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		<title><![CDATA[Inselwelten - 22. März bis 04. April 1822 | (IV. - V.)]]></title>
		<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/</link>
		<description><![CDATA[Inselwelten - https://inselwelten.crux-mundi.de]]></description>
		<pubDate>Sun, 19 Apr 2026 09:26:05 +0000</pubDate>
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		<item>
			<title><![CDATA[After all this Time]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1205</link>
			<pubDate>Mon, 29 May 2023 19:40:05 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1205</guid>
			<description><![CDATA[After all this Time<br />
<br />
Morgens am 23. März 1822  | Gregory & Skadi<br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Mit einem letzten Blick ins Unterholz erhob sich die Dunkelhaarige aus ihrer Hocke und klopfte sich die freie Hand am Oberschenkel ab. Noch immer trug sie die weite, abgetragene Kleidung und den festen Verband um ihren Oberkörper, um den Anschein von Männlichkeit zu wahren.  Bisher hatte sich kaum die Gelegenheit ergeben Enrique abzufangen. Ihn als ersten einzuweihen und ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Und seit dem Auftauchen des Rotbarts und seiner kindlichen Begleitung fühlte sich Skadi, als  rücke diese Möglichkeit in weite Ferne. Umso angenehmer war es jetzt in der Gesellschaft der einzigen Person zu sein, die um ihr Geheimnis wusste. Dessen Haarschopf jäh in ihr Sichtfeld huschte, kaum dass sie raschelnd aus dem Unterholz auf den Trampelpfad zurückkehrte und Gregory mit ausgestrecktem Arm eine Pflanze mitsamt Wurzel vor die Nase hielt.<br />
<br />
<i>“Daraus können wir Öle und warme Umschläge herstellen. Hilft bei schmerzenden Knochen und Wunden.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#228B22><i>"Ah, sehr gut! Aber lass das nächste mal die Wurzel und ein, zwei Blätter stehen. Dann wissen wir, wo wir irgendwann im Zweifelsfall mal mehr davon finden. Sie verbreitet sich nur langsam.“</i><br />
<br />
Erfreut hatte er sich zu Skadi herumgedreht und die Pflanze gemustert. Dann hielt er überlegend inne und fing kurz darauf an zu grinsen.<br />
<br />
<i>"Und für diese Pflanze organisiere ich eine Kokosnuss aus der Kombüse als Topf. So schattig wie die normalerweise steht, müsste es doch möglich sein, sie eine Weile auf der Sphinx am Leben zu halten. Wenn es gut geht, hätten wir dann sogar einen kleinen nachwachsenden Vorrat. Oder meinst du, das bringt nichts?"</i><br />
<br />
Gregory war bei Leibe kein Gärtner, konnte nur mit den spärlichen Kenntnissen aus seiner Kinderzeit dienen, die er beim Helfen im Gemüsegarten seiner Mutter gesammelt hatte. Dennoch war er bereit es zu versuchen, sofern auch die Expertise der Jägerin eine Aussicht auf Erfolg erlaubte, denn was Kräuter und Tinkturen betraf, war diese durchaus ein bedeutendes Stück umfangreicher.<br />
<br />
<i>"Und da hinten steht Aloe, da sollten wir uns bei Zeiten drum kümmern, damit wir nicht zu viel Saft verlieren."</I><br />
<br />
Denn jetzt hatte der Schiffsarzt nichts zum Auffangen dabei und wollte auch nichts verschwenden.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Fast ließ sich die Nordskov dazu hinreißen die Lippen skeptisch aufeinander zu pressen. Immerhin brauchten sie für die Öle und Umschläge die Wurzel. Nicht ohne Grund hatte sie das ganze Ding mit den Händen aus dem nass-kalten Boden gegraben. Doch sie überging seine Bitte und nickte einfach stumm auf den darauffolgenden Vorschlag. Es blieb zwar fraglich wie er so ein Pflänzchen mit Meerwasser gießen wollte, doch das wäre wohl eine Aufgabe, der sie sich beide stellen mussten.<br />
<br />
<i>“Wenn wir Lucien und Rayon dazu überreden können einen gesonderten Vorrat an Frischwasser für die Pflanzen anzulegen, dann ja. Andernfalls geht uns das Ding schneller ein, als es die Mühe wert wäre.“</i><br />
<br />
Behutsam glitt der kleine Zögling in Gregorys Hand. Ließ im ersten Moment etwas feuchte Erde von den dicken Wurzeln rieseln, während die Nordskov seinem Blick folgte und mit einem breiten Grinsen eine Flasche aus ihrem umgehängten Beutel zog.<br />
<br />
<i>“Vielleicht hilft uns das ja dabei?“</i><br />
<br />
Ob sie sich vielleicht an einem der leeren Gläschen vergriffen hatte, die Rayon im Vorratslager geleert und gesäubert aufbewahrte? Nun. Konnte durchaus möglich sein. Zumindest erweckte der spitzbübische Blick mit dem sie den Schiffsarzt bedachte keinen sonderlich unschuldigen Eindruck. </font><br />
<br />
<font color=#228B22>Im ersten Moment wusste Gregory das zucken ihres Mundwinkels nicht einzuschätzen. Dann dämmerte ihm, dass sie wohl mehr oder zumindest anderes über die Pflanze wusste und sie deshalb so geerntet hatte.<br />
Dann sprach sie das Problem aus, welches es dafür zu lösen galt, was ihn nicken ließ.<br />
Zögernd nahm er die Pflanze in die Hände.<br />
Vielleicht wäre es besser, sie gleich gänzlich zu verwerten?<br />
Da er selbst allerdings zuvor ein anderes Thema angefangen hatte ging er zunächst auf ihre Frage ein:<br />
<br />
<i>"Oh ja, das ist genau das, was wir brauchen, um einen guten Vorrat zu schneiden, denn wir dann auf dem Schiff verarbeiten können. Und Rayon wird uns dafür wohl auch noch grummelnd seine Töpfe überlassen"</i>, meinte der Schiffsarzt lachend und ließ das vielleicht erwartete "müssen", aus welchen Gründen auch immer, weg.<br />
<br />
Dann sah er Skadi einen Moment lang nachdenklich an.<br />
<br />
<i>"Aber zuvor wüsste ich gerne, was du hierüber weißt."</i><br />
<br />
Dabei hielt er die Pflanze in seinen Händen hoch.<br />
<br />
<i>"Und ob da, wo sie herkommt, noch mehr stehen. Mir scheint, wir haben unterschiedliche Weisen, sie zu verwenden."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F><i>“Mit Essen allein bekommt man seine Kameraden nach einem Kampf nicht wieder fit.“</i>, entgegnete die Nordskov sichtlich amüsiert. Zuckte mit den Schultern und ließ die dichten Brauen für einen Moment gegen Haaransatz schnippen. Nicht, dass sie Rayon das unbedingt unter die Nase reiben musste, allerdings entsprach es wohl der Tatsache. Und auf Ewig mussten sie diese Pflanzen wohl kaum im Topf heran züchten. Sie bezweifelte ohnehin irgendwie, dass das auf Dauer von Erfolg gekrönt war.<br />
<br />
<i>“Das…“</i><br />
<br />
Sie deutete mit ausgestrecktem Finger auf die Pflanze samt Wurzeln in Gregorys Hand.<br />
<br />
<i>“… kenne ich unter Beinwell. Sehr wirksam bei schmerzenden Knochen und Schwellungen… als Wickel oder Salbe aufgetragen. Dieses Exemplar wächst weiter im Unterholz an einem Bachufer...“</i><br />
<br />
Mit einem Kopfnicken deutete sie demonstrativ in jene Richtung, aus der sie gerade eben gekommen war.<br />
<br />
<i>“… und keine Sorge.. dort gibt es so viel dem Zeug, dass eine Pflanze weniger kein Problem sein sollte.“</i></font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[After all this Time<br />
<br />
Morgens am 23. März 1822  | Gregory & Skadi<br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Mit einem letzten Blick ins Unterholz erhob sich die Dunkelhaarige aus ihrer Hocke und klopfte sich die freie Hand am Oberschenkel ab. Noch immer trug sie die weite, abgetragene Kleidung und den festen Verband um ihren Oberkörper, um den Anschein von Männlichkeit zu wahren.  Bisher hatte sich kaum die Gelegenheit ergeben Enrique abzufangen. Ihn als ersten einzuweihen und ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Und seit dem Auftauchen des Rotbarts und seiner kindlichen Begleitung fühlte sich Skadi, als  rücke diese Möglichkeit in weite Ferne. Umso angenehmer war es jetzt in der Gesellschaft der einzigen Person zu sein, die um ihr Geheimnis wusste. Dessen Haarschopf jäh in ihr Sichtfeld huschte, kaum dass sie raschelnd aus dem Unterholz auf den Trampelpfad zurückkehrte und Gregory mit ausgestrecktem Arm eine Pflanze mitsamt Wurzel vor die Nase hielt.<br />
<br />
<i>“Daraus können wir Öle und warme Umschläge herstellen. Hilft bei schmerzenden Knochen und Wunden.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#228B22><i>"Ah, sehr gut! Aber lass das nächste mal die Wurzel und ein, zwei Blätter stehen. Dann wissen wir, wo wir irgendwann im Zweifelsfall mal mehr davon finden. Sie verbreitet sich nur langsam.“</i><br />
<br />
Erfreut hatte er sich zu Skadi herumgedreht und die Pflanze gemustert. Dann hielt er überlegend inne und fing kurz darauf an zu grinsen.<br />
<br />
<i>"Und für diese Pflanze organisiere ich eine Kokosnuss aus der Kombüse als Topf. So schattig wie die normalerweise steht, müsste es doch möglich sein, sie eine Weile auf der Sphinx am Leben zu halten. Wenn es gut geht, hätten wir dann sogar einen kleinen nachwachsenden Vorrat. Oder meinst du, das bringt nichts?"</i><br />
<br />
Gregory war bei Leibe kein Gärtner, konnte nur mit den spärlichen Kenntnissen aus seiner Kinderzeit dienen, die er beim Helfen im Gemüsegarten seiner Mutter gesammelt hatte. Dennoch war er bereit es zu versuchen, sofern auch die Expertise der Jägerin eine Aussicht auf Erfolg erlaubte, denn was Kräuter und Tinkturen betraf, war diese durchaus ein bedeutendes Stück umfangreicher.<br />
<br />
<i>"Und da hinten steht Aloe, da sollten wir uns bei Zeiten drum kümmern, damit wir nicht zu viel Saft verlieren."</I><br />
<br />
Denn jetzt hatte der Schiffsarzt nichts zum Auffangen dabei und wollte auch nichts verschwenden.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Fast ließ sich die Nordskov dazu hinreißen die Lippen skeptisch aufeinander zu pressen. Immerhin brauchten sie für die Öle und Umschläge die Wurzel. Nicht ohne Grund hatte sie das ganze Ding mit den Händen aus dem nass-kalten Boden gegraben. Doch sie überging seine Bitte und nickte einfach stumm auf den darauffolgenden Vorschlag. Es blieb zwar fraglich wie er so ein Pflänzchen mit Meerwasser gießen wollte, doch das wäre wohl eine Aufgabe, der sie sich beide stellen mussten.<br />
<br />
<i>“Wenn wir Lucien und Rayon dazu überreden können einen gesonderten Vorrat an Frischwasser für die Pflanzen anzulegen, dann ja. Andernfalls geht uns das Ding schneller ein, als es die Mühe wert wäre.“</i><br />
<br />
Behutsam glitt der kleine Zögling in Gregorys Hand. Ließ im ersten Moment etwas feuchte Erde von den dicken Wurzeln rieseln, während die Nordskov seinem Blick folgte und mit einem breiten Grinsen eine Flasche aus ihrem umgehängten Beutel zog.<br />
<br />
<i>“Vielleicht hilft uns das ja dabei?“</i><br />
<br />
Ob sie sich vielleicht an einem der leeren Gläschen vergriffen hatte, die Rayon im Vorratslager geleert und gesäubert aufbewahrte? Nun. Konnte durchaus möglich sein. Zumindest erweckte der spitzbübische Blick mit dem sie den Schiffsarzt bedachte keinen sonderlich unschuldigen Eindruck. </font><br />
<br />
<font color=#228B22>Im ersten Moment wusste Gregory das zucken ihres Mundwinkels nicht einzuschätzen. Dann dämmerte ihm, dass sie wohl mehr oder zumindest anderes über die Pflanze wusste und sie deshalb so geerntet hatte.<br />
Dann sprach sie das Problem aus, welches es dafür zu lösen galt, was ihn nicken ließ.<br />
Zögernd nahm er die Pflanze in die Hände.<br />
Vielleicht wäre es besser, sie gleich gänzlich zu verwerten?<br />
Da er selbst allerdings zuvor ein anderes Thema angefangen hatte ging er zunächst auf ihre Frage ein:<br />
<br />
<i>"Oh ja, das ist genau das, was wir brauchen, um einen guten Vorrat zu schneiden, denn wir dann auf dem Schiff verarbeiten können. Und Rayon wird uns dafür wohl auch noch grummelnd seine Töpfe überlassen"</i>, meinte der Schiffsarzt lachend und ließ das vielleicht erwartete "müssen", aus welchen Gründen auch immer, weg.<br />
<br />
Dann sah er Skadi einen Moment lang nachdenklich an.<br />
<br />
<i>"Aber zuvor wüsste ich gerne, was du hierüber weißt."</i><br />
<br />
Dabei hielt er die Pflanze in seinen Händen hoch.<br />
<br />
<i>"Und ob da, wo sie herkommt, noch mehr stehen. Mir scheint, wir haben unterschiedliche Weisen, sie zu verwenden."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F><i>“Mit Essen allein bekommt man seine Kameraden nach einem Kampf nicht wieder fit.“</i>, entgegnete die Nordskov sichtlich amüsiert. Zuckte mit den Schultern und ließ die dichten Brauen für einen Moment gegen Haaransatz schnippen. Nicht, dass sie Rayon das unbedingt unter die Nase reiben musste, allerdings entsprach es wohl der Tatsache. Und auf Ewig mussten sie diese Pflanzen wohl kaum im Topf heran züchten. Sie bezweifelte ohnehin irgendwie, dass das auf Dauer von Erfolg gekrönt war.<br />
<br />
<i>“Das…“</i><br />
<br />
Sie deutete mit ausgestrecktem Finger auf die Pflanze samt Wurzeln in Gregorys Hand.<br />
<br />
<i>“… kenne ich unter Beinwell. Sehr wirksam bei schmerzenden Knochen und Schwellungen… als Wickel oder Salbe aufgetragen. Dieses Exemplar wächst weiter im Unterholz an einem Bachufer...“</i><br />
<br />
Mit einem Kopfnicken deutete sie demonstrativ in jene Richtung, aus der sie gerade eben gekommen war.<br />
<br />
<i>“… und keine Sorge.. dort gibt es so viel dem Zeug, dass eine Pflanze weniger kein Problem sein sollte.“</i></font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[In the land of the innocent,  we've not made all our plans]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1204</link>
			<pubDate>Mon, 29 May 2023 19:38:08 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1204</guid>
			<description><![CDATA[In the land of the innocent,  we've not made all our plans<br />
You rescue me, I'll rescue you, from our doubts<br />
<br />
Am Nachmittag des 28. März 1822  | Enrique & Skadi<br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Das Mittagessen rumorte immer noch ein wenig in ihrem Magen, wenngleich sie kaum einen Bissen davon angerührt hatte. Rayon hatte durchaus sein bestes gegeben, um aus den wenigen Dingen an Board etwas halbwegs Verdauliches zuzubereiten. Skadi jedoch verspürte seit einigen Tagen kaum mehr Appetit auf irgendetwas. Ob es mehr mit dem Umstand zu tun hatte, dass sie mittlerweile als Frau über das Schiff huschte oder ihrer letzten intensiveren Begegnung mit Enrique, wusste die hoch gewachsene Jägerin kaum zu sagen. Überhäufte sich stattdessen lieber mit Aufgaben und mied jegliche Gedanken, die den Strudel an Gefühlen in ihr Bewusstsein zurück brachten. Zu sehr sehnte sie sich nach festem Boden unter den Füßen. Nach dem sicheren grünen Blattwerk eines Waldes, dem einzigen Ort an dem sie sich nicht wie ein Fremdkörper vorkam und bewegen konnte, als hätte es seit jeher zu ihrem zu Hause gehört. Niemand würde ihr unbequeme Fragen stellen, auf die sie nicht antworten wollte. Keiner konnte sie zwischen all den Bäumen beobachten und in ihren Gedanken stören, die sie auch jetzt etwas abwesend die Treppenstufen an Deck schlendern ließ.<br />
