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		<title><![CDATA[Inselwelten - 04. Mai bis 21. Mai 1822 | (VI. - VII.)]]></title>
		<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/</link>
		<description><![CDATA[Inselwelten - https://inselwelten.crux-mundi.de]]></description>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2026 11:25:38 +0000</pubDate>
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		<item>
			<title><![CDATA[Mit offenen Karten...]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1209</link>
			<pubDate>Mon, 29 May 2023 19:54:26 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=39">Ceallagh Hayes</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1209</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Isala & Ceallagh | 09. Mai 1822 | Taverne auf Ritu</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#6B8E23>Es hatte ihn eine gefühlte Ewigkeit gekostet vom Schwarzmarkt weg zu kommen. Ungesehen, wohl bemerkt, und vielleicht war seine Vorsicht mehr als unbegründet. Doch seit einer Weile beschlich ihn das dumpfe Gefühl, dass mehr Augen auf ihn gerichtet waren, als üblich. In einer Stadt die, seinem Freund und Kontaktmann nach, nicht gerade gern damit hausierte, wie viele Schmuggler und zwielichtige Gestalten sie hinter ihren Mauern beherbergte. Obwohl es mehr als offensichtlich war - für geschulte Augen und offene Ohren.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Gerade wandte er sich dem Schankwirt zu, dessen dunkle Stimme durch den angenehmen Lautpegel drang wie eine Dolchspitze. Lächelte unverblümt über das bissige Kompliment, sich dieses Mal weniger verheiratetes Weibsvolk anzulachen, und zuckte fast schon unschuldig mit den Schultern. <i>"Das Herz will, was es will."</i> Was in seinem speziellen Fall nicht im Entferntesten etwas mit Haus und Kindern zu tun hatte. Bei den Göttern. Er betete dafür, diesem vermeintlichen Glück für den Rest seines Lebens fern zu bleiben. Und wenn er den Blick des Älteren am anderen Ende des Tresens so sah - mit skeptisch hinauf gezogenen Augenbrauen und tadelndem Unglauben zwischen den Lidfalten - waren sie zumindest in diesem Punkt einer Meinung. Sichtlich gut gelaunt, drückte Ceallagh in einer letzten Amtshandlung eine Münze auf das feuchte Holz, nahm seinen Krug zwischen die ausgestreckten Finger und wandte sich herum, um einen Platz in den Reihen der Umstehenden zu erspähen. Dass ihm dabei der dunkle Haarschopf einer Frau ins Augen fiel, die er weniger hier erwartet hätte, tackerte das breite Grinsen noch ein paar Millimeter höher in seine Wangen.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Mit beschwingten Schritten schlüpfte er zielsicher zwischen den kleinen Gruppen hindurch und wandte den Stuhl neben Isala zu sich herum, um ungefragt darauf Platz zu nehmen. Den Rum stellt er auf dem kleinen Tisch ab, an dem sie hockte. <i>"Keine Lust auf Gesellschaft heute?" </i></font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#9932cc>Manchmal wurde ihr das Getummel einfach zu viel. Isala hatte beinahe jeden auf der Sphinx ins Herz geschlossen, besonders nach dem Abenteuer im Nebel fühlte sie sich mehr dazugehörig als vorher. Dennoch – heute war einer dieser Tage, an denen es eine unerwartete Berührung zu viel gewesen war. Die Gänsehaut hatte sich zeitgleich mit dem Anspannen ihrer Muskeln ereignet und plötzlich hatte sie den Drang einfach mal etwas für sich allein zu machen. Tarón – zu dem sie sonst immer gegangen war in solchen Momenten - hatte irgendetwas zu tun gehabt, wobei sie ihn nicht stören wollte.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">So war sie einige Zeit durch die Straßen gezogen ehe sie paradoxerweise doch in einer Taverne landete – und nach einem Rum spürte sie schon, dass es keine gute Idee gewesen war so alleine los zu ziehen. Überall spürte die Frau Blicke auf sich, die wahrscheinlich gar nicht da waren und wäre  nicht unerwartet Gesellschaft gekommen, hätte Isa die Taverne wohl bald wieder verlassen.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Dennoch konnte die Frau ein Zusammenzucken nicht verhindern, als Ceallagh plötzlich neben ihr erschien und sich zu ihr gesellte. Schnell wurde die Situation jedoch analysiert und als ungefährlich beurteilt und ein breites Lächeln überspielte ihr schnell schlagendes Herz. <i>„Ein wenig. Aber du bist ja auch alleine unterwegs.“</i> Innerlich war sie froh, dass einer der Crew den Weg zu ihr gefunden hatte. </font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#6B8E23><i>"Manche Dinge lassen sich allein besser erledigen."</i>, gab er schmunzelnd zurück und notierte sich den kleinen Schrecken, den er ihr ganz offensichtlich mit seinem plötzlichen Erscheinen eingejagt hatte. Isala war also nicht davon ausgegangen jemanden hier zu treffen. Zumindest nicht so... unangekündigt. Doch wesentlich interessanter war ihr Blick, der ihn prüfend bemaß und dann dasselbe Lächeln in sich trug wie ihre Lippen. Ob sie ihm deshalb traute, weil er Teil der Crew war oder er ihr - ganz oberflächlich betrachtet - keinen Grund gab, misstrauisch zu sein, war ihm nicht ganz klar. Letzten Endes veränderte es nichts zwischen ihnen. <i>"Aber zu trinken... das ziehe ich tatsächlich in guter Gesellschaft vor."</i> Somit zog er den Krug wieder zu sich heran und prostete Isala zu, ehe er den kühlen Ton an die Lippen legte.</font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#9932cc><i>"Da sind wir einer Meinung!"</i>, gab sie ihm als Antwort und hob nun ihren eigenen Krug, um das Prosten zu erwidern. Isala nahm einen kräftigen Schluck und stelte ihr Getränk wieder vor sich ab. <i>"Was gab es denn für spannende Dinge, die sich besser alleine erledigen lassen?"</i>, fragte sie unverblühmt und sah ihn aus grünen Augen heraus neugierig an. <i>"Nach Büchern ausschau halten?"</i> Tatsächlich hatte die Frau bemerkt, dass der große Mann öfter mit einem Buch vor der Nase aufzufinden war. Sie selbst fand das interessant und es machte Ceallagh gleich etwas sympatischer. Isala hatte nie wirklich Möglichkeiten gehabt, ein Buch zu lesen, sich selbst aber auch nicht getraut Ceallagh nach einem zu fragen.</font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#6B8E23>Ein schmales Lächeln zierte seine Lippen. Wurde ein Stück breiter, kaum dass sich die breiten Schultern anhoben und eine stillschweigende Antwort auf ihre Frage gaben. Bücher. Kaffee. Schmugglerwaren. War im Prinzip alles dasselbe. Mit der Ausnahme vielleicht, dass er wegen letzterem seine Privilegien des Sonnenbadens auf Spiel setzte.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><i>“Interesse an einem schönen Exemplar?“</i> Die grünblauen Augen wanderten über ihre Züge und verharrten einen Blick nachdenklich auf ihrem Nasenrücken.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><i>“Vielleicht könnte ich dich für eine Abenteuergeschichte begeistern.“</i> Denn in seinen Augen war Isala nicht der Typ für Liebesgeschichten. So gesehen vielleicht keine der Damen, mit denen er unter demselben Segel in Richtung Verderbnis davon schwamm.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><i>“… oder bist du mehr der wissenschaftlich, sachliche Typ?“</i> Wieder kehrte das verheißungsvolle Lächeln zurück, das den Hayes so oft begleitete.</font></span><br />
<span style="color: black;" class="mycode_color"><span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span></span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Isala & Ceallagh | 09. Mai 1822 | Taverne auf Ritu</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#6B8E23>Es hatte ihn eine gefühlte Ewigkeit gekostet vom Schwarzmarkt weg zu kommen. Ungesehen, wohl bemerkt, und vielleicht war seine Vorsicht mehr als unbegründet. Doch seit einer Weile beschlich ihn das dumpfe Gefühl, dass mehr Augen auf ihn gerichtet waren, als üblich. In einer Stadt die, seinem Freund und Kontaktmann nach, nicht gerade gern damit hausierte, wie viele Schmuggler und zwielichtige Gestalten sie hinter ihren Mauern beherbergte. Obwohl es mehr als offensichtlich war - für geschulte Augen und offene Ohren.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Gerade wandte er sich dem Schankwirt zu, dessen dunkle Stimme durch den angenehmen Lautpegel drang wie eine Dolchspitze. Lächelte unverblümt über das bissige Kompliment, sich dieses Mal weniger verheiratetes Weibsvolk anzulachen, und zuckte fast schon unschuldig mit den Schultern. <i>"Das Herz will, was es will."</i> Was in seinem speziellen Fall nicht im Entferntesten etwas mit Haus und Kindern zu tun hatte. Bei den Göttern. Er betete dafür, diesem vermeintlichen Glück für den Rest seines Lebens fern zu bleiben. Und wenn er den Blick des Älteren am anderen Ende des Tresens so sah - mit skeptisch hinauf gezogenen Augenbrauen und tadelndem Unglauben zwischen den Lidfalten - waren sie zumindest in diesem Punkt einer Meinung. Sichtlich gut gelaunt, drückte Ceallagh in einer letzten Amtshandlung eine Münze auf das feuchte Holz, nahm seinen Krug zwischen die ausgestreckten Finger und wandte sich herum, um einen Platz in den Reihen der Umstehenden zu erspähen. Dass ihm dabei der dunkle Haarschopf einer Frau ins Augen fiel, die er weniger hier erwartet hätte, tackerte das breite Grinsen noch ein paar Millimeter höher in seine Wangen.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Mit beschwingten Schritten schlüpfte er zielsicher zwischen den kleinen Gruppen hindurch und wandte den Stuhl neben Isala zu sich herum, um ungefragt darauf Platz zu nehmen. Den Rum stellt er auf dem kleinen Tisch ab, an dem sie hockte. <i>"Keine Lust auf Gesellschaft heute?" </i></font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#9932cc>Manchmal wurde ihr das Getummel einfach zu viel. Isala hatte beinahe jeden auf der Sphinx ins Herz geschlossen, besonders nach dem Abenteuer im Nebel fühlte sie sich mehr dazugehörig als vorher. Dennoch – heute war einer dieser Tage, an denen es eine unerwartete Berührung zu viel gewesen war. Die Gänsehaut hatte sich zeitgleich mit dem Anspannen ihrer Muskeln ereignet und plötzlich hatte sie den Drang einfach mal etwas für sich allein zu machen. Tarón – zu dem sie sonst immer gegangen war in solchen Momenten - hatte irgendetwas zu tun gehabt, wobei sie ihn nicht stören wollte.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">So war sie einige Zeit durch die Straßen gezogen ehe sie paradoxerweise doch in einer Taverne landete – und nach einem Rum spürte sie schon, dass es keine gute Idee gewesen war so alleine los zu ziehen. Überall spürte die Frau Blicke auf sich, die wahrscheinlich gar nicht da waren und wäre  nicht unerwartet Gesellschaft gekommen, hätte Isa die Taverne wohl bald wieder verlassen.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font">Dennoch konnte die Frau ein Zusammenzucken nicht verhindern, als Ceallagh plötzlich neben ihr erschien und sich zu ihr gesellte. Schnell wurde die Situation jedoch analysiert und als ungefährlich beurteilt und ein breites Lächeln überspielte ihr schnell schlagendes Herz. <i>„Ein wenig. Aber du bist ja auch alleine unterwegs.“</i> Innerlich war sie froh, dass einer der Crew den Weg zu ihr gefunden hatte. </font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#6B8E23><i>"Manche Dinge lassen sich allein besser erledigen."</i>, gab er schmunzelnd zurück und notierte sich den kleinen Schrecken, den er ihr ganz offensichtlich mit seinem plötzlichen Erscheinen eingejagt hatte. Isala war also nicht davon ausgegangen jemanden hier zu treffen. Zumindest nicht so... unangekündigt. Doch wesentlich interessanter war ihr Blick, der ihn prüfend bemaß und dann dasselbe Lächeln in sich trug wie ihre Lippen. Ob sie ihm deshalb traute, weil er Teil der Crew war oder er ihr - ganz oberflächlich betrachtet - keinen Grund gab, misstrauisch zu sein, war ihm nicht ganz klar. Letzten Endes veränderte es nichts zwischen ihnen. <i>"Aber zu trinken... das ziehe ich tatsächlich in guter Gesellschaft vor."</i> Somit zog er den Krug wieder zu sich heran und prostete Isala zu, ehe er den kühlen Ton an die Lippen legte.</font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#9932cc><i>"Da sind wir einer Meinung!"</i>, gab sie ihm als Antwort und hob nun ihren eigenen Krug, um das Prosten zu erwidern. Isala nahm einen kräftigen Schluck und stelte ihr Getränk wieder vor sich ab. <i>"Was gab es denn für spannende Dinge, die sich besser alleine erledigen lassen?"</i>, fragte sie unverblühmt und sah ihn aus grünen Augen heraus neugierig an. <i>"Nach Büchern ausschau halten?"</i> Tatsächlich hatte die Frau bemerkt, dass der große Mann öfter mit einem Buch vor der Nase aufzufinden war. Sie selbst fand das interessant und es machte Ceallagh gleich etwas sympatischer. Isala hatte nie wirklich Möglichkeiten gehabt, ein Buch zu lesen, sich selbst aber auch nicht getraut Ceallagh nach einem zu fragen.</font></span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"> </span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><font color=#6B8E23>Ein schmales Lächeln zierte seine Lippen. Wurde ein Stück breiter, kaum dass sich die breiten Schultern anhoben und eine stillschweigende Antwort auf ihre Frage gaben. Bücher. Kaffee. Schmugglerwaren. War im Prinzip alles dasselbe. Mit der Ausnahme vielleicht, dass er wegen letzterem seine Privilegien des Sonnenbadens auf Spiel setzte.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><i>“Interesse an einem schönen Exemplar?“</i> Die grünblauen Augen wanderten über ihre Züge und verharrten einen Blick nachdenklich auf ihrem Nasenrücken.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><i>“Vielleicht könnte ich dich für eine Abenteuergeschichte begeistern.“</i> Denn in seinen Augen war Isala nicht der Typ für Liebesgeschichten. So gesehen vielleicht keine der Damen, mit denen er unter demselben Segel in Richtung Verderbnis davon schwamm.</span><br />
<span style="font-family: Arial,;" class="mycode_font"><i>“… oder bist du mehr der wissenschaftlich, sachliche Typ?“</i> Wieder kehrte das verheißungsvolle Lächeln zurück, das den Hayes so oft begleitete.</font></span><br />
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		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[How far we'll go]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1182</link>
			<pubDate>Wed, 01 Feb 2023 14:01:19 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=2">Lucien Dravean</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1182</guid>
			<description><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">How far we'll go</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">nachts</font><br><br><br>Tarón<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">06. Mai 1811 | Mannschaftsdeck der Sphinx | kurz hinter Lacrinîn</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color=#458B74>Nach drei Tagen hatte die Wunde an seinem Bauch zumindest aufgehört, zu nässen. Stattdessen bildete sich eine dicke Schorfschicht, die ihn bei jedem Schritt behinderte und bei jeder unbedachten Bewegung wieder aufriss. Ersteres ziepte fürchterlich und Letzteres schmerzte höllisch, vor allem beim Arbeiten. Gregory hatte ihm Ruhe verordnet, ebenso wie Talin. Doch wie immer fand der junge Captain keine Ruhe. Nicht mit all den Gedanken, die in seinem Kopf herumwirbelten. Die Nachwirkungen der Angst um seine Schwester, die unerwartete Begegnung mit Ceallagh, die beinahe Sicherheit, wieder verfolgt zu werden. Oder was hieß ‚wieder‘? Am Anfang mochte es Einbildung gewesen sein, doch jetzt? Er suchte sich also Ablenkung und fand sie normalerweise in Arbeit oder Alkohol. An diesem Vormittag jedoch in den neuen Crewmitgliedern. Einem, speziell. Dem er noch Dank schuldete und wofür bis dahin keine Gelegenheit gewesen war. Als er das Mannschaftsdeck betrat und seine Augen sich an das dämmrige Zwielicht gewöhnt hatten, steuerte er deshalb recht zielstrebig den älteren Mann an, der mitten im Gefecht das Zünglein an der Waage gewesen war. Er hatte sich bereits eine freie Hängematte gesucht und sich augenscheinlich eingerichtet. Seinen schuppigen Begleiter entdeckte Lucien allerdings auf einen ersten Blick nicht. <i>„Tarón?“</i>, machte er mit ruhigem, freundlichen Ton auf sich aufmerksam. <i>„Hast du eine freie Minute?“</i> </font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Drei Tage war es her, als ihn das Schicksal an Board der Sphinx geführt und seine Sterne sich damit einmal mehr neu geordnet hatten. Drei Tage, die Tarón bereits damit genutzt hatte sich einen Eindruck der Mannschaft und des Schiffes zu machen und in denen er sich Mühe gemacht hatte seinerseits einen guten Eindruck zu hinterlassen. Arbeitsam und erfahren hatte er zugesehen sich an Board nützlich zu machen und dabei seine eigenen Pläne überdacht. Vielleicht war dies ein Schiff, auf dem er bleiben konnte. Es gab auf den Weiten des Ozeans nichts das für ihn ein Zuhause darstellte. Keinen Hafen, der auf ihn wartete. Nur die Echse und die Mission, die Aylah ihm mit ihr überlassen hatte. <br />
<i>‚… schwöre es mir. Wenn du mich liebst, dann schwöre …‘</i><br />
Und er hatte es geschworen. Wie auch immer, warum auch immer – es gab nur noch diese Priorität, nur noch dieses Ziel. Alles was ihm blieb. Vielleicht weil er kein Besseres hatte, weil mit der ‚Aurora‘ alle weiteren Träume und Ziele, die neben Calwahs Sicherheit und seinem Schwur vielleicht noch eine Rolle gespielt hatten, versunken waren – so wenige ihm auch damals schon geblieben waren. Dennoch existierte ein Mann nicht im Vakuum und es fühlte sich gut an wieder Wellengang unter Planken zu spüren und das Knattern von Segeln im Wind zu hören und Menschen um sich zu haben, die vielleicht mehr als ein flüchtiges Mittel zum Zweck werden konnten.<br />
Einer davon – so gesehen der Wichtigste von ihnen – sprach ihn unverhofft an, als Tarón gerade in diesen und anderen Gedanken versunken eine Ruhepause eingelegt hatte. Die hellen Augen richteten sich auf den jungen Käptn des Drachenschiffes. Dessen Bewegungen verrieten die Wunde noch, die er sich zugezogen hatte, aber offenbar heilte sie gut und so würde Lucien wahrscheinlich bald wieder ganz auf den Beinen sein. Bis dahin ergab sich die wunderbare Gelegenheit die Zwangspause, die er wohl einlegen musste, zu nutzen, um sich bekannt zu machen. Zumindest hoffte der Falke, dass vielleicht auch Lucien eine Minute hatte.<br />
Taróns Falkenaugen blitzten mit freundlichem Schalk auf, als er dem Jüngeren mit einem seichten Lächeln begegnete.<br />
<i>„Nun – da ich hier gerade wortwörtlich nur nutzlos rumhänge: Aye, natürlich Käptn.“</i><br />
Geschickt schwang er die Beine herum, so dass er noch in der Hängematte sitzend mit den Füßen auf den Boden kam, um Lucien abwartend anzusehen.</font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Ein kleines Schmunzeln huschte ob des lockeren Wortspiels über seine Lippen, während sich der Ältere aus seiner liegenden Position schälte und die Beine über den Rand der Hängematte schwang. Lucien blieb in kaum zwei Schritt Entfernung stehen – froh darüber, Tarón mit seinem Auftauchen nicht aus einem sicherlich verdienten Nickerchen gerissen zu haben – und nahm sich zum ersten Mal in den vergangenen Tagen die Zeit, den Mann, der ihm nun gegenüber saß, eingehender zu mustern. So gut es die Lichtverhältnisse unter Deck eben zuließen. <br />
Es mochte gut und gerne eine Dekade an Jahren zwischen ihnen liegen und doch wirkte der Ältere nach wie vor weder alt, noch so, als ließen Kraft und Fähigkeiten allmählich nach. Hier und da fand sich vielleicht eine silberne Strähne in seinem Bart, doch die hellen Augen waren so klar und aufmerksam wie die eines Raubvogels.<br />
<i>„Sieht ganz so aus, als hättest du dich bereits gut eingelebt“</i>, stellte Lucien fest und fuhr sich, ohne es wirklich bewusst wahrzunehmen, mit der flachen Hand über die Wunde an seiner Seite. In seiner Stimme lag kein Vorwurf, sondern fast soetwas wie gelassene Genugtuung. Vielleicht hätte er angesichts der Ereignisse, die hinter ihnen lagen, misstrauischer sein sollen. Hätte in Taróns Hilfsbereitschaft zumindest eine Weile noch den simplen Trick sehen sollen, sich auf ihr Schiff zu scheichen. Doch obwohl er den Mann kaum kannte, lagen ihm diese Gedanken im Augenblick gänzlich fern. <i>„Wo ist dein schuppiger kleiner Freund abgeblieben?“</i>, fragte er stattdessen mit nichts weiter als ehrlichem Interesse in den tiefgrünen Augen.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Mit einem leichten Lächeln wartete Tarón ab, während er Luciens Blick über sich wandern fühlte und seine Augen ihn gleichfalls maßen, wie die eines interessierten Raubvogels auf seinem Ansitz. Dabei entging ihm auch nicht, wie Luciens Hand zu seiner Wunde wanderte.<br />
<i>„Nun man tut sein Bestes.“</i> Antwortete er dem Jüngeren offen – so war es immerhin auch. Keine versteckte Agenda – lediglich das Bemühen sich Anschluss zu verdienen. <br />
Er nickte leicht in Richtung von Luciens Hand.<br />
<i>„Was macht die Wunde?“</i> Smalltalk – er konnte es anhand von Luciens Haltung erahnen, aber dennoch interessierte es ihn tatsächlich. Aus einem Sympathievorschuss heraus genauso wie aus purem Selbstzweck: wenn der Käpt’n verwundet war das ein Grund mehr die Augen aufzuhalten und eventuelle Schwingungen in den Wellen dieser „Schwäche“ unter der Crew frühzeitig wahrzunehmen. Es war ein Vorteil, dass Lucien sich seinen Posten mit seiner Schwester teilte. Eine ungewöhnliche Konstellation aber eine, die Tarón bisher sowohl als schlau wie auch insgesamt förderlich einschätzte.<br />
Ah, das Gespräch kam auf das Echsenvieh – natürlich. Bei all dem Ärger den Calwah mitunter veranstaltete war er zumindest für eine Sache hervorragend geeignet: als Eisbrecher in Konversationen. Tarón wünschte des Öfteren dennoch das verdammte Vieh wäre nicht so auffällig, aber in diesem Fall war das wohl gut so.<br />
Sein Blick glitt nach oben und sein Kopfnicken folgte als Geste hinauf zu den niedrigen Balken über ihnen. Zwischen Seilaufhängungen fläzte sich die Echse auf eben diesem und blickte mit hellen Augen neugierig,  wachsam und mit einer seltsamen Art von Reptilienarroganz auf Lucien herab.<br />
<i>„Ich glaube er hat sich ebenfalls gut eingelebt – glaubt schon das sei sein Schiff.“</i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Als Taróns Blick zu der Hand an seiner Wunde wanderte, zuckte erneut ein sachtes Lächeln über seine Lippen, das zu gleichen Teilen freundlich wie wachsam wirkte. Doch dem naiven Reflex, die Hand unwillkürlich zurückzuziehen, gab Lucien nicht nach. <i>„Sie stört... aber wird wieder. Ich hab‘ schon schlimmeres überlebt“,</i> antwortete er ehrlich, tat das Thema damit aber auch leichthin ab. Was sicherlich eine Marotte seines Geschlechts, wie auch seines Alters war – und nicht zuletzt seines Charakters. Also folgte er lediglich dem Blick des Älteren nach oben und beließ es dabei.<br />
Dort, direkt oberhalb von Taróns Hängematte, räkelte sich die Echse auf einem niedrigen Balken und beäugte ihn mit wachen, intelligenten Augen. <i>„Ah...“</i>, kommentierte Lucien mit einem hörbar amüsierten Unterton. <i>„Ich glaube, wessen Schiff das ist, ist ein Thema, über das wir nochmal reden müssen.“</i> Wem genau diese Worte galten, war in diesem Moment nicht ganz klar, aber sie klangen verdächtig danach, als meine er die Echse. Denn erst danach kehrten die grünen Augen zurück zu dem Älteren. Und erst jetzt fuhr er sich mit der Hand noch einmal über die Stelle, an der die Kugel ihn getroffen hatte, schenkte der Wunde einen Hauch wohltuender Wärme, bevor er den Arm sinken ließ. „<i>Ich bin eigentlich nur hergekommen, weil ich mich bei dir bedanken wollte. Für deine Hilfe neulich Nacht. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob wir das überlebt hätten, hättest du uns nicht auf halbem Weg abgefangen.“</i> Das Lächeln blieb auf seinen Zügen, doch in seiner Stimme schwang nichts anderes als die gebotene Aufrichtigkeit mit. Er sah keine Schwäche darin, dankbar zu sein und Leistungen anzuerkennen, die nicht seine eigenen waren – ganz im Gegensatz zu jenem Mann, der ihn lehrte, ein Schiff zu führen. In diesem Sinne war der sonst so von sich selbst überzeugte 21-Jährige erstaunlich bodenständig geblieben.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222><i>„Hm.“</i><br />
Der Allzweckton aus dem Mund des Falken zeigte dieses Mal Zustimmung an. Lucien würde es überstehen – da war auch er sich sicher.<br />
Gutmütiger Humor glitzerte in Taróns Augen, mit denen er Lucien dabei beobachtete, wie dieser wiederum zu Calwah empor sah. <br />
Die Echse indes öffnete wie zur Antwort auf die Worte des jungen Käpt’ns ihr Maul zu einem irgendwie süffisant wirkenden Gähnen.<br />
Tarón lachte leise. <br />
<i>„Nun – ich warne dich: der laufende Ledergürtel ist verdammt resistent gegenüber Argumenten. Aber er ist bestechlich – immerhin.“</i><br />
Das zweite Mal, das Lucien seine Wunde streifte ließ Tarón unkommentiert. Stattdessen neigte sich der Kopf des Falken ein klein wenig, als er ihm zuhörte. Einen Dank? Hm. Das sprach in seinen Augen sehr für Lucien, der das Ganze ebenso herunterspielen oder als seinen eigenen Triumph hätte verkaufen können. Tarón nickte ihm mit einem leichten Lächeln und Augen die verrieten, dass er dieser Geste mehr sah, als nur eine oberflächliche Floskel, zu. <br />
<i>„Gern geschehen. Aber ich glaube ich habe mir vor allem selbst einen Gefallen getan – die Sphinx scheint mir nicht das schlechteste Schiff für eine neue Heuer.“</i><br />
Sein – zugegebenermaßen bisher beschränkter – Eindruck von Kahn und Menschen war durchaus positiv – und Tarón wusste, dass das keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Er hatte sich schon mit anderen Kalibern rumschlagen müssen und wo schlecht gepflegte Schiffe und Ausrüstung ein Ärgernis für jeden Seemann waren, war die Gesellschaft einer miesen Crew auf Dauer unerträglich.<br />
<i>„Wie ich sagte: ich habe schon länger die Augen nach einer Gelegenheit offen gehalten weg von dieser Insel und wieder auf See zu kommen. Vielleicht war es rückblickend Glück, dass nicht irgendein schlechterer Kahn zuvor vorbeigekommen ist.“</i><br />
Und ohne es ausdrücklich zu sagen, bezog er das auch wieder vornehmlich auf die Menschen. Um die ging es am Ende immer. <br />
Über sein Gesicht huschte bei den nächsten Worten ein kurzer Schatten.<br />
<i>„Tut mir nur leid, dass es nicht alle geschafft haben.“</i><br />
Besonders um den Jungen, den er nicht gekannt hatte. Er war lange genug auf See um zu wissen, dass die wenigsten von ihnen alt wurden – aber so jung zu verrecken war dennoch immer eine Tragödie.<br />
Er atmete durch, seufzte und schüttelte den Gedanken ab. Was geschehen war, war geschehen.<br />
<i>„Aber wo wir dabei sind: wie kommt es, dass die Kopfgeldjäger derart scharf auf euch waren? Der Aufwand war beträchtlich, auch wenn ihr Plan nach wie vor verdammt stümperhaft daherkam.“</i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74><i>„Oh, ich werd’s mir merken“</i>, antwortete Lucien amüsiert und warf noch einen flüchtigen, aber vielsagenden Blick auf die Echse oben an der Decke. Mit Tieren hatte der junge Captain wenig am Hut – sah man von dem Falken ab, den Talin einst mit gebrochenem Flügel im Wald gefunden und aufgepeppelt hatte, als sie noch Kinder gewesen waren. Doch das war etwas anderes. Um den Vogel hatte er sich gekümmert, weil seine Schwester ihn geliebt hatte, und nichts weiter. Jedes andere Tier, ob Katze oder Ziege, war für ihn letztlich nur Essen auf Beinen. Aber selbst er konnte sich der Faszination der geflügelten Echse nicht völlig entziehen. Und auch das mochte in seiner Kindheit begraben liegen.<br />
Doch er schob den Gedanken und die Erinnerung an andere Zeiten beiseite und wandte sich wieder dem Seemann zu, dessen Worte ihm ein weiteres Mal ein Schmunzeln entlockten. <i>„Ich werte das trotzdem mal als Kompliment.“ </i>Er war pragmatisch genug, um Taróns Einschätzung zuzustimmen. So chaotisch diese Bande von Piraten auch sein mochte – es hätte ihn schlechter treffen können. Das gleiche hatte Lucien vor nur ein paar Wochen schließlich auch gedacht. Diese Crew war definitiv nicht das, was man sich unter blutrünstigen Piraten vorstellte, aber das war auch nicht das, was Lucien gewollt hätte. Was er und Talin sich ausgemalt hatten, als sie klein gewesen waren. Insofern passten sie zu ihm – und sie begannen, ihm ans Herz zu wachsen. Auch wenn das nicht so weit ging, dass er ihren Tod betrauert hätte. Zumindest nicht den eines jeden Crewmitglieds.<br />
Trotzdem neigte er auf den Ausdruck des Mitgefühls, den Tarón ihm erwies, annehmend den Kopf. Die Spur eines Lächelns lag nach wie vor auf seinen Lippen, aber es hatte seine Belustigung verloren und in seiner Stimme lag keine Überheblichkeit. Er klang geradezu nüchtern, hinnehmend. <i>„Das ist das Leben, das wir uns ausgesucht haben.“</i> Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Stattdessen sah sich Lucien nun kurz um, fand einen Augenblick später eine kleine Truhe, die er sich mit dem Fuß heran schob und die ihm darauf als provisorischer Sitzplatz diente, auf dem er sich mit einem leisen Seufzen und ein bisschen umständlicher als sonst niederließ. Dann zuckte er mit den Schultern, dachte darüber nach, wie viel er erzählen musste, um die Situation zu erklären. Nicht ganz sicher, ob er Enriques Vergangenheit als Marinesoldat offen erwähnen sollte. Doch wenn nicht jetzt und von ihm, würde Tarón es ohnehin früher oder später von einem anderen erfahren. Trotzdem zögerte er mit dieser Information. <i>„Ich weiß nicht, ob du von diesem Gefangenentransporter gehört hast, der vor ein paar Wochen vor Asanu in die Luft geflogen ist? Das ging auf unsere Kappe. Und dabei sind ein paar sehr wichtige Männer gestorben und sicherlich auch ein paar üble Kerle davon gekommen, die besser auf Esmacil gelandet wären. Jedenfalls verzeiht unsere holde Königliche Marine so einen Schnitzer an ihrem guten Ruf nicht leicht. Noch dazu hatten wir Hilfe von Innen und ich bin mir fast sicher, dass sie auf zwei Verräter aus den eigenen Reihen noch schärfer sind, als auf das Schiff, das ihren Transporter versenkt hat.“</i> Er schüttelte nur leicht den Kopf, als wäre das nicht der Rede wert, bevor er mit ehrlichem Interesse in den grünen Augen wieder zu Tarón aufsah. <i>„Was ist mit dir? Wie hat es dich auf dieses winzige Eiland verschlagen?“</i></font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Tarón nickte verstehend. Lucien war also eher von der emotional sparsamen Sorte. Eine oft fehlbewertete Eigenschaft, denn im Grunde war sie oftmals hilfreich – gerade für Menschen in Luciens Position. Nicht zu verwechseln mit bösartiger Kälte. Eher gleichzusetzen mit einem gesund distanzierten Blick auf die Dinge, die waren, wie sie nun einmal waren. Und mit seinen Worten hatte der junge Käpt’n Recht: sie hatten es sich ausgesucht. Sie allesamt. Und jeder wusste, dass ein solches Leben mitunter seinen Preis forderte.<br />
<i>„Aye.“</i> Stimmte er daher pragmatisch zu. In dieser Sache waren sie auf einem Nenner.<br />
Tarón wartete gelassen ab, bis Lucien sich eine Sitzgelegenheit herangezogen und sich auf ihr niedergelassen hatte. Beobachtete ihn und nahm neben den Dingen, die er schließlich sagte, auch das zur Kenntnis, was sein Körper ihm verriet.<br />
Der Falke lachte leise auf – und mehr als Belustigung lag Erstaunen in dem Ton. <br />
<i>„Wer hat davon nicht gehört? Die Morgenwind, aye?“</i><br />
Mit einem leisen <i>„Heh.“</i> rückte er sich etwas bequemer zurecht. Welch interessanten Informationen. Interessant und womöglich entscheidend. Das mit der Morgenwind war eine verhältnismäßig große Sache gewesen, die entsprechende Wellen geschlagen hatte. <br />
Verräter in den eigenen Reihen also. In Gedanken ging er die Mannschaft kurz durch und zog vorerst seine Schlüsse – inwieweit er damit richtig lag würde sich sicher noch zeigen.<br />
<i>„Ja, das erklärt den Trubel allerdings. Hm…tja. Scheint also als würde es mit euch nicht langweilig werden!“</i><br />
Diesmal hüpften seine Brauen belustigt nach oben. Dass diese Aussage eine bodenlose Untertreibung war wussten sie beide.<br />
Auf die nächste Frage war er vorbereitet – sie zwang sich nahezu auf. Und Tarón hatte beschlossen Lucien eine ehrliche Antwort zu geben. Wenn auch womöglich keine vollständige. Es war gut möglich, dass der Käpt’n von der Aurora gehört hatte. Das Schiff und seine Mannschaft hatten sich genug Ruf verdient, ehe Taróns Dummheit sie an den Grund des Meeres befördert hatte. Was sie jedoch zum Kentern gebracht hatte wussten nur der Falke und die ein, zwei Seelen, die die Katastrophe ebenfalls überlebt hatten.<br />
<i>„Schiffbruch. Die Aurora, falls sie dir etwas sagt. Unschöne Sache. Sind mit einem Haufen anderer Piraten aneinandergeraten und die hatten leider die Oberhand. Wir sind fast alle abgesoffen.“</i><br />
Wie leicht es ihm fiel darüber zu reden als sei das alles nur ein bedauerlicher kleiner Zwischenfall gewesen. Das Nagen der Ratten in seinem Hinterkopf zu ignorieren und eine weiterhin lockere Mine zur Schau zu stellen.<br />
<i>„Ich hab mich irgendwie bis zu diesem Eiland durchgeschlagen und dann saß ich fest, weil sich fast niemand dorthin verirrt, der ein vorzeigbares Schiff hat. Naja – und dann ging die Sache mit den Kopfgeldjägern auch schon los und nun sind wir beide hier.“</i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Relativ schnell fand Lucien eine Sitzposition, in der sich das Ziehen an seiner Seite ertragen ließ. Ein Bein im halben Schneidersitz auf der Kiste abgelegt, das andere locker ausgestreckt, erlaubte er sich ob der Überraschung in Taróns Lachen ein nicht ganz so bescheidenes Schmunzeln. Den Grund für diesen Überfall nannte er nicht, erzählte weder von seiner Gefangenschaft, noch davon, was Talin hatte anstellen müssen, um ihn ausfindig zu machen. Doch er war stolz auf seine kleine Schwester. Stolz darauf, was sie erreicht hatte. Stolz und wehmütig zugleich – und das war es, was in seinem Lächeln lag. <i>„Genau die“</i>, bestätigte er. <i>„Sagen wir, wir suchen nicht unbedingt nach Ärger. Aber in letzter Zeit findet er uns von ganz allein.“ </i><br />
Nach wie vor lag ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Sorgen machte er sich keine. Diese Art von Abenteuer, Risiko und Adrenalin war das, wonach er suchte. Nicht zwangsläufig das, was Talin und er sich als Kinder ausgemalt hatten, aber genau das, was er inzwischen wollte – und brauchte. Was sollte es auch anderes noch geben? <br />
Dass Tarón bereits ganz ähnliche Erfahrungen mit dieser Art von Ärger gemacht hatte, verrieten dem jungen Captain seine nächsten Worte. Schiffbruch. Mit der Aurora. <i>„Hm... Ich hab‘ von ihr gehört.“</i> Jahre war das inzwischen her. Als er unter dem Kommando seines Vaters die südlichen Inseln besuchte, sie dort ihre Geschäfte machten. Ein Schmuggler wusste gern, welche Fische noch im Ozean schwammen. Und wie groß sie waren. Begegnet war er ihr allerdings nie. Und auch von ihrem Untergang hatte er nichts gewusst. <i>„Ein Jammer“</i>, stellte er nicht ohne ehrliches Bedauern fest. Wenn auch so leise, dass die Worte auch an ihn selbst hätten gerichtet sein können. <br />
Nachdenklich legten sich die grünen Augen wieder auf den Älteren, musterten ihn flüchtig. Fragte sich für einen Moment, ob wohl noch mehr hinter der Geschichte steckte. Doch Taróns Züge wirkten entspannt. Vielleicht nicht glücklich, aber... genügsam. Nun ja. Das war das Leben, das sie gewählt hatten, nicht wahr? Schiffe sanken. Menschen starben. Manchmal traf es die richtigen. Manchmal nicht. Lucien neigte leicht den Kopf, dann kehrte das Schmunzeln auf seine Lippen zurück. <i>„Im Nachhinein wird auch klar, warum da sonst keiner angehalten hat.. Aber jetzt, da du ein Schiff gefunden hast, das dich von dieser Insel holen konnte – wohin zieht es dich als nächstes? Hast du Familie, die auf dich wartet?“</i></font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Natürlich war mehr an der Geschichte dran – musste es sein. Warum sollte eine Handvoll Piraten einen Gefangenentransport angreifen, wenn sie nicht einen Gefangenen befreien wollten? Eine Frage für ein andern Mal – ein leeres Feld in seinem Puzzle, das sich noch früh genug füllen würde. Vielleicht zusammen mit Informationen darüber wer die beiden Marine-Verräter waren. <br />
Das Lächeln in Luciens Gesicht sprach auf jeden Fall seine eigene Sprache. Der Coup – welcher Art er auch genau gewesen sein musste – war offenbar geglückt, das alles kein Vorfall der Bedauern auslöste. Im Gegenteil. Und Tarón verstand ihn, weil er selbst wusste, was es hieß diese Art von Leben, von Abenteuer, zu führen – mit Allem, was das mit sich brachte.<br />
<i>„Aye…“</i> stimmte Tarón zu. Es war ein Jammer. Für ihn persönlich weit mehr als das, aber das ging nur ihn etwas an.<br />
<i>„War ein prächtiges Schiff…eins der schönsten, die ich je gesehen habe…nunja. Weg ist weg, nicht wahr?“</i><br />
Denn so verhielt es sich. Was geschehen war, war geschehen – was fort war, war fort. Ein sehnsuchtsvoller Blick zurück brachte ihn da nicht weiter – deshalb richtete er ihn nach vorne.<br />
<i>„Nein.“</i> Er schüttelte lächelnd den Kopf und ignorierte das Bild von Isala, das vor seinem geistigen Auge aufstieg. Auch das war Vergangenheit – ohne ihn war ihr Leben hoffentlich längst in geregelte Bahnen gekommen. Kein Blick zurück…<br />
Ein Lächeln seinerseits – wach, clever, wie die Augen, die Lucien nun sehr aufmerksam musterten.<br />
<i>„Ich bin so gesehen frei wie der Wind. Nur etwas zielloser.“</i><br />
Er ließ den Blick schweifen, als würde er vor sich das ganze Schiff sehen.<br />
<i>„Von daher, Käpt’n, hätte ich Nichts dagegen einzuwenden ein wenig länger auf der Sphinx zu bleiben und zu sehen, wie es in diesem Abenteuer weitergeht – wenn ihr mich wollt und brauchen könnt. Ist ein gutes Schiff – und verdammt ungewöhnlich.“</i><br />
Und damit lagen seine blauen Falkenaugen wieder auf dem anderen.</font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Weg war weg - so war es nun einmal. Lucien nickte bestätigend, ließ Tarón jedoch auch einen Moment in seinen Gedanken, seinen Erinnerungen, an ein Schiff, das ihm augenscheinlich viel bedeutet hatte. Die kleine Pause, die dadurch in ihrem Gespräch entstand, war nicht unangenehm und als der Ältere schließlich wieder das Wort ergriff, kehrte das Lächeln auf die Lippen des jungen Captains zurück. Befreit von der Trübsinnigkeit verlorener Gefährten, sodass sie das Thema in eine andere Richtung lenken konnten. <br />
<i>„Oh, Hände, die anpacken, können wir immer gebrauchen“</i>, versicherte er ihm und neigte amüsiert den Kopf auf die Seite. <i>„Wenn dir also der Sinn nach ein bisschen Abenteuer steht und du die Marine nicht scheust, bist du bei uns herzlich Willkommen, solange du möchtest. Wir sind allerdings nicht die Art von Piraten, wie du sie wahrscheinlich gewohnt bist.“</i> Die Aurora mochte ein gutes Schiff gewesen sein und ihre Besatzung aus guten Männern bestanden haben - aber sie hatte ihren Ruf. Genauso, wie es die Schiffe der Tarlenn hatten. Ehrlich, loyal, aber unerbittlich bis skrupellos. Die Mannschaft der Sphinx war da anders. <i>„Passend zum Schiff“</i>, hängte er mit leiser Belustigung in der Stimme hintenan, um auf Taróns eigene Worte anzuspielen. Ihn überraschte selbst, wie passend dieser Vergleich war. „Könnte irgendwann eine wirklich gute Geschichte abgeben, wenn du mich fragst.“ Eine Piratencrew, so außergewöhnlich, wie ihr Schiff. <br />
Für den Bruchteil einer Sekunde huschte Wehmut über seine Züge. Er dachte an die beste Fechterin aller Sieben Welten und den Jungen, der auszog, um die Drachen zu finden, und sein Blick huschte wieder hinauf zu der Echse, die auf dem Balken an der Decke hockte. Bis er seine Gefühle wieder im Griff hatte und die Belustigung in die grünen Augen zurückkehrte. <i>„Und wenn ich mir euch zwei so anschaue, passt ihr genauso gut zu uns und diesem Schiff“</i>, stellte er fest.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Nicht die Art Piraten, die er gewohnt war – ja…das hatte er sich bereits gedacht. Nur ein kurzer Eindruck, den er sich bisher hatte machen können – aber er vertraute seiner Menschenkenntnis. Und er begrüßte was sie ihm sagte. <br />
Es war nicht so, dass Tarón mit seinem bisherigen Leben unzufrieden gewesen war – sah man von den Tragödien ab, auf die er natürlich gerne verzichtet hätte. Das raue Leben, ein Leben geprägt von Brutalität und Blut aber auch von echter Kameradschaft hatte er so lange geführt, dass jeder Zweifel daran lange Zeit im Sumpf des Alltags ertrunken gelegen hatte. Ja: er hatte Dinge getan, auf die er selbst nicht stolz war, doch wirklich bereut hatte er sie nicht. Das tat er auch jetzt nicht, auch wenn er sie vielleicht mit etwas anderen Augen sah. Man tat, was man tun musste und manchmal hieß das, dass man sich mit dem Blut derer befleckte, die dieses Schicksal vielleicht nicht verdient hatten. Das war der Lauf der Welt – zumindest der Welt, in der er nun schon so lange gelebt hatte. Doch genossen hatte er das Töten nie. <br />
Er kannte den Rausch der Überlegenheit. Das Bravado eines jüngeren Selbst das in eitler Arroganz alles was es tat für gerecht und gut hielt. Doch selbst damals war es nicht das Blut, an dem er sich betrunken hatte.<br />
Die Aussicht darauf es in Zukunft vielleicht etwas weniger blutrünstig, etwas weniger skrupellos und kaltblütig angehen zu können lockte ihn. Vielleicht wurde er wirklich alt. Vielleicht verstand er auch nur langsam, das Leid immer auch eine Frage der Perspektive war. Mittlerweile hatte er selbst gelitten. Mittlerweile verstand er, was Verlust wirklich bedeutete. <br />
<i>„Hm. Ich denke, Lucien, das ist eine gute Sache. Anders, meine ich. Etwas Neues. Ich denke, das könnte mir gefallen. Und für gute Geschichten bin ich ohnehin immer zu haben.“ </i><br />
Er warf dem anderen ein cleveres Grinsen zu und für einen Moment schienen die Jahre von ihm abgefallen. Ein Junge, der an den Ständen Chikarns vom Mehr im Meer und all den Abenteuern träumte, die sich in den Weiten der Welten finden ließen.<br />
Und auch über Luciens Zügen meinte er eine Welle aus dem Ozean der Vergangenheit streifen zu sehen. Letztendlich waren sie wohl alle einmal Jungen gewesen – Träumer, die das Meer gelockt hatte.<br />
<i>„Warte, bis das Echsenvieh in sein rotes Schuppenkleid wechselt – dann fällt er vor den Segeln garnicht mehr auf.“</i><br />
Lachte er gutgelaunt, ehe er wieder etwas nachdenklicher wurde.<br />
<i>„Ungewöhnlich, in der Tat – die Sphinx stammt nicht aus der ersten Welt.“</i><br />
Eine Feststellung – ein Schiff wie sie hatte er bisher nicht gesehen und auch wenn es hin und wieder immer einmal besonders auffällige und andersartige Schiffe gab, wirkte die Sphinx wahrlich als käme sie von einem ganz anderen Ort. Er müsste sich schon sehr irren, wenn sie in einer Werft der ersten Welt gebaut worden wäre.<br />
<i>„Wie ist sie in eure Hände gekommen?“ </i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Als Lucien den Blick schließlich wieder von der Echse löste und die tiefgrünen Augen auf Tarón richtete, erschien ein mildes, aber umso ehrlicheres Lächeln auf seinen Lippen, in dem ein deutlicher Ausdruck von Sympathie lag. Er glaubte dem Älteren in diesem Moment jedes seiner Worte. Glaubte eine Spur des Geistes in den sturmblauen Augen zu erkennen, der auch ihn beseelte – oder einst beseelt hatte. Würde es also das sein, was die Sphinx ihnen allen in Zukunft schenkte? Die Aussicht darauf, Teil einer Geschichte zu sein, die man sich in hundert Jahren noch erzählte? Die Aussicht auf Abenteuer, wie sie es sich vielleicht als Kinder erträumt hatten, fern vom düsteren Zynismus der Realität? Fern von Regeln, gesellschaftlichen Zwängen und dem, was ihre Mütter und Väter für sie bestimmt, was ihr Stand ihnen vorgegeben hatte? Wenn ja, dann wäre es genau das, was Talin und er sich in ihrer kindlichen Naivität vorgestellt hatten, als der Traum des Schiffes mit den roten Segeln in ihren Herzen wuchs. Dann hätte sie ihren Zweck erfüllt – für jeden, der sein Zuhause auf ihrem Deck fand. Ein seltsam romantischer Gedanke für seine Verhältnisse.<br />
Lucien nickte schließlich nur, nahm damit den Wunsch, sich ihnen anzuschließen – was auch immer den Mann dazu bewog, nach etwas Neuem, etwas Anderem, als dem Bisherigen zu suchen – in aller Einfachheit an und hob den Blick noch einmal zu der Echse auf dem Balken. <i>„Oh, er wechselt seine Farbe?“</i> Das war... bemerkenswert. Dennoch sprach er die Frage nur leise aus, wie zu sich selbst, ehe Tarón das Gespräch auch schon auf die Sphinx zurücklenkte. Der junge Captain stellte das Schuppentier also zunächst hintenan, auch wenn seine Neugier merklich zunahm. Stattdessen schüttelte er den Kopf. <i>„Nein“</i>, bestätigte er die Vermutung des Älteren. <i>„Zumindest nicht dass ich wüsste. Vielleicht aus einer der angrenzenden Welten, aber ich bin selbst nie weit genug gesegelt, um Schiffen von dort zu begegnen.“</i><br />
Wie von selbst wanderte sein Blick durch das Mannschaftsdeck, das sich mit den Geschützluken, zwischen Balken gespannten Hängematten und sicher vertäuten Kisten und Säcken zumindest hier nicht nennenswert von jedem anderen Schiff unterschied. Auffälliger waren die Segel und der fehlende Kiel – und diese undefinierbaren Wände, die den Frachtraum zerteilten. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass es dank der verbauten Mechanik nicht mehr als vier bis sechs Mann brauchte, um sie zu steuern. Ganz im Gegensatz zu jedem anderen Schiff dieser Größe, das er kannte.<br />
Bei Taróns Frage stahl sich dann wieder ein amüsiertes Schmunzeln auf seine Lippen. Er wandte den Kopf zurück zu dem Älteren. <i>„Gestohlen.“</i> In seinen Augen blitzte der Schalk auf. <i>„Man könnte aber auch ‚befreit‘ sagen, wenn man sie selbst fragt.</i>“ Wobei er mit ‚sie‘ in diesem Fall das Schiff meinte. <i>„Sie gehörte einem mittelklassigen Piraten namens Rondo, der sie ganz bestimmt auch nur von irgendjemandem gestohlen hat. Talin hat als Schiffsjunge verkleidet bei ihm angeheuert und die Mannschaft zu einer Meuterei aufgestachelt. Der eigentliche Plan war, das Schiff meines Vaters zu übernehmen, aber die Mytilus ist vor knapp zwei Jahren versenkt und ich bin verhaftet worden. Talin musste also improvisieren.“</i> Er zuckte flüchtig mit den Schultern und auch wenn er über den Grund für den Überfall auf den Gefangenentransporter bisher geschwiegen hatte, war es doch auch kein Geheimnis. Nun erklärte er sich wohl von selbst. <i>„Jedenfalls... sie war in grauenhaftem Zustand – ist sie noch. Wir steuern also Tarlenngebiet an, um sie reparieren zu lassen. Talin hat... Freunde dort. Falls dich interessiert, wohin es als Nächstes geht.“</i> zwar endete Lucien mit einem Schmunzeln, doch dass ihm Talins Beziehung zu den Tarlenn nicht behagte, lag deutlich in seiner Stimme.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Für einen Moment spürte Tarón das Band einer verwandten Seele, als Lucien seinem Blick mit dem eigenen begegnete und hielt. Er wagte es, dies als weiteres gutes Zeichen für die nahe Zukunft zu verbuchen – vor allem, weil er das, was aus Luciens Augen zu ihm herüberstrahlte als ehrlich ansah.<br />
 Das Nicken des Käpt‘n bestätigte wohl, dass auch Lucien seinen Worten Glauben schenkte und ihn in der Crew willkommen hieß. <br />
Taróns Mund formte ein seichtes Lächeln, als er Luciens Augen wieder zu Calwah wandern sah und den Ausdruck auf dem Gesicht des anderen las, von dem sich Fragmente auch in seinen leisen Worten wiederfanden. Ein Hauch von Faszination. Etwas, das auch Lucien jünger wirken ließ, als er war und ihn Tarón erneut sehr sympatisch machte.<br />
<i>„Aye…“</i> bestätigte er genauso leise. Auch Taróns Blick glitt erneut hinauf zu der Echse und blieb an einem ihrer über den Balken ragenden Flügelchen hängen.<br />
Die beobachtete er weiterhin, als Lucien seine Feststellung kommentierte und Tarón über die Worte nachdachte. <br />
<i>„Hm.“</i><br />
Gab der Falke schlicht zur Antwort und nickte nachdenklich. Noch ein Geheimnis.<br />
Ein anderes klärte sich unterdessen. Luciens Antwort brachte den Falken dazu seinen Blick wieder auf den Jüngeren zu richten. Natürlich war sie gestohlen – hatte er etwas Anderes erwartet? Nein, denn auch das passte in die Geschichte und manche Dinge hatten die Eigenart sich nahtlos in sie zu fügen. Interessant und unerwartet war, dass es nicht Lucien selbst gewesen war, der sie gestohlen hatte. Auch das Funkeln in Luciens Augen kam ihm bekannt vor. Eine vielleicht verdrehte aber gute Art von Stolz, die er selbst kannte – dass dieser nicht alleine ihm selbst galt ergab noch einen Pluspunkt für den jungen Käpt‘n. Schmunzelnd hörte Tarón zu, lachte sogar leise, tief und anerkennend, als er hörte, wie Talin sich in die Mannschaft eingeschlichen und sie aufgestachelt hatte. Dabei entgingen ihm jedoch nicht die anderen Details in Luciens Worten. Und in seinem Kopf klickten Puzzleteile leise an ihre Plätze. Darum also die Morgenwind. Nur mit seinem Blick ließ Tarón Lucien wissen, dass er diesen Zusammenhang mühelos erkannt hatte. Und auch wenn sich dabei ein weiteres Fass mit Fragen öffnete beließ er es zunächst dabei, um Lucien nicht gleich zu sehr mit ihnen auf die Pelle zu rücken. Gefangennahme – eine hoch dramatische Flucht. Das waren Dinge, in denen Schatten lauerten. Es war noch zu früh diese heraufzubeschwören, nur um seine Neugierde zu stillen. <br />
Und auch ohne diese wahrscheinlich wenig schöne Zeit weiter mit Lucien zu diskutieren, ergab sich auch so neues Futter für diese Neugierde – und neue Fragen.<br />
Die Tarlenn also…nun gut. Das konnte noch nützlich sein. Nicht gefahrlos…aber nützlich. Und ähnlich sah es wohl auch Lucien, denn dem behagte das ganze offenbar wenig – dennoch nahm er es in Kauf.<br />
<i>„Ja, sie hat sicher schon bessere Tage erlebt.“</i> Der Zustand des Schiffes war ihm auch schon aufgefallen – natürlich. Dennoch schien die Sphinx einen noch immer brauchbaren Eindruck zu machen auch wenn sie vor Jahren wohl noch einen ganz anderen Glanz verströmt haben musste. <br />
<i>„Mich interessiert immer wohin es als nächstes geht.“</i> Stellte er mit einem verschmitzten Grinsen in den Raum. <i>„Talins Freunde – nicht deine?“</i></font><br />
<br />
<font color=#458B74>Obgleich seine Sympathie mit diesem Mann mit jeder Minute wuchs, kam Lucien doch nicht umhin, eines zu bemerken: Tarón hatte einen wachsamen Blick, einen scharfen Verstand. Es war die Art, wie er den jungen Captain musterte, wie das Wissen in den Sturmaugen aufblitzte. Die Kenntnis von Dingen, die niemand aussprechen musste, weil er die Fähigkeit besaß, sie sich zu erschließen. Zusammenhänge. Geheimnisse... <br />
Ein unabdingbares Talent für einen echten Strategen und ganz gewiss von größtem Nutzen. Aber umso bedrohlicher für einen Mann, der stets die Maske freundschaftlicher Offenheit zur Schau trug, um von dem abzulenken, was dahinter lag. Einem Schauspieler, wie Lucien es war. Es erinnerte ihn unweigerlich an Ceallagh – den einzigen Menschen, in seinem Leben, den er einst ohne Zögern als Freund bezeichnet hätte. Und der die gleiche Fähigkeit besaß, mehr zu sehen, als er sehen sollte. <br />
Irgendwo schwankend zwischen Sympathie und Misstrauen, zwischen Faszination und Angst, beschloss Lucien, Tarón mit der nötigen Wachsamkeit zu begegnen. Eine Vorsicht, die ihm nach endlos erscheinenden Jahren in Fleisch und Blut übergegangen war. Und von der er zumindest ein halbes Jahr lang geglaubt hatte, sie ablegen zu können. <br />
Ein schweres Ausatmen offenbarte seinen Missmut, als die Fragen seines Gegenübers sich auf die Tarlenn fokussierten. „<i>Nicht meine Freunde, nein.</i>“ Für einen Moment des Haderns biss er die Zähne aufeinander, sodass sich die mahlenden Muskeln seiner Kiefer deutlich unter der wettergegerbten Haut seiner Züge abzeichneten. „<i>Ich habe nichts gegen die Tarlenn, aber ich halte auch nichts davon, in ihrer Schuld zu stehen.</i>“ Die tiefgrünen Augen kreuzten den Blick seines Gegenübers. „<i>So lange, wie du auf See warst, vermute ich, du kennst die Geschichten selbst. Kein Tarlenn erweist einfach so einen Gefallen. Sie sind mit Gegenleistungen verbunden - immer. Und ich bin nicht gern jemandes Marionette.</i>“ <br />
Er stieß ein leises Schnauben aus, schüttelte den Kopf, als ließe sich der Gedanke damit vertreiben, und machte dann Anstalten, sich mühsam wieder zu erheben. „<i>Aber gut, es ist jetzt, wie es ist. Machen wir das Beste draus.</i>“ Das amüsierte Funkeln kehrte zurück in seinen Blick und vertrieb den Gedanken an die Tarlenn. „<i>Ich überlasse dich jetzt wieder deiner Hängematte und deinem schuppigen Freund da oben. Wer weiß, wie lange wir noch die Gelegenheit haben, einfach nur ein bisschen rumzuhängen.</i>“</font> </blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">How far we'll go</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">nachts</font><br><br><br>Tarón<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">06. Mai 1811 | Mannschaftsdeck der Sphinx | kurz hinter Lacrinîn</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color=#458B74>Nach drei Tagen hatte die Wunde an seinem Bauch zumindest aufgehört, zu nässen. Stattdessen bildete sich eine dicke Schorfschicht, die ihn bei jedem Schritt behinderte und bei jeder unbedachten Bewegung wieder aufriss. Ersteres ziepte fürchterlich und Letzteres schmerzte höllisch, vor allem beim Arbeiten. Gregory hatte ihm Ruhe verordnet, ebenso wie Talin. Doch wie immer fand der junge Captain keine Ruhe. Nicht mit all den Gedanken, die in seinem Kopf herumwirbelten. Die Nachwirkungen der Angst um seine Schwester, die unerwartete Begegnung mit Ceallagh, die beinahe Sicherheit, wieder verfolgt zu werden. Oder was hieß ‚wieder‘? Am Anfang mochte es Einbildung gewesen sein, doch jetzt? Er suchte sich also Ablenkung und fand sie normalerweise in Arbeit oder Alkohol. An diesem Vormittag jedoch in den neuen Crewmitgliedern. Einem, speziell. Dem er noch Dank schuldete und wofür bis dahin keine Gelegenheit gewesen war. Als er das Mannschaftsdeck betrat und seine Augen sich an das dämmrige Zwielicht gewöhnt hatten, steuerte er deshalb recht zielstrebig den älteren Mann an, der mitten im Gefecht das Zünglein an der Waage gewesen war. Er hatte sich bereits eine freie Hängematte gesucht und sich augenscheinlich eingerichtet. Seinen schuppigen Begleiter entdeckte Lucien allerdings auf einen ersten Blick nicht. <i>„Tarón?“</i>, machte er mit ruhigem, freundlichen Ton auf sich aufmerksam. <i>„Hast du eine freie Minute?“</i> </font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Drei Tage war es her, als ihn das Schicksal an Board der Sphinx geführt und seine Sterne sich damit einmal mehr neu geordnet hatten. Drei Tage, die Tarón bereits damit genutzt hatte sich einen Eindruck der Mannschaft und des Schiffes zu machen und in denen er sich Mühe gemacht hatte seinerseits einen guten Eindruck zu hinterlassen. Arbeitsam und erfahren hatte er zugesehen sich an Board nützlich zu machen und dabei seine eigenen Pläne überdacht. Vielleicht war dies ein Schiff, auf dem er bleiben konnte. Es gab auf den Weiten des Ozeans nichts das für ihn ein Zuhause darstellte. Keinen Hafen, der auf ihn wartete. Nur die Echse und die Mission, die Aylah ihm mit ihr überlassen hatte. <br />
<i>‚… schwöre es mir. Wenn du mich liebst, dann schwöre …‘</i><br />
Und er hatte es geschworen. Wie auch immer, warum auch immer – es gab nur noch diese Priorität, nur noch dieses Ziel. Alles was ihm blieb. Vielleicht weil er kein Besseres hatte, weil mit der ‚Aurora‘ alle weiteren Träume und Ziele, die neben Calwahs Sicherheit und seinem Schwur vielleicht noch eine Rolle gespielt hatten, versunken waren – so wenige ihm auch damals schon geblieben waren. Dennoch existierte ein Mann nicht im Vakuum und es fühlte sich gut an wieder Wellengang unter Planken zu spüren und das Knattern von Segeln im Wind zu hören und Menschen um sich zu haben, die vielleicht mehr als ein flüchtiges Mittel zum Zweck werden konnten.<br />
Einer davon – so gesehen der Wichtigste von ihnen – sprach ihn unverhofft an, als Tarón gerade in diesen und anderen Gedanken versunken eine Ruhepause eingelegt hatte. Die hellen Augen richteten sich auf den jungen Käptn des Drachenschiffes. Dessen Bewegungen verrieten die Wunde noch, die er sich zugezogen hatte, aber offenbar heilte sie gut und so würde Lucien wahrscheinlich bald wieder ganz auf den Beinen sein. Bis dahin ergab sich die wunderbare Gelegenheit die Zwangspause, die er wohl einlegen musste, zu nutzen, um sich bekannt zu machen. Zumindest hoffte der Falke, dass vielleicht auch Lucien eine Minute hatte.<br />
Taróns Falkenaugen blitzten mit freundlichem Schalk auf, als er dem Jüngeren mit einem seichten Lächeln begegnete.<br />
<i>„Nun – da ich hier gerade wortwörtlich nur nutzlos rumhänge: Aye, natürlich Käptn.“</i><br />
Geschickt schwang er die Beine herum, so dass er noch in der Hängematte sitzend mit den Füßen auf den Boden kam, um Lucien abwartend anzusehen.</font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Ein kleines Schmunzeln huschte ob des lockeren Wortspiels über seine Lippen, während sich der Ältere aus seiner liegenden Position schälte und die Beine über den Rand der Hängematte schwang. Lucien blieb in kaum zwei Schritt Entfernung stehen – froh darüber, Tarón mit seinem Auftauchen nicht aus einem sicherlich verdienten Nickerchen gerissen zu haben – und nahm sich zum ersten Mal in den vergangenen Tagen die Zeit, den Mann, der ihm nun gegenüber saß, eingehender zu mustern. So gut es die Lichtverhältnisse unter Deck eben zuließen. <br />
Es mochte gut und gerne eine Dekade an Jahren zwischen ihnen liegen und doch wirkte der Ältere nach wie vor weder alt, noch so, als ließen Kraft und Fähigkeiten allmählich nach. Hier und da fand sich vielleicht eine silberne Strähne in seinem Bart, doch die hellen Augen waren so klar und aufmerksam wie die eines Raubvogels.<br />
<i>„Sieht ganz so aus, als hättest du dich bereits gut eingelebt“</i>, stellte Lucien fest und fuhr sich, ohne es wirklich bewusst wahrzunehmen, mit der flachen Hand über die Wunde an seiner Seite. In seiner Stimme lag kein Vorwurf, sondern fast soetwas wie gelassene Genugtuung. Vielleicht hätte er angesichts der Ereignisse, die hinter ihnen lagen, misstrauischer sein sollen. Hätte in Taróns Hilfsbereitschaft zumindest eine Weile noch den simplen Trick sehen sollen, sich auf ihr Schiff zu scheichen. Doch obwohl er den Mann kaum kannte, lagen ihm diese Gedanken im Augenblick gänzlich fern. <i>„Wo ist dein schuppiger kleiner Freund abgeblieben?“</i>, fragte er stattdessen mit nichts weiter als ehrlichem Interesse in den tiefgrünen Augen.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Mit einem leichten Lächeln wartete Tarón ab, während er Luciens Blick über sich wandern fühlte und seine Augen ihn gleichfalls maßen, wie die eines interessierten Raubvogels auf seinem Ansitz. Dabei entging ihm auch nicht, wie Luciens Hand zu seiner Wunde wanderte.<br />
<i>„Nun man tut sein Bestes.“</i> Antwortete er dem Jüngeren offen – so war es immerhin auch. Keine versteckte Agenda – lediglich das Bemühen sich Anschluss zu verdienen. <br />
Er nickte leicht in Richtung von Luciens Hand.<br />
<i>„Was macht die Wunde?“</i> Smalltalk – er konnte es anhand von Luciens Haltung erahnen, aber dennoch interessierte es ihn tatsächlich. Aus einem Sympathievorschuss heraus genauso wie aus purem Selbstzweck: wenn der Käpt’n verwundet war das ein Grund mehr die Augen aufzuhalten und eventuelle Schwingungen in den Wellen dieser „Schwäche“ unter der Crew frühzeitig wahrzunehmen. Es war ein Vorteil, dass Lucien sich seinen Posten mit seiner Schwester teilte. Eine ungewöhnliche Konstellation aber eine, die Tarón bisher sowohl als schlau wie auch insgesamt förderlich einschätzte.<br />
Ah, das Gespräch kam auf das Echsenvieh – natürlich. Bei all dem Ärger den Calwah mitunter veranstaltete war er zumindest für eine Sache hervorragend geeignet: als Eisbrecher in Konversationen. Tarón wünschte des Öfteren dennoch das verdammte Vieh wäre nicht so auffällig, aber in diesem Fall war das wohl gut so.<br />
Sein Blick glitt nach oben und sein Kopfnicken folgte als Geste hinauf zu den niedrigen Balken über ihnen. Zwischen Seilaufhängungen fläzte sich die Echse auf eben diesem und blickte mit hellen Augen neugierig,  wachsam und mit einer seltsamen Art von Reptilienarroganz auf Lucien herab.<br />
<i>„Ich glaube er hat sich ebenfalls gut eingelebt – glaubt schon das sei sein Schiff.“</i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Als Taróns Blick zu der Hand an seiner Wunde wanderte, zuckte erneut ein sachtes Lächeln über seine Lippen, das zu gleichen Teilen freundlich wie wachsam wirkte. Doch dem naiven Reflex, die Hand unwillkürlich zurückzuziehen, gab Lucien nicht nach. <i>„Sie stört... aber wird wieder. Ich hab‘ schon schlimmeres überlebt“,</i> antwortete er ehrlich, tat das Thema damit aber auch leichthin ab. Was sicherlich eine Marotte seines Geschlechts, wie auch seines Alters war – und nicht zuletzt seines Charakters. Also folgte er lediglich dem Blick des Älteren nach oben und beließ es dabei.<br />
Dort, direkt oberhalb von Taróns Hängematte, räkelte sich die Echse auf einem niedrigen Balken und beäugte ihn mit wachen, intelligenten Augen. <i>„Ah...“</i>, kommentierte Lucien mit einem hörbar amüsierten Unterton. <i>„Ich glaube, wessen Schiff das ist, ist ein Thema, über das wir nochmal reden müssen.“</i> Wem genau diese Worte galten, war in diesem Moment nicht ganz klar, aber sie klangen verdächtig danach, als meine er die Echse. Denn erst danach kehrten die grünen Augen zurück zu dem Älteren. Und erst jetzt fuhr er sich mit der Hand noch einmal über die Stelle, an der die Kugel ihn getroffen hatte, schenkte der Wunde einen Hauch wohltuender Wärme, bevor er den Arm sinken ließ. „<i>Ich bin eigentlich nur hergekommen, weil ich mich bei dir bedanken wollte. Für deine Hilfe neulich Nacht. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob wir das überlebt hätten, hättest du uns nicht auf halbem Weg abgefangen.“</i> Das Lächeln blieb auf seinen Zügen, doch in seiner Stimme schwang nichts anderes als die gebotene Aufrichtigkeit mit. Er sah keine Schwäche darin, dankbar zu sein und Leistungen anzuerkennen, die nicht seine eigenen waren – ganz im Gegensatz zu jenem Mann, der ihn lehrte, ein Schiff zu führen. In diesem Sinne war der sonst so von sich selbst überzeugte 21-Jährige erstaunlich bodenständig geblieben.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222><i>„Hm.“</i><br />
Der Allzweckton aus dem Mund des Falken zeigte dieses Mal Zustimmung an. Lucien würde es überstehen – da war auch er sich sicher.<br />
Gutmütiger Humor glitzerte in Taróns Augen, mit denen er Lucien dabei beobachtete, wie dieser wiederum zu Calwah empor sah. <br />
Die Echse indes öffnete wie zur Antwort auf die Worte des jungen Käpt’ns ihr Maul zu einem irgendwie süffisant wirkenden Gähnen.<br />
Tarón lachte leise. <br />
<i>„Nun – ich warne dich: der laufende Ledergürtel ist verdammt resistent gegenüber Argumenten. Aber er ist bestechlich – immerhin.“</i><br />
Das zweite Mal, das Lucien seine Wunde streifte ließ Tarón unkommentiert. Stattdessen neigte sich der Kopf des Falken ein klein wenig, als er ihm zuhörte. Einen Dank? Hm. Das sprach in seinen Augen sehr für Lucien, der das Ganze ebenso herunterspielen oder als seinen eigenen Triumph hätte verkaufen können. Tarón nickte ihm mit einem leichten Lächeln und Augen die verrieten, dass er dieser Geste mehr sah, als nur eine oberflächliche Floskel, zu. <br />
<i>„Gern geschehen. Aber ich glaube ich habe mir vor allem selbst einen Gefallen getan – die Sphinx scheint mir nicht das schlechteste Schiff für eine neue Heuer.“</i><br />
Sein – zugegebenermaßen bisher beschränkter – Eindruck von Kahn und Menschen war durchaus positiv – und Tarón wusste, dass das keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Er hatte sich schon mit anderen Kalibern rumschlagen müssen und wo schlecht gepflegte Schiffe und Ausrüstung ein Ärgernis für jeden Seemann waren, war die Gesellschaft einer miesen Crew auf Dauer unerträglich.<br />
<i>„Wie ich sagte: ich habe schon länger die Augen nach einer Gelegenheit offen gehalten weg von dieser Insel und wieder auf See zu kommen. Vielleicht war es rückblickend Glück, dass nicht irgendein schlechterer Kahn zuvor vorbeigekommen ist.“</i><br />
Und ohne es ausdrücklich zu sagen, bezog er das auch wieder vornehmlich auf die Menschen. Um die ging es am Ende immer. <br />
Über sein Gesicht huschte bei den nächsten Worten ein kurzer Schatten.<br />
<i>„Tut mir nur leid, dass es nicht alle geschafft haben.“</i><br />
Besonders um den Jungen, den er nicht gekannt hatte. Er war lange genug auf See um zu wissen, dass die wenigsten von ihnen alt wurden – aber so jung zu verrecken war dennoch immer eine Tragödie.<br />
Er atmete durch, seufzte und schüttelte den Gedanken ab. Was geschehen war, war geschehen.<br />
<i>„Aber wo wir dabei sind: wie kommt es, dass die Kopfgeldjäger derart scharf auf euch waren? Der Aufwand war beträchtlich, auch wenn ihr Plan nach wie vor verdammt stümperhaft daherkam.“</i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74><i>„Oh, ich werd’s mir merken“</i>, antwortete Lucien amüsiert und warf noch einen flüchtigen, aber vielsagenden Blick auf die Echse oben an der Decke. Mit Tieren hatte der junge Captain wenig am Hut – sah man von dem Falken ab, den Talin einst mit gebrochenem Flügel im Wald gefunden und aufgepeppelt hatte, als sie noch Kinder gewesen waren. Doch das war etwas anderes. Um den Vogel hatte er sich gekümmert, weil seine Schwester ihn geliebt hatte, und nichts weiter. Jedes andere Tier, ob Katze oder Ziege, war für ihn letztlich nur Essen auf Beinen. Aber selbst er konnte sich der Faszination der geflügelten Echse nicht völlig entziehen. Und auch das mochte in seiner Kindheit begraben liegen.<br />
Doch er schob den Gedanken und die Erinnerung an andere Zeiten beiseite und wandte sich wieder dem Seemann zu, dessen Worte ihm ein weiteres Mal ein Schmunzeln entlockten. <i>„Ich werte das trotzdem mal als Kompliment.“ </i>Er war pragmatisch genug, um Taróns Einschätzung zuzustimmen. So chaotisch diese Bande von Piraten auch sein mochte – es hätte ihn schlechter treffen können. Das gleiche hatte Lucien vor nur ein paar Wochen schließlich auch gedacht. Diese Crew war definitiv nicht das, was man sich unter blutrünstigen Piraten vorstellte, aber das war auch nicht das, was Lucien gewollt hätte. Was er und Talin sich ausgemalt hatten, als sie klein gewesen waren. Insofern passten sie zu ihm – und sie begannen, ihm ans Herz zu wachsen. Auch wenn das nicht so weit ging, dass er ihren Tod betrauert hätte. Zumindest nicht den eines jeden Crewmitglieds.<br />
Trotzdem neigte er auf den Ausdruck des Mitgefühls, den Tarón ihm erwies, annehmend den Kopf. Die Spur eines Lächelns lag nach wie vor auf seinen Lippen, aber es hatte seine Belustigung verloren und in seiner Stimme lag keine Überheblichkeit. Er klang geradezu nüchtern, hinnehmend. <i>„Das ist das Leben, das wir uns ausgesucht haben.“</i> Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Stattdessen sah sich Lucien nun kurz um, fand einen Augenblick später eine kleine Truhe, die er sich mit dem Fuß heran schob und die ihm darauf als provisorischer Sitzplatz diente, auf dem er sich mit einem leisen Seufzen und ein bisschen umständlicher als sonst niederließ. Dann zuckte er mit den Schultern, dachte darüber nach, wie viel er erzählen musste, um die Situation zu erklären. Nicht ganz sicher, ob er Enriques Vergangenheit als Marinesoldat offen erwähnen sollte. Doch wenn nicht jetzt und von ihm, würde Tarón es ohnehin früher oder später von einem anderen erfahren. Trotzdem zögerte er mit dieser Information. <i>„Ich weiß nicht, ob du von diesem Gefangenentransporter gehört hast, der vor ein paar Wochen vor Asanu in die Luft geflogen ist? Das ging auf unsere Kappe. Und dabei sind ein paar sehr wichtige Männer gestorben und sicherlich auch ein paar üble Kerle davon gekommen, die besser auf Esmacil gelandet wären. Jedenfalls verzeiht unsere holde Königliche Marine so einen Schnitzer an ihrem guten Ruf nicht leicht. Noch dazu hatten wir Hilfe von Innen und ich bin mir fast sicher, dass sie auf zwei Verräter aus den eigenen Reihen noch schärfer sind, als auf das Schiff, das ihren Transporter versenkt hat.“</i> Er schüttelte nur leicht den Kopf, als wäre das nicht der Rede wert, bevor er mit ehrlichem Interesse in den grünen Augen wieder zu Tarón aufsah. <i>„Was ist mit dir? Wie hat es dich auf dieses winzige Eiland verschlagen?“</i></font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Tarón nickte verstehend. Lucien war also eher von der emotional sparsamen Sorte. Eine oft fehlbewertete Eigenschaft, denn im Grunde war sie oftmals hilfreich – gerade für Menschen in Luciens Position. Nicht zu verwechseln mit bösartiger Kälte. Eher gleichzusetzen mit einem gesund distanzierten Blick auf die Dinge, die waren, wie sie nun einmal waren. Und mit seinen Worten hatte der junge Käpt’n Recht: sie hatten es sich ausgesucht. Sie allesamt. Und jeder wusste, dass ein solches Leben mitunter seinen Preis forderte.<br />
<i>„Aye.“</i> Stimmte er daher pragmatisch zu. In dieser Sache waren sie auf einem Nenner.<br />
Tarón wartete gelassen ab, bis Lucien sich eine Sitzgelegenheit herangezogen und sich auf ihr niedergelassen hatte. Beobachtete ihn und nahm neben den Dingen, die er schließlich sagte, auch das zur Kenntnis, was sein Körper ihm verriet.<br />
Der Falke lachte leise auf – und mehr als Belustigung lag Erstaunen in dem Ton. <br />
<i>„Wer hat davon nicht gehört? Die Morgenwind, aye?“</i><br />
Mit einem leisen <i>„Heh.“</i> rückte er sich etwas bequemer zurecht. Welch interessanten Informationen. Interessant und womöglich entscheidend. Das mit der Morgenwind war eine verhältnismäßig große Sache gewesen, die entsprechende Wellen geschlagen hatte. <br />
Verräter in den eigenen Reihen also. In Gedanken ging er die Mannschaft kurz durch und zog vorerst seine Schlüsse – inwieweit er damit richtig lag würde sich sicher noch zeigen.<br />
<i>„Ja, das erklärt den Trubel allerdings. Hm…tja. Scheint also als würde es mit euch nicht langweilig werden!“</i><br />
Diesmal hüpften seine Brauen belustigt nach oben. Dass diese Aussage eine bodenlose Untertreibung war wussten sie beide.<br />
Auf die nächste Frage war er vorbereitet – sie zwang sich nahezu auf. Und Tarón hatte beschlossen Lucien eine ehrliche Antwort zu geben. Wenn auch womöglich keine vollständige. Es war gut möglich, dass der Käpt’n von der Aurora gehört hatte. Das Schiff und seine Mannschaft hatten sich genug Ruf verdient, ehe Taróns Dummheit sie an den Grund des Meeres befördert hatte. Was sie jedoch zum Kentern gebracht hatte wussten nur der Falke und die ein, zwei Seelen, die die Katastrophe ebenfalls überlebt hatten.<br />
<i>„Schiffbruch. Die Aurora, falls sie dir etwas sagt. Unschöne Sache. Sind mit einem Haufen anderer Piraten aneinandergeraten und die hatten leider die Oberhand. Wir sind fast alle abgesoffen.“</i><br />
Wie leicht es ihm fiel darüber zu reden als sei das alles nur ein bedauerlicher kleiner Zwischenfall gewesen. Das Nagen der Ratten in seinem Hinterkopf zu ignorieren und eine weiterhin lockere Mine zur Schau zu stellen.<br />
<i>„Ich hab mich irgendwie bis zu diesem Eiland durchgeschlagen und dann saß ich fest, weil sich fast niemand dorthin verirrt, der ein vorzeigbares Schiff hat. Naja – und dann ging die Sache mit den Kopfgeldjägern auch schon los und nun sind wir beide hier.“</i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Relativ schnell fand Lucien eine Sitzposition, in der sich das Ziehen an seiner Seite ertragen ließ. Ein Bein im halben Schneidersitz auf der Kiste abgelegt, das andere locker ausgestreckt, erlaubte er sich ob der Überraschung in Taróns Lachen ein nicht ganz so bescheidenes Schmunzeln. Den Grund für diesen Überfall nannte er nicht, erzählte weder von seiner Gefangenschaft, noch davon, was Talin hatte anstellen müssen, um ihn ausfindig zu machen. Doch er war stolz auf seine kleine Schwester. Stolz darauf, was sie erreicht hatte. Stolz und wehmütig zugleich – und das war es, was in seinem Lächeln lag. <i>„Genau die“</i>, bestätigte er. <i>„Sagen wir, wir suchen nicht unbedingt nach Ärger. Aber in letzter Zeit findet er uns von ganz allein.“ </i><br />
