22.08.2018, 20:38
Mit jeder Faser seines Körpers schien er gegen seine Gefühle anzukämpfen. Skadi registrierte jeden seiner Versuche, jeden Impuls, den er elegant in harmlose Gesten abwandelte. Nie hätte sie geglaubt, dass er derart emotional war. Bisher kannte sie den Offizier in ihm - diesen immer gleichen, düsteren Ausdruck auf seinen Zügen, welche sich allenfalls zu einem süffisanten Grinsen formten. Doch diese Wärme, die sich in seinen dunklen Augenpaaren abzeichnete und die sie sogar im Zucken seiner Mundwinkel erkannte, stieß ihr unangenehm auf. Viel weniger, weil sie diese Anzeichen von Zuwendung hasste, sondern sich zunehmend bewusst wurde, dass sie kurz davor war, den Älteren näher an sich heran zu lassen, als vielleicht gut für sie war. Noch einmal würde sie niemanden mehr verlieren wollen. Weniger aus Angst verletzt zu werden und vielmehr weil ihr klar war, dass sie danach nie wieder menschlich sein konnte. Sie wäre im schlimmsten Fall nur noch ein Schatten ihrer Selbst. Ohne Gefühle. Ohne Perspektive. Ohne Reue. Und DAS war etwas, dessen pure Vorstellung jedes Härchen an ihrem Körper empor steigen ließ.
Instinktiv wandte sich der dunkle Schopf also herum. Entzog sich bewusst Enriques Blick und starrte angespannt in Richtung des Bootes. Sie wollte weder, dass er unterdrückte wer er war, noch dass er sie mit dieser Wärme in den schwarzen Augenpaaren ansah. Fühlte sich just wie ein trotziges Kind, das ohne Liebe aufgewachsen war und wie ein wildes Tier davor zurückschreckte. Jedem anderen gegenüber wäre sie gleichgültig geblieben. Es interessierte schlichtweg nicht, wie jemand zu ihr stand, solange er keine Hand an sie legte. Doch de Guzmán stellte sich ihr wie ein Fels in den Weg. Und ganz gleich wie oft sie versuchte über ihn hinweg oder an ihm vorbei zu kommen, fiel sie mit vollem Tempo aufs Gesicht.
Mit einem tiefen Einatmen sog Skadi die Stille in sich auf, ehe sie ihm ihren wahren Grund für dieses Gespräch offenbarte. Umfasste den hellen Leinenstoff in ihrer Hand wie ein Rettungsweil, während sie ihr Kinn in die Höhe streckte und bewusst den Blick des Älteren suchte. Sie wollte sehen, ob es ihn schockierte. Wollte sehen, wie viel ihm davon bereits bewusst gewesen war. Und sah im selben Moment perplex drein, als sich ein Lachen aus seiner Kehle stahl und sein Oberkörper taumelnd voraus kippte. Was zur Hölle?
Für einen Sekundenbruchteil wähnte sie einen Schritt zurück zu setzen, kaum dass sie der erhobenen Hände gewahr wurde. Stoppte sich jedoch in derselben Sekunde und presste die Lippen fest aufeinander. Tiefe Furchen zeichneten sich auf ihrer Stirn ab, machten wohl unmissverständlich klar, dass sie seine Reaktion mehr als nur seltsam fand. Nicht einmal seine heisere Entschuldigung glättete ihre Züge. Ihr ganzer Körper schien angesichts seiner Berührungen zu Stein erstarrt. Ist er jetzt übergeschnappt oder was? Nur langsam verklang sein Gelächter in der Luft. Mischte sich mit weiteren Worten, die wohl einiges zu erklären schienen. Fast ertappte sich Skadi dabei, mit einem süffisanten Grinsen aufzuwarten. Das Entsetzen auf den Zügen ihrer ehemaligen Kameraden wäre tatsächlich ein amüsanter Anblick gewesen. Vor allem da sie damit einigen unmissverständlich klar gemacht hätte, dass sie all die Jahre von einer Frau dominiert worden waren. Diese Matchos hätten dann wohl keine Eier mehr gehabt, um sich noch einmal herablassend über das weibliche Geschlecht zu äußern.
Aufmerksam musterte sie die Bewegungen ihres Gegenüber. Folgte seiner Anweisung erst Sekunden später, als sein Körper bereits auf den weichen Sand unter ihnen herab gesunken war. Mit einer ausladenden Geste warf sie ihm das Leinenhemd über den Kopf, ließ sich geräuschvoll neben ihm nieder und schnaubte lauthals.
"Wenn wir das nächste Mal in einer Stadt sind, gibst du mir einen aus, du Charmbolzen."
Fast schon kameradschaftlich knuffte sie ihm mit der Faust gegen die Schulter, ließ das matte Lächeln zu, das bereits an ihren Mundwinkeln zupfte und schwenkte die dunklen Augenpaare aufs Meer. Wenn Skadi ehrlich zu sich war, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Enrique so positiv auf ihr Geständnis reagierte. Nach all den Jahren war ihr nie klar gewesen, wie er zu Frauen im Allgemein stand und hatte sich stets darauf verlassen, dass sich ihre Wege irgendwann ohnehin wortlos trennten.
"Ist dir das eigentlich jemals in den Sinn gekommen?"
Nicht, dass sie daran glaubte - immerhin hatten die strengen Reglements und Etiketten der Marine ihr reichlich Spielraum gegeben. Doch interessierte sie insgeheim, ob de Guzmán jemals eine leichte Ahnung gehabt hatte.
"Nicht, dass ich irgendjemandem die Möglichkeit dazu geboten hätte, aber zumindest bei dir war ich mir nie ganz sicher."
Vorsichtig zog Skadi die ausgestreckten Beine heran. Verschränkte sie in einem lockeren Schneidersitz, während sie ihren halbnackten Oberkörper voraus lehnte und sich mit den Unterarmen auf den Oberschenkeln abstützte. Mit einem letzten Blick aufs Meer wandte die Jägerin den dunklen, kurz geschnittenen Haarschopf über die Schulter zu Enrique zurück. Musterte ihn abwartend und mit kribbelnden Fingern.