Bewegung machte sich um sie herum breit. Hier und da huschten fremde Körper an ihr vorbei und versuchten eines der Beiboote zu ergattern, die sie endlich ans nahe gelegene Festland bringen würde. Fast schon einem Automatismus folgend schlenderte die Nordskov ins hintere Eck und kletterte, mit einem eher abwesenden Blick über die Reling, die Strickleiter hinab, an deren Ende eines der Boote einer Nussschale gleich auf den Wellen tanzte. Dass der Insasse gerade versucht war so schnell wie möglich zu verschwinden, fiel ihr nicht einmal auf. Nahm stattdessen mit einem auslandenden Sprung die Distanz zwischen Schiff und Beiboot auf sich, um in der Hocke zum ersten Mal aufzusehen und in das Gesicht Enriques zu blicken.<br />
Wie ein erspähtes Wild verharrte die junge Nordskov in ihrer Haltung. Blinzelte sogar ein zwei Mal irritiert, ehe sich die dichten Brauen zusammen zogen und prüfend zur Sphinx zurück sahen. Die anderen waren immer noch geschäftig dabei ihren Aufbruch an Land vorzubereiten. Keiner scherte sich sonderlich um die Schaluppe, die davon trieb und nur sie und Enrique beherbergte. Nicht einmal der Rotbart war zu sehen. Und irgendwie schien Skadi erleichtert über diese Tatsache. Ließ sich mit einem leichten Seufzen auf die Holzplatte neben sich gleiten und blickte erneut zu dem Älteren hinüber. Streifte sich den Bogen und das aufgerollte Seil von der Brust, während die dunklen Augen unverwandt zwischen dem bärtigen Gesicht und den Paddeln schwankten.<br />
<br />
<i>“Wolltest du wirklich ohne mich an Land verschwinden?“</i><br />
<br />
Es war weniger ernst gemeint, als es womöglich in der Eile klang, um diese unangenehme Stille zwischen ihnen zu überbrücken. Wie lange hatten sie schon nicht mehr miteinander gesprochen? Für Skadi fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Seit ihrem Gespräch am Strand hatten sie kaum mehr ein Wort miteinander gewechselt. Schon gar nicht als sie mit diesem rotbärtigen Seemann im Schlepptau zurückgekehrt war und es irgendwie gewirkt hatte, als kannten sich die zwei seit langen Zeiten. In einem üblichen Reflex hatte sich die Nordskov darauf hin zurückgezogen und die Zwei in den letzten Tagen in Ruhe gelassen. Sich entweder mit Scortias beschäftigt oder war Rayon mit den Vorräten zur Hand gegangen.</font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Seit dem er das Gröbste mit Cornelis geklärt hatte war der Alltag mit ihm viel einfacher, doch vertraute Gespräche um so schwieriger. Er musste sich öffnen, musste Gefühl zulassen und war dabei erratisch wie nie. Wie war er bloß früher damit klar gekommen? Ihm war doch auch nicht egal gewesen, was andere von ihm dachten und hatte versucht ein bestrebtes Bild nach außen zu tragen.<br />
Oder hatte das Problem damals schon angefangen?<br />
Ihn beschlich das ungute Gefühl, dass dem so war, und Cornelis diese Entwicklung nur ausgebremst hatte. Doch bevor er dem nachgehen konnte rissen ihn die Erschütterung des Ruderbootes aus seinen Gedanken.<br />
<br />
<i>"¿Qué?"</I>, fragte er halb überrascht halb unleidig, während er hochsah.<br />
<br />
Dann erkannte er Skadi, just in dem Moment, wo auch sie ihn erkannte.<br />
'Was zum ...?'<br />
Einen Augenblick lang starrten sie einander an. Dann brach sie den Bann, in dem sie ihn gehalten hatte und lenkte auch seinen Blick zurück zum Schiff.<br />
Wenn die Anderen jetzt herübersähen, könnte er Ärger bekommen. Oder jetzt wohl eher sie beide. Das Dingi hätte nämlich eigentlich für Notfälle an Bord bleiben sollen.<br />
Zum Glück hatte er Rayon überzeugen können, nachher nur in der Pinasse mitzufahren, um das Beiboot an Bord zurückzubringen. Der schwarze Mann hatte da wohl notfalls irgendeine Idee, um Enriques Verhalten zu entschuldigen ...<br />
So erleichtert, wie Skadi war, legte er sich allerdings wortlos wieder kräftig in die Riemen. Auch für sie schien zu gelten, je schneller sie an Land kamen, desto besser.<br />
Und dann platzte die Dunkelhaarige mit diesem Satz heraus, den er ihr vielleicht — aber auch wirklich nur vielleicht — geglaubt hätte, wenn er ihren völlig entgeisterten Gesichtsausdruck gerade eben nicht mitbekommen hätte.<br />
Enrique konnte sich das Auflachen nicht verkneifen, es nur schnell wieder hinunterschlucken, bevor es irgendjemand auf der Sphinx mitbekam. Immer noch leise kichernd erwiderte er:<br />
<br />
<i>"Wenn du noch mehr an mir klebst, musst du aufpassen, nicht an mir festzuwachsen. Ich habe mich schon gewundert wo du bleibst."</i><br />
<br />
Mit diesem eindeutigen Necken sah er kurz über die Schulter und war froh, dass die einlaufende Flut ihn unterstützte. Nicht mehr lange, und sie waren am Strand.<br />
<br />
<i>"Also? Wie kann ich dir helfen. Außer dass ich dich so schnell wie möglich an Land bringe?" </i><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Eine Sekunde. So viel brauchte es, um ihr schlagartig bewusst zu machen, dass der Dunkelhaarige tatsächlich klamm heimlich an Land verschwinden wollte. Außer ihm saß niemand in dem winzigen Boot und sein ebenso erschrockener Gesichtsausdruck erweckte kaum den Anschein, als hatte er es nicht bewusst entschieden. Dass das hier überhaupt etwas war, wofür sie Ärger bekommen konnten, kam der Nordskov nicht einmal in den Sinn, als sie sich vom Anblick der Sphinx löste und auf die Sitzbank gleiten ließ. Das unangenehme Schweigen mit einer Frage brach, dessen Antwort sie unweigerlich aus dem Konzept brachte. Er lachte. Nur kurz vernehmbar, weil ihm offenkundig daran gelegen war bei seiner Überfahrt nicht entdeckt zu werden. Doch was er daraufhin sagte entlockte Skadi einen fast schon trotzigen Gesichtsausdruck. Seit wann klebte sie denn bitte an ihm? In den vergangenen Tagen hatte sie alles getan, aber definitiv  nicht das. Musste wohl ein übler Scherz von ihm sein, den sie mit einem verzogenen Mundwinkel und einem lauten Schnauben quittierte.<br />
<br />
<i>“Ts. Du genießt meine Nähe doch, das muss dir nicht peinlich sein.“ </i><br />
Und dann schob sich doch ein vorerst verhaltenes Schmunzeln auf ihre Züge. Übertünchte den kurzweiligen Anflug von Trotz und lockerte die angespannten Muskeln, während sich die langen Beine voraus streckten und die dunklen Iriden damit begnügten, dem Älteren bei seiner Arbeit zuzusehen.<br />
<br />
<i>“Damit hast du mir schon geholfen. Ich musste einfach nur von diesem Schiff runter. Mein Körper sehnt sich nach festem Boden und Sand. Und noch einmal gehe ich mit Trevor definitiv nicht auf die Jagd. Das letzte Mal hat mir gereicht.“</i><br />
<br />
Und das nicht nur, weil sie dem langen Lulatsch hatte hinterher hechten und ihm dafür einen Holzbrocken an den Kopf geworfen hatte. Langsam kippte der dunkle Haarschopf zur Seite auf die angezogene Schulter, dessen anderes Ende entspannt auf der Sitzbank ruhte.<br />
<br />
<i>“Was ist deine Ausrede, um so Mutterseelen allein abzuhauen?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"Als ob!"</i>, grinste er frech.<br />
<i>"Bemuttern kann ich mich auch alleine. Dazu—"</i><br />
'brauche ich dich nicht', hatte er eigentlich sagen wollen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Warum auch immer, aber er wollte ihr gerade jetzt nicht sagen, dass er sie nicht brauchte. Auch nicht im Scherz. Ein unangenehmes Kribbeln zog sich ihm dabei durch die Brust, rührte an komplizierten Dingen, mit denen er sich derzeit nicht beschäftigen wollte.<br />
Stattdessen schaltete er blitzschnell um und redete weiter, lenkte auch sich davon ab:<br />
<br />
<i>"Die Zeit drängt. Denn wenn ich das richtig gesehen habe, dann sind Ara'ke'ni am Strand, ein oder zwei Buchten weiter. Sie scheinen allerdings verschwinden zu wollen. Wenn ich noch mit ihnen reden will, dann kann ich nicht warten, bis die da oben Fertig sind."</i><br />
<br />
Er deutete mit dem Kopf nach rechts und dann mit dem Kinn zurück zum Schiff, während er feststellte, das ihm Ehrlichkeit in diesem Punkt gerade sehr leicht fiel. In anderen allerdings weniger: Er brauchte Zeit für sich. Abstand von Cornelis. Festen Boden unter den Füßen. Das zuzugeben viel ihm weit schwerer. Letzteres konnte er noch vorschieben.<br />
<br />
<i>"Ansonsten geht es mir wohl wie dir ..."</i><br />
<br />
Derweil drängte sich ihm die Frage auf, ob er nicht besser geschwommen wäre. Vielleicht würde seine Seite dann weniger weh tun als so vom Rudern. Zeigen wollte er das aber nicht. Da musste er jetzt durch. Er stellte sich gedanklich darauf ein, dass noch eine ganze Weile für sich behalten zu müssen.<br />
Um so überraschter war er, als bereits wenige Augenblicke später Sand unter dem Kiel knirschte. Die Strömungen hier musste ziemlich stark sein ...<br />
<br />
<i>"Wie auch immer. Wir sind da"</i>, meinte er mit einem nur ein bisschen gezwungenen Grinsen. Er schwang sich über die Seite und griff das Boot, um es auf den Strand zu wuchten.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Ein wissendes Lächeln legte sich offenkundig auf ihre Lippen. Wirkte fast als wäre sie noch immer in den kleinen Spaß vertieft, den ihr neckisches Wortgefecht auslöste. Doch ehrlich gesagt hatte Enriques abrupte Pause ihre Neugierde geweckt. Vollendete diese nichtige Redewendung in Gedanken und fragte sich für eine Sekunde, was ihn dazu bewog innezuhalten. Steckte ihre letzte intensive Unterhaltung am Strand so sehr in seinen Knochen und jedem Muskel seiner Brust, dass es ihm widerstrebte selbst im Spaß auf ihre Anwesenheit verzichten zu können? Und wieso fühlte sie sich so erhaben ob dieser Vermutung, dass sie es sogar mit einem verschmitzten Lächeln aufnahm? Manchmal war sie schon ein seltsamer Charakter, musste sich die Nordskov eingestehen und wandte den Blick herum. Fixierte erst den hellen Strand, dann das braun gebrannte Gesicht ihres Freundes.<br />
<br />
<i>“Ara... keni? Sind das deine Leute?“</i><br />
Skeptisch schnellte eine der geschwungen Augenbrauen hinauf und streifte die lose Strähne dunklen Haares, die ihr jäh ins Gesicht gerutscht war. Was auch immer er mit diesen Menschen zu schaffen hatte - Skadi war sich nicht sicher ob sie Teil dieses Treffens sein wollte. Immerhin klang es fast danach, als verschwänden diese Arakeni, kaum dass sich Fremde in Sichtweite befanden. Oder waren derart rastlos, dass es sie nur kurze Zeit an einem Ort hielt. Ganz davon abgesehen, dass Enrique ohnehin ohne sie losgezogen war.<br />
<br />
Kaum knirschte der erste Sand an der Außenwand des kleinen Bootes, sprang die schmale Gestalt der Nordskov bereits ins Wasser. Hörte nur beiläufig die Worte Enriques und verfrachtet mit ihm ohne eine große Antwort oder Reaktion die kleine Nussschale ans Ufer.<br />
Mit einem kurzen Griff zur Seite umfasste sie ihren Bogen und Köcher. Wandte sich bereits zum Dunkelhaarigen herum, als die Sehne über ihren Oberkörper glitt und am Lederriemen des Köchers innehielt.<br />
<br />
<i>„Weißt du schon wann du zurück fährst?“</i><br />
<br />
Immerhin mussten sie irgendwann im Laufe des Tages wieder auf die Sphinx zurück. Und da sie selbst offensichtlich in ihrem geistigen Delirium nicht mit den anderen an Land gefahren war, brauchte sie ein Ticket für den „Heimweg“. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Erst während sie das Boot auf den Strand zogen kam er dazu ihr zu antworten. Schmerzhaft riss es in seiner Seite, als die Wellen gänzlich aufhörten, sie dabei zu unterstützen.<br />
<br />
<i>"Ich weiß es nicht, ich konnte ihre Stammeszeichen nicht klar ausmachen."</i><br />
<br />
Er brauchte dringend ein Fernglas. Und dafür Geld in seinen Taschen. Das bisschen, was er jetzt noch hatte, würde hoffentlich reichen, sollten sie die Bucht rechtzeitig erreichen.<br />
<br />
<i>"So oder so sind sie wahrscheinlich die einzige Quelle für ein paar Dinge, die ich brauche. Ansonsten müsste ich sie in der Wildnis suchen."</i><br />
<br />
Dann folgte ihre andere Frage, während er versuchte flach zu Atmen. Als er genug Luft hatte erwiderte er:<br />
<br />
<i>"Rayon hat nachher mit Deckwache und Anweisung die Zurückkehrenden hiermit am Strand abzuholen. Deshalb wird er nachher auch mit der Pinasse übersetzen und es zurückholen. Wir brauchen also nur am Strand auftauchen und zu winken, falls wir nicht zur festgesetzten Zeit mit der Pinasse zurückkehren wollen."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Ihre Stammzeichen. Hatte sie vorher nur einen ersten flüchtigen Gedanken gehabt, klang diese Formulierung tatsächlich nach Wildlingen. Ob ihr eigenes Dorf diesen Menschen womöglich gar nicht so unähnlich war? Skadi konnte es nur mutmaßen, während sie Enrique musterte und sich den Sand von den Händen klopfte. Anscheinend hatte er einen ausgeklügelten Plan für dieses Vorhaben gehabt. Nichts was sie verwunderte, immerhin kannte sie ihn lange genug dafür. Wenn auch nicht gut genug, um selbst die verworrensten Verhaltensweisen und Gedankengänge zu verstehen.<br />
<br />
<i>“Dann sehe ich mal zu, dass ich rechtzeitig zurück bin…“</i><br />
<br />
Mit einer halben Drehung wandte sie sich bereits ab und klaubte sich ihren Bogen mitsamt Köcher und Umhängetasche aus dem Bootskörper.<br />
<br />
<i>“… solltest du ebenso.“</i><br />
<br />
Ein knapper Schulterblick galt de Guzmán, ehe sie sich die Schuhe von den Füßen  zog und in ihrem Rucksack verstaute. Besser sie vergeudete keine weitere Zeit  mehr. Verschmolz alsbald ohne Umschweife mit dem Wald, der sich nach so langer Zeit auf See wie ein kleines zu Hause anfühlen würde. Im Gehen glitt die gespannte Sehne ihres Bogens über Kopf und Schulter und stoppte erst als der Stoff des umgeschnallten Rucksacks den Weg kreuzte. Der Köcher baumelte unverstaut zwischen ihren Fingern. Wippte einmal mehr auf und ab, als die Nordskov jäh stehen blieb und mit aufmerksamem Blick zur Enrique zurück sah.<br />
<br />
<i>“Was, wenn sie es nicht sind?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"Das habe ich vor."</i><br />
<br />
