22.04.2019, 21:21
Cornelis und alles im Griff? Skadi entwich ein sarkastischer Laut, den sie schnell unter einem halben Lachen vergrub. Wenn der Rotbart alles war, nur nicht das. Hatte er nicht sein Schiff wegen einer Meuterei verloren? Und ja, der Jägerin war durchaus bewusst, dass sich diese Entwicklung oftmals der eigenen Handhabe entzog und es tatsächlich auf die Crew im Gesamten ankam. Doch wenn sie Cornelis für etwas hielt dann würde sie es eher mit Adjektiven wie „leichtsinnig“ und „dezent größenwahnsinnig“ umreißen.
Deshalb antworte sie nur mit einem plumpen “Sicher.“ und ließ absolut keinen Zweifel daran, wie sehr sie daran glaubte. Doch statt sich weiter darüber auszutauschen, folgte sie ihm wortlos die Gasse hinab. Wirkte sogar sichtlich erstaunt darüber, als der Musiker ihre scheinbar verheulten Augen bemerkte und sie ungeniert darauf ansprach. Zwar hatte sie Liam als sehr offenherzigen und charmanten Zeitgenossen erlebt, doch solch eine pragmatische Art war ihr seit langem nicht mehr untergekommen. Schien ganz so, als hätte sie neben Lucien noch eine Menschenseele gefunden, die ähnlich simpel gestrickt war, wie sie selbst.
“Ja, nein und ja. Ich habe vorhin das beste Schauspiel meines Lebens abgeliefert und mich bühnenreif wie eine verletzte Ehefrau aufgeführt. Das hätte dir gefallen.“
Vielleicht würde er irgendwann einmal in den Genuss ihrer verbalen Ausschreitungen kommen – und hoffentlich richtete es sich nie gegen ihn selbst. Doch das bezweifelte Skadi stark.
“Ich habe geheult, geschrien… sogar zwei Wachmänner angefahren… es war herrlich. Bis zu dem Moment, wo ich verschwinden musste und Bekanntschaft mit ein paar Dornsträuchern, rauen Hauswänden und rutschigen Dachziegeln gemacht habe.“
Mehr gab es dazu leider nicht mehr zu sagen. Es erklärte präzise ihre Schnittwunden – den Rest überließ sie seiner blühenden Fantasie. Und ja – ihr war der erneute Blick aufgefallen, den er ihr schenkte. Ihr Aufzug musste wirklich verstörend sein. Sie musste diesen Fummel schleunigst wieder loswerden.
“Also auf den Dächern habe ich ihn nicht gesehen.“ Und generell war sie Ryan seit ihrer Zeit auf der Sphinx nicht oft über den Weg gelaufen. Er schien auch nicht der „gesprächigste“ Zeitgenosse zu sein. Aber sein Bogen hatte bereits einige Male ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zu gern wäre sie mit diesem wunderschön geformten Stück Holz durch die Wildnis gejagt. Vielleicht fand sie in ihm einen guten Trainingspartner, von dem sie sich noch einiges abschauen konnte.
Allmählich erreichten sie das lichte Ende der Gasse, das Skadi für einen Moment die Augen zusammen kneifen ließ. Zu sehr hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Doch Liams Frage ließ sie just stehen bleiben, kaum dass sie den Ausgang erreicht hatten und sich der staubige verdreckte Boden in breite Kopfsteinpflaster wandelte. Machte er sich gerade Sorgen darum, dass jemand ihren Aufzug als Einladung verstand?
Aufmerksam musterte sie seine Züge, versuchte darin die Ehrlichkeit seine Frage abzuschätzen und schmunzelte.
“Meine andere Alternative wäre komplett nackt zu gehen. Ich glaube, da stünden meine Chancen noch schlechter.“
Mit einem kleinen Ausfallschritt trat sie näher zu ihm heran, streckte sich wenige Millimeter hinauf und sah ihm mit unendlicher Zuversicht entgegen.
“Ganz davon abgesehen weiß ich mich zu verteidigen. Und bei dem einen oder anderen würde ich vielleicht nicht unbedingt nein sagen.“
Ein Grinsen huschte über ihre Lippen, begleitet von einem kurzen Zwinkern und Auflachen, als sie ihm in die Seite knuffte und aus der Gasse heraus lief.
“Aber ich weiß deinen Einwand sehr zu schätzen.“
[Am Ende der Gasse - auf dem Weg zur Hauptstraße | direkt neben Liam]