gewalt voraus. Eigentlich hatte sie keine Lust in eine Verabredung herein zu platzen - doch der Lockenkopf machte ihr mit nur wenigen Worten deutlich, dass es definitiv nicht DAS war. Blieb also abzuwarten, mit wem er sich hatte treffen wollen.
"Okay, okay... aber du musst mich nicht wie einen Karren durch die Gegend schieben.", protestierte die Dunkelhaarige kleinlaut und wandte sich in seiner Umklammerung herum. Glitt mit einem weiteren Schritt dicht neben ihn und knuffte ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. Sie hatte den dezenten Wink durchaus verstanden. "Wenn ich wie ein Schäfchen abdrifte kannst du mich ja immer noch einfangen." Und sie war durchaus bestechlich! Eine Weile lief sie schweigend neben Liam her, musterte ihre Umgebung und versuchte ihre Gedanken auf ihren Weg voraus zu fokussieren. Erst nach einigen Metern huschte der kurze Haarschopf zu Liam zurück und musterte sein bärtiges Gesicht. "Wie geht's dir eigentlich?" Die Frage überraschte sie selbst ungemein.
Wenn man es genau nahm, baute alles irgendwie aufeinander auf. Die meisten Sagengestalten waren dazu da, Kinder von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten und ihnen Angst einzujagen. Aber Liam war noch immer fest überzeugt davon, dass das meiste, was Menschen sich ausdachten, irgendeinen Bezug zur Realität hatte. Wer wusste schon, ob es Geister und Dämonen nicht wirklich gab? Oft genug hörte man doch die Geschichten, der Freund eines Freundes wäre irgendeinem Wesen über den Weg gelaufen. Liam verteufelte es nicht direkt als Märchen, glaubte aber nicht wirklich an die Existenz, bevor er es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Vielleicht war es das Kind in ihm, welches genau deshalb sämtliche Infos in sich aufsog, um sich auf die Suche danach zu begeben. Und am Ende stand wieder das Abenteuer.
Als Skadi sich aus seinem Griff wandte, machte er es ihr nicht sonderlich schwer. Sie hatte zugesagt und damit verwarf er die Möglichkeit, dass sie sich einfach aus dem Staub machen würde. So war Skadi nicht und hätte sie von Anfang an keine Lust gehabt, hätte sie auch kein Problem damit gehabt, ihm das offen ins Gesicht zu sagen. Eigentlich kam es Liam eher so vor, als wäre ein bisschen Ablenkung genau das, was sie brauchte. Und wollte. Jedenfalls schien ein Ziel vor Augen ihren Fokus ein bisschen besser im Zaum halten zu können, selbst wenn sie nicht genau wusste, wohin die Reise eigentlich führte. Liams Blick wanderte indes über die Schilder über den Geschäften. Diese Straße hatte er während des Festes nicht besucht. Dazu war sie zu weit entfernt vom eigentlichen Trubel gewesen. Doch bislang hatte er die Lettern nicht erkennen können, nach denen er suchte. „Ganz gut, denke ich.“, antwortete er etwas zögerlich und stellte in just diesem Moment fest, dass es vielleicht nicht die beste Antwort gewesen war. „Verhältnismäßig jedenfalls.“ Ob ihn das rettete, war fraglich. Liam überlegte kurz, ob er der Falle trauen sollte, sich ebenfalls nach ihrem Befinden zu erkunden. Aber eigentlich war die Antwort darauf, was er tun sollte, recht simpel. „Und wie steht’s mit dir? Besser als die letzten Tage?“
Gut war ein relatives Wort. Es konnte viel oder auch nichts bedeuten. Doch sie war froh, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging, wie er selbst wenig später beteuerte. Machte er sich etwa tatsächlich Gedanken darum, dass ihr der Tod des Rotbarts zu nahe ging? Einen Moment musterte sie Liams Züge aufmerksam, lockerte den festen Griff um den ledernen Einband. Ihre Finger kribbelten ein wenig - ganz so als wären sie vor lauter Anspannung zu fest um das Buch gewickelt gewesen. "Eigentlich geht es mir gut.", antwortete sie wahrheitsgemäß. Seufzte dann jedoch. "Aber es fällt mir schwer mit der aktuellen Situation umzugehen." Nicht weil sie nicht wusste, was zu tun war, sondern weil sie damit haderte, wie sie sich dabei fühlen sollte. "Versteh mich nicht falsch... es ist tragisch was geschehen ist.", und darauf wollte der Lockenkopf sicherlich hinaus, "... aber außer Scortias und Enrique kannte ihn niemand. Nicht einmal ich. Also..." Kurz presste Skadi die Lippen aufeinander, während sie ihren Blick von Liams Zügen auf die umliegenden Läden schweifen ließ. Fand sie ein passendes Wort für das, was gegen ihren Brustkorb drückte? Nein.