Die Antwort glitt genauso selbstverständlich über seine Lippen, wie dieses Vorhaben für ihn war, wollte er doch durchaus danach so schnell wie möglich zurück.<br />
Jetzt aber galt es erstmal sich dorthin zu beeilen und herauszufinden, ob sie mit ihm reden würden.<br />
Dann aber versetzte ihr Fortgehen ihm einen derben Stich.<br />
'Was beim Abgrund ...?'<br />
Da wurde Enrique klar, dass ein Teil von ihm tatsächlich davon ausgegangen war, dass sie selbstverständlich zusammen dorthin aufbrechen würden und dass dieses Gefühl, dass ihr Vorhaben 'zu gehen' in ihm auslöste, wohl auch für sein innehalten vorhin verantwortlich gewesen war.<br />
Wollte er am Ende gar nicht alleine sein? Oder war es bloß das ihm das Vertraute, so wie es auf der Morgenwind gewesen war, tatsächlich fehlte oder hatte er sie in den letzten Tagen vermisst?<br />
Er hatte keine Antwort darauf und das verunsicherte ihn zutiefst.<br />
Reflexartig verschloss er seine Emotionen hinter einer neutralen Maske und lächelte sie ausdruckslos an, als sie sich doch noch einmal umwandte.<br />
Der 26jährige zuckte mit den Schultern, ehe er sich vorsichtig ins Boot hineinbeugte und das Segeltuchbündel herausholte.<br />
<br />
<i>"Dann werden sie entweder mit mir reden, mich ignorieren oder ich stecke in Schwierigkeiten. Wäre aber nicht das erste Mal, dass ich mich bei sowas absetzen müsste."</i><br />
<br />
Der Dunkelhäutige ließ sich Zeit mit dem Hochsehen. Zum einen schmerzte ihn das Aufrichten, zum anderen wollte er sich erst sicher sein, dass ihre Antwort, falls es überhaupt eine gab, ihn nicht schon wieder aus der Bahn werfen würde — oder sie es zumindest nicht mitbekäme.</font><br />
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<font color=#BC8F8F>Er benahm sich seltsam. Das war das erste Gefühl, das in ihr aufkeimte, ohne dass sie es genau greifen oder gar begründen konnte. Der intensive Blick, die gesenkte Stimme, dessen Timbre vermeintlich klang wie eh und je. Doch irgendetwas störte Skadi an der Art wie er sprach. Wie er vollkommen emotionslos lächelte. Wie er nur beiläufig mit den Schultern zuckte und sich nun seinerseits von ihr abwandte. Gott, diese scheiß Emotionen trieben sie noch in den Wahnsinn. Was für eine komplizierte...<br />
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Mit einem Seufzen schob sich der Daumen ihrer Rechten unter die Sehne und lockerte den engen Halt des Bogens auf ihrem Oberkörper. Erst dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Dieses Mal in entgegen gesetzte Richtung und bereits in jene Richtung steuernd, in der sie die Wilden zuvor am Strand gesehen hatte.<br />
<br />
<i>“Du wirst den verdammten Teufel tun und dich absetzen.“</i><br />
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Mit einem letzten intensiven Blick umrissen die dunklen Augen die Silhouette des Älteren. Wandten sich dann ihrem Weg zu, dessen Oberfläche nahezu unberührt schien.<br />
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<i>“Also beeil dich. Ich muss heute noch Fallen aufstellen. Und das besser bevor es dunkel wird.“ </i></font><br />
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<font color=#4682B4>Der Blick mit dem sie ihn maß, war so irritierend, beinahe hätte er das Bündel wieder losgelassen.<br />
Was hatte er jetzt wieder angestellt? Oder lag es dieses Mal an ihr?<br />
Seine Augenbrauen schoben  sich etwas zusammen, doch er sagte nichts. Immerhin saß er gerade im Glashaus.<br />
Dann schwenkte Skadi um, was ihn erneut irritierte, doch ihre Worte verwirrten ihn nur noch mehr:<br />
Er sollte sich nicht davon machen, wenn sie ihn angriffen? Sollte er seine Waffen fortwerfen und sich mit bloßen Händen hinlegen, darauf hoffend, dass sie ihn nicht erschlugen, dass sie diesen Brauch respektierten?<br />
Sie sah noch einmal zu ihm hin, ehe sie den Strand und den Wald vor ihnen nach einem Weg absuchte.<br />
Jetzt wollte sie auf einmal doch mit?<br />
Beinahe hätte er ihr perplex hinterhergestarrt und vergessen, was er eigentlich vorgehabt hatte, dann eilte er ihr nach.<br />
Wie hatte sie das nur gemeint?!?<br />
<br />
<i>"Was meinst du damit, ich soll nicht verschwinden, falls es brenzlig wird? Willst du dich mit ihnen anlegen? Das Eine ist nicht so wichtig, dass sich Blutvergießen dafür lohnt, und das Andere funktioniert nur, wenn sie das von sich aus tun wollen."</i><br />
<br />
Oder hatte sie ihn falsch verstanden? Hatte sie gerade etwa verstanden, dass er ...?<br />
Jetzt beobachtete er die Dunkelhaarige um so genauer, während er zu ihr aufschloss, versuchte sie dabei zu lesen und zu verstehen ...<br />
<br />
Zunächst führte der Weg am Strand entlang zu einem Durchlass zwischen vorgelagerten Felsen, wie es danach aussähe würde sich erst in der nächsten Bucht zeigen.<br />
Die einzigen zwei Alternativen dazu, und Rudern, wären, den Pfad hinauf, Richtung Stadt, zu folgen und zu hoffen, dann oben entlang den Umweg wieder abzukürzen, sowie später schnell einen Abstieg zu finden oder sich dazwischen, in direkter Linie, regelrecht durch den Urwald zu schlagen und darauf zu vertrauen, dass es schon einen Pfad über die steilen Hänge gäbe. Was günstiger war - und überhaupt zum Ziel führte - das war nicht ersichtlich.<br />
Wenn die Nordskov nicht darauf warten wollte, dass Enrique sie überholte und eine Richtung wählte, dann würde sie sich jetzt entscheiden müssen.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Leise scharrte der Sand unter seinen Stiefeln, als er endlich die Beine in die Hand nahm und nicht seine Zeit damit verplemperte ihr irritiert und mit zusammengezogenen Augenbrauen entgegen zu starren. Entweder hatten sie gerade eine ziemlich kryptische Unterhaltung geführt oder wie Weltmeister aneinander vorbei gesprochen. Und nach der Frage zu urteilen, die er ihr stellte, kaum dass er aufgeholt hatte, war es wohl eine bunte Mischung aus beidem.<br />
<br />
Kurz musste Skadi blinzeln. Unsicher ob sie über den leise Hauch von Zweifel in seiner Stimme lachen oder wütend sein sollte. Hatte er schon wieder vergessen, wie ernst ihr sein Überleben war und dass sie definitiv nicht zu der Sorte Mensch gehörte, die sonderlich zimperlich war?<br />
Mit erhobener Augenbraue wandte sich der dunkle Haarschopf somit zur Seite, während die Jägerin ihre Schritte verlangsamte. Bis Enrique auf Augenhöhe war und sie demonstrativ die Sehne ihres Bogens gegen die Brust schnipsen ließ.<br />
<br />
<i>“Nun... ich werde zumindest nicht tatenlos dabei zusehen, wie sie dich ausweiden. Aber das hatte ich damit eigentlich auch nicht gemeint.“</I><br />
<br />
Weitere Worte verlor sie jedoch nicht. Stoppte jäh, als die hellen Felsvorsprünge an ihrem Augenwinkel vorbeizogen und den Blick aus wachsamen Augen auf die neue Umgebung vor ihnen lenkte. Für einen kurzen Moment pressten sich die vollen Lippen fest aufeinander. Hinterließen kleinen Furchen in ihren Mundwinkeln, ehe sie kommentarlos auf den Urwald zusteuerte.<br />
<br />
<i>“Na dann wollen wir mal.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihre Mimik verriet ihm nicht genug. Und ihre Worte und Gesten auch nicht.<br />
Hatte sie den gereizten Unterton in ihrer Stimme überhaupt mitbekommen? War ihr klar, was sie da gesagt hatte und wie wenig es immer noch ins Gesamtbild ihrer Aussagen passte? War das ein unbewusster Ausspruch ihrer Gefühle gewesen oder interpretierte er da zuviel hinein?<br />
Wie auch immer, sie sollten das Thema wechseln, also versuchte er es mit Humor. Da würde sie seine Verunsicherung wohl eher dem ungewohnten Versuch zuschreiben, als irgendwelchen Hintergedanken.<br />
<br />
<i>"Ich hatte auch nicht vor, tatenlos zuzuschauen, wie sie mich ausweiden. Deshalb will ich mich ja absetzen, wenn es heikel wird. Und dass du mir dabei den Rücken frei hältst, das war mir klar, ab dem Moment, wo du meintest, ich solle mich beeilen. Ich war mir halt nur nicht sicher, ob du aus der ganzen Sache lieber einen Hinterhalt an Stelle eines geordneten Rückzugs machen wolltest. Zutrauen würde ich dir beides."</i><br />
<br />
Und die Erheiterung kam wirklich durch. Klang er am Anfang etwas steif, so war er am Ende fast beim Lachen, auch wenn ihn die heilende Verletzung boshaft daran erinnerte, dass er das besser ließe. Blieb abzuwarten, ob sie das Necken als solches annähme oder doch mehr dahinter steckte.<br />
<br />
Die Wahl des Weges verwunderte ihn hingegen nicht. Nachdem sie durch den Waldrand gebrochen waren, wurde es gangbarer, spätestens auf den Wildwechseln, die allerdings ihren eigenen Gesetzen folgten. Trotzdem wäre eine solcher Pfad grob in die richtige Richtung immer noch schneller, als sich durch das Dickicht zu schlagen.<br />
Den Weg der Tiere zur Nachbarbucht fanden sie schnell und er war sogar recht gut zu laufen. Genauso wie der durch die Bucht, lagen hier doch nur ein paar Fischerboote und nicht die Kanus der Wilden.<br />
Dennoch wurde Enrique mit der Zeit merkbar langsamer. Zunächst war es ihm ein leichtes, sich an die alten Bewegungsmuster seiner Kindheit zu halten, auch wenn er lange nicht so gut war, wie die Jägerin, so war doch zu merken, dass er die Grundzüge gelernt hatte, wie man sich mit und nicht gegen den Wald bewegte. Allerdings belastete jede Bewegung und jede Kletterpartie die Rippe.<br />
'Warum brauchen Knochen nur immer so verflucht lange um zu heilen?!?'<br />
Zeigen tat er seinen Schmerz nicht, wurde lediglich vorsichtiger in der Bewegung — und damit eben auch langsamer.<br />
Und wieder kamen sie an den Punkt, wo es zu Entscheiden galt, ob sie den Ziegenpfad nach oben versuchen wollten, der recht benutzt wirkte; runter zum Strand gingen, um zu schauen, ob sie um die dort flacher werdenden Felsen herum kämen, notfalls schwimmend oder ob sie weiterhin dem Wald den Vorzug gäben, auch wenn der Boden deutlich unebener wurde und sie weit häufiger klettern würden müssen, als bisher ...</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Wovon sprach er da eigentlich die ganze Zeit? Hatte sie sich wirklich dermaßen missverständlich ausgedrückt? Gut möglich. Je länger sie seinen Worten lauschte, desto klarer wurde ihr dieser Umstand und desto stärker schwoll das Seufzen in ihrer Kehle heran. Mit einem letzten Seitenblick umrissen Skadis dunkle Augen die Züge ihres Begleiters, ehe sie sich abwandte und das schwere Seufzen hinab schluckte, noch ehe es ihre Lippen erreichte. Es würde nichts bringen, ihm noch mehr kryptische Reaktionen zu präsentieren, wo sie einander doch vollkommene Ehrlichkeit versprochen hatten. Selbst wenn es bedeutete, dass sie sich stetig in einem Strudel aus überschäumenden Emotionen befand und nicht genau wusste, wie sie damit umgehen sollte.<br />
<br />
<i>“Mir wäre jedes Mittel recht, um zu verhindern, dass du dich wirklich absetzt… für immer.“</i><br />
<br />
Auch wenn die Belustigung seiner Stimme ihre Ohren erreichte, so sperrte sich die Nordskov innerlich dagegen. Sie meinte ihre Worte ernst. Selbst wenn der Versuch die Situation aufzulockern lobenswert war und ihm später wohl einen freundschaftlichen Knuff gegen den Oberarm bescheren würde. Doch nun fokussierte sich die Dunkelhaarige auf ihren eingeschlagenen Weg, bewegte sich wie von selbst durch das immer dichter werdende Gestrüpp und fühlte sich binnen weniger Herzschläge wie in einem Paradies aus sattem Grün. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, als sie dann und wann über einen umgestürzten Baumstamm turnte und ihre Zehen fest ins weiche Moos drückte. Das war so viel besser als geteertes Holz und die erbarmungslose Sonne, die stetig auf das Deck brannte.<br />
<i>“Hey…“</i><br />
<br />
Mit einem dumpfen Poltern kehrte der Körper auf den weichen Boden zurück, nachdem die Nordskov eine kleine Kletterpartie in den Bäumen unternommen hatte. Langsam richtete sich der hochgewachsene Körper auf, während die dunklen Augen unablässig auf Enriques Miene fixiert blieben. Er wirkte seltsam erschöpft, oder bildete sie sich das nur ein? Seine Bewegungen wurden mit jedem weiteren Meter entspannter. Wollte er letzten Endes doch nicht mehr so dringend zu diesen Leuten?<br />
<br />
<i>“Alles okay bei dir? Oder muss ich dich für den Rest des Weges tragen?“</i><br />
<br />
Sie schenkte ihm ein süffisantes Lächeln und ließ den schwarzen Haarschopf zur Seite gleiten. Dass sie bereits vor ihrer nächsten Weggabelung standen ignorierte sie vorerst. Wenn wäre es unter diesem Aspekt ohnehin Enriques Entscheidung, welchen der drei Wege er sich körperlich zutraute. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Sein Gefühl sagte ihm, dass sie, ehe sie sich abwandte, versuchte, ihn (oder die Situation) einzuschätzen. Warum sie dann wegsah, dass war ihm nicht klar. Vielleicht, weil sie verstand oder er nicht. Vielleicht auch aus anderen Gründen.<br />
Er ließ sie.<br />
Falls sie etwas im Wald gehört hatte, war es wichtig, dass sie dem nachging, ging es um ihre Gefühle, würde er sie nicht zwingen, sie offenzulegen.<br />
Der Schwarzhaarige hatte sich gerade wieder dem Weg und ihrer Umgebung zugewandt, da brachte sie ihn mit ihrer Aussage fast zum stolpern. Anstatt sie anzuschauen sah er grinsend in den Wald.<br />
Also doch.<br />
<br />
<i>"Das habe ich doch gar nicht vor"</i>, lachte er leise. <i>"Ich will doch, dass du mir auf die Nerven gehen kannst, also setze ich mich wenn dann zu dir oder mit dir zusammen ab."</i><br />
<br />
Amüsiert wandte er sich ihr zu und fügte an:<br />
<br />
<i>"Und sterben habe ich erst recht nicht vor. Dafür habe ich noch viel zu viel zu tun: Unter anderem muß ich ja auf dich aufpassen."</i><br />
<br />
Jetzt erwartete er tatsächlich einen Knuff ausweichen zu müssen und behielt ihre Gestalt gut im lachenden Auge.<br />
<br />
———<br />
Enrique hatte sich längst gefragt, wann es passieren würde. Allerdings überraschte ihn die Form ihre Frage.<br />
<br />
<i>"Du weißt doch ..."</i><br />
<br />
Er stockte, denn:<br />
Wusste sie es? Er hatte es ihr doch gesagt oder? Er konnte es ihr nicht vorenthalten haben, sonst hätte sie ihn doch längst danach gefragt. Immerhin war es jetzt fast zwei Wochen her.<br />
Oder hatte er nicht? Hatte er, da sie ihm aus dem Weg gegangen war, sogar sie geblendet?<br />
Er konnte sich partout nicht mehr erinnern. Zu viel war in dieser Zeit passiert.<br />