Nach wie vor lag ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Sorgen machte er sich keine. Diese Art von Abenteuer, Risiko und Adrenalin war das, wonach er suchte. Nicht zwangsläufig das, was Talin und er sich als Kinder ausgemalt hatten, aber genau das, was er inzwischen wollte – und brauchte. Was sollte es auch anderes noch geben? <br />
Dass Tarón bereits ganz ähnliche Erfahrungen mit dieser Art von Ärger gemacht hatte, verrieten dem jungen Captain seine nächsten Worte. Schiffbruch. Mit der Aurora. <i>„Hm... Ich hab‘ von ihr gehört.“</i> Jahre war das inzwischen her. Als er unter dem Kommando seines Vaters die südlichen Inseln besuchte, sie dort ihre Geschäfte machten. Ein Schmuggler wusste gern, welche Fische noch im Ozean schwammen. Und wie groß sie waren. Begegnet war er ihr allerdings nie. Und auch von ihrem Untergang hatte er nichts gewusst. <i>„Ein Jammer“</i>, stellte er nicht ohne ehrliches Bedauern fest. Wenn auch so leise, dass die Worte auch an ihn selbst hätten gerichtet sein können. <br />
Nachdenklich legten sich die grünen Augen wieder auf den Älteren, musterten ihn flüchtig. Fragte sich für einen Moment, ob wohl noch mehr hinter der Geschichte steckte. Doch Taróns Züge wirkten entspannt. Vielleicht nicht glücklich, aber... genügsam. Nun ja. Das war das Leben, das sie gewählt hatten, nicht wahr? Schiffe sanken. Menschen starben. Manchmal traf es die richtigen. Manchmal nicht. Lucien neigte leicht den Kopf, dann kehrte das Schmunzeln auf seine Lippen zurück. <i>„Im Nachhinein wird auch klar, warum da sonst keiner angehalten hat.. Aber jetzt, da du ein Schiff gefunden hast, das dich von dieser Insel holen konnte – wohin zieht es dich als nächstes? Hast du Familie, die auf dich wartet?“</i></font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Natürlich war mehr an der Geschichte dran – musste es sein. Warum sollte eine Handvoll Piraten einen Gefangenentransport angreifen, wenn sie nicht einen Gefangenen befreien wollten? Eine Frage für ein andern Mal – ein leeres Feld in seinem Puzzle, das sich noch früh genug füllen würde. Vielleicht zusammen mit Informationen darüber wer die beiden Marine-Verräter waren. <br />
Das Lächeln in Luciens Gesicht sprach auf jeden Fall seine eigene Sprache. Der Coup – welcher Art er auch genau gewesen sein musste – war offenbar geglückt, das alles kein Vorfall der Bedauern auslöste. Im Gegenteil. Und Tarón verstand ihn, weil er selbst wusste, was es hieß diese Art von Leben, von Abenteuer, zu führen – mit Allem, was das mit sich brachte.<br />
<i>„Aye…“</i> stimmte Tarón zu. Es war ein Jammer. Für ihn persönlich weit mehr als das, aber das ging nur ihn etwas an.<br />
<i>„War ein prächtiges Schiff…eins der schönsten, die ich je gesehen habe…nunja. Weg ist weg, nicht wahr?“</i><br />
Denn so verhielt es sich. Was geschehen war, war geschehen – was fort war, war fort. Ein sehnsuchtsvoller Blick zurück brachte ihn da nicht weiter – deshalb richtete er ihn nach vorne.<br />
<i>„Nein.“</i> Er schüttelte lächelnd den Kopf und ignorierte das Bild von Isala, das vor seinem geistigen Auge aufstieg. Auch das war Vergangenheit – ohne ihn war ihr Leben hoffentlich längst in geregelte Bahnen gekommen. Kein Blick zurück…<br />
Ein Lächeln seinerseits – wach, clever, wie die Augen, die Lucien nun sehr aufmerksam musterten.<br />
<i>„Ich bin so gesehen frei wie der Wind. Nur etwas zielloser.“</i><br />
Er ließ den Blick schweifen, als würde er vor sich das ganze Schiff sehen.<br />
<i>„Von daher, Käpt’n, hätte ich Nichts dagegen einzuwenden ein wenig länger auf der Sphinx zu bleiben und zu sehen, wie es in diesem Abenteuer weitergeht – wenn ihr mich wollt und brauchen könnt. Ist ein gutes Schiff – und verdammt ungewöhnlich.“</i><br />
Und damit lagen seine blauen Falkenaugen wieder auf dem anderen.</font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Weg war weg - so war es nun einmal. Lucien nickte bestätigend, ließ Tarón jedoch auch einen Moment in seinen Gedanken, seinen Erinnerungen, an ein Schiff, das ihm augenscheinlich viel bedeutet hatte. Die kleine Pause, die dadurch in ihrem Gespräch entstand, war nicht unangenehm und als der Ältere schließlich wieder das Wort ergriff, kehrte das Lächeln auf die Lippen des jungen Captains zurück. Befreit von der Trübsinnigkeit verlorener Gefährten, sodass sie das Thema in eine andere Richtung lenken konnten. <br />
<i>„Oh, Hände, die anpacken, können wir immer gebrauchen“</i>, versicherte er ihm und neigte amüsiert den Kopf auf die Seite. <i>„Wenn dir also der Sinn nach ein bisschen Abenteuer steht und du die Marine nicht scheust, bist du bei uns herzlich Willkommen, solange du möchtest. Wir sind allerdings nicht die Art von Piraten, wie du sie wahrscheinlich gewohnt bist.“</i> Die Aurora mochte ein gutes Schiff gewesen sein und ihre Besatzung aus guten Männern bestanden haben - aber sie hatte ihren Ruf. Genauso, wie es die Schiffe der Tarlenn hatten. Ehrlich, loyal, aber unerbittlich bis skrupellos. Die Mannschaft der Sphinx war da anders. <i>„Passend zum Schiff“</i>, hängte er mit leiser Belustigung in der Stimme hintenan, um auf Taróns eigene Worte anzuspielen. Ihn überraschte selbst, wie passend dieser Vergleich war. „Könnte irgendwann eine wirklich gute Geschichte abgeben, wenn du mich fragst.“ Eine Piratencrew, so außergewöhnlich, wie ihr Schiff. <br />
Für den Bruchteil einer Sekunde huschte Wehmut über seine Züge. Er dachte an die beste Fechterin aller Sieben Welten und den Jungen, der auszog, um die Drachen zu finden, und sein Blick huschte wieder hinauf zu der Echse, die auf dem Balken an der Decke hockte. Bis er seine Gefühle wieder im Griff hatte und die Belustigung in die grünen Augen zurückkehrte. <i>„Und wenn ich mir euch zwei so anschaue, passt ihr genauso gut zu uns und diesem Schiff“</i>, stellte er fest.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Nicht die Art Piraten, die er gewohnt war – ja…das hatte er sich bereits gedacht. Nur ein kurzer Eindruck, den er sich bisher hatte machen können – aber er vertraute seiner Menschenkenntnis. Und er begrüßte was sie ihm sagte. <br />
Es war nicht so, dass Tarón mit seinem bisherigen Leben unzufrieden gewesen war – sah man von den Tragödien ab, auf die er natürlich gerne verzichtet hätte. Das raue Leben, ein Leben geprägt von Brutalität und Blut aber auch von echter Kameradschaft hatte er so lange geführt, dass jeder Zweifel daran lange Zeit im Sumpf des Alltags ertrunken gelegen hatte. Ja: er hatte Dinge getan, auf die er selbst nicht stolz war, doch wirklich bereut hatte er sie nicht. Das tat er auch jetzt nicht, auch wenn er sie vielleicht mit etwas anderen Augen sah. Man tat, was man tun musste und manchmal hieß das, dass man sich mit dem Blut derer befleckte, die dieses Schicksal vielleicht nicht verdient hatten. Das war der Lauf der Welt – zumindest der Welt, in der er nun schon so lange gelebt hatte. Doch genossen hatte er das Töten nie. <br />
Er kannte den Rausch der Überlegenheit. Das Bravado eines jüngeren Selbst das in eitler Arroganz alles was es tat für gerecht und gut hielt. Doch selbst damals war es nicht das Blut, an dem er sich betrunken hatte.<br />
Die Aussicht darauf es in Zukunft vielleicht etwas weniger blutrünstig, etwas weniger skrupellos und kaltblütig angehen zu können lockte ihn. Vielleicht wurde er wirklich alt. Vielleicht verstand er auch nur langsam, das Leid immer auch eine Frage der Perspektive war. Mittlerweile hatte er selbst gelitten. Mittlerweile verstand er, was Verlust wirklich bedeutete. <br />
<i>„Hm. Ich denke, Lucien, das ist eine gute Sache. Anders, meine ich. Etwas Neues. Ich denke, das könnte mir gefallen. Und für gute Geschichten bin ich ohnehin immer zu haben.“ </i><br />
Er warf dem anderen ein cleveres Grinsen zu und für einen Moment schienen die Jahre von ihm abgefallen. Ein Junge, der an den Ständen Chikarns vom Mehr im Meer und all den Abenteuern träumte, die sich in den Weiten der Welten finden ließen.<br />
Und auch über Luciens Zügen meinte er eine Welle aus dem Ozean der Vergangenheit streifen zu sehen. Letztendlich waren sie wohl alle einmal Jungen gewesen – Träumer, die das Meer gelockt hatte.<br />
<i>„Warte, bis das Echsenvieh in sein rotes Schuppenkleid wechselt – dann fällt er vor den Segeln garnicht mehr auf.“</i><br />
Lachte er gutgelaunt, ehe er wieder etwas nachdenklicher wurde.<br />
<i>„Ungewöhnlich, in der Tat – die Sphinx stammt nicht aus der ersten Welt.“</i><br />
Eine Feststellung – ein Schiff wie sie hatte er bisher nicht gesehen und auch wenn es hin und wieder immer einmal besonders auffällige und andersartige Schiffe gab, wirkte die Sphinx wahrlich als käme sie von einem ganz anderen Ort. Er müsste sich schon sehr irren, wenn sie in einer Werft der ersten Welt gebaut worden wäre.<br />
<i>„Wie ist sie in eure Hände gekommen?“ </i></font> <br />
<br />
<font color=#458B74>Als Lucien den Blick schließlich wieder von der Echse löste und die tiefgrünen Augen auf Tarón richtete, erschien ein mildes, aber umso ehrlicheres Lächeln auf seinen Lippen, in dem ein deutlicher Ausdruck von Sympathie lag. Er glaubte dem Älteren in diesem Moment jedes seiner Worte. Glaubte eine Spur des Geistes in den sturmblauen Augen zu erkennen, der auch ihn beseelte – oder einst beseelt hatte. Würde es also das sein, was die Sphinx ihnen allen in Zukunft schenkte? Die Aussicht darauf, Teil einer Geschichte zu sein, die man sich in hundert Jahren noch erzählte? Die Aussicht auf Abenteuer, wie sie es sich vielleicht als Kinder erträumt hatten, fern vom düsteren Zynismus der Realität? Fern von Regeln, gesellschaftlichen Zwängen und dem, was ihre Mütter und Väter für sie bestimmt, was ihr Stand ihnen vorgegeben hatte? Wenn ja, dann wäre es genau das, was Talin und er sich in ihrer kindlichen Naivität vorgestellt hatten, als der Traum des Schiffes mit den roten Segeln in ihren Herzen wuchs. Dann hätte sie ihren Zweck erfüllt – für jeden, der sein Zuhause auf ihrem Deck fand. Ein seltsam romantischer Gedanke für seine Verhältnisse.<br />
Lucien nickte schließlich nur, nahm damit den Wunsch, sich ihnen anzuschließen – was auch immer den Mann dazu bewog, nach etwas Neuem, etwas Anderem, als dem Bisherigen zu suchen – in aller Einfachheit an und hob den Blick noch einmal zu der Echse auf dem Balken. <i>„Oh, er wechselt seine Farbe?“</i> Das war... bemerkenswert. Dennoch sprach er die Frage nur leise aus, wie zu sich selbst, ehe Tarón das Gespräch auch schon auf die Sphinx zurücklenkte. Der junge Captain stellte das Schuppentier also zunächst hintenan, auch wenn seine Neugier merklich zunahm. Stattdessen schüttelte er den Kopf. <i>„Nein“</i>, bestätigte er die Vermutung des Älteren. <i>„Zumindest nicht dass ich wüsste. Vielleicht aus einer der angrenzenden Welten, aber ich bin selbst nie weit genug gesegelt, um Schiffen von dort zu begegnen.“</i><br />
Wie von selbst wanderte sein Blick durch das Mannschaftsdeck, das sich mit den Geschützluken, zwischen Balken gespannten Hängematten und sicher vertäuten Kisten und Säcken zumindest hier nicht nennenswert von jedem anderen Schiff unterschied. Auffälliger waren die Segel und der fehlende Kiel – und diese undefinierbaren Wände, die den Frachtraum zerteilten. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass es dank der verbauten Mechanik nicht mehr als vier bis sechs Mann brauchte, um sie zu steuern. Ganz im Gegensatz zu jedem anderen Schiff dieser Größe, das er kannte.<br />
Bei Taróns Frage stahl sich dann wieder ein amüsiertes Schmunzeln auf seine Lippen. Er wandte den Kopf zurück zu dem Älteren. <i>„Gestohlen.“</i> In seinen Augen blitzte der Schalk auf. <i>„Man könnte aber auch ‚befreit‘ sagen, wenn man sie selbst fragt.</i>“ Wobei er mit ‚sie‘ in diesem Fall das Schiff meinte. <i>„Sie gehörte einem mittelklassigen Piraten namens Rondo, der sie ganz bestimmt auch nur von irgendjemandem gestohlen hat. Talin hat als Schiffsjunge verkleidet bei ihm angeheuert und die Mannschaft zu einer Meuterei aufgestachelt. Der eigentliche Plan war, das Schiff meines Vaters zu übernehmen, aber die Mytilus ist vor knapp zwei Jahren versenkt und ich bin verhaftet worden. Talin musste also improvisieren.“</i> Er zuckte flüchtig mit den Schultern und auch wenn er über den Grund für den Überfall auf den Gefangenentransporter bisher geschwiegen hatte, war es doch auch kein Geheimnis. Nun erklärte er sich wohl von selbst. <i>„Jedenfalls... sie war in grauenhaftem Zustand – ist sie noch. Wir steuern also Tarlenngebiet an, um sie reparieren zu lassen. Talin hat... Freunde dort. Falls dich interessiert, wohin es als Nächstes geht.“</i> zwar endete Lucien mit einem Schmunzeln, doch dass ihm Talins Beziehung zu den Tarlenn nicht behagte, lag deutlich in seiner Stimme.</font> <br />
<br />
<font color=#b22222>Für einen Moment spürte Tarón das Band einer verwandten Seele, als Lucien seinem Blick mit dem eigenen begegnete und hielt. Er wagte es, dies als weiteres gutes Zeichen für die nahe Zukunft zu verbuchen – vor allem, weil er das, was aus Luciens Augen zu ihm herüberstrahlte als ehrlich ansah.<br />
 Das Nicken des Käpt‘n bestätigte wohl, dass auch Lucien seinen Worten Glauben schenkte und ihn in der Crew willkommen hieß. <br />
Taróns Mund formte ein seichtes Lächeln, als er Luciens Augen wieder zu Calwah wandern sah und den Ausdruck auf dem Gesicht des anderen las, von dem sich Fragmente auch in seinen leisen Worten wiederfanden. Ein Hauch von Faszination. Etwas, das auch Lucien jünger wirken ließ, als er war und ihn Tarón erneut sehr sympatisch machte.<br />
<i>„Aye…“</i> bestätigte er genauso leise. Auch Taróns Blick glitt erneut hinauf zu der Echse und blieb an einem ihrer über den Balken ragenden Flügelchen hängen.<br />
Die beobachtete er weiterhin, als Lucien seine Feststellung kommentierte und Tarón über die Worte nachdachte. <br />
<i>„Hm.“</i><br />
Gab der Falke schlicht zur Antwort und nickte nachdenklich. Noch ein Geheimnis.<br />
Ein anderes klärte sich unterdessen. Luciens Antwort brachte den Falken dazu seinen Blick wieder auf den Jüngeren zu richten. Natürlich war sie gestohlen – hatte er etwas Anderes erwartet? Nein, denn auch das passte in die Geschichte und manche Dinge hatten die Eigenart sich nahtlos in sie zu fügen. Interessant und unerwartet war, dass es nicht Lucien selbst gewesen war, der sie gestohlen hatte. Auch das Funkeln in Luciens Augen kam ihm bekannt vor. Eine vielleicht verdrehte aber gute Art von Stolz, die er selbst kannte – dass dieser nicht alleine ihm selbst galt ergab noch einen Pluspunkt für den jungen Käpt‘n. Schmunzelnd hörte Tarón zu, lachte sogar leise, tief und anerkennend, als er hörte, wie Talin sich in die Mannschaft eingeschlichen und sie aufgestachelt hatte. Dabei entgingen ihm jedoch nicht die anderen Details in Luciens Worten. Und in seinem Kopf klickten Puzzleteile leise an ihre Plätze. Darum also die Morgenwind. Nur mit seinem Blick ließ Tarón Lucien wissen, dass er diesen Zusammenhang mühelos erkannt hatte. Und auch wenn sich dabei ein weiteres Fass mit Fragen öffnete beließ er es zunächst dabei, um Lucien nicht gleich zu sehr mit ihnen auf die Pelle zu rücken. Gefangennahme – eine hoch dramatische Flucht. Das waren Dinge, in denen Schatten lauerten. Es war noch zu früh diese heraufzubeschwören, nur um seine Neugierde zu stillen. <br />
Und auch ohne diese wahrscheinlich wenig schöne Zeit weiter mit Lucien zu diskutieren, ergab sich auch so neues Futter für diese Neugierde – und neue Fragen.<br />
Die Tarlenn also…nun gut. Das konnte noch nützlich sein. Nicht gefahrlos…aber nützlich. Und ähnlich sah es wohl auch Lucien, denn dem behagte das ganze offenbar wenig – dennoch nahm er es in Kauf.<br />
<i>„Ja, sie hat sicher schon bessere Tage erlebt.“</i> Der Zustand des Schiffes war ihm auch schon aufgefallen – natürlich. Dennoch schien die Sphinx einen noch immer brauchbaren Eindruck zu machen auch wenn sie vor Jahren wohl noch einen ganz anderen Glanz verströmt haben musste. <br />
<i>„Mich interessiert immer wohin es als nächstes geht.“</i> Stellte er mit einem verschmitzten Grinsen in den Raum. <i>„Talins Freunde – nicht deine?“</i></font><br />
<br />
<font color=#458B74>Obgleich seine Sympathie mit diesem Mann mit jeder Minute wuchs, kam Lucien doch nicht umhin, eines zu bemerken: Tarón hatte einen wachsamen Blick, einen scharfen Verstand. Es war die Art, wie er den jungen Captain musterte, wie das Wissen in den Sturmaugen aufblitzte. Die Kenntnis von Dingen, die niemand aussprechen musste, weil er die Fähigkeit besaß, sie sich zu erschließen. Zusammenhänge. Geheimnisse... <br />
Ein unabdingbares Talent für einen echten Strategen und ganz gewiss von größtem Nutzen. Aber umso bedrohlicher für einen Mann, der stets die Maske freundschaftlicher Offenheit zur Schau trug, um von dem abzulenken, was dahinter lag. Einem Schauspieler, wie Lucien es war. Es erinnerte ihn unweigerlich an Ceallagh – den einzigen Menschen, in seinem Leben, den er einst ohne Zögern als Freund bezeichnet hätte. Und der die gleiche Fähigkeit besaß, mehr zu sehen, als er sehen sollte. <br />
Irgendwo schwankend zwischen Sympathie und Misstrauen, zwischen Faszination und Angst, beschloss Lucien, Tarón mit der nötigen Wachsamkeit zu begegnen. Eine Vorsicht, die ihm nach endlos erscheinenden Jahren in Fleisch und Blut übergegangen war. Und von der er zumindest ein halbes Jahr lang geglaubt hatte, sie ablegen zu können. <br />
Ein schweres Ausatmen offenbarte seinen Missmut, als die Fragen seines Gegenübers sich auf die Tarlenn fokussierten. „<i>Nicht meine Freunde, nein.</i>“ Für einen Moment des Haderns biss er die Zähne aufeinander, sodass sich die mahlenden Muskeln seiner Kiefer deutlich unter der wettergegerbten Haut seiner Züge abzeichneten. „<i>Ich habe nichts gegen die Tarlenn, aber ich halte auch nichts davon, in ihrer Schuld zu stehen.</i>“ Die tiefgrünen Augen kreuzten den Blick seines Gegenübers. „<i>So lange, wie du auf See warst, vermute ich, du kennst die Geschichten selbst. Kein Tarlenn erweist einfach so einen Gefallen. Sie sind mit Gegenleistungen verbunden - immer. Und ich bin nicht gern jemandes Marionette.</i>“ <br />
Er stieß ein leises Schnauben aus, schüttelte den Kopf, als ließe sich der Gedanke damit vertreiben, und machte dann Anstalten, sich mühsam wieder zu erheben. „<i>Aber gut, es ist jetzt, wie es ist. Machen wir das Beste draus.</i>“ Das amüsierte Funkeln kehrte zurück in seinen Blick und vertrieb den Gedanken an die Tarlenn. „<i>Ich überlasse dich jetzt wieder deiner Hängematte und deinem schuppigen Freund da oben. Wer weiß, wie lange wir noch die Gelegenheit haben, einfach nur ein bisschen rumzuhängen.</i>“</font> </blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Seven devils all around you. Seven devils in my house.]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1091</link>
			<pubDate>Sun, 13 Feb 2022 15:02:21 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1091</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Seven devils all around you. <br />
Seven devils in my house.</div>
<font size=1>See they were there when I woke up this morning. I'll be dead before the day is done.*<br />
<br />
Früher Nachmittag des 08. Mai 1822  | Talin & Skadi</font></center><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Allmählich hatte dieses dumpfe Gefühl nachgelassen, das seit dem Morgen beständig auf und ab gegangen war und keine Ruhe gegeben hatte. Wie alles andere in den letzten Tagen, hatte Skadi es auch dieses Mal weit in den hintersten Winkel ihrer Wahrnehmung verschoben und sich allem, aber nicht dessen gewidmet. Ein letztes Mal sah sie den Schatten am Horizont zu, ehe sie sich abwandte und auf die ersten Hausreihen des kleinen Dorfes starrte. Unsicher ob sie wirklich einen Abstecher in die Gassen und Ausläufer unternehmen oder doch lieber zum Schiff zurück gehen sollte. Denn das drückende Gefühl in ihrem Magen konnte sie trotz all der Disziplin nicht so einfach überspielen und da sie dem Alkohol bis auf Weiteres abgeschworen hatte, blieb nicht einmal das als lieblicher Ausweg zurück.</font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Leise summend schlich Talin durch die schattigen Gassen des kleinen Ortes. Den Vormittag hatte sie damit verbracht, ihre verkrampften Muskeln und eingerosteten Reflexe zu trainieren. Vielleicht gehörte es nicht gerade zur nettesten Art gering verdienende Menschen auszurauben. Aber Talin sah es so, dass sie noch wenig als diese Leute verdiente, wenn sie sie nicht bestahl. Nun, es war nicht so, als müsste sie ein schlechtes Gewissen beruhigen, weshalb sie darüber nachdachte. Es lag eher daran, dass sie versuchte, sich von dem leise pochenden Schmerz in ihrer Schulter abzulenken. Sie konnte froh sein, dass sie nicht schlimmer verletzt worden war, als sie von den Kopfgeldjägern verfolgt worden waren. Aber die Wunde störte immer noch, obwohl sie sehr gut verheilte.<br />
Talin seufzte leise und trat aus der dunklen Gasse in den Halbschatten der Gebäude am Hafen. Schon wollte sie auf die Sphinx zuhalten, als ihr eine einsame Gestalt auffiel. Es dauerte einen kurzen Moment, dann erkannte sie Skadi und ein bekümmertes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Wann immer sie die Brünette sah, zog sich Talins Herz ein Stück weit zusammen. Ein Grund, warum sie die andere mit Samthandschuhen anfasste, wobei der Blonden dieses Verhalten nicht wirklich lag. <br />
Kurz entschlossen hielt Talin auf Skadi zu, statt auf die Sphinx und blieb mit einem Lächeln vor der anderen stehen. <i>„Hey Skadi. Was tust du hier?“</i></font><br />
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<font color=#BC8F8F>Sie hörte die Schritte, noch ehe sich der blonde Schopf in ihr Blickfeld schob und ihren Herzschlag beschleunigte. Während ihr Geist noch vollkommen träge an den Bildern des gestrigen Abends festhing, drehte sich die Welt in einer solchen Geschwindigkeit, dass sie nicht einmal mehr Zeit dafür hatte, einen Ausfallschritt zur Seite zu nehmen oder den Kopf herum zu drehen. Wie zäher Schleim fixierte ihr Gemüt ihre Gliedmaßen und ließ lediglich die dunklen Augen zur Seite fahren, ehe sich ein mattes Lächeln auf die Züge der Jägerin schlich. <br />
Wenngleich Talin ihr in den letzten Tagen gern mit ihrer penetranten Anwesenheit auf die Nerven ging, tat es gut ein zumindest vertrautes Gesicht zu sehen.<br />
<i>“Hab auf dich gewartet.“</i> Eine Lüge, die sich unter einem süffisanten Zucken ihres Mundwinkels versteckte. <i>“Hast ganz schön lang auf dich warten lassen.“</i><br />
Nur langsam schob Skadi ihre Hände in Richtung Kopf und verschränkte die langen Finger spielerisch im Nacken.</font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Talins Lächeln wich einem Stirnrunzeln bei Skadis Verhalten. Sie wirkte angeschlagen, fast ein wenig langsam. Beinahe so, als hätte sie einen Kater. Aber die Blonde hatte die junge Frau die letzten Tag nichts trinken sehen. Und sie hatte sie die meiste Zeit wirklich gut im Auge behalten. Deshalb kaufte sie ihr auch irgendwie nicht ab, dass Skadi auf sie gewartet hätte. <br />
Talin neigte den Kopf zur Seite und blinzelte ein paar Mal, bevor sie sich vorbeugte und der anderen mit einem Lächeln tief in die Augen sah. <i>„Ich wusste ja nicht, dass du gewartet hast, sonst wäre ich schneller gewesen,“</i> schnurrte sie leise. <i>„Aber warum hast du denn auf mich gewartet?“</i> Sie unterdrückte die Sorge, die in ihr aufwallen wollte. Wenn es nicht um die Ereignisse auf der Kopfgeldjägerinsel ging, dann würde sie auch nicht weiter nachfragen. Sie wollte ja nur da sein. Für den Fall, dass Skadi wirklich jemanden brauchte, der mit ihr zuhörte.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Natürlich durchschaute die junge Dravean jedes ihrer Worte. Die sanften Furchen, die die Sonne auf dem formschönen Gesicht hinterließ, sowie die deutliche Skepsis in den blaugrünen Augen waren überdeutliche Anzeichen dafür, dass sie den Braten roch, noch ehe er freiwillig aus dem Ofen klettern konnte. Skadi selbst dankte ihr jedoch stillschweigend dafür, nicht unnötig nach der Quelle zu graben. <i>“Ich glaube… normale Menschen nennen das… gute Gesellschaft oder so.“</i>, gab die Dunkelhaarige mit geschürzten Lippen von sich und zuckte gespielt unwissend mit den Schultern.</font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Nicht im mindesten überzeugt, stieß Talin ein Schnauben aus und schüttelte den Kopf. Sie hätte erwartet, dass Skadi sich ein wenig mehr anstrengte, aber nichts der gleichen geschah. Stattdessen versuchte sie es wirklich mit so einem billigen Trick? Als ob sie sich einschmeicheln wollte. Nochmals schüttelte die Blonde den Kopf und deutete dann in die Richtung, aus der sie gekommen war. <i>„Wenn du nichts besseres zu tun hast und meine Gesellschaft noch ein wenig genießen willst, dann lass uns in die Stadt gehen.“</i> Obwohl sie ja eigentlich ihre Beute zur Sphinx hatte bringen wollen. Nun, dann würde sie sie eben ausgeben, dass konnte sie schließlich genauso gut. Also änderte sie ihre Pläne einfach und sah ihr Gegenüber mit einem süßlichen Lächeln an. <i>„Oder spricht irgendetwas dagegen?“</i></font><br />
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<font color=#BC8F8F>Ob Talin es persönlich nahm oder nicht, war Skadi im selben Moment, in dem die blonden Locken aufgeregt unter dem deutlichen Kopfschütteln der anderen auf und ab tanzen, vollkommen egal. Hier ging es nicht um irgendetwas Lebenswichtiges. Nichts, dass von Belangen für die Sphinx, die Crew oder ihre Kapitäne war. Und wenn Talin ihr etwas Ablenkung bieten konnte, die Gras über die aufgesprungenen Narben streute, wäre sie ein Dummkopf, es abzulehnen. <br />
<i>“Wüsste nicht was.“</i> Nur langsam kehrte das warme Schmunzeln zurück, das sie in Gegenwart der Jüngeren öfter an den Tag legte. Gepaart mit diesem süffisanten Grinsen, das heute womöglich etwas länger auf sich warten lassen würde. <br />
<i>“Was macht deine Wunde?“</i> Die Jägerin hatte sich allmählich in Bewegung gesetzt und folgte blind dem Fingerzeig Talins in die Stadt hinein. Ihr Blick ruhte immer wieder im langsamen Wechsel auf dem Blondschopf und der relativ belebten Umgebung. </font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Immer noch mit einem Hauch Skepsis im Blick, zuckte Talin schließlich mit den Schultern und wandte sich in Richtung Stadt. Dennoch ging ihr dabei Skadis Verhalten nicht aus dem Kopf. Sie benahm sich...seltsam. Irgendetwas schien vorgefallen zu sein, oder vielleicht hatte sie auch einfach an all den Mist zurückgedacht, der vor nicht all zu langer Zeit geschehen war. So oder so, Talin hatte das Gefühl sie müsste etwas tun und deshalb entschied sie sich kurz entschlossen, die Dunkelhaarige einfach abzulenken. Sowohl von ihren Gedanken und Schmerzen, als auch von den Blicken, die die Blonde nicht verhindern konnte, ihr zu zuwerfen. Ein wenig fürchtete sie sich fast, irgendwann dafür verprügelt zu werden. <br />
Deshalb war sie auch ganz froh, dass Skadi von sich aus, das Gespräch suchte. <i>„Hm, eigentlich ziemlich gut. Manchmal ziept es noch ein wenig, aber ich bin so gut wie wieder hergestellt.“</i> Sie musterte die andere Frau, als sie in den Schatten der Häuser eintraten. <i>„Und deine Wunden? Dich hat es doch auch ziemlich erwischt.“</i> Und zwar nicht nur körperlich.</font><br />
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<font color=#BC8F8F>Vielleicht mochten die Verletzungen von Talin und ihr nicht nennenswert sein, verglichen mit dem, was den Herrschaften widerfahren war. Doch für die Nordskov war es nicht weniger bedeutend – abgesehen von ihrem eigenen Zustand natürlich. Fast als wollte sie sich der Tatsache selbst vergewissern, glitten die dunklen Augen für einen Moment vom Gesicht ihres Kapitäns hinab zu ihrer Brust. An eben jene Stelle zwischen Schulter und Saum ihres Oberteils, an dem sich der Dolch des Kopfgeldjägers in ihre Haut gebohrt hatte. Nur um bei ihrer Frage augenblicklich wieder hinauf zu schnellen und unter einem amüsierten Schnauben zur Seite zu gleiten. <br />
<i>“Absolut aushaltbar. Ein paar Schrammen und Prellungen haben mich noch nie kleingekriegt.“</i> Dass Talin jedoch nicht DARAUF hinaus wollte, war ihr mehr als bewusst. Darauf antworten würde sie allerdings nicht. Nicht heute. Vielleicht nie. Und wieder kehrte dieses seltsame Gefühl zurück, das bereits an jenem Abend auf Mîlui präsent gewesen war. Dieser innere Kampf zwischen dem, was ihr altes Ich getan hätte und ihr Neues tunlichst vermied. Ob es klug war sich Talin anzuvertrauen? Ihr zu erzählen, was Liam bereits wusste und Enrique womöglich erahnte? Gott war sie grauenvoll im Umgang mit sozialen Kontakten geworden.</font><br />
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<font color=#66CDAA>Sie wollte in Skadis Seite oder gegen ihre Schulter schlagen, einfach nur, um zu sehen, ob die andere Frau ihr auch wirklich die Wahrheit sagte. Also, natürlich glaubte sie ihr, wenn sie meinte, ein paar Schrammen würden sie nicht stören. Bei allen Welten, sie hatte länger verkleidet auf einem Marineschiff ausgehalten, als Talin selbst auf einem Piratenschiff. Und auf so einem Schipper voller Soldaten fuhren auf jeden Fall mehr vom anderen Geschlecht mit, als unter Captain Rondo damals. Allein dafür musste sie die andere Frau bewundern und kaufte ihr sofort ab, dass sie widerstandsfähiger war, als andere. Und trotzdem fühlte es sich immer noch nicht richtig an. Als wäre da noch etwas, abgesehen von dem, was in ihrer Seele lauerte. Sie nickte und trat auf einen kleinen Marktplatz hinaus, den sie vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte. Die Stände reihten sich dicht an dicht und zwischen ihnen gingen Besucher fröhlich schwatzend umher. An einem Stand ganz in der Nähe, wurde Radau ausgelöst, als der kräftige Besitzer sich einen Jungen schnappte und schallende Ohrfeige verpasste. Der Junge starrte ihn nur trotzig an. Talin seufzte leise und sah zu Skadi, musterte sie aufmerksam. <i>„Was denkst du? Sollten wir uns einmischen?“</i></font><br />
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<font color=#BC8F8F>Hatte sie sich für einen Augenblick von Talin abgewandt und den Blick auf die Auslagen der Stände neben sich gerichtet, lockte lautstarkes Gezeter ihre Aufmerksamkeit nun auf zwei Gestalten ein paar Armlängen voraus. Im ersten Moment wirkten sie wie Vater und Sohn. Vertieft in eine Auseinandersetzung, die Skadi unweigerlich an ihren Vater erinnerte. <br />
<i>“Wieso sollten wir?“</i> Wirkten die Worte zunächst gleichgültig, waren sie doch gänzlich anderer Natur, als Talin womöglich glauben konnte. Ganz sicher hing sie sich nicht in andere Leute Belange, schon gar nicht in erzieherische Maßnahmen eines Vaters.<br />
<font color=#1B8539><i>“Du hast mir gar nichts zu sagen!“</i></font>, brüllend hallten die Worte des Jungen über den Platz hinweg. Schwappten gegen die zwei Frauen, die nach nur wenigen Schritten am Stand des Hünen stehen blieben. Skadi den Blick auf die Waren gerichtet. Augenscheinlich wenig von dem Gerangel beeindruckt.<br />
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<i>“ Wie viel kostet die?“</i> Nur langsam hob sich der dunkle Haarschopf und fixiert das puderrote Gesicht des Händlers, der irritiert und mit kochendem Blut in den Adern zu ihr herum sah. Demonstrativ deutete Skadi mit einem Finger auf die Halskette, deren Steine ganz offensichtlich poliert worden waren, um wertvoller zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren. </font><br />
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<font color=#66CDAA><i>„Ja, natürlich. Warum sollten wir, nicht wahr?“</i> Und trotzdem nahmen sie irgendwie den Weg, der zwangsweise an dem Stand vorbeiführte, an dem sich der Mann und das Kind anschrien. Talin biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen, als Skadi sich eiskalt über die Warenauslage beugte und den Mann ansprach. Der wirkte völlig verwirrt, weil er nicht damit rechnete, dass er in so einem Augenblick Kundschaft erhalten könnte. Der Blick der Blonden wanderte weiter zu dem Jungen, dessen Gesicht, die Farbe seiner roten Haare angenommen hatte. Er ballte immer noch wütend die Fäuste und seine Wange schwoll ein klein wenig an. Offensichtlich hatte der Mann nicht mit Kraft gegeizt, als er zugeschlagen hatte. <br />
Als hätte er einen Hebel in sich betätigt, veränderte sich das Verhalten des Verkäufers, nachdem er die erste Verwirrung überwunden hatte. Geflissentlich trat er näher zu Skadi, auch wenn man immer noch sehen konnte, wie eine Ader an seiner Stirn vor Wut pochte. <br />
<font color=#3E1467><i>„Das gute Stück kostet Euch nur 28 Achter, gute Dame.“</i></font> Talin schnaubte. So viel war der Plunder niemals wert. Und weil der Junge anscheinend immer noch wütend war, mischte er sich einfach ein. <font color=#1B8539>„Das ist nicht wahr! Mein Vater hat es schätzen lassen, nachdem meine Schwester ein halbes Vermögen für so eine Kette ausgegeben hat. Es ist nur Plunder! Und jetzt will ich unser Geld zurück!“</font> Ah, dann waren die beiden also doch nicht Vater und Sohn.</font><br />
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<font color=#BC8F8F>Skadi verließ ein abschätziges, halb „amüsiertes“ Grunzen bei seinen Worten. Die Augen erst auf der Kette, dann auf dem Verkäufer gerichtet, dessen Temperament schlagartig abgekühlt war. Hatte ihr noch ein sarkastischer Kommentar über die Lippen gleiten wollen, rückte die vibrierende Stimme des Jungen in den Vordergrund. Darum war es also bei ihrem Streit gegangen, interessant. Mit erhobener Augenbraue erhob sich die Nordskov zur vollen Größe, musterte den Fremden skeptisch, dessen Wangen Sekunde um Sekunde erneut von roten Flecken überzogen wurde, ehe sie an seiner breiten Gestalt zu dem Rotschopf hinab sah. <br />
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<font color=#3E1467><i>“Das ist Verleumdung!“</i></font><br />
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<i>“Ach… wirklich?“</i> Ein bitteres Auflachen stahl sich aus der Kehle der Nordskov. <i>“So wie eure Kette dort nicht den Wert von ein paar Murmeln hat?“ </i><br />
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Der Hüne japste. Zauberte Skadi damit ein süffisantes Lächeln auf die Lippen, während sie sich zu dem Schmuckstück herab bückte und es mit Daumen und Zeigefinger vor ihr Gesicht hob.<br />
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<i>“Oder wollt ihr mir weiß machen, dass diese Edelsteine nicht aus Glas sind?“</font></i><br />
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<font color=#66CDAA>Talin schnalzte mit der Zunge, als der Händler wieder auffuhr. Sie machte sich bereit, zwischen ihn und den Jungen zu treten, für den Fall, dass es wieder zu Handgreiflichkeiten kommen sollte. Aber Skadi zog die Aufmerksamkeit des Mannes einfach wieder auf sich und bohrte ihren Finger noch einmal in die Wunde hinein, die der Junge geschlagen hatte. <br />
Die Blonde schmunzelte belustigt, hielt sich aber aus dem Streit heraus, sondern beobachtete nur, wie der Mann rot wurde und sich wand. <br />
<font color=#3E1467><i>„Meine Dame, bitte. Ich habe nie gesagt, es wären echte Edelsteine, die hier ausliegen. Da würde ich mich ja vor Dieben, wie dem Burschen, kaum retten können.“ </font></i>Er funkelte den Jungen böse an, der ebenso erbost zurück starrte. Dann wandte sich der Verkäufer mit einem kleinen Lächeln an Skadi. <font color=#3E1467><i>„Ich habe den Jungen mit der Hand in meiner Kasse erwischt. Daher habe ich ihn geschlagen und wollte ihn zu den Bütteln bringen. Ich weiß nichts davon, ihm oder seinen Angehörigen eine Kette verkauft zu haben.“</i></font> – <font color=#1B8539><i>„Lüge!“</i></font> Der Junge spie das Wort aus, als wollte er dem Mann am liebsten ins Gesicht spucken. Er kramte in einer zerlumpten Tasche und holte eine silberne Kette mit blauen Steinen heraus. Talin schnalzte erneut mit der Zunge und sah zu der Kette in Skadis Hand. Ziemlich identisch. Doch der Mann wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Wieder lief er rot an, seine Ader auf der Stirn pochte. <font color=#3E1467>„Du dreckiger Lump! Die hast du mir gerad von der Auslage geklaut!“</font> Er erhob die Hand und wollte wieder nach dem Kind schlagen.</font><br />
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<font color=#BC8F8F>Den Jungen zu schlagen war eine Sache. Sich auch noch mit Worten aus so einer Situation heraus zu winden und sie für blöd zu verkaufen eine ganz andere. Augenblicklich rollten die Augen der Dunkelhaarigen genervt zur Seite, gefolgt von einem schweren Seufzen, indem die Kette klimpernd unter einem festen Griff ihrer Finger zusammenkrachte. Doch noch ehe sie sich wortgewaltig darüber auslassen konnte, mit welchen fadenscheinigen Argumenten er um sich warf und für wie dumm er sie eigentlich hielt, kam plötzlich Bewegung in die Szenerie. <br />
Fast schon aus Reflex schnellte die freie Hand zum Handgelenk des Hünen hinauf. Gefolgt von einem Blick, der ihn nur zu gern in tausend Einzelteile zerlegte. Hatte Skadi noch vor wenigen Minuten vorgehabt sich aus dieser Angelegenheit heraus zu halten, war es nun ihr Körper der vollkommen eigenmächtig über den Werdegang dieser Auseinandersetzung entschied. Zumindest in einem konnte sie sich kontrollieren: ihren Kopf von einer eher schmerzhaften Begrüßung mit seinem Gesicht abzuhalten.<br />
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<i>“Na aber. Wir wollen doch nicht gleich handgreiflich werden, oder?“</i><br />
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Ein tiefes Brummen drang aus seiner Kehle, prallte jedoch an der eiskalten Ausstrahlung der Jägerin ab, dessen feine Züge ein erhabenes Lächeln zierte. <br />
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<i>“Wäre doch ein Jammer EUCH zu den Bütteln bringen zu müssen.“</i></font><br />
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<font color=#66CDAA>Talins Mundwinkel zuckten in die Höhe, ebenso wie ihre Augenbraue. <i>„Nein, wir wollen uns gar nicht einmischen,“</i> flüsterte sie leise und seufzte dann. Sie löste die verschränkten Arme und ging auf den Jungen zu. Er mochte vielleicht acht oder neun Jahre alt sein. Das er hier stand und Gerechtigkeit für seine Familie forderte, war bemerkenswert. Oder eine Lüge. So oder so. Sie konnte es einfach nicht leiden, wenn Erwachsene Kinder schlugen. <br />
Mit einem sanften Lächeln ging sie vor dem Kind in die Hocke und ignorierte seinen skeptischen Blick. Sie wusste, Skadi würde den Mann hinhalten können, auch wenn er sich schon mit drohendem Gesichtsausdruck von dem Jungen zu Skadi umgewandt. Was für ein Idiot. Während sie den Jungen also weiter musterte, hörte sie den Mann mit gepresster Stimme reden. <font color=#3E1467><i>„Meine Dame, ich verstehe, wenn Frauen Kinder beschützen möchten, aber der Bursche ist ein gemeiner Dieb. Und das Ihr meine Ware beschädigt habt, muss ich euch leider in Rechnung stellen.“</i></font> Hörte Talin da etwas so was wie Gier aus seiner Stimme? Glaubte er etwa wirklich, sie würden nicht zur Stadtwache gehen und ihn anzeigen? Nun, vielleicht war das momentan keine gute Idee bei den ganzen Steckbriefen. Wobei sie wenig Ähnlichkeit mit ihnen hatten. <br />
Talin schüttelte den Kopf und sah den Jungen an. <i>„Wie viel hat deine Schwester für die Kette bezahlt?“</i> Seine Augen verengten sich noch skeptischer, bevor er auf die Kette hinunter sah und dann wieder zu der Blonden. <font color=#1B8539><i>„23 Achter,“</i></font> sagte er sehr, sehr leise. <font color=#1B8539><i>„Sie sollte damit eigentlich Essen für die Woche holen.“</i></font> Talin schnaubte angewidert und sah sich zu Skadi um. <i>„23 Achter soll die Kette gekostet haben. Was meinst du, meine Liebe?“</i></font><br />
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<font color=#BC8F8F><i>“Da wo ich herkomme, spannt man Scharlatane wie sie nackt hinter einen Karren und lässt sie durch die ganze Stadt schleifen, damit der dumme Pöbel wie wir ihn mit Abfall bewerfen kann… oder man schneidet ihnen alternativ die Hand ab.“</i> Manchmal tat man dies auch mit Dieben, aber DAS war wohl ein Punkt, den sie lieber unausgesprochen ließ. Ohnehin nahm dieses Gespräch eine Richtung an, die sie eigentlich hatte vermeiden wollen. Für die nächsten Tage und Wochen. Aber das Leben hatte wohl – wie allzu oft – seine eigenen Pläne. <br />
<i>“Aber ich werde mal nicht so sein. Immerhin braucht ihr sicher beide, um diesen Schrott an die Frau und euch ein bisschen private Freude zu bringen.“</i> Demonstrativ ließ sie von ihm ab und drückte ihm die Kette gegen die Brust. Nicht, dass sie vor lauter Anspannung wirklich noch Kratzer in diesem kostbaren Glas hinterließ oder dazu überging das hässliche Teil in seine Visage zu drücken. Gerade heute, wo sie ihre Dämonen in einem ruhigen Tiefschlaf zurückgelassen hatte und wusste, dass ihre Kraft nicht reichte, um sie dorthin zurück zu sperren.<br />
Für Talins Worte hatte die Jägerin nur ein herablassendes Schnauben übrig. Gefolgt von einem tadelnden Schnalzen ihrer Zunge, das sie gegen den Hünen richtete, der noch immer schnaubend, aber mit deutlich angeschwellter Brust vor  ihr stand. Nur noch ein Quenchen mehr und er würde ausrasten. Über sie herfallen und es für alle Beteiligte sehr viel einfacher machen, diese Diskussion zu einem Ende zu führen. Mit der Quintessenz, dass es nicht IHR Verschulden gewesen war. <br />
<font color=#3E1467><i>“Das ist unerhört! Was fällt ihnen ein?!“</i></font><br />
<i>“Wie hoch ist wohl die Strafe für Betrug? 100 Achter? 200? Oder wird man hier öffentlich auf dem Markt ausgepeitscht?“</i><br />
Ihr Blick glitt zur Seite. Fixierte am Ende der Straße eine kleine Gruppe junger Männer. Na wenn das nicht jene Bütteln waren, die der Fremde angesprochen hatten.</font><br />
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<font color=#66CDAA>Skadis Reaktion auf ihre Worte entsprachen in etwa Talins eigener. Nur der Standbesitzer wollte sich die Frechheiten der beiden Frauen wohl nicht auf sich sitzen lassen und plusterte sich vor ihren Augen auf. Obwohl sie sich ja eigentlich nicht einmischten, trat die Blonde zum Schutz vor den Jungen, damit er nichts von dem abbekam, was auch immer ihnen durch eine wörtliche Drohung zugefügt werden sollte. Skadi schien den Mann gar nicht richtig zu beachten, sondern an ihm vorbei zu sehen. Talin folgte ihrem Blick und schnitt eine Grimasse zwischen Grinsen und Missmut. Sie wusste nicht, ob es wirklich eine so gute Idee war, die Büttel in die ganze Sache mit einzubeziehen. Aber wenn der Mann noch lauter schrie, dann würde es sich sowieso nicht vermeiden lassen. Und anscheinend hatte er Skadis Fragen gleich als Drohung aufgefasst. <font color=#3E1467><i>„Was soll das heißen!?!?“</i></font>, wetterte er los. <font color=#3E1467><i>„Wollt ihr mich einer Straftat bezichtigen, weil so ein dummes Ding ihr Geld nicht bei sich behalten kann?!?!?“</i></font> Seine Stimme hallte durch die Luft über den restlichen Lärm des Marktes und ließ alles um sie herum verstummen. Die jungen Männer in ihren Uniformen waren nun doch auf sie aufmerksam geworden und setzten sich mit wachsamen Gesichtsausdrücken zu ihnen in Bewegung. <i>„Dann gebt ihr also zu, seiner Schwester die Kette verkauft zu haben? Der Junge ist also kein Dieb?“</i> Der Händler lief rot an vor Zorn, ob auf sich selbst oder wegen Talins ruhiger Worte, dass wusste sie nicht. Aber in dem Moment schien irgendetwas in ihm zu reißen. Er hob den Arm, als wollte er zuschlagen, warf aber nur die Kette nach der Blonden, die sie schmerzhaft an der Schläfe traf. Wie alt war der Typ? Aber anscheinend reiche ihm das nicht, um seine Wut zu besänftigen. Stattdessen drehte er sich halb um und machte sich daran Skadi anzugreifen. Was für ein dummer, wirklich dummer Fehler.</font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Seven devils all around you. <br />
Seven devils in my house.</div>
<font size=1>See they were there when I woke up this morning. I'll be dead before the day is done.*<br />
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Früher Nachmittag des 08. Mai 1822  | Talin & Skadi</font></center><br />
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<font color=#BC8F8F>Allmählich hatte dieses dumpfe Gefühl nachgelassen, das seit dem Morgen beständig auf und ab gegangen war und keine Ruhe gegeben hatte. Wie alles andere in den letzten Tagen, hatte Skadi es auch dieses Mal weit in den hintersten Winkel ihrer Wahrnehmung verschoben und sich allem, aber nicht dessen gewidmet. Ein letztes Mal sah sie den Schatten am Horizont zu, ehe sie sich abwandte und auf die ersten Hausreihen des kleinen Dorfes starrte. Unsicher ob sie wirklich einen Abstecher in die Gassen und Ausläufer unternehmen oder doch lieber zum Schiff zurück gehen sollte. Denn das drückende Gefühl in ihrem Magen konnte sie trotz all der Disziplin nicht so einfach überspielen und da sie dem Alkohol bis auf Weiteres abgeschworen hatte, blieb nicht einmal das als lieblicher Ausweg zurück.</font><br />
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<font color=#66CDAA>Leise summend schlich Talin durch die schattigen Gassen des kleinen Ortes. Den Vormittag hatte sie damit verbracht, ihre verkrampften Muskeln und eingerosteten Reflexe zu trainieren. Vielleicht gehörte es nicht gerade zur nettesten Art gering verdienende Menschen auszurauben. Aber Talin sah es so, dass sie noch wenig als diese Leute verdiente, wenn sie sie nicht bestahl. Nun, es war nicht so, als müsste sie ein schlechtes Gewissen beruhigen, weshalb sie darüber nachdachte. Es lag eher daran, dass sie versuchte, sich von dem leise pochenden Schmerz in ihrer Schulter abzulenken. Sie konnte froh sein, dass sie nicht schlimmer verletzt worden war, als sie von den Kopfgeldjägern verfolgt worden waren. Aber die Wunde störte immer noch, obwohl sie sehr gut verheilte.<br />
Talin seufzte leise und trat aus der dunklen Gasse in den Halbschatten der Gebäude am Hafen. Schon wollte sie auf die Sphinx zuhalten, als ihr eine einsame Gestalt auffiel. Es dauerte einen kurzen Moment, dann erkannte sie Skadi und ein bekümmertes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Wann immer sie die Brünette sah, zog sich Talins Herz ein Stück weit zusammen. Ein Grund, warum sie die andere mit Samthandschuhen anfasste, wobei der Blonden dieses Verhalten nicht wirklich lag. <br />
Kurz entschlossen hielt Talin auf Skadi zu, statt auf die Sphinx und blieb mit einem Lächeln vor der anderen stehen. <i>„Hey Skadi. Was tust du hier?“</i></font><br />
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<font color=#BC8F8F>Sie hörte die Schritte, noch ehe sich der blonde Schopf in ihr Blickfeld schob und ihren Herzschlag beschleunigte. Während ihr Geist noch vollkommen träge an den Bildern des gestrigen Abends festhing, drehte sich die Welt in einer solchen Geschwindigkeit, dass sie nicht einmal mehr Zeit dafür hatte, einen Ausfallschritt zur Seite zu nehmen oder den Kopf herum zu drehen. Wie zäher Schleim fixierte ihr Gemüt ihre Gliedmaßen und ließ lediglich die dunklen Augen zur Seite fahren, ehe sich ein mattes Lächeln auf die Züge der Jägerin schlich. <br />
Wenngleich Talin ihr in den letzten Tagen gern mit ihrer penetranten Anwesenheit auf die Nerven ging, tat es gut ein zumindest vertrautes Gesicht zu sehen.<br />
<i>“Hab auf dich gewartet.“</i> Eine Lüge, die sich unter einem süffisanten Zucken ihres Mundwinkels versteckte. <i>“Hast ganz schön lang auf dich warten lassen.“</i><br />
Nur langsam schob Skadi ihre Hände in Richtung Kopf und verschränkte die langen Finger spielerisch im Nacken.</font><br />
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<font color=#66CDAA>Talins Lächeln wich einem Stirnrunzeln bei Skadis Verhalten. Sie wirkte angeschlagen, fast ein wenig langsam. Beinahe so, als hätte sie einen Kater. Aber die Blonde hatte die junge Frau die letzten Tag nichts trinken sehen. Und sie hatte sie die meiste Zeit wirklich gut im Auge behalten. Deshalb kaufte sie ihr auch irgendwie nicht ab, dass Skadi auf sie gewartet hätte. <br />
Talin neigte den Kopf zur Seite und blinzelte ein paar Mal, bevor sie sich vorbeugte und der anderen mit einem Lächeln tief in die Augen sah. <i>„Ich wusste ja nicht, dass du gewartet hast, sonst wäre ich schneller gewesen,“</i> schnurrte sie leise. <i>„Aber warum hast du denn auf mich gewartet?“</i> Sie unterdrückte die Sorge, die in ihr aufwallen wollte. Wenn es nicht um die Ereignisse auf der Kopfgeldjägerinsel ging, dann würde sie auch nicht weiter nachfragen. Sie wollte ja nur da sein. Für den Fall, dass Skadi wirklich jemanden brauchte, der mit ihr zuhörte.</font><br />
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<font color=#BC8F8F>Natürlich durchschaute die junge Dravean jedes ihrer Worte. Die sanften Furchen, die die Sonne auf dem formschönen Gesicht hinterließ, sowie die deutliche Skepsis in den blaugrünen Augen waren überdeutliche Anzeichen dafür, dass sie den Braten roch, noch ehe er freiwillig aus dem Ofen klettern konnte. Skadi selbst dankte ihr jedoch stillschweigend dafür, nicht unnötig nach der Quelle zu graben. <i>“Ich glaube… normale Menschen nennen das… gute Gesellschaft oder so.“</i>, gab die Dunkelhaarige mit geschürzten Lippen von sich und zuckte gespielt unwissend mit den Schultern.</font><br />
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<font color=#66CDAA>Nicht im mindesten überzeugt, stieß Talin ein Schnauben aus und schüttelte den Kopf. Sie hätte erwartet, dass Skadi sich ein wenig mehr anstrengte, aber nichts der gleichen geschah. Stattdessen versuchte sie es wirklich mit so einem billigen Trick? Als ob sie sich einschmeicheln wollte. Nochmals schüttelte die Blonde den Kopf und deutete dann in die Richtung, aus der sie gekommen war. <i>„Wenn du nichts besseres zu tun hast und meine Gesellschaft noch ein wenig genießen willst, dann lass uns in die Stadt gehen.“</i> Obwohl sie ja eigentlich ihre Beute zur Sphinx hatte bringen wollen. Nun, dann würde sie sie eben ausgeben, dass konnte sie schließlich genauso gut. Also änderte sie ihre Pläne einfach und sah ihr Gegenüber mit einem süßlichen Lächeln an. <i>„Oder spricht irgendetwas dagegen?“</i></font><br />
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<font color=#BC8F8F>Ob Talin es persönlich nahm oder nicht, war Skadi im selben Moment, in dem die blonden Locken aufgeregt unter dem deutlichen Kopfschütteln der anderen auf und ab tanzen, vollkommen egal. Hier ging es nicht um irgendetwas Lebenswichtiges. Nichts, dass von Belangen für die Sphinx, die Crew oder ihre Kapitäne war. Und wenn Talin ihr etwas Ablenkung bieten konnte, die Gras über die aufgesprungenen Narben streute, wäre sie ein Dummkopf, es abzulehnen. <br />
<i>“Wüsste nicht was.“</i> Nur langsam kehrte das warme Schmunzeln zurück, das sie in Gegenwart der Jüngeren öfter an den Tag legte. Gepaart mit diesem süffisanten Grinsen, das heute womöglich etwas länger auf sich warten lassen würde. <br />
<i>“Was macht deine Wunde?“</i> Die Jägerin hatte sich allmählich in Bewegung gesetzt und folgte blind dem Fingerzeig Talins in die Stadt hinein. Ihr Blick ruhte immer wieder im langsamen Wechsel auf dem Blondschopf und der relativ belebten Umgebung. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Immer noch mit einem Hauch Skepsis im Blick, zuckte Talin schließlich mit den Schultern und wandte sich in Richtung Stadt. Dennoch ging ihr dabei Skadis Verhalten nicht aus dem Kopf. Sie benahm sich...seltsam. Irgendetwas schien vorgefallen zu sein, oder vielleicht hatte sie auch einfach an all den Mist zurückgedacht, der vor nicht all zu langer Zeit geschehen war. So oder so, Talin hatte das Gefühl sie müsste etwas tun und deshalb entschied sie sich kurz entschlossen, die Dunkelhaarige einfach abzulenken. Sowohl von ihren Gedanken und Schmerzen, als auch von den Blicken, die die Blonde nicht verhindern konnte, ihr zu zuwerfen. Ein wenig fürchtete sie sich fast, irgendwann dafür verprügelt zu werden. <br />
Deshalb war sie auch ganz froh, dass Skadi von sich aus, das Gespräch suchte. <i>„Hm, eigentlich ziemlich gut. Manchmal ziept es noch ein wenig, aber ich bin so gut wie wieder hergestellt.“</i> Sie musterte die andere Frau, als sie in den Schatten der Häuser eintraten. <i>„Und deine Wunden? Dich hat es doch auch ziemlich erwischt.“</i> Und zwar nicht nur körperlich.</font><br />
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<font color=#BC8F8F>Vielleicht mochten die Verletzungen von Talin und ihr nicht nennenswert sein, verglichen mit dem, was den Herrschaften widerfahren war. Doch für die Nordskov war es nicht weniger bedeutend – abgesehen von ihrem eigenen Zustand natürlich. Fast als wollte sie sich der Tatsache selbst vergewissern, glitten die dunklen Augen für einen Moment vom Gesicht ihres Kapitäns hinab zu ihrer Brust. An eben jene Stelle zwischen Schulter und Saum ihres Oberteils, an dem sich der Dolch des Kopfgeldjägers in ihre Haut gebohrt hatte. Nur um bei ihrer Frage augenblicklich wieder hinauf zu schnellen und unter einem amüsierten Schnauben zur Seite zu gleiten. <br />
<i>“Absolut aushaltbar. Ein paar Schrammen und Prellungen haben mich noch nie kleingekriegt.“</i> Dass Talin jedoch nicht DARAUF hinaus wollte, war ihr mehr als bewusst. Darauf antworten würde sie allerdings nicht. Nicht heute. Vielleicht nie. Und wieder kehrte dieses seltsame Gefühl zurück, das bereits an jenem Abend auf Mîlui präsent gewesen war. Dieser innere Kampf zwischen dem, was ihr altes Ich getan hätte und ihr Neues tunlichst vermied. Ob es klug war sich Talin anzuvertrauen? Ihr zu erzählen, was Liam bereits wusste und Enrique womöglich erahnte? Gott war sie grauenvoll im Umgang mit sozialen Kontakten geworden.</font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Sie wollte in Skadis Seite oder gegen ihre Schulter schlagen, einfach nur, um zu sehen, ob die andere Frau ihr auch wirklich die Wahrheit sagte. Also, natürlich glaubte sie ihr, wenn sie meinte, ein paar Schrammen würden sie nicht stören. Bei allen Welten, sie hatte länger verkleidet auf einem Marineschiff ausgehalten, als Talin selbst auf einem Piratenschiff. Und auf so einem Schipper voller Soldaten fuhren auf jeden Fall mehr vom anderen Geschlecht mit, als unter Captain Rondo damals. Allein dafür musste sie die andere Frau bewundern und kaufte ihr sofort ab, dass sie widerstandsfähiger war, als andere. Und trotzdem fühlte es sich immer noch nicht richtig an. Als wäre da noch etwas, abgesehen von dem, was in ihrer Seele lauerte. Sie nickte und trat auf einen kleinen Marktplatz hinaus, den sie vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte. Die Stände reihten sich dicht an dicht und zwischen ihnen gingen Besucher fröhlich schwatzend umher. An einem Stand ganz in der Nähe, wurde Radau ausgelöst, als der kräftige Besitzer sich einen Jungen schnappte und schallende Ohrfeige verpasste. Der Junge starrte ihn nur trotzig an. Talin seufzte leise und sah zu Skadi, musterte sie aufmerksam. <i>„Was denkst du? Sollten wir uns einmischen?“</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Hatte sie sich für einen Augenblick von Talin abgewandt und den Blick auf die Auslagen der Stände neben sich gerichtet, lockte lautstarkes Gezeter ihre Aufmerksamkeit nun auf zwei Gestalten ein paar Armlängen voraus. Im ersten Moment wirkten sie wie Vater und Sohn. Vertieft in eine Auseinandersetzung, die Skadi unweigerlich an ihren Vater erinnerte. <br />
<i>“Wieso sollten wir?“</i> Wirkten die Worte zunächst gleichgültig, waren sie doch gänzlich anderer Natur, als Talin womöglich glauben konnte. Ganz sicher hing sie sich nicht in andere Leute Belange, schon gar nicht in erzieherische Maßnahmen eines Vaters.<br />
<font color=#1B8539><i>“Du hast mir gar nichts zu sagen!“</i></font>, brüllend hallten die Worte des Jungen über den Platz hinweg. Schwappten gegen die zwei Frauen, die nach nur wenigen Schritten am Stand des Hünen stehen blieben. Skadi den Blick auf die Waren gerichtet. Augenscheinlich wenig von dem Gerangel beeindruckt.<br />
<br />
<i>“ Wie viel kostet die?“</i> Nur langsam hob sich der dunkle Haarschopf und fixiert das puderrote Gesicht des Händlers, der irritiert und mit kochendem Blut in den Adern zu ihr herum sah. Demonstrativ deutete Skadi mit einem Finger auf die Halskette, deren Steine ganz offensichtlich poliert worden waren, um wertvoller zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren. </font><br />
<br />
<font color=#66CDAA><i>„Ja, natürlich. Warum sollten wir, nicht wahr?“</i> Und trotzdem nahmen sie irgendwie den Weg, der zwangsweise an dem Stand vorbeiführte, an dem sich der Mann und das Kind anschrien. Talin biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen, als Skadi sich eiskalt über die Warenauslage beugte und den Mann ansprach. Der wirkte völlig verwirrt, weil er nicht damit rechnete, dass er in so einem Augenblick Kundschaft erhalten könnte. Der Blick der Blonden wanderte weiter zu dem Jungen, dessen Gesicht, die Farbe seiner roten Haare angenommen hatte. Er ballte immer noch wütend die Fäuste und seine Wange schwoll ein klein wenig an. Offensichtlich hatte der Mann nicht mit Kraft gegeizt, als er zugeschlagen hatte. <br />
Als hätte er einen Hebel in sich betätigt, veränderte sich das Verhalten des Verkäufers, nachdem er die erste Verwirrung überwunden hatte. Geflissentlich trat er näher zu Skadi, auch wenn man immer noch sehen konnte, wie eine Ader an seiner Stirn vor Wut pochte. <br />
<font color=#3E1467><i>„Das gute Stück kostet Euch nur 28 Achter, gute Dame.“</i></font> Talin schnaubte. So viel war der Plunder niemals wert. Und weil der Junge anscheinend immer noch wütend war, mischte er sich einfach ein. <font color=#1B8539>„Das ist nicht wahr! Mein Vater hat es schätzen lassen, nachdem meine Schwester ein halbes Vermögen für so eine Kette ausgegeben hat. Es ist nur Plunder! Und jetzt will ich unser Geld zurück!“</font> Ah, dann waren die beiden also doch nicht Vater und Sohn.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Skadi verließ ein abschätziges, halb „amüsiertes“ Grunzen bei seinen Worten. Die Augen erst auf der Kette, dann auf dem Verkäufer gerichtet, dessen Temperament schlagartig abgekühlt war. Hatte ihr noch ein sarkastischer Kommentar über die Lippen gleiten wollen, rückte die vibrierende Stimme des Jungen in den Vordergrund. Darum war es also bei ihrem Streit gegangen, interessant. Mit erhobener Augenbraue erhob sich die Nordskov zur vollen Größe, musterte den Fremden skeptisch, dessen Wangen Sekunde um Sekunde erneut von roten Flecken überzogen wurde, ehe sie an seiner breiten Gestalt zu dem Rotschopf hinab sah. <br />
<br />
<font color=#3E1467><i>“Das ist Verleumdung!“</i></font><br />
<br />
<i>“Ach… wirklich?“</i> Ein bitteres Auflachen stahl sich aus der Kehle der Nordskov. <i>“So wie eure Kette dort nicht den Wert von ein paar Murmeln hat?“ </i><br />
<br />
Der Hüne japste. Zauberte Skadi damit ein süffisantes Lächeln auf die Lippen, während sie sich zu dem Schmuckstück herab bückte und es mit Daumen und Zeigefinger vor ihr Gesicht hob.<br />
<br />
<i>“Oder wollt ihr mir weiß machen, dass diese Edelsteine nicht aus Glas sind?“</font></i><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Talin schnalzte mit der Zunge, als der Händler wieder auffuhr. Sie machte sich bereit, zwischen ihn und den Jungen zu treten, für den Fall, dass es wieder zu Handgreiflichkeiten kommen sollte. Aber Skadi zog die Aufmerksamkeit des Mannes einfach wieder auf sich und bohrte ihren Finger noch einmal in die Wunde hinein, die der Junge geschlagen hatte. <br />
Die Blonde schmunzelte belustigt, hielt sich aber aus dem Streit heraus, sondern beobachtete nur, wie der Mann rot wurde und sich wand. <br />
<font color=#3E1467><i>„Meine Dame, bitte. Ich habe nie gesagt, es wären echte Edelsteine, die hier ausliegen. Da würde ich mich ja vor Dieben, wie dem Burschen, kaum retten können.“ </font></i>Er funkelte den Jungen böse an, der ebenso erbost zurück starrte. Dann wandte sich der Verkäufer mit einem kleinen Lächeln an Skadi. <font color=#3E1467><i>„Ich habe den Jungen mit der Hand in meiner Kasse erwischt. Daher habe ich ihn geschlagen und wollte ihn zu den Bütteln bringen. Ich weiß nichts davon, ihm oder seinen Angehörigen eine Kette verkauft zu haben.“</i></font> – <font color=#1B8539><i>„Lüge!“</i></font> Der Junge spie das Wort aus, als wollte er dem Mann am liebsten ins Gesicht spucken. Er kramte in einer zerlumpten Tasche und holte eine silberne Kette mit blauen Steinen heraus. Talin schnalzte erneut mit der Zunge und sah zu der Kette in Skadis Hand. Ziemlich identisch. Doch der Mann wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Wieder lief er rot an, seine Ader auf der Stirn pochte. <font color=#3E1467>„Du dreckiger Lump! Die hast du mir gerad von der Auslage geklaut!“</font> Er erhob die Hand und wollte wieder nach dem Kind schlagen.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Den Jungen zu schlagen war eine Sache. Sich auch noch mit Worten aus so einer Situation heraus zu winden und sie für blöd zu verkaufen eine ganz andere. Augenblicklich rollten die Augen der Dunkelhaarigen genervt zur Seite, gefolgt von einem schweren Seufzen, indem die Kette klimpernd unter einem festen Griff ihrer Finger zusammenkrachte. Doch noch ehe sie sich wortgewaltig darüber auslassen konnte, mit welchen fadenscheinigen Argumenten er um sich warf und für wie dumm er sie eigentlich hielt, kam plötzlich Bewegung in die Szenerie. <br />
Fast schon aus Reflex schnellte die freie Hand zum Handgelenk des Hünen hinauf. Gefolgt von einem Blick, der ihn nur zu gern in tausend Einzelteile zerlegte. Hatte Skadi noch vor wenigen Minuten vorgehabt sich aus dieser Angelegenheit heraus zu halten, war es nun ihr Körper der vollkommen eigenmächtig über den Werdegang dieser Auseinandersetzung entschied. Zumindest in einem konnte sie sich kontrollieren: ihren Kopf von einer eher schmerzhaften Begrüßung mit seinem Gesicht abzuhalten.<br />
<br />
<i>“Na aber. Wir wollen doch nicht gleich handgreiflich werden, oder?“</i><br />
<br />
Ein tiefes Brummen drang aus seiner Kehle, prallte jedoch an der eiskalten Ausstrahlung der Jägerin ab, dessen feine Züge ein erhabenes Lächeln zierte. <br />
<br />
<i>“Wäre doch ein Jammer EUCH zu den Bütteln bringen zu müssen.“</i></font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Talins Mundwinkel zuckten in die Höhe, ebenso wie ihre Augenbraue. <i>„Nein, wir wollen uns gar nicht einmischen,“</i> flüsterte sie leise und seufzte dann. Sie löste die verschränkten Arme und ging auf den Jungen zu. Er mochte vielleicht acht oder neun Jahre alt sein. Das er hier stand und Gerechtigkeit für seine Familie forderte, war bemerkenswert. Oder eine Lüge. So oder so. Sie konnte es einfach nicht leiden, wenn Erwachsene Kinder schlugen. <br />
Mit einem sanften Lächeln ging sie vor dem Kind in die Hocke und ignorierte seinen skeptischen Blick. Sie wusste, Skadi würde den Mann hinhalten können, auch wenn er sich schon mit drohendem Gesichtsausdruck von dem Jungen zu Skadi umgewandt. Was für ein Idiot. Während sie den Jungen also weiter musterte, hörte sie den Mann mit gepresster Stimme reden. <font color=#3E1467><i>„Meine Dame, ich verstehe, wenn Frauen Kinder beschützen möchten, aber der Bursche ist ein gemeiner Dieb. Und das Ihr meine Ware beschädigt habt, muss ich euch leider in Rechnung stellen.“</i></font> Hörte Talin da etwas so was wie Gier aus seiner Stimme? Glaubte er etwa wirklich, sie würden nicht zur Stadtwache gehen und ihn anzeigen? Nun, vielleicht war das momentan keine gute Idee bei den ganzen Steckbriefen. Wobei sie wenig Ähnlichkeit mit ihnen hatten. <br />
Talin schüttelte den Kopf und sah den Jungen an. <i>„Wie viel hat deine Schwester für die Kette bezahlt?“</i> Seine Augen verengten sich noch skeptischer, bevor er auf die Kette hinunter sah und dann wieder zu der Blonden. <font color=#1B8539><i>„23 Achter,“</i></font> sagte er sehr, sehr leise. <font color=#1B8539><i>„Sie sollte damit eigentlich Essen für die Woche holen.“</i></font> Talin schnaubte angewidert und sah sich zu Skadi um. <i>„23 Achter soll die Kette gekostet haben. Was meinst du, meine Liebe?“</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F><i>“Da wo ich herkomme, spannt man Scharlatane wie sie nackt hinter einen Karren und lässt sie durch die ganze Stadt schleifen, damit der dumme Pöbel wie wir ihn mit Abfall bewerfen kann… oder man schneidet ihnen alternativ die Hand ab.“</i> Manchmal tat man dies auch mit Dieben, aber DAS war wohl ein Punkt, den sie lieber unausgesprochen ließ. Ohnehin nahm dieses Gespräch eine Richtung an, die sie eigentlich hatte vermeiden wollen. Für die nächsten Tage und Wochen. Aber das Leben hatte wohl – wie allzu oft – seine eigenen Pläne. <br />
<i>“Aber ich werde mal nicht so sein. Immerhin braucht ihr sicher beide, um diesen Schrott an die Frau und euch ein bisschen private Freude zu bringen.“</i> Demonstrativ ließ sie von ihm ab und drückte ihm die Kette gegen die Brust. Nicht, dass sie vor lauter Anspannung wirklich noch Kratzer in diesem kostbaren Glas hinterließ oder dazu überging das hässliche Teil in seine Visage zu drücken. Gerade heute, wo sie ihre Dämonen in einem ruhigen Tiefschlaf zurückgelassen hatte und wusste, dass ihre Kraft nicht reichte, um sie dorthin zurück zu sperren.<br />
Für Talins Worte hatte die Jägerin nur ein herablassendes Schnauben übrig. Gefolgt von einem tadelnden Schnalzen ihrer Zunge, das sie gegen den Hünen richtete, der noch immer schnaubend, aber mit deutlich angeschwellter Brust vor  ihr stand. Nur noch ein Quenchen mehr und er würde ausrasten. Über sie herfallen und es für alle Beteiligte sehr viel einfacher machen, diese Diskussion zu einem Ende zu führen. Mit der Quintessenz, dass es nicht IHR Verschulden gewesen war. <br />
<font color=#3E1467><i>“Das ist unerhört! Was fällt ihnen ein?!“</i></font><br />
<i>“Wie hoch ist wohl die Strafe für Betrug? 100 Achter? 200? Oder wird man hier öffentlich auf dem Markt ausgepeitscht?“</i><br />
Ihr Blick glitt zur Seite. Fixierte am Ende der Straße eine kleine Gruppe junger Männer. Na wenn das nicht jene Bütteln waren, die der Fremde angesprochen hatten.</font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Skadis Reaktion auf ihre Worte entsprachen in etwa Talins eigener. Nur der Standbesitzer wollte sich die Frechheiten der beiden Frauen wohl nicht auf sich sitzen lassen und plusterte sich vor ihren Augen auf. Obwohl sie sich ja eigentlich nicht einmischten, trat die Blonde zum Schutz vor den Jungen, damit er nichts von dem abbekam, was auch immer ihnen durch eine wörtliche Drohung zugefügt werden sollte. Skadi schien den Mann gar nicht richtig zu beachten, sondern an ihm vorbei zu sehen. Talin folgte ihrem Blick und schnitt eine Grimasse zwischen Grinsen und Missmut. Sie wusste nicht, ob es wirklich eine so gute Idee war, die Büttel in die ganze Sache mit einzubeziehen. Aber wenn der Mann noch lauter schrie, dann würde es sich sowieso nicht vermeiden lassen. Und anscheinend hatte er Skadis Fragen gleich als Drohung aufgefasst. <font color=#3E1467><i>„Was soll das heißen!?!?“</i></font>, wetterte er los. <font color=#3E1467><i>„Wollt ihr mich einer Straftat bezichtigen, weil so ein dummes Ding ihr Geld nicht bei sich behalten kann?!?!?“</i></font> Seine Stimme hallte durch die Luft über den restlichen Lärm des Marktes und ließ alles um sie herum verstummen. Die jungen Männer in ihren Uniformen waren nun doch auf sie aufmerksam geworden und setzten sich mit wachsamen Gesichtsausdrücken zu ihnen in Bewegung. <i>„Dann gebt ihr also zu, seiner Schwester die Kette verkauft zu haben? Der Junge ist also kein Dieb?“</i> Der Händler lief rot an vor Zorn, ob auf sich selbst oder wegen Talins ruhiger Worte, dass wusste sie nicht. Aber in dem Moment schien irgendetwas in ihm zu reißen. Er hob den Arm, als wollte er zuschlagen, warf aber nur die Kette nach der Blonden, die sie schmerzhaft an der Schläfe traf. Wie alt war der Typ? Aber anscheinend reiche ihm das nicht, um seine Wut zu besänftigen. Stattdessen drehte er sich halb um und machte sich daran Skadi anzugreifen. Was für ein dummer, wirklich dummer Fehler.</font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Too Young to Die]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1011</link>
			<pubDate>Sat, 27 Mar 2021 19:53:09 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=14">Rayon Enarchea</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1011</guid>
			<description><![CDATA[<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><link href="https://fonts.googleapis.com/css2?family=Caveat:wght@500&family=Rubik:wght@400&family=Lobster&family=Noto+Sans+JP:wght@300&family=Lato&display=swap" rel="stylesheet">
<br />
<div style="font-family:Lobster;font-size:2.5em;">Too Young to Die</div>
<div style="font-family:Lato;font-size:0.8em;">Rayon & Lucien | 5. Mai 1822 | Hauptdeck der Sphinx</div></div>
<blockquote><div class="Rayon"><span style="color: darkgoldenrod;" class="mycode_color">Obwohl er in dieser Nacht keine Wachschicht hatte, war Rayon noch spät aus seiner Hängematte geklettert und hatte sich auf das Hauptdeck der Sphinx begeben. Er hatte den Schlaf eigentlich dringend nötig, doch seine Gedanken ließen ihn nicht schlafen. Gedanken, die ihn so schmerzlich an vergangene Zeiten erinnerten, an Ereignisse, die er eigentlich längst verarbeitet hatte, dass sich sein Herz in seiner Brust zusammenzuziehen schien, und dadurch die Frage aufwarf, ob er mit seiner Vergangenheit tatsächlich so im Reinen war, wie er immer geglaubt hatte.<br />
<br />
Der Smutje hatte sich an die Reling gelehnt, die Ellenbogen auf das Holz gestützt und den Blick auf irgendeinen weit entfernten Punkt auf dem ruhigen Meer gerichtet, das vom Mond in ein nahezu mystisches Licht getaucht wurde. Er schloss die Augen und atmete einige Male tief ein, spürte die kühle Nachtluft in seiner Lunge und den lauen Wind auf seiner Haut. Die sanfte Umarmung der Elemente ließ das drückende Gefühl in seiner Brust etwas schwächer werden, aber es verschwand nicht. Dafür war die Wunde, welche die jüngsten Ereignisse in seinem Herzen hinterlassen hatte, zu frisch. Er hatte versagt, erneut. Wieder war jemandem, der ihm etwas bedeutete, Leid zugefügt worden, ohne dass er einschreiten konnte. Und diesmal hatte diese Person den ultimativen Preis bezahlen müssen.<br />
<br />
Rayon öffnete die Augen wieder und richtete den Blick auf seine rechte Hand, die er unbewusst zur Faust geballt hatte und in der sich das einzige Erinnerungsstück an Scortias befand, das er besaß. Langsam lockerte er den Griff um den kleinen Gegenstand und blickte ihn nachdenklich an. Irgendetwas in ihm hatte ihn hier an Deck der Sphinx getrieben, um ihn der See zu übergeben, die Erinnerung loszulassen, nicht nur an den Tod des Schiffsjungen, sondern auch an das, was dadurch wieder an sein Bewusstsein geklopft hatte - mit der gleichen Subtilität, die Trevor regelmäßig an den Tag legte, wenn er etwas von ihm wollte. Nun jedoch brachte er es nicht übers Herz, die Statue von Feuerbart und dadurch das Andenken an den Jungen loszulassen. Sie hatten sich nicht allzu lang gekannt, aber nichtsdestotrotz hatte Rayon sich für ihn verantwortlich gefühlt. Und diese Verantwortung hatte er sträflich vernachlässigt, als er sich auf der Insel, auf der ihnen die Kopfgeldjäger aufgelauert hatten, vom Rest der Crew getrennt hatte, um seine Kräutervorräte aufzufrischen. Die Mannschaft der Sphinx hatte um ihr Leben gekämpft, und er war ihnen nicht beigestanden. Sicherlich gab es dafür Gründe - schließlich war er selbst von einer kleinen Gruppe angegriffen worden und konnte nur knapp mit seinem Leben entkommen... doch was war dieses Leben wert, wenn er nicht einmal in der Lage dazu war, es dafür zu nutzen, jemanden zu schützen, der <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">sein</span> ganzes Leben noch vor sich hatte?<br />