Tatsächlich fiel es ihm schwer, ihr zu glauben, doch er hatte keinen Grund dazu, es nicht zu tun. Und der Gedanke, ihr ginge es trotz des äußeren Eindrucks gut, gefiel ihm. Das Seufzen danach ließ aber auf ein ‚Aber‘ schließen. Ein Aber, dem sich Liam gerne annahm. „Du musst keine Trauer da suchen, wo keine ist.“, bemerkte er schließlich vorsichtig. „Ich bedauere den Verlust genauso. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es gewesen sein muss, so lange auf einer Insel festzusitzen und dann endlich wieder die Freiheit zu spüren, bloß um sie kurze Zeit später wieder abgeben zu müssen. Aber im Grunde war er ein Fremder für mich.“ Der Lockenkopf zuckte etwas ratlos mit den Schultern. „Statt um ihn zu trauern, sollten wir uns wohl viel eher zur Aufgabe machen, auf seinen kleinen Freund Acht zu geben. Und vor allem – wer weiß schon, über welche Meere Feuerbart jetzt segelt, dort wo er ist.“ Davon hatte Cornelis‘ Geist jedenfalls weitaus mehr, als wenn sie sich in Trauer verloren – geheuchelt oder nicht. Dass sein Tod jenen näher ging, die direkt mit ihm zu tun hatten, war durchaus verständlich. „Und auch Enrique wird irgendwann darüber hinweg kommen, wenn er so weit ist.“
Jedes seiner Worte saß tief und fühlte sich so vertraut und richtig an. Als spräche er ihr just aus der Seele und bestätigte damit, dass ihr inneres Chaos definitiv kein Einzelfall war. Ob sie sich damit allerdings besser fühlte, wusste Skadi nicht wirklich zu sagen. Stattdessen richtete sie ihre braunen Augenpaare aus den Augenwinkeln auf den Musiker und nickte. Sie hätte es nicht besser formulieren können. "Und der ist es, der mir am meisten Sorgen bereitet." Ausgesprochen fraß sich diese Erkenntnis noch viel unangenehmer in ihre Magengegend. Ließ ihren Blick wieder abwesend voraus gleiten, ehe sie tief die Luft in ihre Lungen sog und die Schultern straffte. "Na ja... wie auch immer. Ich kann ihnen nur bedingt dabei helfen, damit klar zu kommen. Der Rest liegt allein ihrer Hand." Andernfalls hätte Skadi wohl für beide die Bürde auf sich genommen und die überschwemmenden Emotionen wie alles andere tief in sich vergraben. Sie hatte damals nicht anders reagiert und all ihre Emotionen in ihren Racheplan gestopft. "Wo gehen wir eigentlich hin?" Das Thema sollte damit vorerst beendet sein - zumindest machte Skadi nicht den Anschein, als wollte sie weiterhin darüber philosophieren. Und irgendwie glaubte sie auch, dass Liam in diesem Punkt ähnlich gestrickt war wie sie. Man konnte nichts daran ändern was geschehen war, also konnte man ohnehin nur das beste aus der Situation machen.
Der Lockenkopf speicherte die Informationen, die sie ihm gab, unter ‚Macht sich Sorgen um die Hinterbliebenen‘ ab. Ein Umstand, der sie nicht nur sympathisch machte, sondern auch weitaus einfacher zu kurieren war als die Trauer an sich. Sie würde schon sehen – sobald sie der Alltag wieder gepackt hatte, würden auch Scortias und Enrique nach und nach wieder dazu übergehen, ihr Leben zu leben. Liam nickte zustimmend auf ihre Erkenntnis hin und schenkte ihr ein kurzes, aber zuversichtliches Lächeln. „Ich fürchte, Cornelis ist nicht der erste Verlust, mit dem er zu kämpfen hatte. Und Scortias ist glaube ich taffer als du gerade annimmst.“ Nicht, dass er es herunterspielen wollte, aber Kinder gingen mit Trauer anders um als Erwachsene. Emotionaler, heftiger vielleicht, aber schneller, wie er fand. Besonders, wenn sie an Board eines Piratenschiffes lebten und jeden Tag vor einem neuen Abenteuer standen. Während des Gespräches hatte er weiterhin auf die Läden geachtet und gerade, als Skadi ihr eigentliches Ziel erfragte, erkannte Liam den Laden, über dem die Lettern einen Instrumentenbauer versprachen. „Dorthin.“, wies er auf das Geschäft und hoffte, ihr würde der kleine Ausflug tatsächlich so sehr gefallen, wie er vermutete. Als sie den Laden erreicht hatten, schob der Ältere die Tür auf. Er überließ Skadi den Vortritt, während sein Blick bereits über die hölzernen Instrumente wanderte, die er von seinem Standpunkt aus erblicken konnte.