Und jetzt wusste er obendrein nicht, wie er beginnen sollte. Zumindest nicht, wenn er ehrlich bleiben wollte. Lügen hingegen lagen ihm gerade reichlich auf der Zunge.<br />
Erst nach einem Augenblick, hatte er seine Gedanken genug sortiert, um zu antworten:<br />
<br />
<i>"Erinnerst du dich an die Schlange? Die, die es auf der einsamen Insel zu essen gab? Hatte ich dir nicht erzählt, wie es dazu kam?"</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Ein zufriedenes Lächeln stahl sich angesichts seiner Worte in ihren Mundwinkel. Zeichnete sich sogar als kurzweiliges Funkeln in den dunklen Augen ab, die Enrique ganz wortlos versicherten, dass er wohl kaum den großen Bruder raushängen lassen musste. Allein weil sie es doch war, die hier auf IHN aufpassen musste. Weshalb seine Antwort sie überhaupt erleichterte, ergründete sie nicht weiter, nachdem sie mit einem sanften Schlag gegen seine Schulter im dichten Grün des Waldes abtauchte. Es war einfach so. Je mehr Gedanken sie sich darüber machte, desto tiefer schürfte sie in Gebieten ihres Unterbewusstseins, die sie aus diversen Gründen unter Verschluss hielt.<br />
<br />
•••<br />
Irritiert musterte sie die bärtigen Züge, die krampfhaft versuchten ihr eine Antwort zu geben. Auf eine Frage die nicht implizierte ein großes Fass aufzumachen.<br />
<br />
<i>“Wenn du nicht heimlich an meine Hängematte kommst um mir so etwas im Schlaf zu erzählen... dann nicht, nein.“</i><br />
<br />
Sie machte ihm ehrlich gesagt auch keinen Vorwurf daraus. Immerhin hatte sie ihm bewusst sie Zeit und den Raum geben wollen, den er mit diesem Rotbart gebraucht hatte. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Er kniff die Augenlider zusammen, legte den Kopf in den Nacken und seufzte amüsiert. Dann sah er Skadi wieder an.<br />
Er hatte also nicht und ihr Tonfall legte nahe, dass sie nicht einmal ahnte, worauf er hinaus wollte.<br />
Der Schwarzhaarige hob den Arm auf der unverletzten Seite zu einer Tja-Geste und ließ den anderen dicht am Körper.<br />
<br />
<i>"In dem Fall hatte ich wohl keine Gelegenheit dazu, da ich nicht darauf gekommen bin. Aber ich werde es mir merken und es das nächste Mal tun."</i><br />
<br />
Das freche Grinsen konnte und wollte er sich nicht verkneifen. Es war echt erheiternd und faszinierend, dass sie es trotzdem nicht mitbekommen hatte. Immerhin belastete es ihn bei jedem Segelmanöver und bei vielen anderen Gelegenheiten.<br />
<br />
<i>"Nun, die Schlange hatte sich wohl unsterblich in mich verliebt oder beschlossen eine Maulsperre haben zu wollen. Jedenfalls hatte sie sich auf mich fallen und nicht wieder losgelassen, bis Montrose' Auftauchen sie etwas kopflos machte. Seit dem habe ich es  mal wieder mit einer gebrochenen Rippe zu tun und so gut ich sie auch entlaste, irgendwann fängt sie halt einfach an weh zu tun."</i><br />
<br />
Gleichgültig zuckte er die Schultern und bereute es nur ein kleines bisschen. So wenig, dass er es problemlos hinter einem unbekümmerten Gesichtsausdruck verbergen konnte.<br />
Durch sowas würde er sich definitiv nicht aufhalten lassen.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Sie musterte ihn schweigend, ehe sie in ein tiefes Seufzen verfiel und die Arme schwungvoll senkte.<br />
<br />
<i>“Man kann dich echt nicht alleine lassen oder?“</i><br />
<br />
Nur der Hauch eines Lächelns war in ihrem Tonfall vernehmbar. Dann wandte sich der dunkle Schopf über die Schulter auf ihre Weggabelung zurück.<br />
<br />
<i>“Dann liegt die Entscheidung jetzt bei dir, welchem Weg wir folgen.“</i><br />
<br />
Mit einer erhobenen Augenbraue musterte Skadi den Dunkelhaarigen aus den Augenwinkeln. Brachte unter einem demonstrativen Schnauben einen Ausdruck zum Vorschein, der fast schon gemeingefährlich wirkte.<br />
<br />
<i>“Aber glaub gar nicht, dass du jetzt den Helden spielen darfst. Ich schleif dich eigenhändig zurück, wenn es sein muss.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"Sieht wirklich danach aus, als ob du mir besser nicht von der Pelle rückst"</I>, grinste er zurück.<br />
<br />
Keinem anderen als ihr oder Cornelis hätte er das so eingestanden, nicht einmal Lucien oder Rayon, geschweige denn ihre Antwort so locker hingenommen.<br />
Bereits als Kaladar hatte Skadi mehr als genug gewusst, um ihn zu Fall zu bringen und gerade eben hatte sie ihm ein weiteres Mal — dieses Mal sogar unbeabsichtigt — ihre Loyalität verraten. Warum also nicht?<br />
Dann lenkte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf das, was vor ihnen lag. Grübelnd betrachtet er für einen Moment die Möglichkeiten.<br />
<br />
<i>"Ich habe es verstanden"</i>, lachte er dann leise und fügte ernster an:<br />
<i>"Die Frage ist wohl eher, wo du mir am Besten helfen kannst, sollte es not tun. Oben auf der Klippe halte ich jedenfalls für die schlechteste Wahl. Also: Ist dir mehr nach schwimmen oder nach klettern?"</i><br />
<br />
Ihm war, als wisse er, was sie gleich antworten würde, wollte es aber von ihr hören.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Sein Grinsen war vielleicht ansteckend, doch der Gedanke, den er just mit seinen Worten in ihrem Kopf auslöste, dämpfte ihre Reaktion. Sie hatte sich nur aus einem Grund in den letzten Tagen von ihm fern gehalten. Denn auf einem Schiff konnte er kaum verschwinden oder sich ohne ihre Kenntnis mehr zuziehen als ohnehin schon. An Land sah das allerdings ganz anders aus.<br />
<br />
<i>“Hoffentlich wirst du dich bei Zeiten an deine Worte erinnern.“</i><br />
<br />
Fast schon spöttisch huschte diese Antwort über ihre Lippen. Und Enrique wusste spätestens jetzt, dass er ihr in Anbetracht ihres Versprechens einen Freischein erteilt hatte. Nicht dass sie nicht ohnehin ihren Kopf bei ihm durchsetzen würde. Doch nun hatte er kaum mehr einen Grund sich darüber echauffieren zu können.<br />
<br />
<i>“Natürlich wäre mir mehr nach klettern, aber ich bezweifle, dass es deiner Rippe gut tun würde und ich dich dabei unterstützen könnte. Denn leider...“</i><br />
<br />
Nun war sie es die mit der Schulter zuckte und eine Tja Geste mit der Linken andeutete.<br />
<br />
<i>“Bist du ein bisschen fett geworden.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Überrascht von ihrem plötzlichen Ernst, fiel auch seine Reaktion so aus, auch wenn sie als Witz gedacht gewesen war:<br />
<br />
<i>"Oh ich bin sicher, du wirst schon dafür sorgen, dass ich sie nicht vergesse."</i><br />
<br />
Unruhe beschlich ihn, ließ ihn sich fragen, ob es so gut war, sie so nah an sich heranzulasse. Immerhin kannte er sie eigentlich viel zu wenig, um zu wissen, ob sich die jetzige, lockere Nähe dadurch nicht in eine viel zu eng gezogene Fessel verwandeln würde.<br />
'Nicht darüber nachdenken! Halte dich jetzt nicht mit solchen Dingen auf, du hattest anderes vor!'<br />
Und das war dringend. Also wandte er seine Konzentration wieder auf den Weg vor ihnen, mit dem sich ein Teil seiner Gedanken die ganz Zeit nebenher beschäftigt hatte.<br />
Schwimmen würde die Rippe zwar allgemein entlasten, dafür aber die Hauptlast der Fortbewegung auf die Arme legen.<br />
Beim Klettern selber würde er mit unter beide Arme einsätzen müssen, auf dem restlichen Weg läge die Hauptlast aber auf den Beinen und, an leichteren Stellen, seiner Gesund Seite.<br />
Die Wahl war also simpel, gerade auch, weil Skadi die erwartete —<br />
'Was?'<br />
Was hatte sie da eben gesagt?!?<br />
Empörung und Erheiterung brachen sich gleichzeitig ihre Bahn nach oben.<br />
<br />
<i>"Fett? Ich? Muß der strich in der Landschaft gerade tönen, der seit einigen Tagen plötzlich Rundungen angesetzt hat!<br />
Allein dafür müßte ich eigentlich verlangen, dass du mich den Rest des Weges huckepack trägst!"</i><br />
<br />
Seine Augen lachten, während der Rest seiner Gestik und Mimik pure Entrüstung ausdrückte.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Pure Entrüstung überzog sein Gesicht. Skadi musste stark an sich halten, um bei diesem Anblick nicht in Gelächter auszubrechen. Hatte sie Enrique je als besonders Eitel eingestuft? Nun, er legte viel Wert auf Etikette und hatte zumindest damals stets auf ein gepflegtes Äußeres geachtet. Doch wie sie selbst konnte er all das nur als Vorwand genutzt haben, um seine wahre Natur zu überspielen. Erst als er ihre neuen Rundungen ansprach, huschten die dunklen Augen von den bärtigen Zügen auf ihren Körper hinab. Hingen eine Weile an ihren Brüsten, ehe sie mit einem breiten Grinsen den Kopf hob und mit beiden Händen die Kontur ihres Oberkörper nachfuhr.<br />
<br />
<i>“Beschwerst du dich etwa gerade über meinen wunderschönen Körper, de Guzman?<br />
Oder ärgert es dich, dass du ihn erst jetzt zu Gesicht bekommen hast?“</i><br />
<br />
Ob sie ihre Worte sonderlich ernst meinte war auf Grund des glitzernden Schalks in den dunklen Augen kaum auszumachen. Umhin ließ ihm die Nordskov keine Zeit dafür. Legt den dunklen Schopf zur Seite und ließ den Blick abschätzend über seine Statur schweifen.<br />
<br />
<i>“Also... wie sieht’s aus? Schwimmen oder klettern? Wenn wir noch mehr Zeit vertrödeln, kommen wir zu spät.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Er sah ihr das zurückgehaltene Lachen deutlich an und fragte sich, warum sie es nicht einfach hinausließ. War ihr nicht danach? Das konnte es eigentlich nicht sein, denn ihre Augen leuchteten frech.<br />
<br />
<i>"Weder, noch!"</i>, erwiderte er, trotz ihres Themenwechsels, lachend, nachdem er ihren Händen, mit dem Blick, überdeutlich gefolgt war, <i>"weder, noch. Immerhin konnte ich dir die ganze Zeit auf dein Allerwertesten schauen, ohne, dass du was dagegen tun konntest."</i><br />
<br />
Und ja, er hatte sie oft gemustert und sich gefragt, wie sie wohl ohne das Versteckspiel aussehen würde, doch nie lange. Das hätte viel zu leicht andere Gerüchte hervorbringen können.<br />
Jetzt genoss er es für einen Augenblick einfach, dass er sie so offen Angaffen durfte, provozierte sie es doch gerade und antwortete auf die anderen Fragen:<br />
<br />
<i>"Da du dich zum Schwimmen sicher nicht ausziehen wirst, bin ich auch für den Wald. Immerhin wirst du die schwierigen Stellen wohl meist vor und über mir erkunden müssen."</i><br />
<br />
So anzüglich sein Wort auch waren, und so genau er sie auch studierte, seinem Blick und Gehabe fehlte jene primitive Lüsternheit, die sie in den schmutzigen Gassen und Straßen der Städte dazu auf sich gezogen hätte.<br />
Sicher, ihm gefiel, was er da sah, aber da waren keine versauten Hintergedanken. Sie war ihm viel zu lange viel zu nahe gewesen, als dass dieses bisschen Geplänkel soetwas hervorgebracht hätte.<br />
Und Auch sein Nähertreten war schlicht dazu gedacht, sich wieder in Bewegung zu setzen ...<br />
<br />
<font color=#BC8F8F>So, hatte er das also? Da blieb ja nur zu hoffen, dass ihn dabei niemand beobachtet hatte und noch auf falsche Gedanken gekommen war. Zwar glaubte sie keines seiner Worte, doch setzte es ein ehrliches Schmunzeln auf ihre Züge. Noch mehr als er fortfuhr und ihr nun doch ein Lachen aus der Kehle kitzelte.<br />
<br />
<i>“Ich kann dich nicht ernst nehmen wenn du so redest.“</i>, erwiderte sie glucksend und klopfte ihm, kaum dass er endlich aufgeholt hatte gegen die Schulter.<br />
<br />
Unter anderem Umständen hätte sie sich auf dieses Spielchen einlassen können. Mit einem Menschen der nicht jahrelang über ihr gedient hatte und zu einer „Vertrauensperson“ geworden war.<br />
<br />
<i>“Verrätst du mir eigentlich weshalb du genau zu ihnen willst?“</i><br />
<br />
Erneut hatten sie sich etliche Minuten durch den Wald gekämpft und immer häufiger über umgestürzte Bäume oder hohe Gesteinsbrocken klettern müssen. Mit ausgestrecktem Arm lehnte sich die Nordskov zu Enrique hinab, um ihn auf das Plateu einer kleineren Felsformation zu ziehen. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Und dann lachte sie endlich, ehrlich und wunderschön. Glücklich tat er es ihr gleich.<br />
<br />
<i>"Das will ich auch schwer hoffen!"</i><br />
<br />
Kurz streiften seine Finger ihren Rücken. Ihm war danach, ihre Hand zu nehmen, wie damals bei seiner Schwester oder später bei seiner Tochter.<br />
Stattdessen blieb er ihr einfach, so gut es ging, auf den Fersen, lächelte und stellte fest, dass diese Pause, trotz ihrer Kürze und des Lachens, ihm gutgetan hatte.<br />
<br />
Sie kamen gut voran, auch wenn er bald wieder langsamer wurde, doch jetzt trieb er sich weiter, zeigte ruhig, dass ihm die Seite wehtat und endlastete sie inzwischen auch offensichtlich.<br />
Zweimal atmete er jetzt vorsichtig durch, ehe er ihre Hand nahm und sich auf das Plateau wuchtete.<br />
Oben angekommen kämpfte er sich zunächst, mit ihrer Hilfe, auf die Füße und nahm sich erneut Zeit zum durchatmen. Als der Schmerz dann ein wenig nachgelassen hatte, meinte er:<br />
<br />
<i>"Wenn sie einverstanden und nicht vom falschen Stamm sind, dann werden sie meine Nachricht, mit Glück, recht schnell zu meiner Cano'eyba bringen, oder an Andere weitergeben, damit meine Tochter weiß, dass ich noch lebe. Einen Brief kann ich nicht schicken, das würde womöglich viel zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken."</I><br />
<br />
Seine Seite zwang ihn zu einer Pause. Fahrig wischte er sich den Schweiß von der Stirn.<br />
Ein Teil von ihm sträubte sich, weiterzureden, ihr auch das Andere zu erklären, doch er hatte es bereits angedeutet und er würde, ihr gegenüber, sein Wort, auf jeden Fall, halten. Also setzte er seine Antwort kurzatmig fort:<br />
<br />
<i>"Ansonsten hoffe ich, dass ich etwas dabeihabe, was ich gegen Mohnsamen, Kokablätter und Kalk eintauschen kann."</i><br />
<br />
Er straffte sich etwas, holte noch einmal vorsichtig Luft und setzte sich dann, über den Felsen, wieder in Bewegung.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie die Anstrengungen Enriques, der sich zum ersten Mal, seitdem sie ihn kannte, erlaubte seinen Schmerz nach außen zu tragen. Zwar hatte er ihr früher bereits verbal mitgeteilt, wie es ihm ging, sobald sie unter sich waren. Doch das hatte lediglich nur sanft an der Oberfläche der Realität gekratzt, wie ihr schnell klar geworden war. Gestört hatte es sie allerdings nie. Aus diversen Gründen. Jetzt allerdings erfüllte es sie für einen kurzen Augenblick mit einer seltsamen Mischung aus Stolz, Dankbarkeit und Missmut. Stolz darauf, dass er endlich begriffen hatte nichts vor ihr verbergen zu müssen und missmütig darüber, ihn nicht früher damit konfrontiert zu haben. Nicht dass sie in der Lage gewesen wäre seine Schmerzen zu lindern, doch so fühlte sie sich noch mehr wie der stille Beobachter seiner Welt.<br />