<br />
Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg die Wange des Schiffskochs hinab, als er ein Geräusch in seinem Rücken wahrnahm. Schnell schloss er die rechte Hand erneut und ließ die Statue darin verschwinden, richtete seinen Blick wieder auf das Meer und atmete erneut tief ein, um die düsteren Gedanken zumindest für den Moment zu verscheuchen.</span></div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><link href="https://fonts.googleapis.com/css2?family=Caveat:wght@500&family=Rubik:wght@400&family=Lobster&family=Noto+Sans+JP:wght@300&family=Lato&display=swap" rel="stylesheet">
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<div style="font-family:Lobster;font-size:2.5em;">Too Young to Die</div>
<div style="font-family:Lato;font-size:0.8em;">Rayon & Lucien | 5. Mai 1822 | Hauptdeck der Sphinx</div></div>
<blockquote><div class="Rayon"><span style="color: darkgoldenrod;" class="mycode_color">Obwohl er in dieser Nacht keine Wachschicht hatte, war Rayon noch spät aus seiner Hängematte geklettert und hatte sich auf das Hauptdeck der Sphinx begeben. Er hatte den Schlaf eigentlich dringend nötig, doch seine Gedanken ließen ihn nicht schlafen. Gedanken, die ihn so schmerzlich an vergangene Zeiten erinnerten, an Ereignisse, die er eigentlich längst verarbeitet hatte, dass sich sein Herz in seiner Brust zusammenzuziehen schien, und dadurch die Frage aufwarf, ob er mit seiner Vergangenheit tatsächlich so im Reinen war, wie er immer geglaubt hatte.<br />
<br />
Der Smutje hatte sich an die Reling gelehnt, die Ellenbogen auf das Holz gestützt und den Blick auf irgendeinen weit entfernten Punkt auf dem ruhigen Meer gerichtet, das vom Mond in ein nahezu mystisches Licht getaucht wurde. Er schloss die Augen und atmete einige Male tief ein, spürte die kühle Nachtluft in seiner Lunge und den lauen Wind auf seiner Haut. Die sanfte Umarmung der Elemente ließ das drückende Gefühl in seiner Brust etwas schwächer werden, aber es verschwand nicht. Dafür war die Wunde, welche die jüngsten Ereignisse in seinem Herzen hinterlassen hatte, zu frisch. Er hatte versagt, erneut. Wieder war jemandem, der ihm etwas bedeutete, Leid zugefügt worden, ohne dass er einschreiten konnte. Und diesmal hatte diese Person den ultimativen Preis bezahlen müssen.<br />
<br />
Rayon öffnete die Augen wieder und richtete den Blick auf seine rechte Hand, die er unbewusst zur Faust geballt hatte und in der sich das einzige Erinnerungsstück an Scortias befand, das er besaß. Langsam lockerte er den Griff um den kleinen Gegenstand und blickte ihn nachdenklich an. Irgendetwas in ihm hatte ihn hier an Deck der Sphinx getrieben, um ihn der See zu übergeben, die Erinnerung loszulassen, nicht nur an den Tod des Schiffsjungen, sondern auch an das, was dadurch wieder an sein Bewusstsein geklopft hatte - mit der gleichen Subtilität, die Trevor regelmäßig an den Tag legte, wenn er etwas von ihm wollte. Nun jedoch brachte er es nicht übers Herz, die Statue von Feuerbart und dadurch das Andenken an den Jungen loszulassen. Sie hatten sich nicht allzu lang gekannt, aber nichtsdestotrotz hatte Rayon sich für ihn verantwortlich gefühlt. Und diese Verantwortung hatte er sträflich vernachlässigt, als er sich auf der Insel, auf der ihnen die Kopfgeldjäger aufgelauert hatten, vom Rest der Crew getrennt hatte, um seine Kräutervorräte aufzufrischen. Die Mannschaft der Sphinx hatte um ihr Leben gekämpft, und er war ihnen nicht beigestanden. Sicherlich gab es dafür Gründe - schließlich war er selbst von einer kleinen Gruppe angegriffen worden und konnte nur knapp mit seinem Leben entkommen... doch was war dieses Leben wert, wenn er nicht einmal in der Lage dazu war, es dafür zu nutzen, jemanden zu schützen, der <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">sein</span> ganzes Leben noch vor sich hatte?<br />
<br />
Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg die Wange des Schiffskochs hinab, als er ein Geräusch in seinem Rücken wahrnahm. Schnell schloss er die rechte Hand erneut und ließ die Statue darin verschwinden, richtete seinen Blick wieder auf das Meer und atmete erneut tief ein, um die düsteren Gedanken zumindest für den Moment zu verscheuchen.</span></div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Stay, who you are, don't be afraid]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1002</link>
			<pubDate>Wed, 10 Feb 2021 14:11:38 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=2">Lucien Dravean</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1002</guid>
			<description><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">stay, who you are, don't be afraid</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">Kurz nach der Flucht von der Kopfgeldjägerinsel in der Kapitänskajüte der Sphinx</font><br><br><br>Ceallagh, Talin<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">03. Mai 1822 | in der Nacht zum 04. Mai | Kapitänskajüte</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color="#6B8E23">Allmählich klang der Schmerz in seinem Körper ab und vermischte sich mit dem warmen Fetzen Alkohol in seinem Blut. Die Kleine hatte ganze Arbeit geleistet, wie sie behände das schmerzhafte Metall aus seiner Schulter gepuhlt und die Wunde mit wenigen, gezielten Stichen vernäht hatte. Auch wenn er sie dabei keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, musste er ihr Geschick zweifellos anerkennen. Es war offensichtlich, dass sie darin mehr als geübt war, ob an Freunden oder an sich selbst erschien dem Hünen gleichsam unwichtig, wie alles, was sonst mit ihrer Person zu tun hatte.  Für einen Moment stützte er sich mit der verbliebenen freien Hand auf die Reling und bekämpfte die plötzliche Übelkeit, die sich seinen Magen hinauf drückte und seine Züge für einen Sekundenbruchteil kreidebleich werden ließ. Fit fühlte er sich definitiv nicht. Doch er gäbe sich kaum die Blöße sich weinerlich in eine Ecke zu hocken oder den Schiffsarzt nach Betäubungsmitteln zu fragen, die wohl einen Bullen umhauen konnten.<br />
Stattdessen lehnte er sich gegen das warme Holz des Schiffes und starrte nachdenklich auf die dunkle See. Seit Wochen hatte er dieses Gefühl vermisst, das der Fahrtwind und die Tropfen salzigen Meerwassers auf seinen Zügen in ihm auslösten, das die Gischt hinauf spritzte, wann immer sie geräuschvoll gegen den Rumpf klatschte.<br />
Es jedoch hier, auf dem Schiff einer alten, bekannten Seele wiederzufinden, hatte er sich in keinem seiner dunklen Träume ausgemalt. Und doch war er froh, seinen Freund aus vergangen Tagen lebend und wohlauf zu sehen. Nach allem, was er vor Monaten gehört hatte, nachdem er selbst überstürzt aufgebrochen war, hatte er Lucien keine allzu großen Chancen ausgerechnet. Jedenfalls nicht dem Lucien, den er noch so lebendig in Erinnerung hatte. Grün hinter der Ohren. Weich und gerade im Begriff die Vorzüge einer gut ausspielten Rache für sich zu entdecken.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Er sah den Blonden nur aus dem Augenwinkel den Aufgang zum Hauptdeck nehmen, doch es reichte, um Lucien innehalten und den Kopf wenden zu lassen. Er sah ihm nach, bis seine Stiefel schließlich von der letzten Stufe verschwanden und spürte den Drang, sich in Bewegung zu setzen. Ihm zu folgen. Aber etwas in ihm ließ ihn zögern.<br />
Seit Ceallagh in diesem Wirtshaus aufgetaucht war, brannte er darauf, mit ihm zu sprechen. In Ruhe. Unter vier Augen. Da gab es so viel, das er wissen wollte. Wissen musste. Wie es ihm ergangen war, seit sie sich das letzte Mal getroffen hatten. Warum er nicht zurück auf die Mytilus gekommen war. Was ihn davon abgehalten hatte, sich zu melden oder ihn gar zu besuchen. Oder wer. Sein Onkel? Oder Kalem Dravean? Oder er sich selbst? Oder Lucien?<br />
Ein leiser, zarter, stechender Schmerz fuhr ihm durch die Brust, ließ ihn reflexartig die Hand heben und gegen sein Brustbein drücken. Er schwoll an und ab mit jedem Schlag seines Herzens. Dann verblasste er wieder und Lucien stieß leise die Luft aus. Es war das Herz des Zwölfjährigen, das ihn zögern ließ. Der Zwölfjährige, der er einmal gewesen war. Aber er hatte schon weit mehr überlebt, als das hier, oder nicht?<br />
Also setzte er sich in Bewegung, folgte Ceallagh nach oben und als die milde Nachtluft durch sein Haar fuhr, entdeckte er den Blonden an der Reling stehen. Er starrte nach unten. In die Schwärze der Wellen, die so dunkel waren wie sein Gesicht weiß. <br />
Auf Luciens Lippen stahl sich ein Schmunzeln. Er war inzwischen auf wenige Schritte heran gekommen und blieb stehen, verschränkte die Arme vor der Brust. „<i>Du siehst beschissen aus</i>“, eröffnete er dem Blonden in aller Freundschaft.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Langsam, nahezu in Zeitlupe wandte sich der blonde Haarschopf herum und lugte über die nackte Schulter zu dem Jungspund hinüber. Irgendwo unter Deck hatte er sein Hemd zurückgelassen, das ihm mit seinem Blut und womöglich dem Luciens durchtränkt und vom sadistisch angehauchten Frauenzimmer aufgeschnitten kaum noch nützte. Doch all das hinterließ mit den Worten seines Freundes einen amüsierten Zug auf seinen Lippen. Abschätzend wog Ceallagh den Kopf zur Seite und hätte beinahe in seinem Automatismus mit einem Schulterzucken reagierte. Der stechende Schmerz, der sich jedoch bei der kleinsten Bewegung bemerkbar machte, entzog ihm nicht nur eine Spur seiner ohnehin schon mangelhaften Gesichtsfarbe, sondern erinnere ihn daran, dass Gesten wie diese und jegliches Handwerk für die nächsten Tage keine Option für ihn waren. <br />
<br />
“<i>Und sowas sagst du mir ohne einen versöhnlichen Krug Rum in der Hand? Oh Dravean… wo sind nur deine Manieren geblieben?</i>“<br />
<br />
Dann lachte er, schüttelte den Kopf und ließ sich seitlich gegen die Reling gleiten.<br />
<br />
“<i>Ne nette Mannschaft hast du da.</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">In dem Moment, in dem Ceallagh sich zu ihm umwandte, flutete ein Gefühl des Erkennens sein Innerstes, seinen Verstand. Das Gefühl, das im Kreise der Männer in diesem Wirtshaus noch auf sich warten ließ, das im Eifer ihrer Flucht in den Hintergrund gerückt war. Dafür brandete es nun über ihn hinweg wie die Wellen der aufgepeitschten See in einem tosenden Sturm. Ein sich Erinnern, ein kindliches Urvertrauen, geschmiedet aus gemeinsamen Erlebnissen, gemeinsamen Gegnern, lediglich überlagert vom Misstrauen des erwachsenen Mannes. Aber immer noch da.<br />
Lucien stieß ein spöttisches Schnauben aus. „<i>Meine Manieren? Die hab ich wohl im Gefängnis zurückgelassen.</i>“ Damit überwandt er seine Zurückhaltung. Überwandt den letzten Rest eines Zögerns, lockerte die Arme und trat zu seinem alten Freund an die Reling.<br />
Der Ausdruck seines Spotts wich von seinen Zügen, machte einer oberflächlichen Ruhe Platz. Vorsichtig, um nicht durch eine unbedachte Bewegung den Schmerz in seiner Seite heraufzubeschwören, lehnte sich der Dunkelhaarige rücklings gegen das Geländer und wandte den Blick Ceallagh zu. „<i>Talins Verdienst. Nicht meiner. Sie hat mich gefunden</i>“, erwiderte er nicht ohne den zarten Hauch liebevoller Zuneigung in der Stimme, die selten ausgeblieben war, wenn er dem Blonden gegenüber von seiner Schwester gesprochen hatte. Eigentlich nie, wenn er sich richtig entsann. <br />
„<i>War ganz schön knapp heute.</i>“ Mit einem Nicken deutete er auf Ceallaghs frisch genähte Verletzung, die ohne Hemd der milden Nachtluft ausgesetzt war, und fuhr dann mit einem Lächeln fort: „<i>Du hast dir einen aufregenden Moment ausgesucht, um über uns zu stolpern.</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ceallagh hoffte just, dass Luciens Manieren das Einzige waren, was ihm im Gefängnis genommen worden war. Zwar hatte es ihn selbst nie getroffen, doch  wusste er, dass hübsche und verhältnismäßig schmale Männer unter einem mit Aggression und Frust aufgeladenen Haufen schnell zum Freiwild gehörten. Ein mildes Lächeln zierte somit die Lippen des Hayes. Wurde eine Spur weiter, kaum dass der Dunkelhaarige diesen einen ganz besonderen Namen erwähnte, der in seinem Kopf stets als Teil einer warmen, lang vergangenen Erinnerung zurückgeblieben war. Talins Verdienst. Jene Schwester, deren Mut Vorbild und Ansporn zugleich für den kleinen Jungen geworden war, den er hier, auf diesem Schiff, wohl nie mehr wiederfinden würde.<br />
“<i>Du weißt doch… ich liebe große und heldenhafte Auftritte.</i>“ Wie damals, als sie nicht mehr und nicht weniger als zwei junge Menschen auf einem Schiff voller Vollpfosten gewesen waren.  Und doch konnte Ceallagh den Hauch von Bitterkeit nicht ignorieren, der sich nebst seines kurzweiligen Auflachens mit in seine Kehle mischte. Der Abend hätte auch weitaus schlimmer für sie alle enden können – dem war sich wohl jeder an Board dieses Schiffes bewusst. Und ganz gleich wie wenig ihm sein eigenes Ableben Sorge bereitete, so war er mehr als froh, dass es zumindest den Geschwistern erspart geblieben war. Zäh wie Trockenfleisch.<br />
“<i>Und lieber sorge ich dafür, dass du am Leben bleibst, als dass mir deine Schwester das Leben zur Hölle macht.</i>“ <br />
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Was voraussetzte, dass sie überhaupt von ihm wusste. Dass ihr sein Gesicht in der Menge aufgefallen wäre und sie der irrationalen  Auffassung erlag, dass er für all das hier eine gewisse Teilschuld trug. <br />
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“<i>Jetzt, wo ihr endlich wieder zusammen an einem Ort seid.</i>“<br />
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Für einen Sekundenbruchteil musste der Hayes gegen den schweren Seufzer ankämpfen, der sich seine Magenwand hinauf schob und unangenehme Bilder seiner eigenen Schwester in Erinnerung rief. Doch dort wo sie war, blieb sie in Sicherheit. Das war alles, was zählte.</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien stieß ein leises, amüsiertes Schnauben aus. Wohl wahr, auch Ceallaghs Auftritt damals, als sie sich zum ersten Mal trafen, war dramatisch gewesen. Er war definitiv ein Freund großer Gesten, ob es nun um heldenhafte Rettungen oder bitterböse Drohungen ging. Oder darum, einen kleinen Jungen aus dem Schatten seiner eigenen Unsicherheit zu locken. Auch daran erinnerte sich der Dunkelhaarige lebhaft. <br />
Er neigte leicht den Kopf und das Lächeln auf seinen Lippen vertiefte sich ein wenig. „<i>Dafür müsste sie erst einmal wissen, dass es dich gibt</i>“, erwiderte Lucien schließlich etwas leiser als gerade eben noch. Nicht, weil er sich für seine Geheimniskrämerei schämte, sondern weil er sich ein weiteres Mal zu fragen begann, wo Ceallagh gewesen sein mochte. Und ob er angesichts der andauernden Funkstille nicht sowieso gut daran getan hatte, Talin nie von jenem einzigen Freund zu berichten, den er auf der Mytilus je hatte. Der einzige, den er überhaupt je hatte. <br />
„<i>Jedenfalls… danke, für die Rettung</i>“, schloss er, begegnete dabei dem Blick des Blonden und schwieg ein paar Herzschläge lang. Schwieg und beobachtete dessen ernste Züge, während sich ihm immer neue Fragen aufdrängten, die er ihm liebend gern gestellt hätte. Ob er vor hatte, das jetzt zur Gewohnheit werden zu lassen? Dafür zu sorgen, dass der Dunkelhaarige am Leben blieb? Doch wenn ja, dann gab es da etwas, das sie vorher besprechen mussten. Etwas, das so viel wichtiger war. Und ehe er sich versah, stellte Lucien diese Frage, die ihn auch Jahre nach ihrer gemeinsamen Fahrt noch beschäftigt hatte. Hielt nur mit Mühe den Jungen aus seiner Stimme, der er einmal gewesen war. Kein Vorwurf, kein verletzt Sein, nur nüchternes Interesse: „<i>Wo warst du die ganze Zeit? Warum bist du damals nicht wieder gekommen?</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Hatte er denn wirklich eine Wahl gehabt, als ihm Luciens Gesicht am Tisch mit diesen Fremden aufgefallen war? Vielleicht war es eine Affekthandlung gewesen. Vielleicht das tief sitzende Band einer Freundschaft, die vor Jahren mit den Erinnerungen an die Mytilus auf den Meeresgrund gesunken war. Doch ganz gleich was es letztlich gewesen war. Ceallagh war sich sicher, dass er immer wieder genauso handeln würde. Also zuckte er nur beiläufig mit der Schulter und gab dem Jüngeren somit nonverbal zu verstehen, dass er sich DAFÜR definitiv nicht bedanken musste. Nicht bei ihm. "<i>War mir eine Ehre.</i>"<br />
Und während das darauffolgende Schweigen sich zwischen sie legte, wie ein Geräusch verschluckender Teppich aus Samt, wandte sich der Blick des Schmugglers zurück auf die See, die irgendwo vor ihm in der Dunkelheit der Nacht am Horizont verschwand. Ließ ihn über die Worte Luciens nachdenken, die unerwartet in den Raum schwebten. Es hatte mehr als nur einen Grund, wieso sie sich all die Jahre nicht mehr über den Weg gelaufen waren. Denn wiedergekommen war er mehr als einmal. Und unverrichteter Dinge von dannen gezogen, weil es weder eine Mytilus noch Lucien auf der Insel gab. Mit einem tiefen Atemzug zog Ceallagh die dichten Brauen zusammen und stützt sich mit der freien Hand an der Reling ab. <br />
"<i>Wenn nicht gerade auf dem Schiff meines Vaters, dann in irgendeinem Gefängnis.</i>" Letzteres war der Grund wieso er Enrique begegnet war. Doch davon wusste niemand außer ihnen. "<i>Und wenn ich mal wieder im Land war, wart ihr bereits wieder auf See.</i>" So waren die Dinge nun einmal - öfter als einem womöglich lieb war. "<i>Wir haben uns wohl immer glorreich verpasst, würde ich sagen.</i>" Das matte Schmunzeln hing nur für einen Sekundenbruchteil auf seinen Zügen, ehe es etwas platt in seinem Mundwinkel verharrte.</font><br />
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<font color="#458B74">Irgendwie hatte der kleine Junge in ihm eine dramatischere Antwort erwartet. Eine todesverachtende Fahrt in eine der anderen Welten, die den Blonden abgehalten hatte oder schlicht die niederschmetternde Wahrheit, dass Lucien die Begegnung auf der Mytilus mehr bedeutet hatte, als dem damals Sechzehnjährigen. Was für ihn eine tiefgreifende Veränderung in seinem Leben bedeutet hatte, war für Ceallagh vielleicht nur irgendeine sechsmonatige Fahrt bei irgendeinem Mann auf irgendeinem Schiff, den sein Vater zufällig kannte, mit einem Jungen an Bord, der sich kaum selbst zu helfen gewusst hatte. Dass die Erklärung jedoch nur ganz normales, alltägliches Pech war, machte die Situation einerseits neutraler, andererseits auch ein bisschen armseliger.<br />
Jedenfalls gaben ihm seine Gefühle in diesem Augenblick merklich zu denken. Lucien schwieg, kämpfte gegen den kindischen Frust, der sich in ihm erhob. Er spürte Enttäuschung, verletzten Stolz und wusste, dass es Unsinn war. Dass Ceallagh nichts dafür konnte, dass die Mytilus jedes Mal schon wieder auf See war, wenn er zufällig den südöstlichsten Zipfel der Landkarte erreichte. Trotzdem wollte er ihm das übel nehmen und sich zugleich einreden, dass er dafür keinen Grund hatte. <br />
Doch so etwas zu überspielen, bereitete Lucien selten Probleme. Also nickte er schließlich, runzelte nur flüchtig die Stirn, als er nachfragte. „<i>Im Gefängnis? Weshalb?</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ceallagh konnte den Kampf in Luciens Inneren nicht sehen. Nicht in diesem Halbdunkel, nicht unter dem Dunst seiner Schmerzen und schon gar nicht in dem verschlossenen Gesicht des Jüngeren, der unfassbar einsilbig geworden war. Vielleicht nahm er auch das zum Anlass, um sich ein tiefes Seufzen zu verkneifen und diesen Ausdruck tief im Gedächtnis einzubrennen. Was auch immer Lucien erwartet hatte, schien wohl nicht das zu sein, was er zu hören bekam. <br />
“<i>Nun...wenn mich mein Onkel schon nicht auf physische Art zurechtstutzen konnte, schien ihm das wohl die einzige Möglichkeit sein. Nehme ich an.</i>“, versuchte sich der Hüne in einer Erklärung und ließ den blonden Schopf für einen Moment zur Seite gleiten. “<i>und wenn er es nicht war, dann ein verdammt dummer Zufall oder, was ich eher vermute, einer unserer zwielichtigen Geschäftspartner.</i>“ <br />
Es war nicht so, dass es ihm nicht von Beginn an klar gewesen wäre. Doch was gab man schon auf den Rat eines aufmüpfigen junges Mannes, der von seinem Handwerk genauso viel verstand wie von den Frauen, die er heimlich im Schutz der Nacht aufsuchte.<br />
“<i>So bin ich auch de Guzmán begegnet.</i>“</font><br />
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<font color="#458B74">Schweigend hörte er sich Ceallaghs kurzen Abriss der Geschichte an, die noch einiges mehr an Fragen hinterließ, als sie tatsächlich beantwortete. Dennoch huschte ein Schmunzeln über seine Lippen, freundschaftlich amüsiert und doch von einer vorsichtigen Distanz geprägt, sodass die grünen Augen in der schummrigen Dunkelheit ohne Glanz blieben. Den Moment seiner inneren Zerrissenheit derweil schien er wieder überwunden zu haben. „<i>Ah... das erklärt euren so vertrauten Umgang miteinander. Und ich vermute mal, ganz egal was er versucht hat, dein Onkel hat es trotzdem nicht geschafft, dich zurecht zu stutzen.</i>“ Ein Hauch von Spott lag in der Stimme des Dunkelhaarigen, ehe er schließlich nickte und sich von der Reling abdrückte, einen halben Schritt in Richtung der Kajüte machte. Seine Augen kehrte jedoch zu dem Blonden zurück, maßen ihn mit einem kurzen, prüfenden Blick, ehe er ihn mit einem Winken dazu aufforderte, ihm zu folgen. „<i>Komm mit, den Rest der Geschichte solltest du mir bei dem versprochenen Gläschen Rum erzählen. Ich bin gespannt, was dich am Ende nach Lacrinîn und ausgerechnet in dieses Wirtshaus verschlagen hat, wo du über uns gestolpert bist. Außerdem solltest du dich setzen... du siehst wackeliger aus, als ich mich fühle.</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Vertraut. Ceallagh schmunzelte angesichts dieser Worte. De Guzmán war sonderbar "zutraulich" gewesen, gewissermaßen. Abgesehen von seinem animalischen Ausraster, der mit seinem Temperament durchaus attraktiv für... andere außer ihm hätte sein können, benahm sich der Offizier üblich distanziert. Wortspiele waren da ihre gängige Art der Kommunikation - auch wenn sich der Schmuggler sicher war, dass es ihm mehr Freude bereitete als dem Dunkelhaarigen. <br />
"<i>Man wächst an seinen Aufgaben.</i>", erwiderte er mit halbem Achselzucken auf Luciens ungestellte Frage und folgte ihm wenig später auf seinen Wink hin unter Deck. "<i>3 Gläschen Rum und wir sind gleichauf.</i>" Dass er wohl aussah wie der Tod auf zwei Beinen, begegnete Ceallagh ebenso gleichgültig, wie dem Rest der Crew, der in Richtung Kajüte an ihm vorbeizog wie namenlose Schatten. Gerade erhellte nichts seine Aufmerksamkeit. Selbst als er sich auf einen Stuhl in mitten des Raumes niederließ, hämmerte eine bleierne Schwere durch seinen Kopf. Er musste stark aufpassen, nicht das Bewusstsein zu verlieren. <br />
Seufzend ließ er sich gegen die Stuhllehne gleiten und senkte den Kopf in den Nacken. Die Augen geschlossen, während er Luciens Schritten lauschte, die mal rechts und mal links von ihm durch den Raum klangen. <br />
"<i>Also... wo soll ich anfangen?</i>"</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien lachte nur kurz leise auf und schüttelte den Kopf, bevor er sich gänzlich umwandte und mit Ceallagh im Schlepptau den Weg zu seiner Kajüte einschlug. Klang ganz danach, als versprach dieser Abend auf mehr hinaus zu laufen, als nur ein, zwei oder drei Krüge Rum. Eine gute Geschichte verlangte danach und die vorangegangenen Erlebnisse mindestens ebenso. Ob nun, um sie halbwegs zu verarbeiten, sie zu vergessen oder zu feiern, dass sie noch lebten. <br />
Als sie die Kajüte erreichten, zog er seinem ehemaligen besten Freund mit dem Fuß einen der Stühle heran, die um den Kartentisch standen, wies ihn mit einem kleinen Nicken an, sich zu setzen und wandte sich bereits dem Buffetschrank zu, der neben der Tür an der Wand stand. Er griff nach zwei Krügen und einer angebrochenen Flasche Rum, stellte alles zusammen auf den Schrank und lauschte auf die Geräusche, die der Blonde hinter ihm von sich gab, als er sich auf seinen Sitzplatz fallen ließ. Ein Lächeln huschte über Luciens Züge, als er die Flasche entkorkte und beide Krüge halb voll machte. „<i>Wie wäre es mit... am Anfang.</i>“ Leise Belustigung erklang aus seiner Stimme, wissend, wie wenig hilfreich diese Aufforderung üblicherweise war. <br />
Er wartete deshalb auch nicht unbedingt auf eine Antwort, sondern griff sich die beiden Krüge, kehrte zu Ceallagh zurück und hielt ihm einen davon entgegen, als dieser den Blick wieder auf den jungen Captain richtete. „<i>Wie wäre es damit, was dich auf diese Insel und in dieses Wirtshaus verschlagen hat?</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Lucien war ungemein präzise in seinen Worten, die unter dem Klimpern und Klappern der Schranktüren, Krüge und Gläser fast beiläufig wirkten. Dennoch hinterließ er damit den Anflug eines Lächelns auf Ceallaghs Lippen. Fast als erinnerte es ihn an alte Zeiten, die zu verblassen und trüben begannen. Unter einem tiefen Atemzug stemmte sich der Hüne letztlich mit einer Hand am Rand des Stuhls in die Senkrechte zurück und hob den Kopf in genau dem Moment, als Lucien mit dem versprochenen Alkohol zurückkehrte. Rau und dumpf klangen die Schritte seiner Stiefel auf den dunklen Dielen. Weit entfernt und plötzlich unfassbar nah. Ceallagh fragte sich, wann sich sein Geisteszustand am heutigen Tage verabschieden würde, wenn er ihn nicht alsbald an den Alkohol verlor.<br />
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“<i>Um das zu erklären, muss ich noch viel weiter ausholen.</i>“, entgegnete er und schob den Henkel des Kruges zwischen Handfläche und Finger. <br />
“<i>Mein Vater ist vor einigen Jahren auf offener Straße erschossen worden. Angeblich weil er einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war.</i>“ <br />
Ein abschätziges Schnauben verließ seine Kehle, ehe er sich einen Schluck des Rums genehmigte und fortfuhr. <br />
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“<i>Letztlich hat es meinem Onkel in die Karten gespielt und er hat sämtliche Geschäfte übernommen, wie er es all die Jahre schon vor hatte. Und weil er ein widerlicher Raffzahn ist, war ihm letzten Endes jedes Mittel recht, um seinen bedeutungslosen Reichtum zu vergrößern. Ob er nun kleine Unternehmen annektierter, illegale Tauschgeschäfte anderer sabotierte oder meine Schwester an so einen schmierigen Verbrecher zu verschachern.</i>“ <br />
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Ein Schatten legte sich auf Ceallaghs Züge. Hob die kleinen Vertiefungen seiner Wangen hervor, unter denen die weißen Kiefer angespannt aufeinander mahlten.</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien zuckte mit einer beiläufigen Geste, die die nonverbale Version eines „ich hab' Zeit“ zu sein schien, die Schultern und lehnte sich Ceallagh gegenüber mit der Hüfte gegen den großen Kartentisch, der einen Großteil der rechten Raumhälfte einnahm. Die tiefgrünen Augen huschten über den Rand seines Kruges hinweg zu dem Blonden, beobachteten dessen Züge, während er mit seiner Geschichte begann. Am Anfang, letzten Endes. Oder zumindest in etwa da, wo sich ihre Wege einst getrennt hatten. <br />
Er trank einen Schluck, spürte der Wärme des Alkohols nach, die sich angesichts der Menge, die er nach Shanayas Erste Hilfe Maßnahmen ohnehin schon im Blut hatte, kaum spürbar in seinen Eingeweiden einrollte. Der Schatten, der sich über Ceallaghs Züge legte, überraschte ihn nicht. Wie einst, als das Band zwischen Geschwistern sie einander als Gleichgesinnte offenbarte, fühlte er sich seinem ehemaligen besten Freund auch jetzt unweigerlich verbunden. Mit einem noch tieferen, dunkleren Hass, als damals, der sich durch seine Innereien wühlte. <br />
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„<i>Und ich nehme mal an, das konntest du so nicht stehen lassen, oder? Ich meine, das mit deiner Schwester?</i>“ Im Grunde keine Frage, sondern vielmehr eine Feststellung. Wie gesagt, ging es um das Band zwischen Geschwistern, waren sie einander ebenbürtig. Dafür prägte die Frage, die Lucien danach stellte, ein ehrliches Interesse: „<i>Und das hat dich direkt oder indirekt auf diese Insel geführt?</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ceallagh nickte zur Antwort. Schenkte der Bitterkeit auf seiner Zunge nach und ließ dann den Krug geräuschvoll auf den Tisch neben sich gleiten. Allein der bloße Gedanke daran trübte seine Laune. Doch das allmähliche erhabene Grinsen zupfte bereits harsch an seinen Mundwinkeln - erst recht als Lucien eine weitere Frage nachschob, die regelrecht dazu einlud mit seiner Erzählung fortzufahren. <br />
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“<i>Sie ist auf sonderbare Weise vom Erdboden verschwunden, bevor sie den Bund einer lieblosen Ehe eingehen konnte. Beim Klabautermann. Wie das nur geschehen konnte.</i>“ Ein abfälliges Brummen durchquerte seine Kehle. Ließ die hellen Brauen hinaufschnellen und verlieh dem blassen Gesicht den schelmischen Ausdruck eines Grünschnabels. <br />
“<i>Seitdem bin ich quasi auf der Flucht. Mal hier mal dort... nie sonderlich lang... damit sich niemand mein Gesicht einprägen kann.</i>“ Was bei seiner extrovertierten Art ein Kampf gegen Windmühlen war. <br />
“<i>Und nachdem mich ein Fischer mit auf die Insel genommen hatte, bin ich nicht mehr von dort weggekommen.</i>“ Was womöglich auch an der Crew lag, dessen Gesellschaft er jetzt reichlich lädiert und zerfleddert genoss und dessen Kapitän amüsiert zu ihm hinab sah. Aus grünen Augen, die Ceallagh gleichsam schmunzelnd musterte. Mit einem Schlag fühlte er sich schon wieder so unfassbar müde. Am liebsten hätte er sich vom Stuhl auf den Boden gleiten lassen und die Augen schlossen. Nur für ein paar Stunden.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Müdigkeit nagte an ihr, wie ein penetranter Begleiter. Ihre Schulter sandte eine permanente Welle des Schmerzes durch ihren Körper und Talin war sich nicht ganz sicher, ob sie sich nicht einfach hier an Deck zusammenrollen sollte, um zu schlafen oder es vielleicht noch bis zur Kajüte schaffte. Das letzte Mal hatte sie sich so gefühlt, als sie die Morgenwind überfallen hatten und von ihr geflohen waren. Nur war sie damals nicht wirklich verwundet worden. Kurz fragte sie sich, ob Lucien auf der Flucht zur Sphinx die Wunde an ihrer Schulter aufgefallen war oder ob sie noch so tun konnte, als wäre alles in Ordnung. <br />
Der Blick der jungen Frau fiel auf ihren Pressverband, den sie mehr schlecht als recht gebunden hatte und seufzte dann leise. Ja, das würde sie sicher verheimlichen können. Eigentlich war sie, nachdem sie auf das Schiff geflohen waren, sofort in die Kajüte verschwunden, um sich selbst zu verarzten, denn das Lazarett erschien ihr dafür eindeutig zu überfüllt. Aber natürlich hatte sie nicht alles gehabt, was sie brauchte und hatte sich deshalb noch einmal auf den Weg gemacht, um die restlichen Materialien zu holen. Wenn sie also in die Kajüte kam, dann könnte sie sich endlich um ihre Schulter kümmern, auch wenn sie nichts lieber täte als schlafen.<br />
Die Gedanken hatten sie bis zur Türschwelle der Kajüte getragen und für einen kurzen Moment blieb sie davor stehen, atmete einen Moment durch, bevor sie schließlich die Tür aufmachte - und erstarrt stehen blieb. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Lucien schon wieder zurück war und schon gar nicht, dass er sofort einen der neuen mitbrachte. War es nicht ein bisschen vorschnell, jemanden nach dem Erlebten, sofort die Carta unterschreiben zu lassen. Ihre Augenbrauen zuckten leicht in die Höhe, während sie ihre eine Hand fester um das Nähzeug schloss, als hoffte sie, dass es nicht auffiel. Sie neigte leicht den Kopf, sodass ihr Haar über ihre verbundene Schulter fiel und lächelte süßlich.  „<i>Na sieh mal einer an. Bist du nicht ein bisschen vorschnell mit dem Anheuern, Brüderchen?</i>“</font><br />
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<font color="#458B74">Selbst wenn er es nicht gewollt hätte: Ceallaghs Tonfall, seine Wortwahl, das feiste Kleinjungengesicht – Lucien musste grinsen. Er gab ein leises, gespielt bedauerndes Schnalzgeräusch von sich, das ganz sicher niemanden täuschte und hob den Krug beiläufig an, ohne sich sofort einen weiteren Schluck zu genehmigen. „Nein... so ein Ärger!“ Sein Tonfall stand dem Ceallaghs in nichts nach und über den Rand seines Rums hinweg begegneten die grünen Augen sichtbar erheitert dem Blick seines alten Freundes. Dann erst trank er einen weiteren Schluck und nickte im Anschluss. „Du glaubst also, dein Onkel sinnt auf Rache und hat seine Hunde auf dich angesetzt?“ <br />
Weiter kam er nicht. Ceallagh bekam nicht einmal Gelegenheit auf eine Antwort, denn in diesem Augenblick öffnete sich knarzend die Tür zur Kajüte und lenkte Luciens Blick zu der Gestalt, die dort erschien. Die Hand mit dem Rum glitt ein Stück hinab. „<i>Talin.</i>“ Doch der Ausdruck auf ihren Zügen fegte jedes Lächeln von seinen Lippen und hinterließ in seiner Stimme einen überraschten Unterton. Sie war... wütend. <br />
Langsam, zögernd stellte Lucien sein Getränk neben sich auf den Kartentisch. „<i>Ich heuere niemanden an</i>“, erwiderte er vielleicht eine Spur forscher, als nötig. Und eine Sekunde später besann er sich eines besseren. Er seufzte, lächelte sacht und streckte die Hand nach ihr aus. Eine Einladung, ein Friedensangebot. Die Stimmung zwischen ihnen mochte in letzter Zeit angespannt gewesen sein, doch in diesem Augenblick war es ihm egal. Nie zuvor war ihm so bewusst gewesen, wie leicht er sie hätte verlieren können, als in dieser Nacht. „<i>Das ist Ceallagh. Wir sind uns schon mal begegnet, auf der Mytilus. Als wir Kinder waren.</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ceallagh glaubte es nicht nur. Er wusste es. Nicht nur der Drohungen wegen, die ihm hinterher gebrüllt worden war und diverser Erfahrungen, sondern weil er wohl nicht anders gehandelt hätte. Im Gegensatz zu seinem Onkel besaß er sich allerdings nicht nur Feinde. Solange er nicht wollte, dass man seine Schwester fand, blieb sie bis ins hohe Alter verschwunden. Daran änderte nicht einmal jeglicher Reichtum dieser und anderer Welten etwas. <br />
Doch der Hüne kam nicht einmal dazu, eben das mit einem siegessicheren Lächeln auf den Zügen zu entgegnen. Kaum hatte er die Lippen geöffnet, knallte die Tür in seinem Rücken gegen die Wand und spie eine junge Frau in den Raum, dessen Präsenz Ceallagh mehr erahnen, als sehen konnte. <br />
Nur langsam kippte sein Kopf in den Nacken zurück, weil ihm seine Schulter kaum erlaubte, sich zur Seite zu drehen. Erspähte die Gestalt Talins auf dem Kopf stehend und lauschte den angespannten Bewegungen seines Freundes aus Jugendzeiten. War es seiner Wundversorgung oder dem Rum geschuldet, dass er sich einbildete die Luft würde mit jedem verstreichenden Atemzug dicker werden? <br />
Allmählich wurde ihm übel. Den Kopf leicht schief geneigt, die Augen einen Moment auf Talins Zügen verharrend, ehe er sich wieder aufsetzte und mit einer Hand am Tisch festhielt, um sich vollkommen zu ihr herum zu drehen. Luciens Anblick entging ihm dabei nicht: etwas zerknirscht und übellaunig. Passte es dem jungen Kapitän etwa nicht, dass sie so unaufgefordert herein kam? Oder hingen hier alte Streitigkeiten im Raum, derer er sich ganz sicher nicht annehmen würde?<br />
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“<i>Ah. Sie einer an. Du bist also die berühmte Talin.</i>“ Ein Lächeln schob sich auf seine Züge. Warm und fast als würde er eine alte Freundin begrüßen.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Vielleicht, nur vielleicht, war sie ein wenig zu ungnädig zu den beiden Männern im Raum. Sie konnten nicht dafür, dass sie niemanden mehr hatte sehen wollen, bis sie sich verarztet hatte. Und gerade Lucien gegenüber sollte sie nicht ungerecht sein. Statt also zurückzufauchen, als ihr Bruder ihr härter als nötig antwortete, biss sie sich auf die Unterlippe. Es war unnötig einen Streit vom Zaun zu brechen, den keiner von ihnen beiden wollte. Schon gar nicht nach dem, was passiert war. Viel mehr sollte sie ihm wieder um den Hals fallen aus purer Erleichterung, weil Lucien noch am Leben war. <br />
Talin stieß etwas lauter als nötig Luft aus und ließ ihre angespannten Schultern ein wenig nach unten sinken, obwohl es weh tat. Doch sie ignorierte den Schmerz und griff bereitwillig nach seiner Hand, nahm den angebotenen Frieden nur zu bereitwillig an. Nachdem sie seine Hand einmal kurz gedrückt hatte, wandte sie sich an den anderen Mann im Raum. Musternd ließ sie ihren Blick über ihn gleiten und es glomm zumindest so etwas wie Interesse darin auf, bis Lucien erklärte, woher er den Mann kannte. Der Blick in ihren Augen verhärtete sich für einen Moment, bevor sie wieder ein Lächeln aufsetzte. So, so. Sie kannten sich als von früher?<br />
Lucien hatte ihr nie gesagt, was während der Zeit auf See passiert war, wenn er allein mit ihrem Vater und den anderen Männern unterwegs war. Und doch konnte sie ahnen, dass es für ihn nicht angenehm gewesen war. Hieß das also, dass dieser Ceallagh einer von denen ist, die dazu beigetragen hatten, dass es für Lucien schwierig war? Denn ihr Bruder hatte den Blonden nicht als ‚Freund‘ bezeichnet. Auf der anderen Seite musste er von ihr erzählt haben, oder? Etwas skeptisch zuckte ihre Augenbraue in die Höhe, während sie den Fremden noch einmal musterte. Wieder neigte sie leicht den Kopf und das süße kleine Lächeln kehrte zurück. „<i>Das bin ich dann wohl, hübscher</i>“, schnurrte sie. „<i>Das kann ich von dir allerdings nicht behaupten.</i>“ Dabei glitt ihr Blick halb fragend zu Lucien, denn sie wollte wissen, ob sie den Mann nun mochten oder nur mitgenommen hatten, um ihn dann später Kiel zu holen.</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien war, zugegeben, angenehm überrascht, dass Talin an seinem zuvor etwas schärferen Ton keinen Anstoß nahm. Sein Lächeln vertiefte sich, der Ausdruck in den grünen Augen wurde deutlich wärmer, als sie seine Hand ergriff und seiner Einladung folgte, zu ihm zu kommen. Dann folgte er ihrem Blick zurück zu Ceallagh, in dessen Worten Erkennen lag. <br />
Zwar erinnerte sich der Dunkelhaarige nur ungern an die Umstände, unter denen der Blonde zum ersten Mal von Talin gehört hatte, doch er konnte sich auch der Tatsache nicht verschließen, dass sie der Grund war, weshalb sie einander überhaupt kennengelernt hatten. Ohne jene Puppe aus Stroh hätten sie dieses halbe Jahr auf See vielleicht nebeneinander her gelebt, ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Die Mytilus war zwar klein, doch sowohl er als auch Ceallagh eigenbrötlerisch genug gewesen, um diese Herausforderung ohne Probleme zu meistern. <br />
Talin jedoch hatte nicht den geringsten Hauch von Wärme für den älteren der beiden Männer übrig. Ihr zartes Schnurren jagte Lucien beinahe einen Schauer über den Rücken und der Blick, mit dem sie ihren Gegenüber maß, erinnerte an eine Löwin, die gerade mit dem Gedanken spielte, einen Rehbock zu reißen und eine seiner Rippen im Anschluss als Zahnstocher zu benutzen. In diesem Sinne passte sie wohl ganz hervorragend zu ihrem Schiff.<br />
Der Dunkelhaarige fing ihren Blick auf und seufzte leise, beinahe lautlos. Wissend, dass er an dieser Situation wohl nicht ganz unschuldig war. Etwas, das er nun berichtigen musste. „<i>Er ist... er war mir ein Freund, damals. Du musst ihn nicht gleich fressen.</i>“ Ein Hauch von Belustigung schwang in seiner Stimme mit, doch der Blick der daraufhin Ceallagh galt, sprach eher von Zurückhaltung.</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ein amüsiertes Lachen stahl sich durch die viel zu trockene Kehle. Talin war schon ein lustiges Ding. Wie sie so neben Lucien stand, eine Mischung aus Selbstbeherrschung und tobendem Sturm. Hatte er den Zug um ihre Züge erst nicht erkannt oder unter dem Rausch des Alkohols und der Schmerzen glatt weg übersehen, wurde ihm schnell klar, dass er gerade nicht in der Position war, schlechte Witze zu reißen. Talin machte nämlich nicht den Eindruck, als würde sie allzu lang darüber nachdenken, ihm das Nähzeug, das sie krampfhaft zwischen ihren Fingern verborgen hielt, so tief es ging in den Hals zu rammen, wie irgend möglich. Die Dynamik zwischen den Geschwistern war ungesund abhängig. Schaukelte sich von einer Sekunde zur anderen hoch und wieder hinab. Und doch war alles, was Ceallagh tat zu lächeln. Ganz so als verstünde er es. Jeden giftigen Blick. Jede tödlich süß gesprochene Äußerung seines Gegenübers. <br />
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“<i>Ich bin auch ein ziemlich langweiliger Kerl, über den man nichts Interessantes berichten kann.</i>“, entgegnete er. <br />
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Sichtlich amüsiert und sogleich mit dem Krug an den Lippen. Ganz sicher würde er nicht damit anfangen, dass er an Luciens Stelle auch nichts vom Schiff oder ihm erzählt hätte. Weil es fragen nach den anderen aufwarf. Erinnerungen hoch kochen ließ, die so abscheulich waren, dass sie nicht zu den Erlebnissen gehörten, die man sich einfach frei von der Leber weg erzählte. Man vergrub sie, darauf hoffend, dass sie nicht irgendwann wie ein Geschwür zurückkehren würden. Und augenscheinlich hatte Lucien genau das getan. Was auch erklärte, wieso seine Briefe nie beantworten worden waren. Verdrängung. Und er hatte schon geglaubt, dass der kleine Rotzlöffel von damals nichts für ihn übrig gehabt hatte.<br />
"<i>Aber fressen würde ich mich auch nicht. Zu viel Alkohol in meinem Blut. Das versaut den Geschmack des Fleisches, hab ich mir sagen lassen.</i>“<br />
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Bitter drückte sich der Geschmack des Rums gegen seinen Gaumen und trieb für einen Augenblick seine Brauen scharf zusammen. Dennoch nahm Ceallagh einen weiteren Schluck, um das Pochen in seiner linken Schulter zu ersticken.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Er lächelte nicht, er zeigte keinen Zorn. Zumindest war es das, was sie aus dem Augenwinkel erkennen konnte, während sie ihren Blick nicht von dem anderen Mann abwandte. Und obwohl Lucien keine Mine verzog, entspannte sie sich bei dem Hauch von Belustigung in seiner Stimme. Sie waren Freunde gewesen. Sie spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung, weil Lucien ihr nichts von dem anderen erzählt hatte. Aber auf der anderen Seite verspürte sie Dankbarkeit dafür, dass es ein Jahr gegeben hatte, in dem ihr Bruder nicht unter den anderen hatte leiden müssen. Talin atmete kurz ein und... überlegte es sich dann noch einmal von Neuem, ihre Krallen nicht einzufahren. <br />
Für eine Millisekunde zuckte ihr Auge leicht, als der Mann in aller Seelenruhe aus seinem Becher trank. Der irrationale Wunsch, er möge daran ersticken für seine bescheuerten Worte, kamen in ihr auf. Talin wusste, dass der Wunsch allein aus dem Gefühl der Erschöpfung erwuchs. Wäre sie nicht so erpicht auf Ruhe und Zeit, ihre Wunde zu versorgen, dann würde sie auch nicht so genervt auf den Mann reagieren. Doch so funkelte sie ihn einfach nur an, vergaß die Dankbarkeit von gerade eben noch. Ihre Hand ballte sich noch ein wenig fester um das Nähzeug in ihrer Hand, als Ceallagh wieder sprach und sie hatte nicht schlecht lust, es ihm ins Gesicht zu pfeffern. Stattdessen erinnerte der Stich der Nadel sie daran, dass sie verwundet waren. <br />
Die Blonde schluckte ihre Impulsivität zum wahrscheinlich ersten Mal in ihrem Leben herunter, ging gar nicht weiter auf die Worte des Mannes ein, bevor sie sich etwas entspannte und Ceallagh mit einem kalten Blick musterte, bevor sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck zu Lucien aufsah. „<i>Wurden eure Wunden behandelt?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Ceallaghs scheinbar unschuldiger Zwischenkommentar ließ Lucien leise schnauben. In einer Mischung aus Belustigung und Spott, und doch zurückhaltend, geradezu unschlüssig. Er war sich nicht ganz sicher, ob er diese Worte als Scherz deuten sollte, oder als Hinweis darauf, dass er den Blonden mit seiner Formulierung beleidigt hatte. Im ersten Moment jedenfalls reizten sie ihn zu einem Schmunzeln, halb belustigt, halb spöttisch und ja, halb nostalgisch bedauernd. <br />
Man konnte ihm wohl nur schwerlich einen Vorwurf machen, dass Lucien sich nach so langer Zeit nicht in überschwängliche Freundschaftsbekundungen stürzte. Er war zwölf gewesen. Neun Jahre langen zwischen dieser und ihrer letzten Begegnung. Neun Jahre ohne ein Treffen, ohne ein Wort zwischen ihnen. Er hatte im Grunde nicht den Hauch einer Ahnung, ob er Ceallagh noch traute, oder nicht. Zweifellos wollte er ihm trauen, aber das war etwas anderes.<br />
<br />
„<i>Oh, lass dir nichts erzählen. Er ist auch nüchtern ungenießbar. Vielleicht macht es der Alkohol nur besser</i>“, ergänzte er mit trotz allem amüsiertem Tonfall, warf Ceallagh einen Seitenblick zu und wandte sich schließlich an Talin. „<i>Uns geht’s gut. Shanaya hat sich gerade erst dem Loch in seiner Schulter angenommen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er es noch aus der Kajüte schafft, um seinen Hintern in eine Hängematte zu verfrachten. Wenn du nichts dagegen hast, überlasse ich Ceallagh für heute Nacht unser Sofa.</i>“<br />
Es war nicht wirklich eine Frage – er hatte diese Entscheidung bereits getroffen, wenn auch nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor er diese Worte an Talin richtete und nur zum Schein am Ende in die um Zustimmung bittende Tonlage schwenkte. Er für seinen Teil würde Ceallagh jedenfalls nicht mehr unter Deck hieven können. <br />
<br />
„<i>Was ist mit dir? Hat sich jemand deine Verletzung angesehen?</i>“ <br />
Die tiefgrünen Augen huschten zu ihrer Schulter, halb verborgen unter goldenen Locken. Er sah den Verband hervor schimmern, aber auch Blut. Unwillkürlich runzelte er die Stirn.</font><br />
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<font color="#6B8E23">Plötzlich, kaum vorhersehbar stellten sich Ceallaghs Nackenhaare auf. Irgendwo verschwammen Luciens Beine in seinem Blick und verschmolzen regelrecht mit dem Kartentisch, an dem er noch immer stand. Sukzessive setzte sich der Alkohol wohlig warm in seine Muskeln und verschonte ihn für einen Augenblick von der knisternden Luft, die bereits gegen seine Schläfen schwappte. Erst als er wieder zu Talin hinauf sah, blinzelte er. Musterte sie skeptisch, oder viel mehr das, was sie da auf ihren Zügen zur Schau trug. War sie etwa wütend auf ihn? Nein. Da war mehr als bloße Verstimmung. Sie schien, als wollte sie ihn geradewegs in kleine Stücke zerteilen und den Haien zum Fraß vorwerfen. Komisches Weibsbild. Er konnte sie nicht daran erinnern, irgendetwas gesagt zu haben, was sie falsch auffassen konnte. Das meiste war eigentlich sehr beleidigend gegen sich selbst gerichtet gewesen. Oder? <br />
Fast vergaß er dabei Lucien neben sich. Nahm seinen Witz nur zur Hälfte wahr und schielte aus den Winkeln zur Seite, während er davon sprach ihn aufs Sofa zu verfrachten. Ehrlich gesagt hatte der Hayes gerade kein sonderlich gutes Gefühl dabei hier zu bleiben. Zwar besaß er selten allzu gutes Benehmen, um Schwingungen zu respektieren, die durch den Raum flirrten. Doch es erschien ihm nicht ratsam einer Frau beizuwohnen, die derart unter Verstimmungen litt. Am Ende wäre es seine letzte Nacht auf diesem Schiff. Oder im Allgemeinen.<br />
“<i>Ich lass euch Zwei lieber allein.</i>“ Unter einem tiefen Atemzug stellte Ceallagh den Krug auf den Tisch zurück und presste sich mit einem Arm und dem letzten Bisschen Kraft in seinen Beinen in die Senkrechte. Besser er nutze einen anderen Tag, um Talin kennenzulernen als heute. Wo das Adrenalin sie wohl genauso lang halbwegs aufrecht erhalten hatte wie ihn und Lucien. <br />
<br />
“<i>Nach heute kann ich nicht garantieren einen ruhigen Schlaf zu haben… und den hat wohl jeder von uns bitter nötig.</i>“ Zumal es wohl ein paar wenige Pritschen bei diesem Schiffsdoktor gab, der sich noch immer Enrique widmete. Wie es dem wohl ging? <br />
<br />
“<i>Und ich muss schauen was de Gúzman macht.</i>“ Ein süffisantes Grinsen schob sich auf seine Lippen. Die Augen vielsagenden auf Lucien gerichtet, der sich wohl sehr gut seinen Teil denken konnte – jetzt wo er wusste, in welcher Verbindung sie zueinander standen. Meter um Meter hinterließ Ceallagh dumpfe Schritte im Raum, ehe er den Durchgang zur Kajüte erreichte und sich halb herum drehen musste, um die Klinke mit der Rechten zu ergreifen. Dann nickte er in einem letzten Gruß den Geschwistern zu und schloss die Tür mit einem leisen Klacken hinter sich.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Ihr Blick glitt erneut über Lucien, während er ihre Frage beantwortete und Erleichterung durchströmte sie, dass wenigstens Shanaya sich um seine Wunden gekümmert hatte. Als sie ihren Blick auf den anderen Mann richtete, sah der allerdings nicht mehr so taufrisch aus. Unsicher, ob sie wirklich Besorgnis empfand, runzelte sie die Stirn, während sie in Luciens Richtung sanft den Kopf schüttelte. „<i>Skadi hat sie sich angesehen, nachdem ich verwundet wurde. Aber jetzt hat es noch niemand, das wollte ich gerade...</i>“ Sie biss sich auf die Unterlippe, spürte, dass sie zu viel verraten hatte, weil sie ihm nicht zeigen wollte, dass sie verletzt war. Oder wusste er es doch schon und sie wollte es nur herunterspielen? Sie wusste es nicht. Aber was Talin wusste war, dass der blonde Mann sich wirklich auf das Sofa legen sollte, um dort zu schlafen. Sie konnte sich zumindest nicht vorstellen, dass er es in seinem Zustand in eine Hängematte schaffte. <br />
Das schlechte Gewissen kratzte an ihrer Mauer aus Wut und Erschöpfung, aber sie konnte nichts sagen, denn der Mann wankte zur Tür und... war kurz darauf auch schon irgendwie verschwunden. Die Blonde seufzte und wandte sich dann an Lucien, während sie gleichzeitig seinem Blick auswich. „<i>Ich hab nichts dagegen gesagt, dass er hier schlafen kann</i>“, meinte sie sofort verteidigend. Auch wenn sie nicht so richtig begeistert gewesen wäre. Aber sie hätte es akzeptiert, weil Ceallagh – war so sein Name gewesen? – echt beschissen ausgesehen hatte. „<i>Tut mir leid, dass ich deinen Freund vergrault habe.</i>“ Ihre Stimme kam kleinlaut und erschöpft zwischen ihren Lippen heraus.</font></blockqoute>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">stay, who you are, don't be afraid</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">Kurz nach der Flucht von der Kopfgeldjägerinsel in der Kapitänskajüte der Sphinx</font><br><br><br>Ceallagh, Talin<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">03. Mai 1822 | in der Nacht zum 04. Mai | Kapitänskajüte</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color="#6B8E23">Allmählich klang der Schmerz in seinem Körper ab und vermischte sich mit dem warmen Fetzen Alkohol in seinem Blut. Die Kleine hatte ganze Arbeit geleistet, wie sie behände das schmerzhafte Metall aus seiner Schulter gepuhlt und die Wunde mit wenigen, gezielten Stichen vernäht hatte. Auch wenn er sie dabei keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, musste er ihr Geschick zweifellos anerkennen. Es war offensichtlich, dass sie darin mehr als geübt war, ob an Freunden oder an sich selbst erschien dem Hünen gleichsam unwichtig, wie alles, was sonst mit ihrer Person zu tun hatte.  Für einen Moment stützte er sich mit der verbliebenen freien Hand auf die Reling und bekämpfte die plötzliche Übelkeit, die sich seinen Magen hinauf drückte und seine Züge für einen Sekundenbruchteil kreidebleich werden ließ. Fit fühlte er sich definitiv nicht. Doch er gäbe sich kaum die Blöße sich weinerlich in eine Ecke zu hocken oder den Schiffsarzt nach Betäubungsmitteln zu fragen, die wohl einen Bullen umhauen konnten.<br />
Stattdessen lehnte er sich gegen das warme Holz des Schiffes und starrte nachdenklich auf die dunkle See. Seit Wochen hatte er dieses Gefühl vermisst, das der Fahrtwind und die Tropfen salzigen Meerwassers auf seinen Zügen in ihm auslösten, das die Gischt hinauf spritzte, wann immer sie geräuschvoll gegen den Rumpf klatschte.<br />
Es jedoch hier, auf dem Schiff einer alten, bekannten Seele wiederzufinden, hatte er sich in keinem seiner dunklen Träume ausgemalt. Und doch war er froh, seinen Freund aus vergangen Tagen lebend und wohlauf zu sehen. Nach allem, was er vor Monaten gehört hatte, nachdem er selbst überstürzt aufgebrochen war, hatte er Lucien keine allzu großen Chancen ausgerechnet. Jedenfalls nicht dem Lucien, den er noch so lebendig in Erinnerung hatte. Grün hinter der Ohren. Weich und gerade im Begriff die Vorzüge einer gut ausspielten Rache für sich zu entdecken.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Er sah den Blonden nur aus dem Augenwinkel den Aufgang zum Hauptdeck nehmen, doch es reichte, um Lucien innehalten und den Kopf wenden zu lassen. Er sah ihm nach, bis seine Stiefel schließlich von der letzten Stufe verschwanden und spürte den Drang, sich in Bewegung zu setzen. Ihm zu folgen. Aber etwas in ihm ließ ihn zögern.<br />
Seit Ceallagh in diesem Wirtshaus aufgetaucht war, brannte er darauf, mit ihm zu sprechen. In Ruhe. Unter vier Augen. Da gab es so viel, das er wissen wollte. Wissen musste. Wie es ihm ergangen war, seit sie sich das letzte Mal getroffen hatten. Warum er nicht zurück auf die Mytilus gekommen war. Was ihn davon abgehalten hatte, sich zu melden oder ihn gar zu besuchen. Oder wer. Sein Onkel? Oder Kalem Dravean? Oder er sich selbst? Oder Lucien?<br />
Ein leiser, zarter, stechender Schmerz fuhr ihm durch die Brust, ließ ihn reflexartig die Hand heben und gegen sein Brustbein drücken. Er schwoll an und ab mit jedem Schlag seines Herzens. Dann verblasste er wieder und Lucien stieß leise die Luft aus. Es war das Herz des Zwölfjährigen, das ihn zögern ließ. Der Zwölfjährige, der er einmal gewesen war. Aber er hatte schon weit mehr überlebt, als das hier, oder nicht?<br />
Also setzte er sich in Bewegung, folgte Ceallagh nach oben und als die milde Nachtluft durch sein Haar fuhr, entdeckte er den Blonden an der Reling stehen. Er starrte nach unten. In die Schwärze der Wellen, die so dunkel waren wie sein Gesicht weiß. <br />
Auf Luciens Lippen stahl sich ein Schmunzeln. Er war inzwischen auf wenige Schritte heran gekommen und blieb stehen, verschränkte die Arme vor der Brust. „<i>Du siehst beschissen aus</i>“, eröffnete er dem Blonden in aller Freundschaft.</font><br />
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<font color="#6B8E23">Langsam, nahezu in Zeitlupe wandte sich der blonde Haarschopf herum und lugte über die nackte Schulter zu dem Jungspund hinüber. Irgendwo unter Deck hatte er sein Hemd zurückgelassen, das ihm mit seinem Blut und womöglich dem Luciens durchtränkt und vom sadistisch angehauchten Frauenzimmer aufgeschnitten kaum noch nützte. Doch all das hinterließ mit den Worten seines Freundes einen amüsierten Zug auf seinen Lippen. Abschätzend wog Ceallagh den Kopf zur Seite und hätte beinahe in seinem Automatismus mit einem Schulterzucken reagierte. Der stechende Schmerz, der sich jedoch bei der kleinsten Bewegung bemerkbar machte, entzog ihm nicht nur eine Spur seiner ohnehin schon mangelhaften Gesichtsfarbe, sondern erinnere ihn daran, dass Gesten wie diese und jegliches Handwerk für die nächsten Tage keine Option für ihn waren. <br />
<br />
“<i>Und sowas sagst du mir ohne einen versöhnlichen Krug Rum in der Hand? Oh Dravean… wo sind nur deine Manieren geblieben?</i>“<br />
<br />
Dann lachte er, schüttelte den Kopf und ließ sich seitlich gegen die Reling gleiten.<br />
<br />
“<i>Ne nette Mannschaft hast du da.</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">In dem Moment, in dem Ceallagh sich zu ihm umwandte, flutete ein Gefühl des Erkennens sein Innerstes, seinen Verstand. Das Gefühl, das im Kreise der Männer in diesem Wirtshaus noch auf sich warten ließ, das im Eifer ihrer Flucht in den Hintergrund gerückt war. Dafür brandete es nun über ihn hinweg wie die Wellen der aufgepeitschten See in einem tosenden Sturm. Ein sich Erinnern, ein kindliches Urvertrauen, geschmiedet aus gemeinsamen Erlebnissen, gemeinsamen Gegnern, lediglich überlagert vom Misstrauen des erwachsenen Mannes. Aber immer noch da.<br />
Lucien stieß ein spöttisches Schnauben aus. „<i>Meine Manieren? Die hab ich wohl im Gefängnis zurückgelassen.</i>“ Damit überwandt er seine Zurückhaltung. Überwandt den letzten Rest eines Zögerns, lockerte die Arme und trat zu seinem alten Freund an die Reling.<br />
Der Ausdruck seines Spotts wich von seinen Zügen, machte einer oberflächlichen Ruhe Platz. Vorsichtig, um nicht durch eine unbedachte Bewegung den Schmerz in seiner Seite heraufzubeschwören, lehnte sich der Dunkelhaarige rücklings gegen das Geländer und wandte den Blick Ceallagh zu. „<i>Talins Verdienst. Nicht meiner. Sie hat mich gefunden</i>“, erwiderte er nicht ohne den zarten Hauch liebevoller Zuneigung in der Stimme, die selten ausgeblieben war, wenn er dem Blonden gegenüber von seiner Schwester gesprochen hatte. Eigentlich nie, wenn er sich richtig entsann. <br />
„<i>War ganz schön knapp heute.</i>“ Mit einem Nicken deutete er auf Ceallaghs frisch genähte Verletzung, die ohne Hemd der milden Nachtluft ausgesetzt war, und fuhr dann mit einem Lächeln fort: „<i>Du hast dir einen aufregenden Moment ausgesucht, um über uns zu stolpern.</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Ceallagh hoffte just, dass Luciens Manieren das Einzige waren, was ihm im Gefängnis genommen worden war. Zwar hatte es ihn selbst nie getroffen, doch  wusste er, dass hübsche und verhältnismäßig schmale Männer unter einem mit Aggression und Frust aufgeladenen Haufen schnell zum Freiwild gehörten. Ein mildes Lächeln zierte somit die Lippen des Hayes. Wurde eine Spur weiter, kaum dass der Dunkelhaarige diesen einen ganz besonderen Namen erwähnte, der in seinem Kopf stets als Teil einer warmen, lang vergangenen Erinnerung zurückgeblieben war. Talins Verdienst. Jene Schwester, deren Mut Vorbild und Ansporn zugleich für den kleinen Jungen geworden war, den er hier, auf diesem Schiff, wohl nie mehr wiederfinden würde.<br />
“<i>Du weißt doch… ich liebe große und heldenhafte Auftritte.</i>“ Wie damals, als sie nicht mehr und nicht weniger als zwei junge Menschen auf einem Schiff voller Vollpfosten gewesen waren.  Und doch konnte Ceallagh den Hauch von Bitterkeit nicht ignorieren, der sich nebst seines kurzweiligen Auflachens mit in seine Kehle mischte. Der Abend hätte auch weitaus schlimmer für sie alle enden können – dem war sich wohl jeder an Board dieses Schiffes bewusst. Und ganz gleich wie wenig ihm sein eigenes Ableben Sorge bereitete, so war er mehr als froh, dass es zumindest den Geschwistern erspart geblieben war. Zäh wie Trockenfleisch.<br />
“<i>Und lieber sorge ich dafür, dass du am Leben bleibst, als dass mir deine Schwester das Leben zur Hölle macht.</i>“ <br />
<br />
Was voraussetzte, dass sie überhaupt von ihm wusste. Dass ihr sein Gesicht in der Menge aufgefallen wäre und sie der irrationalen  Auffassung erlag, dass er für all das hier eine gewisse Teilschuld trug. <br />
<br />
“<i>Jetzt, wo ihr endlich wieder zusammen an einem Ort seid.</i>“<br />
<br />
Für einen Sekundenbruchteil musste der Hayes gegen den schweren Seufzer ankämpfen, der sich seine Magenwand hinauf schob und unangenehme Bilder seiner eigenen Schwester in Erinnerung rief. Doch dort wo sie war, blieb sie in Sicherheit. Das war alles, was zählte.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien stieß ein leises, amüsiertes Schnauben aus. Wohl wahr, auch Ceallaghs Auftritt damals, als sie sich zum ersten Mal trafen, war dramatisch gewesen. Er war definitiv ein Freund großer Gesten, ob es nun um heldenhafte Rettungen oder bitterböse Drohungen ging. Oder darum, einen kleinen Jungen aus dem Schatten seiner eigenen Unsicherheit zu locken. Auch daran erinnerte sich der Dunkelhaarige lebhaft. <br />
Er neigte leicht den Kopf und das Lächeln auf seinen Lippen vertiefte sich ein wenig. „<i>Dafür müsste sie erst einmal wissen, dass es dich gibt</i>“, erwiderte Lucien schließlich etwas leiser als gerade eben noch. Nicht, weil er sich für seine Geheimniskrämerei schämte, sondern weil er sich ein weiteres Mal zu fragen begann, wo Ceallagh gewesen sein mochte. Und ob er angesichts der andauernden Funkstille nicht sowieso gut daran getan hatte, Talin nie von jenem einzigen Freund zu berichten, den er auf der Mytilus je hatte. Der einzige, den er überhaupt je hatte. <br />
„<i>Jedenfalls… danke, für die Rettung</i>“, schloss er, begegnete dabei dem Blick des Blonden und schwieg ein paar Herzschläge lang. Schwieg und beobachtete dessen ernste Züge, während sich ihm immer neue Fragen aufdrängten, die er ihm liebend gern gestellt hätte. Ob er vor hatte, das jetzt zur Gewohnheit werden zu lassen? Dafür zu sorgen, dass der Dunkelhaarige am Leben blieb? Doch wenn ja, dann gab es da etwas, das sie vorher besprechen mussten. Etwas, das so viel wichtiger war. Und ehe er sich versah, stellte Lucien diese Frage, die ihn auch Jahre nach ihrer gemeinsamen Fahrt noch beschäftigt hatte. Hielt nur mit Mühe den Jungen aus seiner Stimme, der er einmal gewesen war. Kein Vorwurf, kein verletzt Sein, nur nüchternes Interesse: „<i>Wo warst du die ganze Zeit? Warum bist du damals nicht wieder gekommen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Hatte er denn wirklich eine Wahl gehabt, als ihm Luciens Gesicht am Tisch mit diesen Fremden aufgefallen war? Vielleicht war es eine Affekthandlung gewesen. Vielleicht das tief sitzende Band einer Freundschaft, die vor Jahren mit den Erinnerungen an die Mytilus auf den Meeresgrund gesunken war. Doch ganz gleich was es letztlich gewesen war. Ceallagh war sich sicher, dass er immer wieder genauso handeln würde. Also zuckte er nur beiläufig mit der Schulter und gab dem Jüngeren somit nonverbal zu verstehen, dass er sich DAFÜR definitiv nicht bedanken musste. Nicht bei ihm. "<i>War mir eine Ehre.</i>"<br />
Und während das darauffolgende Schweigen sich zwischen sie legte, wie ein Geräusch verschluckender Teppich aus Samt, wandte sich der Blick des Schmugglers zurück auf die See, die irgendwo vor ihm in der Dunkelheit der Nacht am Horizont verschwand. Ließ ihn über die Worte Luciens nachdenken, die unerwartet in den Raum schwebten. Es hatte mehr als nur einen Grund, wieso sie sich all die Jahre nicht mehr über den Weg gelaufen waren. Denn wiedergekommen war er mehr als einmal. Und unverrichteter Dinge von dannen gezogen, weil es weder eine Mytilus noch Lucien auf der Insel gab. Mit einem tiefen Atemzug zog Ceallagh die dichten Brauen zusammen und stützt sich mit der freien Hand an der Reling ab. <br />
"<i>Wenn nicht gerade auf dem Schiff meines Vaters, dann in irgendeinem Gefängnis.</i>" Letzteres war der Grund wieso er Enrique begegnet war. Doch davon wusste niemand außer ihnen. "<i>Und wenn ich mal wieder im Land war, wart ihr bereits wieder auf See.</i>" So waren die Dinge nun einmal - öfter als einem womöglich lieb war. "<i>Wir haben uns wohl immer glorreich verpasst, würde ich sagen.</i>" Das matte Schmunzeln hing nur für einen Sekundenbruchteil auf seinen Zügen, ehe es etwas platt in seinem Mundwinkel verharrte.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Irgendwie hatte der kleine Junge in ihm eine dramatischere Antwort erwartet. Eine todesverachtende Fahrt in eine der anderen Welten, die den Blonden abgehalten hatte oder schlicht die niederschmetternde Wahrheit, dass Lucien die Begegnung auf der Mytilus mehr bedeutet hatte, als dem damals Sechzehnjährigen. Was für ihn eine tiefgreifende Veränderung in seinem Leben bedeutet hatte, war für Ceallagh vielleicht nur irgendeine sechsmonatige Fahrt bei irgendeinem Mann auf irgendeinem Schiff, den sein Vater zufällig kannte, mit einem Jungen an Bord, der sich kaum selbst zu helfen gewusst hatte. Dass die Erklärung jedoch nur ganz normales, alltägliches Pech war, machte die Situation einerseits neutraler, andererseits auch ein bisschen armseliger.<br />
Jedenfalls gaben ihm seine Gefühle in diesem Augenblick merklich zu denken. Lucien schwieg, kämpfte gegen den kindischen Frust, der sich in ihm erhob. Er spürte Enttäuschung, verletzten Stolz und wusste, dass es Unsinn war. Dass Ceallagh nichts dafür konnte, dass die Mytilus jedes Mal schon wieder auf See war, wenn er zufällig den südöstlichsten Zipfel der Landkarte erreichte. Trotzdem wollte er ihm das übel nehmen und sich zugleich einreden, dass er dafür keinen Grund hatte. <br />
Doch so etwas zu überspielen, bereitete Lucien selten Probleme. Also nickte er schließlich, runzelte nur flüchtig die Stirn, als er nachfragte. „<i>Im Gefängnis? Weshalb?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Ceallagh konnte den Kampf in Luciens Inneren nicht sehen. Nicht in diesem Halbdunkel, nicht unter dem Dunst seiner Schmerzen und schon gar nicht in dem verschlossenen Gesicht des Jüngeren, der unfassbar einsilbig geworden war. Vielleicht nahm er auch das zum Anlass, um sich ein tiefes Seufzen zu verkneifen und diesen Ausdruck tief im Gedächtnis einzubrennen. Was auch immer Lucien erwartet hatte, schien wohl nicht das zu sein, was er zu hören bekam. <br />
“<i>Nun...wenn mich mein Onkel schon nicht auf physische Art zurechtstutzen konnte, schien ihm das wohl die einzige Möglichkeit sein. Nehme ich an.</i>“, versuchte sich der Hüne in einer Erklärung und ließ den blonden Schopf für einen Moment zur Seite gleiten. “<i>und wenn er es nicht war, dann ein verdammt dummer Zufall oder, was ich eher vermute, einer unserer zwielichtigen Geschäftspartner.</i>“ <br />
Es war nicht so, dass es ihm nicht von Beginn an klar gewesen wäre. Doch was gab man schon auf den Rat eines aufmüpfigen junges Mannes, der von seinem Handwerk genauso viel verstand wie von den Frauen, die er heimlich im Schutz der Nacht aufsuchte.<br />
“<i>So bin ich auch de Guzmán begegnet.</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Schweigend hörte er sich Ceallaghs kurzen Abriss der Geschichte an, die noch einiges mehr an Fragen hinterließ, als sie tatsächlich beantwortete. Dennoch huschte ein Schmunzeln über seine Lippen, freundschaftlich amüsiert und doch von einer vorsichtigen Distanz geprägt, sodass die grünen Augen in der schummrigen Dunkelheit ohne Glanz blieben. Den Moment seiner inneren Zerrissenheit derweil schien er wieder überwunden zu haben. „<i>Ah... das erklärt euren so vertrauten Umgang miteinander. Und ich vermute mal, ganz egal was er versucht hat, dein Onkel hat es trotzdem nicht geschafft, dich zurecht zu stutzen.</i>“ Ein Hauch von Spott lag in der Stimme des Dunkelhaarigen, ehe er schließlich nickte und sich von der Reling abdrückte, einen halben Schritt in Richtung der Kajüte machte. Seine Augen kehrte jedoch zu dem Blonden zurück, maßen ihn mit einem kurzen, prüfenden Blick, ehe er ihn mit einem Winken dazu aufforderte, ihm zu folgen. „<i>Komm mit, den Rest der Geschichte solltest du mir bei dem versprochenen Gläschen Rum erzählen. Ich bin gespannt, was dich am Ende nach Lacrinîn und ausgerechnet in dieses Wirtshaus verschlagen hat, wo du über uns gestolpert bist. Außerdem solltest du dich setzen... du siehst wackeliger aus, als ich mich fühle.</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Vertraut. Ceallagh schmunzelte angesichts dieser Worte. De Guzmán war sonderbar "zutraulich" gewesen, gewissermaßen. Abgesehen von seinem animalischen Ausraster, der mit seinem Temperament durchaus attraktiv für... andere außer ihm hätte sein können, benahm sich der Offizier üblich distanziert. Wortspiele waren da ihre gängige Art der Kommunikation - auch wenn sich der Schmuggler sicher war, dass es ihm mehr Freude bereitete als dem Dunkelhaarigen. <br />
"<i>Man wächst an seinen Aufgaben.</i>", erwiderte er mit halbem Achselzucken auf Luciens ungestellte Frage und folgte ihm wenig später auf seinen Wink hin unter Deck. "<i>3 Gläschen Rum und wir sind gleichauf.</i>" Dass er wohl aussah wie der Tod auf zwei Beinen, begegnete Ceallagh ebenso gleichgültig, wie dem Rest der Crew, der in Richtung Kajüte an ihm vorbeizog wie namenlose Schatten. Gerade erhellte nichts seine Aufmerksamkeit. Selbst als er sich auf einen Stuhl in mitten des Raumes niederließ, hämmerte eine bleierne Schwere durch seinen Kopf. Er musste stark aufpassen, nicht das Bewusstsein zu verlieren. <br />
Seufzend ließ er sich gegen die Stuhllehne gleiten und senkte den Kopf in den Nacken. Die Augen geschlossen, während er Luciens Schritten lauschte, die mal rechts und mal links von ihm durch den Raum klangen. <br />
"<i>Also... wo soll ich anfangen?</i>"</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien lachte nur kurz leise auf und schüttelte den Kopf, bevor er sich gänzlich umwandte und mit Ceallagh im Schlepptau den Weg zu seiner Kajüte einschlug. Klang ganz danach, als versprach dieser Abend auf mehr hinaus zu laufen, als nur ein, zwei oder drei Krüge Rum. Eine gute Geschichte verlangte danach und die vorangegangenen Erlebnisse mindestens ebenso. Ob nun, um sie halbwegs zu verarbeiten, sie zu vergessen oder zu feiern, dass sie noch lebten. <br />
Als sie die Kajüte erreichten, zog er seinem ehemaligen besten Freund mit dem Fuß einen der Stühle heran, die um den Kartentisch standen, wies ihn mit einem kleinen Nicken an, sich zu setzen und wandte sich bereits dem Buffetschrank zu, der neben der Tür an der Wand stand. Er griff nach zwei Krügen und einer angebrochenen Flasche Rum, stellte alles zusammen auf den Schrank und lauschte auf die Geräusche, die der Blonde hinter ihm von sich gab, als er sich auf seinen Sitzplatz fallen ließ. Ein Lächeln huschte über Luciens Züge, als er die Flasche entkorkte und beide Krüge halb voll machte. „<i>Wie wäre es mit... am Anfang.</i>“ Leise Belustigung erklang aus seiner Stimme, wissend, wie wenig hilfreich diese Aufforderung üblicherweise war. <br />
Er wartete deshalb auch nicht unbedingt auf eine Antwort, sondern griff sich die beiden Krüge, kehrte zu Ceallagh zurück und hielt ihm einen davon entgegen, als dieser den Blick wieder auf den jungen Captain richtete. „<i>Wie wäre es damit, was dich auf diese Insel und in dieses Wirtshaus verschlagen hat?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Lucien war ungemein präzise in seinen Worten, die unter dem Klimpern und Klappern der Schranktüren, Krüge und Gläser fast beiläufig wirkten. Dennoch hinterließ er damit den Anflug eines Lächelns auf Ceallaghs Lippen. Fast als erinnerte es ihn an alte Zeiten, die zu verblassen und trüben begannen. Unter einem tiefen Atemzug stemmte sich der Hüne letztlich mit einer Hand am Rand des Stuhls in die Senkrechte zurück und hob den Kopf in genau dem Moment, als Lucien mit dem versprochenen Alkohol zurückkehrte. Rau und dumpf klangen die Schritte seiner Stiefel auf den dunklen Dielen. Weit entfernt und plötzlich unfassbar nah. Ceallagh fragte sich, wann sich sein Geisteszustand am heutigen Tage verabschieden würde, wenn er ihn nicht alsbald an den Alkohol verlor.<br />
<br />
“<i>Um das zu erklären, muss ich noch viel weiter ausholen.</i>“, entgegnete er und schob den Henkel des Kruges zwischen Handfläche und Finger. <br />
“<i>Mein Vater ist vor einigen Jahren auf offener Straße erschossen worden. Angeblich weil er einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war.</i>“ <br />
Ein abschätziges Schnauben verließ seine Kehle, ehe er sich einen Schluck des Rums genehmigte und fortfuhr. <br />
<br />
“<i>Letztlich hat es meinem Onkel in die Karten gespielt und er hat sämtliche Geschäfte übernommen, wie er es all die Jahre schon vor hatte. Und weil er ein widerlicher Raffzahn ist, war ihm letzten Endes jedes Mittel recht, um seinen bedeutungslosen Reichtum zu vergrößern. Ob er nun kleine Unternehmen annektierter, illegale Tauschgeschäfte anderer sabotierte oder meine Schwester an so einen schmierigen Verbrecher zu verschachern.</i>“ <br />
<br />