Ehrlich gesagt wusste sie nicht, wie viele Menschen Enrique bereits zu Grabe getragen hatte. Sie konnte nur mutmaßen, dass es mindestens eine gewesen sein musste. Scortias indes... war eigentlich nicht ihr Problemkind, obwohl man es durchaus glauben konnte. Der Kleine war sein Leben lang damit konfrontiert gewesen, selbst klar kommen zu müssen. Sie bezweifelte also keineswegs, dass er den Verlust alsbald verkraften würde. Wie Liam um die Vergangenheit des Waisenkindes wusste, war Skadi nicht klar. Deshalb hielt sie sich diesbezüglich lieber bedeckt. Es war schließlich nicht an ihr, persönliche Informationen wie diese auszubreiten. Bei seinen Worten horchte die Nordskov auf und folgte seinem Fingerzeig. Ein Musikgeschäft? Die Dunkelhaarige ahnte, was sie hier taten. Lächelte sogar verheißungsvoll und war gespannt, was Liam zu finden beabsichtigte. Sie vermutete, dass er seinem Lebenswunsch nachging. Jetzt wo sie so viel Geld aufgetrieben hatten, dass er sich ein wenig davon abzweigen konnte. Mit einem dankenden Nicken trat sie an dem Lockenkopf vorbei und spürte bereits die Wärme auf ihrer Haut. Nahm den angenehmen Geruch von Holz war, der sie augenblicklich entspannte. Wie bei einem Kind huschten ihre Augen gespannt und funkelnd über die ausgestellten Instrumente - keines davon würde sie jemals spielen können. Liam allerdings schon, den sie mit einem Grinsen beäugte und sich mitten im Laden stehend halb zu ihm herum wandte. "Na dass nenne ich doch mal eine schöne Überraschung."
„Gefällt’s dir?“, fragte er, jetzt wieder das unbefangene Grinsen auf den Lippen, welches man von ihm kannte, nachdem er ihr hinterher in den Laden getreten war. Auch für ihn war es das erste Mal, dass er in diesem Geschäft stand. Und das erste mal seit einer gefühlten Ewigkeit, überhaupt in einem Instrumentengeschäft zu stehen. Sein Blick war über die Geigen und Gitarren gewandert, über das Klavier in der einen Ecke des gedrungenen Raumes und über die wenigen Flöten in einem der Regale. Sie alle waren Handarbeiten, die entweder Egbert oder einer seiner Kollegen in mühsamen Stunden gefertigt hatten. In einem Hinterzimmer konnte man Stimmen hören, die vermuten ließen, dass der Besitzer des Ladens nicht alleine dort hinten war und sie noch Zeit hatten, sich umzusehen. „Allein die Fertigung ist in gewisser Weise Kunst.“ Seine Stimme war leiser geworden als draußen auf der Straße. Viel Auswahl gab es zugegeben nicht, aber Liam vermutete, dass die meisten Stücke Anfertigungen auf Auftrag waren. Nachdem sie sich eine Zeit lang hatten umsehen können, trat eine junge Frau aus dem Hinterzimmer heraus – in der Hand ihr neues Instrument – und verließ mit einem letzten Dank den Laden. Dann trat auch Egbert heraus und auf seine Züge trat ein Strahlen, als er Liam erkannte. „Oh Liam, da bist du ja.“, begann der ältere Mann mit einem Lächeln. „Und dein Mädchen hast du auch gleich mitgebracht. Habt ihr es eilig? Brecht ihr auch noch heute auf?“ Etwas überfordert mit dem Überfall schüttelte Liam dem Älteren die Hand, der sich gleich darauf an Skadi wandte. „Ehm, naja.“, begann er. Er blieb offen, was von all dem Angesprochenen er mit dem ‚naja‘ nun direkt meinte. „Nein, wir bleiben noch ein paar Tage.“ Entschuldigend wandte er sich mit einem raschen Blick an Skadi und zuckte mit den Schultern, während sich der ältere Herr wieder umgewandt hatte und zum Tresen zurück trat.
Sie bezweifelte keine Sekunden lang, dass hier Meister am Werk gewesen sein mussten. Allein die winzigen Details aus den glänzenden Holzoberflächen waren bemerkenswert. Sicherlich sahen sie für ihr ungeschultes Auge eindrucksvoll aus - doch Skadi glaubte, dass sie tatsächlich von talentierten und sehr künstlerischen Händen gefertigt worden waren. "Das glaube ich dir auf's Wort." Mit einem letzten Blick wandte sie sich ab und schlenderte aufmerksam an den Reihen vorbei. Stellte sich hier und da auf Zehenspitzen, um die Kunstwerke genauer in Augenschein nehmen zu können. Sie fühlte sich wie ein Kind in einem Süßigkeitenladen - nichts durfte auch nur berührt werden! Und dabei sah alles so wundervoll einladend aus. Der dunkle Schopf hob sich, als Schritte im Verkaufsraum erklangen. Folgte dem jungen Mädchen, das überglücklich ihr neues Instrument aus dem Laden trug und dann von einem alten Mann hinter dem Tresen abgelöst wurde. Bei seinen Worten musste Skadi unweigerlich grinsen. Noch mehr als Liam absolut unbeholfen versuchte die Worte Egberts - als den hatte sie ihn zumindest wiedererkannt - zu umschiffen. Wie von selbst löste sich eine ihrer Hände von dem Buch, das nach wie vor an ihrer Brust lag. Umfasste Liam an der Hüfte und lehnte die Wange gegen seine Schulter. "Ich wollte unbedingt sehen, wie das Leben in dieser Stadt außerhalb der Festlichkeiten pulsiert." Was nicht wirklich gelogen war - auch wenn sie sich zumeist in den Wäldern die Zeit vertrieb.