Ihr Herz pulsierte kaum dass er die ersten Worte über seine Tochter verlor. Ein stetes Pochen, das Hitze in jeden Winkel ihres Körpers pumpte und einen Verständnis- und gleichsam liebevollen Ausdruck auf ihre Miene legte. Nun verstand sie endlich, wieso er es so verdammt eilig gehabt hatte. Zweifelte sogar an der Wahl ihres Weges und glaubte, dass sie womöglich im Wasser schneller voran gekommen wären. Doch für eine Umkehr war es bereits zu spät.<br />
<br />
<i>“Verstehe. Dann sehen wir wohl mal zu, dass wir dich schnell dorthin bekommen.“</I><br />
<br />
Es war mehr ein Murmeln, denn direkte Antwort. Ohnehin verstummte die Nordskov jäh mit skeptischem Blick als Enrique fortfuhr und sich mit dem Handrücken über die glänzende Stirn wischte.<br />
<br />
<i>“ Sind die Schmerzen so schlimm, dass du dich betäuben musst?“</I><br />
<br />
Bisher hatte sie ihn nie als die Art von Genussmenschen eingeschätzt. Womöglich lag sie damit falsch - und sie waren sich erneut in einem Punkt ihres Lebens verdammt ähnlich.</font> <br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihre Frage ließ ihn erneut stehenbleiben. Wie sollte er ihr das nun beantworten?<br />
Mit einem unterdrückten, schweren Seufzen drehte er sich zu ihr herum und sah sie an, noch immer unschlüssig, was er genau sagen wollte, als sein Körper die Antwort einfach übernahm:<br />
Gerade eben noch trat er sicher und aufrecht auf sie zu, als er kurz wegknickte und sich hastig am nächsten Felsen abfangen muste.<br />
Sofort richtete er sich verbissen wieder auf, verdrängte den Schmerz aus seinen Gedanken und lächelte spöttisch, doch allein sein Aufstöhnen musste ihr verraten haben, dass es noch immer schlimmer um ihn stand, als er zeigte.<br />
Auch wenn er, wann immer er konnte, jegliche Arbeit vermieden hatte, wo er seine Seite belasten musste, viel Ruhe hatte er nicht gefunden. Außerdem war die Prügelei mit Cornelis gerade mal vier Tage her.<br />
'¡Maldita! Ich hätte nicht darüber nachdenken dürfen, wie es mir geht.'<br />
Und dann jetzt:<br />
Sie hatten keine Zeit für einen Sonntagsspaziergang mit Kaffeeklatsch.<br />
Wütend auf sich selbst hob er ihr den Blick entgegen:<br />
<br />
<i>"Du hast dir wohl noch nie eine Rippe gebrochen oder geprellt wie?"</i>, fragte er süffisant. <i>„Dann sei froh. Denn wenn du es genau wissen willst: Ja."</i><br />
<br />
Stur sah er ihr weiter ins Gesicht, versteckte oder verstellte sich nicht, versuchte sachlich zu werden und schaffte das sogar halbwegs.<br />
<br />
<i>"Ich habe seitdem kaum ein Auge zugetan, auch weil die Schmerzen, nach einem anstrengenden Tag, mich kaum Schlaf finden lassen haben. Wenn ich nichts tue, dann ist es gut ertragbar aber sowie ich anfange, tiefer zu atmen, fängt es an zu schmerzen, und wenn ich dann auch noch arbeite, dann wird es richtig übel. Ich kann das Scheißteil halt nicht einfach stillhalten, weil ich dafür aufhören müsste zu atmen und ich kann es mir hier, genauso wie auf der Morgenwind, einfach nicht erlauben, in der Hängematte liegen zu bleiben, wenn es 'All Hands!' heißt. Jetzt, hier, wo die Sphinx im Hafen liegt, jetzt werde ich mich so lange und häufig wie möglich darein verkriechen oder mich irgendwo an Deck hinlegen, weil das jetzt jeder machen wird. Trotzdem wird das noch eine Weile so bleiben. Das sind, verflucht nochmal, Piraten, Skadi, und auch wenn die meisten ungewöhnlich nett zu sein scheinen, können wir es uns, bei den Ahnen, nicht erlauben, Schwäche zu zeigen."</i><br />
<br />
Eine schneidende Handbewegung unterstrich seine Worte.<br />
<br />
<i>"Dieser Aspen zum Beispiel ist ein gesuchter Mörder und ihm wäre es nur recht, wenn ich plötzlich über Bord fallen würde. Josiah hat mich nur deshalb noch nicht aus dem Weg geräumt, weil er einen Auftrag von mir angenommen hat. Das Geschwisterpaar, das dieses Schiff führt, ist unberechenbar, zumindest diese Talin. Die Navigatorin ist auch nicht besser.  Der Schutz der Capitáns endet genau hier, oder würde es, hätten wir die Carta nicht unterschrieben. Es sind gerade mal zwei Wochen, die wir auf diesem Schiff sind, und auch wenn es vielleicht bescheuert klingt, wir haben denen noch nicht im Ansatz bewiesen, auf welcher Seite wir stehen."</i><br />
<br />
Gequält sog er die Luft ein und senkte den Blick. Er durfte sich nicht so aufregen, das konnte er sich mit dieser Verletzung und nach solch einer Anstrengung einfach nicht erlauben.<br />
Deshalb würde er gar nicht erst davon anfangen, was es hier, auf Mîlui, alles zu beachten gelten würde.<br />
Er hatte diese Predigt auch gar nicht halten wollen, nein, die Worte waren einfach herausgesprudelt, waren, mit ihm, von Gedanken zu Gedanken gesprungen und hatten sich, trotz der Schmerzen, nicht aufhalten lassen.<br />
Und jetzt konnte er sie nicht unkommentiert stehen lassen, also rang er sich umgehend weitere ab und sah sie wieder an:<br />
<br />
<i>"Ich muss einsatzbereit sein, sollte es heiß auf heiß kommen und das bin ich gerade kaum. Der Mohn wird mir beim Einschlafen helfen und die Kokablätter dabei, gelegentlich anstrengende Arbeiten zu erledigen. Sonst werde ich nichts nehmen. Viel werde ich eh nicht von ihnen bekommen können, da sie ihr Lager nicht hier haben. Ich kann zwar auch noch ohne harte Arbeit erledigen, aber die Frage ist, wie lange."</i><br />
<br />
Aufgewühlt unterstrich er das Gesagte mit einer Handbewegung.<br />
<br />
<i>"Keine Sorge, ich weiß, worauf man beim Koka Kauen achten muss. Richtig angewendet schießt man sich damit nicht so ab, wie das die Süchtigen in den Straßen der Herzogtümer tun, dann machen die Blätter lediglich wach und lindern gleichzeitig die Schmerzen."</i><br />
<br />
Unwirsch und mit sich unzufrieden wollte er sich abstoßen.<br />
<br />
<i>"Und jetzt komm! Wir haben schon genug Zeit verloren."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F><i>“Du hast dir wohl noch nie eine Rippe gebrochen oder geprellt wie?“</i><br />
<br />
Sie ließ ihn in dem Glauben, wenngleich ihr ein bitterböses Lächeln auf die Lippen gerutscht war. Unwissenheit konnte so unfassbar schön und beflügelnd sein. Schließlich lag es kaum an ihm, diesen vermeintlichen Witz auf ihre Kosten ausgesprochen zu haben. Zumindest hoffte sie, dass es einer war. Andernfalls würde sie sich diesen Augenblick als hochnäsiges Gehabe für einen späteren Zeitpunkt merken. Und dann würde sie ihm auf jede erdenkliche Art klar machen, dass eine gebrochene Rippe das kleinste aller Übel war, denen sie in ihrer Kindheit begegnet war.<br />
Tief sog die Nordskov die schwüle Luft der beginnenden Mittagshitze ein und kämpfte stark gegen den ersten Impuls an, die Augen zu verdrehen. Sie hatte ihm eine simple Frage gestellt, auf die er schlicht mit einem Ja oder Nein hatte antworten können. Doch typisch Enrique platzte ein Schwall an Worten aus ihm heraus, der fast einer Moralpredigt glich.<br />
<br />
<i>“Ich wüsste nicht, wieso wir ihnen etwas beweisen sollten.“</i><br />
<br />
Sie sprach es so ruhig und gleichgültig aus, dass sich die dunkle Färbung ihrer Augen mit den leichten Schatten der Baumkronen verschmolz, die wie umherschwirrende Käfer über ihr Gesicht tanzten.<br />
<br />
<i>“Wir sind einer der Gründe, wieso sie es in einem Stück von diesem Schiff geschafft haben und glaub mal nicht, dass sie es nicht wüssten. Sie sind nicht dumm. Unser Glück ist es, dass wir ihnen, solange wir keinen Ärger machen, so ziemlich egal sind.“</I><br />
<br />
Zumindest war es genau das Bild, das sich innerhalb der letzten zwei Wochen in ihrem Brustkorb verfestigte.<br />
<br />
<i>“Und damit wir uns richtig verstehen… Enrique.“ </i><br />
Skadi sprach seinen Namen mit so viel Nachdruck aus, dass sie kaum mehr das Bild einer entspannten jungen Frau abgab.<br />
<br />
<i>“Ich weiß sehr wohl welcher Gefahr du ausgesetzt bist. Aber es enttäuscht mich ein wenig, dass dir immer noch nicht klar ist, wie ernst mir mein Versprechen ist. Vielleicht mag es an diesem Rotbart liegen, sehr wahrscheinlich sogar. Aber ich bin kaum jede Nacht wach, um fleißig Däumchen zu drehen.<br />
Wie dem auch sei…“</I><br />
<br />
Hatte Enrique das Gespräch beenden wollen, versenkte Skadi mit einem letzten Blick und einer beschleunigten Drehung die Sargnagel ihrer Unterhaltung. Sie hatten bereits genug Zeit für unnötige Ausschweifungen verschwendet.<br />
<br />
<i>“Du brauchst deine Schmerzmittel.“</i><br />
<br />
Und damit verschwand sie bereits ins nächste Dickicht.<br />
<br />
einige Minuten später<br />
<br />
Ein letzter Schritt und sie würden aus dem satten Grün heraus treten. Mitten auf den weißen Sandstrand, der sich vor ihnen wie das Himmelreich erstreckte. Leuchtend und befreiend. Doch es lag nicht an ihr zu entscheiden, wie sie sich der kleinen Gruppe am Ende ihres Weges näherten. Nur mit einem knappen Blick sahen die dunklen Augen der Jägerin über die Schulter zu Enrique zurück. Abwartend, was er wohl tun würde.</font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihr Gesichtsausdruck verriet ihm genug, um zu wissen, dass sie nur zu gut wusste wie sich eine gebrochene Rippe anfühlte. Und hätte sein Mund nicht beschlossen von Anderem zu sprechen, er hätte wohl kaum das "Was fragst du dann noch so dämlich?!?" zurückhalten können.<br />
So war es zu spät dafür, gerade weil es ihm erst später, als sie bereits wieder über Stock und Stein kraxelten, so richtig aufregte. Da, wo er bereits wieder kaum genug Luft zum Mithalten hatte.<br />
Doch zunächst verdrängte eine einzige Erwiderung alles Andere aus seinem Geist:<br />
"Ich wüsste nicht, wieso wir ihnen etwas beweisen sollten."<br />
Sie sagte das so unbeteiligt und so selbstsicher, dass ihn diese Selbstverständlichkeit völlig aus dem Konzept brachte.<br />
Es war, als würde dieser eine Satz immer und immer in seinem Kopf wiederholt werden, dahinter, wie ein Rauschen die Antwort all seiner Gedanken darauf gleichzeitig erklingen und dazwischen, recht undeutlich, Skadis weiteren Worte, denen er zu folgen suchte.<br />
<i>"... so ziemlich egal sind. ... welcher Gefahr du ausgesetzt bist. ... enttäuscht ... jede Nacht wach, ..."</i><br />
<br />
Ihrer Beider Momentum hatte sie vorwärts getragen, ihre Flinkheit die Jägerin aus seiner Sicht.<br />
Ja verstand sie denn nicht? Oder hatten sie in diesem Punkt so unterschiedliche Sichtweisen? Lag es daran, dass er Offizier und sie nur Sergeant gewesen war? Oder war sie schon immer mit dem zufrieden gewesen, was man ihr hinwarf, so lange es ausreichte, um ihre Ziele zu erreichen? Hinterfragte sie nicht, wie Andere sie sahen?<br />
<br />
Einen Augenblick war er stehen geblieben, nicht nur wegen der Schmerzen, sondern auch, weil ihn dieser Gedanke fragte, ob es denn wirklich wichtig wäre, was Andere von einem dächten? Zu mindest nicht, wenn man wusste, wer man war?<br />
Angst hatte ihn daraufhin befallen, weil er plötzlich das Gefühl hatte, keine Chance zu haben, mit dieser Frau mitzuhalten, weil er so lange ein Bild nach außen getragen hatte, dass er, wie schon bei seinen Gesprächen mit Cornelis, das Gefühl hatte, dass nichts mehr hinter der Maske von ihm geblieben war und dass das offensichtlich sein könnte.<br />
Dann hatte er an seine Tochter denken müssen, dass er vielleicht auch dort nur diese Maske gewesen war und sie ihn, sollte er sie jemals ablegen können, hassen würde.<br />
Wut war emporgekrochen und hatte von ihm Besitz ergriffen, die Angst vertreiben, den Hass auf den Verantwortlichen hervotgezerrt und ihn verwünschen lassen.<br />
Doch wie dem auch war, er hatte seinem Bruder versprochen, wieder er selbst zu werden und egal wie wenig von ihm noch da sein mochte, seine Liebe zu seiner Tochter war ein entscheidener Teil von ihm und sie ließ nicht zu, dass er sie im ungewiss lassen könnte.<br />
Er musste ihr mitteilen, dass er noch lebte und zu ihr zurückkehren würde.<br />
<br />
Das hatte ihn vorangetrieben, die Wut ihm Kraft verliehen und alles andere bei Seite wischen lassen.<br />
Unterwegs hatte er sich dann doch mit ihren Worten auseinandersetzen müssen und sich gefragt, ob er das Gefühl hatte, diesen Leuten etwas beweisen zu müssen und es kategorisch mit einem 'Nein!" von sich gewiesen, ohne jedoch seine innere Unruhe dadurch loszuwerden ...<br />
<br />
+++<br />
<br />
Sie waren am Ziel.<br />
Leise schob er sich an einen der Bäume, nutzte ihn als Stütze und Deckung zugleich. Seine Augen suchten nach Erkennungszeichen und fanden sie. Erleichtert wollte er sich an Skadi wenden, als ihn etwas irritierte.<br />
Sein Gesicht verfinsterte sich zunehmend, als er noch einmal die Szenerie genau musterte und fluchte stumm, ehe er sich tiefer zurück in das Dickicht gleiten ließ.<br />
Als sie ihm verwundert zurückfolgte und sich zu ihm kauerte, da atmete er mühsam tief durch. Dann sah er sie an und fragte:<br />
<br />
<i>"Was sagt dir die Tatsache, daß die Männer und Frauen da unten sich wie Ara'tayu kleiden, ihre Cano'eyba Ara'tayuzeichen trägt, ihre Körperbemalung allerdings, genau wie ihr Verhalten, Fehler aufweist? Ein Ara'tayu würde nämlich nie einen am Boden Liegenden schlagen, wie der große mit der üblen Narbe über Brust und Schulter es gerade getan hat."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Irgendetwas stimmte nicht. Enriques Brauen tanzten derart Limbo zu seinen Augen hinab, dass der dichte Schatten dazwischen noch finsterer wirkte. Leise und wortlos folgte sie ihm ein Stück weit ins Dickicht zurück. Hielt die braunen Seelenspiegel ruhig auf seiner Miene, solange sie seinen Worten lauschte. Prüfend wanderte der Blick zurück über den Strand hinweg, währen sie die Luft zwischen ihnen einsog und nur unter einem leichten Brummen freigab.<br />
<br />
<i>“Dass wir zu spät sind.“</i><br />
<br />
Eigentlich wirkte seine Frage vielmehr rhetorischer Natur, war sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch. Doch die Jägerin verstrickte sich sogleich in einem Konstrukt aus Möglichkeiten, die wie ein Hagelschauer auf ihren Verstand einprasselten.<br />
<br />
<i>“Hast du gesehen wer am Boden lag und wie viele Männer und Frauen dort sind?“</i><br />
<br />
