19.07.2018, 22:12
Angesichts der Tatsache, das sie sich jedem gegenüber höflich verhalten musste - mit Ausnahme Aspens, dessen Ansehen seit dem "Ich habe Muskeln wie ein Berg, du kleiner Zwerg" Gehabe auf der Morgenwind bei ihr verkümmert war - war Shanayas Hinweis reichlich überflüssig. Aber immerhin konnte Skadi somit sicher sein, dass ihre Vermutung nicht nur ein bloßes Produkt ihrer Einbildung war. Wenn es denn im Ernstfall überhaupt zählte. Piraten lebten nach ihrem eigenen Kodex. Viele Menschen taten das. Und kaum jemand ließ sich gern auf ausgesprochene Worte festnageln, die irgendwann einmal mit reichlich Kohlendioxid an die Luft gesetzt worden waren. Somit beließ Skadi es dabei, unterdrückte mit ein Auflachen und begnügte sich mit einem vielsagenden Schmunzeln. Ganz offensichtlich hatte Enrique bei der Dunkelhaarigen keinen guten Eindruck hinterlassen. Ganz im Gegenteil. Jedes ihrer Worte triefte vor Ablehnung, die die Nordskov zwar nicht teilte, aber irgendwie verstehen konnte. Der de Guzman befand sich seit Tagen auf einem sehr seltsamen Weg, war schweigsamer, verschlossener und in gewisser Weise abweisend geworden. Und ganz im Gegensatz zu ihr hatte er Jahre zuvor bereits zur Marine gehört, hatte sich stocksteife Verhaltensweisen und Redensarten angeeignet, die ihn nun einmal zu einem guten Leutnant gemacht hatten.
"Mh, in all den Jahren hatte ich schon immer das Gefühl, vernünftiger zu sein. Aber wenn mich einmal der Adrenalinrausch packt...", erhob Skadi die Stimme und zuckte nur mit den Schultern. DAS war wohl einer ihrer "männlichsten" Wesenszüge und für Menschen wie Enrique kaum von der Hand zu weisen. Mochte sie noch so erpicht auf Sicherheit sein, gab es da immer noch diesen kleinen Teil in ihr, der nach Abenteuer dürstete. Leugnen war zwecklos.
"Gib dem Affen Zucker, mh?", fügte die Nordksov belustigt auf Shanayas Anmerkung hinzu und spürte bereits das leichte Grinsen auf den Zügen. Oh ja. Hatte sie wenige Augenblicke zuvor mit reichlich Skepsis im Körper aufgewartet, beschlich sie immer mehr das Gefühl, dass dieses Mädchen keine Bedrohung sondern vielmehr eine willkommene Abwechslung für sie darstellte. Denn augenscheinlich hatte sie einen wachen Geist getroffen, der nicht randvoll mit Bier, einem übertriebenen Ego und unermesslichem Narzissmus gefüllt war. Sehr angenehm.
"Dann möchte ich dich gern begleiten." Vielleicht war es nicht ihre Absicht gewesen, sie indirekt auf einen Ausflug einzuladen, doch Skadi gefiel der Gedanke für ein paar Stunden vom Schiff zu verschwinden und weichen Boden unter den Füßen zu spüren. Zwar hatte sie zu Beginn ihrer Ausbildung bei der Marine unter starker Übelkeit und Sehnsucht nach Erde gelitten und über die Jahre gelernt mit dem Leben auf See zurecht zu kommen, doch schätzte sie die ruhigen Landgänge und Besorgungsmärsche. Hatte sie damals wie heute dafür genutzt, ihren Körper in Kondition zu halten und ihre Fähigkeiten zu schulen.
In einer fließenden Bewegung glitt sie nun an Shanaya vorbei, griff nach dem Bogen, der an der Holzfront neben der Tür lehnte und warf sich den beistehenden Köcher mit einer Hand voll Pfeilen über die Schulter. Das letzte Stück Leine, das ihr von den vorherigen Ausflügen übrig geblieben war, baumelte bereits an einer Lasche ihrer Gürteltasche. Pendelte vor und zurück, als sich der kurz geschnittene Schopf auf dem Absatz herum wandte und abenteuerlustig und einem Funkel in den dunklen Augenpaaren zu Shanaya blickte.