Liam hatte die letzten Tage ein bisschen etwas über Egbert gelernt. Er redete gern, redete viel und war stets mit vollster Aufmerksamkeit bei der Sache. Musik war für ihn nicht bloß Arbeit und Hobby zugleich – es war seine Leidenschaft und eben diese ließ sich in jedem dieser Werke erkennen. Offenbar hielt er den Laden gemeinsam mit seinem Schwager oder Bruder (Liam hörte ja nie so genau zu, irgendetwas Verwandtes jedenfalls), mit dem er sich die Arbeit teilte. Ein kleines, verschnörkeltes ‚S‘ zierte eingearbeitet ins Holz die Instrumente, um ihre Herkunft zu dokumentieren. Daneben – noch kleiner – eine kleine Signatur, die wohl den Hersteller genauer definierte. Was er noch über Egbert gelernt hatte, war, dass es unnötig war, Dinge richtig stellen zu wollen. In dieser Sache ähnelten sie sich vielleicht sogar – war etwas angenommen, war es schwierig, es in den eigenen Gedanken richtigzustellen und abzuspeichern. Deshalb versuchte er erst gar nicht, dem älteren Mann zu widersprechen. Und hätte er es doch versucht, hätte ihm wohl spätestens Skadi einen Strich durch die Rechnung gemacht. Skadi, für die Egberts Annahme offenbar wieder wie gerufen kam. Statt seine Überforderung zu teilen, hatte sie keine Sekunde später bereits wieder ein spitzbübisches Grinsen auf den Lippen. Eigentlich hätte es ihn freuen sollen, dass er die Skadi wiedergefunden hatte, die er in Bruchteilen kannte. Im ersten Moment, als Egbert ihnen noch den Rücken zugedreht hatte, stand Liam einfach da wie eine Puppe, die die junge Frau gerade in die Arme geschlossen hatte. Unbeteiligt und mit einem deutlichen ‚dein Ernst?‘-Blick auf den Zügen, aber nicht ohne ihr vorheriges Grinsen zu entgegnen. Mit einem angedeuteten, aber amüsierten Kopfschütteln nahm er schließlich an der Scharade teil und legte ihr ebenso den Arm um die Schulter, als hätten sie eine innigere Beziehung als es eigentlich der Fall war. „Jaja, sehr gute Entscheidung. Aber statt nur die Stadt in Augenschein zu nehmen – auch die Landschaft ist einen Blick wert!“, begann der Ältere und nickte eifrig. „Spielt die junge Dame denn auch ein Instrument?“ Damit verschwand er kurz abermals im Hinterzimmer, bloß um wenige Sekunden später wieder hervorzukommen und die Geige vorsichtig auf den Tresen zu legen, mit der Liam das Fest über das Vergnügen gehabt hatte. „Da wäre das gute Stück. Neue Saiten, frisch gestimmt und extra noch einmal auf die salzige Meeresluft vorbereitet.“ Ein fröhliches Lächeln lag auf den Zügen des Instrumentenbauers. Liams Augen funkelten bei diesem Anblick. „Das ist… Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bist du dir wirklich sicher? Ich kann das eigentlich nicht annehmen.“ Geschweige denn finanzieren, doch Egbert stoppte ihn, bevor er fortfahren konnte. „Oh, mach dir keine Sorgen, junger Mann! Ich bin glücklich, wenn sie irgendwo Verwendung findet. Und gleichzeitig machst du dann ja auch Werbung auf all den Inseln, die ihr bereist!“
Liam fühlte sich unter ihren Fingerkuppen wie ein steifes Holzbrett an. Hätte er ihr nicht ein breites Grinsen geschenkt, wäre sie fast dem Glauben erlegen gewesen, dass es ihm nicht passte, wie sie die falsche Annahme des Älteren als Vorwand nahm, in ein kleines Spiel einzutauchen. Auf sein Kopfschütteln hin, zwinkerte sie ihm lediglich verschmitzt zu. Immerhin sollte der Lockenkopf all das nicht all zu Ernst nehmen. Zumindest nicht in der Hinsicht, dass sie damit irgendetwas indirekt bezwecken wollte. Wie in den meisten Teilen ihrer Persönlichkeit war Skadi auch hier einfach gestrickt. Und seit ihrem gemeinsamen Ausflug in die Unterwelt der Stadt wusste Liam das. Bei Egberts Frage wäre ihr fast ein dümmliches Kichern entglitten - doch gerade im rechten Moment presste sie einfach die Lippen aufeinander und atmete tief durch. Sie konnte ein Instrument spielen, beherrschte es sogar im Tiefschlaf. Doch DAS war nicht das, worauf der alte Mann anspielte. Und es wäre mehr als unangebracht, solche Zweideutigkeiten in die Luft zu setzen und sich darüber kaputt zu lachen, wenn niemand so recht verstand, was sie meinte. "Leider bin ich mit anderen Talenten gesegnet. Das überlasse ich also mit Freuden meiner besseren Hälfte." Und auch das war nicht gelogen. Hätte sie nur einen Finger auf eines der Instrumente gelegt, wäre es sicherlich unter einem mörderischen Aufschrei davon gelaufen. Dafür hatte sie für andere Dinge ein gutes Händchen.