Sie selbst war von knapp 8 Personen ausgegangen, hätte in der aufkeimenden Hektik jedoch nicht die Hand dafür ins Feuer legen können. Ob sie ihr Versteck für einen Angriff nutzen könnten? Sie allein mit vollkommener Sicherheit. Doch Enrique? Eher weniger, wenn sie die Schweißperlen auf seiner Stirn musterte. Für ihren Plan war er ohnehin nur als passiver Mitspieler vorgesehen - mit Pfeil und Bogen um ihre Schulter und einem derart dichten Urwald im Rücken war es beinahe wie eine ihrer unzähligen Prüfungen zu Hause. Und sie würde den Teufel tun jetzt den nicht vorhandenen Schwanz einzuziehen.</font> <br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihre Antwort war nicht ganz das, was er erwartet hatte, aber sie traf es ziemlich genau.<br />
Seine Augen wanderten zum, von den Blättern verborgenen, Strand, als er sich die Szene wieder vor Augen rief.<br />
<br />
<i>"Es sind fünf beim Canoa:Zwei darin, ein Mann und eine Frau, damit beschäftigt die Sachen zu durchsuchen, ein Mann davor, der die beiden überwacht oder wer weiß was tut, daneben der mit der Narbe und der am Boden Liegende. Dazu mindestens vier weiter, oben am Strand, unter den beiden großen Palmen, einer direkt bei den beiden am Boden hockenden Frauen und die Wache bei den Felsen etwas näher bei uns. Sie stehen mit dem Rücken zu uns, trotzdem denke ich, dass eine davon eine Frau ist. Sie hat kurz was gesagt und in den Dschungel gedeutet. Ich schätze, es sind noch ein paar weitere hinter der restlichen Cano'eyba hinterher, der Rest bei ihrem Piragua', dass sie entweder hier oder in der nächsten Bucht versteckt haben dürften. Insgesamt werden es aber nicht mehr als elf sein.  Oder 22, falls du auch die angegriffene Cano'eyba zählst.  Letztere dürften Teieri sein. Zumindest wenn ich das bei den Frauen richtig gesehen habe und sie rote Korallenperlen tragen. Die wäre typisch für sie."</i><br />
<br />
Enrique knurrte, seine Hände balllten sich zu Fäusten und er schloss die Augen.<br />
Das durfte nicht wahr sein!<br />
<br />
<i>"Die Angreifer sind dann sehr wahrscheinlich Ara'ke'ni auf Kriegszug, und die Frauen ihre Beute."</i><br />
<br />
Skadi hatte die Wilden an der Böschung zum Wald nicht gesehen, dafür meinte sie allerdings zwei weitere, liegende Person entdeckt zu haben, eine hinter dem großen Kanu und die andere davor, fast gänzlich vom Wasser verborgen. Und vielleicht war, bei dem Szenario, das Enrique da gerade entwarf, der Schatten, hinter dem Felsen in der Brandung, doch kein Treibgut ...</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Noch während er sprach, ließ sich die Nordskov in die Hocke sinken und begann mit einem Finger die Szenerie vor sich auf den Boden zu zeichnen. Ignorierte vorerst die Verwirrung, die seine zahlreichen, komisch klingenden Begriffe in ihrem Kopf freisetzten, um dann mit grübelnder Miene zu ihm aufzusehen.<br />
<br />
<i>“Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in den Dschungel locken lassen?“</i><br />
<br />
Zwar konnte es die Nordskov auf einen Versuch ankommen lassen und zumindest ein oder zwei aus der Ferne außer Gefecht setzen. Doch sie würde nur unnötige Munition verschießen, wenn sich die Käfer nicht in ihr Spinnennetz verirrten. Auf Enrique zählte sie in diesem Szenario nicht. Mit seiner Rippe war er ihr nur eine Last.<br />
<br />
<i>“Wir haben nur einen Versuch, um diese… Teieri… zu retten. Sofern du das überhaupt willst.“</i><br />
<br />
Das war schließlich auch noch mit einem Fragezeichen offen geblieben. Mochte sein, dass Enrique wenig begeistert wirkte. Doch das konnte auch der Tatsache geschuldet sein, dass er nicht das vorfand, was er sich erhofft hatte.<br />
<br />
<i>“Ich bin zwar schnell und wendig… und mindestens zwei kann ich über den Haufen schießen, bevor sie sich verkriechen können. Aber danach wird’s nen Wettlauf gegen die Zeit.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"So lange sie nicht wissen, dass sie alle Teieri erwischt haben, vermutlich recht groß. Wenn du dich als schwache Frau zeigst, noch größer, denn wenn ich das richtig sehe, sind sie auf Frauenfang. Kinder und Handwerker würden sie wahrscheinlich auch zu greifen versuchen, ich habe aber nichts hier, um letzteres zu mimen. Wenn dann bekomme ich eher den verwundeten Krieger hin. Dem werden sie dann versuchen den Gar auszumachen, was sich als schwieriger herausstellen würde, als sie glauben."</i><br />
<br />
Enrique grinste frostig und enthüllte die verborgene Pistole direkt hinter dem Säbel. Seine ganze Haltung drückte aus, dass er diese Situation nicht so lassen würde, wie sie war, und das er sich wohl auch nicht bei direkter Anweisung aus einem Kampf heraushalten würde. Das hier war nämlich längst persönlich geworden.<br />
<br />
<i>"Ich würde sie über zwei potentielle Opfer in zwei verschiedenen Richtungen locken und dann einen Bogen zu einem Treffpunkt schlagen. Hier zum Beispiel."</i><br />
<br />
Während er sprach ergänzte er einige Kleinigkeiten bei ihrer Szenerie, nachdem er herausgefunden hatte, was wofür stand.<br />
Darunter war auch zwei Felsenspitze, eine fast am anderen Ende der Bucht, die andere etwa auf zwei Drittel der Strecke, die den Dschungel etwas überragten und sich recht nah am Strand befanden. Da sie das Terrain nicht näher kannten, blieben ihnen nur solche Landmarken.<br />
<br />
<i>"Ab da müssen wir wahrscheinlich eh schon improvisieren. Falls du lieber Rückendeckung haben willst oder einen anderen Plan hast, lass ihn hören."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Eine Augenbraue schnellte hinauf, fast tadelnd, weil sie nicht wirklich davon ausging, dass Enrique ernsthaft dachte, dass er mit einer Pistole weit käme. Außerdem war sie sich nicht sicher, dass er über Stock und Stein davon hechten konnte, wenn es brenzlig wurde. Aber es war wohl zu spät um ihn eines Besseren belehren zu wollen, oder? Mit einem schweren Seufzen erhob sie sich letztlich und stellte den Köcher neben ihrem Bogen im Sand ab. Zog den Verschluss ihres Wams auf und schob sich den dunklen Stoff ihrer Bluse bereits über die Schulter.<br />
<br />
<i>“Ich kümmere mich um die Vier am Schiff. Du versteckst auf dem Weg zum Treffpunkt meinen Bogen im Wald.“ </i><br />
<br />
Ruckartig zog die Nordskov ihr Knie in die Höhe und schob Zeige- und Mittelfinger unter den Bund ihres Stiefels. Zog einen kleinen schimmernden Dolch aus der dort versteckten Scheide und verstaute ihn vorsichtig unterhalb der Bluse zwischen ihren Brüsten. Betont langsam sank ihr Fuß zurück auf den Boden, während sie ihren Oberkörper leicht drehte, um die Position des Dolches an ihrem Körper zu testen. Dann schnaubte sie.<br />
<br />
<i>“Meinst du ich geh so als schwach und wehrlos durch?“</i></font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[In the land of the innocent,  we've not made all our plans<br />
You rescue me, I'll rescue you, from our doubts<br />
<br />
Am Nachmittag des 28. März 1822  | Enrique & Skadi<br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Das Mittagessen rumorte immer noch ein wenig in ihrem Magen, wenngleich sie kaum einen Bissen davon angerührt hatte. Rayon hatte durchaus sein bestes gegeben, um aus den wenigen Dingen an Board etwas halbwegs Verdauliches zuzubereiten. Skadi jedoch verspürte seit einigen Tagen kaum mehr Appetit auf irgendetwas. Ob es mehr mit dem Umstand zu tun hatte, dass sie mittlerweile als Frau über das Schiff huschte oder ihrer letzten intensiveren Begegnung mit Enrique, wusste die hoch gewachsene Jägerin kaum zu sagen. Überhäufte sich stattdessen lieber mit Aufgaben und mied jegliche Gedanken, die den Strudel an Gefühlen in ihr Bewusstsein zurück brachten. Zu sehr sehnte sie sich nach festem Boden unter den Füßen. Nach dem sicheren grünen Blattwerk eines Waldes, dem einzigen Ort an dem sie sich nicht wie ein Fremdkörper vorkam und bewegen konnte, als hätte es seit jeher zu ihrem zu Hause gehört. Niemand würde ihr unbequeme Fragen stellen, auf die sie nicht antworten wollte. Keiner konnte sie zwischen all den Bäumen beobachten und in ihren Gedanken stören, die sie auch jetzt etwas abwesend die Treppenstufen an Deck schlendern ließ.<br />
Bewegung machte sich um sie herum breit. Hier und da huschten fremde Körper an ihr vorbei und versuchten eines der Beiboote zu ergattern, die sie endlich ans nahe gelegene Festland bringen würde. Fast schon einem Automatismus folgend schlenderte die Nordskov ins hintere Eck und kletterte, mit einem eher abwesenden Blick über die Reling, die Strickleiter hinab, an deren Ende eines der Boote einer Nussschale gleich auf den Wellen tanzte. Dass der Insasse gerade versucht war so schnell wie möglich zu verschwinden, fiel ihr nicht einmal auf. Nahm stattdessen mit einem auslandenden Sprung die Distanz zwischen Schiff und Beiboot auf sich, um in der Hocke zum ersten Mal aufzusehen und in das Gesicht Enriques zu blicken.<br />
Wie ein erspähtes Wild verharrte die junge Nordskov in ihrer Haltung. Blinzelte sogar ein zwei Mal irritiert, ehe sich die dichten Brauen zusammen zogen und prüfend zur Sphinx zurück sahen. Die anderen waren immer noch geschäftig dabei ihren Aufbruch an Land vorzubereiten. Keiner scherte sich sonderlich um die Schaluppe, die davon trieb und nur sie und Enrique beherbergte. Nicht einmal der Rotbart war zu sehen. Und irgendwie schien Skadi erleichtert über diese Tatsache. Ließ sich mit einem leichten Seufzen auf die Holzplatte neben sich gleiten und blickte erneut zu dem Älteren hinüber. Streifte sich den Bogen und das aufgerollte Seil von der Brust, während die dunklen Augen unverwandt zwischen dem bärtigen Gesicht und den Paddeln schwankten.<br />
<br />
<i>“Wolltest du wirklich ohne mich an Land verschwinden?“</i><br />
<br />
Es war weniger ernst gemeint, als es womöglich in der Eile klang, um diese unangenehme Stille zwischen ihnen zu überbrücken. Wie lange hatten sie schon nicht mehr miteinander gesprochen? Für Skadi fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Seit ihrem Gespräch am Strand hatten sie kaum mehr ein Wort miteinander gewechselt. Schon gar nicht als sie mit diesem rotbärtigen Seemann im Schlepptau zurückgekehrt war und es irgendwie gewirkt hatte, als kannten sich die zwei seit langen Zeiten. In einem üblichen Reflex hatte sich die Nordskov darauf hin zurückgezogen und die Zwei in den letzten Tagen in Ruhe gelassen. Sich entweder mit Scortias beschäftigt oder war Rayon mit den Vorräten zur Hand gegangen.</font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Seit dem er das Gröbste mit Cornelis geklärt hatte war der Alltag mit ihm viel einfacher, doch vertraute Gespräche um so schwieriger. Er musste sich öffnen, musste Gefühl zulassen und war dabei erratisch wie nie. Wie war er bloß früher damit klar gekommen? Ihm war doch auch nicht egal gewesen, was andere von ihm dachten und hatte versucht ein bestrebtes Bild nach außen zu tragen.<br />
Oder hatte das Problem damals schon angefangen?<br />
Ihn beschlich das ungute Gefühl, dass dem so war, und Cornelis diese Entwicklung nur ausgebremst hatte. Doch bevor er dem nachgehen konnte rissen ihn die Erschütterung des Ruderbootes aus seinen Gedanken.<br />
<br />
<i>"¿Qué?"</I>, fragte er halb überrascht halb unleidig, während er hochsah.<br />
<br />
Dann erkannte er Skadi, just in dem Moment, wo auch sie ihn erkannte.<br />
'Was zum ...?'<br />
Einen Augenblick lang starrten sie einander an. Dann brach sie den Bann, in dem sie ihn gehalten hatte und lenkte auch seinen Blick zurück zum Schiff.<br />
Wenn die Anderen jetzt herübersähen, könnte er Ärger bekommen. Oder jetzt wohl eher sie beide. Das Dingi hätte nämlich eigentlich für Notfälle an Bord bleiben sollen.<br />
Zum Glück hatte er Rayon überzeugen können, nachher nur in der Pinasse mitzufahren, um das Beiboot an Bord zurückzubringen. Der schwarze Mann hatte da wohl notfalls irgendeine Idee, um Enriques Verhalten zu entschuldigen ...<br />
So erleichtert, wie Skadi war, legte er sich allerdings wortlos wieder kräftig in die Riemen. Auch für sie schien zu gelten, je schneller sie an Land kamen, desto besser.<br />
Und dann platzte die Dunkelhaarige mit diesem Satz heraus, den er ihr vielleicht — aber auch wirklich nur vielleicht — geglaubt hätte, wenn er ihren völlig entgeisterten Gesichtsausdruck gerade eben nicht mitbekommen hätte.<br />
Enrique konnte sich das Auflachen nicht verkneifen, es nur schnell wieder hinunterschlucken, bevor es irgendjemand auf der Sphinx mitbekam. Immer noch leise kichernd erwiderte er:<br />
<br />
<i>"Wenn du noch mehr an mir klebst, musst du aufpassen, nicht an mir festzuwachsen. Ich habe mich schon gewundert wo du bleibst."</i><br />
<br />
Mit diesem eindeutigen Necken sah er kurz über die Schulter und war froh, dass die einlaufende Flut ihn unterstützte. Nicht mehr lange, und sie waren am Strand.<br />
<br />
<i>"Also? Wie kann ich dir helfen. Außer dass ich dich so schnell wie möglich an Land bringe?" </i><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Eine Sekunde. So viel brauchte es, um ihr schlagartig bewusst zu machen, dass der Dunkelhaarige tatsächlich klamm heimlich an Land verschwinden wollte. Außer ihm saß niemand in dem winzigen Boot und sein ebenso erschrockener Gesichtsausdruck erweckte kaum den Anschein, als hatte er es nicht bewusst entschieden. Dass das hier überhaupt etwas war, wofür sie Ärger bekommen konnten, kam der Nordskov nicht einmal in den Sinn, als sie sich vom Anblick der Sphinx löste und auf die Sitzbank gleiten ließ. Das unangenehme Schweigen mit einer Frage brach, dessen Antwort sie unweigerlich aus dem Konzept brachte. Er lachte. Nur kurz vernehmbar, weil ihm offenkundig daran gelegen war bei seiner Überfahrt nicht entdeckt zu werden. Doch was er daraufhin sagte entlockte Skadi einen fast schon trotzigen Gesichtsausdruck. Seit wann klebte sie denn bitte an ihm? In den vergangenen Tagen hatte sie alles getan, aber definitiv  nicht das. Musste wohl ein übler Scherz von ihm sein, den sie mit einem verzogenen Mundwinkel und einem lauten Schnauben quittierte.<br />
<br />
<i>“Ts. Du genießt meine Nähe doch, das muss dir nicht peinlich sein.“ </i><br />
Und dann schob sich doch ein vorerst verhaltenes Schmunzeln auf ihre Züge. Übertünchte den kurzweiligen Anflug von Trotz und lockerte die angespannten Muskeln, während sich die langen Beine voraus streckten und die dunklen Iriden damit begnügten, dem Älteren bei seiner Arbeit zuzusehen.<br />