Ein Schatten legte sich auf Ceallaghs Züge. Hob die kleinen Vertiefungen seiner Wangen hervor, unter denen die weißen Kiefer angespannt aufeinander mahlten.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien zuckte mit einer beiläufigen Geste, die die nonverbale Version eines „ich hab' Zeit“ zu sein schien, die Schultern und lehnte sich Ceallagh gegenüber mit der Hüfte gegen den großen Kartentisch, der einen Großteil der rechten Raumhälfte einnahm. Die tiefgrünen Augen huschten über den Rand seines Kruges hinweg zu dem Blonden, beobachteten dessen Züge, während er mit seiner Geschichte begann. Am Anfang, letzten Endes. Oder zumindest in etwa da, wo sich ihre Wege einst getrennt hatten. <br />
Er trank einen Schluck, spürte der Wärme des Alkohols nach, die sich angesichts der Menge, die er nach Shanayas Erste Hilfe Maßnahmen ohnehin schon im Blut hatte, kaum spürbar in seinen Eingeweiden einrollte. Der Schatten, der sich über Ceallaghs Züge legte, überraschte ihn nicht. Wie einst, als das Band zwischen Geschwistern sie einander als Gleichgesinnte offenbarte, fühlte er sich seinem ehemaligen besten Freund auch jetzt unweigerlich verbunden. Mit einem noch tieferen, dunkleren Hass, als damals, der sich durch seine Innereien wühlte. <br />
<br />
„<i>Und ich nehme mal an, das konntest du so nicht stehen lassen, oder? Ich meine, das mit deiner Schwester?</i>“ Im Grunde keine Frage, sondern vielmehr eine Feststellung. Wie gesagt, ging es um das Band zwischen Geschwistern, waren sie einander ebenbürtig. Dafür prägte die Frage, die Lucien danach stellte, ein ehrliches Interesse: „<i>Und das hat dich direkt oder indirekt auf diese Insel geführt?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#6B8E23">Ceallagh nickte zur Antwort. Schenkte der Bitterkeit auf seiner Zunge nach und ließ dann den Krug geräuschvoll auf den Tisch neben sich gleiten. Allein der bloße Gedanke daran trübte seine Laune. Doch das allmähliche erhabene Grinsen zupfte bereits harsch an seinen Mundwinkeln - erst recht als Lucien eine weitere Frage nachschob, die regelrecht dazu einlud mit seiner Erzählung fortzufahren. <br />
<br />
“<i>Sie ist auf sonderbare Weise vom Erdboden verschwunden, bevor sie den Bund einer lieblosen Ehe eingehen konnte. Beim Klabautermann. Wie das nur geschehen konnte.</i>“ Ein abfälliges Brummen durchquerte seine Kehle. Ließ die hellen Brauen hinaufschnellen und verlieh dem blassen Gesicht den schelmischen Ausdruck eines Grünschnabels. <br />
“<i>Seitdem bin ich quasi auf der Flucht. Mal hier mal dort... nie sonderlich lang... damit sich niemand mein Gesicht einprägen kann.</i>“ Was bei seiner extrovertierten Art ein Kampf gegen Windmühlen war. <br />
“<i>Und nachdem mich ein Fischer mit auf die Insel genommen hatte, bin ich nicht mehr von dort weggekommen.</i>“ Was womöglich auch an der Crew lag, dessen Gesellschaft er jetzt reichlich lädiert und zerfleddert genoss und dessen Kapitän amüsiert zu ihm hinab sah. Aus grünen Augen, die Ceallagh gleichsam schmunzelnd musterte. Mit einem Schlag fühlte er sich schon wieder so unfassbar müde. Am liebsten hätte er sich vom Stuhl auf den Boden gleiten lassen und die Augen schlossen. Nur für ein paar Stunden.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Müdigkeit nagte an ihr, wie ein penetranter Begleiter. Ihre Schulter sandte eine permanente Welle des Schmerzes durch ihren Körper und Talin war sich nicht ganz sicher, ob sie sich nicht einfach hier an Deck zusammenrollen sollte, um zu schlafen oder es vielleicht noch bis zur Kajüte schaffte. Das letzte Mal hatte sie sich so gefühlt, als sie die Morgenwind überfallen hatten und von ihr geflohen waren. Nur war sie damals nicht wirklich verwundet worden. Kurz fragte sie sich, ob Lucien auf der Flucht zur Sphinx die Wunde an ihrer Schulter aufgefallen war oder ob sie noch so tun konnte, als wäre alles in Ordnung. <br />
Der Blick der jungen Frau fiel auf ihren Pressverband, den sie mehr schlecht als recht gebunden hatte und seufzte dann leise. Ja, das würde sie sicher verheimlichen können. Eigentlich war sie, nachdem sie auf das Schiff geflohen waren, sofort in die Kajüte verschwunden, um sich selbst zu verarzten, denn das Lazarett erschien ihr dafür eindeutig zu überfüllt. Aber natürlich hatte sie nicht alles gehabt, was sie brauchte und hatte sich deshalb noch einmal auf den Weg gemacht, um die restlichen Materialien zu holen. Wenn sie also in die Kajüte kam, dann könnte sie sich endlich um ihre Schulter kümmern, auch wenn sie nichts lieber täte als schlafen.<br />
Die Gedanken hatten sie bis zur Türschwelle der Kajüte getragen und für einen kurzen Moment blieb sie davor stehen, atmete einen Moment durch, bevor sie schließlich die Tür aufmachte - und erstarrt stehen blieb. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Lucien schon wieder zurück war und schon gar nicht, dass er sofort einen der neuen mitbrachte. War es nicht ein bisschen vorschnell, jemanden nach dem Erlebten, sofort die Carta unterschreiben zu lassen. Ihre Augenbrauen zuckten leicht in die Höhe, während sie ihre eine Hand fester um das Nähzeug schloss, als hoffte sie, dass es nicht auffiel. Sie neigte leicht den Kopf, sodass ihr Haar über ihre verbundene Schulter fiel und lächelte süßlich.  „<i>Na sieh mal einer an. Bist du nicht ein bisschen vorschnell mit dem Anheuern, Brüderchen?</i>“</font><br />
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<font color="#458B74">Selbst wenn er es nicht gewollt hätte: Ceallaghs Tonfall, seine Wortwahl, das feiste Kleinjungengesicht – Lucien musste grinsen. Er gab ein leises, gespielt bedauerndes Schnalzgeräusch von sich, das ganz sicher niemanden täuschte und hob den Krug beiläufig an, ohne sich sofort einen weiteren Schluck zu genehmigen. „Nein... so ein Ärger!“ Sein Tonfall stand dem Ceallaghs in nichts nach und über den Rand seines Rums hinweg begegneten die grünen Augen sichtbar erheitert dem Blick seines alten Freundes. Dann erst trank er einen weiteren Schluck und nickte im Anschluss. „Du glaubst also, dein Onkel sinnt auf Rache und hat seine Hunde auf dich angesetzt?“ <br />
Weiter kam er nicht. Ceallagh bekam nicht einmal Gelegenheit auf eine Antwort, denn in diesem Augenblick öffnete sich knarzend die Tür zur Kajüte und lenkte Luciens Blick zu der Gestalt, die dort erschien. Die Hand mit dem Rum glitt ein Stück hinab. „<i>Talin.</i>“ Doch der Ausdruck auf ihren Zügen fegte jedes Lächeln von seinen Lippen und hinterließ in seiner Stimme einen überraschten Unterton. Sie war... wütend. <br />
Langsam, zögernd stellte Lucien sein Getränk neben sich auf den Kartentisch. „<i>Ich heuere niemanden an</i>“, erwiderte er vielleicht eine Spur forscher, als nötig. Und eine Sekunde später besann er sich eines besseren. Er seufzte, lächelte sacht und streckte die Hand nach ihr aus. Eine Einladung, ein Friedensangebot. Die Stimmung zwischen ihnen mochte in letzter Zeit angespannt gewesen sein, doch in diesem Augenblick war es ihm egal. Nie zuvor war ihm so bewusst gewesen, wie leicht er sie hätte verlieren können, als in dieser Nacht. „<i>Das ist Ceallagh. Wir sind uns schon mal begegnet, auf der Mytilus. Als wir Kinder waren.</i>“</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ceallagh glaubte es nicht nur. Er wusste es. Nicht nur der Drohungen wegen, die ihm hinterher gebrüllt worden war und diverser Erfahrungen, sondern weil er wohl nicht anders gehandelt hätte. Im Gegensatz zu seinem Onkel besaß er sich allerdings nicht nur Feinde. Solange er nicht wollte, dass man seine Schwester fand, blieb sie bis ins hohe Alter verschwunden. Daran änderte nicht einmal jeglicher Reichtum dieser und anderer Welten etwas. <br />
Doch der Hüne kam nicht einmal dazu, eben das mit einem siegessicheren Lächeln auf den Zügen zu entgegnen. Kaum hatte er die Lippen geöffnet, knallte die Tür in seinem Rücken gegen die Wand und spie eine junge Frau in den Raum, dessen Präsenz Ceallagh mehr erahnen, als sehen konnte. <br />
Nur langsam kippte sein Kopf in den Nacken zurück, weil ihm seine Schulter kaum erlaubte, sich zur Seite zu drehen. Erspähte die Gestalt Talins auf dem Kopf stehend und lauschte den angespannten Bewegungen seines Freundes aus Jugendzeiten. War es seiner Wundversorgung oder dem Rum geschuldet, dass er sich einbildete die Luft würde mit jedem verstreichenden Atemzug dicker werden? <br />
Allmählich wurde ihm übel. Den Kopf leicht schief geneigt, die Augen einen Moment auf Talins Zügen verharrend, ehe er sich wieder aufsetzte und mit einer Hand am Tisch festhielt, um sich vollkommen zu ihr herum zu drehen. Luciens Anblick entging ihm dabei nicht: etwas zerknirscht und übellaunig. Passte es dem jungen Kapitän etwa nicht, dass sie so unaufgefordert herein kam? Oder hingen hier alte Streitigkeiten im Raum, derer er sich ganz sicher nicht annehmen würde?<br />
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“<i>Ah. Sie einer an. Du bist also die berühmte Talin.</i>“ Ein Lächeln schob sich auf seine Züge. Warm und fast als würde er eine alte Freundin begrüßen.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Vielleicht, nur vielleicht, war sie ein wenig zu ungnädig zu den beiden Männern im Raum. Sie konnten nicht dafür, dass sie niemanden mehr hatte sehen wollen, bis sie sich verarztet hatte. Und gerade Lucien gegenüber sollte sie nicht ungerecht sein. Statt also zurückzufauchen, als ihr Bruder ihr härter als nötig antwortete, biss sie sich auf die Unterlippe. Es war unnötig einen Streit vom Zaun zu brechen, den keiner von ihnen beiden wollte. Schon gar nicht nach dem, was passiert war. Viel mehr sollte sie ihm wieder um den Hals fallen aus purer Erleichterung, weil Lucien noch am Leben war. <br />
Talin stieß etwas lauter als nötig Luft aus und ließ ihre angespannten Schultern ein wenig nach unten sinken, obwohl es weh tat. Doch sie ignorierte den Schmerz und griff bereitwillig nach seiner Hand, nahm den angebotenen Frieden nur zu bereitwillig an. Nachdem sie seine Hand einmal kurz gedrückt hatte, wandte sie sich an den anderen Mann im Raum. Musternd ließ sie ihren Blick über ihn gleiten und es glomm zumindest so etwas wie Interesse darin auf, bis Lucien erklärte, woher er den Mann kannte. Der Blick in ihren Augen verhärtete sich für einen Moment, bevor sie wieder ein Lächeln aufsetzte. So, so. Sie kannten sich als von früher?<br />
Lucien hatte ihr nie gesagt, was während der Zeit auf See passiert war, wenn er allein mit ihrem Vater und den anderen Männern unterwegs war. Und doch konnte sie ahnen, dass es für ihn nicht angenehm gewesen war. Hieß das also, dass dieser Ceallagh einer von denen ist, die dazu beigetragen hatten, dass es für Lucien schwierig war? Denn ihr Bruder hatte den Blonden nicht als ‚Freund‘ bezeichnet. Auf der anderen Seite musste er von ihr erzählt haben, oder? Etwas skeptisch zuckte ihre Augenbraue in die Höhe, während sie den Fremden noch einmal musterte. Wieder neigte sie leicht den Kopf und das süße kleine Lächeln kehrte zurück. „<i>Das bin ich dann wohl, hübscher</i>“, schnurrte sie. „<i>Das kann ich von dir allerdings nicht behaupten.</i>“ Dabei glitt ihr Blick halb fragend zu Lucien, denn sie wollte wissen, ob sie den Mann nun mochten oder nur mitgenommen hatten, um ihn dann später Kiel zu holen.</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien war, zugegeben, angenehm überrascht, dass Talin an seinem zuvor etwas schärferen Ton keinen Anstoß nahm. Sein Lächeln vertiefte sich, der Ausdruck in den grünen Augen wurde deutlich wärmer, als sie seine Hand ergriff und seiner Einladung folgte, zu ihm zu kommen. Dann folgte er ihrem Blick zurück zu Ceallagh, in dessen Worten Erkennen lag. <br />
Zwar erinnerte sich der Dunkelhaarige nur ungern an die Umstände, unter denen der Blonde zum ersten Mal von Talin gehört hatte, doch er konnte sich auch der Tatsache nicht verschließen, dass sie der Grund war, weshalb sie einander überhaupt kennengelernt hatten. Ohne jene Puppe aus Stroh hätten sie dieses halbe Jahr auf See vielleicht nebeneinander her gelebt, ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Die Mytilus war zwar klein, doch sowohl er als auch Ceallagh eigenbrötlerisch genug gewesen, um diese Herausforderung ohne Probleme zu meistern. <br />
Talin jedoch hatte nicht den geringsten Hauch von Wärme für den älteren der beiden Männer übrig. Ihr zartes Schnurren jagte Lucien beinahe einen Schauer über den Rücken und der Blick, mit dem sie ihren Gegenüber maß, erinnerte an eine Löwin, die gerade mit dem Gedanken spielte, einen Rehbock zu reißen und eine seiner Rippen im Anschluss als Zahnstocher zu benutzen. In diesem Sinne passte sie wohl ganz hervorragend zu ihrem Schiff.<br />
Der Dunkelhaarige fing ihren Blick auf und seufzte leise, beinahe lautlos. Wissend, dass er an dieser Situation wohl nicht ganz unschuldig war. Etwas, das er nun berichtigen musste. „<i>Er ist... er war mir ein Freund, damals. Du musst ihn nicht gleich fressen.</i>“ Ein Hauch von Belustigung schwang in seiner Stimme mit, doch der Blick der daraufhin Ceallagh galt, sprach eher von Zurückhaltung.</font><br />
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<font color="#6B8E23">Ein amüsiertes Lachen stahl sich durch die viel zu trockene Kehle. Talin war schon ein lustiges Ding. Wie sie so neben Lucien stand, eine Mischung aus Selbstbeherrschung und tobendem Sturm. Hatte er den Zug um ihre Züge erst nicht erkannt oder unter dem Rausch des Alkohols und der Schmerzen glatt weg übersehen, wurde ihm schnell klar, dass er gerade nicht in der Position war, schlechte Witze zu reißen. Talin machte nämlich nicht den Eindruck, als würde sie allzu lang darüber nachdenken, ihm das Nähzeug, das sie krampfhaft zwischen ihren Fingern verborgen hielt, so tief es ging in den Hals zu rammen, wie irgend möglich. Die Dynamik zwischen den Geschwistern war ungesund abhängig. Schaukelte sich von einer Sekunde zur anderen hoch und wieder hinab. Und doch war alles, was Ceallagh tat zu lächeln. Ganz so als verstünde er es. Jeden giftigen Blick. Jede tödlich süß gesprochene Äußerung seines Gegenübers. <br />
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“<i>Ich bin auch ein ziemlich langweiliger Kerl, über den man nichts Interessantes berichten kann.</i>“, entgegnete er. <br />
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Sichtlich amüsiert und sogleich mit dem Krug an den Lippen. Ganz sicher würde er nicht damit anfangen, dass er an Luciens Stelle auch nichts vom Schiff oder ihm erzählt hätte. Weil es fragen nach den anderen aufwarf. Erinnerungen hoch kochen ließ, die so abscheulich waren, dass sie nicht zu den Erlebnissen gehörten, die man sich einfach frei von der Leber weg erzählte. Man vergrub sie, darauf hoffend, dass sie nicht irgendwann wie ein Geschwür zurückkehren würden. Und augenscheinlich hatte Lucien genau das getan. Was auch erklärte, wieso seine Briefe nie beantworten worden waren. Verdrängung. Und er hatte schon geglaubt, dass der kleine Rotzlöffel von damals nichts für ihn übrig gehabt hatte.<br />
"<i>Aber fressen würde ich mich auch nicht. Zu viel Alkohol in meinem Blut. Das versaut den Geschmack des Fleisches, hab ich mir sagen lassen.</i>“<br />
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Bitter drückte sich der Geschmack des Rums gegen seinen Gaumen und trieb für einen Augenblick seine Brauen scharf zusammen. Dennoch nahm Ceallagh einen weiteren Schluck, um das Pochen in seiner linken Schulter zu ersticken.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Er lächelte nicht, er zeigte keinen Zorn. Zumindest war es das, was sie aus dem Augenwinkel erkennen konnte, während sie ihren Blick nicht von dem anderen Mann abwandte. Und obwohl Lucien keine Mine verzog, entspannte sie sich bei dem Hauch von Belustigung in seiner Stimme. Sie waren Freunde gewesen. Sie spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung, weil Lucien ihr nichts von dem anderen erzählt hatte. Aber auf der anderen Seite verspürte sie Dankbarkeit dafür, dass es ein Jahr gegeben hatte, in dem ihr Bruder nicht unter den anderen hatte leiden müssen. Talin atmete kurz ein und... überlegte es sich dann noch einmal von Neuem, ihre Krallen nicht einzufahren. <br />
Für eine Millisekunde zuckte ihr Auge leicht, als der Mann in aller Seelenruhe aus seinem Becher trank. Der irrationale Wunsch, er möge daran ersticken für seine bescheuerten Worte, kamen in ihr auf. Talin wusste, dass der Wunsch allein aus dem Gefühl der Erschöpfung erwuchs. Wäre sie nicht so erpicht auf Ruhe und Zeit, ihre Wunde zu versorgen, dann würde sie auch nicht so genervt auf den Mann reagieren. Doch so funkelte sie ihn einfach nur an, vergaß die Dankbarkeit von gerade eben noch. Ihre Hand ballte sich noch ein wenig fester um das Nähzeug in ihrer Hand, als Ceallagh wieder sprach und sie hatte nicht schlecht lust, es ihm ins Gesicht zu pfeffern. Stattdessen erinnerte der Stich der Nadel sie daran, dass sie verwundet waren. <br />
Die Blonde schluckte ihre Impulsivität zum wahrscheinlich ersten Mal in ihrem Leben herunter, ging gar nicht weiter auf die Worte des Mannes ein, bevor sie sich etwas entspannte und Ceallagh mit einem kalten Blick musterte, bevor sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck zu Lucien aufsah. „<i>Wurden eure Wunden behandelt?</i>“</font><br />
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<font color="#458B74">Ceallaghs scheinbar unschuldiger Zwischenkommentar ließ Lucien leise schnauben. In einer Mischung aus Belustigung und Spott, und doch zurückhaltend, geradezu unschlüssig. Er war sich nicht ganz sicher, ob er diese Worte als Scherz deuten sollte, oder als Hinweis darauf, dass er den Blonden mit seiner Formulierung beleidigt hatte. Im ersten Moment jedenfalls reizten sie ihn zu einem Schmunzeln, halb belustigt, halb spöttisch und ja, halb nostalgisch bedauernd. <br />
Man konnte ihm wohl nur schwerlich einen Vorwurf machen, dass Lucien sich nach so langer Zeit nicht in überschwängliche Freundschaftsbekundungen stürzte. Er war zwölf gewesen. Neun Jahre langen zwischen dieser und ihrer letzten Begegnung. Neun Jahre ohne ein Treffen, ohne ein Wort zwischen ihnen. Er hatte im Grunde nicht den Hauch einer Ahnung, ob er Ceallagh noch traute, oder nicht. Zweifellos wollte er ihm trauen, aber das war etwas anderes.<br />
<br />
„<i>Oh, lass dir nichts erzählen. Er ist auch nüchtern ungenießbar. Vielleicht macht es der Alkohol nur besser</i>“, ergänzte er mit trotz allem amüsiertem Tonfall, warf Ceallagh einen Seitenblick zu und wandte sich schließlich an Talin. „<i>Uns geht’s gut. Shanaya hat sich gerade erst dem Loch in seiner Schulter angenommen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er es noch aus der Kajüte schafft, um seinen Hintern in eine Hängematte zu verfrachten. Wenn du nichts dagegen hast, überlasse ich Ceallagh für heute Nacht unser Sofa.</i>“<br />
Es war nicht wirklich eine Frage – er hatte diese Entscheidung bereits getroffen, wenn auch nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor er diese Worte an Talin richtete und nur zum Schein am Ende in die um Zustimmung bittende Tonlage schwenkte. Er für seinen Teil würde Ceallagh jedenfalls nicht mehr unter Deck hieven können. <br />
<br />
„<i>Was ist mit dir? Hat sich jemand deine Verletzung angesehen?</i>“ <br />
Die tiefgrünen Augen huschten zu ihrer Schulter, halb verborgen unter goldenen Locken. Er sah den Verband hervor schimmern, aber auch Blut. Unwillkürlich runzelte er die Stirn.</font><br />
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<font color="#6B8E23">Plötzlich, kaum vorhersehbar stellten sich Ceallaghs Nackenhaare auf. Irgendwo verschwammen Luciens Beine in seinem Blick und verschmolzen regelrecht mit dem Kartentisch, an dem er noch immer stand. Sukzessive setzte sich der Alkohol wohlig warm in seine Muskeln und verschonte ihn für einen Augenblick von der knisternden Luft, die bereits gegen seine Schläfen schwappte. Erst als er wieder zu Talin hinauf sah, blinzelte er. Musterte sie skeptisch, oder viel mehr das, was sie da auf ihren Zügen zur Schau trug. War sie etwa wütend auf ihn? Nein. Da war mehr als bloße Verstimmung. Sie schien, als wollte sie ihn geradewegs in kleine Stücke zerteilen und den Haien zum Fraß vorwerfen. Komisches Weibsbild. Er konnte sie nicht daran erinnern, irgendetwas gesagt zu haben, was sie falsch auffassen konnte. Das meiste war eigentlich sehr beleidigend gegen sich selbst gerichtet gewesen. Oder? <br />
Fast vergaß er dabei Lucien neben sich. Nahm seinen Witz nur zur Hälfte wahr und schielte aus den Winkeln zur Seite, während er davon sprach ihn aufs Sofa zu verfrachten. Ehrlich gesagt hatte der Hayes gerade kein sonderlich gutes Gefühl dabei hier zu bleiben. Zwar besaß er selten allzu gutes Benehmen, um Schwingungen zu respektieren, die durch den Raum flirrten. Doch es erschien ihm nicht ratsam einer Frau beizuwohnen, die derart unter Verstimmungen litt. Am Ende wäre es seine letzte Nacht auf diesem Schiff. Oder im Allgemeinen.<br />
“<i>Ich lass euch Zwei lieber allein.</i>“ Unter einem tiefen Atemzug stellte Ceallagh den Krug auf den Tisch zurück und presste sich mit einem Arm und dem letzten Bisschen Kraft in seinen Beinen in die Senkrechte. Besser er nutze einen anderen Tag, um Talin kennenzulernen als heute. Wo das Adrenalin sie wohl genauso lang halbwegs aufrecht erhalten hatte wie ihn und Lucien. <br />
<br />
“<i>Nach heute kann ich nicht garantieren einen ruhigen Schlaf zu haben… und den hat wohl jeder von uns bitter nötig.</i>“ Zumal es wohl ein paar wenige Pritschen bei diesem Schiffsdoktor gab, der sich noch immer Enrique widmete. Wie es dem wohl ging? <br />
<br />
“<i>Und ich muss schauen was de Gúzman macht.</i>“ Ein süffisantes Grinsen schob sich auf seine Lippen. Die Augen vielsagenden auf Lucien gerichtet, der sich wohl sehr gut seinen Teil denken konnte – jetzt wo er wusste, in welcher Verbindung sie zueinander standen. Meter um Meter hinterließ Ceallagh dumpfe Schritte im Raum, ehe er den Durchgang zur Kajüte erreichte und sich halb herum drehen musste, um die Klinke mit der Rechten zu ergreifen. Dann nickte er in einem letzten Gruß den Geschwistern zu und schloss die Tür mit einem leisen Klacken hinter sich.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Ihr Blick glitt erneut über Lucien, während er ihre Frage beantwortete und Erleichterung durchströmte sie, dass wenigstens Shanaya sich um seine Wunden gekümmert hatte. Als sie ihren Blick auf den anderen Mann richtete, sah der allerdings nicht mehr so taufrisch aus. Unsicher, ob sie wirklich Besorgnis empfand, runzelte sie die Stirn, während sie in Luciens Richtung sanft den Kopf schüttelte. „<i>Skadi hat sie sich angesehen, nachdem ich verwundet wurde. Aber jetzt hat es noch niemand, das wollte ich gerade...</i>“ Sie biss sich auf die Unterlippe, spürte, dass sie zu viel verraten hatte, weil sie ihm nicht zeigen wollte, dass sie verletzt war. Oder wusste er es doch schon und sie wollte es nur herunterspielen? Sie wusste es nicht. Aber was Talin wusste war, dass der blonde Mann sich wirklich auf das Sofa legen sollte, um dort zu schlafen. Sie konnte sich zumindest nicht vorstellen, dass er es in seinem Zustand in eine Hängematte schaffte. <br />
Das schlechte Gewissen kratzte an ihrer Mauer aus Wut und Erschöpfung, aber sie konnte nichts sagen, denn der Mann wankte zur Tür und... war kurz darauf auch schon irgendwie verschwunden. Die Blonde seufzte und wandte sich dann an Lucien, während sie gleichzeitig seinem Blick auswich. „<i>Ich hab nichts dagegen gesagt, dass er hier schlafen kann</i>“, meinte sie sofort verteidigend. Auch wenn sie nicht so richtig begeistert gewesen wäre. Aber sie hätte es akzeptiert, weil Ceallagh – war so sein Name gewesen? – echt beschissen ausgesehen hatte. „<i>Tut mir leid, dass ich deinen Freund vergrault habe.</i>“ Ihre Stimme kam kleinlaut und erschöpft zwischen ihren Lippen heraus.</font></blockqoute>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[There's a war between who we are]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=987</link>
			<pubDate>Sun, 03 Jan 2021 21:57:31 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=987</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">There's a war between who we are</div>
<font size=1>Nachmittag des 21. Mai 1822<br />
Lucien Dravean, Shanaya Árashi, Zairym al Said</font></center><br />
<br />
<font color=#458B74>Als Lucien mit Ceallagh, Trevor und Zairym zum Bordell zurückkehrte, bekam er nicht viel Gelegenheit, sich von den Nachwirkungen ihres kleinen Auftrags zumindest kurz zu erholen. Sie waren zwar immerhin glimpflich davon gekommen und er konnte auch nicht behaupten, dass die Tage seit ihrer Ankunft in Silvestre für ihn besonders ruhig verlaufen wären, aber er hätte gut und gerne zumindest heute darauf verzichten können, mit so etwas wie einem ‚Shanaya ist verschwunden‘ empfangen zu werden. <br />
Unter anderen Umständen hätte es ihn wenig angehoben. Die Schwarzhaarige war erwachsen und konnte gut auf sich alleine aufpassen. Selbst jetzt, mit ihrem verletzten Bein, hätte Lucien darauf vertraut, dass sie ihren Weg zurück schon von alleine fand. Doch Josiah hatte ihm erzählt, was passiert war: Dass sie nur ein wenig frische Luft hatten schnappen wollen; dass sie beraubt und in Folge dessen von Liam getrennt worden waren; und dass zu guter Letzt auch der Attentäter ihre Spur verloren hatte. Nachdem ihre Wunde wieder aufgerissen war und Josiah ihr zunächst Nadel und Faden abgenommen hatte, um zu vermeiden, dass sie sie im größten Staub der Straße nähte. An sich ein guter Grund – wären sie dann eben nicht getrennt worden, bevor sie Gelegenheit bekam, sich zu versorgen. <br />
Lucien bezweifelte dabei nicht eine Sekunde, dass die Schwarzhaarige ihren Teil zu dieser ‚Trennung‘ beigetragen hatte. Doch das spielte angesichts der Vorstellung, sie halb oder gar gänzlich verblutet in einer Nebenstraße zu finden, auch keine Rolle mehr. Er hatte Josiah mit einem frustrierten Knurren nur das Döschen mit den Nadeln und den Garn aus der Hand gerissen, sich wieder zur Tür umgedreht und sich im Vorbeigehen den ahnungslosen Zairym gepackt, der dort noch herum stand, für den Fall, dass er ein Paar Hände mehr brauchte, um Shanaya nach Hause zu bringen. Ob der Ältere das ganze Szenario dabei beobachtet hatte oder nicht, war Lucien in diesem Moment ebenso herzlich egal.<br />
Wütend war der junge Captain zumindest nicht mehr. Er wusste auch nicht, ob er es vorher gewesen war. Genervt traf es vielleicht besser. Genervt, weil sich Josiah die Schwarzhaarige nicht einfach gepackt und sie zurück ins Bordell getragen hatte. Genervt, weil die halbe Crew offensichtlich nicht fähig war, mit einer so eigenständigen Persönlichkeit wie Shanaya umzugehen. Genervt, weil ihm schon der Auftrag der Tarlenn mächtig gegen den Strich ging und der Tag keine Anstalten machte, besser zu werden. Und besorgt, weil er wusste, wie stur, wie provokant die junge Frau ihren Willen durchsetzen konnte. Und er war sich nicht sicher, wie wachsam sie noch auf ihren eigenen Körper lauschte, wenn man sie nur weit genug reizte. Lucien stieß ein leises Seufzen aus, rieb sich kurz die Stirn und warf einen Blick über die Schulter. Oben an der Mündung der Straße, zu der Josiah sie geschickt hatte, hatten sie einen Standbesitzer mittleren Alters nach Shanaya befragt, der wohl dabei gewesen war, als ihre Verletzung wieder zu bluten begonnen hatte. Er versicherte ihnen um Verzeihung heischend, er habe den Medicus rufen wollen, damit sie versorgt werden könne, aber sie sei aufgestanden und die Straße hinunter marschiert. Und dann hinter der Biegung verschwunden, die man dort vorne noch sehen könne. Dann seien Soldaten aufgetaucht und hätten ihre Begleiter in die Flucht geschlagen. Und ob einer von ihnen denn ihr Vormund wäre. Diese Frage hatte der junge Captain kurzerhand ignoriert und sich abgewandt, um der Beschreibung zu folgen. Rym hatte er nur mit einem ungeduldigen Wink hinter sich her gelotst. Als sie die Gasse erreichten, fanden sie zumindest keine halb tote Shanaya auf dem Boden sitzen. Allerdings auch sonst keine Spur von ihr. Erst etwa hundert Meter weiter fiel ihnen die Blutspur auf, die sich fleckchenweise durch den Staub zog und ihnen einen sicheren Weg wies. <br />
An ihrem Ende, zwei Querstraßen weiter, stießen sie auf eine junge Frau, die etwas hilflos vor einer alten, grünen Hintertür saß. Sie strich sich immer wieder nervös mit der Hand den bodenlangen Kleiderrock glatt, sah zur Türklinke über ihr auf und blieb doch sitzen, während sie am Saum ihrer Kleidung knibbelte. Als sie die beiden Männer auf sich zukommen sah, merkte sie erwartungsvoll auf, als hoffe sie, sie kämen, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Welche auch immer das war. Lucien warf seinem Begleiter einen kurzen Seitenblick zu, dann trat er vor. Die Begrüßung sparte er sich, Dorfkind, das er war, ganz und gar. <br />
<br />
<i>„Wir sind auf der Suche nach einer jungen Frau, die vor nicht mehr als einer Stunde hier vorbei gekommen sein muss. Schwarzes Haar, eine blutende Wunde am Bein. Habt Ihr sie zufällig gesehen?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya schloss einen Moment lang die blauen Augen. Zwei, drei tiefe Atemzüge folgten, in denen sie die letzte Stunde noch einmal vor ihrem inneren Auge abspielte. Kurz wallte etwas Wut in ihr auf, der sich jedoch leicht wieder herunter schlucken ließ. Josiah war es ihr einfach nicht wert, er war ihr so oder so nicht der Sympathischte… und dass er sich ihren Dolch und den Rest geschnappt hatte, machte die ganze Situation nicht besser. Sie hoffte für den Dunkelhaarigen, dass sie ihre Sachen unbeschädigt wieder bekommen würde. Aber das würde sie dann sehen, spätestens, wenn sie im Bordell aufeinander trafen. Mir diesem Gedanken öffnete die junge Frau wieder die Augen, ließ den Blick kurz schweifen. Aber sie war allein, die Schneiderin hatte das Haus verlassen, nachdem sie ihr Nadel, Faden und Alkohol übergeben hatte. Vielleicht hatte sie gemerkt, wie unterirdisch die Laune der Schwarzhaarigen war. Da war es vermutlich besser, die Flucht zu ergreifen. Shanaya hoffte nur, dass sie keinen Arzt anschleppen würde. Sie war hierher geflohen, um eben diesen zu entkommen und sie hatte für heute wirklich genug von ‚Du musst‘, ‚Du solltest nicht‘ und ‚Das wäre besser für dich‘. Sie war einfach froh, wenn sie die Wunde versorgt hatte, den Weg zum Bordell hinter sich gebracht hatte und sich auf ihr Bett rollen konnte. Das klang so verlockend, dass ein leises Seufzen die Lippen der jungen Frau verließ. Nach einem Schluck aus der Flasche, der sie kurz husten ließ, machte sie sich also daran, den Faden in das Nadelöhr zu fädeln und die Wunde sowie die Nadel mit Alkohol zu überkippen. Die Hose ein wenig herunter gezogen, damit sie an die Wunde kam, saß sie auf einem Stuhl, stellte den Alkohol neben sich auf den Tisch und begann schließlich die Wunde zu nähen. Bei jedem Stich und festziehen des Fadens hielt sie die Luft an und war froh, als sie zumindest schon einmal die Hälfte hinter sich gebracht hatte. Woraufhin sie noch einen Schluck des brennenden Alkohols trank. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Obwohl es ihm Freunde von früher und vermutlich auch niemand von den Piraten zutraute, Rym wusste sehr wohl, wann er die Klappe zu halten hatte. Er wusste auch, wann er es mit einem sehr frustrierten, sehr genervten Kerl zu tun hatte und das es gerade dann manchmal angebracht war, diese Wut nicht auf sich selbst zu lenken. Außerdem genoss er immer noch das Gefühl des Nervenkitzels, dem er noch vor einer knappen Stunde hatte nachgehen können. Und wo befand er sich jetzt? Nachdem sie von ihrem Auftrag wieder gekommen waren, hatte sich alles ganz plötzlich darum gedreht, dass die kleine Königin verschwunden war. Nachdem, was er hörte und wie er das Mädchen einschätzte, war sie wahrscheinlich aus lauter Frust über die Bevormundung bis Asanu gelaufen, nur um ihren Ärger loszuwerden. Er hätte sie wahrscheinlich auch in der Ecke, in der sie wahrscheinlicher lag, liegen gelassen, nur damit sie zusehen konnte, wie sie allein zurückkam. Aber offensichtlich fand die Idee nicht so viel Anklang bei seinem Captain, der sich Rym kurzerhand schnappte und sich auf die Suche nach der kleinen Königin machte. Und ergeben, wie er war, folgte er Lucien wortlos. Und auf einmal stand er in einer Seitenstraße und verfolgte Blutspuren die Straße hinunter bis zu einer Tür und einer ziemlich mitgenommen aussehenden jungen Frau. Das Leben spielte einem manchmal schon seltsame Streiche. Das Lucien immer noch schlechte Laune hatte, erkannte Zairym an seiner sehr charmanten Art, wie er mit der Frau sprach. Und das war dann auch der Moment, in dem er auch einmal den Mund aufmachte. Er schnaubte auf und sah den anderen Man von der Seite an. „Wirklich, Commodore? Siehst du nicht, dass ein schwarzer Sturm über sie gezogen ist? Scheint mir ganz gut zu deiner Laune zu passen, meinst du nicht?“ Er trat vor, lächelte die Frau charmant an und half ihr auf die Beine. Sie erschien ihm immer noch ein wenig fahrig, als sie an Lucien gewandt schließlich hastig sprach. <br />
<br />
<font color=#7e9c40><i>„Sie ist dort drin. Sie kam rein, verlangte nach Nadel und Faden und….das war wirklich sehr viel Blut. Ich wollte einen Medicus holen, aber sie…sie…“</i></font><br />
<br />
Nochmals schnaubte Rym und versuchte der jungen Frau auszuhelfen. <br />
<br />
<i>„Sie hatte eine Mordslaune?“</i><br />
<br />
Sie sah ihn an und nickte hektisch, während er sie sanft zur Seite scheuchte, damit Lucien durch die Tür treten konnte. </font><br />
<br />
<font color=#458B74>Immerhin war Lucien so höflich gewesen, die junge Frau zu siezen. Aber offensichtlich war das seinem Begleiter nicht charmant genug. Der Dunkelhaarige hatte bei Weitem nicht den Nerv, sich belehren zu lassen oder sich gar zu entschuldigen, also winkte er auf Ryms Worte hin nur kurzerhand ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Gebäude, die Tür und das Fenster daneben, das einen Blick in den Raum gewährte. Doch durch das staubige Glas erhaschte er lediglich einen Blick auf Webstühle, Schneidertische und einen Durchgang, der wohl in den Verkaufsraum vorne führte. Keine Shanaya. Nur mit halbem Ohr hörte er dem Gespräch zwischen Schneiderin und Söldner zu, wandte erst den Kopf zu den beiden zurück, als Rym sie zur Seite zog und ihr zugleich eine Mutmaßung unterbreitete, die die Dame mit einem hektischen Nicken zu bestätigen wusste. Na, dann sollte die Schwarzhaarige jetzt mal seine Laune erleben. Vorausgesetzt, sie lebte noch. Wer wusste schon, ob 'sehr viel Blut' nun die Wahrheit oder ein Ausdruck weiblicher Hysterie war. Er wandte sich an Rym, nicht ohne der Schneiderin einen kurzen Seitenblick zuzuwerfen. <br />
<br />
<i>„Bleib kurz bei ihr und versuch, sie ein bisschen zu beruhigen, bevor das halbe Viertel davon Wind bekommt. Ich sehe nach Shanaya und wenn wir tatsächlich einen Medicus brauchen, schaffen wir sie zu Gregory.“</i><br />
<br />
Damit drückte er auch schon die Klinke und schob die Tür zur Schneiderstube nach innen auf. <br />
Ihn empfing stickiges Zwielicht und der angenehme, ein bisschen muffige Duft von frisch gewaschenen Stoffen. Gestört lediglich von einem metallischen Hauch Blut. Shanaya saß halb entblößt auf einem Stuhl, eine Flasche Alkohol neben sich auf dem Tisch und Nadel und Faden in der Hand – wovon es hier immerhin mehr als genug geben sollte. Und sicherlich hätte ihn der Umstand, dass sie ihre Hose halb nach unten gezogen hatte, unter normalen Umständen ebenso amüsiert, wie Ryms lose Sprüche gerade eben. Genauso, wie ihn die Wahl ihres Rückzugsortes beeindrucken würde, wenn er nicht so... ja, was? Wütend, genervt, frustriert? Oder doch eher... enttäuscht gewesen wäre? Leise, fast lautlos stieß Lucien die Luft aus und verschränkte die Arme vor der Brust, presste die Kiefer aufeinander, sodass sich die mahlenden Muskeln auf seiner Wange abzeichneten. <i>„Immerhin lebst du noch“</i>, stellte er schließlich trocken fest. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die Müdigkeit kroch Shanaya mehr und mehr in die Knochen. So gut es ging versuchte die Schwarzhaarige, den Gedanken zu verdrängen, dass sie auch noch den Weg zurück zum Bordell antreten musste. Vielleicht sollte sie sich doch lieber für eine Nacht… nein. Würde schon schief gehen… so weit war der Weg zurück ja nicht. Ein Gedanke, der von einem leisen Seufzen untermalt wurde, ehe sie zum nächsten Stich ansetzte. Sie war fast fertig… dann würde sie sich eine kurze Erholungspause gönnen und dann den Rückweg antreten. In der Hoffnung, dass sie nicht noch einmal einem wild gewordenen Maultier begegnete. <br />
Ein weiterer Stich und sie vernahm das Öffnen der Tür. Beinahe wäre ihr ein lautes Brummen über die Lippen gekommen. Die Schritte waren viel zu schwer für die Schneiderin. Sie schnaufte. Nichtmal in Ruhe entblößen konnte man sich, um eine Wunde zu versorgen! <br />
<br />
<i>„Der Laden ist… geschlossen.“</i><br />
<br />
Waren die ersten Worte noch ein Ton, der einem ‚Verschwinde‘ gleichkam, wurde das letzte Wort deutlich leiser, da sie den Kopf gehoben hatte und nun sah, wer hier vor ihr stand. Shanaya blickte den Dunkelhaarigen einfach nur an, still, hielt mit ihrer Arbeit inne. Etwas in seinem Blick ließ ihr Herz automatisch viele Takte schneller schlagen. Sie glaubte darin zu erkennen, wieso seine Stimme so klang, wie sie eben klang. Sie hatte es ihm versprochen. Und nun saß sie hier und nähte die Wunde. Sie machte sich ein wenig kleiner, der Blick in den blauen Augen wurde einen Hauch schuldbewusst. Nur stumm fragte sie sich, was Lucien wohl wusste. Die Tatsache, dass er hier war, sprach dafür, dass er nach ihr gesucht hatte. Zumindest konnte sie es sich nicht anders erklären. Was sollte er bei einem Schneider? Und seine Worte… Trotz allem ruhten die blauen Augen auf dem Gesicht Luciens, auch wenn ihr Kopf ein wenig zwischen ihre Schultern gesunken war. <br />
<br />
<i>„Ich lass mich doch nicht so leicht unterkriegen.“</i><br />
<br />
Ihre Stimme war noch ein wenig leiser als zuvor geworden, auf ihren Lippen lag jedoch auch der zarte, vorsichtige Hauch eines Lächelns. Nur die Erschöpfung ließ sich nicht aus ihrer Stimme verbannen. </font><br />
<br />
<font color=#458B74>Sie stockte, als sie ihn im dämmrigen Zwielicht erkannte. Und von einem Moment auf den nächsten veränderte sich ihre Haltung, wurde von 'sichtlich genervt', weil sie wohl die Schneiderin erwartete, zu etwas, das Lucien zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht als 'kleinlaut' bezeichnet hätte. So dunkel es im Raum auch war, in ihren Augen erkannte der 21-Jährige, dass sie den Grund für seinen Ärger ahnte – und sich schuldig fühlte. Weil sie es versprochen hatte. Sie hatte versprochen, auf sich aufzupassen, damit er sich nicht mehr um sie sorgen musste. Doch dieser bis dahin ungerichtete Ärger war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als Shanaya antwortete. Die tiefgrünen Augen wurden düster vor Zorn. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Wangenmuskeln zuckten. <br />
<br />
<i>„Nein, natürlich nicht“</i>, erwiderte er nach einem kurzen Schweigen frostig und sein Ton verriet, dass er das gänzlich anders sah. Er hatte es schon anders erlebt – und das war noch gar nicht so lange her. Dieser Tag, an dem er sie in dieser Seitenstraße gefunden hatte. Verletzt und vollkommen aufgelöst. Ihr Bruder mochte sie vielleicht nicht brechen können. Aber 'unterkriegen' konnte Bláyron sie durchaus. Und mit nur ein bisschen mehr Pech hätte ihr Bruder sie nach dem Zusammenstoß mit diesem verdammten Esel (oder was es auch immer für ein Vieh gewesen war) schon wieder gefunden. Sie selbst hatte Lucien erzählt, dass er nicht locker lassen würde. Dass er es wieder versuchen würde, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Und sie tat ihr Möglichstes, um es ihrem Bruder noch ein bisschen einfacher zu machen. <br />
Lucien stieß mit einem angespannten Laut die Luft aus, wandte den Blick zur Seite. Was ihn jetzt so wütend machte, war nicht die Tatsache, dass sie die Sorge, die er ihr damals anvertraute, einfach ignoriert hatte. Er war nicht verletzt, fühlte sich nicht verraten. Es war lediglich die Angst, die Anspannung, sie ein weiteres Mal irgendwo in einer Gasse zu finden und dieses Mal zu spät zu sein, die sich jetzt, da er sie lebendig vor sich hatte, irgendwie entladen musste. Doch wie immer schluckte er die Dinge, die ihm auf der Zunge lagen, schüttelte nur den Kopf und sah Shanaya schließlich wieder an, knirschte leise mit den Zähnen, bevor er wieder sprach. <br />
<br />
<i>„Geht es dir gut? Glaubst du, du schaffst es zurück zum Bordell, wenn du damit fertig bist?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya spürte diese innere Unruhe, die sie dazu verleiten wollte, vor dieser Situation zu flüchten. Wäre das mit dem verletzten Bein und einem Lucien, der sie vermutlich nicht so einfach davon kommen lassen würde, nicht schier unmöglich. Und selbst wenn… ewig hätte sie nicht vor ihm flüchten können. Trotzdem wich sie seinem Blick kurz aus, schloss selbst die blauen Augen und hob sie erst wieder an, als der Dunkelhaarige mit kalter Stimme etwas erwiderte. Shanaya lag nicht einmal eine Erwiderung auf den Lippen, unter seinem Blick schluckte sie lieber alle Worte herunter, die sie nun hervor gebracht hätte. Was hätte sie auch sagen sollen? Shanaya wusste nicht, was sich in diesem Moment in Luciens Gedanken abspielte – und vielleicht war das auch besser so. Sie saß nur still da, drückte inzwischen eines der Tücher auf die Wunde, die sie fast zu Ende versorgt hatte. Sie musste nur noch das Ende verknoten… <br />
Schließlich war es jedoch Lucien, der den Blick abwandte. Eine Bewegung, die es Shanaya ermöglicht hätte, tief durchzuatmen, was sie jedoch nicht tat. Sie spürte dem aufgeregten Schlagen ihres Herzens nach, änderte dabei nichts an ihrer Position, in die sie ein wenig hinein gesackt war. Sie verstand dieses schmerzhafte Ziehen nicht, dass sich durch ihren Körper zog, ihr ein wenig die Luft nahm. Warum verschreckte es sie so sehr, dass Lucien so reagierte? Es hätte ihr egal sein können, immerhin hatte sie ihr Entscheidungen getroffen und musste damit leben. Trotzdem… Sie schluckte, senkte bei Luciens Blick jedoch nicht den Blick, hielt im Stand. Tja. Wie ging es ihr? <br />
<br />
„Ich...“ Shanaya setzte an, biss sich dann jedoch leicht auf die Zunge und seufzte dann leise.<i> „Mein ganzer Körper fühlt sich ein bisschen… wackelig an.“</i> Eine erneute, kurze Pause. <br />
<br />
<i>„Ich bleibe wohl am besten noch etwas hier, bevor ich zurück humpele...“ </i><br />
<br />
Noch einmal versuchte sie sich an einem Lächeln, auch wenn sie nicht glaubte, dass das bei dem Mann in diesem Moment viel bezwecken würde. Aber ohne ständige Pausen würde sie den Weg wohl erst einmal nicht schaffen, die Erschöpfung stand ihr in diesem Moment schon ins Gesicht geschrieben. Ihr gingen noch so viele Fragen an den Dunkelhaarigen durch den Kopf, aber sie hielt sich zurück, sparte sich ihre Kräfte für den besagten Rückweg. <br />
<br />
<i>„Hier in der Nähe ist eine Taverne, vielleicht bleibe ich da eine Nacht...“</i> <br />
<br />
Sie sprach mehr zu sich selbst, trotzdem laut genug, dass Lucien sie verstehen können würde. Dabei glitt ihr blauer Blick kurz zu der Tür, ehe sie sich wieder vorsichtig an den Älteren wandte. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Noch während er die eingeschüchterte Frau ein Stück von der Tür wegschob, meinte er zu spüren, wie die Temperatur um einige Grad sank. Nicht, dass das wirklich der Fall gewesen wäre, aber er wollte sicher nicht mit der kleinen Königin tauschen, wenn der wütende Commodore dort drin auf sie traf. Und ehrlich gesagt, wollte er es sich auch nicht einmal vorstellen. Deshalb konzentrierte er sich auch auf die junge Schneiderin, die immer noch vollkommen verstört zur Tür ihres Ladens sah. Es kostete ihn einiges an Zeit und guten Willen, die Frau soweit zuberuhigen, dass sie ihm auch wirklich zuhörte. Er sprach, er schmeichelte, er gurrte und schließlich schien sie ihm zu glauben, dass sie dafür sorgen würden, dass sie ihren Laden wieder bekam. Mit keinem Wort erwähnte er eine Entschädigung oder dass der Raum aufgeräumt sein würde, aber sie schien zufrieden mit dem Gedanken bald wieder hinein zu können, ohne eine verletzte, zickige Königin. Und er wäre ein Narr, ihr noch irgendwelche andere Ideen in den Kopf zu setzen.  Die Frau verschwand ein paar Sekunden später Richtung Hauptstraße, um sich dort etwas zu Essen zu holen und sich so zu beruhigen, wie sie meinte. Er glaubte nicht, dass sie den Stadtwächtern bescheid geben würde, was hier vorgefallen war, aber mit Sicherheit würde sie darüber mit einer bekannten Marktverkäuferin tratschen. Denn wann hatte man es einmal mit einem Derwisch in kleiner Frauengestalt zu tun, die nach Nadel und Faden verlangte? <br />
Rym hielt die Schneiderin nicht auf, sondern atmete kurz einmal durch und wappnete sich in den Raum zu treten. Wenn Shanaya tot in der Ecke lag, dann würde er seinem Commodore nur dabei helfen, die Leiche zu beseitigen, doch dieses Problem stellte sich offensichtlich gar nicht. Es war immer noch merklich unterkühlt in dem dunklen Raum, als der Mann eintrat und er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als er Shanayas letzte Worte hörte. <br />
<br />
<i>„Wie ich sehe, lebst du doch noch, kleine Königin. Aber es könnte schwer werden, zu der Taverne zu humpeln, vor allem weil bald ein paar Gaffer hier sein werden.“</i> <br />
<br />
Er verschränkte belustigt die Arme hinter dem Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Schultern, während er in Luciens Richtung sah. <br />
<br />
<i>„Die kleine Schneiderin ist auf den Markt gegangen, um zu tratschen. Also sollten wir den Arsch der Kleinen hierrausbringen. Wie willst du es machen, Commodore?“</i> </font><br />
<br />
<font color=#458B74>Ob Shanaya es ahnte oder nicht – Ryms spontaner Auftritt rettete sie in diesem Moment. Lucien stockte bei ihrer Antwort für einen Augenblick der Atem, raubte ihm jedes Wort von der Zunge. Der Zorn, der wie ein Hammerschlag in ihm hochkochte, war drauf und dran, sich in einer einzigen Explosion zu entladen. Da saß sie ernsthaft vor ihm – vor ihm, der ihr versprochen hatte, dass sie nicht mehr allein sein würde – und redete davon, wie sie erst einmal in einer Taverne unterkommen würde, bevor sie dann morgen zurück zum Schiff humpelte. Was, bei den Titten einer verdammten Meerjungfrau, glaubte sie denn, würde er jetzt tun?! Schön, sie war noch am Leben, er ging dann schon mal vor? Wir sehen uns dann morgen? Doch Zairyms Worte hielten ihn auf. Nicht, weil sie so etwas wie Vernunft in ihm weckten und es das Sinnvollste wäre, zeitnah zu verschwinden, um keine weitere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es fühlte sich eher so an, als hätte er gerade mit aller Kraft eine Bogensehne gespannt und in genau dem Moment, in dem er sie losließ, kitzelte ihn jemand im Nacken. Er verriss. Mit einem Laut, der an unterdrückter, frustrierter Wut kaum zu überbieten war, wandte Lucien sich ab, machte einen halben Schritt in Richtung Tür und brachte damit eher zufällig als gezielt Ryms Gestalt zwischen sich und die Schwarzhaarige. Um die aufwallenden Gefühle nur irgendwie unter Kontrolle zu bringen, fuhr er sich mit beiden Händen übers Gesicht, raufte sich einen Augenblick später die Haare und sog Luft in seine wütend brennenden Lungen. Sie machte ihn wahnsinnig. Ganz ernsthaft. Sie machte ihn wahnsinnig. <br />
Ohne Shanaya auch nur anzusehen, wandte er sich an sie. Sein Tonfall noch ein Stück unterkühlter, als zuvor. <br />
<br />
<i>„Sieh zu, dass du fertig wirst. Wir gehen jetzt zurück zum Bordell.“</i> <br />
<br />
Mit einem Seitenblick zu Rym ließ der Dunkelhaarige die Arme sinken. <br />
<br />
<i>„Zu Fuß, selbstverständlich. Sie kann selbst laufen. Bis hier her hat es schließlich auch gereicht, nicht wahr?“</i> <br />
<br />
Und dieses mal richteten sich die tiefgrünen Augen wieder direkt auf Shanaya. Ein Ausdruck der Provokation darin, der ganz und gar nichts Spielerisches mehr an sich hatte. Oh, er würde sie nicht selbst laufen lassen. Jedenfalls nicht die ganze Strecke. Doch er war in diesem Augenblick zu wütend, um auch nur ein freundliches Wort für sie zu erübrigen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Gerade hatte Shanaya den Blick von der Tür abgewandt, als sie erneut aufging. Ein heller Lichtschein ließ die junge Frau kurz blinzeln, ehe sie erkannte, wer den Raum betreten hatte. Der kuschelbedürftige Söldner, der sich direkt an sie wandte. Shanaya wog nur leicht den Kopf, setzte dann mit einem <i>„Was machst du hier?“</i> nach. Worte, für die sie nur Luft und Zeit fand, da Lucien nicht auf ihre Worte antwortete. Dafür ging sie auf den Rest seiner Worte nicht ein. Ihre hellen Augen ruhten auch nicht lang auf dem Dunkelhaarigen, sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Lucien – unter dessen Blick sie fast noch ein wenig mehr auf ihrem Stuhl zusammen sackte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hoffte die junge Frau auf irgendeine Antwort, auf eine Zurechtweisung. Aber nichts dergleichen folgte, Lucien wandte sich einfach ab. Und das stach tiefer in ihrem Inneren, als es vermutlich jedes laute Wort getan hätte. <br />
Die Schwarzhaarige biss fest die Zähne aufeinander, schloss kurz die Augen und versuchte mit einigen ruhigen Atemzügen ihr aufgeregt schlagendes Herz zu beruhigen. Sie verstand diesen Kerl nicht. Er wollte, dass sie auf sich aufpasste, wollte sie jetzt aber zurück zum Bordell laufen lassen? Inzwischen ruhte ihr Blick wieder auf der Wunde, die frisch vernäht war. Die schneidende Stimme des Mannes ließ sie kurz den Blick zu ihm wenden, ohne den Kopf zu bewegen. Er stand in der Tür. Aufbruchbereit. Sie brauchte nicht mehr lang… die Aussicht, den ganzen Weg zurück zu humpeln erschien ihr aber doch nicht sehr verlockend. Sie verknotete trotzdem den Fäden, der die Wunde zusammen hielt. So gut es eben mit vor Erschöpfung zitternden Fingern ging. Sie reagierte nicht auf die Worte, die ihr Captain an den anderen Mann wandte, erst, als sie seinen Blick auf sich spürte, drehte sie den Kopf zu ihm herum. Sie erwiderte den Blick aus den grünen Augen so fest es ihr möglich war, einen hauchzarten, rebellischen Ausdruck im eigenen Blick. Einige Herzschläge hielt sie dem Stand, ehe sie sich wieder herum wandte, nach dem bereit gelegten Verbandszeug griff und begann, die Wunde zu umwickeln. Kein dicker Verband, nur ein dünner Schutz, bis sie… irgendwo anders war. Sie wollte sich einfach nur hinlegen. <br />
Als nächstes erhob sich die Schwarzhaarige gerade so weit, dass sie ihre Hose wieder ganz anziehen und verschließen konnte. Ihr war schwindelig, was sie damit zu überspielen versuchte, dass sie kurz die Augen schloss. Wie weit war es bis zum Bordell? Das würde sie doch wohl schaffen! Fest entschlossen, aber trotzdem erschöpft, griff sie nach ihrer Krücke, richtete den Blick auf die beiden Männer, wobei sie Lucien etwas länger musterte. <br />
<br />
<i>„Wenn es das ist, was du willst.“</i> <br />
<br />
In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Herausforderung und müder Resignation. Sie konnte sich denken, dass ihr Captain sie nicht Kurs auf die Taverne nehmen würde – also durfte er sich auch nicht wundern, wenn sie diese ‚Herausforderung‘ annahm, den ganzen Weg zum Bordell allein zurück zu legen. </font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">There's a war between who we are</div>
<font size=1>Nachmittag des 21. Mai 1822<br />
Lucien Dravean, Shanaya Árashi, Zairym al Said</font></center><br />
<br />
<font color=#458B74>Als Lucien mit Ceallagh, Trevor und Zairym zum Bordell zurückkehrte, bekam er nicht viel Gelegenheit, sich von den Nachwirkungen ihres kleinen Auftrags zumindest kurz zu erholen. Sie waren zwar immerhin glimpflich davon gekommen und er konnte auch nicht behaupten, dass die Tage seit ihrer Ankunft in Silvestre für ihn besonders ruhig verlaufen wären, aber er hätte gut und gerne zumindest heute darauf verzichten können, mit so etwas wie einem ‚Shanaya ist verschwunden‘ empfangen zu werden. <br />
Unter anderen Umständen hätte es ihn wenig angehoben. Die Schwarzhaarige war erwachsen und konnte gut auf sich alleine aufpassen. Selbst jetzt, mit ihrem verletzten Bein, hätte Lucien darauf vertraut, dass sie ihren Weg zurück schon von alleine fand. Doch Josiah hatte ihm erzählt, was passiert war: Dass sie nur ein wenig frische Luft hatten schnappen wollen; dass sie beraubt und in Folge dessen von Liam getrennt worden waren; und dass zu guter Letzt auch der Attentäter ihre Spur verloren hatte. Nachdem ihre Wunde wieder aufgerissen war und Josiah ihr zunächst Nadel und Faden abgenommen hatte, um zu vermeiden, dass sie sie im größten Staub der Straße nähte. An sich ein guter Grund – wären sie dann eben nicht getrennt worden, bevor sie Gelegenheit bekam, sich zu versorgen. <br />
Lucien bezweifelte dabei nicht eine Sekunde, dass die Schwarzhaarige ihren Teil zu dieser ‚Trennung‘ beigetragen hatte. Doch das spielte angesichts der Vorstellung, sie halb oder gar gänzlich verblutet in einer Nebenstraße zu finden, auch keine Rolle mehr. Er hatte Josiah mit einem frustrierten Knurren nur das Döschen mit den Nadeln und den Garn aus der Hand gerissen, sich wieder zur Tür umgedreht und sich im Vorbeigehen den ahnungslosen Zairym gepackt, der dort noch herum stand, für den Fall, dass er ein Paar Hände mehr brauchte, um Shanaya nach Hause zu bringen. Ob der Ältere das ganze Szenario dabei beobachtet hatte oder nicht, war Lucien in diesem Moment ebenso herzlich egal.<br />
Wütend war der junge Captain zumindest nicht mehr. Er wusste auch nicht, ob er es vorher gewesen war. Genervt traf es vielleicht besser. Genervt, weil sich Josiah die Schwarzhaarige nicht einfach gepackt und sie zurück ins Bordell getragen hatte. Genervt, weil die halbe Crew offensichtlich nicht fähig war, mit einer so eigenständigen Persönlichkeit wie Shanaya umzugehen. Genervt, weil ihm schon der Auftrag der Tarlenn mächtig gegen den Strich ging und der Tag keine Anstalten machte, besser zu werden. Und besorgt, weil er wusste, wie stur, wie provokant die junge Frau ihren Willen durchsetzen konnte. Und er war sich nicht sicher, wie wachsam sie noch auf ihren eigenen Körper lauschte, wenn man sie nur weit genug reizte. Lucien stieß ein leises Seufzen aus, rieb sich kurz die Stirn und warf einen Blick über die Schulter. Oben an der Mündung der Straße, zu der Josiah sie geschickt hatte, hatten sie einen Standbesitzer mittleren Alters nach Shanaya befragt, der wohl dabei gewesen war, als ihre Verletzung wieder zu bluten begonnen hatte. Er versicherte ihnen um Verzeihung heischend, er habe den Medicus rufen wollen, damit sie versorgt werden könne, aber sie sei aufgestanden und die Straße hinunter marschiert. Und dann hinter der Biegung verschwunden, die man dort vorne noch sehen könne. Dann seien Soldaten aufgetaucht und hätten ihre Begleiter in die Flucht geschlagen. Und ob einer von ihnen denn ihr Vormund wäre. Diese Frage hatte der junge Captain kurzerhand ignoriert und sich abgewandt, um der Beschreibung zu folgen. Rym hatte er nur mit einem ungeduldigen Wink hinter sich her gelotst. Als sie die Gasse erreichten, fanden sie zumindest keine halb tote Shanaya auf dem Boden sitzen. Allerdings auch sonst keine Spur von ihr. Erst etwa hundert Meter weiter fiel ihnen die Blutspur auf, die sich fleckchenweise durch den Staub zog und ihnen einen sicheren Weg wies. <br />
An ihrem Ende, zwei Querstraßen weiter, stießen sie auf eine junge Frau, die etwas hilflos vor einer alten, grünen Hintertür saß. Sie strich sich immer wieder nervös mit der Hand den bodenlangen Kleiderrock glatt, sah zur Türklinke über ihr auf und blieb doch sitzen, während sie am Saum ihrer Kleidung knibbelte. Als sie die beiden Männer auf sich zukommen sah, merkte sie erwartungsvoll auf, als hoffe sie, sie kämen, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Welche auch immer das war. Lucien warf seinem Begleiter einen kurzen Seitenblick zu, dann trat er vor. Die Begrüßung sparte er sich, Dorfkind, das er war, ganz und gar. <br />
<br />
<i>„Wir sind auf der Suche nach einer jungen Frau, die vor nicht mehr als einer Stunde hier vorbei gekommen sein muss. Schwarzes Haar, eine blutende Wunde am Bein. Habt Ihr sie zufällig gesehen?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya schloss einen Moment lang die blauen Augen. Zwei, drei tiefe Atemzüge folgten, in denen sie die letzte Stunde noch einmal vor ihrem inneren Auge abspielte. Kurz wallte etwas Wut in ihr auf, der sich jedoch leicht wieder herunter schlucken ließ. Josiah war es ihr einfach nicht wert, er war ihr so oder so nicht der Sympathischte… und dass er sich ihren Dolch und den Rest geschnappt hatte, machte die ganze Situation nicht besser. Sie hoffte für den Dunkelhaarigen, dass sie ihre Sachen unbeschädigt wieder bekommen würde. Aber das würde sie dann sehen, spätestens, wenn sie im Bordell aufeinander trafen. Mir diesem Gedanken öffnete die junge Frau wieder die Augen, ließ den Blick kurz schweifen. Aber sie war allein, die Schneiderin hatte das Haus verlassen, nachdem sie ihr Nadel, Faden und Alkohol übergeben hatte. Vielleicht hatte sie gemerkt, wie unterirdisch die Laune der Schwarzhaarigen war. Da war es vermutlich besser, die Flucht zu ergreifen. Shanaya hoffte nur, dass sie keinen Arzt anschleppen würde. Sie war hierher geflohen, um eben diesen zu entkommen und sie hatte für heute wirklich genug von ‚Du musst‘, ‚Du solltest nicht‘ und ‚Das wäre besser für dich‘. Sie war einfach froh, wenn sie die Wunde versorgt hatte, den Weg zum Bordell hinter sich gebracht hatte und sich auf ihr Bett rollen konnte. Das klang so verlockend, dass ein leises Seufzen die Lippen der jungen Frau verließ. Nach einem Schluck aus der Flasche, der sie kurz husten ließ, machte sie sich also daran, den Faden in das Nadelöhr zu fädeln und die Wunde sowie die Nadel mit Alkohol zu überkippen. Die Hose ein wenig herunter gezogen, damit sie an die Wunde kam, saß sie auf einem Stuhl, stellte den Alkohol neben sich auf den Tisch und begann schließlich die Wunde zu nähen. Bei jedem Stich und festziehen des Fadens hielt sie die Luft an und war froh, als sie zumindest schon einmal die Hälfte hinter sich gebracht hatte. Woraufhin sie noch einen Schluck des brennenden Alkohols trank. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Obwohl es ihm Freunde von früher und vermutlich auch niemand von den Piraten zutraute, Rym wusste sehr wohl, wann er die Klappe zu halten hatte. Er wusste auch, wann er es mit einem sehr frustrierten, sehr genervten Kerl zu tun hatte und das es gerade dann manchmal angebracht war, diese Wut nicht auf sich selbst zu lenken. Außerdem genoss er immer noch das Gefühl des Nervenkitzels, dem er noch vor einer knappen Stunde hatte nachgehen können. Und wo befand er sich jetzt? Nachdem sie von ihrem Auftrag wieder gekommen waren, hatte sich alles ganz plötzlich darum gedreht, dass die kleine Königin verschwunden war. Nachdem, was er hörte und wie er das Mädchen einschätzte, war sie wahrscheinlich aus lauter Frust über die Bevormundung bis Asanu gelaufen, nur um ihren Ärger loszuwerden. Er hätte sie wahrscheinlich auch in der Ecke, in der sie wahrscheinlicher lag, liegen gelassen, nur damit sie zusehen konnte, wie sie allein zurückkam. Aber offensichtlich fand die Idee nicht so viel Anklang bei seinem Captain, der sich Rym kurzerhand schnappte und sich auf die Suche nach der kleinen Königin machte. Und ergeben, wie er war, folgte er Lucien wortlos. Und auf einmal stand er in einer Seitenstraße und verfolgte Blutspuren die Straße hinunter bis zu einer Tür und einer ziemlich mitgenommen aussehenden jungen Frau. Das Leben spielte einem manchmal schon seltsame Streiche. Das Lucien immer noch schlechte Laune hatte, erkannte Zairym an seiner sehr charmanten Art, wie er mit der Frau sprach. Und das war dann auch der Moment, in dem er auch einmal den Mund aufmachte. Er schnaubte auf und sah den anderen Man von der Seite an. „Wirklich, Commodore? Siehst du nicht, dass ein schwarzer Sturm über sie gezogen ist? Scheint mir ganz gut zu deiner Laune zu passen, meinst du nicht?“ Er trat vor, lächelte die Frau charmant an und half ihr auf die Beine. Sie erschien ihm immer noch ein wenig fahrig, als sie an Lucien gewandt schließlich hastig sprach. <br />
<br />
<font color=#7e9c40><i>„Sie ist dort drin. Sie kam rein, verlangte nach Nadel und Faden und….das war wirklich sehr viel Blut. Ich wollte einen Medicus holen, aber sie…sie…“</i></font><br />
<br />
Nochmals schnaubte Rym und versuchte der jungen Frau auszuhelfen. <br />
<br />
<i>„Sie hatte eine Mordslaune?“</i><br />
<br />
Sie sah ihn an und nickte hektisch, während er sie sanft zur Seite scheuchte, damit Lucien durch die Tür treten konnte. </font><br />
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<font color=#458B74>Immerhin war Lucien so höflich gewesen, die junge Frau zu siezen. Aber offensichtlich war das seinem Begleiter nicht charmant genug. Der Dunkelhaarige hatte bei Weitem nicht den Nerv, sich belehren zu lassen oder sich gar zu entschuldigen, also winkte er auf Ryms Worte hin nur kurzerhand ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Gebäude, die Tür und das Fenster daneben, das einen Blick in den Raum gewährte. Doch durch das staubige Glas erhaschte er lediglich einen Blick auf Webstühle, Schneidertische und einen Durchgang, der wohl in den Verkaufsraum vorne führte. Keine Shanaya. Nur mit halbem Ohr hörte er dem Gespräch zwischen Schneiderin und Söldner zu, wandte erst den Kopf zu den beiden zurück, als Rym sie zur Seite zog und ihr zugleich eine Mutmaßung unterbreitete, die die Dame mit einem hektischen Nicken zu bestätigen wusste. Na, dann sollte die Schwarzhaarige jetzt mal seine Laune erleben. Vorausgesetzt, sie lebte noch. Wer wusste schon, ob 'sehr viel Blut' nun die Wahrheit oder ein Ausdruck weiblicher Hysterie war. Er wandte sich an Rym, nicht ohne der Schneiderin einen kurzen Seitenblick zuzuwerfen. <br />
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<i>„Bleib kurz bei ihr und versuch, sie ein bisschen zu beruhigen, bevor das halbe Viertel davon Wind bekommt. Ich sehe nach Shanaya und wenn wir tatsächlich einen Medicus brauchen, schaffen wir sie zu Gregory.“</i><br />
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Damit drückte er auch schon die Klinke und schob die Tür zur Schneiderstube nach innen auf. <br />
Ihn empfing stickiges Zwielicht und der angenehme, ein bisschen muffige Duft von frisch gewaschenen Stoffen. Gestört lediglich von einem metallischen Hauch Blut. Shanaya saß halb entblößt auf einem Stuhl, eine Flasche Alkohol neben sich auf dem Tisch und Nadel und Faden in der Hand – wovon es hier immerhin mehr als genug geben sollte. Und sicherlich hätte ihn der Umstand, dass sie ihre Hose halb nach unten gezogen hatte, unter normalen Umständen ebenso amüsiert, wie Ryms lose Sprüche gerade eben. Genauso, wie ihn die Wahl ihres Rückzugsortes beeindrucken würde, wenn er nicht so... ja, was? Wütend, genervt, frustriert? Oder doch eher... enttäuscht gewesen wäre? Leise, fast lautlos stieß Lucien die Luft aus und verschränkte die Arme vor der Brust, presste die Kiefer aufeinander, sodass sich die mahlenden Muskeln auf seiner Wange abzeichneten. <i>„Immerhin lebst du noch“</i>, stellte er schließlich trocken fest. </font><br />
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<font color=royalblue>Die Müdigkeit kroch Shanaya mehr und mehr in die Knochen. So gut es ging versuchte die Schwarzhaarige, den Gedanken zu verdrängen, dass sie auch noch den Weg zurück zum Bordell antreten musste. Vielleicht sollte sie sich doch lieber für eine Nacht… nein. Würde schon schief gehen… so weit war der Weg zurück ja nicht. Ein Gedanke, der von einem leisen Seufzen untermalt wurde, ehe sie zum nächsten Stich ansetzte. Sie war fast fertig… dann würde sie sich eine kurze Erholungspause gönnen und dann den Rückweg antreten. In der Hoffnung, dass sie nicht noch einmal einem wild gewordenen Maultier begegnete. <br />
Ein weiterer Stich und sie vernahm das Öffnen der Tür. Beinahe wäre ihr ein lautes Brummen über die Lippen gekommen. Die Schritte waren viel zu schwer für die Schneiderin. Sie schnaufte. Nichtmal in Ruhe entblößen konnte man sich, um eine Wunde zu versorgen! <br />
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<i>„Der Laden ist… geschlossen.“</i><br />
<br />
Waren die ersten Worte noch ein Ton, der einem ‚Verschwinde‘ gleichkam, wurde das letzte Wort deutlich leiser, da sie den Kopf gehoben hatte und nun sah, wer hier vor ihr stand. Shanaya blickte den Dunkelhaarigen einfach nur an, still, hielt mit ihrer Arbeit inne. Etwas in seinem Blick ließ ihr Herz automatisch viele Takte schneller schlagen. Sie glaubte darin zu erkennen, wieso seine Stimme so klang, wie sie eben klang. Sie hatte es ihm versprochen. Und nun saß sie hier und nähte die Wunde. Sie machte sich ein wenig kleiner, der Blick in den blauen Augen wurde einen Hauch schuldbewusst. Nur stumm fragte sie sich, was Lucien wohl wusste. Die Tatsache, dass er hier war, sprach dafür, dass er nach ihr gesucht hatte. Zumindest konnte sie es sich nicht anders erklären. Was sollte er bei einem Schneider? Und seine Worte… Trotz allem ruhten die blauen Augen auf dem Gesicht Luciens, auch wenn ihr Kopf ein wenig zwischen ihre Schultern gesunken war. <br />
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<i>„Ich lass mich doch nicht so leicht unterkriegen.“</i><br />
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Ihre Stimme war noch ein wenig leiser als zuvor geworden, auf ihren Lippen lag jedoch auch der zarte, vorsichtige Hauch eines Lächelns. Nur die Erschöpfung ließ sich nicht aus ihrer Stimme verbannen. </font><br />
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<font color=#458B74>Sie stockte, als sie ihn im dämmrigen Zwielicht erkannte. Und von einem Moment auf den nächsten veränderte sich ihre Haltung, wurde von 'sichtlich genervt', weil sie wohl die Schneiderin erwartete, zu etwas, das Lucien zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht als 'kleinlaut' bezeichnet hätte. So dunkel es im Raum auch war, in ihren Augen erkannte der 21-Jährige, dass sie den Grund für seinen Ärger ahnte – und sich schuldig fühlte. Weil sie es versprochen hatte. Sie hatte versprochen, auf sich aufzupassen, damit er sich nicht mehr um sie sorgen musste. Doch dieser bis dahin ungerichtete Ärger war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als Shanaya antwortete. Die tiefgrünen Augen wurden düster vor Zorn. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Wangenmuskeln zuckten. <br />
<br />
<i>„Nein, natürlich nicht“</i>, erwiderte er nach einem kurzen Schweigen frostig und sein Ton verriet, dass er das gänzlich anders sah. Er hatte es schon anders erlebt – und das war noch gar nicht so lange her. Dieser Tag, an dem er sie in dieser Seitenstraße gefunden hatte. Verletzt und vollkommen aufgelöst. Ihr Bruder mochte sie vielleicht nicht brechen können. Aber 'unterkriegen' konnte Bláyron sie durchaus. Und mit nur ein bisschen mehr Pech hätte ihr Bruder sie nach dem Zusammenstoß mit diesem verdammten Esel (oder was es auch immer für ein Vieh gewesen war) schon wieder gefunden. Sie selbst hatte Lucien erzählt, dass er nicht locker lassen würde. Dass er es wieder versuchen würde, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Und sie tat ihr Möglichstes, um es ihrem Bruder noch ein bisschen einfacher zu machen. <br />
Lucien stieß mit einem angespannten Laut die Luft aus, wandte den Blick zur Seite. Was ihn jetzt so wütend machte, war nicht die Tatsache, dass sie die Sorge, die er ihr damals anvertraute, einfach ignoriert hatte. Er war nicht verletzt, fühlte sich nicht verraten. Es war lediglich die Angst, die Anspannung, sie ein weiteres Mal irgendwo in einer Gasse zu finden und dieses Mal zu spät zu sein, die sich jetzt, da er sie lebendig vor sich hatte, irgendwie entladen musste. Doch wie immer schluckte er die Dinge, die ihm auf der Zunge lagen, schüttelte nur den Kopf und sah Shanaya schließlich wieder an, knirschte leise mit den Zähnen, bevor er wieder sprach. <br />
<br />
<i>„Geht es dir gut? Glaubst du, du schaffst es zurück zum Bordell, wenn du damit fertig bist?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya spürte diese innere Unruhe, die sie dazu verleiten wollte, vor dieser Situation zu flüchten. Wäre das mit dem verletzten Bein und einem Lucien, der sie vermutlich nicht so einfach davon kommen lassen würde, nicht schier unmöglich. Und selbst wenn… ewig hätte sie nicht vor ihm flüchten können. Trotzdem wich sie seinem Blick kurz aus, schloss selbst die blauen Augen und hob sie erst wieder an, als der Dunkelhaarige mit kalter Stimme etwas erwiderte. Shanaya lag nicht einmal eine Erwiderung auf den Lippen, unter seinem Blick schluckte sie lieber alle Worte herunter, die sie nun hervor gebracht hätte. Was hätte sie auch sagen sollen? Shanaya wusste nicht, was sich in diesem Moment in Luciens Gedanken abspielte – und vielleicht war das auch besser so. Sie saß nur still da, drückte inzwischen eines der Tücher auf die Wunde, die sie fast zu Ende versorgt hatte. Sie musste nur noch das Ende verknoten… <br />
Schließlich war es jedoch Lucien, der den Blick abwandte. Eine Bewegung, die es Shanaya ermöglicht hätte, tief durchzuatmen, was sie jedoch nicht tat. Sie spürte dem aufgeregten Schlagen ihres Herzens nach, änderte dabei nichts an ihrer Position, in die sie ein wenig hinein gesackt war. Sie verstand dieses schmerzhafte Ziehen nicht, dass sich durch ihren Körper zog, ihr ein wenig die Luft nahm. Warum verschreckte es sie so sehr, dass Lucien so reagierte? Es hätte ihr egal sein können, immerhin hatte sie ihr Entscheidungen getroffen und musste damit leben. Trotzdem… Sie schluckte, senkte bei Luciens Blick jedoch nicht den Blick, hielt im Stand. Tja. Wie ging es ihr? <br />
<br />
„Ich...“ Shanaya setzte an, biss sich dann jedoch leicht auf die Zunge und seufzte dann leise.<i> „Mein ganzer Körper fühlt sich ein bisschen… wackelig an.“</i> Eine erneute, kurze Pause. <br />
<br />
<i>„Ich bleibe wohl am besten noch etwas hier, bevor ich zurück humpele...“ </i><br />
<br />
Noch einmal versuchte sie sich an einem Lächeln, auch wenn sie nicht glaubte, dass das bei dem Mann in diesem Moment viel bezwecken würde. Aber ohne ständige Pausen würde sie den Weg wohl erst einmal nicht schaffen, die Erschöpfung stand ihr in diesem Moment schon ins Gesicht geschrieben. Ihr gingen noch so viele Fragen an den Dunkelhaarigen durch den Kopf, aber sie hielt sich zurück, sparte sich ihre Kräfte für den besagten Rückweg. <br />
<br />
<i>„Hier in der Nähe ist eine Taverne, vielleicht bleibe ich da eine Nacht...“</i> <br />
<br />
Sie sprach mehr zu sich selbst, trotzdem laut genug, dass Lucien sie verstehen können würde. Dabei glitt ihr blauer Blick kurz zu der Tür, ehe sie sich wieder vorsichtig an den Älteren wandte. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Noch während er die eingeschüchterte Frau ein Stück von der Tür wegschob, meinte er zu spüren, wie die Temperatur um einige Grad sank. Nicht, dass das wirklich der Fall gewesen wäre, aber er wollte sicher nicht mit der kleinen Königin tauschen, wenn der wütende Commodore dort drin auf sie traf. Und ehrlich gesagt, wollte er es sich auch nicht einmal vorstellen. Deshalb konzentrierte er sich auch auf die junge Schneiderin, die immer noch vollkommen verstört zur Tür ihres Ladens sah. Es kostete ihn einiges an Zeit und guten Willen, die Frau soweit zuberuhigen, dass sie ihm auch wirklich zuhörte. Er sprach, er schmeichelte, er gurrte und schließlich schien sie ihm zu glauben, dass sie dafür sorgen würden, dass sie ihren Laden wieder bekam. Mit keinem Wort erwähnte er eine Entschädigung oder dass der Raum aufgeräumt sein würde, aber sie schien zufrieden mit dem Gedanken bald wieder hinein zu können, ohne eine verletzte, zickige Königin. Und er wäre ein Narr, ihr noch irgendwelche andere Ideen in den Kopf zu setzen.  Die Frau verschwand ein paar Sekunden später Richtung Hauptstraße, um sich dort etwas zu Essen zu holen und sich so zu beruhigen, wie sie meinte. Er glaubte nicht, dass sie den Stadtwächtern bescheid geben würde, was hier vorgefallen war, aber mit Sicherheit würde sie darüber mit einer bekannten Marktverkäuferin tratschen. Denn wann hatte man es einmal mit einem Derwisch in kleiner Frauengestalt zu tun, die nach Nadel und Faden verlangte? <br />