Nur langsam ließ sie vom Lockenkopf ab, als der ältere Musiker aus dem Nebenraum zurück kam und eine Geige in Händen hielt. Eben jene Geige, die Liam an ihrem ersten gemeinsamen Abend gespielt hatte. Fasziniert musterte Skadi die Oberfläche, beobachtete dann mit einem fast schon liebevoll anmutenden Lächeln die Begeisterung auf Liams Zügen. Irgendwie war es ja schon fast niedlich. "Sie sind ein wirklich großzügiger Mann.", entgegnete sie leise. Schlang wieder beide Arme um den dicken Wälzer vor ihrer Brust und musterte das Klavier neben sich. "Waren sie früher auch einmal Musiker und haben die Welt bereist?"
Egbert nahm Skadis Antwort mit einem fröhlichen Lächeln hin und nickte, ehe sein Blick wieder auf Liam lag. Dem Lockenkopf war nicht einmal bewusst aufgefallen, wie er sich wieder von Skadi gelöst hatte und nun direkt vor dem Tresen stand, auf dem die Geige lag, die fortan ihm gehören sollte. Skadi galt ein glückliches Grinsen bei ihren Worten und auch, wenn die Tatsachen nicht ganz stimmten, nahm er ihre Worte als Kompliment. Er hatte sein Versprechen nicht vergessen und jetzt, wo er das Instrument in Händen hielt, würde er sie tatsächlich mit mehr als nur Gesang von den sägenden Männern ablenken können. (Wenn er wüsste, womit das noch ginge ûu) Das Funkeln in seinen Augen hatte tatsächlich etwas von einem Kind, dem man gerade das großzügigste Geschenk überhaupt machte. Liam freute sich ehrlich und man sah ihm an, dass er dieses Geschenk durchaus zu schätzen wusste. Als Skadi wieder zu sprechen begann, lächelte der ältere Herr ihr fröhlich entgegen. „Ach, ich will das ja immerhin nicht alles mit ins Grab nehmen.“, beteuerte er und schien ganz verzückt, als sie fortfuhr. „Als junger Mann bin ich viel herumgekommen. Stets da, wohin es mich trieb. Aber irgendwann kommen eben die Verpflichtungen hinzu.“ Er zwinkerte den beiden zu. „Deshalb genießt die Welten, solange ihr noch die Gelegenheit dazu habt.“ „Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir das jemals danken soll.“, begann Liam abermals und fuhr mit den Fingern über das behandelte Holz der Violine. „Hab einfach Spaß an der Musik. Und lasst euch mal wieder blicken, wenn ihr in der Gegend seid.“ Liam nickte dankbar und sah wieder auf. Der Ernst seines und Skadis Gespräches von eben war gänzlich verschwunden. „Danke. Das tun wir.“
Irgendwie haftete die Sehnsucht nach den Abenteuern und Geschichten der Welt wohl allen Musikern an. So wie Egbert von seiner Jugend sprach, malte sich Skadi die Bilder in ihrem Kopf aus. Schmunzelte angesichts der Freude, die in seiner Stimme durch den Raum zu ihr hinüber hallte. Zu gern hätte sie gewusst, wo der Alte in seiner Blütezeit gewesen war. Welche Länder er kannte, wo er am liebsten gewesen war und welche Weisheiten er ihnen für die zukünftige Reise noch mitgeben konnte. Doch Liam zerschlug die Idee wie in Trance, als er das Instrument in die Hände nahm und seiner Freude kaum Ausdruck verleihen konnte. Schweigend verweilte Skadi hinter ihm, trat einen Schritt zurück, um ihnen den nötigen Raum für eine Verabschiedung zu geben und ließ stattdessen den Blick wieder einmal durch den Raum gleiten. Ehe ihr Blick auf eine kleine Okarina fiel, deren Verzierungen sie wie im Buchladen zuvor magisch an sich zog. Nur langsam näherte sie sich, beugte sich ein Stück weit nach vorn, ehe sie sich in die Hocke begab und mit zusammengekniffenen Augen die Runen auf der Oberfläche musterte. Sie selbst trug ähnliche Zeichnungen auf ihrem Körper - und es versetzte ihr einen kurzen Schauer, als ihr die Tragweite dieser Erkenntnis bewusst wurde. "Waren sie schon einmal auf den südwestlichen Inseln?"