<br />
<i>“Damit hast du mir schon geholfen. Ich musste einfach nur von diesem Schiff runter. Mein Körper sehnt sich nach festem Boden und Sand. Und noch einmal gehe ich mit Trevor definitiv nicht auf die Jagd. Das letzte Mal hat mir gereicht.“</i><br />
<br />
Und das nicht nur, weil sie dem langen Lulatsch hatte hinterher hechten und ihm dafür einen Holzbrocken an den Kopf geworfen hatte. Langsam kippte der dunkle Haarschopf zur Seite auf die angezogene Schulter, dessen anderes Ende entspannt auf der Sitzbank ruhte.<br />
<br />
<i>“Was ist deine Ausrede, um so Mutterseelen allein abzuhauen?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"Als ob!"</i>, grinste er frech.<br />
<i>"Bemuttern kann ich mich auch alleine. Dazu—"</i><br />
'brauche ich dich nicht', hatte er eigentlich sagen wollen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Warum auch immer, aber er wollte ihr gerade jetzt nicht sagen, dass er sie nicht brauchte. Auch nicht im Scherz. Ein unangenehmes Kribbeln zog sich ihm dabei durch die Brust, rührte an komplizierten Dingen, mit denen er sich derzeit nicht beschäftigen wollte.<br />
Stattdessen schaltete er blitzschnell um und redete weiter, lenkte auch sich davon ab:<br />
<br />
<i>"Die Zeit drängt. Denn wenn ich das richtig gesehen habe, dann sind Ara'ke'ni am Strand, ein oder zwei Buchten weiter. Sie scheinen allerdings verschwinden zu wollen. Wenn ich noch mit ihnen reden will, dann kann ich nicht warten, bis die da oben Fertig sind."</i><br />
<br />
Er deutete mit dem Kopf nach rechts und dann mit dem Kinn zurück zum Schiff, während er feststellte, das ihm Ehrlichkeit in diesem Punkt gerade sehr leicht fiel. In anderen allerdings weniger: Er brauchte Zeit für sich. Abstand von Cornelis. Festen Boden unter den Füßen. Das zuzugeben viel ihm weit schwerer. Letzteres konnte er noch vorschieben.<br />
<br />
<i>"Ansonsten geht es mir wohl wie dir ..."</i><br />
<br />
Derweil drängte sich ihm die Frage auf, ob er nicht besser geschwommen wäre. Vielleicht würde seine Seite dann weniger weh tun als so vom Rudern. Zeigen wollte er das aber nicht. Da musste er jetzt durch. Er stellte sich gedanklich darauf ein, dass noch eine ganze Weile für sich behalten zu müssen.<br />
Um so überraschter war er, als bereits wenige Augenblicke später Sand unter dem Kiel knirschte. Die Strömungen hier musste ziemlich stark sein ...<br />
<br />
<i>"Wie auch immer. Wir sind da"</i>, meinte er mit einem nur ein bisschen gezwungenen Grinsen. Er schwang sich über die Seite und griff das Boot, um es auf den Strand zu wuchten.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Ein wissendes Lächeln legte sich offenkundig auf ihre Lippen. Wirkte fast als wäre sie noch immer in den kleinen Spaß vertieft, den ihr neckisches Wortgefecht auslöste. Doch ehrlich gesagt hatte Enriques abrupte Pause ihre Neugierde geweckt. Vollendete diese nichtige Redewendung in Gedanken und fragte sich für eine Sekunde, was ihn dazu bewog innezuhalten. Steckte ihre letzte intensive Unterhaltung am Strand so sehr in seinen Knochen und jedem Muskel seiner Brust, dass es ihm widerstrebte selbst im Spaß auf ihre Anwesenheit verzichten zu können? Und wieso fühlte sie sich so erhaben ob dieser Vermutung, dass sie es sogar mit einem verschmitzten Lächeln aufnahm? Manchmal war sie schon ein seltsamer Charakter, musste sich die Nordskov eingestehen und wandte den Blick herum. Fixierte erst den hellen Strand, dann das braun gebrannte Gesicht ihres Freundes.<br />
<br />
<i>“Ara... keni? Sind das deine Leute?“</i><br />
Skeptisch schnellte eine der geschwungen Augenbrauen hinauf und streifte die lose Strähne dunklen Haares, die ihr jäh ins Gesicht gerutscht war. Was auch immer er mit diesen Menschen zu schaffen hatte - Skadi war sich nicht sicher ob sie Teil dieses Treffens sein wollte. Immerhin klang es fast danach, als verschwänden diese Arakeni, kaum dass sich Fremde in Sichtweite befanden. Oder waren derart rastlos, dass es sie nur kurze Zeit an einem Ort hielt. Ganz davon abgesehen, dass Enrique ohnehin ohne sie losgezogen war.<br />
<br />
Kaum knirschte der erste Sand an der Außenwand des kleinen Bootes, sprang die schmale Gestalt der Nordskov bereits ins Wasser. Hörte nur beiläufig die Worte Enriques und verfrachtet mit ihm ohne eine große Antwort oder Reaktion die kleine Nussschale ans Ufer.<br />
Mit einem kurzen Griff zur Seite umfasste sie ihren Bogen und Köcher. Wandte sich bereits zum Dunkelhaarigen herum, als die Sehne über ihren Oberkörper glitt und am Lederriemen des Köchers innehielt.<br />
<br />
<i>„Weißt du schon wann du zurück fährst?“</i><br />
<br />
Immerhin mussten sie irgendwann im Laufe des Tages wieder auf die Sphinx zurück. Und da sie selbst offensichtlich in ihrem geistigen Delirium nicht mit den anderen an Land gefahren war, brauchte sie ein Ticket für den „Heimweg“. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Erst während sie das Boot auf den Strand zogen kam er dazu ihr zu antworten. Schmerzhaft riss es in seiner Seite, als die Wellen gänzlich aufhörten, sie dabei zu unterstützen.<br />
<br />
<i>"Ich weiß es nicht, ich konnte ihre Stammeszeichen nicht klar ausmachen."</i><br />
<br />
Er brauchte dringend ein Fernglas. Und dafür Geld in seinen Taschen. Das bisschen, was er jetzt noch hatte, würde hoffentlich reichen, sollten sie die Bucht rechtzeitig erreichen.<br />
<br />
<i>"So oder so sind sie wahrscheinlich die einzige Quelle für ein paar Dinge, die ich brauche. Ansonsten müsste ich sie in der Wildnis suchen."</i><br />
<br />
Dann folgte ihre andere Frage, während er versuchte flach zu Atmen. Als er genug Luft hatte erwiderte er:<br />
<br />
<i>"Rayon hat nachher mit Deckwache und Anweisung die Zurückkehrenden hiermit am Strand abzuholen. Deshalb wird er nachher auch mit der Pinasse übersetzen und es zurückholen. Wir brauchen also nur am Strand auftauchen und zu winken, falls wir nicht zur festgesetzten Zeit mit der Pinasse zurückkehren wollen."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Ihre Stammzeichen. Hatte sie vorher nur einen ersten flüchtigen Gedanken gehabt, klang diese Formulierung tatsächlich nach Wildlingen. Ob ihr eigenes Dorf diesen Menschen womöglich gar nicht so unähnlich war? Skadi konnte es nur mutmaßen, während sie Enrique musterte und sich den Sand von den Händen klopfte. Anscheinend hatte er einen ausgeklügelten Plan für dieses Vorhaben gehabt. Nichts was sie verwunderte, immerhin kannte sie ihn lange genug dafür. Wenn auch nicht gut genug, um selbst die verworrensten Verhaltensweisen und Gedankengänge zu verstehen.<br />
<br />
<i>“Dann sehe ich mal zu, dass ich rechtzeitig zurück bin…“</i><br />
<br />
Mit einer halben Drehung wandte sie sich bereits ab und klaubte sich ihren Bogen mitsamt Köcher und Umhängetasche aus dem Bootskörper.<br />
<br />
<i>“… solltest du ebenso.“</i><br />
<br />
Ein knapper Schulterblick galt de Guzmán, ehe sie sich die Schuhe von den Füßen  zog und in ihrem Rucksack verstaute. Besser sie vergeudete keine weitere Zeit  mehr. Verschmolz alsbald ohne Umschweife mit dem Wald, der sich nach so langer Zeit auf See wie ein kleines zu Hause anfühlen würde. Im Gehen glitt die gespannte Sehne ihres Bogens über Kopf und Schulter und stoppte erst als der Stoff des umgeschnallten Rucksacks den Weg kreuzte. Der Köcher baumelte unverstaut zwischen ihren Fingern. Wippte einmal mehr auf und ab, als die Nordskov jäh stehen blieb und mit aufmerksamem Blick zur Enrique zurück sah.<br />
<br />
<i>“Was, wenn sie es nicht sind?“ </i></font><br />
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<font color=#4682B4><i>"Das habe ich vor."</i><br />
<br />
Die Antwort glitt genauso selbstverständlich über seine Lippen, wie dieses Vorhaben für ihn war, wollte er doch durchaus danach so schnell wie möglich zurück.<br />
Jetzt aber galt es erstmal sich dorthin zu beeilen und herauszufinden, ob sie mit ihm reden würden.<br />
Dann aber versetzte ihr Fortgehen ihm einen derben Stich.<br />
'Was beim Abgrund ...?'<br />
Da wurde Enrique klar, dass ein Teil von ihm tatsächlich davon ausgegangen war, dass sie selbstverständlich zusammen dorthin aufbrechen würden und dass dieses Gefühl, dass ihr Vorhaben 'zu gehen' in ihm auslöste, wohl auch für sein innehalten vorhin verantwortlich gewesen war.<br />
Wollte er am Ende gar nicht alleine sein? Oder war es bloß das ihm das Vertraute, so wie es auf der Morgenwind gewesen war, tatsächlich fehlte oder hatte er sie in den letzten Tagen vermisst?<br />
Er hatte keine Antwort darauf und das verunsicherte ihn zutiefst.<br />
Reflexartig verschloss er seine Emotionen hinter einer neutralen Maske und lächelte sie ausdruckslos an, als sie sich doch noch einmal umwandte.<br />
Der 26jährige zuckte mit den Schultern, ehe er sich vorsichtig ins Boot hineinbeugte und das Segeltuchbündel herausholte.<br />
<br />
<i>"Dann werden sie entweder mit mir reden, mich ignorieren oder ich stecke in Schwierigkeiten. Wäre aber nicht das erste Mal, dass ich mich bei sowas absetzen müsste."</i><br />
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Der Dunkelhäutige ließ sich Zeit mit dem Hochsehen. Zum einen schmerzte ihn das Aufrichten, zum anderen wollte er sich erst sicher sein, dass ihre Antwort, falls es überhaupt eine gab, ihn nicht schon wieder aus der Bahn werfen würde — oder sie es zumindest nicht mitbekäme.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Er benahm sich seltsam. Das war das erste Gefühl, das in ihr aufkeimte, ohne dass sie es genau greifen oder gar begründen konnte. Der intensive Blick, die gesenkte Stimme, dessen Timbre vermeintlich klang wie eh und je. Doch irgendetwas störte Skadi an der Art wie er sprach. Wie er vollkommen emotionslos lächelte. Wie er nur beiläufig mit den Schultern zuckte und sich nun seinerseits von ihr abwandte. Gott, diese scheiß Emotionen trieben sie noch in den Wahnsinn. Was für eine komplizierte...<br />
<br />
Mit einem Seufzen schob sich der Daumen ihrer Rechten unter die Sehne und lockerte den engen Halt des Bogens auf ihrem Oberkörper. Erst dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Dieses Mal in entgegen gesetzte Richtung und bereits in jene Richtung steuernd, in der sie die Wilden zuvor am Strand gesehen hatte.<br />
<br />
<i>“Du wirst den verdammten Teufel tun und dich absetzen.“</i><br />
<br />
Mit einem letzten intensiven Blick umrissen die dunklen Augen die Silhouette des Älteren. Wandten sich dann ihrem Weg zu, dessen Oberfläche nahezu unberührt schien.<br />
<br />
<i>“Also beeil dich. Ich muss heute noch Fallen aufstellen. Und das besser bevor es dunkel wird.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Der Blick mit dem sie ihn maß, war so irritierend, beinahe hätte er das Bündel wieder losgelassen.<br />
Was hatte er jetzt wieder angestellt? Oder lag es dieses Mal an ihr?<br />
Seine Augenbrauen schoben  sich etwas zusammen, doch er sagte nichts. Immerhin saß er gerade im Glashaus.<br />
Dann schwenkte Skadi um, was ihn erneut irritierte, doch ihre Worte verwirrten ihn nur noch mehr:<br />
Er sollte sich nicht davon machen, wenn sie ihn angriffen? Sollte er seine Waffen fortwerfen und sich mit bloßen Händen hinlegen, darauf hoffend, dass sie ihn nicht erschlugen, dass sie diesen Brauch respektierten?<br />
Sie sah noch einmal zu ihm hin, ehe sie den Strand und den Wald vor ihnen nach einem Weg absuchte.<br />
Jetzt wollte sie auf einmal doch mit?<br />
Beinahe hätte er ihr perplex hinterhergestarrt und vergessen, was er eigentlich vorgehabt hatte, dann eilte er ihr nach.<br />
Wie hatte sie das nur gemeint?!?<br />
<br />
<i>"Was meinst du damit, ich soll nicht verschwinden, falls es brenzlig wird? Willst du dich mit ihnen anlegen? Das Eine ist nicht so wichtig, dass sich Blutvergießen dafür lohnt, und das Andere funktioniert nur, wenn sie das von sich aus tun wollen."</i><br />
<br />
Oder hatte sie ihn falsch verstanden? Hatte sie gerade etwa verstanden, dass er ...?<br />
Jetzt beobachtete er die Dunkelhaarige um so genauer, während er zu ihr aufschloss, versuchte sie dabei zu lesen und zu verstehen ...<br />
<br />
Zunächst führte der Weg am Strand entlang zu einem Durchlass zwischen vorgelagerten Felsen, wie es danach aussähe würde sich erst in der nächsten Bucht zeigen.<br />
Die einzigen zwei Alternativen dazu, und Rudern, wären, den Pfad hinauf, Richtung Stadt, zu folgen und zu hoffen, dann oben entlang den Umweg wieder abzukürzen, sowie später schnell einen Abstieg zu finden oder sich dazwischen, in direkter Linie, regelrecht durch den Urwald zu schlagen und darauf zu vertrauen, dass es schon einen Pfad über die steilen Hänge gäbe. Was günstiger war - und überhaupt zum Ziel führte - das war nicht ersichtlich.<br />
Wenn die Nordskov nicht darauf warten wollte, dass Enrique sie überholte und eine Richtung wählte, dann würde sie sich jetzt entscheiden müssen.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Leise scharrte der Sand unter seinen Stiefeln, als er endlich die Beine in die Hand nahm und nicht seine Zeit damit verplemperte ihr irritiert und mit zusammengezogenen Augenbrauen entgegen zu starren. Entweder hatten sie gerade eine ziemlich kryptische Unterhaltung geführt oder wie Weltmeister aneinander vorbei gesprochen. Und nach der Frage zu urteilen, die er ihr stellte, kaum dass er aufgeholt hatte, war es wohl eine bunte Mischung aus beidem.<br />
<br />
Kurz musste Skadi blinzeln. Unsicher ob sie über den leise Hauch von Zweifel in seiner Stimme lachen oder wütend sein sollte. Hatte er schon wieder vergessen, wie ernst ihr sein Überleben war und dass sie definitiv nicht zu der Sorte Mensch gehörte, die sonderlich zimperlich war?<br />
Mit erhobener Augenbraue wandte sich der dunkle Haarschopf somit zur Seite, während die Jägerin ihre Schritte verlangsamte. Bis Enrique auf Augenhöhe war und sie demonstrativ die Sehne ihres Bogens gegen die Brust schnipsen ließ.<br />
<br />
<i>“Nun... ich werde zumindest nicht tatenlos dabei zusehen, wie sie dich ausweiden. Aber das hatte ich damit eigentlich auch nicht gemeint.“</I><br />
<br />
Weitere Worte verlor sie jedoch nicht. Stoppte jäh, als die hellen Felsvorsprünge an ihrem Augenwinkel vorbeizogen und den Blick aus wachsamen Augen auf die neue Umgebung vor ihnen lenkte. Für einen kurzen Moment pressten sich die vollen Lippen fest aufeinander. Hinterließen kleinen Furchen in ihren Mundwinkeln, ehe sie kommentarlos auf den Urwald zusteuerte.<br />