Rym hielt die Schneiderin nicht auf, sondern atmete kurz einmal durch und wappnete sich in den Raum zu treten. Wenn Shanaya tot in der Ecke lag, dann würde er seinem Commodore nur dabei helfen, die Leiche zu beseitigen, doch dieses Problem stellte sich offensichtlich gar nicht. Es war immer noch merklich unterkühlt in dem dunklen Raum, als der Mann eintrat und er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als er Shanayas letzte Worte hörte. <br />
<br />
<i>„Wie ich sehe, lebst du doch noch, kleine Königin. Aber es könnte schwer werden, zu der Taverne zu humpeln, vor allem weil bald ein paar Gaffer hier sein werden.“</i> <br />
<br />
Er verschränkte belustigt die Arme hinter dem Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Schultern, während er in Luciens Richtung sah. <br />
<br />
<i>„Die kleine Schneiderin ist auf den Markt gegangen, um zu tratschen. Also sollten wir den Arsch der Kleinen hierrausbringen. Wie willst du es machen, Commodore?“</i> </font><br />
<br />
<font color=#458B74>Ob Shanaya es ahnte oder nicht – Ryms spontaner Auftritt rettete sie in diesem Moment. Lucien stockte bei ihrer Antwort für einen Augenblick der Atem, raubte ihm jedes Wort von der Zunge. Der Zorn, der wie ein Hammerschlag in ihm hochkochte, war drauf und dran, sich in einer einzigen Explosion zu entladen. Da saß sie ernsthaft vor ihm – vor ihm, der ihr versprochen hatte, dass sie nicht mehr allein sein würde – und redete davon, wie sie erst einmal in einer Taverne unterkommen würde, bevor sie dann morgen zurück zum Schiff humpelte. Was, bei den Titten einer verdammten Meerjungfrau, glaubte sie denn, würde er jetzt tun?! Schön, sie war noch am Leben, er ging dann schon mal vor? Wir sehen uns dann morgen? Doch Zairyms Worte hielten ihn auf. Nicht, weil sie so etwas wie Vernunft in ihm weckten und es das Sinnvollste wäre, zeitnah zu verschwinden, um keine weitere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es fühlte sich eher so an, als hätte er gerade mit aller Kraft eine Bogensehne gespannt und in genau dem Moment, in dem er sie losließ, kitzelte ihn jemand im Nacken. Er verriss. Mit einem Laut, der an unterdrückter, frustrierter Wut kaum zu überbieten war, wandte Lucien sich ab, machte einen halben Schritt in Richtung Tür und brachte damit eher zufällig als gezielt Ryms Gestalt zwischen sich und die Schwarzhaarige. Um die aufwallenden Gefühle nur irgendwie unter Kontrolle zu bringen, fuhr er sich mit beiden Händen übers Gesicht, raufte sich einen Augenblick später die Haare und sog Luft in seine wütend brennenden Lungen. Sie machte ihn wahnsinnig. Ganz ernsthaft. Sie machte ihn wahnsinnig. <br />
Ohne Shanaya auch nur anzusehen, wandte er sich an sie. Sein Tonfall noch ein Stück unterkühlter, als zuvor. <br />
<br />
<i>„Sieh zu, dass du fertig wirst. Wir gehen jetzt zurück zum Bordell.“</i> <br />
<br />
Mit einem Seitenblick zu Rym ließ der Dunkelhaarige die Arme sinken. <br />
<br />
<i>„Zu Fuß, selbstverständlich. Sie kann selbst laufen. Bis hier her hat es schließlich auch gereicht, nicht wahr?“</i> <br />
<br />
Und dieses mal richteten sich die tiefgrünen Augen wieder direkt auf Shanaya. Ein Ausdruck der Provokation darin, der ganz und gar nichts Spielerisches mehr an sich hatte. Oh, er würde sie nicht selbst laufen lassen. Jedenfalls nicht die ganze Strecke. Doch er war in diesem Augenblick zu wütend, um auch nur ein freundliches Wort für sie zu erübrigen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Gerade hatte Shanaya den Blick von der Tür abgewandt, als sie erneut aufging. Ein heller Lichtschein ließ die junge Frau kurz blinzeln, ehe sie erkannte, wer den Raum betreten hatte. Der kuschelbedürftige Söldner, der sich direkt an sie wandte. Shanaya wog nur leicht den Kopf, setzte dann mit einem <i>„Was machst du hier?“</i> nach. Worte, für die sie nur Luft und Zeit fand, da Lucien nicht auf ihre Worte antwortete. Dafür ging sie auf den Rest seiner Worte nicht ein. Ihre hellen Augen ruhten auch nicht lang auf dem Dunkelhaarigen, sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Lucien – unter dessen Blick sie fast noch ein wenig mehr auf ihrem Stuhl zusammen sackte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hoffte die junge Frau auf irgendeine Antwort, auf eine Zurechtweisung. Aber nichts dergleichen folgte, Lucien wandte sich einfach ab. Und das stach tiefer in ihrem Inneren, als es vermutlich jedes laute Wort getan hätte. <br />
Die Schwarzhaarige biss fest die Zähne aufeinander, schloss kurz die Augen und versuchte mit einigen ruhigen Atemzügen ihr aufgeregt schlagendes Herz zu beruhigen. Sie verstand diesen Kerl nicht. Er wollte, dass sie auf sich aufpasste, wollte sie jetzt aber zurück zum Bordell laufen lassen? Inzwischen ruhte ihr Blick wieder auf der Wunde, die frisch vernäht war. Die schneidende Stimme des Mannes ließ sie kurz den Blick zu ihm wenden, ohne den Kopf zu bewegen. Er stand in der Tür. Aufbruchbereit. Sie brauchte nicht mehr lang… die Aussicht, den ganzen Weg zurück zu humpeln erschien ihr aber doch nicht sehr verlockend. Sie verknotete trotzdem den Fäden, der die Wunde zusammen hielt. So gut es eben mit vor Erschöpfung zitternden Fingern ging. Sie reagierte nicht auf die Worte, die ihr Captain an den anderen Mann wandte, erst, als sie seinen Blick auf sich spürte, drehte sie den Kopf zu ihm herum. Sie erwiderte den Blick aus den grünen Augen so fest es ihr möglich war, einen hauchzarten, rebellischen Ausdruck im eigenen Blick. Einige Herzschläge hielt sie dem Stand, ehe sie sich wieder herum wandte, nach dem bereit gelegten Verbandszeug griff und begann, die Wunde zu umwickeln. Kein dicker Verband, nur ein dünner Schutz, bis sie… irgendwo anders war. Sie wollte sich einfach nur hinlegen. <br />
Als nächstes erhob sich die Schwarzhaarige gerade so weit, dass sie ihre Hose wieder ganz anziehen und verschließen konnte. Ihr war schwindelig, was sie damit zu überspielen versuchte, dass sie kurz die Augen schloss. Wie weit war es bis zum Bordell? Das würde sie doch wohl schaffen! Fest entschlossen, aber trotzdem erschöpft, griff sie nach ihrer Krücke, richtete den Blick auf die beiden Männer, wobei sie Lucien etwas länger musterte. <br />
<br />
<i>„Wenn es das ist, was du willst.“</i> <br />
<br />
In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Herausforderung und müder Resignation. Sie konnte sich denken, dass ihr Captain sie nicht Kurs auf die Taverne nehmen würde – also durfte er sich auch nicht wundern, wenn sie diese ‚Herausforderung‘ annahm, den ganzen Weg zum Bordell allein zurück zu legen. </font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[We can always reach a little higher]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=979</link>
			<pubDate>Fri, 30 Oct 2020 14:48:24 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
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			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">We can always reach a little higher </div>
<br />
<font size=1>Vormittag des 20. Mai<br />
Ceallagh Hayes & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lag quer auf ihrem Bett, ließ den Kopf über die Kante hängen und starrte die Wand an, die verkehrt herum war. Sie war so müde und gleichzeitig so aufgewühlt. Die vergangene Nacht wirkte so surreal, wie ein ferner Traum. Und doch wusste sie ganz genau, dass all das passiert war. Dass sie, vollkommen übermüdet, an Lucien gelehnt hatte. Dass sie über viele kleine Dinge gesprochen hatten, während sie damit gekämpft hatte, nicht einzuschlafen. Und schließlich war doch genau das passiert. Wann ihr Captain verschwunden war, konnte sie beim besten Willen nicht sagen,. Aber als sie aufgewacht war, war sie wieder allein gewesen. Genau wie jetzt. Greo und Enrique waren nicht im Zimmer, sie war allein mit ihrer Wand und dem langsam schwer werdenden Kopf. Aber so konnte sie alle möglichen Gedanken unterdrücken, auch wenn sie diese Position nicht mehr lange aushalten würde. Und irgendwann im Laufe des Tages würde sie sich die Beine vertreten. Sie musste sich nur noch dazu aufraffen. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Die Tage waren verflogen, ohne dass sich Ceallagh recht an den Zustand der "Mehrsamkeit" hatte gewöhnen können. War er bisher dazu übergangen, die Massen zum Untertauchen zu nutzen und mit dem Einheitsbrei der Menschen zu verschwimmen, war für ihn, umringt von Piraten und einem Paar grüner Augen, nicht mehr notwendig. Sie waren zu einem Alltag zurück gekehrt, der begrüßenswert, aber deshalb nicht weniger seltsam für ihn war.<br />
Mit einem Knacken in den Gelenken hatte sich der Hüne von den Decken und Kissen erhoben und war noch vor Tagesanbruch aus den Gemächern verschwunden. Irgendwohin, wo ihn niemand sehen konnte, wo er für sich allein war, um seine Gedanken zu sortieren, die des Nachts immer seltsamer und diffuser wurden. Ganz als beschlich ihn eine unangenehme Vorahnung. Sanft schlugen die Knöchel seines Zeige- und Mittelfingers gegen das dicke Holz der Tür, die er, ohne eine Antwort abzuwarten, langsam von sich drückte. Schob sich erst der blonde Schopf durch den Türspalt, folgte alsbald der in dunklen Leinen umhüllte Körper. Auf den Zügen das unverkennbare Lächeln, das so viel mehr Bedeutung in sich trug, als die meisten verstanden. <i>"Na... auch mal ausgeschlafen?"</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Immer wieder drängten sich Shanaya die Bilder der letzten Nacht auf. Sie spürte den Berührungen nach, der sanften Wärme. Es war alles so unendlich verworren, ein Netz, aus dem es kein Entkommen gab, so sehr sie es auch versuchte. Einzig und allein das kurze Klopfen ließ ihre Gedanken umschwingen – bis sie den Mann erkannte, der ihr Zimmer betrat. Oder viel mehr glaubte zu erkennen. Sie blinzelte, versuchte, das Bild in ihrem Kopf zu drehen. Das konnte eigentlich nur Ceallagh sein. Seine Miene wirkte jedoch etwas verzehrt, was es noch deutlich schwieriger machte. Aber seine Stimme klang amüsiert. <i>„Hör bloß auf. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geschlafen. Und trotzdem bin ich nach einer Nacht ohne viel Schlaf hundemüde...“</i> Die Schwarzhaarige machte keine Anstalten, sich richtig rum zu drehen, auch wenn ihr Gesicht langsam einen sachten, roten Hauch annahm. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"So?"</i> Er ersparte sich und ihr die Frage, was sie so lange davon abgebracht hatte, ihrem Körper die nötige Ruhe zu geben, die er brauchte. Nach den letzten Wochen konnte er es sich wohl selbst gut genug beantworten. Und wenn es nicht das war, woran er als zweites dachte, dann lag es wohl an der Tatsache, dass sie sich das Zimmer mit zwei Männern teilte. Ein Interpretationsfreiraum, der je nach eigener Gesinnung ausfallen konnte. <i>"Ich schätze, du bist halt auch nicht mehr die Jüngste, mh?"</i> Ein Auflachen verschwand aus seiner Kehle. Dann durchschritt der hochgewachsene Körper den Raum und blieb, noch immer grinsend, dicht neben dem Bett der Navigatorin stehen. Die Tür zum Zimmer etliche Zentimeter geöffnet, als säße auf dem Flur ein neugieriges Paar Augen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Auf die kurze Nachfrage des Mannes hin gab Shanaya nur ein leises Brummen von sich. Sie war froh, dass er nicht weiter hinterfragte – beließ es also einfach dabei. Sie hätte eh kleine Antwort auf diese unausgesprochene Frage gewusst. Was auch immer sie gewesen wäre. <i>„Oh ja. Mit siebzehn Jahren ist mein Leben so gut wie vorbei. Ich weiß gar nicht, wie du so alt werden konntest.“</i> Ein Lächeln galt dem Blonden, auch wenn es etwas gequält wirkte. Immerhin hing sie noch immer kopfüber vom Bett. Trotzdem konnte sie sehen, wie der Mann näher kam, schließlich rollte sie sich doch auf den Bauch. Kurz war ihr schwindelig, immerhin war jetzt alles wieder richtig herum. Shanaya schüttelte den Kopf, rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. <i>„Was verleiht mir die Ehre von diesem hohen Besuch?“</i> </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Viel Sex und gute Gene.",</i> entgegnete Ceallagh mit einem Schmunzeln und Schulterzucken, ehe er der Dunkelhaarigen bei ihrer ungelenken Seitwärtsrolle zusah. Irgendwie erinnerte ihn dieser Anblick an einen vollgestopften Hamster, der all kurzen Viere von sich streckte. Irgendwie niedlich. "<i>Ich war zu sehr von der Idee angetan, deine Krücken einzuweihen."</i> Wie zur Untermalung seiner Worte, suchten die blaugrünen Augen den Raum nach den zwei gepolsterten Holzgabeln ab, die er erst gestern ins Bordell geschleppt hatte. Wieso er sich neuerdings so sehr zum Samariter aufspielte, war ihm unbegreiflich. Doch er ahnte, dass es ihm als sehr uneigennützige Ablenkung von allem diente, mit dem er sich gerade nicht beschäftigen wollte. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Viel Sex und gute Gene? Shanaya konnte sich ein herzliches Auflachen nicht verkneifen. <i>„Dann darf ich ja auch darauf hoffen, dass beides bei mir wirkt.“</i> Auch wenn es für den Moment noch ein wenig an dem ‚viel‘ hakte. Mit diesen Worten verließ ein leises Schnaufen ihre Lippen. Bei den nächsten Worten des Blonden hob sie leicht eine Augenbraue, schmunzelte aber amüsiert vor sich hin. <i>„Tu dir keinen Zwang an, humpel ruhig mit ihnen los.“</i> Erst einmal blieb sie auf dem Bauch liegen, folgte dem Blick des Mannes zu den Krücken. <i>„Habe ich mich eigentlich für dieses sonderbare Geschenk bedankt, von dem ich noch immer nicht weiß, wieso mir so eine Ehre zuteil wurde?“</i> Erst jetzt drehte sie sich ein wenig, bewegte die Beine, bis sie vom Bett hingen und sie aufrecht saß. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Fast wollte er demonstrativ seinen Arm aus der Schlinge ziehen, die seit Wochen beständig an seinem Nacken zog, doch erinnerte ihn schon der erste spitze Stich daran, dass es wohl keine gesunde und kluge Idee gewesen war. Gott war er froh, wenn die Wunde verheilt war und er seinen gewohnten Bewegungsradius zurück bekam. Dass Shanny ihm mit einer Erwiderung zuvor kam, erübrigte zumindest einen verständlicheren Kommentar, als das kurze Zucken der dichten Brauen. Wenngleich es in nicht weniger als das endete. <i>"Ich hatte natürlich nur Unanständiges im Sinn.",</i> troff es ironisch über seine Lippen. Gipfelte in einem fast schon tadelndem Blick, der einem knappen Auflachen wich. <i>"Also wenn du dich bedanken willst, schwing deinen Hintern aus dem Bett. Dieses Elend kann sich doch keiner mehr ansehen."</i> Mit einem letzten Blick auf den dunklen Haarschopf und einem verschmitzten Zwinkern in ihre Richtung, wandte sich Ceallagh zu den Krücken herum. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya betrachtete den Blonden weiterhin mit amüsierter Miene, auch als er den Arm aus der Schlinge kurz bewegte. Herrje, sie waren alle schon ein ramponierter Haufen. Auf seine Worte hin neigte die junge Frau sachte den Kopf. <i>„Natürlich, immerhin bist du ein Mann.“</i> Nun war es an ihr, kurz mit beiden Schultern zu zucken, während sie blauen Augen ruhig auf dem Älteren lagen. Was er dann sagte, ließ sie beinahe ergeben seufzen. <i>„Das ist einfach.“</i> Kurz noch erwiderte sie den Blick des Mannes, ehe dieser sich abwandte und Shanaya sich mit einer leicht wankenden Bewegung vom Bett erhob. Mit beiden Armen versuchte sie das Gleichgewicht zu halten, das mit einem Bein schwieriger zu erreichen war. <i>„Was ist dein Plan? Wohin willst du mich entführen?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Ceallagh lachte. Nicht weil ihr Kommentar besonders lustig gewesen war, sondern weil ihn amüsierte, worauf sie anspielte ohne in Betracht zu ziehen, dass Frauen im dunklen Inneren ihres Herzens nicht viel besser waren. Der kleine aber feine Unterschied war nur die Hemmung all das auszuleben, wonach es einem gelüstete. <i>"Entführen, ausführen, verschleppen, durch die Gegend schuppsen, begleiten. Such es dir aus."</I> Mit einer halben Drehung wandte er sich herum, eine der Krücken in der Hand, die er ihr mit dem anderen Ende entgegen hielt. <i>"Solange ich dich nicht tragen muss."</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Das Lachen des Mannes ließ auch das Lächelnd er Schwarzhaarigen ein wenig breiter werden. Sie wusste nicht, was ihm durch den Kopf hing – aber sie hätte es in diesem Moment gern gewusst. Dieser Kerl war ihr sympathisch, selbst wenn sie dafür keinen genueren Grund hatte. Er hatte sie versorgt, als sie mit Fieber flach gelegen hatte – und er hatte ihr die Krücken besorgt, ja. Aber das allein ließ sie nicht unbedingt für jemanden Sympathie empfinden. <i>„Oh, der werte Herr möchte mich ausführen?“</i> Damit war klar, welche Variante sie wählte. Sollte er sie schubsen, wusste sie, wohin sie ihre Finger bohren musste. Mit einem kurzen, sankbarem Nicken nahm sie die Krücke entgegen, konnte so ihr Gewicht verlagern, dass sie zwei Schritte nach vorn trat. Das war viel besser. <i>„Und wenn ich auf halbem Weg zusammen breche und mich nicht mehr allein halten kann? Würdest du mich dann eiskalt liegen lassen und zulassen, dass irgendwelche Penner püber mich herfallen?“</i> Ihre Miene nahm einen – gespielt – empörten Ausdruck an, ehe sie sich wieder in Bewegung setzte. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Ein verschmitztes Grinsen huschte über die bärtigen Züge des Hayes. War für einen kurzen Sekundenbruchteil von seinem Hinterkopf verdeckt, kaum dass Shanaya ihm die Krücke abgenommen und er seine Hand für Nummer Zwei frei gemacht hatte. Wenn sie so spezifisch auf dieses Wort ansprang, war sie vielleicht doch von der romantischen Sorte. Armer Lucien. <i>"Dich liegen lassen? Das käme mir gar nicht in den Sinn."</i>, führte er gespielt entrüstete an, wandte sich ihr zu und musterte ihre Miene aufmerksam. <i>"Wofür hast du denn schließlich noch dein gesundes Bein? Ich zieh dich ganz einfach bis hier her zurück."</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die Erwiderung des Manne sließ Shanaya zuerst die Augen ein wenig verengen. Es war… kein Geheimnis. Aber… sie gab sich scheinbar wirklich am liebsten mit denen ab, denen das Wort ‚Charmant‘ auf die Stirn geschrieben war. Sie schnaubte, war jedoch nicht minder amüsiert als zuvor. Der Blonde wandte sich zu ihr herum und Shanaya erwiderte seinen Blick mit abschätzend gehobener Augenbraue. Natürlich. <i>„Dann sei wenigstens so gut zu mir und zieh an dem gesunden Bein. Sonst hinterlasse ich eine Blutspur, an der unser Weg zurück verfolgt werden kann.“</i> Nich einmal seufzte sie amüsiert, setzte sich dann samt Krücke in Bewegung zur Tür, die noch leicht geöffnet stand und mit einem sanften Stoß der Krücke aufgeschoben wurde. <i>„Na los, du Held.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Ich bin doch kein Unmensch."</i> Nur manchmal ein kleines Bisschen. Wenn sich die Gelegenheit bot und es lustiger war, als mit vollem Ernst bei der Sache zu sein. Erst als die Jüngere die Tür erreichte und sich langsam durch den Rahmen schälte, folgte er ihr, zog das schwere Holz geräuschvoll hinter sich zu und warf einen kurzen Blick den Gang hinauf und hinunter. Niemand zu sehen, der sie wie eine Amme zurück ins Bett verfrachtete. "<i>Wonach gelüstet es dich am meisten?"</i> Ihm war definitiv nach Ablenkung. Doch nicht um den Preis, dass sie ihm nach einem halben Marathon wirklich noch zusammen klappte. Oder ihm die Krücken um die Ohren warf, weil sie vor lauter Frust über ihren Schneckengang, ihre Anspannung heraus lassen musste. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die Erwähnung eines Unmenschen ließ die Schwarzhaarige ein leies, überlegendes Geräusch von sich geben. „Dessen bin ich mir noch nocht sicher.“ Davon musste er sie definitiv erst einmal überzeugen. Ceallagh folgte ihr, stellte eine Frage, die sie nicht lang überlegen ließ. Selbst, wenn das nun sehr… vorhersehbar war. <i>„Irgendwas zu Essen finden, was nicht aus diesem Haus stammt.“</i> Es würde hoffentlich in der Nähe irgendwelche Stände geben, die ihren Hunger stilen würden. Sie zögerte einen Herzschlag, hinkte den Flur entlang und warf Ceallagh dann einen vielsagenden Blick zu. <i>„Den Rest überlasse ich dir, großherzig, wie ich bin. Ich bin einfach nur froh, wenn ich mich ein wenig bewegen kann.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Weil das Essen außerhalb dieses sehr pompösen Etablissements so viel besser ist, meinst du?"</i> Ganz sicher lag es daran. Und weniger, weil sie gerade alles abstieß, was mit diesem Hurenhaus zu tun hatte, in dem sie Stunden und Tage lang gefangen gewesen war. Bewegungslos. Wie lange es wohl brauchte, bis ihr Übereifer sie zurück zwang oder ihre Narben aufplatzen ließ, wie überfüllte Teigtaschen? Zu gern hätte er jetzt einfach seine Hände in den Nacken geschoben und sich pfeifend durch das Tor in die Freiheit begeben. Doch sowohl seine Schulter, als auch Shanayas Kommentar hielten ihn davon ab. Amüsiert und skeptisch zugleich tanzten die hellen Brauen einige Millimeter hinauf. <i>"Du überlässt MIR freiwillig die Planung unserer nächsten Route?"</i> Hatte er diese Worte bewusst so gewählt? Mh. Vielleicht. Um sie damit ein bisschen aufzuziehen, weil sie eigentlich immer gern selbst die Dinge in die Hand nahm und das Steuer eigentlich so gut wie niemandem sonst überließ? Zumindest bisher? Ganz sicher. <i>"Okay. Dann bin ich mal gespannt, was du zu meiner Idee sagen wirst. Ich glaube, ich kenne da einen Ort, der deine Knie mal aus nem sehr angenehmen Grund weich werden lässt." </i>Und der hieß nicht "die Arme meines besten Freundes". Auch wenn man diese unterschwellige Botschaft durchaus in sein spitzbübisches Grinsen hineininterpretieren konnte. </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„Fast alles wäre besser als das Essen von hier.“</i> Vielleicht nicht die Qualität, aber… Shanaya war genügsam. Sie konnte sich mit wenig zufrieden geben. Was ihr Glück war… eine verwöhnte Piraten, die nur von besonderem Geschirr aß, nur das Beste vom Besten auf ihren Teller ließ… Das widersprach sich selbst. <i>„So großzügig bin ich. Und wenn es mir nicht passt, schmeiße ich mich einfach auf den Boden und tue so, als würde ich vor Schmerzen sterben.“</i> Sie lachte, stellte es sich amüsant vor, wenn in solch einem Moment irgendein guter Samariter sich ihrer annehmen würde. Nur, weil der Weg ihr nicht passte. Sie schnaufte, machte damit deutlich, wie ernst sie diese Worte meinte und warf dem Blonden bei seinen nächsten Worten einen skeptischen Blick zu. Ein Ort, der ihre Knie weich werden ließ. Seine Gedanken blieben ihr verborgen und so konnte sie sich zu seinem Blick nur ihren Teil denken. Seine Anspielung blieb ihr verborgen. Ob bewusst oder unbewusst machte keinen Unterschied. <i>„Jetzt musst du mich wirklich überzeugen, sonst bin ich maßlos enttäuscht.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Auf dem Boden wälzen und schreien?" </i>Darüber musste er doch tatsächlich herzlich lachen. Das hatte schon das Niveau eines Kindes und erinnerte ihn stark an einige seiner alten Freunde aus dem "Dorf". <i>"Ich weiß nicht was ich amüsanter finden soll... wenn sich ein Prinz Löwenherz dann deiner armen Seele erbarmt und sich unglaublich toll und gönnerhaft fühlt. Oder die griesgrämigen Blicke, die ich von etlichen alten Damen und Herrschaften ernten werde."</i> Beinahe wäre es ihm das Experiment wert. Doch nur FAST. Bereits am Ende der Treppen angekommen, wandte er sich erneut herum, um mit einem kurzen prüfenden Blick zu Shanaya aufzusehen. Nicht, dass er sie hetzen wollte. <i>"Das Risiko gehe ich gern ein. "</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„Also ich bin ganz klar bei den Griesgrämen, die dir unendlich viele Vorwürfe machen, wie du so ein hübsches Wesen einfach verletzt am Boden liegen lassen kannst.“</i> Shanaya nickte übertrieben, machte damit nur noch einmal ihre Worte deutlicher. So etwas gehörte sich nicht für den Mann von Welt. Sie warf Ceallagh ein munteres Grinsen zu, zuckte dann mit den Schultern. In ihrem Tempo hinkte sie neben – oder hinter – dem Blonden her, erreichte auch recht kurz nach ihm das Ende der Treppe und erwiderte seinen Blick mit skeptischer Miene. <i>„Wie weit willst du mich quälen? Muss ich die Stadt durchkreuzen?“</i> Wenn es den Weg wert wäre, würde sie auch diesen Weg auf sich nehmen. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>“Wer ist von uns beiden jetzt der größere Unhold?“</i>, erwiderte Ceallagh lachend und wusste bereits die Antwort darauf. So wie er Shanaya bislang kennengelernt hatte, war ihr Selbstbewusstsein nahezu unerschütterlich. Ein dummer Spruch konnte ihr genauso wenig anhaben, wie ein bisschen Staub und Dreck im Gesicht. <i>“Ja. Und nein. Es sei denn, du willst aufgeben und dir durch die Lappen gehen lassen, was dich erwartet.“ </i>Spielerisch ließ der Hüne die dichten Brauen tanzen, schenkte der Jüngeren ein vielsagendes Schmunzeln und trat ohne Umschweife ins Freie hinaus. Der Weg zu seinem Lieblingsbuchbinder und Archivar war weit, doch jeden Schritt und Schmerz wert. </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„Die Frage kannst du dir selbst beantworten!“</I> Shanaya setzte eine unglaublich traurige Miene auf, die von allem Schmerz der Welt sprach. Der ganz allein auf ihren Schultern lastete. Schnell legte sich aber wieder ein Lächeln auf ihre Lippen. Der Weg war ihr egal, Hauptsache, sie konnte sich die Beine ein wenig vertreten. Wobei eine gewisse Skepsis blieb, was der Blonde vor hatte. Ihre Frage beantwortete er jedenfalls nicht wirklich. „Sieht dieses Gesicht aus, als würde es aufgeben?“ Ein Funkeln huschte durch die hellen Augen der jungen Frau, ehe sie leise die Luft ausstieß. <i>„Notfalls krieche ich halt zurück. Schaffe ich auch irgendwie.“</i> Und in ihrer Stimme schwang ein Ton mit, der deutlich machte, wie sehr sie dieses Bild in ihrem Kopf amüsierte. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>“Dieses Gesicht sieht eher aus, als würdest du dich wie ein Hai in alles verbeißen.“</i>, gestand Ceallagh lachend und passierte das Haupttor in Richtung Hauptstraße. Als hätte er nicht bereits damit gerechnet. Nur gut wenn ihr dann niemand auf die Nase schlug und sich an ihren Zähnen oder Flossen gütlich tat. Anderswo galt das ganz sicher als Delikatesse. <i>“Wäre es dann meine Pflicht dich heldenhaft aufzuheben oder darf ich mir das einmalige Spektakel von außerhalb ansehen?“</i> Breit grinsend sah der blonde Schopf zur Seite und wich einem älteren Herren aus, der blind die Straße hinab lief. Genau zwischen ihn und Shanaya, was Ceallagh wohl im Idealfall vor einem Schlag mit der Krücke bewahrte. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lachte bei den Worten des Mannes amüsiert auf, wog den Kopf dann überlegend zu beiden Seiten. <i>„Da ist jetzt die Frage, ob ein Hai oder ich niedlicher ist.“</i> Sie wusste die Antwort, warf Ceallagh aber einen skeptischen Blick zu, mit dem sie seine Reaktion prüfen wollte. <i>„Wenn ich mir das in den Kopf gesetzt habe, darfst du dir das ganze gern ansehen. Und du darfst gern beim Bordell mit etwas zu Essen auf mich warten.“</i> Vermutlich war das das Erste, woran sie denken würde. Ihr Blick ruhte noch auf dem Blonden, sodass sie den Mann nicht kommen sah, der sich kurzerhand zwischen ihnen her schob. Erst, als er fast auf ihrer Höhe war, zuckte die Schwarzhaarige kurz zusammen, taumelte einen Schritt zur Seite um auszuweichen und trat dabei mit dem verwundeten Bein auf, was ihr ein derbes Zischen entlockte. Einen Moment biss sie die Zähne aufeinander, stützte sich dann wieder auf die Krücke und warf dem Fremden einen grimmigen Blick hinterher. Aber er störte sich nicht daran, und so tat Shanaya es ihm gleich, folgte wieder dem Weg, atmete einmal tief durch und schob diesen Kerl einfach wieder aus ihrer Erinnerung. Auch wenn ihr Bein, dank ihm, nun wieder etwas ziepte. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Wie zur Antwort schenkte er ihr nur ein breites und vielsagendes Schmunzeln. Als käme er je auf den Gedanken, darauf etwas ernsthaft zu erwidern! Die kleine Navigatorin besaß schließlich genug Schleue, um seine Antwort in jede erdenkliche Himmelsrichtung zu biegen. Ganz wie es ihr in den Kram passte. Und ihr Ego streicheln hatte er weiß Gott nicht im Sinn. DAS bekam sie auch problemlos selbst zustande. Allerdings zuckten seine Brauen, als der dunkle Haarschopf auf der anderen Seite ins Straucheln geriet und zurück kippte. Ceallagh konnte nur an ihrem schmerzverzerrten Zügen erahnen, dass sie geradewegs auf ihre verletztes Beim getreten war. <i>“Beim nächsten Mal kannst du gern draufhauen.“</i> flüsterte er ihr zu und folgte einem Pfad nach links in eine der unzähligen geschmückten Seitengassen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya wandte, wie immer, den Blick nicht noch einmal zurück. Sie machte sich nicht viele Gedanken um das, was zurück lag. Sei es nun einige Jahre oder wenige Sekunden. Sie machte keinen Zirkus daraus, angerempelt zu werden – solange der Betroffene nicht selbst stehen blieb. Mit Ceallaghs Worten kehrte jedoch wieder ein Lächeln auf ihre Lippen zurück. <i>„Wenn ich jeden verprügeln würde, dessen Nase mir nicht passt… Es wird viel eher Mal wieder Zeit für eine schöne Kneipenschlägerei.“</i> Ein leiser, grübelnder Unterton schwang in ihrer Stimme mit, während sie dem Blonden folgte. <i>„Du gehst ganz schön zielstrebig. Hast du dir die Insel in den letzten Tagen gut eingeprägt?“</i> </font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">We can always reach a little higher </div>
<br />
<font size=1>Vormittag des 20. Mai<br />
Ceallagh Hayes & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lag quer auf ihrem Bett, ließ den Kopf über die Kante hängen und starrte die Wand an, die verkehrt herum war. Sie war so müde und gleichzeitig so aufgewühlt. Die vergangene Nacht wirkte so surreal, wie ein ferner Traum. Und doch wusste sie ganz genau, dass all das passiert war. Dass sie, vollkommen übermüdet, an Lucien gelehnt hatte. Dass sie über viele kleine Dinge gesprochen hatten, während sie damit gekämpft hatte, nicht einzuschlafen. Und schließlich war doch genau das passiert. Wann ihr Captain verschwunden war, konnte sie beim besten Willen nicht sagen,. Aber als sie aufgewacht war, war sie wieder allein gewesen. Genau wie jetzt. Greo und Enrique waren nicht im Zimmer, sie war allein mit ihrer Wand und dem langsam schwer werdenden Kopf. Aber so konnte sie alle möglichen Gedanken unterdrücken, auch wenn sie diese Position nicht mehr lange aushalten würde. Und irgendwann im Laufe des Tages würde sie sich die Beine vertreten. Sie musste sich nur noch dazu aufraffen. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Die Tage waren verflogen, ohne dass sich Ceallagh recht an den Zustand der "Mehrsamkeit" hatte gewöhnen können. War er bisher dazu übergangen, die Massen zum Untertauchen zu nutzen und mit dem Einheitsbrei der Menschen zu verschwimmen, war für ihn, umringt von Piraten und einem Paar grüner Augen, nicht mehr notwendig. Sie waren zu einem Alltag zurück gekehrt, der begrüßenswert, aber deshalb nicht weniger seltsam für ihn war.<br />
Mit einem Knacken in den Gelenken hatte sich der Hüne von den Decken und Kissen erhoben und war noch vor Tagesanbruch aus den Gemächern verschwunden. Irgendwohin, wo ihn niemand sehen konnte, wo er für sich allein war, um seine Gedanken zu sortieren, die des Nachts immer seltsamer und diffuser wurden. Ganz als beschlich ihn eine unangenehme Vorahnung. Sanft schlugen die Knöchel seines Zeige- und Mittelfingers gegen das dicke Holz der Tür, die er, ohne eine Antwort abzuwarten, langsam von sich drückte. Schob sich erst der blonde Schopf durch den Türspalt, folgte alsbald der in dunklen Leinen umhüllte Körper. Auf den Zügen das unverkennbare Lächeln, das so viel mehr Bedeutung in sich trug, als die meisten verstanden. <i>"Na... auch mal ausgeschlafen?"</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Immer wieder drängten sich Shanaya die Bilder der letzten Nacht auf. Sie spürte den Berührungen nach, der sanften Wärme. Es war alles so unendlich verworren, ein Netz, aus dem es kein Entkommen gab, so sehr sie es auch versuchte. Einzig und allein das kurze Klopfen ließ ihre Gedanken umschwingen – bis sie den Mann erkannte, der ihr Zimmer betrat. Oder viel mehr glaubte zu erkennen. Sie blinzelte, versuchte, das Bild in ihrem Kopf zu drehen. Das konnte eigentlich nur Ceallagh sein. Seine Miene wirkte jedoch etwas verzehrt, was es noch deutlich schwieriger machte. Aber seine Stimme klang amüsiert. <i>„Hör bloß auf. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geschlafen. Und trotzdem bin ich nach einer Nacht ohne viel Schlaf hundemüde...“</i> Die Schwarzhaarige machte keine Anstalten, sich richtig rum zu drehen, auch wenn ihr Gesicht langsam einen sachten, roten Hauch annahm. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"So?"</i> Er ersparte sich und ihr die Frage, was sie so lange davon abgebracht hatte, ihrem Körper die nötige Ruhe zu geben, die er brauchte. Nach den letzten Wochen konnte er es sich wohl selbst gut genug beantworten. Und wenn es nicht das war, woran er als zweites dachte, dann lag es wohl an der Tatsache, dass sie sich das Zimmer mit zwei Männern teilte. Ein Interpretationsfreiraum, der je nach eigener Gesinnung ausfallen konnte. <i>"Ich schätze, du bist halt auch nicht mehr die Jüngste, mh?"</i> Ein Auflachen verschwand aus seiner Kehle. Dann durchschritt der hochgewachsene Körper den Raum und blieb, noch immer grinsend, dicht neben dem Bett der Navigatorin stehen. Die Tür zum Zimmer etliche Zentimeter geöffnet, als säße auf dem Flur ein neugieriges Paar Augen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Auf die kurze Nachfrage des Mannes hin gab Shanaya nur ein leises Brummen von sich. Sie war froh, dass er nicht weiter hinterfragte – beließ es also einfach dabei. Sie hätte eh kleine Antwort auf diese unausgesprochene Frage gewusst. Was auch immer sie gewesen wäre. <i>„Oh ja. Mit siebzehn Jahren ist mein Leben so gut wie vorbei. Ich weiß gar nicht, wie du so alt werden konntest.“</i> Ein Lächeln galt dem Blonden, auch wenn es etwas gequält wirkte. Immerhin hing sie noch immer kopfüber vom Bett. Trotzdem konnte sie sehen, wie der Mann näher kam, schließlich rollte sie sich doch auf den Bauch. Kurz war ihr schwindelig, immerhin war jetzt alles wieder richtig herum. Shanaya schüttelte den Kopf, rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. <i>„Was verleiht mir die Ehre von diesem hohen Besuch?“</i> </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Viel Sex und gute Gene.",</i> entgegnete Ceallagh mit einem Schmunzeln und Schulterzucken, ehe er der Dunkelhaarigen bei ihrer ungelenken Seitwärtsrolle zusah. Irgendwie erinnerte ihn dieser Anblick an einen vollgestopften Hamster, der all kurzen Viere von sich streckte. Irgendwie niedlich. "<i>Ich war zu sehr von der Idee angetan, deine Krücken einzuweihen."</i> Wie zur Untermalung seiner Worte, suchten die blaugrünen Augen den Raum nach den zwei gepolsterten Holzgabeln ab, die er erst gestern ins Bordell geschleppt hatte. Wieso er sich neuerdings so sehr zum Samariter aufspielte, war ihm unbegreiflich. Doch er ahnte, dass es ihm als sehr uneigennützige Ablenkung von allem diente, mit dem er sich gerade nicht beschäftigen wollte. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Viel Sex und gute Gene? Shanaya konnte sich ein herzliches Auflachen nicht verkneifen. <i>„Dann darf ich ja auch darauf hoffen, dass beides bei mir wirkt.“</i> Auch wenn es für den Moment noch ein wenig an dem ‚viel‘ hakte. Mit diesen Worten verließ ein leises Schnaufen ihre Lippen. Bei den nächsten Worten des Blonden hob sie leicht eine Augenbraue, schmunzelte aber amüsiert vor sich hin. <i>„Tu dir keinen Zwang an, humpel ruhig mit ihnen los.“</i> Erst einmal blieb sie auf dem Bauch liegen, folgte dem Blick des Mannes zu den Krücken. <i>„Habe ich mich eigentlich für dieses sonderbare Geschenk bedankt, von dem ich noch immer nicht weiß, wieso mir so eine Ehre zuteil wurde?“</i> Erst jetzt drehte sie sich ein wenig, bewegte die Beine, bis sie vom Bett hingen und sie aufrecht saß. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Fast wollte er demonstrativ seinen Arm aus der Schlinge ziehen, die seit Wochen beständig an seinem Nacken zog, doch erinnerte ihn schon der erste spitze Stich daran, dass es wohl keine gesunde und kluge Idee gewesen war. Gott war er froh, wenn die Wunde verheilt war und er seinen gewohnten Bewegungsradius zurück bekam. Dass Shanny ihm mit einer Erwiderung zuvor kam, erübrigte zumindest einen verständlicheren Kommentar, als das kurze Zucken der dichten Brauen. Wenngleich es in nicht weniger als das endete. <i>"Ich hatte natürlich nur Unanständiges im Sinn.",</i> troff es ironisch über seine Lippen. Gipfelte in einem fast schon tadelndem Blick, der einem knappen Auflachen wich. <i>"Also wenn du dich bedanken willst, schwing deinen Hintern aus dem Bett. Dieses Elend kann sich doch keiner mehr ansehen."</i> Mit einem letzten Blick auf den dunklen Haarschopf und einem verschmitzten Zwinkern in ihre Richtung, wandte sich Ceallagh zu den Krücken herum. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya betrachtete den Blonden weiterhin mit amüsierter Miene, auch als er den Arm aus der Schlinge kurz bewegte. Herrje, sie waren alle schon ein ramponierter Haufen. Auf seine Worte hin neigte die junge Frau sachte den Kopf. <i>„Natürlich, immerhin bist du ein Mann.“</i> Nun war es an ihr, kurz mit beiden Schultern zu zucken, während sie blauen Augen ruhig auf dem Älteren lagen. Was er dann sagte, ließ sie beinahe ergeben seufzen. <i>„Das ist einfach.“</i> Kurz noch erwiderte sie den Blick des Mannes, ehe dieser sich abwandte und Shanaya sich mit einer leicht wankenden Bewegung vom Bett erhob. Mit beiden Armen versuchte sie das Gleichgewicht zu halten, das mit einem Bein schwieriger zu erreichen war. <i>„Was ist dein Plan? Wohin willst du mich entführen?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Ceallagh lachte. Nicht weil ihr Kommentar besonders lustig gewesen war, sondern weil ihn amüsierte, worauf sie anspielte ohne in Betracht zu ziehen, dass Frauen im dunklen Inneren ihres Herzens nicht viel besser waren. Der kleine aber feine Unterschied war nur die Hemmung all das auszuleben, wonach es einem gelüstete. <i>"Entführen, ausführen, verschleppen, durch die Gegend schuppsen, begleiten. Such es dir aus."</I> Mit einer halben Drehung wandte er sich herum, eine der Krücken in der Hand, die er ihr mit dem anderen Ende entgegen hielt. <i>"Solange ich dich nicht tragen muss."</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Das Lachen des Mannes ließ auch das Lächelnd er Schwarzhaarigen ein wenig breiter werden. Sie wusste nicht, was ihm durch den Kopf hing – aber sie hätte es in diesem Moment gern gewusst. Dieser Kerl war ihr sympathisch, selbst wenn sie dafür keinen genueren Grund hatte. Er hatte sie versorgt, als sie mit Fieber flach gelegen hatte – und er hatte ihr die Krücken besorgt, ja. Aber das allein ließ sie nicht unbedingt für jemanden Sympathie empfinden. <i>„Oh, der werte Herr möchte mich ausführen?“</i> Damit war klar, welche Variante sie wählte. Sollte er sie schubsen, wusste sie, wohin sie ihre Finger bohren musste. Mit einem kurzen, sankbarem Nicken nahm sie die Krücke entgegen, konnte so ihr Gewicht verlagern, dass sie zwei Schritte nach vorn trat. Das war viel besser. <i>„Und wenn ich auf halbem Weg zusammen breche und mich nicht mehr allein halten kann? Würdest du mich dann eiskalt liegen lassen und zulassen, dass irgendwelche Penner püber mich herfallen?“</i> Ihre Miene nahm einen – gespielt – empörten Ausdruck an, ehe sie sich wieder in Bewegung setzte. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Ein verschmitztes Grinsen huschte über die bärtigen Züge des Hayes. War für einen kurzen Sekundenbruchteil von seinem Hinterkopf verdeckt, kaum dass Shanaya ihm die Krücke abgenommen und er seine Hand für Nummer Zwei frei gemacht hatte. Wenn sie so spezifisch auf dieses Wort ansprang, war sie vielleicht doch von der romantischen Sorte. Armer Lucien. <i>"Dich liegen lassen? Das käme mir gar nicht in den Sinn."</i>, führte er gespielt entrüstete an, wandte sich ihr zu und musterte ihre Miene aufmerksam. <i>"Wofür hast du denn schließlich noch dein gesundes Bein? Ich zieh dich ganz einfach bis hier her zurück."</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Die Erwiderung des Manne sließ Shanaya zuerst die Augen ein wenig verengen. Es war… kein Geheimnis. Aber… sie gab sich scheinbar wirklich am liebsten mit denen ab, denen das Wort ‚Charmant‘ auf die Stirn geschrieben war. Sie schnaubte, war jedoch nicht minder amüsiert als zuvor. Der Blonde wandte sich zu ihr herum und Shanaya erwiderte seinen Blick mit abschätzend gehobener Augenbraue. Natürlich. <i>„Dann sei wenigstens so gut zu mir und zieh an dem gesunden Bein. Sonst hinterlasse ich eine Blutspur, an der unser Weg zurück verfolgt werden kann.“</i> Nich einmal seufzte sie amüsiert, setzte sich dann samt Krücke in Bewegung zur Tür, die noch leicht geöffnet stand und mit einem sanften Stoß der Krücke aufgeschoben wurde. <i>„Na los, du Held.“</i> </font><br />
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<font color=#6B8E23><i>"Ich bin doch kein Unmensch."</i> Nur manchmal ein kleines Bisschen. Wenn sich die Gelegenheit bot und es lustiger war, als mit vollem Ernst bei der Sache zu sein. Erst als die Jüngere die Tür erreichte und sich langsam durch den Rahmen schälte, folgte er ihr, zog das schwere Holz geräuschvoll hinter sich zu und warf einen kurzen Blick den Gang hinauf und hinunter. Niemand zu sehen, der sie wie eine Amme zurück ins Bett verfrachtete. "<i>Wonach gelüstet es dich am meisten?"</i> Ihm war definitiv nach Ablenkung. Doch nicht um den Preis, dass sie ihm nach einem halben Marathon wirklich noch zusammen klappte. Oder ihm die Krücken um die Ohren warf, weil sie vor lauter Frust über ihren Schneckengang, ihre Anspannung heraus lassen musste. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die Erwähnung eines Unmenschen ließ die Schwarzhaarige ein leies, überlegendes Geräusch von sich geben. „Dessen bin ich mir noch nocht sicher.“ Davon musste er sie definitiv erst einmal überzeugen. Ceallagh folgte ihr, stellte eine Frage, die sie nicht lang überlegen ließ. Selbst, wenn das nun sehr… vorhersehbar war. <i>„Irgendwas zu Essen finden, was nicht aus diesem Haus stammt.“</i> Es würde hoffentlich in der Nähe irgendwelche Stände geben, die ihren Hunger stilen würden. Sie zögerte einen Herzschlag, hinkte den Flur entlang und warf Ceallagh dann einen vielsagenden Blick zu. <i>„Den Rest überlasse ich dir, großherzig, wie ich bin. Ich bin einfach nur froh, wenn ich mich ein wenig bewegen kann.“</i> </font><br />
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<font color=#6B8E23><i>"Weil das Essen außerhalb dieses sehr pompösen Etablissements so viel besser ist, meinst du?"</i> Ganz sicher lag es daran. Und weniger, weil sie gerade alles abstieß, was mit diesem Hurenhaus zu tun hatte, in dem sie Stunden und Tage lang gefangen gewesen war. Bewegungslos. Wie lange es wohl brauchte, bis ihr Übereifer sie zurück zwang oder ihre Narben aufplatzen ließ, wie überfüllte Teigtaschen? Zu gern hätte er jetzt einfach seine Hände in den Nacken geschoben und sich pfeifend durch das Tor in die Freiheit begeben. Doch sowohl seine Schulter, als auch Shanayas Kommentar hielten ihn davon ab. Amüsiert und skeptisch zugleich tanzten die hellen Brauen einige Millimeter hinauf. <i>"Du überlässt MIR freiwillig die Planung unserer nächsten Route?"</i> Hatte er diese Worte bewusst so gewählt? Mh. Vielleicht. Um sie damit ein bisschen aufzuziehen, weil sie eigentlich immer gern selbst die Dinge in die Hand nahm und das Steuer eigentlich so gut wie niemandem sonst überließ? Zumindest bisher? Ganz sicher. <i>"Okay. Dann bin ich mal gespannt, was du zu meiner Idee sagen wirst. Ich glaube, ich kenne da einen Ort, der deine Knie mal aus nem sehr angenehmen Grund weich werden lässt." </i>Und der hieß nicht "die Arme meines besten Freundes". Auch wenn man diese unterschwellige Botschaft durchaus in sein spitzbübisches Grinsen hineininterpretieren konnte. </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„Fast alles wäre besser als das Essen von hier.“</i> Vielleicht nicht die Qualität, aber… Shanaya war genügsam. Sie konnte sich mit wenig zufrieden geben. Was ihr Glück war… eine verwöhnte Piraten, die nur von besonderem Geschirr aß, nur das Beste vom Besten auf ihren Teller ließ… Das widersprach sich selbst. <i>„So großzügig bin ich. Und wenn es mir nicht passt, schmeiße ich mich einfach auf den Boden und tue so, als würde ich vor Schmerzen sterben.“</i> Sie lachte, stellte es sich amüsant vor, wenn in solch einem Moment irgendein guter Samariter sich ihrer annehmen würde. Nur, weil der Weg ihr nicht passte. Sie schnaufte, machte damit deutlich, wie ernst sie diese Worte meinte und warf dem Blonden bei seinen nächsten Worten einen skeptischen Blick zu. Ein Ort, der ihre Knie weich werden ließ. Seine Gedanken blieben ihr verborgen und so konnte sie sich zu seinem Blick nur ihren Teil denken. Seine Anspielung blieb ihr verborgen. Ob bewusst oder unbewusst machte keinen Unterschied. <i>„Jetzt musst du mich wirklich überzeugen, sonst bin ich maßlos enttäuscht.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Auf dem Boden wälzen und schreien?" </i>Darüber musste er doch tatsächlich herzlich lachen. Das hatte schon das Niveau eines Kindes und erinnerte ihn stark an einige seiner alten Freunde aus dem "Dorf". <i>"Ich weiß nicht was ich amüsanter finden soll... wenn sich ein Prinz Löwenherz dann deiner armen Seele erbarmt und sich unglaublich toll und gönnerhaft fühlt. Oder die griesgrämigen Blicke, die ich von etlichen alten Damen und Herrschaften ernten werde."</i> Beinahe wäre es ihm das Experiment wert. Doch nur FAST. Bereits am Ende der Treppen angekommen, wandte er sich erneut herum, um mit einem kurzen prüfenden Blick zu Shanaya aufzusehen. Nicht, dass er sie hetzen wollte. <i>"Das Risiko gehe ich gern ein. "</i> </font><br />
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<font color=royalblue><i>„Also ich bin ganz klar bei den Griesgrämen, die dir unendlich viele Vorwürfe machen, wie du so ein hübsches Wesen einfach verletzt am Boden liegen lassen kannst.“</i> Shanaya nickte übertrieben, machte damit nur noch einmal ihre Worte deutlicher. So etwas gehörte sich nicht für den Mann von Welt. Sie warf Ceallagh ein munteres Grinsen zu, zuckte dann mit den Schultern. In ihrem Tempo hinkte sie neben – oder hinter – dem Blonden her, erreichte auch recht kurz nach ihm das Ende der Treppe und erwiderte seinen Blick mit skeptischer Miene. <i>„Wie weit willst du mich quälen? Muss ich die Stadt durchkreuzen?“</i> Wenn es den Weg wert wäre, würde sie auch diesen Weg auf sich nehmen. </font><br />
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<font color=#6B8E23><i>“Wer ist von uns beiden jetzt der größere Unhold?“</i>, erwiderte Ceallagh lachend und wusste bereits die Antwort darauf. So wie er Shanaya bislang kennengelernt hatte, war ihr Selbstbewusstsein nahezu unerschütterlich. Ein dummer Spruch konnte ihr genauso wenig anhaben, wie ein bisschen Staub und Dreck im Gesicht. <i>“Ja. Und nein. Es sei denn, du willst aufgeben und dir durch die Lappen gehen lassen, was dich erwartet.“ </i>Spielerisch ließ der Hüne die dichten Brauen tanzen, schenkte der Jüngeren ein vielsagendes Schmunzeln und trat ohne Umschweife ins Freie hinaus. Der Weg zu seinem Lieblingsbuchbinder und Archivar war weit, doch jeden Schritt und Schmerz wert. </font><br />
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<font color=royalblue><i>„Die Frage kannst du dir selbst beantworten!“</I> Shanaya setzte eine unglaublich traurige Miene auf, die von allem Schmerz der Welt sprach. Der ganz allein auf ihren Schultern lastete. Schnell legte sich aber wieder ein Lächeln auf ihre Lippen. Der Weg war ihr egal, Hauptsache, sie konnte sich die Beine ein wenig vertreten. Wobei eine gewisse Skepsis blieb, was der Blonde vor hatte. Ihre Frage beantwortete er jedenfalls nicht wirklich. „Sieht dieses Gesicht aus, als würde es aufgeben?“ Ein Funkeln huschte durch die hellen Augen der jungen Frau, ehe sie leise die Luft ausstieß. <i>„Notfalls krieche ich halt zurück. Schaffe ich auch irgendwie.“</i> Und in ihrer Stimme schwang ein Ton mit, der deutlich machte, wie sehr sie dieses Bild in ihrem Kopf amüsierte. </font><br />
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<font color=#6B8E23><i>“Dieses Gesicht sieht eher aus, als würdest du dich wie ein Hai in alles verbeißen.“</i>, gestand Ceallagh lachend und passierte das Haupttor in Richtung Hauptstraße. Als hätte er nicht bereits damit gerechnet. Nur gut wenn ihr dann niemand auf die Nase schlug und sich an ihren Zähnen oder Flossen gütlich tat. Anderswo galt das ganz sicher als Delikatesse. <i>“Wäre es dann meine Pflicht dich heldenhaft aufzuheben oder darf ich mir das einmalige Spektakel von außerhalb ansehen?“</i> Breit grinsend sah der blonde Schopf zur Seite und wich einem älteren Herren aus, der blind die Straße hinab lief. Genau zwischen ihn und Shanaya, was Ceallagh wohl im Idealfall vor einem Schlag mit der Krücke bewahrte. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya lachte bei den Worten des Mannes amüsiert auf, wog den Kopf dann überlegend zu beiden Seiten. <i>„Da ist jetzt die Frage, ob ein Hai oder ich niedlicher ist.“</i> Sie wusste die Antwort, warf Ceallagh aber einen skeptischen Blick zu, mit dem sie seine Reaktion prüfen wollte. <i>„Wenn ich mir das in den Kopf gesetzt habe, darfst du dir das ganze gern ansehen. Und du darfst gern beim Bordell mit etwas zu Essen auf mich warten.“</i> Vermutlich war das das Erste, woran sie denken würde. Ihr Blick ruhte noch auf dem Blonden, sodass sie den Mann nicht kommen sah, der sich kurzerhand zwischen ihnen her schob. Erst, als er fast auf ihrer Höhe war, zuckte die Schwarzhaarige kurz zusammen, taumelte einen Schritt zur Seite um auszuweichen und trat dabei mit dem verwundeten Bein auf, was ihr ein derbes Zischen entlockte. Einen Moment biss sie die Zähne aufeinander, stützte sich dann wieder auf die Krücke und warf dem Fremden einen grimmigen Blick hinterher. Aber er störte sich nicht daran, und so tat Shanaya es ihm gleich, folgte wieder dem Weg, atmete einmal tief durch und schob diesen Kerl einfach wieder aus ihrer Erinnerung. Auch wenn ihr Bein, dank ihm, nun wieder etwas ziepte. </font><br />
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<font color=#6B8E23>Wie zur Antwort schenkte er ihr nur ein breites und vielsagendes Schmunzeln. Als käme er je auf den Gedanken, darauf etwas ernsthaft zu erwidern! Die kleine Navigatorin besaß schließlich genug Schleue, um seine Antwort in jede erdenkliche Himmelsrichtung zu biegen. Ganz wie es ihr in den Kram passte. Und ihr Ego streicheln hatte er weiß Gott nicht im Sinn. DAS bekam sie auch problemlos selbst zustande. Allerdings zuckten seine Brauen, als der dunkle Haarschopf auf der anderen Seite ins Straucheln geriet und zurück kippte. Ceallagh konnte nur an ihrem schmerzverzerrten Zügen erahnen, dass sie geradewegs auf ihre verletztes Beim getreten war. <i>“Beim nächsten Mal kannst du gern draufhauen.“</i> flüsterte er ihr zu und folgte einem Pfad nach links in eine der unzähligen geschmückten Seitengassen. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya wandte, wie immer, den Blick nicht noch einmal zurück. Sie machte sich nicht viele Gedanken um das, was zurück lag. Sei es nun einige Jahre oder wenige Sekunden. Sie machte keinen Zirkus daraus, angerempelt zu werden – solange der Betroffene nicht selbst stehen blieb. Mit Ceallaghs Worten kehrte jedoch wieder ein Lächeln auf ihre Lippen zurück. <i>„Wenn ich jeden verprügeln würde, dessen Nase mir nicht passt… Es wird viel eher Mal wieder Zeit für eine schöne Kneipenschlägerei.“</i> Ein leiser, grübelnder Unterton schwang in ihrer Stimme mit, während sie dem Blonden folgte. <i>„Du gehst ganz schön zielstrebig. Hast du dir die Insel in den letzten Tagen gut eingeprägt?“</i> </font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Wolf in Sheep's Clothing]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=967</link>
			<pubDate>Wed, 30 Sep 2020 17:13:18 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=967</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Wolf in Sheep's Clothing</div>
<br />
<font size=1>Nachmittag des 17. Mai Mai 1822<br />
Shanaya Árashi & Zairym al Said</font></center><br />
<font color=royalblue>Shanaya fuhr sich mit einer langsamen Bewegung über die müden Augen, über das Gesicht und ließ sie schließlich auf ihrer glühenden Stirn ruhen. Ihr war schwindelig von der Wärme – und genau das war vermutlich der einzige Grund, wieso sie jetzt an diesem Ort war. Lucien hatte sie gepackt und in dieses Bordell geschleppt... wäre sie in einem fitteren Zustand gewesen, hätte sie ihr Lager in einer der Tavernen aufgeschlagen. Dies war wirklich der letzte Ort an dem sie sein wollte. Und jetzt lag sie hier, zu müde um etwas dagegen zu unternehmen, zu geschwächt um sich wirklich dagegen aufzulehnen. Sie hörte Stimmen und Schritte vom Flur, ihre Tür war einen Spalt breit geöffnet. Aber keiner schien den direkten Weg zu ihr zu nehmen. Auf der einen Seite wirklich gut, aber auf der anderen... ein entnervtes, leises Seufzen drang der jungen Frau über die Lippen. Vielleicht würden sie ja nicht so lang hier bleiben. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Er fühlte sich rundherum wohl. Wer auch immer auf die Idee gekommen war, das Lager der Piraten an diesem Ort aufzuschlagen, muss ein Genie gewesen sein. Vielleicht auch ein Gott. Er war auf jeden Fall mehr als dankbar für die Verbesserung seiner Umgebung. Fast nur mit Männern auf einem Schiff eingesperrt zu sein...eindeutig nichts was er auf lange Zeit aushielt. Aber die leichten Damen, die ihn so charmant begrüßten hatten, waren auf jeden Fall ein schönerer Anblick. Aber bevor er ihnen Gesellschaft leisten konnte, musste er sich erst noch einen Schlafplatz sichern. Und er wusste genau, wohin er wollte. Natürlich war ihm der Blick seines neuen Captains nicht entgangen, als er den Weg ins Krankenzimmer eingeschlagen hatte, aber Rym konnte es ja trotzdem versuchen. Mit einem breiten Grinsen, trat er auf die angelehnte Tür zu, räusperte sich, als Zeichen, dass er eintreten wollte und stieß das Holz schließlich mit der Fußspitze auf. Sein Grinsen wurde noch ein wenig breiter, als er das wehrlose Opfer...ähm...die angeschlagene Navigatorin sah. <i>„Na, kleine Königin? Wie geht’s dir?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Irgendwann, Shanaya wusste nicht, wie lange sie nun einfach nur dalag, schienen sich doch Schritte zu ihr zu bewegen. Zumindest glaubte sie das, bis sie wieder verstummten. Und gerade, als die junge Frau die Augen schloss, hörte sie ein Räuspern und einen Herzschlag später wurde die Tür aufgeschoben. Die blauen Augen huschten zu dem Gesicht des bärtigen Mannes, der sich ihnen auf der Insel der Kopfgeldjäger angeschlossen hatte. Sie hob leicht eine Augenbraue und fragte sich still, ob seine Frage von ehrlichem Interesse sprach oder... was er damit versuchte zu bezwecken. <i>„Ich weiß nicht. Ich glaube, ich schaffe es nicht...“</i> Ihre Hand ruhte noch immer auf ihrer Stirn, sie musterte den Mann jedoch so aufmerksam, wie ihr Fieber umnebelte Verstand es zu ließ. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Es wunderte ihn, dass sie sich nicht noch dramatisch nach hinten in die Kissen fallen ließ. Eine Hand auf der Stirn lag sie da, als würde es wirklich bald zu Ende gehen. Eine geborene Königin, da hatte er wohl ins Schwarze getroffen. Er schmunzelte leicht, als er näher trat. Vor dem Bett ließ er sich in die Hocke sinken, bevor eine Hand ausstreckt und die ihre sanft wegschlug, um ihre Stirn zu fühlen. <i>„Du hast Fieber wegen deiner Wunde, Liebes. So lange du noch Unsinn reden kannst, wirst du daran schon nicht sterben. Aber ich gebe zu, es steht um deine Schönheit wirklich schlecht, wenn du weiter so ein dramatisches Gesicht ziehst.“</i> Er sah sich in dem ruhigen, fast leeren Zimmer um, bevor er ihr einen fast unschuldigen Blick zuwarf. <i>„Vielleicht geht es auch mit dir zu Ende, weil du dich so allein zu Tode langweilst. Ich könnte hier bei dir schlafen, wenn du das willst.“</i> Im Ohr hatte er den Commodore, der ihm mit einem scharfen Nein zu verstehen gab, dass er sich das abschminken konnte. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanayas Blick blieb so aufmerksam, wie es ihr möglich war, während der Mann näher trat. Er hockte sich neben das Bett und bevor die junge Frau auch nur im Ansatz reagieren konnte, spürte sie seine Hand auf ihrer Stirn. Die plötzliche Berührung ließ sie ihren Körper anspannen und bei seinen Worten ließ sie ihren Kopf leicht zur Seite rucken, damit er sie wieder zurück zog. Erst dann reagierte sie auf seine Worte, nicht ohne vorher jedoch ein leises Brummen von sich zu geben. <i>„Wahre Schönheit entstellt Nichts!“</i> Ein amüsierter Ausdruck legte sich auf ihre Züge. Natürlich würde sie an diesem verdammten Fieber nicht zu Grunde gehen. So weit kam es ganz sicher nicht. Der Bärtige ließ den Blick durch ihr Zimmer schweifen, wandte sich dann mit einer Frage, die keine wirkliche Frage war, an sie, die die Schwarzhaarige leicht eine Augenbraue heben ließ. Er wollte bei ihr im Zimmer schlafen? Hatten sie schon irgendwelche Schlafplätze verteilt? Sie wusste es nicht. <i>„Wenn du das unbedingt willst, such dir einen freien Platz und schlaf, wo du willst.“</i> Ihr war es wirklich egal, immerhin ging es nur darum, wo er die Nacht verbringen konnte. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Ihre Reaktion, wie sie seiner Hand auswich, entging ihm keineswegs, aber er ignorierte es einfach. Auch auf ihren eigenen sehr von sich überzeugten Spruch antwortete er nicht, denn ehrlich gesagt überraschte ihn viel zu sehr, wie einfach sie sich dazu bereit erklärte, ihn hier bei sich schlafen zu lassen. Wenn man mal davon absah, dass sie keinen besonders guten Start hatten, dann nahm sie entweder im Allgemeinen Männer oder ihn im besonderen absolut nicht als Bedrohung wahr. Sie lebte jetzt wie lange schon auf einem Schiff mit fast nur Männern? Und da hatte sie noch keiner flachlegen wollen? Er könnte heulen. Wie konnte diesem Schiff nur so viel Männlichkeit abkommen? Nach außen hin zeigte er ihr nichts von seinen inneren Qualen. Stattdessen grinste er sie einfach nur an, als er sich erhob und spielerisch seine Hose abklopfte. <i>„Na dann rutsch rüber, kleine Königin.“</i> Er setzte sein unschuldigstes Lächeln auf. <i>„Ich bin es gewöhnt mit anderen zusammen zu schlafen. Da erhält man sich eine gewisse Wärme und das ist mir besonders wichtig. Da du also so bereitwillig dein Zimmer mit mir teilen willst, können wir auch gleich zusammen das Bett teilen. Komm. Wir kuscheln.“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya machte sich einfach keine großen Gedanken mehr darum, wieso der Dunkelhaarige so gezielt zu ihr gekommen war, um hier zu schlafen. Sie konnte seine Gedanken nicht erahnen, bemühte sich jedoch auch darum nicht wirklich. Stattdessen spannte sich etwas in ihr an, als er grinste und sich dann erhob. Was er dann sagte, ließ die Schwarzhaarige blinzeln. Sie sollte... was? Sie schüttelte nur etwas verwirrt den Kopf, deutete dann locker mit einer Hand auf die andere Seite des Bettes – und dann auf den Boden. Auch wenn seine Worte sie irgendwie in einen kleinen Mantel aus Verwirrung hüllten, musste die junge Frau über seine Direktheit schmunzeln. <i>„Such dir davon einen Platz aus, das gemeine Fußvolk hat nicht mit der Königin zu kuscheln.“</i> Wenn sie ihm schon erlaubte hier zu schlafen... er sollte nicht zu viel verlangen, sonst schlief er auf dem Flur vor der Tür. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Seine Lippen zuckten verdächtig belustigt, als er ihre Verwirrung erkannte. Er glaubte nicht, dass die junge Frau leicht überrascht werden konnte, deshalb freute es ihn diebisch, dass er sie erwischt hatte. Aber Rym war es vollkommen ernst gewesen. Er würde wirklich gern mit ihr kuscheln, wenn sie nur rutschte. Aber leider kam sie sehr schnell wieder zu Sinnen und bei der ausschweifenden Handbewegung und ihren Worten brach der Mann in Gelächter aus. Es dauerte fast eine Minute an, bis er sich schließlich wieder beruhigte und zu Shanaya sah. Sein Blick dabei hätte Steine erweichen können. Er ließ leicht die Schultern sinken, nur um mehr, wie ein kleiner in die Pfütze gefallener Welpe auszusehen. <i>„Ach komm schon, kleine Königin. Ich meine es ernst. Ich bin es nicht gewohnt allein zu schlafen.“</i> Er deutete auf die Haut unter seinen Augen. <i>„Siehst du diese dunklen Schatten? Die kommen von den Nächten allein auf eurem Boot…Schiff, mein ich natürlich. Ich brauch nur ein bisschen Wärme und Geborgenheit.“</i> Er blinzelte ein paar Mal unschuldig. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Der Dunkelhaarige lachte auf und Shanaya musterte ihn nur mit ruhiger Miene. Er schien davon überzeugt zu sein, dass er sich zu ihr ins Bett legen dürfte. Als er sich wieder gefangen hatte und die Augen wieder auf die Schwarzhaarige richtete, hob diese nur leicht eine Augenbraue, betrachtete den Mann und seufzte schließlich laut und schwer. Nicht, weil sein Blick sie erweichte, viel mehr, weil sie diese Masche viel zu gut kannte. <i>„Oh, ich meine es auch ernst.“</i> Ein diebisches Schmunzeln schlich sich auf ihre Lippen. Aber er ließ es nicht, versuchte auch noch, sie damit zu überzeugen, dass er sonst ja ach so allein war. Nun hob sie wieder die Hand, machte eine dramatische Geste. <i>„Na gut... Hör zu... ich mache dir einen Vorschlag.“</i> Das Lächeln lag noch immer auf ihren Lippen. <i>„Du besorgst mir etwas zu trinken und du darfst unter meinem Bett schlafen. Ich kann dir sogar eine Aktzeichnung von mir geben, wenn du damit die Nacht besser überstehst. Aber das hier“ </I>Shanaya deutete mit einer ruhigen Bewegung ihrer Hand auf ihr Bett <i>„Gehört ganz allein mir.“</i> In ihrer Stimme schwang das süße Versprechen mit, dass jede Überschreitung dieser Grenze Konsequenzen mit sich ziehen würde. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Er hätte nicht damit gerechnet, dass seine Belustigung so schnell umschlagen konnte. Natürlich fand er es amüsant und sogar wichtig, dass eine Frau, mit der er sich ein fröhliches Wortgefecht lieferte, nicht auf den Mund gefallen war. Er verlor sogar relativ schnell das Interesse, wenn sie zu allem, ws er aussprach, ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagten. Aber er mochte auch keine Haare auf den Zähnen. Dieses Mädchen, dass so völlig von sich überzeugt auf dem Bett dort vor ihm lag, hatte genau das. Oh, es war nicht so, dass er sie nicht immer noch berauschend belustigend fand, aber es ermüdete auch schneller. Nur weil er bei ihr im Bett schlafen wollte, dachte sie sofort daran, er wolle mit ihr schlafen? Das es Rym völlig ernst meinen könnte, dass er nur jemanden brauchte, an den er sich schmiegen konnte, das kam ihr wohl gar nicht in den Sinn. Nun, er wusste, dass er nicht so sehr nach einem Kuschelbären aussah, aber trotzdem verletzte es ihn doch fast. Immer diese Vorurteile! Er hielt ihr doch auch nicht vor, dass, nur weil sie eine Piratin war, für jeden die Beine breit machte. Das wäre doch unerhört. Der Gedanke brachte ihn wieder zum Grinsen und damit wandte er sich auch an das Mädchen im Bett. <i>„Kleine Königin, wenn ich hier in dem Raum bleibe, brauche ich keine Aktzeichnung von dir. Ich kann auch einfach neben dem Bett stehen während du schläfst und dich anstarren, wenn ich das wollte“</i>, meinte er einfach nur trocken. <i>„Nicht gerade das, was vornehme Männer tun sollten, aber ich zähle mich auch nicht dazu. Wenn es dich glücklich macht, kann ich auch noch weiter gehen, als nur neben deinem Bett zu stehen und zu starren. Ich kann mir auch einfach einen…“</i> Eine Bewegung vor der Tür ließ ihn verstummen und skeptisch sah er über seine Schulter dorthin. Er durfte nicht zu laut sein, denn eigentlich hatte er das Verbot bekommen, sich hier aufzuhalten.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya machte sich keinerlei Gedanken, was dem Mann durch den Kopf ging. Sie würde ihn nur garantiert nicht in ihr Bett lassen um mit ihr zu … ‚kuscheln‘. Da konnte er tun, was er wollte. Sein Grinsen ließ sie leicht eine Augenbraue heben, eine abwartende Miene aufsetzend. Kam nun irgendeine irrsinnige Idee, wie er sich doch zu ihr kuscheln konnte? Und mit jedem Wort, das er von sich gab, hob sich ihre Augenbraue ein wenig höher, aber ihr Grinsen wurde auch ein wenig breiter, amüsierter. <i>„Wenn dir danach ist, nur zu. Ich kann hervorragend schlafen, auch wenn mich jemand beobachtet.“</i> Die Worte, mit denen der Dunkelhaarige endete, ließen die junge Frau schließlich auflachen, leicht den Kopf schütteln. <i>„Damit würdest du zu den einzigen, richtigen Männern auf diesem Schiff gehören. Herzlichen Glückwunsch.“</i> Sie neigte den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung. <i>„Trotzdem wirst du nicht mehr bekommen, als am Fußende des Bettes zu schlafen..“</i></font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Wolf in Sheep's Clothing</div>
<br />
<font size=1>Nachmittag des 17. Mai Mai 1822<br />
Shanaya Árashi & Zairym al Said</font></center><br />
<font color=royalblue>Shanaya fuhr sich mit einer langsamen Bewegung über die müden Augen, über das Gesicht und ließ sie schließlich auf ihrer glühenden Stirn ruhen. Ihr war schwindelig von der Wärme – und genau das war vermutlich der einzige Grund, wieso sie jetzt an diesem Ort war. Lucien hatte sie gepackt und in dieses Bordell geschleppt... wäre sie in einem fitteren Zustand gewesen, hätte sie ihr Lager in einer der Tavernen aufgeschlagen. Dies war wirklich der letzte Ort an dem sie sein wollte. Und jetzt lag sie hier, zu müde um etwas dagegen zu unternehmen, zu geschwächt um sich wirklich dagegen aufzulehnen. Sie hörte Stimmen und Schritte vom Flur, ihre Tür war einen Spalt breit geöffnet. Aber keiner schien den direkten Weg zu ihr zu nehmen. Auf der einen Seite wirklich gut, aber auf der anderen... ein entnervtes, leises Seufzen drang der jungen Frau über die Lippen. Vielleicht würden sie ja nicht so lang hier bleiben. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Er fühlte sich rundherum wohl. Wer auch immer auf die Idee gekommen war, das Lager der Piraten an diesem Ort aufzuschlagen, muss ein Genie gewesen sein. Vielleicht auch ein Gott. Er war auf jeden Fall mehr als dankbar für die Verbesserung seiner Umgebung. Fast nur mit Männern auf einem Schiff eingesperrt zu sein...eindeutig nichts was er auf lange Zeit aushielt. Aber die leichten Damen, die ihn so charmant begrüßten hatten, waren auf jeden Fall ein schönerer Anblick. Aber bevor er ihnen Gesellschaft leisten konnte, musste er sich erst noch einen Schlafplatz sichern. Und er wusste genau, wohin er wollte. Natürlich war ihm der Blick seines neuen Captains nicht entgangen, als er den Weg ins Krankenzimmer eingeschlagen hatte, aber Rym konnte es ja trotzdem versuchen. Mit einem breiten Grinsen, trat er auf die angelehnte Tür zu, räusperte sich, als Zeichen, dass er eintreten wollte und stieß das Holz schließlich mit der Fußspitze auf. Sein Grinsen wurde noch ein wenig breiter, als er das wehrlose Opfer...ähm...die angeschlagene Navigatorin sah. <i>„Na, kleine Königin? Wie geht’s dir?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Irgendwann, Shanaya wusste nicht, wie lange sie nun einfach nur dalag, schienen sich doch Schritte zu ihr zu bewegen. Zumindest glaubte sie das, bis sie wieder verstummten. Und gerade, als die junge Frau die Augen schloss, hörte sie ein Räuspern und einen Herzschlag später wurde die Tür aufgeschoben. Die blauen Augen huschten zu dem Gesicht des bärtigen Mannes, der sich ihnen auf der Insel der Kopfgeldjäger angeschlossen hatte. Sie hob leicht eine Augenbraue und fragte sich still, ob seine Frage von ehrlichem Interesse sprach oder... was er damit versuchte zu bezwecken. <i>„Ich weiß nicht. Ich glaube, ich schaffe es nicht...“</i> Ihre Hand ruhte noch immer auf ihrer Stirn, sie musterte den Mann jedoch so aufmerksam, wie ihr Fieber umnebelte Verstand es zu ließ. </font><br />
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<font color=#a0522d>Es wunderte ihn, dass sie sich nicht noch dramatisch nach hinten in die Kissen fallen ließ. Eine Hand auf der Stirn lag sie da, als würde es wirklich bald zu Ende gehen. Eine geborene Königin, da hatte er wohl ins Schwarze getroffen. Er schmunzelte leicht, als er näher trat. Vor dem Bett ließ er sich in die Hocke sinken, bevor eine Hand ausstreckt und die ihre sanft wegschlug, um ihre Stirn zu fühlen. <i>„Du hast Fieber wegen deiner Wunde, Liebes. So lange du noch Unsinn reden kannst, wirst du daran schon nicht sterben. Aber ich gebe zu, es steht um deine Schönheit wirklich schlecht, wenn du weiter so ein dramatisches Gesicht ziehst.“</i> Er sah sich in dem ruhigen, fast leeren Zimmer um, bevor er ihr einen fast unschuldigen Blick zuwarf. <i>„Vielleicht geht es auch mit dir zu Ende, weil du dich so allein zu Tode langweilst. Ich könnte hier bei dir schlafen, wenn du das willst.“</i> Im Ohr hatte er den Commodore, der ihm mit einem scharfen Nein zu verstehen gab, dass er sich das abschminken konnte. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanayas Blick blieb so aufmerksam, wie es ihr möglich war, während der Mann näher trat. Er hockte sich neben das Bett und bevor die junge Frau auch nur im Ansatz reagieren konnte, spürte sie seine Hand auf ihrer Stirn. Die plötzliche Berührung ließ sie ihren Körper anspannen und bei seinen Worten ließ sie ihren Kopf leicht zur Seite rucken, damit er sie wieder zurück zog. Erst dann reagierte sie auf seine Worte, nicht ohne vorher jedoch ein leises Brummen von sich zu geben. <i>„Wahre Schönheit entstellt Nichts!“</i> Ein amüsierter Ausdruck legte sich auf ihre Züge. Natürlich würde sie an diesem verdammten Fieber nicht zu Grunde gehen. So weit kam es ganz sicher nicht. Der Bärtige ließ den Blick durch ihr Zimmer schweifen, wandte sich dann mit einer Frage, die keine wirkliche Frage war, an sie, die die Schwarzhaarige leicht eine Augenbraue heben ließ. Er wollte bei ihr im Zimmer schlafen? Hatten sie schon irgendwelche Schlafplätze verteilt? Sie wusste es nicht. <i>„Wenn du das unbedingt willst, such dir einen freien Platz und schlaf, wo du willst.“</i> Ihr war es wirklich egal, immerhin ging es nur darum, wo er die Nacht verbringen konnte. </font><br />
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<font color=#a0522d>Ihre Reaktion, wie sie seiner Hand auswich, entging ihm keineswegs, aber er ignorierte es einfach. Auch auf ihren eigenen sehr von sich überzeugten Spruch antwortete er nicht, denn ehrlich gesagt überraschte ihn viel zu sehr, wie einfach sie sich dazu bereit erklärte, ihn hier bei sich schlafen zu lassen. Wenn man mal davon absah, dass sie keinen besonders guten Start hatten, dann nahm sie entweder im Allgemeinen Männer oder ihn im besonderen absolut nicht als Bedrohung wahr. Sie lebte jetzt wie lange schon auf einem Schiff mit fast nur Männern? Und da hatte sie noch keiner flachlegen wollen? Er könnte heulen. Wie konnte diesem Schiff nur so viel Männlichkeit abkommen? Nach außen hin zeigte er ihr nichts von seinen inneren Qualen. Stattdessen grinste er sie einfach nur an, als er sich erhob und spielerisch seine Hose abklopfte. <i>„Na dann rutsch rüber, kleine Königin.“</i> Er setzte sein unschuldigstes Lächeln auf. <i>„Ich bin es gewöhnt mit anderen zusammen zu schlafen. Da erhält man sich eine gewisse Wärme und das ist mir besonders wichtig. Da du also so bereitwillig dein Zimmer mit mir teilen willst, können wir auch gleich zusammen das Bett teilen. Komm. Wir kuscheln.“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya machte sich einfach keine großen Gedanken mehr darum, wieso der Dunkelhaarige so gezielt zu ihr gekommen war, um hier zu schlafen. Sie konnte seine Gedanken nicht erahnen, bemühte sich jedoch auch darum nicht wirklich. Stattdessen spannte sich etwas in ihr an, als er grinste und sich dann erhob. Was er dann sagte, ließ die Schwarzhaarige blinzeln. Sie sollte... was? Sie schüttelte nur etwas verwirrt den Kopf, deutete dann locker mit einer Hand auf die andere Seite des Bettes – und dann auf den Boden. Auch wenn seine Worte sie irgendwie in einen kleinen Mantel aus Verwirrung hüllten, musste die junge Frau über seine Direktheit schmunzeln. <i>„Such dir davon einen Platz aus, das gemeine Fußvolk hat nicht mit der Königin zu kuscheln.“</i> Wenn sie ihm schon erlaubte hier zu schlafen... er sollte nicht zu viel verlangen, sonst schlief er auf dem Flur vor der Tür. </font><br />
