23.08.2018, 19:42
Ein Eisblock schob sich jäh tief in ihre Brust, streifte die warmen Lungenflügel und verkrampfte jeden Muskel der jungen Nordskov. Während ihre Augen weiterhin auf den Älteren fixiert blieben, fegte ein zerstörerischer Wind durch ihr Inneres. Riss an ihren empfindlichen Nerven und brachte das Pochen ihrer heilenden Wunden zurück. Er hatte es gewusst - all die Jahre über. Sicherlich war ihr das irgendwo in den Tiefen ihres Unterbewusstseins klar gewesen. Dennoch erschütterte sie die ausgesprochene Wahrheit. Hinterließ ein bitteres Lächeln auf ihrem sonnengebräunten Gesicht, das sie kurz abwandte und schluckte.
“Ich habe es geahnt.“
Es hätte also schneller ein Ende nehmen können, als ihr bewusst gewesen war. Und dabei hatte sie sich so unbesiegbar gefühlt, weil ihr all die Jahre niemand auf die Schliche gekommen war. Wahrscheinlich konnte sie es ihrem verdammten Glück zuschreiben, dass es sie auf ein Schiff mit Kleingeistern verschlagen hatte. Kaum auszumalen, wie unangenehm die Situation mitten auf See geworden wäre, hätte sie sich umringt von geifernden Männern befunden. Sie war sicherlich kein wehrloses Opfer und wusste sich zur Not problemlos zu verteidigen- doch konnte sie weder mit Körpergewicht, Kraft oder Masse bestechen. Ohne Enrique hätten die letzten Jahre die Hölle auf Erden für sie sein können, wie ihr mit jedem weiteren seiner Worte klar wurde, das gegen ihr Ohr schwappte.
"Deine Mutter war wohl eine weise Frau.", entgegnete Skadi ohne aufzusehen. Starrte geistesabwesend auf den hellen Sand unter ihren Füßen und spielte sämtliche Szenarien der Vergangenheit durch, die sich wie Mahnmale in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Ihr Herz schmerzte fast bei jedem Schlag gegen ihre Rippenbögen. Bei jedem Atemzug verdrehte sich der leere Magen wie in einem Strudel und presste ätzende Galle ihre Kehle hinauf.
"Ich verdanke dir also mein Leben... erneut."
Nur langsam wandte sich der dunkle Haarschopf zur Seite. Bewegte sich in Zeitlupe während die Miene der Jägerin seltsam in sich gekehrt wirkte. Hatte sie sich vor wenigen Augenblicken noch geschworen emotionalen Abstand einzuhalten und sich der tieferen Ebene dieser Situation zu entziehen, hatte Enriques Offenheit ihr sämtlichen Boden unter den Füßen hinfort gerissen. Skadi fühlte sich schuldig und betrogen zugleich. Bekam ihre Gesichtszüge kaum mehr geglättet, als sie die Augenlider hinab senkte und tief einatmete.
"Wieso hast du mir überhaupt geholfen?" Noch viel wichtiger war, wieso er sie nie darauf angesprochen hatte. Wenn er bereits so clever gewesen war, ihre Tarnung zu durchschauen, wäre es ein Leichtes in Erfahrung zu bringen, dass Frauen auf einem Marineschiff per se nichts zu suchen hatten. Warum zum Teufel hatte er also die Gefahr auf sich genommen und sie beschützt?
Aus schierer Selbstlosigkeit? Wirkte sie denn so verletzlich?
Ruckartig wandte sich die Nordskov im Sand herum, setzte sich schwungvoll auf ihre angewinkelten Beine und stützte sich mit zusammengeballten Fingern auf ihren Knien ab. Eindringlich musterte sie den Dunkelhaarigen, kämpfte das Zittern in ihrem Inneren in die Dunkelheit zurück. Sie musste wissen, weshalb er so eisern geschwiegen hatte. Sie wollte nicht unwissend in seiner Schuld stehen.
"Es wird wohl kaum daran gelegen haben, dass du wie ein Ritter auf einem Schimmel zu meiner Rettung herbei eilen wolltest."
Ganz davon abgesehen, dass die Vorstellung allein lächerlich war, glaubte Skadi einfach nicht daran, dass der ehemaligen Leutnant sie als hilfloses Mädchen wahrnahm. Sie hatte bereits zwei Nasen auf dem Gewissen gehabt und sich auf ihren Ausflügen in die Stadt mehr als nur einmal erfolgreich gegen einen betrunkenen Kameraden zur Wehr gesetzt.
Mit einem Schnauben registrierte sie seine unterschwellige Bitte und das helle Hemd , das er ihr entgegen streckte. Ließ den Blick aus dunklen Augenpaaren immer wieder zwischen seiner Hand und seinem Gesicht hin und her wandern, ehe sie ihren Rücken streckte und allmählich begann den festen Stoff von ihrem Oberkörper zu wickeln.
"Ich bin keine zarte Knospe... nur damit wir uns verstehen. Ich kann gut auf mich selbst aufpassen." , murmelte sie mit einem kurzen Seitenblick. Allein ihr Körper würde ihm diese Tatsache unter die Nase reiben. Abgesehen von ihrer Körperbemalung, zeugten reichlich große und feine Narben von ihrer Kampferfahrung.
"Aber..." Ein leichter Klos setzte sich in ihrem Hals fest. Machte das Schlucken augenblicklich schwer. In einer letzten Bewegung löste Skadi den Verband um ihre Brust, spürte die leichte Brise auf ihrer Haut und drückte Enrique demonstrativ das Stoffband in die ausgestreckte Hand.
Und dann lächelte sie. Warm. Herzlich. Vollkommen unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie fast nackt vor ihm saß.
"... danke. Für alles."