Ein letzter Blick galt den übrigen Instrumenten, doch trotz all der Auswahl war der Lockenkopf für den Augenblick tatsächlich wunschlos glücklich. Und auch Egbert schien mit seiner Entscheidung mehr als zufrieden. Als sein Blick zurück zu Skadi schweifte wie eine stumme Frage, ob sie aufbrechen sollten, stellte er allerdings fest, dass sie ein wenig nachdenklich wirkte. Liam runzelte die Stirn, als sie schließlich recht zielsicher auf eines der Instrumente zuschritt und es genauer betrachtete. Liam wartete einen Augenblick, doch als ihre Aufmerksamkeit wie gefesselt wirkte, folgte er ihr, um über ihre Schulter hinweg einen Blick auf das zu erhaschen, was sie so gebannt betrachtete. Eine Ocarina. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Auf den zweiten Blick erkannte er die Bemalung, die für ihn der auf Skadis Brust recht ähnlich sah. Von der Art und Weise jedenfalls, wie sie gezeichnet worden war. Skadis folgende Frage sprach indirekt Bände. „Meinst du Rûn?“, fragte er sich dessen bewusst, das hinter ihren Worten wohl mehr als bloße Neugier steckte, ehe er den Kopf abwartend in Egberts Richtung drehte.
Sie bemerkte nur beiläufig wie die Stille im Laden Einzug hielt und sich Liams Körper näherte. Spürte die Hitze, die er ausstrahlte und war doch vollkommen von dem kleinen Stück Holz eingenommen, das sie hier niemals erwartet hätte. Woher hatte dieser Mann etwas so Wertvolles, dass gerade jegliche Luft aus ihren Lungen absaugte? Die Frage in ihrem Rücken blieb von ihr unbeantwortet, während Egbert langsam von seinem Tresen hervor kam und leise seufzte. "Es ist Jahrzehnte her, dass ich einmal dort gewesen bin. Und es war nicht Rûn, sondern Trithên. Eine wirklich wundervolle Insel. " Der Klang dieses Namens ließ Skadi kaum merklich zusammenfahren. Sie musste gerade jegliche Kraft aufbringen ihr Herz zu beruhigen, das unangenehm gegen ihren Kehlkopf donnerte. "Das ist sogar eines der wenigen Stücke, die ich zur Restauration von einem der dortigen Händler mitgenommen habe. Aber abgeholt hat es all die Jahre niemand." Weil es niemanden mehr gab, der es tun konnte. Doch Egbert wusste davon nichts. Niemand außer Skadi selbst, dem toten Harper, Enrique und einem kleinen Teil der Marine sowie der Herzogin wussten das. "Wie viel kostet sie?" Es brachte nichts sich selbst davon abzuhalten und die Frage kam ohnehin wie ein Pistolenschuss zwischen ihren Lippen hervor. Mit ernsthaft interessierter Miene blickte Skadi über ihre Schulter an Liam vorbei zu dem älteren Mann, der nur noch wenige Armlängen von ihnen entfernt war. Sie würde alles dafür hergeben, wenn es sein musste. Sogar ihr letztes Hemd.
Skadi schwieg und Liam nahm ihr Schweigen als Zeichen dafür, dass sie gerade nichts anderes interessierte als Egberts Antwort, der langsam zu ihnen herüber kam. Eher unbewusst legte der Lockenkopf seine freie Hand auf Skadis Schulter. Nicht, weil er versuchen wollte, ihr Schauspiel aufrecht zu erhalten – das hatte er eigentlich bereits vergessen – sondern weil ihm auffiel, wie aufgewühlt sie unter ihrer schweigenden Erscheinung war. Seine eigentliche Aufmerksamkeit lag ebenso wie ihre allerdings auf Egbert, selbst wenn sich Skadis Blick kaum von der Ocarina vor ihr löste. Liam versuchte indes all die Bruchstücke, die er vorgeworfen bekam, irgendwie zu einem sinnigen Bild zusammenzufügen. Trithên, die Ocarina, die niemand abgeholt hatte und die nun hier förmlich darauf gewartet zu haben schien, dass Skadi sie fand. Doch er kam nicht wirklich dahinter. Irgendetwas schien sie damit in Verbindung zu bringen. Irgendetwas, was ihr ziemlich viel wert war, wie es klang. Ebenso aufmerksam wie sie musterte er nun Egbert, um den Preis zu hören und war bereit, ihr hierfür unter die Arme zu greifen. Im Zweifel wusste er ja, woher er noch ein bisschen Gold beschaffen konnte – vorausgesetzt die kleinen Diebe hatten ihr Geheimversteck nicht verlagert.