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<font color=#a0522d>Seine Lippen zuckten verdächtig belustigt, als er ihre Verwirrung erkannte. Er glaubte nicht, dass die junge Frau leicht überrascht werden konnte, deshalb freute es ihn diebisch, dass er sie erwischt hatte. Aber Rym war es vollkommen ernst gewesen. Er würde wirklich gern mit ihr kuscheln, wenn sie nur rutschte. Aber leider kam sie sehr schnell wieder zu Sinnen und bei der ausschweifenden Handbewegung und ihren Worten brach der Mann in Gelächter aus. Es dauerte fast eine Minute an, bis er sich schließlich wieder beruhigte und zu Shanaya sah. Sein Blick dabei hätte Steine erweichen können. Er ließ leicht die Schultern sinken, nur um mehr, wie ein kleiner in die Pfütze gefallener Welpe auszusehen. <i>„Ach komm schon, kleine Königin. Ich meine es ernst. Ich bin es nicht gewohnt allein zu schlafen.“</i> Er deutete auf die Haut unter seinen Augen. <i>„Siehst du diese dunklen Schatten? Die kommen von den Nächten allein auf eurem Boot…Schiff, mein ich natürlich. Ich brauch nur ein bisschen Wärme und Geborgenheit.“</i> Er blinzelte ein paar Mal unschuldig. </font><br />
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<font color=royalblue>Der Dunkelhaarige lachte auf und Shanaya musterte ihn nur mit ruhiger Miene. Er schien davon überzeugt zu sein, dass er sich zu ihr ins Bett legen dürfte. Als er sich wieder gefangen hatte und die Augen wieder auf die Schwarzhaarige richtete, hob diese nur leicht eine Augenbraue, betrachtete den Mann und seufzte schließlich laut und schwer. Nicht, weil sein Blick sie erweichte, viel mehr, weil sie diese Masche viel zu gut kannte. <i>„Oh, ich meine es auch ernst.“</i> Ein diebisches Schmunzeln schlich sich auf ihre Lippen. Aber er ließ es nicht, versuchte auch noch, sie damit zu überzeugen, dass er sonst ja ach so allein war. Nun hob sie wieder die Hand, machte eine dramatische Geste. <i>„Na gut... Hör zu... ich mache dir einen Vorschlag.“</i> Das Lächeln lag noch immer auf ihren Lippen. <i>„Du besorgst mir etwas zu trinken und du darfst unter meinem Bett schlafen. Ich kann dir sogar eine Aktzeichnung von mir geben, wenn du damit die Nacht besser überstehst. Aber das hier“ </I>Shanaya deutete mit einer ruhigen Bewegung ihrer Hand auf ihr Bett <i>„Gehört ganz allein mir.“</i> In ihrer Stimme schwang das süße Versprechen mit, dass jede Überschreitung dieser Grenze Konsequenzen mit sich ziehen würde. </font><br />
<br />
<font color=#a0522d>Er hätte nicht damit gerechnet, dass seine Belustigung so schnell umschlagen konnte. Natürlich fand er es amüsant und sogar wichtig, dass eine Frau, mit der er sich ein fröhliches Wortgefecht lieferte, nicht auf den Mund gefallen war. Er verlor sogar relativ schnell das Interesse, wenn sie zu allem, ws er aussprach, ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagten. Aber er mochte auch keine Haare auf den Zähnen. Dieses Mädchen, dass so völlig von sich überzeugt auf dem Bett dort vor ihm lag, hatte genau das. Oh, es war nicht so, dass er sie nicht immer noch berauschend belustigend fand, aber es ermüdete auch schneller. Nur weil er bei ihr im Bett schlafen wollte, dachte sie sofort daran, er wolle mit ihr schlafen? Das es Rym völlig ernst meinen könnte, dass er nur jemanden brauchte, an den er sich schmiegen konnte, das kam ihr wohl gar nicht in den Sinn. Nun, er wusste, dass er nicht so sehr nach einem Kuschelbären aussah, aber trotzdem verletzte es ihn doch fast. Immer diese Vorurteile! Er hielt ihr doch auch nicht vor, dass, nur weil sie eine Piratin war, für jeden die Beine breit machte. Das wäre doch unerhört. Der Gedanke brachte ihn wieder zum Grinsen und damit wandte er sich auch an das Mädchen im Bett. <i>„Kleine Königin, wenn ich hier in dem Raum bleibe, brauche ich keine Aktzeichnung von dir. Ich kann auch einfach neben dem Bett stehen während du schläfst und dich anstarren, wenn ich das wollte“</i>, meinte er einfach nur trocken. <i>„Nicht gerade das, was vornehme Männer tun sollten, aber ich zähle mich auch nicht dazu. Wenn es dich glücklich macht, kann ich auch noch weiter gehen, als nur neben deinem Bett zu stehen und zu starren. Ich kann mir auch einfach einen…“</i> Eine Bewegung vor der Tür ließ ihn verstummen und skeptisch sah er über seine Schulter dorthin. Er durfte nicht zu laut sein, denn eigentlich hatte er das Verbot bekommen, sich hier aufzuhalten.</font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya machte sich keinerlei Gedanken, was dem Mann durch den Kopf ging. Sie würde ihn nur garantiert nicht in ihr Bett lassen um mit ihr zu … ‚kuscheln‘. Da konnte er tun, was er wollte. Sein Grinsen ließ sie leicht eine Augenbraue heben, eine abwartende Miene aufsetzend. Kam nun irgendeine irrsinnige Idee, wie er sich doch zu ihr kuscheln konnte? Und mit jedem Wort, das er von sich gab, hob sich ihre Augenbraue ein wenig höher, aber ihr Grinsen wurde auch ein wenig breiter, amüsierter. <i>„Wenn dir danach ist, nur zu. Ich kann hervorragend schlafen, auch wenn mich jemand beobachtet.“</i> Die Worte, mit denen der Dunkelhaarige endete, ließen die junge Frau schließlich auflachen, leicht den Kopf schütteln. <i>„Damit würdest du zu den einzigen, richtigen Männern auf diesem Schiff gehören. Herzlichen Glückwunsch.“</i> Sie neigte den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung. <i>„Trotzdem wirst du nicht mehr bekommen, als am Fußende des Bettes zu schlafen..“</i></font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Jack Of All Trades, Master Of None]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=953</link>
			<pubDate>Tue, 08 Sep 2020 01:01:30 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=41">Rúnar Rúnarsson</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=953</guid>
			<description><![CDATA[<blockquote><div class="Rúnar">Als Kind und Jugendlicher war Rúnar manchmal genervt davon gewesen, dass er ständig mit auf die Jagd hatte gehen müssen. Manchmal vor dem Unterricht, als die Sonne noch nicht aufgegangen war und ihm irgendeiner der Walfänger eine Tasse Tee in die Hand gedrückt hatte, die ihm erstaunlicherweise nie vor lauter Müdigkeit aus den Händen gefallen war. Manchmal nach dem Unterricht, wenn Hekla und Hrafn spielen durften und Jón bei den Pferden sein durfte. Rúnars Vater war nicht immer dabei gewesen -- an manchen Tagen hatte Rúnar vom Deck aus sehnsüchtig durch den Schneeschleier auf das gelb leuchtende Viereck gestarrt, welches bedeutet hatte, dass sein Vater neben dem Kamin an seinem Schreibtisch saß.<br />
<br />
Aber jetzt ... war er so sehr daran gewöhnt immer etwas zu tun. Er fühlte sich faul und nutzlos, nachdem er ein paar Tage lang fast nur rumgesessen und -gelegen war. Natürlich war ihm nichts anderes übrig geblieben mit seinen verletzten Händen und der langen Naht auf seinem Unterarm, die mit jeder Bewegung juckte und ziepte. <br />
<br />
Ablenkung. <br />
<br />
Und Geld. <br />
<br />
Er wollte (und brauchte) beides. Von dem Geld würde er eine schöne Füllfeder kaufen und endlich ein ordentliches Essen. Er würde sich in seiner sauberen Kleidung in ein Public House setzen wo Herren mit Seidenhalstüchern und Damen mit Handschuhen an den Tischen saßen und er würde ein Glas Wheel of Fortune trinken und Rinderfilet mit saftigem Gemüse essen. Und nebenbei würde er mit seiner neuen Füllfeder einen Brief an Ásta schreiben.<br />
<br />
Manchmal hatte er diese Anwandlungen. Aber dann realisierte er, dass es ihm so schlimm eigentlich gar nicht ging und er auf Public Houses und Rinderfilets verzichten konnte. Wenn er einmal verglich, wie verzweifelt er am Anfang gewesen war und wie schnell er sich mit seiner Situation arrangiert hatte. Und er realisierte auch, dass er wichtigere Dinge zu tun hatte -- Dinge, die <i>ihm</i> wichtiger waren als eine Füllfeder und ein aufwändiges Gericht. Sein Vater war irgendwo da draußen. Bei Svavar.<br />
<br />
Aber jetzt musste er erstmal dafür sorgen, dass er wieder Heim kam. Wofür er Geld brauchen würde. Wofür er arbeiten musste. Gestern war er an einem kleinen Markt vorbeigegangen an dem mehr als genug Fischer ihre Waren angeboten hatten. Wenn er dort für den Tag wenigstens aushelfen konnte. Jetzt konnte er sich Arbeit gegen Geld immerhin leisten. Bislang war es meistens Arbeit gegen Unterkunft und Verpflegung gewesen. (Er machte sich trotzdem nicht vor, dass er die Crew schon in den nächsten paar Tagen weiterziehen lassen konnte. Er musste in kleineren Schritten denken. Und hoffen, dass sie sich nicht noch weiter von Andalónia entfernten, oder zumindest ziemlich bald in die Richtung zurückkehrten.) <br />
<br />
Und ein paar Wäscherinnen über den Weg zu laufen konnte auch nicht schaden. Oder einer Seife. Wenigstens das.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><div class="Rúnar">Als Kind und Jugendlicher war Rúnar manchmal genervt davon gewesen, dass er ständig mit auf die Jagd hatte gehen müssen. Manchmal vor dem Unterricht, als die Sonne noch nicht aufgegangen war und ihm irgendeiner der Walfänger eine Tasse Tee in die Hand gedrückt hatte, die ihm erstaunlicherweise nie vor lauter Müdigkeit aus den Händen gefallen war. Manchmal nach dem Unterricht, wenn Hekla und Hrafn spielen durften und Jón bei den Pferden sein durfte. Rúnars Vater war nicht immer dabei gewesen -- an manchen Tagen hatte Rúnar vom Deck aus sehnsüchtig durch den Schneeschleier auf das gelb leuchtende Viereck gestarrt, welches bedeutet hatte, dass sein Vater neben dem Kamin an seinem Schreibtisch saß.<br />
<br />
Aber jetzt ... war er so sehr daran gewöhnt immer etwas zu tun. Er fühlte sich faul und nutzlos, nachdem er ein paar Tage lang fast nur rumgesessen und -gelegen war. Natürlich war ihm nichts anderes übrig geblieben mit seinen verletzten Händen und der langen Naht auf seinem Unterarm, die mit jeder Bewegung juckte und ziepte. <br />
<br />
Ablenkung. <br />
<br />
Und Geld. <br />
<br />
Er wollte (und brauchte) beides. Von dem Geld würde er eine schöne Füllfeder kaufen und endlich ein ordentliches Essen. Er würde sich in seiner sauberen Kleidung in ein Public House setzen wo Herren mit Seidenhalstüchern und Damen mit Handschuhen an den Tischen saßen und er würde ein Glas Wheel of Fortune trinken und Rinderfilet mit saftigem Gemüse essen. Und nebenbei würde er mit seiner neuen Füllfeder einen Brief an Ásta schreiben.<br />
<br />
Manchmal hatte er diese Anwandlungen. Aber dann realisierte er, dass es ihm so schlimm eigentlich gar nicht ging und er auf Public Houses und Rinderfilets verzichten konnte. Wenn er einmal verglich, wie verzweifelt er am Anfang gewesen war und wie schnell er sich mit seiner Situation arrangiert hatte. Und er realisierte auch, dass er wichtigere Dinge zu tun hatte -- Dinge, die <i>ihm</i> wichtiger waren als eine Füllfeder und ein aufwändiges Gericht. Sein Vater war irgendwo da draußen. Bei Svavar.<br />
<br />
Aber jetzt musste er erstmal dafür sorgen, dass er wieder Heim kam. Wofür er Geld brauchen würde. Wofür er arbeiten musste. Gestern war er an einem kleinen Markt vorbeigegangen an dem mehr als genug Fischer ihre Waren angeboten hatten. Wenn er dort für den Tag wenigstens aushelfen konnte. Jetzt konnte er sich Arbeit gegen Geld immerhin leisten. Bislang war es meistens Arbeit gegen Unterkunft und Verpflegung gewesen. (Er machte sich trotzdem nicht vor, dass er die Crew schon in den nächsten paar Tagen weiterziehen lassen konnte. Er musste in kleineren Schritten denken. Und hoffen, dass sie sich nicht noch weiter von Andalónia entfernten, oder zumindest ziemlich bald in die Richtung zurückkehrten.) <br />
<br />
Und ein paar Wäscherinnen über den Weg zu laufen konnte auch nicht schaden. Oder einer Seife. Wenigstens das.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Hello cold sweat and those shivers down my spine]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=947</link>
			<pubDate>Wed, 19 Aug 2020 11:58:23 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=9">Liam Casey</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=947</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Hello cold sweat and those shivers down my spine</div>
<font size=1>You are for real, you are no creatures of the mind<br />
Hello anger, well I still can see your face<br />
The stone cold look in your eyes, in the mirror staring back me<br />
Hello frustration, well, there are you again<br />
'cause you bite, you hurt, teeth like a shark, glows in the dark.<br />
<br />
Nacht des 21. Mai 1822<br />
Alex Mason, Liam Casey, Lucien Dravean, Nathan Reed, Skadi Nordskov</font></center><br />
<br />
<blockquote><div class="Liam">Ein tiefer Atemzug hob seine Brust, als er die Augen schloss und abermals die Überwindung suchte, sich von der Mauer hinter ihm zu lösen. Nicht sein erster Versuch in der letzten Viertelstunde, doch er blieb ebenso erfolglos wie die zuvor. Vielleicht war auch schon eine halbe Stunde vergangen, seit Liam die Gestalten beobachtete, die mal mehr, mal weniger unscheinbar in der gepflasterten Straße verschwanden, die er seit seiner Ankunft hier im Auge behielt. Dort irgendwo musste die Scheune liegen, zu der man ihn bestellt hatte, irgendwo unweit des Schwarzmarktes, den er gemeinsam mit Enrique besucht hatte, um Gregorys Vorräte zu füllen. Weder Flint noch einer seiner beiden Schoßhündchen war bislang hier aufgetaucht. Genauso wenig Nathan, der vermutlich mehr auf Liams Erscheinen angewiesen war als andersherum. <br />
<br />
Und trotzdem verfluchte sich der Lockenkopf dafür, dass er zu seinem Wort stand. Vielleicht spielte auch seine Abneigung diesem Flint gegenüber und seinem Umgang mit Menschen eine beachtliche Rolle. Wie dem auch war – jetzt war er hier und auch, wenn er bislang nicht den Mut gefunden hatte, sich dem, was ihm bevorstand, direkt zu stellen, wusste er, dass er nicht einfach wieder verschwinden würde. Obwohl ihm bewusst war, dass sie sich nur geringe Chancen gegen diesen Affen ausmalen konnten. Nathan hatte nicht wirklich den Eindruck eines Kämpfers erweckt – noch weniger, als Liam selbst vermutlich, der aber wenigstens optimistisch genug war, sich wenigstens eine geringe Erfolgsmöglichkeit auszumalen. War die Frage, wie sehr sein heutiger Leidensgenosse einstecken und beschäftigen konnte, während Liam versuchen würde, Flint irgendwie zu überwältigen. Sein letzter Besuch bei solchen Ringkämpfen war eine gefühlte Ewigkeit her. Und gerade wünschte er sich, er hätte besser aufgepasst, um sich nun den ein oder anderen Trick der wendigeren Kämpfer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wenn sie gegen einen Schrank hatten antreten müssen. Das hier würde allerdings eher laufen wie sein erster Schwimmversuch damals – ein Sprung ins kalte Wasser. Das <i>Wie</i> kam schon von ganz allein. Hoffentlich.<br />
<br />
Seine Hände ballten sich in seinen Hosentaschen zu Fäusten, kaum dass er die Visage des Tuchhändlers unter den Passanten ausmachte. Affe A und Affe B liefen knapp hinter ihnen, Nathan dazwischen. Die freudige Erwartung auf den Zügen Flints ließen den Blondschopf dahinter um einiges blasser wirken als er ohnehin schon war. Der Knoten in seinen eigenen Eingeweiden zog sich fester zusammen. Das flaue Gefühl in seinem Magen hatte ausnahmsweise nichts mit dem Wein zu tun, mit dem er sich den Nachmittag über von seinem abendlichen Rendezvous abgelenkt hatte. Mit einem Seufzen stieß er sich letztlich von der Mauer ab. Flints hässlichem Grinsen war bereits anzusehen, dass er ihn entdeckt hatte.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Hello cold sweat and those shivers down my spine</div>
<font size=1>You are for real, you are no creatures of the mind<br />
Hello anger, well I still can see your face<br />
The stone cold look in your eyes, in the mirror staring back me<br />
Hello frustration, well, there are you again<br />
'cause you bite, you hurt, teeth like a shark, glows in the dark.<br />
<br />
Nacht des 21. Mai 1822<br />
Alex Mason, Liam Casey, Lucien Dravean, Nathan Reed, Skadi Nordskov</font></center><br />
<br />
<blockquote><div class="Liam">Ein tiefer Atemzug hob seine Brust, als er die Augen schloss und abermals die Überwindung suchte, sich von der Mauer hinter ihm zu lösen. Nicht sein erster Versuch in der letzten Viertelstunde, doch er blieb ebenso erfolglos wie die zuvor. Vielleicht war auch schon eine halbe Stunde vergangen, seit Liam die Gestalten beobachtete, die mal mehr, mal weniger unscheinbar in der gepflasterten Straße verschwanden, die er seit seiner Ankunft hier im Auge behielt. Dort irgendwo musste die Scheune liegen, zu der man ihn bestellt hatte, irgendwo unweit des Schwarzmarktes, den er gemeinsam mit Enrique besucht hatte, um Gregorys Vorräte zu füllen. Weder Flint noch einer seiner beiden Schoßhündchen war bislang hier aufgetaucht. Genauso wenig Nathan, der vermutlich mehr auf Liams Erscheinen angewiesen war als andersherum. <br />
<br />
Und trotzdem verfluchte sich der Lockenkopf dafür, dass er zu seinem Wort stand. Vielleicht spielte auch seine Abneigung diesem Flint gegenüber und seinem Umgang mit Menschen eine beachtliche Rolle. Wie dem auch war – jetzt war er hier und auch, wenn er bislang nicht den Mut gefunden hatte, sich dem, was ihm bevorstand, direkt zu stellen, wusste er, dass er nicht einfach wieder verschwinden würde. Obwohl ihm bewusst war, dass sie sich nur geringe Chancen gegen diesen Affen ausmalen konnten. Nathan hatte nicht wirklich den Eindruck eines Kämpfers erweckt – noch weniger, als Liam selbst vermutlich, der aber wenigstens optimistisch genug war, sich wenigstens eine geringe Erfolgsmöglichkeit auszumalen. War die Frage, wie sehr sein heutiger Leidensgenosse einstecken und beschäftigen konnte, während Liam versuchen würde, Flint irgendwie zu überwältigen. Sein letzter Besuch bei solchen Ringkämpfen war eine gefühlte Ewigkeit her. Und gerade wünschte er sich, er hätte besser aufgepasst, um sich nun den ein oder anderen Trick der wendigeren Kämpfer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wenn sie gegen einen Schrank hatten antreten müssen. Das hier würde allerdings eher laufen wie sein erster Schwimmversuch damals – ein Sprung ins kalte Wasser. Das <i>Wie</i> kam schon von ganz allein. Hoffentlich.<br />
<br />
Seine Hände ballten sich in seinen Hosentaschen zu Fäusten, kaum dass er die Visage des Tuchhändlers unter den Passanten ausmachte. Affe A und Affe B liefen knapp hinter ihnen, Nathan dazwischen. Die freudige Erwartung auf den Zügen Flints ließen den Blondschopf dahinter um einiges blasser wirken als er ohnehin schon war. Der Knoten in seinen eigenen Eingeweiden zog sich fester zusammen. Das flaue Gefühl in seinem Magen hatte ausnahmsweise nichts mit dem Wein zu tun, mit dem er sich den Nachmittag über von seinem abendlichen Rendezvous abgelenkt hatte. Mit einem Seufzen stieß er sich letztlich von der Mauer ab. Flints hässlichem Grinsen war bereits anzusehen, dass er ihn entdeckt hatte.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[I wish I was brave enough]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=946</link>
			<pubDate>Tue, 18 Aug 2020 22:41:30 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=2">Lucien Dravean</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=946</guid>
			<description><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">I wish I was brave enough</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">Kurz vor Ankunft in Silvestre in der Kapitänskajüte der Sphinx</font><br><br><br>Talin<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">16. Mai 1822 | in der Nacht zum 17. Mai | Kapitänskajüte</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color="#66CDAA">Laue Abendluft umspielte Talins Haar, als sie nachdenklich auf das Meer hinaussah. Ihre Finger spielten am Verschluss der Flasche in ihren Händen herum, bevor sie diese schließlich fester fasste. Mit einem leisen Seufzer stieß sie sich von der Reling ab, wobei ihr verletzter Arm für einen Moment schmerzte. Sie ignorierte es. Dann ging sie hinunter in die Kajüte. Es war einer der wenigen Tage, an denen sie zusammen mit Lucien frei hatte. Wieso also nicht die Zeit einfach gemeinsam verbringen?<br />
Als sie die Tür öffnete, sah sie ihn so, wie erwartet. Obwohl nach ihrem damaligen Gespräch sich die Stimmung gebessert hatte, schien irgendetwas ihn wieder zu schaffen zu machen. Er trank und das nicht zu knapp. Also wurde es Zeit, eine kleine nervige Schwester zu sein. <br />
<br />
„<i>Ich bringe Nachschub, Brüderchen.</i>“ Sie schwenkte die Rumflasche in ihrer Hand. „<i>Was dagegen, wenn wir sie uns teilen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien ließ den Hinterkopf gegen die Schiffswand sinken, an der das blaue Sofa stand und schloss die Augen, genoss das sanfte Schwanken unter seinen Beinen, das sich nahtlos mit dem in seinem Kopf fortsetzte. Noch hielt sich seine Rastlosigkeit bei dem Gedanken an das nahende Land in Grenzen, doch er wusste, das sie kommen würde. Ein, zwei Tage nur, dann würde er wie der Gejagte, der er war, am Heck des Schiffes stehen und darauf warten, diese verfluchten Segel am Horizont zu sehen. Und er glaubte langsam, bei dem Gedanken daran durchzudrehen. Er hasste dieses Gefühl von Hilflosigkeit. Nichts tun zu können, außer zu warten. <br />
Er setzte die Flasche an die Lippen, die bereits annähernd leer war – ausnahmsweise nur deshalb, weil er schon gestern Abend damit begonnen und auf der Hälfte eingeschlafen war – und ließ einen großzügigen Schluck seine Kehle hinab rinnen. Längst war sein Magen so taub, dass er die Schwere des Portweins nicht mehr spürte. Er hätte wahrscheinlich auch Wasser trinken können. Wurde Zeit für etwas Stärkeres.<br />
Als hätte sie seine Gedanken gehört, öffnete sich in diesem Moment die Tür zur Kajüte. Talin. <br />
Fast sofort verkrampfte sich etwas in seiner Brust, erinnerte ihn daran, wie verzweifelt er vor Sorge um sie vor nur wenigen Tagen noch gewesen war. Er setzte die Flasche ab, runzelte fragend die Stirn und richtete den Blick auf das, was sie in der Hand hatte. <br />
Ihre Worte weckten sein Misstrauen. Und das mit gutem Grund.<br />
<br />
„<i>Du willst <b>was</b>?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Ihr Blick huschte kurz über Lucien, um sich zu vergewissern, dass es ihm – bis auf den hohen Alkoholgehalt – gut ging. Die Besorgnis löste sich ein wenig in ihr, blieb aber nach wie vor vorhanden. Sie würde sich immer sorgen. Nach den Geschehnissen auf dieser verfluchten Insel war ihr das nur um so deutlicher bewusst geworden. Innerlich schüttelte sie den Kopf und verdrängte die Bilder von dieser Nacht. Die Wunden von damals heilten, dass war vorerst alles, was wichtig war. Luciens Frage riss sie schließlich wieder zurück und sie zog überrascht beide Augenbrauen in die Höhe, während sie zeitgleich schmunzeln musste. <br />
<br />
„<i>Ist das denn jetzt so überraschend? Weil ich etwas mit dir trinken will?</i>“ <br />
Sie schwenkte noch einmal die Flasche, bevor sie sich neben ihn auf das Sofa setzte. Ein Bein angewinkelt und ihm zugewandt, entkorkte sie die Flasche und hielt sie zwischen sie beide. <br />
<br />
„<i>Ich weiß, du verträgst wesentlich mehr als ich, aber ich habe auch einen Hintergedanken bei meinem Angebot – du kannst also auch ablehnen.</i>“ Vielleicht. „<i>Ich möchte das wir uns unterhalten. Wir stellen einander Fragen, über die drei Jahre, die uns verändert haben. Wer nicht antworten will, muss trinken. Das kann einem ganz schön in den Kopf schießen. Bist du dabei?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Weder ihre in die Höhe gezogenen Augenbrauen noch das Schmunzeln schafften es, sein Misstrauen auch nur ansatzweise zu mildern. Noch viel weniger aber schafften das ihre Worte. Er gab ein leises Schnauben von sich, begegnete ihrem Blick mit einer Mischung aus Schalk und Spott, bevor er die Flasche in seiner Hand noch einmal an die Lippen setzte und in einem Zug leerte. Dann stellte er sie neben seinem Fuß auf den Boden.<br />
<br />
„<i>Das ist überraschend, weil du den Alkohol die letzten Male aus dem Fenster geworfen hast.</i>“<br />
<br />
Was so nicht ganz stimmte, zugegeben. Es war nur ein Mal gewesen. Aber sie verstand schon, was er meinte. <br />
Das Misstrauen blieb also, wenn sich auch eine Spur Neugier in seinen Blick mischte. Er setzte sich bequemer hin, sah seiner kleinen Schwester entgegen, während sie zu ihm kam und es sich bei ihm gemütlich machte. <br />
Nur einen Herzschlag später wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte. Neugier, Schalk und Spott verschwanden von seinen Zügen, machten einem Hauch Ärger Platz. Sein Blick lag unverwandt auf seiner Schwester, etwas unstet zwar, aber nach wie vor klar. <br />
<br />
„<i>Du willst also ein Trinkspiel mit mir spielen, um mit mir über Dinge zu reden, über die ich nicht reden will? Verstehe ich das richtig?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Es war überraschend. Wenn sie all ihre eigenen Wehwehchen zur Seite stellte, konnte sie recht schnell wieder in Lucien lesen, so wie es ihr früher möglich gewesen war. Es zuckte kurz in ihren Mundwinkeln, bevor sie das Lächeln zurückhielt, während sie die Flasche sinken ließ. Sie folgte der Bewegung mit ihren Augen und dachte über seine Worte nach. Sie wusste, dass das Vertrauen zwischen ihnen schwer geschädigt war. Ein Band, dass nur noch durch ein paar Fäden zusammen gehalten wurde. Sie wollte dieses starke, reißfeste Band von damals zurück. Das, welches von niemandem zerstört werden konnte, weil sie sich nur auf einander verlassen konnten. Schließlich lächelte Talin doch, als sie wieder zu ihm aufsah, nur um dann einen Schluck aus der Flasche zunehmen. <br />
<br />
„<i>Ich bin überrascht. Du verschwendest deine erste Frage gleich auf so etwas offensichtliches. Ich habe nur getrunken, weil es glaub ich keiner Antwort bedarf. Und weil ich den guten Rum nicht gleich wieder über Bord werfen will.</i>“ Sie sah ihn vielsagend an. „<i>Dann stelle ich dir jetzt eine Frage. Was trinkst du lieber: Portwein oder Rum?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Schon in dem Moment, in dem sie antwortete, wurde sein Ärger beinahe greifbar. Seine Augen verengten sich unwillkürlich. Sie spielte irgendwelche Spielchen mit ihm, hielt ihn zum Narren und das konnte er beim besten Willen auch alleine sehr gut. Doch der wirkliche Grund, weshalb er wütend wurde, war ein anderer. Nämlich die plötzliche Furcht, die ihre Finger nach ihm ausstreckte und das Bedürfnis, sich davor zu schützen. Ganz instinktiv. Weil Talin ihn zu etwas drängte, das er nicht wollte. Weil er sich davor fürchtete, was passieren konnte, wenn der Alkohol seine Zunge löste. <br />
Warum bei allen Welten blieb er dann aber sitzen und starrte seine kleine Schwester an, statt aufzustehen und zu gehen?<br />
<br />
„<i>Ich habe nicht gesagt, dass ich dieses Spiel mitspiele.</i>“, warnte er sie, ohne auf die Frage einzugehen – oder den Alkohol.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Kleinen Schwestern schien das Talent, die großen Brüder aufzubringen, in die Wiege gelegt worden sein. Wie Hitze aus einem Ofen traf seine Wut sie im Gesicht. Wahrscheinlich wollte er sie gerade am liebsten erwürgen, aber er blieb sitzen. Er stürmte nicht einfach so davon. War er also wirklich so abgeneigt? Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hob sie die Flasche wieder an und trank einen Schluck. <br />
<br />
„<i>Dann trink ich eben für dich.</i>“ Sie seufzte gespielt dramatisch, hielt die Leichtigkeit einfach aufrecht. Selbst wenn er nicht mit ihr dieses verrückte Spiel spielen wollte, dann sollte er vielleicht einfach explodieren? Fraglich, wie das dann enden würde. <br />
<br />
„<i>Wieso solltest du nicht mitspielen wollen? Wovor hast du angst? Das ich dich Dinge frage, über die du nicht reden möchtest? Oder das du Dinge hörst, die du lieber nicht wissen willst? Oder hast du Angst vor dem Alkohol?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Er konnte keinen einzigen, klaren Gedanken fassen. Alkohol und Frust ließen sie glitschig werden wie frisch gefangene Fische. Talin nahm es so leicht, ließ das ganze hier wirken, als wäre es wirklich nur ein Spiel. Nur Spaß, über den sie am Ende gemeinsam lachten. Das war es für ihn nur nicht. Sein Herz schlug längst schneller, als es sollte, trieb das Verlangen, wegzulaufen, durch seine Adern. Längst schaltete sein Verstand auf Flucht. Sein Ärger war an dieser Stelle nur das Mittel der Wahl. Wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. <br />
<br />
„<i>Vor dem Alkohol sicher nicht.</i>“, erwiderte er. Nur um ihr dann auszuweichen und den Blick in dem Wunsch, etwas Ablenkendes zu finden, durch den Raum schweifen zu lassen. Im Grunde hatte er ihr damit – unfreiwillig – tatsächlich geantwortet. Denn vor beidem fürchtete er sich. Und nichts anderes hatte in seinem Inneren gerade Platz, als die Angst vor Antworten. Seinen wie ihren.<br />
<br />
„<i>Warum sollte ich mitmachen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Er schlug um sich, wollte weglaufen. Sie sah es in seinen Augen, in der Anspannung seines Körpers. Und fast hätte sie es ihm erlaubt. Es tat ihr weh ihn so zu sehen. Aber er antwortete ihr. Sehr scharf, fast schneidend, aber er antwortete auf ihre Frage. Die innere Anspannung ließ ein wenig nach. Vielleicht war es keine Absicht gewesen, aber da war ein kleiner Riss in seiner wütenden Abwehrhaltung. Als er sie schließlich fragte, warum er mitspielen sollte, legte sie sanft eine Hand auf seine, bevor sie antwortete.<br />
<br />
„<i>Weil du dem Alkohol nichts sagen kannst. Er hört deinen inneren Dämonen vielleicht zu, aber du sprichst die Worte nie aus, die dich belasten.</i>“ Sie zuckte sacht mit den Schultern, sah ihm dann wieder in die Augen. „<i>Ich zwinge dich nicht, mir auf jede Frage zu antworten. Du kannst trinken, wenn du das willst. Aber ich will das du weißt, dass ich dir zuhöre, wenn du reden willst. Ist das nicht ein Grund mitzumachen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Seine erste Reaktion war ein leises, spöttisches „ts“. Doch er stand noch immer nicht auf und ging, sondern blieb und versuchte, seine Gedanken und Emotionen in dem unsteten Alkoholnebel zu sortieren. Sie sprangen wie wild von einem Punkt zum nächsten, seine Wut verebbte so schnell, wie sie gekommen war und hinterließ nichts als resignierten Frust. Zustimmen konnte er Talin nicht. Gerade die Tatsache, nicht zu reden, war schließlich das, was ihn zum Alkohol trieb. Aber widersprechen konnte er ebenso wenig.<br />
Wenn er nicht antworten wollte, konnte er immer noch trinken. Bis er vielleicht so verflucht besoffen war, dass er sich an gar nichts mehr erinnerte. Vielleicht gar keine so schlechte Idee. <br />
<br />
„<i>Ich weiß, dass du zuhören würdest. Das musst du mir nicht beweisen.</i>“<br />
<br />
Die tiefgrünen Augen kehrten zu seiner Schwester zurück, als sie sacht die Hand über seine legte. Musterten sie einen langen, trotzigen Augenblick lang ernst. Das Misstrauen blieb und es wog schwer. Allein, weil sie es war, der er misstraute. Etwas, das es zwischen ihnen nie zuvor gegeben hatte. Vielleicht war es auch das, was sie hierzu veranlasste. Dass alles so anders war. <br />
Lucien stieß leise die Luft aus, schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf.<br />
<br />
„<i>Kommt drauf an.</i>“, meinte er schließlich und scheinbar ganz aus dem Zusammenhang gerissen. „<i>Manchmal ist Portwein nicht stark genug und manchmal ist Rum hinterher nicht schmerzhaft genug.</i>“ Er begegnete erneut ihrem Blick. „<i>Was ist, wenn mir keine Frage einfällt?</i>“ Das 'die ich auch stellen will' verschluckte er kurzerhand.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Es herrschte ein angespannte Stille, die schwanger war von Misstrauen. Das Gefühl schnitt wie kleine Messer in ihre Haut, aber sie schwieg, ließ Lucien über ihre Worte nachdenken und sich entscheiden, wie er mit ihrem Angebot umgehen wollte. Das seine Blicke sie verletzten, ignorierte sie und sperrte es tief in ihrem Inneren ein. Immerhin war sie selbst schuld. Sie und ihr Egoismus. Ihr Blick glitt zu der Flasche in ihrer Hand und sie ließ nachdenklich den Finger über die Öffnung gleiten, als Lucien völlig unzusammenhängend auf ihre Frage antworte. Eine Frage, die sie ihm vorhin gestellt hatte, nicht gerade erst jetzt. Sie sah etwas überrumpelt wieder zu ihm auf und lächelte schließlich sacht. Sie nickte bei seiner Antwort, verstand zum Teil, warum er den jeweiligen Alkohol wählte. <br />
<br />
„<i>Eine Mischung wäre schon praktisch. Auch wenn ich glaube, dass es sowohl beim Trinken, als auch am nächsten Morgen schmerzhaft wäre.</i>“ Sie neigte leicht den Kopf, bevor sie die Flasche schließlich zwischen sie beide stellte. Damit konnte jeder danach greifen, wenn er nicht antworten wollte. <br />
<br />
"<i>Wenn dir keine Frage einfällt, dann...</i>", sie grinste leicht, "<i>dann fragst du etwas, was dich so interessiert. Ich hab dich nach deinem Alkohol gefragt, weil ich nicht weiß, was du lieber magst. Genau so könnte ich dich fragen, welche Farbe du jetzt magst, was du jetzt am liebsten tun würdest...Dinge die sich in drei Jahren ändern können, das kann man fragen. Das ist doch leicht, oder nicht?</i>"</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien erwiderte auf ihre Zusammenfassung seiner Alkoholvorlieben nichts, beobachtete sie nur mit dem gleichen, ernsthaften Ausdruck in den Augen wie zuvor. Sie stellte die Flasche zwischen ihnen beiden auf das Polster des Sofas und begegnete erneut seinem Blick. <br />
Doch auch ihr Lächeln erwiderte er nicht, stieß nur leise die Luft aus und senkte den Blick auf die Öffnung der Flasche vor sich – als überlege er, danach zu greifen und sich ihren gesamten Inhalt hinter die Binde zu kippen. Der Gedanke war tatsächlich verlockend.<br />
<br />
„<i>Dafür bin ich eindeutig noch nicht betrunken genug</i>“, stellte er leise fest, hob die Hand und rieb sich über die Augen. Etwas, das ihn einfach so interessierte? Das war leichter gesagt, als getan. Jede Frage an sie führte unweigerlich zu dieser einen Wahrheit, die er nicht sehen wollte. Sie war nicht mehr das Mädchen von damals. Und damit konnte er immer noch nicht umgehen – hauptsächlich deshalb wahrscheinlich, weil er es leugnete. Ihm fiel schlicht und ergreifend keine Frage ein, die belanglos genug war, um die Antwort ertragen zu können.<br />
<br />
„<i>Also schön</i>“, meinte er, hob den Blick und klang dabei fast etwas trotzig. „<i>Welche Farbe magst du jetzt am liebsten?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Er zögerte immer noch? War er denn gar nicht neugierig? Wollte er nichts über sie wissen? Es kränkte sie schon ein wenig, dass er nicht mitmachen wollte. Aber andererseits...im Gegensatz zu ihm hatte sie den ganzen Tag Zeit, um sich darauf einzustellen Antworten zu hören, die sie nicht hören wollte und Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht beantworten wollte. Also musste sie sein Zögern eigentlich verstehen und nachvollziehen. Die Frage die er ihr aber schließlich stellte, ließ sie ihm einen Blick zuwerfen, der besagte: 'Ist das dein Ernst?' Er konnte auch einfach sagen, wenn er keine Lust darauf hatte. Statt ihm aber das vorzuschlagen, verdrehte sie die Augen und sah ihn dann wieder an. <br />
<br />
„<i>Immer noch Grün, daran hat sich nichts geändert. Vermisst du unsere Kindheit?</i>“ Sie schoss die Frage direkt ihrer Antwort hinterher.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Ihr Augenverdrehen hätte ihm vielleicht ein Schmunzeln entlocken können. Doch in diesem Moment empfand er dabei nur spöttische Genugtuung. Sie durfte ruhig wissen, wie viel er von dieser Situation hielt und dass er ebenso in der Lage war, Spielchen zu spielen, wie sie. <br />
Doch ihre Antwort vertrieb dieses trotzige Gefühl schließlich restlos und mit einer Geste milden Spotts, wie sie wohl nur große Brüder beherrschten, hob er eine Augenbraue. <br />
Grün. Natürlich. Immer grün.<br />
Der Hauch eines Lächelns stahl sich auf seine Lippen und er verbarg ihn rasch, indem er den Blick senkte und nur ein einziges Mal nickte.<br />
<br />
„<i>Meistens. Nicht alles davon. Aber das meiste – und oft.</i>“ Er sah wieder zu Talin auf. „<i>Und du?</i>“</font></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">I wish I was brave enough</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">Kurz vor Ankunft in Silvestre in der Kapitänskajüte der Sphinx</font><br><br><br>Talin<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">16. Mai 1822 | in der Nacht zum 17. Mai | Kapitänskajüte</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color="#66CDAA">Laue Abendluft umspielte Talins Haar, als sie nachdenklich auf das Meer hinaussah. Ihre Finger spielten am Verschluss der Flasche in ihren Händen herum, bevor sie diese schließlich fester fasste. Mit einem leisen Seufzer stieß sie sich von der Reling ab, wobei ihr verletzter Arm für einen Moment schmerzte. Sie ignorierte es. Dann ging sie hinunter in die Kajüte. Es war einer der wenigen Tage, an denen sie zusammen mit Lucien frei hatte. Wieso also nicht die Zeit einfach gemeinsam verbringen?<br />
Als sie die Tür öffnete, sah sie ihn so, wie erwartet. Obwohl nach ihrem damaligen Gespräch sich die Stimmung gebessert hatte, schien irgendetwas ihn wieder zu schaffen zu machen. Er trank und das nicht zu knapp. Also wurde es Zeit, eine kleine nervige Schwester zu sein. <br />
<br />
„<i>Ich bringe Nachschub, Brüderchen.</i>“ Sie schwenkte die Rumflasche in ihrer Hand. „<i>Was dagegen, wenn wir sie uns teilen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien ließ den Hinterkopf gegen die Schiffswand sinken, an der das blaue Sofa stand und schloss die Augen, genoss das sanfte Schwanken unter seinen Beinen, das sich nahtlos mit dem in seinem Kopf fortsetzte. Noch hielt sich seine Rastlosigkeit bei dem Gedanken an das nahende Land in Grenzen, doch er wusste, das sie kommen würde. Ein, zwei Tage nur, dann würde er wie der Gejagte, der er war, am Heck des Schiffes stehen und darauf warten, diese verfluchten Segel am Horizont zu sehen. Und er glaubte langsam, bei dem Gedanken daran durchzudrehen. Er hasste dieses Gefühl von Hilflosigkeit. Nichts tun zu können, außer zu warten. <br />
Er setzte die Flasche an die Lippen, die bereits annähernd leer war – ausnahmsweise nur deshalb, weil er schon gestern Abend damit begonnen und auf der Hälfte eingeschlafen war – und ließ einen großzügigen Schluck seine Kehle hinab rinnen. Längst war sein Magen so taub, dass er die Schwere des Portweins nicht mehr spürte. Er hätte wahrscheinlich auch Wasser trinken können. Wurde Zeit für etwas Stärkeres.<br />
Als hätte sie seine Gedanken gehört, öffnete sich in diesem Moment die Tür zur Kajüte. Talin. <br />
Fast sofort verkrampfte sich etwas in seiner Brust, erinnerte ihn daran, wie verzweifelt er vor Sorge um sie vor nur wenigen Tagen noch gewesen war. Er setzte die Flasche ab, runzelte fragend die Stirn und richtete den Blick auf das, was sie in der Hand hatte. <br />
Ihre Worte weckten sein Misstrauen. Und das mit gutem Grund.<br />
<br />
„<i>Du willst <b>was</b>?</i>“</font><br />
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<font color="#66CDAA">Ihr Blick huschte kurz über Lucien, um sich zu vergewissern, dass es ihm – bis auf den hohen Alkoholgehalt – gut ging. Die Besorgnis löste sich ein wenig in ihr, blieb aber nach wie vor vorhanden. Sie würde sich immer sorgen. Nach den Geschehnissen auf dieser verfluchten Insel war ihr das nur um so deutlicher bewusst geworden. Innerlich schüttelte sie den Kopf und verdrängte die Bilder von dieser Nacht. Die Wunden von damals heilten, dass war vorerst alles, was wichtig war. Luciens Frage riss sie schließlich wieder zurück und sie zog überrascht beide Augenbrauen in die Höhe, während sie zeitgleich schmunzeln musste. <br />
<br />
„<i>Ist das denn jetzt so überraschend? Weil ich etwas mit dir trinken will?</i>“ <br />
Sie schwenkte noch einmal die Flasche, bevor sie sich neben ihn auf das Sofa setzte. Ein Bein angewinkelt und ihm zugewandt, entkorkte sie die Flasche und hielt sie zwischen sie beide. <br />
<br />
„<i>Ich weiß, du verträgst wesentlich mehr als ich, aber ich habe auch einen Hintergedanken bei meinem Angebot – du kannst also auch ablehnen.</i>“ Vielleicht. „<i>Ich möchte das wir uns unterhalten. Wir stellen einander Fragen, über die drei Jahre, die uns verändert haben. Wer nicht antworten will, muss trinken. Das kann einem ganz schön in den Kopf schießen. Bist du dabei?</i>“</font><br />
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<font color="#458B74">Weder ihre in die Höhe gezogenen Augenbrauen noch das Schmunzeln schafften es, sein Misstrauen auch nur ansatzweise zu mildern. Noch viel weniger aber schafften das ihre Worte. Er gab ein leises Schnauben von sich, begegnete ihrem Blick mit einer Mischung aus Schalk und Spott, bevor er die Flasche in seiner Hand noch einmal an die Lippen setzte und in einem Zug leerte. Dann stellte er sie neben seinem Fuß auf den Boden.<br />
<br />
„<i>Das ist überraschend, weil du den Alkohol die letzten Male aus dem Fenster geworfen hast.</i>“<br />
<br />
Was so nicht ganz stimmte, zugegeben. Es war nur ein Mal gewesen. Aber sie verstand schon, was er meinte. <br />
Das Misstrauen blieb also, wenn sich auch eine Spur Neugier in seinen Blick mischte. Er setzte sich bequemer hin, sah seiner kleinen Schwester entgegen, während sie zu ihm kam und es sich bei ihm gemütlich machte. <br />
Nur einen Herzschlag später wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte. Neugier, Schalk und Spott verschwanden von seinen Zügen, machten einem Hauch Ärger Platz. Sein Blick lag unverwandt auf seiner Schwester, etwas unstet zwar, aber nach wie vor klar. <br />
<br />
„<i>Du willst also ein Trinkspiel mit mir spielen, um mit mir über Dinge zu reden, über die ich nicht reden will? Verstehe ich das richtig?</i>“</font><br />
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<font color="#66CDAA">Es war überraschend. Wenn sie all ihre eigenen Wehwehchen zur Seite stellte, konnte sie recht schnell wieder in Lucien lesen, so wie es ihr früher möglich gewesen war. Es zuckte kurz in ihren Mundwinkeln, bevor sie das Lächeln zurückhielt, während sie die Flasche sinken ließ. Sie folgte der Bewegung mit ihren Augen und dachte über seine Worte nach. Sie wusste, dass das Vertrauen zwischen ihnen schwer geschädigt war. Ein Band, dass nur noch durch ein paar Fäden zusammen gehalten wurde. Sie wollte dieses starke, reißfeste Band von damals zurück. Das, welches von niemandem zerstört werden konnte, weil sie sich nur auf einander verlassen konnten. Schließlich lächelte Talin doch, als sie wieder zu ihm aufsah, nur um dann einen Schluck aus der Flasche zunehmen. <br />
<br />
„<i>Ich bin überrascht. Du verschwendest deine erste Frage gleich auf so etwas offensichtliches. Ich habe nur getrunken, weil es glaub ich keiner Antwort bedarf. Und weil ich den guten Rum nicht gleich wieder über Bord werfen will.</i>“ Sie sah ihn vielsagend an. „<i>Dann stelle ich dir jetzt eine Frage. Was trinkst du lieber: Portwein oder Rum?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Schon in dem Moment, in dem sie antwortete, wurde sein Ärger beinahe greifbar. Seine Augen verengten sich unwillkürlich. Sie spielte irgendwelche Spielchen mit ihm, hielt ihn zum Narren und das konnte er beim besten Willen auch alleine sehr gut. Doch der wirkliche Grund, weshalb er wütend wurde, war ein anderer. Nämlich die plötzliche Furcht, die ihre Finger nach ihm ausstreckte und das Bedürfnis, sich davor zu schützen. Ganz instinktiv. Weil Talin ihn zu etwas drängte, das er nicht wollte. Weil er sich davor fürchtete, was passieren konnte, wenn der Alkohol seine Zunge löste. <br />
Warum bei allen Welten blieb er dann aber sitzen und starrte seine kleine Schwester an, statt aufzustehen und zu gehen?<br />
<br />
„<i>Ich habe nicht gesagt, dass ich dieses Spiel mitspiele.</i>“, warnte er sie, ohne auf die Frage einzugehen – oder den Alkohol.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Kleinen Schwestern schien das Talent, die großen Brüder aufzubringen, in die Wiege gelegt worden sein. Wie Hitze aus einem Ofen traf seine Wut sie im Gesicht. Wahrscheinlich wollte er sie gerade am liebsten erwürgen, aber er blieb sitzen. Er stürmte nicht einfach so davon. War er also wirklich so abgeneigt? Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hob sie die Flasche wieder an und trank einen Schluck. <br />
<br />
„<i>Dann trink ich eben für dich.</i>“ Sie seufzte gespielt dramatisch, hielt die Leichtigkeit einfach aufrecht. Selbst wenn er nicht mit ihr dieses verrückte Spiel spielen wollte, dann sollte er vielleicht einfach explodieren? Fraglich, wie das dann enden würde. <br />
<br />
„<i>Wieso solltest du nicht mitspielen wollen? Wovor hast du angst? Das ich dich Dinge frage, über die du nicht reden möchtest? Oder das du Dinge hörst, die du lieber nicht wissen willst? Oder hast du Angst vor dem Alkohol?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Er konnte keinen einzigen, klaren Gedanken fassen. Alkohol und Frust ließen sie glitschig werden wie frisch gefangene Fische. Talin nahm es so leicht, ließ das ganze hier wirken, als wäre es wirklich nur ein Spiel. Nur Spaß, über den sie am Ende gemeinsam lachten. Das war es für ihn nur nicht. Sein Herz schlug längst schneller, als es sollte, trieb das Verlangen, wegzulaufen, durch seine Adern. Längst schaltete sein Verstand auf Flucht. Sein Ärger war an dieser Stelle nur das Mittel der Wahl. Wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. <br />
<br />
„<i>Vor dem Alkohol sicher nicht.</i>“, erwiderte er. Nur um ihr dann auszuweichen und den Blick in dem Wunsch, etwas Ablenkendes zu finden, durch den Raum schweifen zu lassen. Im Grunde hatte er ihr damit – unfreiwillig – tatsächlich geantwortet. Denn vor beidem fürchtete er sich. Und nichts anderes hatte in seinem Inneren gerade Platz, als die Angst vor Antworten. Seinen wie ihren.<br />
<br />
„<i>Warum sollte ich mitmachen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Er schlug um sich, wollte weglaufen. Sie sah es in seinen Augen, in der Anspannung seines Körpers. Und fast hätte sie es ihm erlaubt. Es tat ihr weh ihn so zu sehen. Aber er antwortete ihr. Sehr scharf, fast schneidend, aber er antwortete auf ihre Frage. Die innere Anspannung ließ ein wenig nach. Vielleicht war es keine Absicht gewesen, aber da war ein kleiner Riss in seiner wütenden Abwehrhaltung. Als er sie schließlich fragte, warum er mitspielen sollte, legte sie sanft eine Hand auf seine, bevor sie antwortete.<br />
<br />
„<i>Weil du dem Alkohol nichts sagen kannst. Er hört deinen inneren Dämonen vielleicht zu, aber du sprichst die Worte nie aus, die dich belasten.</i>“ Sie zuckte sacht mit den Schultern, sah ihm dann wieder in die Augen. „<i>Ich zwinge dich nicht, mir auf jede Frage zu antworten. Du kannst trinken, wenn du das willst. Aber ich will das du weißt, dass ich dir zuhöre, wenn du reden willst. Ist das nicht ein Grund mitzumachen?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Seine erste Reaktion war ein leises, spöttisches „ts“. Doch er stand noch immer nicht auf und ging, sondern blieb und versuchte, seine Gedanken und Emotionen in dem unsteten Alkoholnebel zu sortieren. Sie sprangen wie wild von einem Punkt zum nächsten, seine Wut verebbte so schnell, wie sie gekommen war und hinterließ nichts als resignierten Frust. Zustimmen konnte er Talin nicht. Gerade die Tatsache, nicht zu reden, war schließlich das, was ihn zum Alkohol trieb. Aber widersprechen konnte er ebenso wenig.<br />
Wenn er nicht antworten wollte, konnte er immer noch trinken. Bis er vielleicht so verflucht besoffen war, dass er sich an gar nichts mehr erinnerte. Vielleicht gar keine so schlechte Idee. <br />
<br />
„<i>Ich weiß, dass du zuhören würdest. Das musst du mir nicht beweisen.</i>“<br />
<br />
Die tiefgrünen Augen kehrten zu seiner Schwester zurück, als sie sacht die Hand über seine legte. Musterten sie einen langen, trotzigen Augenblick lang ernst. Das Misstrauen blieb und es wog schwer. Allein, weil sie es war, der er misstraute. Etwas, das es zwischen ihnen nie zuvor gegeben hatte. Vielleicht war es auch das, was sie hierzu veranlasste. Dass alles so anders war. <br />
Lucien stieß leise die Luft aus, schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf.<br />
<br />
„<i>Kommt drauf an.</i>“, meinte er schließlich und scheinbar ganz aus dem Zusammenhang gerissen. „<i>Manchmal ist Portwein nicht stark genug und manchmal ist Rum hinterher nicht schmerzhaft genug.</i>“ Er begegnete erneut ihrem Blick. „<i>Was ist, wenn mir keine Frage einfällt?</i>“ Das 'die ich auch stellen will' verschluckte er kurzerhand.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Es herrschte ein angespannte Stille, die schwanger war von Misstrauen. Das Gefühl schnitt wie kleine Messer in ihre Haut, aber sie schwieg, ließ Lucien über ihre Worte nachdenken und sich entscheiden, wie er mit ihrem Angebot umgehen wollte. Das seine Blicke sie verletzten, ignorierte sie und sperrte es tief in ihrem Inneren ein. Immerhin war sie selbst schuld. Sie und ihr Egoismus. Ihr Blick glitt zu der Flasche in ihrer Hand und sie ließ nachdenklich den Finger über die Öffnung gleiten, als Lucien völlig unzusammenhängend auf ihre Frage antworte. Eine Frage, die sie ihm vorhin gestellt hatte, nicht gerade erst jetzt. Sie sah etwas überrumpelt wieder zu ihm auf und lächelte schließlich sacht. Sie nickte bei seiner Antwort, verstand zum Teil, warum er den jeweiligen Alkohol wählte. <br />
<br />
„<i>Eine Mischung wäre schon praktisch. Auch wenn ich glaube, dass es sowohl beim Trinken, als auch am nächsten Morgen schmerzhaft wäre.</i>“ Sie neigte leicht den Kopf, bevor sie die Flasche schließlich zwischen sie beide stellte. Damit konnte jeder danach greifen, wenn er nicht antworten wollte. <br />
<br />
"<i>Wenn dir keine Frage einfällt, dann...</i>", sie grinste leicht, "<i>dann fragst du etwas, was dich so interessiert. Ich hab dich nach deinem Alkohol gefragt, weil ich nicht weiß, was du lieber magst. Genau so könnte ich dich fragen, welche Farbe du jetzt magst, was du jetzt am liebsten tun würdest...Dinge die sich in drei Jahren ändern können, das kann man fragen. Das ist doch leicht, oder nicht?</i>"</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Lucien erwiderte auf ihre Zusammenfassung seiner Alkoholvorlieben nichts, beobachtete sie nur mit dem gleichen, ernsthaften Ausdruck in den Augen wie zuvor. Sie stellte die Flasche zwischen ihnen beiden auf das Polster des Sofas und begegnete erneut seinem Blick. <br />
Doch auch ihr Lächeln erwiderte er nicht, stieß nur leise die Luft aus und senkte den Blick auf die Öffnung der Flasche vor sich – als überlege er, danach zu greifen und sich ihren gesamten Inhalt hinter die Binde zu kippen. Der Gedanke war tatsächlich verlockend.<br />
<br />
„<i>Dafür bin ich eindeutig noch nicht betrunken genug</i>“, stellte er leise fest, hob die Hand und rieb sich über die Augen. Etwas, das ihn einfach so interessierte? Das war leichter gesagt, als getan. Jede Frage an sie führte unweigerlich zu dieser einen Wahrheit, die er nicht sehen wollte. Sie war nicht mehr das Mädchen von damals. Und damit konnte er immer noch nicht umgehen – hauptsächlich deshalb wahrscheinlich, weil er es leugnete. Ihm fiel schlicht und ergreifend keine Frage ein, die belanglos genug war, um die Antwort ertragen zu können.<br />
<br />
„<i>Also schön</i>“, meinte er, hob den Blick und klang dabei fast etwas trotzig. „<i>Welche Farbe magst du jetzt am liebsten?</i>“</font><br />
<br />
<br />
<font color="#66CDAA">Er zögerte immer noch? War er denn gar nicht neugierig? Wollte er nichts über sie wissen? Es kränkte sie schon ein wenig, dass er nicht mitmachen wollte. Aber andererseits...im Gegensatz zu ihm hatte sie den ganzen Tag Zeit, um sich darauf einzustellen Antworten zu hören, die sie nicht hören wollte und Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht beantworten wollte. Also musste sie sein Zögern eigentlich verstehen und nachvollziehen. Die Frage die er ihr aber schließlich stellte, ließ sie ihm einen Blick zuwerfen, der besagte: 'Ist das dein Ernst?' Er konnte auch einfach sagen, wenn er keine Lust darauf hatte. Statt ihm aber das vorzuschlagen, verdrehte sie die Augen und sah ihn dann wieder an. <br />
<br />
„<i>Immer noch Grün, daran hat sich nichts geändert. Vermisst du unsere Kindheit?</i>“ Sie schoss die Frage direkt ihrer Antwort hinterher.</font><br />
<br />
<br />
<font color="#458B74">Ihr Augenverdrehen hätte ihm vielleicht ein Schmunzeln entlocken können. Doch in diesem Moment empfand er dabei nur spöttische Genugtuung. Sie durfte ruhig wissen, wie viel er von dieser Situation hielt und dass er ebenso in der Lage war, Spielchen zu spielen, wie sie. <br />
Doch ihre Antwort vertrieb dieses trotzige Gefühl schließlich restlos und mit einer Geste milden Spotts, wie sie wohl nur große Brüder beherrschten, hob er eine Augenbraue. <br />
Grün. Natürlich. Immer grün.<br />
Der Hauch eines Lächelns stahl sich auf seine Lippen und er verbarg ihn rasch, indem er den Blick senkte und nur ein einziges Mal nickte.<br />
<br />
„<i>Meistens. Nicht alles davon. Aber das meiste – und oft.</i>“ Er sah wieder zu Talin auf. „<i>Und du?</i>“</font></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Living in the moment]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=940</link>
			<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 13:04:05 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=940</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Living in the moment  </div>
<br />
<font size=1>Nachmittag des 20. Mai<br />
Greo & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=royalblue>Ein komischer Kauz, anders konnte Shanaya den Mann, der ihr eben begegnet war, nicht beschreiben. Er hatte sie für eine Hure gehalten, was sie... nicht wunderte. Immerhin hatte er sie wohl gesehen, wie sie das Bordell verlassen hatte. Da musste man wohl unweigerlich zu solch einem Schluss kommen. Aber wie immer ging die Schwarzhaarige nicht davon aus, ihn so schnell wieder zu sehen. Also verschwendete sie nicht sehr viele Gedanken an den Lockenkopf, lehnte sich stattdessen etwas zurück und blickte zu dem Himmel, an dem noch genug Sonnenstrahlen tanzten, die die Gassen erhellten. Aber lang würde der Tag nicht mehr sein. Shanaya schloss die Augen, atmete ruhig ein und aus, lauschte dabei der Umgebung. Sollte sie noch einen kleinen Spaziergang wagen? Ins Bordell zurück zu gehen war noch keine Option... viel mehr spürte sie noch immer das Verlangen, sich ein Zimmer in einer der Tavernen am Hafen zu nehmen. </font><br />
<br />
<font color=#696969> Zwischen den Fingern rieb er zwei minderwertig Münzen gegeneinander. Das schabende Gefühl bekam er ebenso wenig mit, wie offenbar seine Umgebung. Er schaute zwar nach hier und da, aber blickte etwas treudoof in sich hinein. Er zählte sein spärliches Einkommen für diesen Tag, denn Greo war ja immer gut darin, sich zu verdrücken und hier und da einfache Tätigkeiten zu übernehmen, mit denen er sich ein Zubrot verdienen konnte. So auch heute. Auf seinem Rückweg mit sich selbst beschäftigt, bemerkte er seine Freundin nicht, die auf dem Grund saß und marschierte über ihre Beine. Er konnte gerade noch die Arme ausstrecken und sich abfangen, sonst wäre er mit der Schnauze im Dreck gelandet. Irritiert guckte er sich um war schon im Begriff die Schnüss aufzumachen und sich zu beschweren, als er Shanaya erkannte. <i>„Gott, deine Stelzen. Zieh die mal ein.“</i>, brummte er, krabbelte zu ihr rüber und setzte sich neben sie. <i>„Ich meine, tut mir leid, ich hoff, das tat nicht weh.“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya hörte Schritte, konnte ihnen jedoch keine genaue Richtung zuordnen. Sie verharrte also in ihrer Position, auch als das Geräusch lauter wurde. Einige Herzschläge lang wuchs die Skepsis in ihr an, dann spürte sie das Trampeltier, das nicht auf seinen Weg achtete. Die Schwarzhaarige öffnete die Augen zu Schlitzen, funkelte in die Richtung des Mannes, als sie ihn auch schon erkannte und sich ihre Miene aufhellte. Ihr Grinsen nahm einen amüsierten Zug an. „Mach du doch eher die Augen auf! Mit ruhiger Miene beobachtete die junge Frau, wie Greo sich neben sie setzte, schüttelte dann auf seine Worte hin leicht den Kopf. <i>„Ich denke, ich schaffe es... aber jetzt schuldest du mir etwas. Eine Einladung zum Essen zum Beispiel!“ </i> </font><br />
<br />
<font color=#696969><i>„Du Weib ziehst echt aus allem Profit.“</i>, grummelte er und guckte sie wie ein getretener Hund an. Aber letzten Endes, ja, hätte er auf den Weg achten können. Da war schon etwas dran. Er hielt demonstrativ das bisschen Geld hoch, mit dem sie vielleicht einen lauwarmen Teller dünner Suppe bekommen konnten. <i>„Solange dir keine allzu prachtvolle Tafel vorschwebt, wäre das sogar im Rahmen des Möglichen.“</i>, versuchte er es diplomatisch auszudrücken und klopfte sich etwas Staub vom Hemd runter.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lachte herzlich über den 'Vorwurf' des Dunkelhaarigen und zuckte daraufhin leicht mit den Schultern. <i>„Gewusst wie, hm? Es funktioniert einfach viel zu oft.“</i> Und das war nicht einmal gelogen. Als der Riese dann zwei Münzen in die Höhe hielt musste Shanaya noch ein wenig breiter schmunzeln. „Ich habe ja nie von jetzt sofort gesprochen. Ich merke mir das einfach für später.“ Und so etwas vergaß sie sicher nicht. <i>„Du kommst trotzdem genau richtig. Ich will noch nicht da hin zurück...“</i> Ihr Kopf nickte in die Richtung des Bordells. <i>„Hast du Lust auf ein kleines, langsames Abenteuer mit etwas Bewegung?“</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969>Zwar hatte er sich etwas missmutig angestellt, aber im Grunde wäre er auch sofort mit ihr eine Runde Futterluke füllen gegangen und er war sicher, dass sie das auch wusste. Er folgte ihrem Kopfnicken und schaute zu dem Bordell, das für ihn wie von einer roten Grenze umgeben schien. <i>„Sag bloß, dieses exklusive Etablissement spricht nicht die tiefste Freude deines Herzens an?“</i>, übertrieb er maßlos und wandte sich ihr stirnrunzelnd zu, bevor er wieder ernst wurde: <i>„Nichts lieber als das. Jede Stunde weniger da ist mir willkommen.“ </i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue> Mehr als ein abfälliges Schnaufen hatte Shanaya kaum für die Worte des Dunkelhaarigen übrig. <i>„Hätte Luc nicht meine Schwäche ausgenutzt und mich da rein geschleppt, hätte ich dieses Gebäude sicher nicht betreten.“</i> Trotz des Widerstandes in ihrer Stimme huschte ein hauchzartes Lächeln über die Züge der jungen Frau, das sie versuchte mit einem Schütteln ihres Kopfes abzuwerfen. <i>„Sehr gut. Ich habe zwar noch keine Idee, was man hier so treiben kann... aber wir finden schon etwas.“</i> Damit machte sich die Schwarzhaarige etwas umständlich daran, aufzustehen. </font><br />
<br />
<font color=#696969>Greo zog es vor, nicht weiter nachzufragen. Er konnte sich ungefähr ausmalen, warum eine Frau nicht unbedingt scharf auf einen längeren Aufenthalt in einem Bordell war und sollte es noch andere Gründe dafür geben, so waren sie mit Sicherheit sensibel und daher äußerst privat. Und das war ein Terrain, dass er nicht ohne weiteres betrat. Er begnügte sich daher mit einem Nicken als Erwiderung, stand ebenfalls auf und schlug schnurstracks die entgegengesetzte Richtung von dem Weg ein, den er zuvor genommen hatte. <i>„Lust auf Menschenmenge oder lieber Ruhe?“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Greo ging nicht weiter auf ihre Worte ein und so nahm Shanaya es auch einfach hin. Sie waren sich da offensichtlich ziemlich einig, was ja nicht bei jedem Thema der Fall war. Wieso hatten sie sich eigentlich nicht zusammen getan und rebelliert? Sie hätte es zu gern gesehen, wie Lucien sich Greo über die Schulter warf, während der ihm sämtliche Beleidigungen an den Kopf warf, die ihm einfielen. Ein bezauberndes Bild. Die junge Frau griff nach ihrer Krücke, ließ den Blick kurz schweifen, ehe sie die blauen Augen auf den Mann richteten. <i>„Ich bin ganz schwer für ein bisschen Ruhe.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969> Er sah ihre Gehhilfe an, die er schon wieder vergessen hatte. Und das lag nicht an seinem lädierten Schädel. Das war schlichtweg Greo. <i>„Wie weit kannst du damit?“</i>, fragte er geradeheraus und deutete auf die Krücke. Er wusste, dass ihr die Decke auf den Kopf fiel, aber er konnte sie jetzt nicht guten Gewissens vor die Stadttore marschieren lassen. So gut ging es ihr dann vielleicht doch noch nicht. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die blauen Augen Shanayas folgten Greos Blick, ehe sie leicht eine Augenbraue hob und ihn mit einem Lächeln anblickte. <i>„Weiter, als du vermutlich glauben wirst.“</i> Gut, sie würde sicher nicht Stunde um Stunde durch die Gegend schleichen können – allein das Fieber würde sie früher oder später eines Besseren belehren. Aber es würde schon gehen. <i>„So lange du mir keine Horde bissiger Hunde auf den Hals hetzt, geht das schon.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=#696969> Da war sie wieder, die alte Shanaya, die verschmitzt eine Behauptung anstellte, die ihre Stärke untermalte. Allzu schlecht konnte es dann nicht um sie stehen, wenn sie wieder Witze machen konnte. Greo hatte so die vage Erinnerung, dass er selbst ziemlich lange nicht dazu in der Lage gewesen war. Vielleicht immer noch nicht. <i>„Kann ich nicht versprechen. Ich mach das schon gerne.“</i>, meinte er auf ihre letzte Aussage hin und versuchte keine allzu ausladenden Schritte zu machen; immerhin waren seine Beine auch länger und ließen ihn schon für gewöhnlich doppelt so schnell laufen, wie manch anderen. Vereinzelte Personen kamen an ihnen vorbei. Ein uniformierter Mann tauchte in der Ferne bei einer Abbiegung auf. Greo verengte die Augen und leitete ihren Weg in eine Seitengasse um, die in einer engen Straße mündete, in der sich einfaches Volk tummelte. Ein Schwein drängelte vorbei. Alarmiert merkte er auf, ob das Tier Shannys Krücke in die Quere kam. </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„ICH lade dich zum Essen ein, wenn du mir aus dem Nichts eine Meute wütender Hunde her bringst.“</i> Sie schmunzelte amüsiert, warf Greo damit einen vielsagenden Blick zu. Sollte er ruhig! Das war es ihr wert. Auch die junge Frau behielt die Umgebung im Auge, folgte dem Weg, den Greo vor gab und und blieb abrupt stehen, als sich ein rosanes Tier an ihnen vorbei bewegte. Shanaya hob eine Augenbraue, für Greo deutlich sichtbar, dass ihr ein Gedanke durch den Kopf ging – den sie kurz darauf auch äußerte.<i> „Bist du schonmal auf einem Schwein geritten?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#696969> Der Farmer holte tief Luft, als wolle er jetzt auf der Stelle beweisen, dass er durchaus dazu in der Lage war die Hunde herzuzaubern, kam aber nicht mehr dazu. Hätte es auch nicht gekonnt. Das war nun keine Überraschung. Stattdessen schaute er Shanaya erst konsterniert, dann nachdenklich und schließlich mit wachsender Begeisterung in den Augen an. <i>„Nein, auf Schafen, Kühen und einmal saß ich auf einem Krokodil, aber nie auf einem Schwein.“</i> Er grinste verschlagen und hielt die Hand nach der Krücke auf. </i>„Bitte, ich gebe dir den Vortritt, entziehe mich aber jeder Verantwortung. Du bist noch verletzt.“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die Schwarzhaarige warf ihrem Gegenüber nur einen kurzen Blick zu, als erwartete sie eine Antwort. Aber er schwieg, zauberte auch keine Hunde aus seinem Hut (!) und Shanaya nickte zufrieden. Als er dann auf ihre wichtigere Frage einging, neigte sich der Kopf der jungen Frau merklich zur Seite. „... auf einem Krokodil?“ Ihre Miene wurde ein wenig skeptisch. Wieso setzte man sich auf ein Schuppentier? </i>„Zählen die da, wo du herkommst, als Reittier?“</i> Ihr Lächeln untermalte ihre nicht ernst gemeinten Worte, dann wurde es noch ein wenig breiter. <i>„Das sah bestimmt ein wenig affig aus, so nah am Boden mit deinen meterlangen Beinen.“ </i>Sie stieß ihrem Freund mit der Faust gegen einen Arm, trat dann zu dem Schwein, das sie skeptisch musterte. Auf ihre Krücke gestützt, hob sie den Fuß des verletzten Beines und berührte das rosa Tier mit der Fußspitze. Es grunzte, trottete dann langsam – sehr langsam – weiter. </font><br />
<br />
<font color=#696969>Greo machte eine gewichtige Miene. </i>„Mitnichten.“</i>, grinste er, „Du irrst dich gewaltig. Die größeren Exemplare heben ordentlich vom Boden ab, wenn die sich aufstemmen.“ Er wusste nicht, wie er es optisch darstellen sollte und fuchtelte etwas unbeholfen mit den Händen rum. <i>„Die reitet man auch nicht. Aber wenn du hinten am Rücken sitzt, erwischen sie dich nicht mit dem Maul, die können sich nicht so weit biegen. Wir haben’s nur gefangen.“</i> Und getötet und gegessen, fügte er gedanklich hinzu, ersparte ihr aber die Details. Er rieb sich den Arm, wo sie ihn getroffen hatte, schob sich an ihr vorbei und packte das Schwein ungerührt am Nacken. <i>„So macht man das.“</i>, demonstrierte er, lief einfach über das gewaltige rosa Tier und ließ sich wenig zimperlich auf dessen Rücken nieder. Das fand das Schwein eher suboptimal. Es gab ein hochfrequentes Quietschen von sich und flitzte los. Greo ruckelte ein paar Meter mit, musste dann aber ab- oder mehr, hochspringen, weil das Schwein eine plötzliche Wende einlegte und mit empörtem Grunzen in einem Hofeingang verschwand. <i>„Na ja. Nicht beeindruckend.“</i>, gab er zu und bewegte in einem leichten, nun, Unwohlsein die Beine hin und her, weil ihm da was im Schoß wehtat. So ein Schwein war halt kein gepolstertes Schaf.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue> <i>„So? Trotzdem hätte ich das sehr gern gesehen. Sobald ich ein Krokodil sehe, rufe ich dich.“</i> Was er mit einem gefangenen Krokodil angestellte hatte, entzog sich ihrer Vorstellung, Shanaya kam jedoch auch nicht mehr dazu, nachzufragen. Greo war neben ihr und bevor sie sich versah, saß der Hüne auf dem rosanen Tier, das sofort auf quietschte. Shanaya stand ein wenig verdutzt da, blinzelte, ehe sie lauthals zu lachen begann, als Greo wieder von dem Tier herunter sprang. <i>„Wirklich unglaublich... elegant. Wie eine Elfe.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969>Erst guckte er ein wenig gequält, rang sich dann aber auch ein verschmitztes Grinsen ab. <i>„Ja, an meiner Grazie ist nicht zu zweifeln.“</i>, lobte er sich selbst und war insgeheim froh, dass die lädierte Shanaya nicht auf den Schweinerücken draufgehüpft war. Greo guckte einer alten Matrone demonstrativ in das breite Gesicht, während diese missbilligend den Kopf schüttelte und sich abwandte. Offenbar fand sie die ganze Aktion etwas albern (was sie ja auch eigentlich war). Ein paar Kinder hingegen kicherten und flitzten in den Hofeingang, in dem auch das Schwein verschwunden war. Greo hatte sie anscheinend auf dumme Ideen gebracht. Er feixte und ging weiter die Straße hinauf. Es war hier nicht mehr allzu voll, dennoch befanden sich ein paar Menschen einzeln oder in kleinen Zusammenkünften vor den aufragenden Häusern. Ein paar Meter vor ihnen stritten sich zwei Personen lautstark. Greo runzelte die Stirn. <i>„In der Stadt hat sich wohl alles in der Wolle.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya verzog die Lippen zu einem Grinsen, als Greo ihre Worte noch einmal selbst bestätigte. Aber bei der Größe war es vermutlich auch... deutlich schwerer, echte Eleganz an den Tag zu legen. Und zudem war er ja, wie er immer selbst betonte, ein Bauer. <i>„Du bist Bauer, das sagst du doch selbst immer. Ihr habt vermutlich nicht so viel mit Eleganz am Hut, hm?“</i> Shanaya warf dem Dunkelhaarigen einen vielsagenden Blick und ein Zwinkern zu. Der Blick ihres Freundes folgte ein paar Kindern, die durch seine Aktion scheinbar auf den Geschmack gekommen waren. Das arme Schwein. Aber Shanaya folgte dem Weg des Mannes, verengte bei seinen Worten – und dem Anblick der Streitenden – leicht die Augen, ehe sie leise auflachte und dann den Arm, mit dem sie sich nicht auf die Krücke stützte, ausbreitete und andächtig Luft holte. <i>„Diese Stadt braucht mehr Liebe. Das würde ihr gut tun.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#696969>Er runzelte interessiert ob ihrer Aussage die Stirn und sagte: <i>„Das ist eine gute Beobachtung. Aber Gott, nein, es sind nicht alles Trampel. Die Damen muss ich doch davon ausnehmen.“</i> Schließlich hielt er vor ihrer ausladenden Armbewegung inne und verzog ein bisschen den Mund. <i>„Liebe, soso.“</i>, kommentierte er und beobachtete, wie das eine Weib sich nun niederbückte, um eine ihrer Holzpantinen abziehen und mit hochrotem Gesicht auf die Nase der anderen zu zielen. Greo sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. „Oh, das war knapp. Ich sag dir, Liebe war bei denen das Problem. Möchte wetten, die eine hat sich an den Kerl des anderen rangeschmissen.“  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lachte, als Greo die Frauen aus dem 'Bauerntum' heraus nahm. <i>„Also sind die Männer bei dir zu Hause alles Trampel und die Frauen kümmern sich um das Wichtige?“</i> Wieder huschte ein neckendes Grinsen über das Gesicht der Schwarzhaarigen. Eine der Streithähne machte sich schließlich auf und davon – was Shanaya nur noch breiter grinsen ließ. Man sollte sich nicht in der Öffentlichkeit ankeifen, wen es einem dann doch unangenehm wurde. <i>„Tja... Manche Probleme kann man sich ganz einfach ersparen.“</i> Die Schwarzhaarige ließ den Arm nun sinken, strich sich dafür kurz über die Augen. <i>„In dem Fall wird es sicher noch mehr Krieg zwischen ihnen geben...“</i>  </font><br />
<br />
<font color=#696969>Er winkte ab. <i>„Ach, scher das doch nicht alles über einen Kamm. Gibt solche und solche, auch vieles Weibsbild hat da keine reine Weste.“</i> Irgendwie bedauerte er es nicht allzu sehr, dass sich die Wege der streitenden Frauen trennten und wieder etwas mehr Ruhe auf der Straße einkehrte – von den paar Schaulustigen, die die Szenerie mit Kichern beobachtet hatten, mal abgesehen. <i>„Sollen die mal. Betrifft uns ja nicht.“</i>, meinte er schulterzuckend, <i>„Da hast du schon ganz Recht. Manche Probleme kann man sich ganz einfach sparen.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„Da mir Männer schon immer lieber waren als weibliche Gesellschaft... glaube ich dir das auf's Wort.“</i> Umso mehr fragte sie sich, wie Greos zu Hause war. Wie er gelebt hatte, bevor sie ihn auf die Sphinx geschleppt hatte. Shanaya stampfte zwei Mal mit der Krücke auf den Boden, ohne dabei groß etwas zu sagen zu haben. Viel mehr um einen Gedanken zu vertreiben, der sich ihr in diesem Moment aufzwingen wollte. Sie lachte leise. <i>„Und das, wo ich mich selbst als so etwas wie eine Romantikerin betiteln würde...“</i> Gewiss nicht wie die, die man sonst unter diesem Begriff kannte. „Man muss einfach aufpassen, dass man nicht an die falschen gerät.“ Sie wusste nicht, wieso genau sie diese Worte sagte. Vielleicht, um sich selbst einfach daran zu erinnern. </font><br />
