22.02.2019, 14:07
Das ist schon interessant, welche Projektionsfläche der Alte abgab. Pepe war nicht aufgestanden wie einer, der im Dreck residierte, sondern wie einer, der hingefallen war. Als er der Kokosnuss nachjagte, die ihm der Gardist aus der Hand schlug, hatte ihn das wohl auch in den Schmutz bugsiert.
Der Alte blickte in die Kokosnusshälfte, in der der Achter der Krämerseele lag und schmunzelte verschmitzt. Dass ihn die Posse sogar soweit geglückt war, dass er sogar was darüber abstauben konnte, war neu wie überraschend. Und dass er den Akt mit dem Streuner auf die Spitze getrieben hatte, naja. Es war eben Pepe. Der hatte schon im ersten Moment erkannt, dass der Bursche gegenüber auf Grund gelaufen war. Trotzdem bemerkte der Pepe auch etwas an ihm, was ihn aufmerken ließ: Sicherheit.
Der Lockenkopf schien zwar ein halbes Hemd mit wenig Hab und Gut zu sein, aber er bewegte sich wie einer, der es sich -erlauben- konnte, das zu tun. Pepe hatte schon mal von Ziereremiten gehört. Das waren im Grunde genommen Penner mit Moral. Die lebten in aller Absicht in Armut und zurück gezogen von allem Weltlichen und wurden von alten Adelsgeschlechtern in ihren Gärten abseits der Wege gehalten. Angeblich, um zu einem erleuchteten Selbst zu finden. Es gehörte in höheren Kreisen in manchen Gegenden zum letzten Schrei, einem solch armen Geschöpf die Reise zum inneren Ich zu ermöglichen. Außerdem versprach es durchaus etwas Spannendes, wenn man im Garten lustwandelte, nur, um den Eremiten zu sehen. So gab es nicht selten Leute, die sich ganz plötzlich dazu berufen fühlten ihre inneren Abgründe zu erforschen. Und Pepe, der mit den dünnen Fingern gerade den Achter zwischen die Zähne schob, um einmal darauf zu beißen, der hatte eine ganz ähnliche Ahnung, was den Burschen betraf. Er verwettete einen halben Achter drauf, dass der da einen Schutzherren hatte. Nicht zuletzt der charismatischen Krause wegen, die sich in dessen Mundwinkel eingelassen hatte und mit so einer ironischen Selbstsicherheit agierte.
Er entließ den Achter aus der Kauleiste und zeigte ein halbseidenes Schmunzeln im Bart.
"Ich war schon Smutje, da warst du noch'n Dreikäsehoch, Junge.", er deutete mit flacher, braungebrannter Hand auf Hüfthöhe ein Maß an. "Bei Kortas schimmligen Blaubart, ich hab schon als Stöpsel das Scheißwasser aus der Bilge gepumpt! Das.."
"Ahoi Pepe, du elende Landradde!", wurde er plötzlich durch ein Grüßen von der gegenüberliegenden Straßenseite unterbrochen. Da stand ein dickbauchiger Kerl grinsend und mit öligen Haaren, der ein bisschen in die Jahre gekommen war. Pepe lenkte den Blick ab von dem Streuner ab hinüber und seine wettergegerbten Züge erhellten sich.
"Moin Hannes, du verdammter Küst'nschiffer!", er hob den Arm. Hannes winkte kurz, wurde aber dann von einer Frau weiter in die Menge ins Festgetümmel gezogen.
Pepe grinste und wippte auf die hübschen Spangenschuhe, um die der kleine Papagei noch immer strich, weil er Gefallen an der silbernen Schnalle gefunden hatte. Der alte schmatze zweimal das Grinsen aus dem Bart, da fiel sein Blick auf den jungen Kerl.
"Weißte schon, wo du unterkriechst, Junge?", fragte er den Wuschelkopf. Offenkundig schien der Kerl für den Tag auf sich gestellt zu sein. Die Dreiecksspitze seiner Kopfbedeckung deutete dem Mann nach, der gerade in der Menge verschwand.
"Das is' Hannes, der Stallmeister. Der hat einen anständigen Heuschober, falls du mal nich' weiter weißt, wo du pennen kannst. Grüß den alten Stinkstiefel von mir, dann klappt das schon.". Der Alte guckte kurz ernsthaft nachdenklich in die Luft und kratzte sich grob die Schläfe, sodass sein Hut wackelte. Dann keckerte er und gab zu: "Kehehe, glaub ich wenichstens!".
Anbei fuhr seine Hand in einen Beutel, wohl, um den ergaunerten Achter wegzupacken. Er kramte anschließend in seiner Hosentasche und zog neben einem gewachsten, handtellergroßen Bündel noch einen halben Kanten Schwarzbrot hervor.
Und dann sagte Liam, dass ihn bestimmt einer heute Abend mitnehmen könne. Der Alte hob die schmutzigsilbernen Brauen plötzlich, während er zwischen den Fingern das Brot zerrieb. Die Brösel hackte der Papagei aus den Spalten des schiefen Kopfsteinpflasters auf. Der Seemann blinzelte zweimal mit seinen kleinen, kohlefarbenen Iriden.
"Erh!", winkte Pepe ab mit einem unwirschen Ton. "Lass man, Junge. Ich hab schon kapiert.". Das war nämlich die höfliche Art jemandem die Tür zu zeigen. Pepe, dessen Felle offenkundig den Fluss runter geschwommen waren, suchte nach seinem Seesack. Er zuckte mit den Schultern, weil er manchmal vergaß, dass da das Banjo in seinem Koffer hing, und als er das Gewicht spürte, las er seinen Kram vom Boden auf.
[ für Liam | bei einer Seitengasse nahe des Brunnenplatzes ]