Egbert musterte die beiden. Schien etwas konfus angesichts der Frage und der Ernsthaftigkeit, die sich in Skadis Miene abzeichnete. Die Sekunden verstrichen zäh und langsam, wie es der Nordskov schien. Jeder ihrer Atemzüge hallte die dumpfes Donnergrollen in ihren Ohren, während sie auf eine Antwort wartete. "Sag Mädchen... kommst du etwa von dort?" Es drang wie ein unangekündigter Schuss durch ihren Kopf. Ließ sie innehalten und abwägen, ob sie der Frage ausweichen, sie beantworten oder etwas anderen entgegen sollte. Sie wusste nichts über diesen Mann. Mochte sein erster Eindruck sanft, gutmütig und von der alten Schule sein - doch er konnte sich schnell als Freund der Marine entpuppen, der mehr wusste, als er zugab. Doch sie nickte. Langsam. Sah kurz aus den Augenwinkeln zu Liam, dessen Hand sie kurz mit ihrer eigenen berührte. Sie spürte seine Sorge durch seine Kuppen in ihren Körper strömen. Wusste, dass ihr Unterbewusstsein dieses Mitgefühl tief in ihren Erinnerungen abspeicherte. Und doch konnte sie ihm nicht beruhigend zulächeln. Stattdessen wandte sie sich wieder Egbert zu. Musterte ihn eine Weile aufmerksam. "Ich würde mich wirklich sehr über ein so schönes Erinnerungsstück an meine Heimat freuen." Und auch wenn die Miene auf ihren Zügen nicht annähernd so viel Wärme trug, wie der Klang ihrer Stimme, meinte sie jedes einzelne Wort, wie es sagte. Mehr noch. Es würde ihr die Welt bedeuten, wenn der man ihr das Musikinstrument überließ. Und fast erleichtert hörte sie seine Worte, die unter einem warmen Lächeln hervor drangen. "Ich seh schon... du verbindest wohl weitaus mehr damit, als ich es je tun werde. Nun gut... für 20 Goldmünzen gehört sie dir."
Ein fairer Preis angesichts der Tatsache, dass er sie wohl nur ungern hergab. Tief atmete Skadi ein und aus. Zählte die Achter und Goldstücke in ihrem Geldbeutel, den sie zwischen Brust und Lederwams bei sich trug. "Tja...", entgegnete die Nordskov mit einem tiefen Seufzen und erhob sich langsam. "Das ist wohl nicht mein Tag..." In einer fließenden Bewegung zog sie das klimpernde Stoffstück hervor und ließ die letzten 8 Goldmünzen auf die Handfläche gleiten.
Da lag mehr dahinter. Liam war nicht gut darin, genau zu benennen, woher sein Gefühl rührte, doch da lag mehr dahinter. Er warf einen flüchtigen Blick zu ihr hinunter, als er ihre Hand auf seiner spürte, erhaschte aber nur den Anblick ihres Hinterkopfes, während sie sich weiterhin auf Egbert konzentrierte. Liam verfestigte den Griff um ihre Schulter unter der Berührung ein wenig. Nicht fest, aber deutlich, während auch er gespannt auf Egberts Angebot wartete. Auch, wenn Skadi den Anschein erweckte, sich lediglich über ein Andenken aus ihrer Heimat zu freuen – Liam kam es eher so vor, als hätte sie das Instrument an sich wiedererkannt, als wäre es ein altes Familienerbstück oder der Gleichen. Liam schluckte, als der Ältere den Preis nannte. Nicht, weil es übermäßig teuer gewesen wäre – ein Instrument verdiente seinen Preis – und trotzdem war es für jemanden wie sie ein kleines Vermögen, welches sie nicht leichtfertig über die Kante werfen konnten. Skadi hingegen zögerte keinen Augenblick, ihren Geldbeutel herauszukramen und enttäuscht festzustellen, dass es nicht reichte. Liam dachte wohl keine Sekunde darüber nach, was er als nächstes tat. „Nimm sie. Wir Männer klären das schon.“, meinte er leichtfertig und wies mit dem Kopf in die Richtung der Ocarina, ehe er ihr die Geige und den Bogen, die er noch in der Hand hielt, entgegenstreckte. „Kannst du kurz halten?“ Mit freien Händen wandte er sich wieder Egbert zu und holte auf dem Weg zurück zum Tresen seinen eigenen kleinen Lederbeutel hervor. Zum Glück hatte er seit ihrem kleinen Ausflug nicht daran gedacht, das, womit er seinen Geldbeutel gefüllt hatte, ebenso an die Sphinx zu übergeben. Damit reichte das kleine Vermögen gerade so für das Instrument. Er bedankte sich abermals mit einem Lächeln und verabschiedete sich, ehe er sich zu Skadi umwandte und ihr seine Geige aus der Hand nahm, um ihr kurz darauf abermals die Tür des Ladens offenzuhalten und sie nach draußen zu führen.
 Er wich keine Sekunde von ihrer Seite. Verstärkte sogar den Druck auf ihre Schulter. Und doch war das in jenem Moment für die Nordskov absolut zweitrangig. All die Anspannung die sie in jenem Moment teilten, war für spätere Zeiten vergraben und würde erst dann wieder hervor kommen, wenn der Schock vergessen war, der sich beim Anblick der wenigen Münzen einstellte. Die Bitterkeit die bis zu ihrem Kehlkopf hinauf stieg und ihre Stimmbänder verätzte. Kein Wort kam mehr heraus - doch das brauchte es auch nicht. Ihre Enttäuschung war in jeder Faser ihrer Miene wahrzunehmen.