<br />
<font color=#696969> Wie beiläufig stieß er einen geöffneten Fensterladen mit einer leichten Handbewegung von sich weg. Wenn die Dunkelhaarige Männer lieber mochte, hatte sie sich offensichtlich die beste Berufung ausgewählt, die es gab. Viele Frauen waren in ihrer… nun… Szene nicht unterwegs und trotzdem gab es für sie durchaus die Möglichkeit, sich nach eigenen Fähig- und Fertigkeiten einzubringen. <i>„Romantik. Ja ja. Du Süßholzrasplerin.“</i>, murmelte er, weil ihn irgendeine Erinnerung im Hinterkopf kitzelte, die er zwar nicht mehr klar erfassen konnte, aber zu diesem Thema zu passen schien.<i> „Gibt es ein Geheimnis, wie man nicht ‚an die Falschen‘ gerät?“</I>, fragte er und setzte den letzten Teil des Satzes mit Fingerbewegungen in Anführungszeichen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Greo sagte Nichts mehr zu dem Thema 'Frauengesellschaft* und so ließ auch Shanaya dieses Thema ruhen, stattdessen ließ sie den Blick über ihre Umgebung schweifen. Es war nicht besonders viel los, hier und da standen vereinzelte Stände. Aber immerhin begegneten ihnen nicht zu viele Menschen. <i>„Ich bin eben eine Romantikerin durch und durch. Im Gegensatz zu manchem Bauerntrampel.“</i> Ein vielsagender, aber gleichzeitig sanfter Blick galt dem Dunkelhaarigen. Er war eben wie er war. Und genau das mochte sie so an Greo. <i>„Man kann einfach sein Gehirn benutzen. Wenn eines vorhanden ist. Dann wird man schon wissen, was gut für einen ist und was nicht.“</i> Für sie war das in diesem Moment vollkommen logisch.  </font><br />
<br />
<font color=#696969>Seine Mundwinkel zuckten ob ihrer Anspielung auf den Bauerntrampel hin, aber er zog es vor, da nicht weiter drauf einzugehen. Das war eine unumstößliche Tatsache und dazu musste niemand mehr etwas erklären. „Kann man das?“, sinnierte er und legte eine kurze Pause ein. <i>„Nicht jedes Arschloch zeigt sich offensichtlich als solches.“</I> Greo musste an sich selbst denken und verzog das Gesicht. <i>„Urghs, vielleicht doch.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya überlegte kurz, als Greo ihre Worte hinterfragte. Konnte man das? Die Antwort war sie vollkommen klar. <i>„Davon bin ich überzeugt, ja.“</I> Was der Riese dann weiter sagte, ließ Shanaya leise auflachen. Das war wohl wahr... <i>„Mit genug Menschenkenntnis erkennt man das aber trotzdem... wer sich dann noch verliebt...“</I> Sie zuckte leicht mit den Schultern, ignorierte, dass ihre eigenen Worte eine gewisse Unruhe in ihrem Inneren auslösten. </font><br />
<br />
<font color=#696969>Greo überlegte, wie er eine Antwort formulieren konnte, die sie nicht als naiv oder unerfahren dastehen ließ; er wusste, dass er damit einen Nerv treffen würde und er ahnte, dass er damit inhaltlich vor eine Wand prallte. Er ehrte ihre feste Einstellung, aber dennoch hatte er das Bedürfnis, ihr ein bisschen was mit auf den Weg zu geben. Das hatte er schon vorher manchmal versucht, meinte er sich zu erinnern, doch ob das wirklich zu ihr durchgedrungen war? <i>„Ab wann hat man denn diese Menschenkenntnis?“</i>, fragte er mit etwas zweifelndem Ton und konnte im Gegensatz zu ihr nicht lachen. <i>„Der Punkt ist ja, dass der Verstand schnell mal ausgeschaltet wird. Und dann? Dann kann es schon zu spät sein.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Nur kurz huschte Shanayas Blick zu ihrem Freund herum, dem sie fast ansehen konnte, dass er über ihre Worte nachdachte. Seine Frage ließ sie dann selbst, leicht nachdenklich, eine Augenbraue heben. <i>"Ich denke... die hat man... oder eben nicht. Vielleicht kriegt man sie noch durch Erfahrung, aber sonst..."</i> Sie schmunzelte leicht. Sie hatte genug Menschen kennen gelernt... ob sie diese Kenntnis nun besaß oder eben erworben hatte... Eine Frage, die nicht zu beantworten war. <i>"Und ich denke, dass auch das etwas ist, an dem man arbeiten kann... Selbstkontrolle... Man muss sich nur genug anstrengen."</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969>Aus seiner Nase schnaubte ein undefinierbares Grunzen. Ein Hund in der Nähe schaute bei diesem Geräusch mit nach vorn gestellten Ohren aufmerksam zu ihnen hinüber. Das etwas struppige, offenbar verwahrloste Tier kam zögerlich ein paar Meter näher und heftete sich an die Fersen der beiden Piraten. Greo fummelte ein paar Krümel alten Essens aus der Hosentasche und ließ sie auf den Boden rieseln, während sie weiter ihren Weg bahnten. Der Hund saugte das spärliche Mahl auf und huschte ihnen weiterhin nach. <i>„So, und du hast diese Kenntnis?“</I>, fragte er, <i>„Oder musst du auch noch dran arbeiten?“</i> Beides vielleicht. „<i>Was sagt sie dir denn über mich?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Einen Moment musterte Shanaya den Hund, der ihnen folgte, mit skeptischer Miene. Greo wirkte nicht wirklich wie der Typ Mensch, der sich gern in große Menschengruppen begab. Dafür schien er alles an Getier um sich zu scharen, was ihnen so begegnete. Eine Tatsache, die die junge Frau sanft schmunzeln ließ. Erst bei den Fragen des Dunkelhaarigen wandte Shanaya den Blick wieder zu ihrem Freund herum. <i>„Natürlich habe ich das. Was für eine Frage.“</i> Sie grinste breit, ließ die Arme dann durch die Luft schwingen, warf noch einmal einen Blick zurück zu dem Hund, ehe sie antwortete. „<i>Dass du viel, viel lieber mit Tieren als mit Menschen zu tun hast.“</i> Ein vielsagender Blick galt dem Farmer. </font><br />
<br />
<font color=#696969>Obgleich er ihnen folgte und etwas abzustauben versuchte, zog der Hund unwillkürlich die Lefzen etwas hoch und zeigte seine Zähne, sobald Greos Arm eine zu ausladende Bewegung machte, während er dem Tier etwas zu fressen zuwarf. Der Farmer maß der warnenden Geste nicht allzu viel Bedeutung bei und vermied schlichtweg den Blickkontakt zu dem kleinen Räuber. <i>„Oh, beeindruckend.“</i>, grunzte er, <i>„Du zeichnest dich durch eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe aus, denn das während sicher sonst nie jemandem aufgefallen.“</i> </font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Living in the moment  </div>
<br />
<font size=1>Nachmittag des 20. Mai<br />
Greo & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=royalblue>Ein komischer Kauz, anders konnte Shanaya den Mann, der ihr eben begegnet war, nicht beschreiben. Er hatte sie für eine Hure gehalten, was sie... nicht wunderte. Immerhin hatte er sie wohl gesehen, wie sie das Bordell verlassen hatte. Da musste man wohl unweigerlich zu solch einem Schluss kommen. Aber wie immer ging die Schwarzhaarige nicht davon aus, ihn so schnell wieder zu sehen. Also verschwendete sie nicht sehr viele Gedanken an den Lockenkopf, lehnte sich stattdessen etwas zurück und blickte zu dem Himmel, an dem noch genug Sonnenstrahlen tanzten, die die Gassen erhellten. Aber lang würde der Tag nicht mehr sein. Shanaya schloss die Augen, atmete ruhig ein und aus, lauschte dabei der Umgebung. Sollte sie noch einen kleinen Spaziergang wagen? Ins Bordell zurück zu gehen war noch keine Option... viel mehr spürte sie noch immer das Verlangen, sich ein Zimmer in einer der Tavernen am Hafen zu nehmen. </font><br />
<br />
<font color=#696969> Zwischen den Fingern rieb er zwei minderwertig Münzen gegeneinander. Das schabende Gefühl bekam er ebenso wenig mit, wie offenbar seine Umgebung. Er schaute zwar nach hier und da, aber blickte etwas treudoof in sich hinein. Er zählte sein spärliches Einkommen für diesen Tag, denn Greo war ja immer gut darin, sich zu verdrücken und hier und da einfache Tätigkeiten zu übernehmen, mit denen er sich ein Zubrot verdienen konnte. So auch heute. Auf seinem Rückweg mit sich selbst beschäftigt, bemerkte er seine Freundin nicht, die auf dem Grund saß und marschierte über ihre Beine. Er konnte gerade noch die Arme ausstrecken und sich abfangen, sonst wäre er mit der Schnauze im Dreck gelandet. Irritiert guckte er sich um war schon im Begriff die Schnüss aufzumachen und sich zu beschweren, als er Shanaya erkannte. <i>„Gott, deine Stelzen. Zieh die mal ein.“</i>, brummte er, krabbelte zu ihr rüber und setzte sich neben sie. <i>„Ich meine, tut mir leid, ich hoff, das tat nicht weh.“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya hörte Schritte, konnte ihnen jedoch keine genaue Richtung zuordnen. Sie verharrte also in ihrer Position, auch als das Geräusch lauter wurde. Einige Herzschläge lang wuchs die Skepsis in ihr an, dann spürte sie das Trampeltier, das nicht auf seinen Weg achtete. Die Schwarzhaarige öffnete die Augen zu Schlitzen, funkelte in die Richtung des Mannes, als sie ihn auch schon erkannte und sich ihre Miene aufhellte. Ihr Grinsen nahm einen amüsierten Zug an. „Mach du doch eher die Augen auf! Mit ruhiger Miene beobachtete die junge Frau, wie Greo sich neben sie setzte, schüttelte dann auf seine Worte hin leicht den Kopf. <i>„Ich denke, ich schaffe es... aber jetzt schuldest du mir etwas. Eine Einladung zum Essen zum Beispiel!“ </i> </font><br />
<br />
<font color=#696969><i>„Du Weib ziehst echt aus allem Profit.“</i>, grummelte er und guckte sie wie ein getretener Hund an. Aber letzten Endes, ja, hätte er auf den Weg achten können. Da war schon etwas dran. Er hielt demonstrativ das bisschen Geld hoch, mit dem sie vielleicht einen lauwarmen Teller dünner Suppe bekommen konnten. <i>„Solange dir keine allzu prachtvolle Tafel vorschwebt, wäre das sogar im Rahmen des Möglichen.“</i>, versuchte er es diplomatisch auszudrücken und klopfte sich etwas Staub vom Hemd runter.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lachte herzlich über den 'Vorwurf' des Dunkelhaarigen und zuckte daraufhin leicht mit den Schultern. <i>„Gewusst wie, hm? Es funktioniert einfach viel zu oft.“</i> Und das war nicht einmal gelogen. Als der Riese dann zwei Münzen in die Höhe hielt musste Shanaya noch ein wenig breiter schmunzeln. „Ich habe ja nie von jetzt sofort gesprochen. Ich merke mir das einfach für später.“ Und so etwas vergaß sie sicher nicht. <i>„Du kommst trotzdem genau richtig. Ich will noch nicht da hin zurück...“</i> Ihr Kopf nickte in die Richtung des Bordells. <i>„Hast du Lust auf ein kleines, langsames Abenteuer mit etwas Bewegung?“</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969>Zwar hatte er sich etwas missmutig angestellt, aber im Grunde wäre er auch sofort mit ihr eine Runde Futterluke füllen gegangen und er war sicher, dass sie das auch wusste. Er folgte ihrem Kopfnicken und schaute zu dem Bordell, das für ihn wie von einer roten Grenze umgeben schien. <i>„Sag bloß, dieses exklusive Etablissement spricht nicht die tiefste Freude deines Herzens an?“</i>, übertrieb er maßlos und wandte sich ihr stirnrunzelnd zu, bevor er wieder ernst wurde: <i>„Nichts lieber als das. Jede Stunde weniger da ist mir willkommen.“ </i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue> Mehr als ein abfälliges Schnaufen hatte Shanaya kaum für die Worte des Dunkelhaarigen übrig. <i>„Hätte Luc nicht meine Schwäche ausgenutzt und mich da rein geschleppt, hätte ich dieses Gebäude sicher nicht betreten.“</i> Trotz des Widerstandes in ihrer Stimme huschte ein hauchzartes Lächeln über die Züge der jungen Frau, das sie versuchte mit einem Schütteln ihres Kopfes abzuwerfen. <i>„Sehr gut. Ich habe zwar noch keine Idee, was man hier so treiben kann... aber wir finden schon etwas.“</i> Damit machte sich die Schwarzhaarige etwas umständlich daran, aufzustehen. </font><br />
<br />
<font color=#696969>Greo zog es vor, nicht weiter nachzufragen. Er konnte sich ungefähr ausmalen, warum eine Frau nicht unbedingt scharf auf einen längeren Aufenthalt in einem Bordell war und sollte es noch andere Gründe dafür geben, so waren sie mit Sicherheit sensibel und daher äußerst privat. Und das war ein Terrain, dass er nicht ohne weiteres betrat. Er begnügte sich daher mit einem Nicken als Erwiderung, stand ebenfalls auf und schlug schnurstracks die entgegengesetzte Richtung von dem Weg ein, den er zuvor genommen hatte. <i>„Lust auf Menschenmenge oder lieber Ruhe?“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Greo ging nicht weiter auf ihre Worte ein und so nahm Shanaya es auch einfach hin. Sie waren sich da offensichtlich ziemlich einig, was ja nicht bei jedem Thema der Fall war. Wieso hatten sie sich eigentlich nicht zusammen getan und rebelliert? Sie hätte es zu gern gesehen, wie Lucien sich Greo über die Schulter warf, während der ihm sämtliche Beleidigungen an den Kopf warf, die ihm einfielen. Ein bezauberndes Bild. Die junge Frau griff nach ihrer Krücke, ließ den Blick kurz schweifen, ehe sie die blauen Augen auf den Mann richteten. <i>„Ich bin ganz schwer für ein bisschen Ruhe.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969> Er sah ihre Gehhilfe an, die er schon wieder vergessen hatte. Und das lag nicht an seinem lädierten Schädel. Das war schlichtweg Greo. <i>„Wie weit kannst du damit?“</i>, fragte er geradeheraus und deutete auf die Krücke. Er wusste, dass ihr die Decke auf den Kopf fiel, aber er konnte sie jetzt nicht guten Gewissens vor die Stadttore marschieren lassen. So gut ging es ihr dann vielleicht doch noch nicht. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die blauen Augen Shanayas folgten Greos Blick, ehe sie leicht eine Augenbraue hob und ihn mit einem Lächeln anblickte. <i>„Weiter, als du vermutlich glauben wirst.“</i> Gut, sie würde sicher nicht Stunde um Stunde durch die Gegend schleichen können – allein das Fieber würde sie früher oder später eines Besseren belehren. Aber es würde schon gehen. <i>„So lange du mir keine Horde bissiger Hunde auf den Hals hetzt, geht das schon.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=#696969> Da war sie wieder, die alte Shanaya, die verschmitzt eine Behauptung anstellte, die ihre Stärke untermalte. Allzu schlecht konnte es dann nicht um sie stehen, wenn sie wieder Witze machen konnte. Greo hatte so die vage Erinnerung, dass er selbst ziemlich lange nicht dazu in der Lage gewesen war. Vielleicht immer noch nicht. <i>„Kann ich nicht versprechen. Ich mach das schon gerne.“</i>, meinte er auf ihre letzte Aussage hin und versuchte keine allzu ausladenden Schritte zu machen; immerhin waren seine Beine auch länger und ließen ihn schon für gewöhnlich doppelt so schnell laufen, wie manch anderen. Vereinzelte Personen kamen an ihnen vorbei. Ein uniformierter Mann tauchte in der Ferne bei einer Abbiegung auf. Greo verengte die Augen und leitete ihren Weg in eine Seitengasse um, die in einer engen Straße mündete, in der sich einfaches Volk tummelte. Ein Schwein drängelte vorbei. Alarmiert merkte er auf, ob das Tier Shannys Krücke in die Quere kam. </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„ICH lade dich zum Essen ein, wenn du mir aus dem Nichts eine Meute wütender Hunde her bringst.“</i> Sie schmunzelte amüsiert, warf Greo damit einen vielsagenden Blick zu. Sollte er ruhig! Das war es ihr wert. Auch die junge Frau behielt die Umgebung im Auge, folgte dem Weg, den Greo vor gab und und blieb abrupt stehen, als sich ein rosanes Tier an ihnen vorbei bewegte. Shanaya hob eine Augenbraue, für Greo deutlich sichtbar, dass ihr ein Gedanke durch den Kopf ging – den sie kurz darauf auch äußerte.<i> „Bist du schonmal auf einem Schwein geritten?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#696969> Der Farmer holte tief Luft, als wolle er jetzt auf der Stelle beweisen, dass er durchaus dazu in der Lage war die Hunde herzuzaubern, kam aber nicht mehr dazu. Hätte es auch nicht gekonnt. Das war nun keine Überraschung. Stattdessen schaute er Shanaya erst konsterniert, dann nachdenklich und schließlich mit wachsender Begeisterung in den Augen an. <i>„Nein, auf Schafen, Kühen und einmal saß ich auf einem Krokodil, aber nie auf einem Schwein.“</i> Er grinste verschlagen und hielt die Hand nach der Krücke auf. </i>„Bitte, ich gebe dir den Vortritt, entziehe mich aber jeder Verantwortung. Du bist noch verletzt.“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Die Schwarzhaarige warf ihrem Gegenüber nur einen kurzen Blick zu, als erwartete sie eine Antwort. Aber er schwieg, zauberte auch keine Hunde aus seinem Hut (!) und Shanaya nickte zufrieden. Als er dann auf ihre wichtigere Frage einging, neigte sich der Kopf der jungen Frau merklich zur Seite. „... auf einem Krokodil?“ Ihre Miene wurde ein wenig skeptisch. Wieso setzte man sich auf ein Schuppentier? </i>„Zählen die da, wo du herkommst, als Reittier?“</i> Ihr Lächeln untermalte ihre nicht ernst gemeinten Worte, dann wurde es noch ein wenig breiter. <i>„Das sah bestimmt ein wenig affig aus, so nah am Boden mit deinen meterlangen Beinen.“ </i>Sie stieß ihrem Freund mit der Faust gegen einen Arm, trat dann zu dem Schwein, das sie skeptisch musterte. Auf ihre Krücke gestützt, hob sie den Fuß des verletzten Beines und berührte das rosa Tier mit der Fußspitze. Es grunzte, trottete dann langsam – sehr langsam – weiter. </font><br />
<br />
<font color=#696969>Greo machte eine gewichtige Miene. </i>„Mitnichten.“</i>, grinste er, „Du irrst dich gewaltig. Die größeren Exemplare heben ordentlich vom Boden ab, wenn die sich aufstemmen.“ Er wusste nicht, wie er es optisch darstellen sollte und fuchtelte etwas unbeholfen mit den Händen rum. <i>„Die reitet man auch nicht. Aber wenn du hinten am Rücken sitzt, erwischen sie dich nicht mit dem Maul, die können sich nicht so weit biegen. Wir haben’s nur gefangen.“</i> Und getötet und gegessen, fügte er gedanklich hinzu, ersparte ihr aber die Details. Er rieb sich den Arm, wo sie ihn getroffen hatte, schob sich an ihr vorbei und packte das Schwein ungerührt am Nacken. <i>„So macht man das.“</i>, demonstrierte er, lief einfach über das gewaltige rosa Tier und ließ sich wenig zimperlich auf dessen Rücken nieder. Das fand das Schwein eher suboptimal. Es gab ein hochfrequentes Quietschen von sich und flitzte los. Greo ruckelte ein paar Meter mit, musste dann aber ab- oder mehr, hochspringen, weil das Schwein eine plötzliche Wende einlegte und mit empörtem Grunzen in einem Hofeingang verschwand. <i>„Na ja. Nicht beeindruckend.“</i>, gab er zu und bewegte in einem leichten, nun, Unwohlsein die Beine hin und her, weil ihm da was im Schoß wehtat. So ein Schwein war halt kein gepolstertes Schaf.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue> <i>„So? Trotzdem hätte ich das sehr gern gesehen. Sobald ich ein Krokodil sehe, rufe ich dich.“</i> Was er mit einem gefangenen Krokodil angestellte hatte, entzog sich ihrer Vorstellung, Shanaya kam jedoch auch nicht mehr dazu, nachzufragen. Greo war neben ihr und bevor sie sich versah, saß der Hüne auf dem rosanen Tier, das sofort auf quietschte. Shanaya stand ein wenig verdutzt da, blinzelte, ehe sie lauthals zu lachen begann, als Greo wieder von dem Tier herunter sprang. <i>„Wirklich unglaublich... elegant. Wie eine Elfe.“</i> </font><br />
<br />
<font color=#696969>Erst guckte er ein wenig gequält, rang sich dann aber auch ein verschmitztes Grinsen ab. <i>„Ja, an meiner Grazie ist nicht zu zweifeln.“</i>, lobte er sich selbst und war insgeheim froh, dass die lädierte Shanaya nicht auf den Schweinerücken draufgehüpft war. Greo guckte einer alten Matrone demonstrativ in das breite Gesicht, während diese missbilligend den Kopf schüttelte und sich abwandte. Offenbar fand sie die ganze Aktion etwas albern (was sie ja auch eigentlich war). Ein paar Kinder hingegen kicherten und flitzten in den Hofeingang, in dem auch das Schwein verschwunden war. Greo hatte sie anscheinend auf dumme Ideen gebracht. Er feixte und ging weiter die Straße hinauf. Es war hier nicht mehr allzu voll, dennoch befanden sich ein paar Menschen einzeln oder in kleinen Zusammenkünften vor den aufragenden Häusern. Ein paar Meter vor ihnen stritten sich zwei Personen lautstark. Greo runzelte die Stirn. <i>„In der Stadt hat sich wohl alles in der Wolle.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya verzog die Lippen zu einem Grinsen, als Greo ihre Worte noch einmal selbst bestätigte. Aber bei der Größe war es vermutlich auch... deutlich schwerer, echte Eleganz an den Tag zu legen. Und zudem war er ja, wie er immer selbst betonte, ein Bauer. <i>„Du bist Bauer, das sagst du doch selbst immer. Ihr habt vermutlich nicht so viel mit Eleganz am Hut, hm?“</i> Shanaya warf dem Dunkelhaarigen einen vielsagenden Blick und ein Zwinkern zu. Der Blick ihres Freundes folgte ein paar Kindern, die durch seine Aktion scheinbar auf den Geschmack gekommen waren. Das arme Schwein. Aber Shanaya folgte dem Weg des Mannes, verengte bei seinen Worten – und dem Anblick der Streitenden – leicht die Augen, ehe sie leise auflachte und dann den Arm, mit dem sie sich nicht auf die Krücke stützte, ausbreitete und andächtig Luft holte. <i>„Diese Stadt braucht mehr Liebe. Das würde ihr gut tun.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#696969>Er runzelte interessiert ob ihrer Aussage die Stirn und sagte: <i>„Das ist eine gute Beobachtung. Aber Gott, nein, es sind nicht alles Trampel. Die Damen muss ich doch davon ausnehmen.“</i> Schließlich hielt er vor ihrer ausladenden Armbewegung inne und verzog ein bisschen den Mund. <i>„Liebe, soso.“</i>, kommentierte er und beobachtete, wie das eine Weib sich nun niederbückte, um eine ihrer Holzpantinen abziehen und mit hochrotem Gesicht auf die Nase der anderen zu zielen. Greo sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. „Oh, das war knapp. Ich sag dir, Liebe war bei denen das Problem. Möchte wetten, die eine hat sich an den Kerl des anderen rangeschmissen.“  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya lachte, als Greo die Frauen aus dem 'Bauerntum' heraus nahm. <i>„Also sind die Männer bei dir zu Hause alles Trampel und die Frauen kümmern sich um das Wichtige?“</i> Wieder huschte ein neckendes Grinsen über das Gesicht der Schwarzhaarigen. Eine der Streithähne machte sich schließlich auf und davon – was Shanaya nur noch breiter grinsen ließ. Man sollte sich nicht in der Öffentlichkeit ankeifen, wen es einem dann doch unangenehm wurde. <i>„Tja... Manche Probleme kann man sich ganz einfach ersparen.“</i> Die Schwarzhaarige ließ den Arm nun sinken, strich sich dafür kurz über die Augen. <i>„In dem Fall wird es sicher noch mehr Krieg zwischen ihnen geben...“</i>  </font><br />
<br />
<font color=#696969>Er winkte ab. <i>„Ach, scher das doch nicht alles über einen Kamm. Gibt solche und solche, auch vieles Weibsbild hat da keine reine Weste.“</i> Irgendwie bedauerte er es nicht allzu sehr, dass sich die Wege der streitenden Frauen trennten und wieder etwas mehr Ruhe auf der Straße einkehrte – von den paar Schaulustigen, die die Szenerie mit Kichern beobachtet hatten, mal abgesehen. <i>„Sollen die mal. Betrifft uns ja nicht.“</i>, meinte er schulterzuckend, <i>„Da hast du schon ganz Recht. Manche Probleme kann man sich ganz einfach sparen.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=royalblue><i>„Da mir Männer schon immer lieber waren als weibliche Gesellschaft... glaube ich dir das auf's Wort.“</i> Umso mehr fragte sie sich, wie Greos zu Hause war. Wie er gelebt hatte, bevor sie ihn auf die Sphinx geschleppt hatte. Shanaya stampfte zwei Mal mit der Krücke auf den Boden, ohne dabei groß etwas zu sagen zu haben. Viel mehr um einen Gedanken zu vertreiben, der sich ihr in diesem Moment aufzwingen wollte. Sie lachte leise. <i>„Und das, wo ich mich selbst als so etwas wie eine Romantikerin betiteln würde...“</i> Gewiss nicht wie die, die man sonst unter diesem Begriff kannte. „Man muss einfach aufpassen, dass man nicht an die falschen gerät.“ Sie wusste nicht, wieso genau sie diese Worte sagte. Vielleicht, um sich selbst einfach daran zu erinnern. </font><br />
<br />
<font color=#696969> Wie beiläufig stieß er einen geöffneten Fensterladen mit einer leichten Handbewegung von sich weg. Wenn die Dunkelhaarige Männer lieber mochte, hatte sie sich offensichtlich die beste Berufung ausgewählt, die es gab. Viele Frauen waren in ihrer… nun… Szene nicht unterwegs und trotzdem gab es für sie durchaus die Möglichkeit, sich nach eigenen Fähig- und Fertigkeiten einzubringen. <i>„Romantik. Ja ja. Du Süßholzrasplerin.“</i>, murmelte er, weil ihn irgendeine Erinnerung im Hinterkopf kitzelte, die er zwar nicht mehr klar erfassen konnte, aber zu diesem Thema zu passen schien.<i> „Gibt es ein Geheimnis, wie man nicht ‚an die Falschen‘ gerät?“</I>, fragte er und setzte den letzten Teil des Satzes mit Fingerbewegungen in Anführungszeichen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Greo sagte Nichts mehr zu dem Thema 'Frauengesellschaft* und so ließ auch Shanaya dieses Thema ruhen, stattdessen ließ sie den Blick über ihre Umgebung schweifen. Es war nicht besonders viel los, hier und da standen vereinzelte Stände. Aber immerhin begegneten ihnen nicht zu viele Menschen. <i>„Ich bin eben eine Romantikerin durch und durch. Im Gegensatz zu manchem Bauerntrampel.“</i> Ein vielsagender, aber gleichzeitig sanfter Blick galt dem Dunkelhaarigen. Er war eben wie er war. Und genau das mochte sie so an Greo. <i>„Man kann einfach sein Gehirn benutzen. Wenn eines vorhanden ist. Dann wird man schon wissen, was gut für einen ist und was nicht.“</i> Für sie war das in diesem Moment vollkommen logisch.  </font><br />
<br />
<font color=#696969>Seine Mundwinkel zuckten ob ihrer Anspielung auf den Bauerntrampel hin, aber er zog es vor, da nicht weiter drauf einzugehen. Das war eine unumstößliche Tatsache und dazu musste niemand mehr etwas erklären. „Kann man das?“, sinnierte er und legte eine kurze Pause ein. <i>„Nicht jedes Arschloch zeigt sich offensichtlich als solches.“</I> Greo musste an sich selbst denken und verzog das Gesicht. <i>„Urghs, vielleicht doch.“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya überlegte kurz, als Greo ihre Worte hinterfragte. Konnte man das? Die Antwort war sie vollkommen klar. <i>„Davon bin ich überzeugt, ja.“</I> Was der Riese dann weiter sagte, ließ Shanaya leise auflachen. Das war wohl wahr... <i>„Mit genug Menschenkenntnis erkennt man das aber trotzdem... wer sich dann noch verliebt...“</I> Sie zuckte leicht mit den Schultern, ignorierte, dass ihre eigenen Worte eine gewisse Unruhe in ihrem Inneren auslösten. </font><br />
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<font color=#696969>Greo überlegte, wie er eine Antwort formulieren konnte, die sie nicht als naiv oder unerfahren dastehen ließ; er wusste, dass er damit einen Nerv treffen würde und er ahnte, dass er damit inhaltlich vor eine Wand prallte. Er ehrte ihre feste Einstellung, aber dennoch hatte er das Bedürfnis, ihr ein bisschen was mit auf den Weg zu geben. Das hatte er schon vorher manchmal versucht, meinte er sich zu erinnern, doch ob das wirklich zu ihr durchgedrungen war? <i>„Ab wann hat man denn diese Menschenkenntnis?“</i>, fragte er mit etwas zweifelndem Ton und konnte im Gegensatz zu ihr nicht lachen. <i>„Der Punkt ist ja, dass der Verstand schnell mal ausgeschaltet wird. Und dann? Dann kann es schon zu spät sein.“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Nur kurz huschte Shanayas Blick zu ihrem Freund herum, dem sie fast ansehen konnte, dass er über ihre Worte nachdachte. Seine Frage ließ sie dann selbst, leicht nachdenklich, eine Augenbraue heben. <i>"Ich denke... die hat man... oder eben nicht. Vielleicht kriegt man sie noch durch Erfahrung, aber sonst..."</i> Sie schmunzelte leicht. Sie hatte genug Menschen kennen gelernt... ob sie diese Kenntnis nun besaß oder eben erworben hatte... Eine Frage, die nicht zu beantworten war. <i>"Und ich denke, dass auch das etwas ist, an dem man arbeiten kann... Selbstkontrolle... Man muss sich nur genug anstrengen."</i> </font><br />
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<font color=#696969>Aus seiner Nase schnaubte ein undefinierbares Grunzen. Ein Hund in der Nähe schaute bei diesem Geräusch mit nach vorn gestellten Ohren aufmerksam zu ihnen hinüber. Das etwas struppige, offenbar verwahrloste Tier kam zögerlich ein paar Meter näher und heftete sich an die Fersen der beiden Piraten. Greo fummelte ein paar Krümel alten Essens aus der Hosentasche und ließ sie auf den Boden rieseln, während sie weiter ihren Weg bahnten. Der Hund saugte das spärliche Mahl auf und huschte ihnen weiterhin nach. <i>„So, und du hast diese Kenntnis?“</I>, fragte er, <i>„Oder musst du auch noch dran arbeiten?“</i> Beides vielleicht. „<i>Was sagt sie dir denn über mich?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Einen Moment musterte Shanaya den Hund, der ihnen folgte, mit skeptischer Miene. Greo wirkte nicht wirklich wie der Typ Mensch, der sich gern in große Menschengruppen begab. Dafür schien er alles an Getier um sich zu scharen, was ihnen so begegnete. Eine Tatsache, die die junge Frau sanft schmunzeln ließ. Erst bei den Fragen des Dunkelhaarigen wandte Shanaya den Blick wieder zu ihrem Freund herum. <i>„Natürlich habe ich das. Was für eine Frage.“</i> Sie grinste breit, ließ die Arme dann durch die Luft schwingen, warf noch einmal einen Blick zurück zu dem Hund, ehe sie antwortete. „<i>Dass du viel, viel lieber mit Tieren als mit Menschen zu tun hast.“</i> Ein vielsagender Blick galt dem Farmer. </font><br />
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<font color=#696969>Obgleich er ihnen folgte und etwas abzustauben versuchte, zog der Hund unwillkürlich die Lefzen etwas hoch und zeigte seine Zähne, sobald Greos Arm eine zu ausladende Bewegung machte, während er dem Tier etwas zu fressen zuwarf. Der Farmer maß der warnenden Geste nicht allzu viel Bedeutung bei und vermied schlichtweg den Blickkontakt zu dem kleinen Räuber. <i>„Oh, beeindruckend.“</i>, grunzte er, <i>„Du zeichnest dich durch eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe aus, denn das während sicher sonst nie jemandem aufgefallen.“</i> </font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[What we see is real and true]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=939</link>
			<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 12:44:59 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=939</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">What we see is real and true</div>
<font size=1>Abend des 20. Mai<br />
Talin Dravean & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=royalblue>Der Tag neigte sich langsam dem Ende und Shanaya war mehr als froh darum. Den Großteil der Nacht hatte sie wach verbracht, wenn auch in… guter Gesellschaft. Trotzdem spürte sie die Müdigkeit, die durch ihre Knochen kroch. Zudem… war sie lange nicht mehr so viel unterwegs gewesen. Umso mehr genoss die junge Frau es in diesem Moment, sich einfach auf ihrem Bett zu rekeln, das verletzte Bein zu entlasten und einfach darauf zu warten, dass es dunkel wurde. So zwängten sich ihr jedoch auch die Bilder der vergangenen Nacht wieder auf, die ihren Blick irgendwann still an die Decke wandern ließen, ein unruhiges Kribbeln in ihr auslösten, bis sich die Schwarzhaarige schließlich aufsetzte, die Beine vom Bett schob und die blauen Augen aus dem Fenster richtete. </font><br />
<br />
<font color=#66CDAA> Mit einem amüsierten Lächeln sah Talin den Mädchen des Hauses dabei zu, wie sie die Kundschaft umgarnten und dabei immer mehr Düfte den Raum erfüllten. Sie wusste selbst, dass der Rauch dazu diente, die Männer und manchmal auch Frauen zu entspannen und dem ganzen Bordell etwas Geheimnisvolles zu verleihen. Für einen Moment überlegte sie, ob sie sich nicht einfach ins Gedränge stürzen sollte. Ein paar der Mädchen, das wusste sie inzwischen, hätten nichts dagegen gehabt. Ihr Blick fiel auf ihre bandagierte linke Hand und sie verzog missmutig und traurig das Gesicht. Mit einem leisen Seufzer drehte sie sich um und ging die Treppe wieder hinauf, um in ihr Zimmer zurückzukehren. Einer Eingebung folgend, lief sie an ihrer Tür vorbei und ging weiter, bis sie vor einer anderen stand. Kurz zögerte sie, bevor sie sich schließlich dazu durchrang zu klopfen und dann leise die Tür zu öffnen. Der Blick der Blonden fiel auf Shanaya, die auf ihrem Bett saß und aus dem Fenster sah. Talin lächelte ein kleines Lächeln, als sie eintrat. <i>„Hallo, du. Wie gehts dir?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya hatte keinen festen Punkt, auf den sie sich bewusst konzentrierte. Vielleicht war es der Vogel, der an ihrem Fenster vorbei flog. Vielleicht die kleine Wolke, die über den blauen Himmel zog. Oder eine Spiegelung des Sonnenlichts. Als es jedoch klopfte, richtete sie die hellen Augen herum, legte sich schon passende Worte zurecht. Immerhin erwartete sie von irgendwem eine kleine Standpauke, dass sie den ganzen Tag unterwegs gewesen war. Als ihr liebster Blondschopf das Zimmer betrat, verwandelte sich ihre abwartende Miene jedoch zu einem freundlichen Gesicht, mit dem sie Talin bedachte. <i>„Ich war den ganzen Tag mehr oder weniger auf den Beinen.“</i> Sie gluckste leise über sich selbst. <i>„Trotzdem… ist mir langweilig. Es wird Zeit, dass diese verdammten Wunden heilen, sonst gehe ich hier die Wände hoch und nehme das Zimmer auseinander.“</i> Nun nickte sie mit dem Kopf neben sich auf das Bett, ein einladendes, vom Fieber erschöpftes Lächel auf den Lippen. <i>„Aber ein wenig nette Gesellschaft hilft sicher dagegen.“</i>  </font><br />
<br />
<font color=#66CDAA>Für einen Augenblick hatte Talin das Gefühl, Shanaya hätte jemand anderen erwartet. Immerhin änderte sich deren Miene von abwehrend oder zumindest genervt, zu freundlich. Darüber konnte die Blonde einfach nur Schmunzeln und einen Hauch Mitleid mit ihren beiden Ärzten empfinden. Sie wollte gar nicht wissen, wie abgekämpft sie waren. Stattdessen trat sie näher zum Bett von der dunkelhaarigen, nahm deren Einladung an und setzte sich neben sie. <i>„Ich glaube, ich sollte an dieser Stelle schimpfen, weil du einfach draußen warst, aber das ist denke ich besser, als dich hier zulassen, damit du dich zu Tode langweilen kannst.“</i> Sie hob eine Hand und legte sie sacht an Shanayas Stirn. Skeptisch wanderte eine Augenbraue in die Höhe. <i>„Naja, vielleicht stirbst du auch am Fieber“</i>, meinte sie halb belustigt, halb tadelnd und sah dann an dem Mädchen vorbei durch das Fenster. <i>„Aber ich glaube nicht, dass du keine Gesellschaft hattest. Gregory war doch die meiste Zeit bei dir. Und Lucien kam erst gestern.“</i> Sie schmunzelte leicht.  </font><br />
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<font color=royalblue>Als offensichtlich war, dass Talin zu ihr hinüber kam, wandte Shanaya den Blick wieder herum, wartete mit ruhiger Miene, bis ihre Freundin sich neben sie auf das Bett sinken ließ. Erst als die Stimme der Blonden erklang, verengte die Dunkelhaarige die Augen, drehte den Kopf zu der anderen Frau herum, als sie auch schon eine Hand auf der Stirn hatte, die sie blinzeln ließ. Sie ließ ihr nicht einmal die Chance, auf ihre ersten Worte zu antworten, entlockte ihr dafür mit ihren nächsten ein heiseres Auflachen. <i>„Meinst du, ich bin so leicht unter zu kriegen?“</i> Sie grinste Talin entgegen, eine Miene, die bei den nächsten Worten, die fielen, den Hauch einer Sekunde abebbte, dann aber zurück kehrte. Sie seufzte leise. <i>„Gregory ist nicht das, was ich unter guter Gesellschaft verstehe. Und Enrique ist auch kein guter Zimmerkamerad. Ich bin also froh über Greo…“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Aus dem Augenwinkel erkannte sie, wie Shanayas schiefes Grinsen für einen Augenblick verrutschte. Als sie das sah, musste sie ihren Kopf wieder wenden und die Dunkelhaarige direkt anblicken. Obwohl sie vollkommen ruhig sprach und so wie immer, hatte Talin das unbestimmte Gefühl, sie wich ihr aus. Seltsam. Woher kam das bloß? Sie verkniff sich ein Grinsen und schüttelte nur den Kopf, als die andere quasi mitten im Satz abbrach. <i>„Du bist froh über Greo...was? Aber von den dreien hab ich gar nicht gesprochen, sondern von meinem Bruder, meine Liebe.“</i> Ihr Grinsen wurde ein Stück breiter, während ihr Herz ein klein wenig schneller schlug. Für einen Moment wich sie Shanayas Blick aus, schob sie eine Haarsträhne mit der bandagierten Hand hinters Ohr und blickte dann wieder auf. <i>„Im Grunde hast du mir nicht gesagt, ob Lucien zu einer guten Gesellschaft für dich gehört.“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya neigte leicht den Kopf, erwiderte den Blick ihrer Freundin mit ruhiger Miene, auch wenn ihr Herz ein paar Takte schneller schlug. Es war verrückt. Sie atmete also einmal leise auf, wog dann leicht den Kopf zur Seite, ohne den hellen Blick von Talins Gesicht zu nehmen. <i>„Ich habe ihn immerhin nicht bei der schlechten Gesellschaft aufgezählt, oder nicht?“</i> Shanaya war der Blonden nicht wirklich bewusst ausgewichen, es störte sie immerhin nicht, was Talin wusste – und was nicht. Umso stärker wart dieses innere Bedürfnis, das Thema zu wechseln. Wieso auch immer. <i>„Was hast du mit deiner Hand gemacht? Unfall beim Mittagessen?“ </i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Wenn ihr Grinsen noch ein wenig breiter wurde, würden ihre Wangen explodieren müssen. Aber es war auch einfach sehr amüsant, wie Shanaya ihr auswich und selbst nicht einmal zu wissen schien, was das Problem war. Oder sie wusste es und spielte die Verwirrte nur sehr überzeugend. Vielleicht wollte Talin deshalb so dringend mehr fragen und tiefer gehen, aber die Dunkelhaarige wechselte einfach das Thema. Die Blonde blinzelte und sah auf ihre Hand hinab. Sie ballte die zu einer Faust, spürte nur ein kurzes Ziehen und sah dann mit leicht verträumten Blick und einem belustigten Lächeln zu Shanaya auf. <i>„Es wird eine gute Narbe, dass ist alles, was zählt.“</i> Das Lächeln wurde wieder zu einem Grinsen. <i>„Warum hast du Lucien heute Nacht nicht gefragt? Er hatte auch einen Verband um seine Hand. Oder hattest du keine Gelegenheit ihn zu fragen?“</i> Vielsagen ließ sie ihre Augenbrauen in die Höhe wandern.  </font><br />
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<font color=royalblue>Ganz langsam hob Shanaya eine Augenbraue, als Talin auf ihre Hand hinab blickte. Als sie kurz darauf wieder zu der Dunkelhaarigen hinauf blickte, erwartete sie ein abwartender Blick. Eine gute Narbe? Das war keine zufrieden stellende Antwort. Was die Blonde dann sagte, brachte Shanaya jedoch von jeglicher, weiterer Nachfrage ab und ließ sie skeptisch die Augen zusammen kneifen. Sie versuchte einen Moment lang sich daran zu erinnern, ließ dann aber ein breites Grinsen auf ihren Lippen erscheinen. Irgendwo in ihrem Hirn regte sich eine dunkle Erinnerung. <i>„Hast du uns etwa belauscht? Oder woher weißt du davon?“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA> Sie lachte laut auf, als sie sah, wie es anfing in Shanaya Kopf zu arbeiten. Ach herrje, da war wohl wenig Zeit gewesen, darüber nachzudenken, was wohl der Verband bei Lucien zu bedeuten hatte. Oder um überhaupt wahrzunehmen, dass er einen hatte. Wer wusste das schon? Denn im Gegensatz zu Shanayas Vermutung, hatte Talin nicht gelauscht. So was machte man als artige kleine Schwester einfach nicht. Die Blonde schüttelte den Kopf und blickte das andere Mädchen verschmitzt an. <i>„Ich war heute Morgen ziemlich früh wach. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Und wie ich so den Flur entlang gehe, öffnet sich auf einmal deine Zimmertür. Und wer kommt heraus? Mein geliebtes Brüderchen. Es war so früh, dass noch keiner bei euch hätte wach sein können, da frag ich mich dann natürlich, was er in dem Zimmer gemacht hat. Und der einzige Gedanke, der mir da kommt, ist, dass er gestern Abend oder Nacht zu dir kam und...blieb.“</i> Leicht neigte sie den Kopf. <i>„Und? Wie war ich?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya unterdrückte ein protestierendes Schnaufen, als Talin auflachte. Sie fragte sich, was die Blonde mit diesen ganzen Fragen bezweckte, versuchte aber gleichzeitig, nicht zu viel darüber nach zu denken. Trotz allem erwiderte sie den Blick der Anderen mit festem Blick, wich ihr nicht aus und lauschte ihren… ziemlich passenden Ausführungen. Wie lang war Lucien geblieben? Sie wusste es nicht. Aber das tat hier auch Nichts zur Sache. Trotzdem zog sich ihr Inneres zusammen, ihr Herz machte einige schnelle Sprünge, ehe sie den Ellenbogen auf das gesunde Bein stützte und das Kinn auf ihrer Handfläche ablegte. <i>„Und was meinst du Detektiv, was wir die ganze Nacht getan haben?“</i> Nun schwang eine leichte Herausforderung in ihrer Stimme mit. Sie war sich da selbst nicht einmal ganz sicher. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Für einen Augenblick wäre sie über Shanayas Reaktion fast enttäuscht gewesen. Hätte sie es mit einem anderen Mädchen zu tun, dann wäre die wenigstens einmal vor Scham errötet oder was auch immer andere, weit normalere Mädchen tun. Stattdessen wirkte die Dunkelhaarige fast ein wenig gelangweilt. Oder eben herausfordernd, als sie Talin so anblickte. Die Blonde blinzelte einmal, zweimal langsam, bevor sie leicht die Augen zusammenkniff bei der Frage der anderen. <i>„Was ihr gemacht habt...“ </i>Sie sah nachdenklich auf das Bein des Mädchens, bevor sie sacht schmunzelte. Wieso tat sie das hier eigentlich? Wieso tat sie sich das vor allem an? Wenn sie es zu genau wusste, dann würde es nur so wie damals enden. Wollte sie das wirklich erleben? Und trotzdem öffnete sie wieder den Mund, sprach gelassen weiter. <i>„Dein Bein ist noch nicht ganz wieder hergestellt und allein schläfst du auch nicht. Ihr werdet also nicht den ganzen wunderbaren, unanständigen Kram gemacht haben, den man in diesem Gebäude tun sollte. Stattdessen...was? Habt ihr gekuschelt und geschmust? Wie ein verliebtes Pärchen?“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya lauerte förmlich auf die Reaktion der anderen Frau, blickte ihr abwartend entgegen. Auch als die Blonde kurz zu dem verletzten Bein blickte, ließ die Schwarzhaarige den Blick auf ihr ruhen, wartete äußerlich nur ruhig ab, was sie antworten würde. Innerlich sah das Ganze irgendwie… anders aus. Sie fühlte sich ein wenig wie in einem Verhör, einer Ausfragerei, die für sie noch keinerlei Sinn ergab. Die Erinnerung an die letzte Nacht jagte ihr wieder diese Wärme durch den Körper, die sie mit einem Lachen im nächsten Moment zu verdrängen versuchte. <i>„Für diesen ganzen unanständigen Kram brauche ich gewiss nicht immer zwei Beine.“</i> Sie zuckte leicht mit einer Augenbraue, ließ sich dann etwas zurück sinken, um sich mit beiden Armen auf dem Bett abzustützen, den Blick noch immer auf Talin gerichtet. <i>„Was mich zu der Frage bringt, was es dir bringt, mich so auszuhorchen.“ </i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Talins Augenbraue zuckte leicht in die Höhe, als Shanaya lachte und ihr antwortete. Und als sie sich so ruhig und gelassen zurücklehnte, musste die Blonde grinsen. In der Tat hatte die Dunkelhaarige schon recht. Sie brauchte nicht zwingend zwei gesunde Beine, um Sex haben zu können. Aber wo blieb der Spaß, wenn man immer wieder von Schmerzen abgelenkt wurde. Natürlich kam man irgendwann über den Punkt hinaus, an dem man den Schmerz noch spürte, aber bis dahin zu kommen, konnte nicht jeder. Aber offensichtlich war das für Shanaya überhaupt kein Problem. Was Talin zu der Frage führte...nein, nein darüber wollte sie jetzt noch nicht nachdenken. Das konnte sie später auch noch tun, wenn sie herausgefunden hatte, was sie seit heute morgen beschäftigte. <i>„Dich auszuhorchen? Das klingt aber nicht sehr nett. Fühlt es dich so an?“</i> Sie schnalzte mit der Zunge und sah dem Mädchen direkt in die blauen Augen, immer noch ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen, mit einem Hauch von Schärfe. <i>„Also schön, dann höre ich auf, dich auszuhorchen. Oder sagen wir um den heißen Brei herum zu reden. Du schläfst mit meinem Bruder, geschenkt.“</i> Sie machte eine kleine wegwerfende Handbewegung. <i>„Bist du in ihn verliebt?“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Ganz automatisch neigte Shanaya leicht den Kopf zur Seite, gespannt, was Talin auf ihre Worte antworten würde. Sie konnte sich dieses Gefrage wirklich nicht erklären. War die Blonde so begierig darauf zu wissen, was sein Bruder so trieb? Oder… viel mehr mit wem er es trieb? Ein Gedanke, der die Schwarzhaarige trocken schlucken ließ, ein Ziehen in ihrem Inneren verursachte. Und tief in ihrem Inneren konnte sie dem Gedanken lauschen, dass es sie interessierte, was Talin von dieser ganzen Sache mit Lucien hielt. Sie war seine Schwester, natürlich. Vielleicht hatte sie deswegen eine vorgefestigte Meinung? Aber viel mehr interessierte es die Dunkelhaarige, weil sie die andere Frau nach wie vor als Freundin sah. Als Jemanden, dem sie näher stand als kaum Jemandem zuvor. Ein Grund mehr, von dieser ganzen Situation verwirrt zu sein. <i>„Was ist das hier denn sonst? Wäre das ein nettes Abendessen zu zweit, hättest du etwas zu Essen mitgebracht.“</i> Amüsiert zog sie wieder eine Augenbraue nach oben, bevor ihr Herz mit den nächsten Wortes ihres Gegenübers einige Sätze aussetzte. Vielleicht war es doch besser, um den heißen Brei herum zu reden. Mit einem Mal war ihr nicht mehr nur von dem Fieber so warm. Für einige Atemzüge schloss die junge Frau die Augen, blickte Talin dann wieder direkt an. <i>„Sollte ich? Nur, weil ich mir mit ihm das Bett geteilt habe?“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Ihre Antwort entlockte Talin ein Schnauben, aber sie schaute nicht weg, sondern beobachtete das andere Mädchen sehr genau. Es stimmte schon. Wenn man mit jemandem schlief, hatte das nicht immer etwas zu bedeuten. Viele Männer und Frauen waren sogar miteinander verheiratet, ohne dabei irgendetwas für einander zu empfinden. Es ging so vieles ohne Liebe, das wusste Talin ganz genau. Und trotzdem...es kam ihr so vor, als könnte sie in Shanaya lesen wie in einem Buch. Oder sie interpretierte in die ganze Angelegenheit zu viel hinein, weil das kleine Mädchen in ihr, so etwas schon einmal erlebt hatte. <I>„Ja, wieso solltest du in ihn verliebt sein?“</i> Sie stellte die Frage in den Raum, bevor ein kleines Lächeln über ihre Lippen huschte. Sie streckte sich auf dem Bett neben der Dunkelhaarigen aus, stützte einen Arm ab und mit der Hand ihren Kopf, nur um es sich wie eine Katze bequem zu machen, bevor sie weiter mit ihrer Maus spielte. <i>„Du meinst also, dir wird nicht warm, wenn du ihn siehst? Dein Herz schlägt nicht schneller, wenn du nur an ihn denkst? Und wenn er dich berührt, und sei es nur ein Streicheln der Wange, fühlst du dich nicht rundum wohl?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya fühlte sich nicht oft in eine Ecke gedrängt – allein schon weil sie dieses Gefühl einfach nicht zu ließ. In diesem Moment war es irgendwie anders. Sie wusste nicht, wieso. Sie empfand nicht mehr für den Dunkelhaarigen als das, was sie zu ließ. Und das ging gewiss nicht in die Richtung, von der Talin glaubte, dass es das war. Die Blonde wiederholte ihre Frage, rollte sich dann auf das Bett – ließ Shanaya dabei nicht aus den Augen. Manch einen hätte dieser Blick sicherlich zusätzlich nervös gemacht. Bei Shanaya machte dies eher der Rest – und sie konnte sich nicht einmal erklären, wieso. Sie lachte auf Talins Erwiderung, zuckte dann leicht mit einer Schulter. <i>„Meinst du nicht, du interpretierst ein wenig zu viel da rein, dass ich einmal (zweimal? ûu Editiere ich, wenn ich mehr weiß!) mit deinem Bruder geschlafen habe? Hast du Angst, dass ich ihn dir wegnehme?“</i> Wieder wog sie den Kopf zur Seite. Vielleicht stimmte manches von dem, was Talin sie fragte. Aber körperlich war niemand ihr je so nah gewesen, wie Lucien es war. Das war für sie Erklärung genug. </font><br />
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<font color=#66CDAA> Sie tat es ab. Sie tat es wirklich ab. Und Shanaya drehte den Spieß sogar noch um. Talin blinzelte überrascht ein paar Mal und sie spürte den Verband um ihre Hand intensiver als zuvor. Ob sie Angst hatte, die Dunkelhaarige würde ihr den Bruder wegnehmen? Das...für einen Augenblick sah sie nicht mehr Shanaya vor sich, sondern ein anderes Mädchen. Dunkle Haare, dunkle Augen, ein freundliches Lächeln, dass nach einiger Zeit böse, zornig und hasserfüllt wurde. Freundliche Worte, die sich schnell mit Verbitterung mischten. Innerlich zog sich Talin ein Stück vor der Erinnerung zurück. Sie hatte Angst, dass das Mädchen vor ihr genau so werden würde. Deshalb wollte sie nicht antworten. Sie wollte das nicht noch einmal erleben. Und war trotzdem her gekommen, um das für sich zu klären. Für einen Moment schloss die Blonde die Augen, atmete tief ein und sah dann wieder zu Shanaya auf, das Lächeln vom Gesicht verschwunden. <i>„Ich habe doch gesagt, es geht nicht darum, ob du mit ihm geschlafen hast. Das du es überhaupt getan hast, ist schon überraschend genug für dich.“</i> Nun musste sie doch wieder ein wenig schmunzeln. <i>„Und es hat auch nichts mit mir zu tun. Ich frage dich, weil mir Lucien und du wichtig seid.“</i> Sie zupfte ein wenig an dem Laken herum, auf dem sie lag und meinte dann noch so ganz nebenbei: <i>„Du hast nicht auf eine der Fragen geantwortet. Soll das also heißen, ich habe recht?“</i></font><br />
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<font color=royalblue>Etwas in Talins Blick veränderte sich, ließ Shanaya sich für einige Momente deutlich anspannen. Was hatten ihre Worte in der Blonden ausgelöst, dass sie von dem abließ, wegen dem sie eigentlich hier war? Sie hob langsam die Hand, um ihre Freundin an der Schulter zu berühren, als diese die Augen schloss. Aber die junge Frau hielt in der Bewegung inne, da der Moment mit Talins Worten schon wieder vorbei zu sein schien. Es überraschte sie? Verwirrend. <i>„Wieso überrascht dich das?“</i> Konnte sich die Blonde das nicht anders erklären, als dass Shanaya in den Dunkelhaarigen verliebt war? Sie lächelte wieder… und Shanaya beruhigte sich mit diesem Gesichtsausdruck ihrer Freundin ein wenig. Die kurze Unruhe – zumindest was das anging – verging… und machte nur wieder mehr Platz für die Vorherige. Als sie nun weiter sprach, dass ihr Bruder und Shanaya selbst ihr wichtig waren, wurde auch das Lächeln der Schwarzhaarigen ein wenig breiter, auch wenn das noch keine Antwort auf ihre Fragen war. Ihr blauer Blick ruhte dennoch wieder auf der Blonden, sie wog den Kopf von einer zur anderen Seite, ihr Lächeln wurde ein wenig schräger. <i>„Hast du vielleicht ja. Aber… das hat nichts mit ihm selbst zu tun. Das wäre bei jedem Anderen genauso… wenn man es eben nicht gewohnt ist, jemanden so nah an sich heran zu lassen...“</i> Nichts davon war gelogen… dazu brauchte es nicht das, was Talin von ihr erwartete zu empfinden.</font><br />
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<font color=#66CDAA><i>„Wieso es mich überrascht hat?“</i> Talin lachte ein wenig ungläubig auf. <i>„Shanaya, seit ich dich kenne, lässt du niemanden an dich heran. Jeder Mann und jede Frau – was wirklich schade ist – stößt du weg, auch wenn du mit ihnen flirtest, bis sie dir aus der Hand fressen.“</i> Oder das war zumindest der Plan dabei. <i>„Und das gleiche hast du auch mit Lucien getan. Aber bei ihm bist du sogar weiter gegangen, ganz offensichtlich. Bedeutet das also gar nichts?“</i> Sie schüttelte den Kopf, weil sie nicht verstehen konnte, wie das dunkelhaarige Mädchen so verbissen daran festhielt, nicht verliebt zu sein. Erkannte sie ihre eigenen Gefühle denn wirklich nicht? Sie standen ihr quasi auf die Stirn geschrieben! Deshalb schnaubte sie schon wieder bei Shanayas Worten. Die Blonde konnte es einfach nicht glauben. <i>„Ja, genau es wird daran liegen, dass du mit ihm geschlafen hast. Das Herz, die Hitze, das beruhigende Gefühl. Ja, das kommt eindeutig vom Sex. Es ist immer so besänftigend.“</i> Sie schnaubte noch einmal, als ihr eine andere Idee kam. <i>„Was ist, wenn ihn andere Frauen anfassen? Was fühlst du da?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Talin lachte auf und Shanaya unterdrückte ein leises Seufzen. Wie sollte sie das der Blonden erklären? Es hatte sich ja niemand sonst so auf sie eingelassen… allein das war für Shanaya schon Erklärung genug… nur würde Talin das reichen? Sie musste zugeben… sie wusste nichts über Talins Bettgeschichten, mit wem sie sich das Bett teilte… und trotzdem… <i>„Du meinst also, jeder, mit dem du geschlafen hast, hat dir direkt auch dein Herz gestohlen?“</i> Abschätzend musterte Shanaya die andere Frau, war verwirrt davon, dass sie so darauf beharrte. Die Schwarzhaarige war vollkommen davon überzeugt, dass sie diese Gefühle auch bei jedem Anderen bekommen hätte, der ihr so nah gekommen wäre. Ob nun Lucien oder irgendein anderer… das hatte nicht zu bedeuten, dass dieses Gefühl tiefer ging. Talins nächste Frage ließ sie einen Moment stocken, auf das noch so zaghafte Ziehen in ihrer Brust lauschen. Dann schüttelte sie den Kopf. Hatte sie solch eine Situation überhaupt schon einmal bewusst erlebt? <i>„Nichts. Ich mag ihn, das ist kein Geheimnis, ich genieße seine Gesellschaft. Deswegen werde ich nicht zur eifersüchtigen Furie, nur weil ich nicht die einzige Frau bin, der er seine Aufmerksamkeit schenkt.“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Talin war froh, dass Shanaya nichts weiter auf ihre Geständnisse antwortete. Sie wollte nicht weiter über das Thema reden. Weder über den Mann, den sie liebte, noch über den, den sie hatte heiraten müssen. So viel Groll und Chaos in so wenigen aufeinander folgenden Tagen...nein, dass wäre zu viel gewesen. Außerdem, so sehr sie das Mädchen auch mochte, sie konnte sie nicht gut genug, um sich ihr anzuvertrauen. Und noch weniger, nachdem das jetzt mit Lucien geschehen war. Einmal war sie auf so einen Menschen hereingefallen, noch einmal sollte ihr das nicht passieren. Deshalb blieb sie auch vorsichtig, obwohl sie über Shanayas Worte lachen musste. <i>„Ich verstehe das. Eifersucht ist eine sehr eklige Sache. Sie kann schnell dazu führen, dass Freundschaften zerbrechen. Aber glaub mir, wenn du wirklich verliebt bist, dann kannst du nicht verhindern dich zu ärgern, wenn dein Liebster mit einer anderen anbandelt.“</i> Nochmals lachte sie auf, streckte die Hand aus und wuschelte Shanaya durchs Haar.</font><br />
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<font color=royalblue> So sehr die Schwarzhaarige sich auch bemühte, sie konnte Talin nicht ansehen, was nun richtig war. Wollte sie darüber sprechen? Wollte sie nicht? Hatte sie das nur gesagt, um der Schwarzhaarigen Recht zu geben? Eine verwirrende Situation, aber Shanaya schwieg weiter dazu. Talin hätte das Thema vielleicht nicht einfach so fallen lassen, hätte sie darüber sprechen wollen. Das war so kompliziert. Wie ihre ganze Beziehung zu der Blonden. Freundschaft, gerade zu Frauen, war… es war für sie noch immer eine unbekannte Welt, mit der sie sich erst langsam zurecht fand. Aber ihr Gegenüber riss sie wieder aus diesen Gedanken, lockte ein etwas schräges Lächeln auf Shanayas Lippen. Vielleicht bildete sie sich das ein… aber in Talins Worten schien viel persönliche Erfahrung mit zu schwingen. Aber auch darauf sprach sie die Andere nicht an, schnaufte nur leise. <i>„Bisher wurde ich davon ja gut verschont...“</i> Auch, wenn sich bei diesen Worten ein leiser Widerstand in ihrem Inneren regte, ließ sie keinerlei andere Gedanken zu. Stattdessen warf sie ihrer Freundin einen gespielt empörten Blick zu, als diese ihr durch die Haare wuschelte. Shanaya pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht. <i>„Leg dich nicht mit mir an, Goldlöckchen! Sobald ich wieder fit bin, räche ich mir für alles!“ </i></font><br />
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<font color=#66CDAA>Als sie die Hand zurückzog, fiel ihr Shanayas Gesichtsausdruck auf und sie musste breit grinsen. Als das andere Mädchen dann auch noch ein paar Strähnen aus ihrem Gesicht pustete, musste sie noch einmal lachen. Wie niedlich! Fast wie ein kleines Kind! Aber Talin hütete sich der dunkelhaarigen das ins Gesicht zu sagen. Denn letztlich hing sie auch noch ein bisschen an ihrem Leben. Stattdessen sah sie ihre Freundin nicht verschmitzt lächelnd an. <i>„Was willst du dann tun, wenn du wieder gesund bist, hm? Mich verprügeln, weil ich dir durch Haar gewuschelt habe? Mir genauso unangenehme Fragen stellen, wie ich dir? Deiner Meinung nach sind es doch eh nur alles Fantasiegespinste von mir, dann musst du dich dafür auch nicht rächen.“</i> Und damit streckte sie die Hand wieder aus, zielte diesmal aber nicht auf Shanayas Haare, sondern auf ihre Seite, um sie zu kitzeln. Es tat gut, sie einfach nur zu ärgern, als mache Talin sich keine Sorgen, als würde sie sich keine Gedanken über die Zukunft machen. Vielleicht war es ja wirklich so, dass sie mit Shanaya einfach befreundet bleiben konnte, komme was da wolle. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya ließ die gespielt böse Miene aufgesetzt, auch als Talin die Hand zurück zog und dabei auflachte. Auf die Worte der Blonden hin neigte die junge Frau überlegend den Kopf von einer zur anderen Seite, gab ein leises, grübelndes Geräusch von sich. Schließlich grinste sie vielsagend. <i>„Du weißt doch, ich merke mir alles. Und irgendwann, wenn du nicht damit rechnest...“ </i>Sie wollte gerade zu einer dramatischen Geste ausholen, als ihr Gegenüber schon wieder die Hand ausstreckte. IM ersten Moment wusste Shanaya nicht Recht, was sie vorhatte, bis es schon zu spät war. Dieses elende Biest! Mit einem überraschten Quieken griff die Schwarzhaarige nach den Händen der Blonden, versuchte sie irgendwie davon abzuhalten, sie zu kitzeln. </font><br />
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<font color=#66CDAA><i>“Dann merk dir doch das hier.“</i> Sie grinste frech, während sie erst mit einer und dann mit beiden Händen zum Angriff überging. Es tat gut, Shanaya ohne jeden Gedanken ärgern zu können. Zumindest so lange, bis sie mit ihren Händen nach Talin schlug und dabei die Wunde auf ihrem Handrücken erwischte. Die Blonde zuckte zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel vorn über aufs Bett und Shanaya. Laut lachte sie auf und stemmte sich hoch, um die Dunkelhaarige unter sich von der Seite her anzusehen. Kurz zögerte sie, bevor sie eine Entscheidung traf. <i>„Ich werde dir vertrauen, Shanaya. Ich vertraue nicht darauf, dass du nicht in Lucien verliebt bist, denn ich glaube, du bist es. Aber ich will glauben, dass du meine Freundin bist. Egal, was du mit meinem Bruder machst.“</i> Sie lächelte schief, fast ein wenig schüchtern. Und selbst wenn sie sich so verhielt, wie das Mädchen in ihren Erinnerungen, dann wüsste Talin trotzdem immer, auf wessen Seite sie am Ende stehen würde. </font><br />
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<font color=royalblue> Talin zuckte zurück und Shanaya legte einen Moment eine siegessichere Miene auf. Bis sie unter Taliban begraben wurde. Ein dumpfes Geräusch drang über ihre Lippen, einen Moment überlegte sie, Talin auf ihr verletztes Bein hinzuweisen, beließ es aber dabei, da die Blonde sich schon wieder hoch stemmte. Die Dunkelhaarige blinzelte bei ihren Worten zuerst, ehe sich ein ehrliches lächeln auf ihre Lippen schlich. Die Worte ihrer Freundin rührten sie auf eine Weise, die sie nicht kannte. Das, was sie zu Lucien sagte, blendete sie zuerst aus. <i>"Darauf kannst du vertrauen. Ich mache die eine Beziehung nicht von einer anderen abhängig."</i> Mit diesen Worten hob sie eine Hand, hielt der Blonden den kleinen Finger hin. Eine Geste, die sie oft gesehen hatte, aber nie selbst gemacht hatte. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Ihr Blick blieb auf das Mädchen unter ihr gerichtet und das Lächeln schwankte nicht eine Sekunde. Ihre Gedanken rasten dafür um so schneller und säten den Samen des Misstrauens. Aber es wäre egal gewesen, was Shanaya gesagt hätte. Talin wollte ihr vertrauen, aber sie konnte ihr nicht glauben. Denn wenn man liebte, dann stellte man automatisch diese Person an erste Stelle. Immer. Das wusste sie nur zu gut. Doch sie verbarg ihre Gedanken vor der Jüngeren, denn manche Dinge gab man nicht preis. Stattdessen lachte sie sanft auf, als sie Shanayas ausgestreckte Hand sah. Einen Moment zögerte sie, wusste nicht recht, wie sie den Finger ihre verbundene Hand dort einhacken sollte und nahm umständlich die Rechte. Mit einem Schmunzeln schüttelte sie ihrer beider Hände. <i>„So etwas hab ich ewig nicht gemacht. Ich hab mal gehört, dass ist ein Versprechen, dass niemals gebrochen werden darf.“</i> Was es aber für Strafen dafür geben sollte, hat sie nie herausbekommen. <i>"Hab ich dir eigentlich weh getan?" </i>Ihr Blick huschte zu Shanayas Bein. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya hatte nie die Chance gehabt, diesen kleinen Schwur mit jemandem zu vollziehen, es hatte einfach niemanden in ihrem Leben gegeben, der es wert gewesen wäre. Umso mehr spürte sie nun ein leichtes Ziehen in ihrem Inneren, eine Unsicherheit, die sie nicht gewohnt war. Der Großteil dieses Gefühl verschwand jedoch, als Talin sich wieder bewegte und mit dem kleinen Finger der unverletzten Hand bei ihrem einhakte. <i>„Dann sollte ich mich wohl besser daran halten, bevor du mir sonst den Kopf dafür kahl rasierst.“</i> Die Schwarzhaarige lachte leise, wog dann bei der Frage ihrer Freundin leicht den Kopf schief und warf ihr einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu. Ob sie ihr weh getan hatte? <i>„Das fällt dir sehr früh ein, meine Liebe! Sollte man über so etwas nicht vorher nach denken?“ </i></font><br />
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<font color=#66CDAA>Talins Augenbrauen zuckten in die Höhe und ihre Mundwinkel verzogen sich trotz ihrer Sorge um Shanayas Bein zu einem kleinen Lächeln. Sie fing den Blick der Dunkelhaarigen auf und zuckte doch nur nonchalant mit den Schultern. <i>„Vielleicht sollte man früher darüber nachdenken, aber, vielleicht solltest <b>du</b> mal darüber nachdenken, warum ich überhaupt erst auf dir gelandet bin.“</i> Die Blonde grinste frech und ließ ihren Blick dann weiter nach oben wandern, sodass sie Shanayas Haare nachdenklich betrachten konnte. <i>„Ich wusste nicht, dass die Strafen bei gebrochenen Verbrechen so schlimm sind, aber wenn du darauf bestehst, dass ich dir den Schädel kahl rasiere, dann werde ich das tun. Ich hätte sonst eine weniger drastische Methode bevorzugt, aber ich wusste ja nicht, dass du anderes bevorzugst.“</i> Gespielt überrascht schlug sie eine Hand vor den Mund, konnte damit aber nur unzureichend ihr Lachen verbergen. </font><br />
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<font color=royalblue><i>„Ganz einfach. Weil ich so unwiderstehlich bin.“</i> Eine absolut einfache Antwort, die Shanaya trotzdem noch ein Lachen entlockte. Als der Blick ihrer Freundin zu ihren Haaren glitt, schielte Shanaya selbst leicht nach oben, pustete sich eine kleine Strähne aus der Stirn und seufzte schließlich. <i>„Ich liebe meine Haare, das wäre für mich Strafe genug, wenn ich ein Versprechen breche, dass ich gegeben habe.“</i> Und bei all dem Spaß, der in diesem Moment zwischen ihnen herrschte, so lag in ihren Worten doch genug Ernst, dass Talin es hoffentlich ernst nehmen würde. Nun konnte Shanaya ein Gähnen jedoch nicht mehr unterdrücken, die Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Talin schnaubte ehrlich belustigt, sagte aber nichts zu Shanayas Selbsteinschätzung. Unwiderstehlich? Eher eine eigene Umlaufbahn. Aber sie blieb still, weil die Worte der Dunkelhaarigen danach so ernst waren, dass Talin nicht anders konnte, als sanft zu lächeln. „In Ordnung, dann nehme ich dich beim Wort.“ Mehr musste sie nicht sagen. Sie hörte Shanayas Ernsthaftigkeit in der Stimme und dem würde sie nicht widersprechen. Ob sie wirklich darauf würde vertrauen können, dass musste sich erst noch zeigen. Denn es wurden ihr schon öfter Versprechen gegeben und dann wieder gebrochen. Aber sie würde dem Ganzen eine Chance geben, so wie sie es immer tat. <br />
Als Shanaya schließlich wenig geheimnisvoll anfing zu Gähnen, lachte Talin auf und erhob sich vom Bett. <i>„Du solltest dich ausruhen, ich hab deinen Wink verstanden.“</i> Sie strich der Dunkelhaarigen einige Strähnen hinters Ohr. <i>„Schlaf ein wenig und ruh dein misshandeltes Bein aus, in Ordnung?“</i></font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya nickte auf die Erwiderung ihrer Freundin hin. So sehr sie die Blonde auch mochte, aber vollkommen konnten sich die beiden vermutlich nicht aufeinander verlassen. Shanaya gab nicht leichtfertig ein Versprechen, niemals. Aber auch ihr Gegenüber hatte sicher genug erlebt, um sich nicht vollkommen auf einfache Worte zu verlassen. Nur die Zeit würde ihrer Freundin also zeigen, wie ernst es Shanaya war. Trotzdem hoffte die junge Frau, dass sie wenigstens ein wenig an dieses Versprechen glauben konnte. Das Gähnen der Schwarzhaarigen blieb natürlich nicht unentdeckt und Talin konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen, der Shanayas Lächeln einen sachten Hauch wärmer werden ließ. Die Berührung ihrer Haare an ihrem Ohr ließ sie kaum merklich erschaudern, aber sie streckte nur die Arme in die Luft, nickte dann. <i>„Ich muss dir doch möglichst schnell wieder auf den Zeiger gehen.“</i> Ihr und vermutlich jedem Anderen. Und im Moment war jede Minute, die sie am Stück wach war, ein ziemlicher Kraftakt. </font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">What we see is real and true</div>
<font size=1>Abend des 20. Mai<br />
Talin Dravean & Shanaya Árashi</font></center><br />
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<font color=royalblue>Der Tag neigte sich langsam dem Ende und Shanaya war mehr als froh darum. Den Großteil der Nacht hatte sie wach verbracht, wenn auch in… guter Gesellschaft. Trotzdem spürte sie die Müdigkeit, die durch ihre Knochen kroch. Zudem… war sie lange nicht mehr so viel unterwegs gewesen. Umso mehr genoss die junge Frau es in diesem Moment, sich einfach auf ihrem Bett zu rekeln, das verletzte Bein zu entlasten und einfach darauf zu warten, dass es dunkel wurde. So zwängten sich ihr jedoch auch die Bilder der vergangenen Nacht wieder auf, die ihren Blick irgendwann still an die Decke wandern ließen, ein unruhiges Kribbeln in ihr auslösten, bis sich die Schwarzhaarige schließlich aufsetzte, die Beine vom Bett schob und die blauen Augen aus dem Fenster richtete. </font><br />
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<font color=#66CDAA> Mit einem amüsierten Lächeln sah Talin den Mädchen des Hauses dabei zu, wie sie die Kundschaft umgarnten und dabei immer mehr Düfte den Raum erfüllten. Sie wusste selbst, dass der Rauch dazu diente, die Männer und manchmal auch Frauen zu entspannen und dem ganzen Bordell etwas Geheimnisvolles zu verleihen. Für einen Moment überlegte sie, ob sie sich nicht einfach ins Gedränge stürzen sollte. Ein paar der Mädchen, das wusste sie inzwischen, hätten nichts dagegen gehabt. Ihr Blick fiel auf ihre bandagierte linke Hand und sie verzog missmutig und traurig das Gesicht. Mit einem leisen Seufzer drehte sie sich um und ging die Treppe wieder hinauf, um in ihr Zimmer zurückzukehren. Einer Eingebung folgend, lief sie an ihrer Tür vorbei und ging weiter, bis sie vor einer anderen stand. Kurz zögerte sie, bevor sie sich schließlich dazu durchrang zu klopfen und dann leise die Tür zu öffnen. Der Blick der Blonden fiel auf Shanaya, die auf ihrem Bett saß und aus dem Fenster sah. Talin lächelte ein kleines Lächeln, als sie eintrat. <i>„Hallo, du. Wie gehts dir?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya hatte keinen festen Punkt, auf den sie sich bewusst konzentrierte. Vielleicht war es der Vogel, der an ihrem Fenster vorbei flog. Vielleicht die kleine Wolke, die über den blauen Himmel zog. Oder eine Spiegelung des Sonnenlichts. Als es jedoch klopfte, richtete sie die hellen Augen herum, legte sich schon passende Worte zurecht. Immerhin erwartete sie von irgendwem eine kleine Standpauke, dass sie den ganzen Tag unterwegs gewesen war. Als ihr liebster Blondschopf das Zimmer betrat, verwandelte sich ihre abwartende Miene jedoch zu einem freundlichen Gesicht, mit dem sie Talin bedachte. <i>„Ich war den ganzen Tag mehr oder weniger auf den Beinen.“</i> Sie gluckste leise über sich selbst. <i>„Trotzdem… ist mir langweilig. Es wird Zeit, dass diese verdammten Wunden heilen, sonst gehe ich hier die Wände hoch und nehme das Zimmer auseinander.“</i> Nun nickte sie mit dem Kopf neben sich auf das Bett, ein einladendes, vom Fieber erschöpftes Lächel auf den Lippen. <i>„Aber ein wenig nette Gesellschaft hilft sicher dagegen.“</i>  </font><br />
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<font color=#66CDAA>Für einen Augenblick hatte Talin das Gefühl, Shanaya hätte jemand anderen erwartet. Immerhin änderte sich deren Miene von abwehrend oder zumindest genervt, zu freundlich. Darüber konnte die Blonde einfach nur Schmunzeln und einen Hauch Mitleid mit ihren beiden Ärzten empfinden. Sie wollte gar nicht wissen, wie abgekämpft sie waren. Stattdessen trat sie näher zum Bett von der dunkelhaarigen, nahm deren Einladung an und setzte sich neben sie. <i>„Ich glaube, ich sollte an dieser Stelle schimpfen, weil du einfach draußen warst, aber das ist denke ich besser, als dich hier zulassen, damit du dich zu Tode langweilen kannst.“</i> Sie hob eine Hand und legte sie sacht an Shanayas Stirn. Skeptisch wanderte eine Augenbraue in die Höhe. <i>„Naja, vielleicht stirbst du auch am Fieber“</i>, meinte sie halb belustigt, halb tadelnd und sah dann an dem Mädchen vorbei durch das Fenster. <i>„Aber ich glaube nicht, dass du keine Gesellschaft hattest. Gregory war doch die meiste Zeit bei dir. Und Lucien kam erst gestern.“</i> Sie schmunzelte leicht.  </font><br />
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<font color=royalblue>Als offensichtlich war, dass Talin zu ihr hinüber kam, wandte Shanaya den Blick wieder herum, wartete mit ruhiger Miene, bis ihre Freundin sich neben sie auf das Bett sinken ließ. Erst als die Stimme der Blonden erklang, verengte die Dunkelhaarige die Augen, drehte den Kopf zu der anderen Frau herum, als sie auch schon eine Hand auf der Stirn hatte, die sie blinzeln ließ. Sie ließ ihr nicht einmal die Chance, auf ihre ersten Worte zu antworten, entlockte ihr dafür mit ihren nächsten ein heiseres Auflachen. <i>„Meinst du, ich bin so leicht unter zu kriegen?“</i> Sie grinste Talin entgegen, eine Miene, die bei den nächsten Worten, die fielen, den Hauch einer Sekunde abebbte, dann aber zurück kehrte. Sie seufzte leise. <i>„Gregory ist nicht das, was ich unter guter Gesellschaft verstehe. Und Enrique ist auch kein guter Zimmerkamerad. Ich bin also froh über Greo…“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Aus dem Augenwinkel erkannte sie, wie Shanayas schiefes Grinsen für einen Augenblick verrutschte. Als sie das sah, musste sie ihren Kopf wieder wenden und die Dunkelhaarige direkt anblicken. Obwohl sie vollkommen ruhig sprach und so wie immer, hatte Talin das unbestimmte Gefühl, sie wich ihr aus. Seltsam. Woher kam das bloß? Sie verkniff sich ein Grinsen und schüttelte nur den Kopf, als die andere quasi mitten im Satz abbrach. <i>„Du bist froh über Greo...was? Aber von den dreien hab ich gar nicht gesprochen, sondern von meinem Bruder, meine Liebe.“</i> Ihr Grinsen wurde ein Stück breiter, während ihr Herz ein klein wenig schneller schlug. Für einen Moment wich sie Shanayas Blick aus, schob sie eine Haarsträhne mit der bandagierten Hand hinters Ohr und blickte dann wieder auf. <i>„Im Grunde hast du mir nicht gesagt, ob Lucien zu einer guten Gesellschaft für dich gehört.“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya neigte leicht den Kopf, erwiderte den Blick ihrer Freundin mit ruhiger Miene, auch wenn ihr Herz ein paar Takte schneller schlug. Es war verrückt. Sie atmete also einmal leise auf, wog dann leicht den Kopf zur Seite, ohne den hellen Blick von Talins Gesicht zu nehmen. <i>„Ich habe ihn immerhin nicht bei der schlechten Gesellschaft aufgezählt, oder nicht?“</i> Shanaya war der Blonden nicht wirklich bewusst ausgewichen, es störte sie immerhin nicht, was Talin wusste – und was nicht. Umso stärker wart dieses innere Bedürfnis, das Thema zu wechseln. Wieso auch immer. <i>„Was hast du mit deiner Hand gemacht? Unfall beim Mittagessen?“ </i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Wenn ihr Grinsen noch ein wenig breiter wurde, würden ihre Wangen explodieren müssen. Aber es war auch einfach sehr amüsant, wie Shanaya ihr auswich und selbst nicht einmal zu wissen schien, was das Problem war. Oder sie wusste es und spielte die Verwirrte nur sehr überzeugend. Vielleicht wollte Talin deshalb so dringend mehr fragen und tiefer gehen, aber die Dunkelhaarige wechselte einfach das Thema. Die Blonde blinzelte und sah auf ihre Hand hinab. Sie ballte die zu einer Faust, spürte nur ein kurzes Ziehen und sah dann mit leicht verträumten Blick und einem belustigten Lächeln zu Shanaya auf. <i>„Es wird eine gute Narbe, dass ist alles, was zählt.“</i> Das Lächeln wurde wieder zu einem Grinsen. <i>„Warum hast du Lucien heute Nacht nicht gefragt? Er hatte auch einen Verband um seine Hand. Oder hattest du keine Gelegenheit ihn zu fragen?“</i> Vielsagen ließ sie ihre Augenbrauen in die Höhe wandern.  </font><br />
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<font color=royalblue>Ganz langsam hob Shanaya eine Augenbraue, als Talin auf ihre Hand hinab blickte. Als sie kurz darauf wieder zu der Dunkelhaarigen hinauf blickte, erwartete sie ein abwartender Blick. Eine gute Narbe? Das war keine zufrieden stellende Antwort. Was die Blonde dann sagte, brachte Shanaya jedoch von jeglicher, weiterer Nachfrage ab und ließ sie skeptisch die Augen zusammen kneifen. Sie versuchte einen Moment lang sich daran zu erinnern, ließ dann aber ein breites Grinsen auf ihren Lippen erscheinen. Irgendwo in ihrem Hirn regte sich eine dunkle Erinnerung. <i>„Hast du uns etwa belauscht? Oder woher weißt du davon?“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA> Sie lachte laut auf, als sie sah, wie es anfing in Shanaya Kopf zu arbeiten. Ach herrje, da war wohl wenig Zeit gewesen, darüber nachzudenken, was wohl der Verband bei Lucien zu bedeuten hatte. Oder um überhaupt wahrzunehmen, dass er einen hatte. Wer wusste das schon? Denn im Gegensatz zu Shanayas Vermutung, hatte Talin nicht gelauscht. So was machte man als artige kleine Schwester einfach nicht. Die Blonde schüttelte den Kopf und blickte das andere Mädchen verschmitzt an. <i>„Ich war heute Morgen ziemlich früh wach. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Und wie ich so den Flur entlang gehe, öffnet sich auf einmal deine Zimmertür. Und wer kommt heraus? Mein geliebtes Brüderchen. Es war so früh, dass noch keiner bei euch hätte wach sein können, da frag ich mich dann natürlich, was er in dem Zimmer gemacht hat. Und der einzige Gedanke, der mir da kommt, ist, dass er gestern Abend oder Nacht zu dir kam und...blieb.“</i> Leicht neigte sie den Kopf. <i>„Und? Wie war ich?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya unterdrückte ein protestierendes Schnaufen, als Talin auflachte. Sie fragte sich, was die Blonde mit diesen ganzen Fragen bezweckte, versuchte aber gleichzeitig, nicht zu viel darüber nach zu denken. Trotz allem erwiderte sie den Blick der Anderen mit festem Blick, wich ihr nicht aus und lauschte ihren… ziemlich passenden Ausführungen. Wie lang war Lucien geblieben? Sie wusste es nicht. Aber das tat hier auch Nichts zur Sache. Trotzdem zog sich ihr Inneres zusammen, ihr Herz machte einige schnelle Sprünge, ehe sie den Ellenbogen auf das gesunde Bein stützte und das Kinn auf ihrer Handfläche ablegte. <i>„Und was meinst du Detektiv, was wir die ganze Nacht getan haben?“</i> Nun schwang eine leichte Herausforderung in ihrer Stimme mit. Sie war sich da selbst nicht einmal ganz sicher. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Für einen Augenblick wäre sie über Shanayas Reaktion fast enttäuscht gewesen. Hätte sie es mit einem anderen Mädchen zu tun, dann wäre die wenigstens einmal vor Scham errötet oder was auch immer andere, weit normalere Mädchen tun. Stattdessen wirkte die Dunkelhaarige fast ein wenig gelangweilt. Oder eben herausfordernd, als sie Talin so anblickte. Die Blonde blinzelte einmal, zweimal langsam, bevor sie leicht die Augen zusammenkniff bei der Frage der anderen. <i>„Was ihr gemacht habt...“ </i>Sie sah nachdenklich auf das Bein des Mädchens, bevor sie sacht schmunzelte. Wieso tat sie das hier eigentlich? Wieso tat sie sich das vor allem an? Wenn sie es zu genau wusste, dann würde es nur so wie damals enden. Wollte sie das wirklich erleben? Und trotzdem öffnete sie wieder den Mund, sprach gelassen weiter. <i>„Dein Bein ist noch nicht ganz wieder hergestellt und allein schläfst du auch nicht. Ihr werdet also nicht den ganzen wunderbaren, unanständigen Kram gemacht haben, den man in diesem Gebäude tun sollte. Stattdessen...was? Habt ihr gekuschelt und geschmust? Wie ein verliebtes Pärchen?“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya lauerte förmlich auf die Reaktion der anderen Frau, blickte ihr abwartend entgegen. Auch als die Blonde kurz zu dem verletzten Bein blickte, ließ die Schwarzhaarige den Blick auf ihr ruhen, wartete äußerlich nur ruhig ab, was sie antworten würde. Innerlich sah das Ganze irgendwie… anders aus. Sie fühlte sich ein wenig wie in einem Verhör, einer Ausfragerei, die für sie noch keinerlei Sinn ergab. Die Erinnerung an die letzte Nacht jagte ihr wieder diese Wärme durch den Körper, die sie mit einem Lachen im nächsten Moment zu verdrängen versuchte. <i>„Für diesen ganzen unanständigen Kram brauche ich gewiss nicht immer zwei Beine.“</i> Sie zuckte leicht mit einer Augenbraue, ließ sich dann etwas zurück sinken, um sich mit beiden Armen auf dem Bett abzustützen, den Blick noch immer auf Talin gerichtet. <i>„Was mich zu der Frage bringt, was es dir bringt, mich so auszuhorchen.“ </i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Talins Augenbraue zuckte leicht in die Höhe, als Shanaya lachte und ihr antwortete. Und als sie sich so ruhig und gelassen zurücklehnte, musste die Blonde grinsen. In der Tat hatte die Dunkelhaarige schon recht. Sie brauchte nicht zwingend zwei gesunde Beine, um Sex haben zu können. Aber wo blieb der Spaß, wenn man immer wieder von Schmerzen abgelenkt wurde. Natürlich kam man irgendwann über den Punkt hinaus, an dem man den Schmerz noch spürte, aber bis dahin zu kommen, konnte nicht jeder. Aber offensichtlich war das für Shanaya überhaupt kein Problem. Was Talin zu der Frage führte...nein, nein darüber wollte sie jetzt noch nicht nachdenken. Das konnte sie später auch noch tun, wenn sie herausgefunden hatte, was sie seit heute morgen beschäftigte. <i>„Dich auszuhorchen? Das klingt aber nicht sehr nett. Fühlt es dich so an?“</i> Sie schnalzte mit der Zunge und sah dem Mädchen direkt in die blauen Augen, immer noch ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen, mit einem Hauch von Schärfe. <i>„Also schön, dann höre ich auf, dich auszuhorchen. Oder sagen wir um den heißen Brei herum zu reden. Du schläfst mit meinem Bruder, geschenkt.“</i> Sie machte eine kleine wegwerfende Handbewegung. <i>„Bist du in ihn verliebt?“</i>  </font><br />
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<font color=royalblue>Ganz automatisch neigte Shanaya leicht den Kopf zur Seite, gespannt, was Talin auf ihre Worte antworten würde. Sie konnte sich dieses Gefrage wirklich nicht erklären. War die Blonde so begierig darauf zu wissen, was sein Bruder so trieb? Oder… viel mehr mit wem er es trieb? Ein Gedanke, der die Schwarzhaarige trocken schlucken ließ, ein Ziehen in ihrem Inneren verursachte. Und tief in ihrem Inneren konnte sie dem Gedanken lauschen, dass es sie interessierte, was Talin von dieser ganzen Sache mit Lucien hielt. Sie war seine Schwester, natürlich. Vielleicht hatte sie deswegen eine vorgefestigte Meinung? Aber viel mehr interessierte es die Dunkelhaarige, weil sie die andere Frau nach wie vor als Freundin sah. Als Jemanden, dem sie näher stand als kaum Jemandem zuvor. Ein Grund mehr, von dieser ganzen Situation verwirrt zu sein. <i>„Was ist das hier denn sonst? Wäre das ein nettes Abendessen zu zweit, hättest du etwas zu Essen mitgebracht.“</i> Amüsiert zog sie wieder eine Augenbraue nach oben, bevor ihr Herz mit den nächsten Wortes ihres Gegenübers einige Sätze aussetzte. Vielleicht war es doch besser, um den heißen Brei herum zu reden. Mit einem Mal war ihr nicht mehr nur von dem Fieber so warm. Für einige Atemzüge schloss die junge Frau die Augen, blickte Talin dann wieder direkt an. <i>„Sollte ich? Nur, weil ich mir mit ihm das Bett geteilt habe?“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Ihre Antwort entlockte Talin ein Schnauben, aber sie schaute nicht weg, sondern beobachtete das andere Mädchen sehr genau. Es stimmte schon. Wenn man mit jemandem schlief, hatte das nicht immer etwas zu bedeuten. Viele Männer und Frauen waren sogar miteinander verheiratet, ohne dabei irgendetwas für einander zu empfinden. Es ging so vieles ohne Liebe, das wusste Talin ganz genau. Und trotzdem...es kam ihr so vor, als könnte sie in Shanaya lesen wie in einem Buch. Oder sie interpretierte in die ganze Angelegenheit zu viel hinein, weil das kleine Mädchen in ihr, so etwas schon einmal erlebt hatte. <I>„Ja, wieso solltest du in ihn verliebt sein?“</i> Sie stellte die Frage in den Raum, bevor ein kleines Lächeln über ihre Lippen huschte. Sie streckte sich auf dem Bett neben der Dunkelhaarigen aus, stützte einen Arm ab und mit der Hand ihren Kopf, nur um es sich wie eine Katze bequem zu machen, bevor sie weiter mit ihrer Maus spielte. <i>„Du meinst also, dir wird nicht warm, wenn du ihn siehst? Dein Herz schlägt nicht schneller, wenn du nur an ihn denkst? Und wenn er dich berührt, und sei es nur ein Streicheln der Wange, fühlst du dich nicht rundum wohl?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya fühlte sich nicht oft in eine Ecke gedrängt – allein schon weil sie dieses Gefühl einfach nicht zu ließ. In diesem Moment war es irgendwie anders. Sie wusste nicht, wieso. Sie empfand nicht mehr für den Dunkelhaarigen als das, was sie zu ließ. Und das ging gewiss nicht in die Richtung, von der Talin glaubte, dass es das war. Die Blonde wiederholte ihre Frage, rollte sich dann auf das Bett – ließ Shanaya dabei nicht aus den Augen. Manch einen hätte dieser Blick sicherlich zusätzlich nervös gemacht. Bei Shanaya machte dies eher der Rest – und sie konnte sich nicht einmal erklären, wieso. Sie lachte auf Talins Erwiderung, zuckte dann leicht mit einer Schulter. <i>„Meinst du nicht, du interpretierst ein wenig zu viel da rein, dass ich einmal (zweimal? ûu Editiere ich, wenn ich mehr weiß!) mit deinem Bruder geschlafen habe? Hast du Angst, dass ich ihn dir wegnehme?“</i> Wieder wog sie den Kopf zur Seite. Vielleicht stimmte manches von dem, was Talin sie fragte. Aber körperlich war niemand ihr je so nah gewesen, wie Lucien es war. Das war für sie Erklärung genug. </font><br />
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<font color=#66CDAA> Sie tat es ab. Sie tat es wirklich ab. Und Shanaya drehte den Spieß sogar noch um. Talin blinzelte überrascht ein paar Mal und sie spürte den Verband um ihre Hand intensiver als zuvor. Ob sie Angst hatte, die Dunkelhaarige würde ihr den Bruder wegnehmen? Das...für einen Augenblick sah sie nicht mehr Shanaya vor sich, sondern ein anderes Mädchen. Dunkle Haare, dunkle Augen, ein freundliches Lächeln, dass nach einiger Zeit böse, zornig und hasserfüllt wurde. Freundliche Worte, die sich schnell mit Verbitterung mischten. Innerlich zog sich Talin ein Stück vor der Erinnerung zurück. Sie hatte Angst, dass das Mädchen vor ihr genau so werden würde. Deshalb wollte sie nicht antworten. Sie wollte das nicht noch einmal erleben. Und war trotzdem her gekommen, um das für sich zu klären. Für einen Moment schloss die Blonde die Augen, atmete tief ein und sah dann wieder zu Shanaya auf, das Lächeln vom Gesicht verschwunden. <i>„Ich habe doch gesagt, es geht nicht darum, ob du mit ihm geschlafen hast. Das du es überhaupt getan hast, ist schon überraschend genug für dich.“</i> Nun musste sie doch wieder ein wenig schmunzeln. <i>„Und es hat auch nichts mit mir zu tun. Ich frage dich, weil mir Lucien und du wichtig seid.“</i> Sie zupfte ein wenig an dem Laken herum, auf dem sie lag und meinte dann noch so ganz nebenbei: <i>„Du hast nicht auf eine der Fragen geantwortet. Soll das also heißen, ich habe recht?“</i></font><br />
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<font color=royalblue>Etwas in Talins Blick veränderte sich, ließ Shanaya sich für einige Momente deutlich anspannen. Was hatten ihre Worte in der Blonden ausgelöst, dass sie von dem abließ, wegen dem sie eigentlich hier war? Sie hob langsam die Hand, um ihre Freundin an der Schulter zu berühren, als diese die Augen schloss. Aber die junge Frau hielt in der Bewegung inne, da der Moment mit Talins Worten schon wieder vorbei zu sein schien. Es überraschte sie? Verwirrend. <i>„Wieso überrascht dich das?“</i> Konnte sich die Blonde das nicht anders erklären, als dass Shanaya in den Dunkelhaarigen verliebt war? Sie lächelte wieder… und Shanaya beruhigte sich mit diesem Gesichtsausdruck ihrer Freundin ein wenig. Die kurze Unruhe – zumindest was das anging – verging… und machte nur wieder mehr Platz für die Vorherige. Als sie nun weiter sprach, dass ihr Bruder und Shanaya selbst ihr wichtig waren, wurde auch das Lächeln der Schwarzhaarigen ein wenig breiter, auch wenn das noch keine Antwort auf ihre Fragen war. Ihr blauer Blick ruhte dennoch wieder auf der Blonden, sie wog den Kopf von einer zur anderen Seite, ihr Lächeln wurde ein wenig schräger. <i>„Hast du vielleicht ja. Aber… das hat nichts mit ihm selbst zu tun. Das wäre bei jedem Anderen genauso… wenn man es eben nicht gewohnt ist, jemanden so nah an sich heran zu lassen...“</i> Nichts davon war gelogen… dazu brauchte es nicht das, was Talin von ihr erwartete zu empfinden.</font><br />
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<font color=#66CDAA><i>„Wieso es mich überrascht hat?“</i> Talin lachte ein wenig ungläubig auf. <i>„Shanaya, seit ich dich kenne, lässt du niemanden an dich heran. Jeder Mann und jede Frau – was wirklich schade ist – stößt du weg, auch wenn du mit ihnen flirtest, bis sie dir aus der Hand fressen.“</i> Oder das war zumindest der Plan dabei. <i>„Und das gleiche hast du auch mit Lucien getan. Aber bei ihm bist du sogar weiter gegangen, ganz offensichtlich. Bedeutet das also gar nichts?“</i> Sie schüttelte den Kopf, weil sie nicht verstehen konnte, wie das dunkelhaarige Mädchen so verbissen daran festhielt, nicht verliebt zu sein. Erkannte sie ihre eigenen Gefühle denn wirklich nicht? Sie standen ihr quasi auf die Stirn geschrieben! Deshalb schnaubte sie schon wieder bei Shanayas Worten. Die Blonde konnte es einfach nicht glauben. <i>„Ja, genau es wird daran liegen, dass du mit ihm geschlafen hast. Das Herz, die Hitze, das beruhigende Gefühl. Ja, das kommt eindeutig vom Sex. Es ist immer so besänftigend.“</i> Sie schnaubte noch einmal, als ihr eine andere Idee kam. <i>„Was ist, wenn ihn andere Frauen anfassen? Was fühlst du da?“</i> </font><br />
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<font color=royalblue>Talin lachte auf und Shanaya unterdrückte ein leises Seufzen. Wie sollte sie das der Blonden erklären? Es hatte sich ja niemand sonst so auf sie eingelassen… allein das war für Shanaya schon Erklärung genug… nur würde Talin das reichen? Sie musste zugeben… sie wusste nichts über Talins Bettgeschichten, mit wem sie sich das Bett teilte… und trotzdem… <i>„Du meinst also, jeder, mit dem du geschlafen hast, hat dir direkt auch dein Herz gestohlen?“</i> Abschätzend musterte Shanaya die andere Frau, war verwirrt davon, dass sie so darauf beharrte. Die Schwarzhaarige war vollkommen davon überzeugt, dass sie diese Gefühle auch bei jedem Anderen bekommen hätte, der ihr so nah gekommen wäre. Ob nun Lucien oder irgendein anderer… das hatte nicht zu bedeuten, dass dieses Gefühl tiefer ging. Talins nächste Frage ließ sie einen Moment stocken, auf das noch so zaghafte Ziehen in ihrer Brust lauschen. Dann schüttelte sie den Kopf. Hatte sie solch eine Situation überhaupt schon einmal bewusst erlebt? <i>„Nichts. Ich mag ihn, das ist kein Geheimnis, ich genieße seine Gesellschaft. Deswegen werde ich nicht zur eifersüchtigen Furie, nur weil ich nicht die einzige Frau bin, der er seine Aufmerksamkeit schenkt.“</i> </font><br />
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<font color=#66CDAA>Talin war froh, dass Shanaya nichts weiter auf ihre Geständnisse antwortete. Sie wollte nicht weiter über das Thema reden. Weder über den Mann, den sie liebte, noch über den, den sie hatte heiraten müssen. So viel Groll und Chaos in so wenigen aufeinander folgenden Tagen...nein, dass wäre zu viel gewesen. Außerdem, so sehr sie das Mädchen auch mochte, sie konnte sie nicht gut genug, um sich ihr anzuvertrauen. Und noch weniger, nachdem das jetzt mit Lucien geschehen war. Einmal war sie auf so einen Menschen hereingefallen, noch einmal sollte ihr das nicht passieren. Deshalb blieb sie auch vorsichtig, obwohl sie über Shanayas Worte lachen musste. <i>„Ich verstehe das. Eifersucht ist eine sehr eklige Sache. Sie kann schnell dazu führen, dass Freundschaften zerbrechen. Aber glaub mir, wenn du wirklich verliebt bist, dann kannst du nicht verhindern dich zu ärgern, wenn dein Liebster mit einer anderen anbandelt.“</i> Nochmals lachte sie auf, streckte die Hand aus und wuschelte Shanaya durchs Haar.</font><br />
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<font color=royalblue> So sehr die Schwarzhaarige sich auch bemühte, sie konnte Talin nicht ansehen, was nun richtig war. Wollte sie darüber sprechen? Wollte sie nicht? Hatte sie das nur gesagt, um der Schwarzhaarigen Recht zu geben? Eine verwirrende Situation, aber Shanaya schwieg weiter dazu. Talin hätte das Thema vielleicht nicht einfach so fallen lassen, hätte sie darüber sprechen wollen. Das war so kompliziert. Wie ihre ganze Beziehung zu der Blonden. Freundschaft, gerade zu Frauen, war… es war für sie noch immer eine unbekannte Welt, mit der sie sich erst langsam zurecht fand. Aber ihr Gegenüber riss sie wieder aus diesen Gedanken, lockte ein etwas schräges Lächeln auf Shanayas Lippen. Vielleicht bildete sie sich das ein… aber in Talins Worten schien viel persönliche Erfahrung mit zu schwingen. Aber auch darauf sprach sie die Andere nicht an, schnaufte nur leise. <i>„Bisher wurde ich davon ja gut verschont...“</i> Auch, wenn sich bei diesen Worten ein leiser Widerstand in ihrem Inneren regte, ließ sie keinerlei andere Gedanken zu. Stattdessen warf sie ihrer Freundin einen gespielt empörten Blick zu, als diese ihr durch die Haare wuschelte. Shanaya pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht. <i>„Leg dich nicht mit mir an, Goldlöckchen! Sobald ich wieder fit bin, räche ich mir für alles!“ </i></font><br />
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<font color=#66CDAA>Als sie die Hand zurückzog, fiel ihr Shanayas Gesichtsausdruck auf und sie musste breit grinsen. Als das andere Mädchen dann auch noch ein paar Strähnen aus ihrem Gesicht pustete, musste sie noch einmal lachen. Wie niedlich! Fast wie ein kleines Kind! Aber Talin hütete sich der dunkelhaarigen das ins Gesicht zu sagen. Denn letztlich hing sie auch noch ein bisschen an ihrem Leben. Stattdessen sah sie ihre Freundin nicht verschmitzt lächelnd an. <i>„Was willst du dann tun, wenn du wieder gesund bist, hm? Mich verprügeln, weil ich dir durch Haar gewuschelt habe? Mir genauso unangenehme Fragen stellen, wie ich dir? Deiner Meinung nach sind es doch eh nur alles Fantasiegespinste von mir, dann musst du dich dafür auch nicht rächen.“</i> Und damit streckte sie die Hand wieder aus, zielte diesmal aber nicht auf Shanayas Haare, sondern auf ihre Seite, um sie zu kitzeln. Es tat gut, sie einfach nur zu ärgern, als mache Talin sich keine Sorgen, als würde sie sich keine Gedanken über die Zukunft machen. Vielleicht war es ja wirklich so, dass sie mit Shanaya einfach befreundet bleiben konnte, komme was da wolle. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya ließ die gespielt böse Miene aufgesetzt, auch als Talin die Hand zurück zog und dabei auflachte. Auf die Worte der Blonden hin neigte die junge Frau überlegend den Kopf von einer zur anderen Seite, gab ein leises, grübelndes Geräusch von sich. Schließlich grinste sie vielsagend. <i>„Du weißt doch, ich merke mir alles. Und irgendwann, wenn du nicht damit rechnest...“ </i>Sie wollte gerade zu einer dramatischen Geste ausholen, als ihr Gegenüber schon wieder die Hand ausstreckte. IM ersten Moment wusste Shanaya nicht Recht, was sie vorhatte, bis es schon zu spät war. Dieses elende Biest! Mit einem überraschten Quieken griff die Schwarzhaarige nach den Händen der Blonden, versuchte sie irgendwie davon abzuhalten, sie zu kitzeln. </font><br />
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<font color=#66CDAA><i>“Dann merk dir doch das hier.“</i> Sie grinste frech, während sie erst mit einer und dann mit beiden Händen zum Angriff überging. Es tat gut, Shanaya ohne jeden Gedanken ärgern zu können. Zumindest so lange, bis sie mit ihren Händen nach Talin schlug und dabei die Wunde auf ihrem Handrücken erwischte. Die Blonde zuckte zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel vorn über aufs Bett und Shanaya. Laut lachte sie auf und stemmte sich hoch, um die Dunkelhaarige unter sich von der Seite her anzusehen. Kurz zögerte sie, bevor sie eine Entscheidung traf. <i>„Ich werde dir vertrauen, Shanaya. Ich vertraue nicht darauf, dass du nicht in Lucien verliebt bist, denn ich glaube, du bist es. Aber ich will glauben, dass du meine Freundin bist. Egal, was du mit meinem Bruder machst.“</i> Sie lächelte schief, fast ein wenig schüchtern. Und selbst wenn sie sich so verhielt, wie das Mädchen in ihren Erinnerungen, dann wüsste Talin trotzdem immer, auf wessen Seite sie am Ende stehen würde. </font><br />
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<font color=royalblue> Talin zuckte zurück und Shanaya legte einen Moment eine siegessichere Miene auf. Bis sie unter Taliban begraben wurde. Ein dumpfes Geräusch drang über ihre Lippen, einen Moment überlegte sie, Talin auf ihr verletztes Bein hinzuweisen, beließ es aber dabei, da die Blonde sich schon wieder hoch stemmte. Die Dunkelhaarige blinzelte bei ihren Worten zuerst, ehe sich ein ehrliches lächeln auf ihre Lippen schlich. Die Worte ihrer Freundin rührten sie auf eine Weise, die sie nicht kannte. Das, was sie zu Lucien sagte, blendete sie zuerst aus. <i>"Darauf kannst du vertrauen. Ich mache die eine Beziehung nicht von einer anderen abhängig."</i> Mit diesen Worten hob sie eine Hand, hielt der Blonden den kleinen Finger hin. Eine Geste, die sie oft gesehen hatte, aber nie selbst gemacht hatte. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Ihr Blick blieb auf das Mädchen unter ihr gerichtet und das Lächeln schwankte nicht eine Sekunde. Ihre Gedanken rasten dafür um so schneller und säten den Samen des Misstrauens. Aber es wäre egal gewesen, was Shanaya gesagt hätte. Talin wollte ihr vertrauen, aber sie konnte ihr nicht glauben. Denn wenn man liebte, dann stellte man automatisch diese Person an erste Stelle. Immer. Das wusste sie nur zu gut. Doch sie verbarg ihre Gedanken vor der Jüngeren, denn manche Dinge gab man nicht preis. Stattdessen lachte sie sanft auf, als sie Shanayas ausgestreckte Hand sah. Einen Moment zögerte sie, wusste nicht recht, wie sie den Finger ihre verbundene Hand dort einhacken sollte und nahm umständlich die Rechte. Mit einem Schmunzeln schüttelte sie ihrer beider Hände. <i>„So etwas hab ich ewig nicht gemacht. Ich hab mal gehört, dass ist ein Versprechen, dass niemals gebrochen werden darf.“</i> Was es aber für Strafen dafür geben sollte, hat sie nie herausbekommen. <i>"Hab ich dir eigentlich weh getan?" </i>Ihr Blick huschte zu Shanayas Bein. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya hatte nie die Chance gehabt, diesen kleinen Schwur mit jemandem zu vollziehen, es hatte einfach niemanden in ihrem Leben gegeben, der es wert gewesen wäre. Umso mehr spürte sie nun ein leichtes Ziehen in ihrem Inneren, eine Unsicherheit, die sie nicht gewohnt war. Der Großteil dieses Gefühl verschwand jedoch, als Talin sich wieder bewegte und mit dem kleinen Finger der unverletzten Hand bei ihrem einhakte. <i>„Dann sollte ich mich wohl besser daran halten, bevor du mir sonst den Kopf dafür kahl rasierst.“</i> Die Schwarzhaarige lachte leise, wog dann bei der Frage ihrer Freundin leicht den Kopf schief und warf ihr einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu. Ob sie ihr weh getan hatte? <i>„Das fällt dir sehr früh ein, meine Liebe! Sollte man über so etwas nicht vorher nach denken?“ </i></font><br />
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<font color=#66CDAA>Talins Augenbrauen zuckten in die Höhe und ihre Mundwinkel verzogen sich trotz ihrer Sorge um Shanayas Bein zu einem kleinen Lächeln. Sie fing den Blick der Dunkelhaarigen auf und zuckte doch nur nonchalant mit den Schultern. <i>„Vielleicht sollte man früher darüber nachdenken, aber, vielleicht solltest <b>du</b> mal darüber nachdenken, warum ich überhaupt erst auf dir gelandet bin.“</i> Die Blonde grinste frech und ließ ihren Blick dann weiter nach oben wandern, sodass sie Shanayas Haare nachdenklich betrachten konnte. <i>„Ich wusste nicht, dass die Strafen bei gebrochenen Verbrechen so schlimm sind, aber wenn du darauf bestehst, dass ich dir den Schädel kahl rasiere, dann werde ich das tun. Ich hätte sonst eine weniger drastische Methode bevorzugt, aber ich wusste ja nicht, dass du anderes bevorzugst.“</i> Gespielt überrascht schlug sie eine Hand vor den Mund, konnte damit aber nur unzureichend ihr Lachen verbergen. </font><br />
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<font color=royalblue><i>„Ganz einfach. Weil ich so unwiderstehlich bin.“</i> Eine absolut einfache Antwort, die Shanaya trotzdem noch ein Lachen entlockte. Als der Blick ihrer Freundin zu ihren Haaren glitt, schielte Shanaya selbst leicht nach oben, pustete sich eine kleine Strähne aus der Stirn und seufzte schließlich. <i>„Ich liebe meine Haare, das wäre für mich Strafe genug, wenn ich ein Versprechen breche, dass ich gegeben habe.“</i> Und bei all dem Spaß, der in diesem Moment zwischen ihnen herrschte, so lag in ihren Worten doch genug Ernst, dass Talin es hoffentlich ernst nehmen würde. Nun konnte Shanaya ein Gähnen jedoch nicht mehr unterdrücken, die Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. </font><br />
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<font color=#66CDAA>Talin schnaubte ehrlich belustigt, sagte aber nichts zu Shanayas Selbsteinschätzung. Unwiderstehlich? Eher eine eigene Umlaufbahn. Aber sie blieb still, weil die Worte der Dunkelhaarigen danach so ernst waren, dass Talin nicht anders konnte, als sanft zu lächeln. „In Ordnung, dann nehme ich dich beim Wort.“ Mehr musste sie nicht sagen. Sie hörte Shanayas Ernsthaftigkeit in der Stimme und dem würde sie nicht widersprechen. Ob sie wirklich darauf würde vertrauen können, dass musste sich erst noch zeigen. Denn es wurden ihr schon öfter Versprechen gegeben und dann wieder gebrochen. Aber sie würde dem Ganzen eine Chance geben, so wie sie es immer tat. <br />
Als Shanaya schließlich wenig geheimnisvoll anfing zu Gähnen, lachte Talin auf und erhob sich vom Bett. <i>„Du solltest dich ausruhen, ich hab deinen Wink verstanden.“</i> Sie strich der Dunkelhaarigen einige Strähnen hinters Ohr. <i>„Schlaf ein wenig und ruh dein misshandeltes Bein aus, in Ordnung?“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte auf die Erwiderung ihrer Freundin hin. So sehr sie die Blonde auch mochte, aber vollkommen konnten sich die beiden vermutlich nicht aufeinander verlassen. Shanaya gab nicht leichtfertig ein Versprechen, niemals. Aber auch ihr Gegenüber hatte sicher genug erlebt, um sich nicht vollkommen auf einfache Worte zu verlassen. Nur die Zeit würde ihrer Freundin also zeigen, wie ernst es Shanaya war. Trotzdem hoffte die junge Frau, dass sie wenigstens ein wenig an dieses Versprechen glauben konnte. Das Gähnen der Schwarzhaarigen blieb natürlich nicht unentdeckt und Talin konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen, der Shanayas Lächeln einen sachten Hauch wärmer werden ließ. Die Berührung ihrer Haare an ihrem Ohr ließ sie kaum merklich erschaudern, aber sie streckte nur die Arme in die Luft, nickte dann. <i>„Ich muss dir doch möglichst schnell wieder auf den Zeiger gehen.“</i> Ihr und vermutlich jedem Anderen. Und im Moment war jede Minute, die sie am Stück wach war, ein ziemlicher Kraftakt. </font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[So take this Night]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=933</link>
			<pubDate>Sun, 26 Jul 2020 20:12:09 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=2">Lucien Dravean</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=933</guid>
			<description><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">So Take this Night</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">Wrap it around me like a sheet.<br />
I know I'm not forgiven,<br />
But I need a place to sleep.</font><br><br><br>Shanaya<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">19. Mai 1822 | nachts | Bordell in Silvestre - Shanayas Zimmer</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><div class="Lucien">Wie ein schützender Mantel legte sich die Nacht über das Bordell, doch im Innern der Mauern erwachte das Leben erst jetzt so richtig. Mit geschlossenen Augen lauschte Lucien dem Stimmengewirr, das durch das Fenster ins Zimmer drang. Lauschte auf das sanfte Lachen der Frauen, das Plätschern des Wassers im großen Außenbecken und die Stimmen der Gäste, die nur als leises Brummen bis zu ihm hinauf drangen. Hin und wieder durchbrochen vom verzückten Stöhnen zweier – oder auch mehr – Menschen während des Liebesspiels.<br />
Doch in diesem Moment lockte ihn nichts davon – was für ihn ungewöhnlich genug war. Schon die erste Nacht in Silvestre hatte er nicht in dem Zimmer verbracht, das man ihm und ein paar anderen Mannschaftsmitgliedern zur Verfügung stellte, sondern sich die Stunden unten bei den Damen des Hauses vertrieben. Die erste Nacht und auch die darauf. <br />
Weshalb er heute ausgerechnet hier Zuflucht suchte, wusste er selbst nicht. Oder... vielleicht doch. Zum Teil. Der Dunkelhaarige lehnte den Hinterkopf gegen die Wand und konzentrierte sich auf das leise Atmen der drei Menschen im Raum. Er saß neben Shanayas Bett auf dem Boden, hatte die Beine aufgestellt an den Körper gezogen und die Unterarme auf die Knie gestützt. Nur eine Kerze spendete flackerndes Licht, das hinter seinen geschlossenen Lidern tanzte, und bis auf die Geräusche von draußen und das leise Rascheln, wenn sich einer der drei im Schlaf bewegte, herrschte um ihn herum vollkommene Stille. <br />
Träge öffnete Lucien die Augen, blinzelte nur ein paar Mal, um sich an das dämmrige Licht zu gewöhnen. Dann sank sein Blick auf den Verband, der sich ordentlich um seine rechte Hand schlang, und der Anblick entlockte ihm ein leises Seufzen. Wieder einmal kehrten seine Gedanken zu Talin zurück. Zurück zu dem Abend vor ein paar Tagen. Zu den Dingen, die sie einander erzählt hatten. Und denen, die sie einander nicht erzählten. Zu dem, was zwischen ihnen gesagt worden war. Und dem, was nicht gesagt worden war.<br />
Ihr kleines Trinkspiel war das, was einer Aussprache am nächsten kam und doch hinterließ es in seinem Inneren einen bitteren Beigeschmack. Der bittere Beigeschmack eines Geheimnisses, das er hinter sich gelassen glaubte, als er zu seiner letzten Fahrt mit der <i>Mytilus</i> aufbrach. Ein Geheimnis, das es nicht mehr gab. Nicht zwischen ihnen. Und doch würde es nun wieder so sein, wie es einst war. Er war dazu verflucht, niemals glücklich zu werden. <br />
‚<i>Es müsste nicht so sein...</i>‘ Talins Stimme hallte in seiner Erinnerung nach. Sanft und resignierend zugleich. Wissend, dass sie sich irrte.<br />
Doch. Es musste so sein. Denn nie zuvor war ihm die Dunkelheit, die ihn beherrschte, so deutlich bewusst geworden, wie an jenem Abend. Tiefer, undurchdringlicher noch, als Beiros sie einst in ihm erkannt hatte. Damals war Talin sein Licht gewesen, hatte seine Wut auf die Welt in Schach gehalten. Doch die Monate auf der <i>Renaissance</i> hatten etwas in ihm zerbrochen, hatten dieser Dunkelheit in seinem Innern Tür und Tor geöffnet. <br />
Vielleicht hätte seine kleine Schwester sie auch jetzt zurückdrängen können – wenn er sie nur gelassen hätte. Denn sie strahlte immer noch. Sie strahlte so hell, dass sie ihn fast blendete. Vielleicht nicht mehr so wie früher. Nicht mehr so naiv und kindlich, sondern bodenständiger, stärker, mutiger. Aber er glaubte nicht mehr daran, dass sie ihn würde retten können. Er hielt die Erinnerungen an die Dinge, die er getan hatte, weiter auf Abstand. Er blieb an ihrer Seite. Der gleiche verdammte Schauspieler, der er immer schon war. Doch sein Hass fraß ihn von innen heraus auf. Und irgendwann würde er ihn umbringen. Auf die eine oder andere Weise.<br />
Ein leises Rascheln lenkte Luciens Aufmerksamkeit auf das Bett, auf die Gestalt, die sich dort regte, und er neigte leicht den Kopf, ohne sich dabei von seiner Lehne zu lösen. Dann kehrte sein Blick wieder zur Decke des Zimmers zurück. Wahrscheinlich schlief sie noch eine Weile.<br />
Es war schon bittere Ironie, dass es ihn in einer solchen Stimmung ausgerechnet zu dem einzigen Menschen zog, den seine Schwester als Freundin betrachtete. Nicht, weil er irgendwelche Gefühle für sie hegte, die über ein ‚Mögen‘ und ein simples, körperliches Interesse hinaus gingen, sondern weil ihre Nähe ihm Ablenkung versprach. <br />
Und, auch wenn er nicht wirklich daran glaubte, hoffte ein Teil von ihm vielleicht, dass ‚mögen‘ schon reichte.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">So Take this Night</font><br><font style="font-family: Calibri; text-transform: uppercase; color: ##6E6E6E; font-size: 12px; line-height: 12px;"><font style="font-size: 11px;">Wrap it around me like a sheet.<br />
I know I'm not forgiven,<br />
But I need a place to sleep.</font><br><br><br>Shanaya<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">19. Mai 1822 | nachts | Bordell in Silvestre - Shanayas Zimmer</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><div class="Lucien">Wie ein schützender Mantel legte sich die Nacht über das Bordell, doch im Innern der Mauern erwachte das Leben erst jetzt so richtig. Mit geschlossenen Augen lauschte Lucien dem Stimmengewirr, das durch das Fenster ins Zimmer drang. Lauschte auf das sanfte Lachen der Frauen, das Plätschern des Wassers im großen Außenbecken und die Stimmen der Gäste, die nur als leises Brummen bis zu ihm hinauf drangen. Hin und wieder durchbrochen vom verzückten Stöhnen zweier – oder auch mehr – Menschen während des Liebesspiels.<br />
Doch in diesem Moment lockte ihn nichts davon – was für ihn ungewöhnlich genug war. Schon die erste Nacht in Silvestre hatte er nicht in dem Zimmer verbracht, das man ihm und ein paar anderen Mannschaftsmitgliedern zur Verfügung stellte, sondern sich die Stunden unten bei den Damen des Hauses vertrieben. Die erste Nacht und auch die darauf. <br />
Weshalb er heute ausgerechnet hier Zuflucht suchte, wusste er selbst nicht. Oder... vielleicht doch. Zum Teil. Der Dunkelhaarige lehnte den Hinterkopf gegen die Wand und konzentrierte sich auf das leise Atmen der drei Menschen im Raum. Er saß neben Shanayas Bett auf dem Boden, hatte die Beine aufgestellt an den Körper gezogen und die Unterarme auf die Knie gestützt. Nur eine Kerze spendete flackerndes Licht, das hinter seinen geschlossenen Lidern tanzte, und bis auf die Geräusche von draußen und das leise Rascheln, wenn sich einer der drei im Schlaf bewegte, herrschte um ihn herum vollkommene Stille. <br />
Träge öffnete Lucien die Augen, blinzelte nur ein paar Mal, um sich an das dämmrige Licht zu gewöhnen. Dann sank sein Blick auf den Verband, der sich ordentlich um seine rechte Hand schlang, und der Anblick entlockte ihm ein leises Seufzen. Wieder einmal kehrten seine Gedanken zu Talin zurück. Zurück zu dem Abend vor ein paar Tagen. Zu den Dingen, die sie einander erzählt hatten. Und denen, die sie einander nicht erzählten. Zu dem, was zwischen ihnen gesagt worden war. Und dem, was nicht gesagt worden war.<br />
Ihr kleines Trinkspiel war das, was einer Aussprache am nächsten kam und doch hinterließ es in seinem Inneren einen bitteren Beigeschmack. Der bittere Beigeschmack eines Geheimnisses, das er hinter sich gelassen glaubte, als er zu seiner letzten Fahrt mit der <i>Mytilus</i> aufbrach. Ein Geheimnis, das es nicht mehr gab. Nicht zwischen ihnen. Und doch würde es nun wieder so sein, wie es einst war. Er war dazu verflucht, niemals glücklich zu werden. <br />
‚<i>Es müsste nicht so sein...</i>‘ Talins Stimme hallte in seiner Erinnerung nach. Sanft und resignierend zugleich. Wissend, dass sie sich irrte.<br />
Doch. Es musste so sein. Denn nie zuvor war ihm die Dunkelheit, die ihn beherrschte, so deutlich bewusst geworden, wie an jenem Abend. Tiefer, undurchdringlicher noch, als Beiros sie einst in ihm erkannt hatte. Damals war Talin sein Licht gewesen, hatte seine Wut auf die Welt in Schach gehalten. Doch die Monate auf der <i>Renaissance</i> hatten etwas in ihm zerbrochen, hatten dieser Dunkelheit in seinem Innern Tür und Tor geöffnet. <br />
Vielleicht hätte seine kleine Schwester sie auch jetzt zurückdrängen können – wenn er sie nur gelassen hätte. Denn sie strahlte immer noch. Sie strahlte so hell, dass sie ihn fast blendete. Vielleicht nicht mehr so wie früher. Nicht mehr so naiv und kindlich, sondern bodenständiger, stärker, mutiger. Aber er glaubte nicht mehr daran, dass sie ihn würde retten können. Er hielt die Erinnerungen an die Dinge, die er getan hatte, weiter auf Abstand. Er blieb an ihrer Seite. Der gleiche verdammte Schauspieler, der er immer schon war. Doch sein Hass fraß ihn von innen heraus auf. Und irgendwann würde er ihn umbringen. Auf die eine oder andere Weise.<br />
Ein leises Rascheln lenkte Luciens Aufmerksamkeit auf das Bett, auf die Gestalt, die sich dort regte, und er neigte leicht den Kopf, ohne sich dabei von seiner Lehne zu lösen. Dann kehrte sein Blick wieder zur Decke des Zimmers zurück. Wahrscheinlich schlief sie noch eine Weile.<br />
Es war schon bittere Ironie, dass es ihn in einer solchen Stimmung ausgerechnet zu dem einzigen Menschen zog, den seine Schwester als Freundin betrachtete. Nicht, weil er irgendwelche Gefühle für sie hegte, die über ein ‚Mögen‘ und ein simples, körperliches Interesse hinaus gingen, sondern weil ihre Nähe ihm Ablenkung versprach. <br />
Und, auch wenn er nicht wirklich daran glaubte, hoffte ein Teil von ihm vielleicht, dass ‚mögen‘ schon reichte.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Ritter ohne Rüstung]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=931</link>
			<pubDate>Sun, 19 Jul 2020 13:19:40 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=931</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Ritter ohne Rüstung</div>
<br />
<font size=1>Abend des 14. Mai 1822<br />
Ceallagh Hayes & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Dieser Rayon war schon ein Meister seines Faches. Dass sich überhaupt noch etwas aus den Überresten zusammenstellen ließ, von dem er sich nicht direkt übergeben wollte, offenbarte wohl sein Talent. Da machte der Geschmack beinahe die Konsistenz dessen wett, auf dass sich die blaugrünen Augen richteten. Innerlich verglich er diese "Suppe" mit fettigem Wasser in dem seltsame Schnibbeleien schwammen. Wie Augen. Auch wenn es keine waren. Na mal sehen, ob er der kleinen Navigatorin das Zeug unterjubeln konnte, bevor sie es ihm angewidert ins Gesicht spukte. Man sollte ja schließlich nicht den Überbringer für den Inhalt der Nachricht bestrafen, oder? Und so viel Höflichkeit sollte sie trotz ihres Zustands aufbringen können. Nun ja. Er war mal nicht so. Schnaubte über seinen eigenen Gedankengang und erreichte mit wenigen Schritten das Lazarett, in dem die Dunkelhaarige auf einem der Betten lag. Gregory warf er im Vorbeigehen nur einen kurzen Blick zu. Nickte. Und zog einen der Hocker zu sich heran, um sich neben Shanayas Krankenlager niederzulassen. <i>"Dein Magengrummeln hab ich bis nach oben gehört."</i>, gab er mit einem spitzbübischen Lächeln von sich und ließ den Kopf prüfend zur Seite kippen, während die wachsamen Augen ihr Gesicht umkreisten. Zumindest sah sie nicht danach aus, als läge sie dem Sterben nahe. Das war doch schonmal was.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Das Fieber kettete Shanaya ans Bett und sie konnte sich nicht einmal darüber aufregen. Eigentlich tat sie junge Frau seit gestern Nichts anderes außer zu schlafen. So spürte sie nicht das schmerzende Bein, die Erschöpfung, die ihr jede Kontrolle nahm. Und auch jetzt schlief sie, hatte sich von den Bewegungen des Schiffes in den Schlaf wiegen lassen. Die naive Hoffnung, dass das alles so schneller überstanden war, hielt sie eisern fest. Bis irgendetwas sie aus diesem Schlaf riss. Es war kein Geräusch, das folgte erst, nachdem ein wenig Bewusstsein zu ihr zurück gekehrt war. Sie musste einige Male blinzeln, ehe das Bild von dem Mann, der bei ihr auftauchte und seine Stimme zusammen passten. Die müden, blauen Augen musterten ihn, während sie noch versuchte, seine Worte zu sortieren. Es dauerte einige weitere Herzschläge, bis sie den Mund öffnete und leise Worte erklangen. <i>„Und du willst jetzt mein Retter sein?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6B8E23> <i>"Na... ich glaube der Posten ist bereits vergeben."</i> Ceallagh zuckte unschuldig mit den Schultern und ließ ein hörbares Schmunzeln über seine Lippen gleiten. Ganz davon abgesehen, dass er seinem Freund weder in die Parade fahren wollte, noch konnte, sah er sich definitiv nicht als Samariter. Meistens, wenn er sich aufopferungsvoll einer Frau gegenüber zeigte, waren da deutlich lüsternere Hintergedanken im Spiel. Und die konnte Shanaya weder in ihrem jetzigen Zustand bedienen, noch, wenn sie wieder fit war. "<i>Aber wenn du nicht willst... dann esse ich deine Portion eben."</i> Gespielt gleichgültig lehnte er sich etwas zurück und rührte mit dem Holzlöffel in der kleinen Schüssel. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Ceallaghs Worte ließen Shanaya noch einmal blinzeln. Der Posten war vergeben? Welcher Posten? Seine Worte dröhnten in ihrem Kopf nach und ließen es nicht zu, dass sie lange darüber nachdachte. <i>„Was meinst du?“</I> Sie strengte sich nicht weiter an, nachzudenken, so war es deutlich einfacher. Sie schloss die Augen bei seinen nächsten Worten, konzentrierte sich einige Momente nur auf ihre Atemzüge. <i>„Wieso bringt du mir Essen?“</i> Mit diesen Worten blickte sie den Mann wieder an. Dabei ging es ihr nichtmal darum, warum er mit Essen zu ihr kam... sondenr viel mehr warum er mit Essen zu IHR kam.  </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Wäre ihr das Fieber nicht so offensichtlich zu Kopf gestiegen, hätte er ihren Kommentar als süffisante Spitze gegen seine Verschwiegenheit aufgefasst. Doch auch das überging er einfach und lehnte sich knarzend auf dem Hocker voraus, um die Schüssel demonstrativ vor ihre Nase zu halten. <i>"Suppe. Mit den besten Grüßen vom Küchenchef."</i> Ehrlich gesagt konnte er ihr nicht einmal sagen, was genau da drin war. Und irgendwie wollte er es auch nicht so genau wissen. Das nahm dem ganzen irgendwie den Zauber. Sein Blick wanderte einen Herzschlag über ihre verschwitzte Miene, zog kleine Furchen zwischen ihre Brauen und bewegte den Hünen dazu, das Essen auf ihrem Bauch abzustellen und sich zu erheben. <i>"Bin gleich wieder da."</i> Etwas planlos lief der hoch gewachsene Körper durch den Raum und schwenkte den blonden Schopf von einer Seite zur anderen. Dann war er auch schon verschwunden und kehrte - für Shanaya womöglich eine gefühlte Ewigkeit - mit einer Schüssel und einem Lappen zurück. Leise verschloss er die Tür zum Lazarett mit einem Fuß und ließ sich wieder auf dem Hocker neben ihrem Bett nieder. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Wieder bekam sie keine Antwort. Dieses Mal fragte sie jedoch nicht nach, brummte nur leise darüber. Okay, also doch die Greovariante. Jetzt musste sie sich für zwei Männer dafür eine Strafe ausdenken. Nun hielt er ihr jedoch die Schüssel hin, deren Duft ihr direkt in die Nase stieg. Von Rayon? <I>„... Hat er dich geschickt, mir etwas zu Essen zu bringen?“</i> Ihrer Stimme war die Verwirrung deutlich anzuhören. Das würde das Ganze jedenfalls erklären. <I>„Danke.“</i> Egal, ob der Dunkelhäutige ihn geschickt hatte, oder Ceallagh sie von sich aus mit etwas Essbarem versorgte – in beiden Fällen gebührte ihm dieser Dank. Aber dann war er auch schon wieder weg, sein 'Bin gleich wieder da' brauchte einen Moment, bis es ihren Verstand erreichte. Die Hand, die zuvor an ihrer Stirn gelegen hatte, wanderte nun langsam zu dem Löffel, der in der Suppe lag. Sie schaffte es irgendwie einen Löffel voll in ihren Mund zu befördern – auch wenn sie keinen sonderlich großen Hunger hatte. Ceallagh kam zurück und ihre blauen Augen legten sich wieder auf den Blonden. Irgendwie erwartungsvoll. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23> <i>"Wie schmeckts?"</i> Er konnte dem kleinen Streifen Suppe an ihrem Kinn ansehen, dass sie sich daran versucht hatte. Vielleicht sollte sie sich aufsetzen, damit das Essen deutlich leichter fiel. Doch darauf wäre sie sicherlich trotz ihres verquirlten Kopfes selbst gekommen. So sie denn gewollt hätte. Leise platschte das Wasser in der Schüssel auf seinem Schoß, als Ceallagh mit einem beherzten Griff das Tuch darin ertränkte. Ihren Blick ignorierte er genauso geflissentlich wie ihre zuvor gestellte Frage. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte, sofern das im liegen funktionierte, ruhig auf seine Worte. Eine kleine Geste. Sie mochte, was Rayon kochte. Trotzdem war sie der festen Überzeugung, dass sie das noch immer besser konnte. Mehr sagte der Blonde nicht und hätte Shanaya mehr Kraft gehabt, hätte sie ihm die Suppe vielleicht einfach an den Kopf geworfen. <i>„Was erwartest du für eine Gegenleistung?“</i> Ihr Kopf legte sich auf die Seite, um den Mann genau betrachten zu können. Die Suppe hatte sie beinahe schon wieder vergessen.  </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23> Sie nickte. Das reichte ihm vollkommen als Antwort, um sich dem Tuch in seiner Hand zu widmen und es mit Hilfe seiner Zweiten geräuschvoll auszuwringen. Erst als Shanaya weitersprach, hoben sich die blaugrünen Augen und waren sich für einen Moment unschlüssig, ob er einen seiner üblichen Wortwitze heraus ließ, oder ihnen beiden den verwirrten und schweigsamen Moment ersparte, der sich danach zwischen ihnen aufbaute. <i>"Dass du dir mal das Gesicht wäschst."</i> Demonstrativ hielt er ihr den Lappen entgegen. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Noch so ein Kerl, der in Rätseln sprach. Damit musste sie wohl leben... eine Antwort aus ihm heraus prügeln war in ihrer jetzigen Situation irgendwie keine Option. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie den Löffel fest genug in die Hand bekam, um ihn zu werfen. Was er dann auf ihre Worte erwiderte, ließ die Schwarzhaarige blinzeln. Sich das Gesicht waschen? Mit einem leisen, erschöpften Stöhnen griff die Schwarzhaarige nach dem nassen Tuch und ließ es sich ohne zu zögern auf das Gesicht fallen. Sie hielt die Augen dabei geschlossen, genoss die leichte Kühle, die zumindest einen Moment anhielt. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Na also. Sie hörte wenigstens auf ihn, auch wenn das womöglich an ihrer derzeitigen Situation und beschränkten Möglichkeiten lag. Doch ihm war es ehrlich gesagt gleich. Schmunzelte nur amüsiert und beobachtete sie schweigend, ehe er sich nach ein paar Minuten aufrichtete, die Schüssel auf den Boden neben sich stellte und sein Buch aus dem Hosenbund an seinem Rücken zog. Wahrscheinlich war die Jüngere unter dem angenehm nassen Tuch eh eingeschlafen.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya schwieg einige Momente, in denen sie einfach die Kühle auf ihrem Gesicht genoss. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal Fieber gehabt hatte... Und sie war auch einfach froh, wenn das überstanden war. Ceallagh sagte Nichts mehr und einen Moment glaubte die junge Frau, er wäre schon wieder gegangen. Sie hatte Essen, sie hatte einen kühlen Lappen. Was sollte er also noch hier wollen? Es vergingen noch einige Momente, ehe Shanaya den Lappen leicht anhob, darunter hervor lugte und zu ihrem Überraschen doch noch den Blonden entdeckte. Er befasste sich mit einem Buch. <i>„Du hältst eisern Wache, hm?“</i> In ihrer Stimme lag ein müdes aber dennoch ehrliches Lächeln.  </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23><i>"Ist mein Job."</i> Erhob Ceallagh dumpf, ohne den Blick von seinem Buch zu nehmen. Gerade las er den letzten Satz zum fünften Mal, immer wieder abgelenkt durch die Geräusche der Jüngeren, die auf Schmerzen oder Unzufriedenheit hätten hindeuten können. <i>"Soll ich den Lappen auffrischen?"</i> Provisorisch fuhr er mit dem Finger über die Seite seines Buches, um nach einer kurzen Wendung den Finger auf die erste Zeile zu legen.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Sein... Job? Wie sollte sie das nun verstehen? Es gab da eigentlich nur eine Möglichkeit. <i>„Bist du... Arzt?“</i> Skeptisch verengte Shanaya leicht die Augen, ließ den Blonden dabei nicht aus den Augen. Nichts an ihm hätte sie sonst darauf schließen lassen. Die junge Frau versuchte sich an den Abend zu erinnern, als sie seine Wunde versorgt hatte. Und mit diesem kleinen Gedanken kam ihr eine andere Erkenntnis. <i>„Oder meinst du, du bist es mir schuldig, weil ich deine Wunde versorgt habe?“</i> Ein fast amüsiertes Lächeln huschte über ihren Ausdruck, als sie mit seinen nächsten Worten nach dem Tuch griff und es ihm kommentarlos reichte. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23> Er und Arzt. War das fast so gut wie Gregory, der als Tierarzt an Menschen herum dokterte? Ceallagh musste sich ein sanftes Schmunzeln verkneifen und ließ das Buch in seinen Schoß gleiten. Wieder antwortete er nicht auf ihre Frage. Es war kaum nötig, angesichts seiner Miene, die durchaus für sich sprach. <i>“Wenn du es nicht getan hättest, wäre es irgendjemand anderes gewesen.“</i> Die grünblauen Augen musterten das blasse Gesicht für eine Weile, ehe sie auf das Tuch hinab glitten und sich der Körper des Hünen wie von selbst in Bewegung setzte. <i>“Aber als Teil der Crew hat man eine gewisse Verantwortung, solange man gemeinsam auf dem Schiff ist. Meinst du nicht?“</i> Laut plätscherte das Wasser aus dem nassen Stoff zurück in die Schüssel, die nun zwischen seinen Füßen stand. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Ceallagh antwortete nicht, zumindest nicht mit Worten. Er setzte nur einen Blick auf, der ihr Antwort genug war. Also verkniff sie sich das Brummen, behielt den Mann nur im Blick, als er sein Buch sinken ließ. Seine Worte waren wohl wahr, also nickte Shanaya nur ruhig, zustimmend. Weiter war sie mit ihren Fragen jedoch noch immer nicht. Erst, als der Blonde erneut ansetzte und etwas sagte, was die junge Frau auf milde Weise überraschte, klärte sich dieser Nebel etwas auf. Soso. Er spielte es einfach auf das Allgemeinwohl. <i>„Ein sehr löblicher Gedanke, den nicht viele haben.“</i> Sie nahm sich da nicht von aus – bei den meisten war es ihr schlicht egal, was ihnen passierte. Nur eine handvoll Menschen auf diesem Schiff verdienten ihre 'Sorge'. <i>„Dann bin ich dir also einfach dafür dankbar, dass du dich um die Crew kümmerst.“ </i> Damit hob sie in einer müden Bewegung die Hand, griff nach dem Löffel in der Suppenschüssel und löffelte sich etwas Suppe in den Mund. Sie hatte nach wie vor keinen großen Hunger, aber vielleicht half es ja gegen dieses verdammte Fieber.  </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Tat er das, sich um die Crew kümmern? In den meisten Augen musste es wohl so wirken. Doch ehrlich gesagt, erledigte er nicht mehr als seinen Job. Einen Job der es ihm ermöglichte, auf Gefälligkeiten zurück zu kommen, wenn er sie brauchte. Was er irgendwann von Shanaya erwarten konnte, malte er sich nicht aus. Hegte keinerlei Interesse daran, weil ihn irgendwie auch der Gedanke an Lucien hier hinab getrieben hatte. <i>“Solange du mir nicht unter den Händen wegstirbst, kannst du sein was du möchtest.“</i> Es war die Art wie er es aussprach. Amüsiert, mit einem leichten Zucken in den Mundwinkeln, die er unter einem tiefen Atemzug mit dem aufgeschlagenen Buch verdeckte, das er sich in einer fließenden Bewegung vom Schoß zog. <i>“Aber ich nehme mal an, dass es mehr braucht, um dich klein zu kriegen.“</i> Zum achten Mal versuchte er sich schon daran, die letzte Passage des Kapitels zu beenden. Ständig unterbrochen von ihrem Schlürfen und dem anhaltenden Tropfen der Suppe, die vom überladenen Löffel in die Schüssel zurück plätscherte. Wenn sie weiter so aß, sah sie aus wie ein Ferkel. Eines, das er wohl bald baden musste. Wieder verirrte sich ein Grinsen auf seine Züge.  </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya brummte. Es war so furchtbar anstrengend, einfach nur herum zu liegen, nichts tun zu können, außer ein bisschen von der inzwischen kalten Suppe löffeln. Wenigstens hatte sie Genugtuung darin, dass nur einer der beiden Männer auf das Schiff ihres Bruder zurück kehren würden. Auf die Worte des Blonden folgte ein lautes Schnaufen. Zu gern wäre sie aufgestanden, #i>um ihm genau das zu beweisen. Aber das Fieber und der Schmerz in ihrem Bein lähmten Bewegungen in diese Richtung. <I„Definitiv.“</i> Das bisschen Fieber würde sie sicher nicht dahin raffen. Nicht hier, nicht jetzt. „Wenn der werte Ritter bitte die Schüssel nehmen würde?“ In ihrer Stimme klang eine müde Belustigung mit, als sie mit schwachen Fingern nach der Schüssel griff und sie dem Mann hin hielt. Kaum waren ihre Hände frei, rollte sie sich auf die Seite, schloss die blauen Augen. Ihr Lächeln wurde einen Moment beinahe gehässig. <i>„Ich störe dich doch nicht etwa beim Lesen.“</i> Mehr eine Feststellung denn eine Frage. </font><br />
<br />
<font color=#6B8E23> Mit erhobener Augenbraue schoben sich die grünblauen Augen über den Rand des Buches hinweg, das Ceallagh zwischen seinen Fingern hielt. Unschlüssig darüber, ob er wirklich lachen sollte, wie er es eben tat, oder die Jüngere lieber daran erinnerte, dass es klüger war, nett zu ihm zu sein. Doch ihre Reaktion amüsierte ihn einfach zu sehr, als dass er die Muse besaß, sich als Lehrmeister aufzuführen. War ohnehin ein stinklangweiliger Job. Somit lehnte sich der lang gewachsene Kerl voraus und nahm, mit der anderen Hand das aufgeschlagene Buch in seinen Schoß pressend, die Schüssel entgegen, um sie lautstark neben sich auf dem Boden abzustellen. <i>“Allerdings. Bei deinem Geschmatze kann man sich nicht konzentrieren.“</i> Schmunzelnd glitt der hohe Rücken erneut gegen die Lehne. Das Buch vor die Nase geklemmt, beendete Ceallagh endlich die letzten Zeilen des Kapitels und blätterte geräuschvoll um. </font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Ritter ohne Rüstung</div>
<br />
<font size=1>Abend des 14. Mai 1822<br />
Ceallagh Hayes & Shanaya Árashi</font></center><br />
<br />
<font color=#6B8E23>Dieser Rayon war schon ein Meister seines Faches. Dass sich überhaupt noch etwas aus den Überresten zusammenstellen ließ, von dem er sich nicht direkt übergeben wollte, offenbarte wohl sein Talent. Da machte der Geschmack beinahe die Konsistenz dessen wett, auf dass sich die blaugrünen Augen richteten. Innerlich verglich er diese "Suppe" mit fettigem Wasser in dem seltsame Schnibbeleien schwammen. Wie Augen. Auch wenn es keine waren. Na mal sehen, ob er der kleinen Navigatorin das Zeug unterjubeln konnte, bevor sie es ihm angewidert ins Gesicht spukte. Man sollte ja schließlich nicht den Überbringer für den Inhalt der Nachricht bestrafen, oder? Und so viel Höflichkeit sollte sie trotz ihres Zustands aufbringen können. Nun ja. Er war mal nicht so. Schnaubte über seinen eigenen Gedankengang und erreichte mit wenigen Schritten das Lazarett, in dem die Dunkelhaarige auf einem der Betten lag. Gregory warf er im Vorbeigehen nur einen kurzen Blick zu. Nickte. Und zog einen der Hocker zu sich heran, um sich neben Shanayas Krankenlager niederzulassen. <i>"Dein Magengrummeln hab ich bis nach oben gehört."</i>, gab er mit einem spitzbübischen Lächeln von sich und ließ den Kopf prüfend zur Seite kippen, während die wachsamen Augen ihr Gesicht umkreisten. Zumindest sah sie nicht danach aus, als läge sie dem Sterben nahe. Das war doch schonmal was.</font><br />
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<font color=royalblue>Das Fieber kettete Shanaya ans Bett und sie konnte sich nicht einmal darüber aufregen. Eigentlich tat sie junge Frau seit gestern Nichts anderes außer zu schlafen. So spürte sie nicht das schmerzende Bein, die Erschöpfung, die ihr jede Kontrolle nahm. Und auch jetzt schlief sie, hatte sich von den Bewegungen des Schiffes in den Schlaf wiegen lassen. Die naive Hoffnung, dass das alles so schneller überstanden war, hielt sie eisern fest. Bis irgendetwas sie aus diesem Schlaf riss. Es war kein Geräusch, das folgte erst, nachdem ein wenig Bewusstsein zu ihr zurück gekehrt war. Sie musste einige Male blinzeln, ehe das Bild von dem Mann, der bei ihr auftauchte und seine Stimme zusammen passten. Die müden, blauen Augen musterten ihn, während sie noch versuchte, seine Worte zu sortieren. Es dauerte einige weitere Herzschläge, bis sie den Mund öffnete und leise Worte erklangen. <i>„Und du willst jetzt mein Retter sein?“ </i></font><br />
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<font color=#6B8E23> <i>"Na... ich glaube der Posten ist bereits vergeben."</i> Ceallagh zuckte unschuldig mit den Schultern und ließ ein hörbares Schmunzeln über seine Lippen gleiten. Ganz davon abgesehen, dass er seinem Freund weder in die Parade fahren wollte, noch konnte, sah er sich definitiv nicht als Samariter. Meistens, wenn er sich aufopferungsvoll einer Frau gegenüber zeigte, waren da deutlich lüsternere Hintergedanken im Spiel. Und die konnte Shanaya weder in ihrem jetzigen Zustand bedienen, noch, wenn sie wieder fit war. "<i>Aber wenn du nicht willst... dann esse ich deine Portion eben."</i> Gespielt gleichgültig lehnte er sich etwas zurück und rührte mit dem Holzlöffel in der kleinen Schüssel. </font><br />
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<font color=royalblue>Ceallaghs Worte ließen Shanaya noch einmal blinzeln. Der Posten war vergeben? Welcher Posten? Seine Worte dröhnten in ihrem Kopf nach und ließen es nicht zu, dass sie lange darüber nachdachte. <i>„Was meinst du?“</I> Sie strengte sich nicht weiter an, nachzudenken, so war es deutlich einfacher. Sie schloss die Augen bei seinen nächsten Worten, konzentrierte sich einige Momente nur auf ihre Atemzüge. <i>„Wieso bringt du mir Essen?“</i> Mit diesen Worten blickte sie den Mann wieder an. Dabei ging es ihr nichtmal darum, warum er mit Essen zu ihr kam... sondenr viel mehr warum er mit Essen zu IHR kam.  </font><br />
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<font color=#6B8E23>Wäre ihr das Fieber nicht so offensichtlich zu Kopf gestiegen, hätte er ihren Kommentar als süffisante Spitze gegen seine Verschwiegenheit aufgefasst. Doch auch das überging er einfach und lehnte sich knarzend auf dem Hocker voraus, um die Schüssel demonstrativ vor ihre Nase zu halten. <i>"Suppe. Mit den besten Grüßen vom Küchenchef."</i> Ehrlich gesagt konnte er ihr nicht einmal sagen, was genau da drin war. Und irgendwie wollte er es auch nicht so genau wissen. Das nahm dem ganzen irgendwie den Zauber. Sein Blick wanderte einen Herzschlag über ihre verschwitzte Miene, zog kleine Furchen zwischen ihre Brauen und bewegte den Hünen dazu, das Essen auf ihrem Bauch abzustellen und sich zu erheben. <i>"Bin gleich wieder da."</i> Etwas planlos lief der hoch gewachsene Körper durch den Raum und schwenkte den blonden Schopf von einer Seite zur anderen. Dann war er auch schon verschwunden und kehrte - für Shanaya womöglich eine gefühlte Ewigkeit - mit einer Schüssel und einem Lappen zurück. Leise verschloss er die Tür zum Lazarett mit einem Fuß und ließ sich wieder auf dem Hocker neben ihrem Bett nieder. </font><br />
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<font color=royalblue>Wieder bekam sie keine Antwort. Dieses Mal fragte sie jedoch nicht nach, brummte nur leise darüber. Okay, also doch die Greovariante. Jetzt musste sie sich für zwei Männer dafür eine Strafe ausdenken. Nun hielt er ihr jedoch die Schüssel hin, deren Duft ihr direkt in die Nase stieg. Von Rayon? <I>„... Hat er dich geschickt, mir etwas zu Essen zu bringen?“</i> Ihrer Stimme war die Verwirrung deutlich anzuhören. Das würde das Ganze jedenfalls erklären. <I>„Danke.“</i> Egal, ob der Dunkelhäutige ihn geschickt hatte, oder Ceallagh sie von sich aus mit etwas Essbarem versorgte – in beiden Fällen gebührte ihm dieser Dank. Aber dann war er auch schon wieder weg, sein 'Bin gleich wieder da' brauchte einen Moment, bis es ihren Verstand erreichte. Die Hand, die zuvor an ihrer Stirn gelegen hatte, wanderte nun langsam zu dem Löffel, der in der Suppe lag. Sie schaffte es irgendwie einen Löffel voll in ihren Mund zu befördern – auch wenn sie keinen sonderlich großen Hunger hatte. Ceallagh kam zurück und ihre blauen Augen legten sich wieder auf den Blonden. Irgendwie erwartungsvoll. </font><br />
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<font color=#6B8E23> <i>"Wie schmeckts?"</i> Er konnte dem kleinen Streifen Suppe an ihrem Kinn ansehen, dass sie sich daran versucht hatte. Vielleicht sollte sie sich aufsetzen, damit das Essen deutlich leichter fiel. Doch darauf wäre sie sicherlich trotz ihres verquirlten Kopfes selbst gekommen. So sie denn gewollt hätte. Leise platschte das Wasser in der Schüssel auf seinem Schoß, als Ceallagh mit einem beherzten Griff das Tuch darin ertränkte. Ihren Blick ignorierte er genauso geflissentlich wie ihre zuvor gestellte Frage. </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya nickte, sofern das im liegen funktionierte, ruhig auf seine Worte. Eine kleine Geste. Sie mochte, was Rayon kochte. Trotzdem war sie der festen Überzeugung, dass sie das noch immer besser konnte. Mehr sagte der Blonde nicht und hätte Shanaya mehr Kraft gehabt, hätte sie ihm die Suppe vielleicht einfach an den Kopf geworfen. <i>„Was erwartest du für eine Gegenleistung?“</i> Ihr Kopf legte sich auf die Seite, um den Mann genau betrachten zu können. Die Suppe hatte sie beinahe schon wieder vergessen.  </font><br />
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<font color=#6B8E23> Sie nickte. Das reichte ihm vollkommen als Antwort, um sich dem Tuch in seiner Hand zu widmen und es mit Hilfe seiner Zweiten geräuschvoll auszuwringen. Erst als Shanaya weitersprach, hoben sich die blaugrünen Augen und waren sich für einen Moment unschlüssig, ob er einen seiner üblichen Wortwitze heraus ließ, oder ihnen beiden den verwirrten und schweigsamen Moment ersparte, der sich danach zwischen ihnen aufbaute. <i>"Dass du dir mal das Gesicht wäschst."</i> Demonstrativ hielt er ihr den Lappen entgegen. </font><br />
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<font color=royalblue>Noch so ein Kerl, der in Rätseln sprach. Damit musste sie wohl leben... eine Antwort aus ihm heraus prügeln war in ihrer jetzigen Situation irgendwie keine Option. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie den Löffel fest genug in die Hand bekam, um ihn zu werfen. Was er dann auf ihre Worte erwiderte, ließ die Schwarzhaarige blinzeln. Sich das Gesicht waschen? Mit einem leisen, erschöpften Stöhnen griff die Schwarzhaarige nach dem nassen Tuch und ließ es sich ohne zu zögern auf das Gesicht fallen. Sie hielt die Augen dabei geschlossen, genoss die leichte Kühle, die zumindest einen Moment anhielt. </font><br />
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<font color=#6B8E23>Na also. Sie hörte wenigstens auf ihn, auch wenn das womöglich an ihrer derzeitigen Situation und beschränkten Möglichkeiten lag. Doch ihm war es ehrlich gesagt gleich. Schmunzelte nur amüsiert und beobachtete sie schweigend, ehe er sich nach ein paar Minuten aufrichtete, die Schüssel auf den Boden neben sich stellte und sein Buch aus dem Hosenbund an seinem Rücken zog. Wahrscheinlich war die Jüngere unter dem angenehm nassen Tuch eh eingeschlafen.  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya schwieg einige Momente, in denen sie einfach die Kühle auf ihrem Gesicht genoss. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal Fieber gehabt hatte... Und sie war auch einfach froh, wenn das überstanden war. Ceallagh sagte Nichts mehr und einen Moment glaubte die junge Frau, er wäre schon wieder gegangen. Sie hatte Essen, sie hatte einen kühlen Lappen. Was sollte er also noch hier wollen? Es vergingen noch einige Momente, ehe Shanaya den Lappen leicht anhob, darunter hervor lugte und zu ihrem Überraschen doch noch den Blonden entdeckte. Er befasste sich mit einem Buch. <i>„Du hältst eisern Wache, hm?“</i> In ihrer Stimme lag ein müdes aber dennoch ehrliches Lächeln.  </font><br />
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<font color=#6B8E23><i>"Ist mein Job."</i> Erhob Ceallagh dumpf, ohne den Blick von seinem Buch zu nehmen. Gerade las er den letzten Satz zum fünften Mal, immer wieder abgelenkt durch die Geräusche der Jüngeren, die auf Schmerzen oder Unzufriedenheit hätten hindeuten können. <i>"Soll ich den Lappen auffrischen?"</i> Provisorisch fuhr er mit dem Finger über die Seite seines Buches, um nach einer kurzen Wendung den Finger auf die erste Zeile zu legen.  </font><br />
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<font color=royalblue>Sein... Job? Wie sollte sie das nun verstehen? Es gab da eigentlich nur eine Möglichkeit. <i>„Bist du... Arzt?“</i> Skeptisch verengte Shanaya leicht die Augen, ließ den Blonden dabei nicht aus den Augen. Nichts an ihm hätte sie sonst darauf schließen lassen. Die junge Frau versuchte sich an den Abend zu erinnern, als sie seine Wunde versorgt hatte. Und mit diesem kleinen Gedanken kam ihr eine andere Erkenntnis. <i>„Oder meinst du, du bist es mir schuldig, weil ich deine Wunde versorgt habe?“</i> Ein fast amüsiertes Lächeln huschte über ihren Ausdruck, als sie mit seinen nächsten Worten nach dem Tuch griff und es ihm kommentarlos reichte. </font><br />
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<font color=#6B8E23> Er und Arzt. War das fast so gut wie Gregory, der als Tierarzt an Menschen herum dokterte? Ceallagh musste sich ein sanftes Schmunzeln verkneifen und ließ das Buch in seinen Schoß gleiten. Wieder antwortete er nicht auf ihre Frage. Es war kaum nötig, angesichts seiner Miene, die durchaus für sich sprach. <i>“Wenn du es nicht getan hättest, wäre es irgendjemand anderes gewesen.“</i> Die grünblauen Augen musterten das blasse Gesicht für eine Weile, ehe sie auf das Tuch hinab glitten und sich der Körper des Hünen wie von selbst in Bewegung setzte. <i>“Aber als Teil der Crew hat man eine gewisse Verantwortung, solange man gemeinsam auf dem Schiff ist. Meinst du nicht?“</i> Laut plätscherte das Wasser aus dem nassen Stoff zurück in die Schüssel, die nun zwischen seinen Füßen stand. </font><br />
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<font color=royalblue>Ceallagh antwortete nicht, zumindest nicht mit Worten. Er setzte nur einen Blick auf, der ihr Antwort genug war. Also verkniff sie sich das Brummen, behielt den Mann nur im Blick, als er sein Buch sinken ließ. Seine Worte waren wohl wahr, also nickte Shanaya nur ruhig, zustimmend. Weiter war sie mit ihren Fragen jedoch noch immer nicht. Erst, als der Blonde erneut ansetzte und etwas sagte, was die junge Frau auf milde Weise überraschte, klärte sich dieser Nebel etwas auf. Soso. Er spielte es einfach auf das Allgemeinwohl. <i>„Ein sehr löblicher Gedanke, den nicht viele haben.“</i> Sie nahm sich da nicht von aus – bei den meisten war es ihr schlicht egal, was ihnen passierte. Nur eine handvoll Menschen auf diesem Schiff verdienten ihre 'Sorge'. <i>„Dann bin ich dir also einfach dafür dankbar, dass du dich um die Crew kümmerst.“ </i> Damit hob sie in einer müden Bewegung die Hand, griff nach dem Löffel in der Suppenschüssel und löffelte sich etwas Suppe in den Mund. Sie hatte nach wie vor keinen großen Hunger, aber vielleicht half es ja gegen dieses verdammte Fieber.  </font><br />
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<font color=#6B8E23>Tat er das, sich um die Crew kümmern? In den meisten Augen musste es wohl so wirken. Doch ehrlich gesagt, erledigte er nicht mehr als seinen Job. Einen Job der es ihm ermöglichte, auf Gefälligkeiten zurück zu kommen, wenn er sie brauchte. Was er irgendwann von Shanaya erwarten konnte, malte er sich nicht aus. Hegte keinerlei Interesse daran, weil ihn irgendwie auch der Gedanke an Lucien hier hinab getrieben hatte. <i>“Solange du mir nicht unter den Händen wegstirbst, kannst du sein was du möchtest.“</i> Es war die Art wie er es aussprach. Amüsiert, mit einem leichten Zucken in den Mundwinkeln, die er unter einem tiefen Atemzug mit dem aufgeschlagenen Buch verdeckte, das er sich in einer fließenden Bewegung vom Schoß zog. <i>“Aber ich nehme mal an, dass es mehr braucht, um dich klein zu kriegen.“</i> Zum achten Mal versuchte er sich schon daran, die letzte Passage des Kapitels zu beenden. Ständig unterbrochen von ihrem Schlürfen und dem anhaltenden Tropfen der Suppe, die vom überladenen Löffel in die Schüssel zurück plätscherte. Wenn sie weiter so aß, sah sie aus wie ein Ferkel. Eines, das er wohl bald baden musste. Wieder verirrte sich ein Grinsen auf seine Züge.  </font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya brummte. Es war so furchtbar anstrengend, einfach nur herum zu liegen, nichts tun zu können, außer ein bisschen von der inzwischen kalten Suppe löffeln. Wenigstens hatte sie Genugtuung darin, dass nur einer der beiden Männer auf das Schiff ihres Bruder zurück kehren würden. Auf die Worte des Blonden folgte ein lautes Schnaufen. Zu gern wäre sie aufgestanden, #i>um ihm genau das zu beweisen. Aber das Fieber und der Schmerz in ihrem Bein lähmten Bewegungen in diese Richtung. <I„Definitiv.“</i> Das bisschen Fieber würde sie sicher nicht dahin raffen. Nicht hier, nicht jetzt. „Wenn der werte Ritter bitte die Schüssel nehmen würde?“ In ihrer Stimme klang eine müde Belustigung mit, als sie mit schwachen Fingern nach der Schüssel griff und sie dem Mann hin hielt. Kaum waren ihre Hände frei, rollte sie sich auf die Seite, schloss die blauen Augen. Ihr Lächeln wurde einen Moment beinahe gehässig. <i>„Ich störe dich doch nicht etwa beim Lesen.“</i> Mehr eine Feststellung denn eine Frage. </font><br />
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<font color=#6B8E23> Mit erhobener Augenbraue schoben sich die grünblauen Augen über den Rand des Buches hinweg, das Ceallagh zwischen seinen Fingern hielt. Unschlüssig darüber, ob er wirklich lachen sollte, wie er es eben tat, oder die Jüngere lieber daran erinnerte, dass es klüger war, nett zu ihm zu sein. Doch ihre Reaktion amüsierte ihn einfach zu sehr, als dass er die Muse besaß, sich als Lehrmeister aufzuführen. War ohnehin ein stinklangweiliger Job. Somit lehnte sich der lang gewachsene Kerl voraus und nahm, mit der anderen Hand das aufgeschlagene Buch in seinen Schoß pressend, die Schüssel entgegen, um sie lautstark neben sich auf dem Boden abzustellen. <i>“Allerdings. Bei deinem Geschmatze kann man sich nicht konzentrieren.“</i> Schmunzelnd glitt der hohe Rücken erneut gegen die Lehne. Das Buch vor die Nase geklemmt, beendete Ceallagh endlich die letzten Zeilen des Kapitels und blätterte geräuschvoll um. </font>]]></content:encoded>
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