Und dann tat Liam etwas, das Skadi verwirrt zurückließ. Wie ein Windstoß durch ihren Körper fegte und seiner Anweisung in einem antrainierten Automatismus folge leistete. Eine Träne rollte lautlos aus einem ihrer Augenwinkel, als die Geste endgültig ihr Bewusstsein erreichte und sie sich schlagartig zu der Ocarina herum wandte.  Sie vorsichtig mit der nun freien Hand aufnahm - das Buch hatte sie auf der anderen Seite zwischen Oberarm und Oberkörper geklemmt - und wie ein geliebtes Erinnerungsstück vors Gesicht hob.
Schweigend überreichte sie dem Lockenkopf seine Violine und Bogen als er zurückkehrte, nickte Egbert fast schon abwesend zum Abschied. Sie wusste nicht so Recht was sie sagen sollte. Trat schwer schluckend über die Türschwelle des Ladens, ehe sie stehen blieb und sich zu Liam wandte. Ein warmes Lächeln zierte ihre Lippen, strahlte tief von Innen heraus und wirkte so fremd auf ihren Zügen, dass sie sich selbst kaum wiedererkannt hätte. "Danke." Wie von selbst umfasste ihre Hand seinen Nacken. Zog den schmalen Körper in einer einzigen Bewegung näher zu ihm heran und hinterließ einen sanften Kuss auf seinen Lippen. Vielleicht würde Liam irgendwann verstehen, wie viel ihr diese "kleine" und vielleicht für andere unbedeutende Geste wert war.
Fest presste Skadi die Lippen aufeinander, als sie sich von dem hochgewachsenen Musiker löste und die Ocarina zwischen ihren Fingern beäugte. Wie einen Schatz, den sie als kleines Mädchen mit 6 Jahren in einer gefährlichen Ruine gefunden hatte.
Für ihn war es keine Geste, um sie zu beeindrucken oder gar für sich zu gewinnen. Er tat es, weil ihr weitaus mehr an dieser Ocarina zu liegen schien als ihm an dem winzigen Reichtum, den er vor wenigen Tagen erlangt hatte. Liam war alles andere als materialistisch. Und er erinnerte sich auch erst im Nachhinein daran, was Skadi ihm bezüglich der Bemalung auf ihrem Oberkörper gesagt hatte. Eine Erinnerung. Ein Andenken. Die Möglichkeit, sie immer bei sich tragen zu können. Liam wusste, wie schwer der Gedanke war, ein Andenken verloren zu haben – wie aber musste es sein, wenn man vorher gar nicht gewusst hatte, dass es existierte? Wie hätte er reagiert, hätte ihm irgendein Wildfremder plötzlich ein altes Foto aus seiner Kindheit vor die Nase gehalten? Für ihn war das Strahlen auf ihren Zügen schließlich Dank genug. So, wie das kurze Lächeln des kleinen Mädchens, als er ihm das Buch geschenkt hatte, um sie ein wenig von dem Verlust ihres Vaters ablenken zu können. Das, was er dabei erfahren hatte, ging ihm allerdings immer noch durch den Kopf. Er wollte fragen, doch er ahnte, dass es der Freude über dieses kleine Andenken einen Dämpfer verpassen würde. Also schwieg er und wollte das Thema, kaum dass sie den Laden verlassen hatten, in eine andere Richtung lenken, als Skadi sich umwandte. Er sah auf, doch noch bevor sich ein Lächeln ob ihres Dankes auf seine Züge schleichen konnte, spürte er bereits ihre Lippen auf seinen. Eine eigenartige Weise, sich zu bedanken, doch Liam hätte sich gewiss daran gewöhnen können. Trotzdem hatte sie es abermals geschafft, ihn zu überrumpeln. Er blinzelte, als er die Augen wieder öffnete und spürte, dass das Schlagen hinter seiner Brust ein wenig deutlicher geworden war. Skadi hingegen freute sich bereits wieder über ihren kleinen Schatz, als wäre nie etwas gewesen. Liam fuhr sich kurzerhand schweigend durch die Haare und erfreute sich noch einen kurzen Moment an ihrem fröhlichen Anblick. „Dafür muss das Essen wohl oder übel wieder auf dich gehen.“, eröffnete er ihr mit einem Schulterzucken und schritt an ihr vorbei zurück auf die Straße, ohne ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben. Aber völlig mit der Welt zufrieden.
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Hörst du die Trommeln - von Liam Casey - 13.05.2019, 00:43
RE: Hörst du die Trommeln - von Skadi Nordskov - 15.05.2019, 22:38
RE: Hörst du die Trommeln - von Liam Casey - 18.05.2019, 21:00
RE: Hörst du die Trommeln - von Skadi Nordskov - 19.05.2019, 00:48
RE: Hörst du die Trommeln - von Liam Casey - 19.05.2019, 23:45
RE: Hörst du die Trommeln - von Skadi Nordskov - 05.06.2019, 18:34

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