<br />
<i>“Na dann wollen wir mal.“</i></font><br />
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<font color=#4682B4>Ihre Mimik verriet ihm nicht genug. Und ihre Worte und Gesten auch nicht.<br />
Hatte sie den gereizten Unterton in ihrer Stimme überhaupt mitbekommen? War ihr klar, was sie da gesagt hatte und wie wenig es immer noch ins Gesamtbild ihrer Aussagen passte? War das ein unbewusster Ausspruch ihrer Gefühle gewesen oder interpretierte er da zuviel hinein?<br />
Wie auch immer, sie sollten das Thema wechseln, also versuchte er es mit Humor. Da würde sie seine Verunsicherung wohl eher dem ungewohnten Versuch zuschreiben, als irgendwelchen Hintergedanken.<br />
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<i>"Ich hatte auch nicht vor, tatenlos zuzuschauen, wie sie mich ausweiden. Deshalb will ich mich ja absetzen, wenn es heikel wird. Und dass du mir dabei den Rücken frei hältst, das war mir klar, ab dem Moment, wo du meintest, ich solle mich beeilen. Ich war mir halt nur nicht sicher, ob du aus der ganzen Sache lieber einen Hinterhalt an Stelle eines geordneten Rückzugs machen wolltest. Zutrauen würde ich dir beides."</i><br />
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Und die Erheiterung kam wirklich durch. Klang er am Anfang etwas steif, so war er am Ende fast beim Lachen, auch wenn ihn die heilende Verletzung boshaft daran erinnerte, dass er das besser ließe. Blieb abzuwarten, ob sie das Necken als solches annähme oder doch mehr dahinter steckte.<br />
<br />
Die Wahl des Weges verwunderte ihn hingegen nicht. Nachdem sie durch den Waldrand gebrochen waren, wurde es gangbarer, spätestens auf den Wildwechseln, die allerdings ihren eigenen Gesetzen folgten. Trotzdem wäre eine solcher Pfad grob in die richtige Richtung immer noch schneller, als sich durch das Dickicht zu schlagen.<br />
Den Weg der Tiere zur Nachbarbucht fanden sie schnell und er war sogar recht gut zu laufen. Genauso wie der durch die Bucht, lagen hier doch nur ein paar Fischerboote und nicht die Kanus der Wilden.<br />
Dennoch wurde Enrique mit der Zeit merkbar langsamer. Zunächst war es ihm ein leichtes, sich an die alten Bewegungsmuster seiner Kindheit zu halten, auch wenn er lange nicht so gut war, wie die Jägerin, so war doch zu merken, dass er die Grundzüge gelernt hatte, wie man sich mit und nicht gegen den Wald bewegte. Allerdings belastete jede Bewegung und jede Kletterpartie die Rippe.<br />
'Warum brauchen Knochen nur immer so verflucht lange um zu heilen?!?'<br />
Zeigen tat er seinen Schmerz nicht, wurde lediglich vorsichtiger in der Bewegung — und damit eben auch langsamer.<br />
Und wieder kamen sie an den Punkt, wo es zu Entscheiden galt, ob sie den Ziegenpfad nach oben versuchen wollten, der recht benutzt wirkte; runter zum Strand gingen, um zu schauen, ob sie um die dort flacher werdenden Felsen herum kämen, notfalls schwimmend oder ob sie weiterhin dem Wald den Vorzug gäben, auch wenn der Boden deutlich unebener wurde und sie weit häufiger klettern würden müssen, als bisher ...</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Wovon sprach er da eigentlich die ganze Zeit? Hatte sie sich wirklich dermaßen missverständlich ausgedrückt? Gut möglich. Je länger sie seinen Worten lauschte, desto klarer wurde ihr dieser Umstand und desto stärker schwoll das Seufzen in ihrer Kehle heran. Mit einem letzten Seitenblick umrissen Skadis dunkle Augen die Züge ihres Begleiters, ehe sie sich abwandte und das schwere Seufzen hinab schluckte, noch ehe es ihre Lippen erreichte. Es würde nichts bringen, ihm noch mehr kryptische Reaktionen zu präsentieren, wo sie einander doch vollkommene Ehrlichkeit versprochen hatten. Selbst wenn es bedeutete, dass sie sich stetig in einem Strudel aus überschäumenden Emotionen befand und nicht genau wusste, wie sie damit umgehen sollte.<br />
<br />
<i>“Mir wäre jedes Mittel recht, um zu verhindern, dass du dich wirklich absetzt… für immer.“</i><br />
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Auch wenn die Belustigung seiner Stimme ihre Ohren erreichte, so sperrte sich die Nordskov innerlich dagegen. Sie meinte ihre Worte ernst. Selbst wenn der Versuch die Situation aufzulockern lobenswert war und ihm später wohl einen freundschaftlichen Knuff gegen den Oberarm bescheren würde. Doch nun fokussierte sich die Dunkelhaarige auf ihren eingeschlagenen Weg, bewegte sich wie von selbst durch das immer dichter werdende Gestrüpp und fühlte sich binnen weniger Herzschläge wie in einem Paradies aus sattem Grün. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, als sie dann und wann über einen umgestürzten Baumstamm turnte und ihre Zehen fest ins weiche Moos drückte. Das war so viel besser als geteertes Holz und die erbarmungslose Sonne, die stetig auf das Deck brannte.<br />
<i>“Hey…“</i><br />
<br />
Mit einem dumpfen Poltern kehrte der Körper auf den weichen Boden zurück, nachdem die Nordskov eine kleine Kletterpartie in den Bäumen unternommen hatte. Langsam richtete sich der hochgewachsene Körper auf, während die dunklen Augen unablässig auf Enriques Miene fixiert blieben. Er wirkte seltsam erschöpft, oder bildete sie sich das nur ein? Seine Bewegungen wurden mit jedem weiteren Meter entspannter. Wollte er letzten Endes doch nicht mehr so dringend zu diesen Leuten?<br />
<br />
<i>“Alles okay bei dir? Oder muss ich dich für den Rest des Weges tragen?“</i><br />
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Sie schenkte ihm ein süffisantes Lächeln und ließ den schwarzen Haarschopf zur Seite gleiten. Dass sie bereits vor ihrer nächsten Weggabelung standen ignorierte sie vorerst. Wenn wäre es unter diesem Aspekt ohnehin Enriques Entscheidung, welchen der drei Wege er sich körperlich zutraute. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Sein Gefühl sagte ihm, dass sie, ehe sie sich abwandte, versuchte, ihn (oder die Situation) einzuschätzen. Warum sie dann wegsah, dass war ihm nicht klar. Vielleicht, weil sie verstand oder er nicht. Vielleicht auch aus anderen Gründen.<br />
Er ließ sie.<br />
Falls sie etwas im Wald gehört hatte, war es wichtig, dass sie dem nachging, ging es um ihre Gefühle, würde er sie nicht zwingen, sie offenzulegen.<br />
Der Schwarzhaarige hatte sich gerade wieder dem Weg und ihrer Umgebung zugewandt, da brachte sie ihn mit ihrer Aussage fast zum stolpern. Anstatt sie anzuschauen sah er grinsend in den Wald.<br />
Also doch.<br />
<br />
<i>"Das habe ich doch gar nicht vor"</i>, lachte er leise. <i>"Ich will doch, dass du mir auf die Nerven gehen kannst, also setze ich mich wenn dann zu dir oder mit dir zusammen ab."</i><br />
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Amüsiert wandte er sich ihr zu und fügte an:<br />
<br />
<i>"Und sterben habe ich erst recht nicht vor. Dafür habe ich noch viel zu viel zu tun: Unter anderem muß ich ja auf dich aufpassen."</i><br />
<br />
Jetzt erwartete er tatsächlich einen Knuff ausweichen zu müssen und behielt ihre Gestalt gut im lachenden Auge.<br />
<br />
———<br />
Enrique hatte sich längst gefragt, wann es passieren würde. Allerdings überraschte ihn die Form ihre Frage.<br />
<br />
<i>"Du weißt doch ..."</i><br />
<br />
Er stockte, denn:<br />
Wusste sie es? Er hatte es ihr doch gesagt oder? Er konnte es ihr nicht vorenthalten haben, sonst hätte sie ihn doch längst danach gefragt. Immerhin war es jetzt fast zwei Wochen her.<br />
Oder hatte er nicht? Hatte er, da sie ihm aus dem Weg gegangen war, sogar sie geblendet?<br />
Er konnte sich partout nicht mehr erinnern. Zu viel war in dieser Zeit passiert.<br />
Und jetzt wusste er obendrein nicht, wie er beginnen sollte. Zumindest nicht, wenn er ehrlich bleiben wollte. Lügen hingegen lagen ihm gerade reichlich auf der Zunge.<br />
Erst nach einem Augenblick, hatte er seine Gedanken genug sortiert, um zu antworten:<br />
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<i>"Erinnerst du dich an die Schlange? Die, die es auf der einsamen Insel zu essen gab? Hatte ich dir nicht erzählt, wie es dazu kam?"</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Ein zufriedenes Lächeln stahl sich angesichts seiner Worte in ihren Mundwinkel. Zeichnete sich sogar als kurzweiliges Funkeln in den dunklen Augen ab, die Enrique ganz wortlos versicherten, dass er wohl kaum den großen Bruder raushängen lassen musste. Allein weil sie es doch war, die hier auf IHN aufpassen musste. Weshalb seine Antwort sie überhaupt erleichterte, ergründete sie nicht weiter, nachdem sie mit einem sanften Schlag gegen seine Schulter im dichten Grün des Waldes abtauchte. Es war einfach so. Je mehr Gedanken sie sich darüber machte, desto tiefer schürfte sie in Gebieten ihres Unterbewusstseins, die sie aus diversen Gründen unter Verschluss hielt.<br />
<br />
•••<br />
Irritiert musterte sie die bärtigen Züge, die krampfhaft versuchten ihr eine Antwort zu geben. Auf eine Frage die nicht implizierte ein großes Fass aufzumachen.<br />
<br />
<i>“Wenn du nicht heimlich an meine Hängematte kommst um mir so etwas im Schlaf zu erzählen... dann nicht, nein.“</i><br />
<br />
Sie machte ihm ehrlich gesagt auch keinen Vorwurf daraus. Immerhin hatte sie ihm bewusst sie Zeit und den Raum geben wollen, den er mit diesem Rotbart gebraucht hatte. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Er kniff die Augenlider zusammen, legte den Kopf in den Nacken und seufzte amüsiert. Dann sah er Skadi wieder an.<br />
Er hatte also nicht und ihr Tonfall legte nahe, dass sie nicht einmal ahnte, worauf er hinaus wollte.<br />
Der Schwarzhaarige hob den Arm auf der unverletzten Seite zu einer Tja-Geste und ließ den anderen dicht am Körper.<br />
<br />
<i>"In dem Fall hatte ich wohl keine Gelegenheit dazu, da ich nicht darauf gekommen bin. Aber ich werde es mir merken und es das nächste Mal tun."</i><br />
<br />
Das freche Grinsen konnte und wollte er sich nicht verkneifen. Es war echt erheiternd und faszinierend, dass sie es trotzdem nicht mitbekommen hatte. Immerhin belastete es ihn bei jedem Segelmanöver und bei vielen anderen Gelegenheiten.<br />
<br />
<i>"Nun, die Schlange hatte sich wohl unsterblich in mich verliebt oder beschlossen eine Maulsperre haben zu wollen. Jedenfalls hatte sie sich auf mich fallen und nicht wieder losgelassen, bis Montrose' Auftauchen sie etwas kopflos machte. Seit dem habe ich es  mal wieder mit einer gebrochenen Rippe zu tun und so gut ich sie auch entlaste, irgendwann fängt sie halt einfach an weh zu tun."</i><br />
<br />
Gleichgültig zuckte er die Schultern und bereute es nur ein kleines bisschen. So wenig, dass er es problemlos hinter einem unbekümmerten Gesichtsausdruck verbergen konnte.<br />
Durch sowas würde er sich definitiv nicht aufhalten lassen.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Sie musterte ihn schweigend, ehe sie in ein tiefes Seufzen verfiel und die Arme schwungvoll senkte.<br />
<br />
<i>“Man kann dich echt nicht alleine lassen oder?“</i><br />
<br />
Nur der Hauch eines Lächelns war in ihrem Tonfall vernehmbar. Dann wandte sich der dunkle Schopf über die Schulter auf ihre Weggabelung zurück.<br />
<br />
<i>“Dann liegt die Entscheidung jetzt bei dir, welchem Weg wir folgen.“</i><br />
<br />
Mit einer erhobenen Augenbraue musterte Skadi den Dunkelhaarigen aus den Augenwinkeln. Brachte unter einem demonstrativen Schnauben einen Ausdruck zum Vorschein, der fast schon gemeingefährlich wirkte.<br />
<br />
<i>“Aber glaub gar nicht, dass du jetzt den Helden spielen darfst. Ich schleif dich eigenhändig zurück, wenn es sein muss.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"Sieht wirklich danach aus, als ob du mir besser nicht von der Pelle rückst"</I>, grinste er zurück.<br />
<br />
Keinem anderen als ihr oder Cornelis hätte er das so eingestanden, nicht einmal Lucien oder Rayon, geschweige denn ihre Antwort so locker hingenommen.<br />
Bereits als Kaladar hatte Skadi mehr als genug gewusst, um ihn zu Fall zu bringen und gerade eben hatte sie ihm ein weiteres Mal — dieses Mal sogar unbeabsichtigt — ihre Loyalität verraten. Warum also nicht?<br />
Dann lenkte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf das, was vor ihnen lag. Grübelnd betrachtet er für einen Moment die Möglichkeiten.<br />
<br />
<i>"Ich habe es verstanden"</i>, lachte er dann leise und fügte ernster an:<br />
<i>"Die Frage ist wohl eher, wo du mir am Besten helfen kannst, sollte es not tun. Oben auf der Klippe halte ich jedenfalls für die schlechteste Wahl. Also: Ist dir mehr nach schwimmen oder nach klettern?"</i><br />
<br />
Ihm war, als wisse er, was sie gleich antworten würde, wollte es aber von ihr hören.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Sein Grinsen war vielleicht ansteckend, doch der Gedanke, den er just mit seinen Worten in ihrem Kopf auslöste, dämpfte ihre Reaktion. Sie hatte sich nur aus einem Grund in den letzten Tagen von ihm fern gehalten. Denn auf einem Schiff konnte er kaum verschwinden oder sich ohne ihre Kenntnis mehr zuziehen als ohnehin schon. An Land sah das allerdings ganz anders aus.<br />
<br />
<i>“Hoffentlich wirst du dich bei Zeiten an deine Worte erinnern.“</i><br />
<br />
Fast schon spöttisch huschte diese Antwort über ihre Lippen. Und Enrique wusste spätestens jetzt, dass er ihr in Anbetracht ihres Versprechens einen Freischein erteilt hatte. Nicht dass sie nicht ohnehin ihren Kopf bei ihm durchsetzen würde. Doch nun hatte er kaum mehr einen Grund sich darüber echauffieren zu können.<br />
<br />
<i>“Natürlich wäre mir mehr nach klettern, aber ich bezweifle, dass es deiner Rippe gut tun würde und ich dich dabei unterstützen könnte. Denn leider...“</i><br />
<br />
Nun war sie es die mit der Schulter zuckte und eine Tja Geste mit der Linken andeutete.<br />
<br />
<i>“Bist du ein bisschen fett geworden.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Überrascht von ihrem plötzlichen Ernst, fiel auch seine Reaktion so aus, auch wenn sie als Witz gedacht gewesen war:<br />
<br />
<i>"Oh ich bin sicher, du wirst schon dafür sorgen, dass ich sie nicht vergesse."</i><br />
<br />
Unruhe beschlich ihn, ließ ihn sich fragen, ob es so gut war, sie so nah an sich heranzulasse. Immerhin kannte er sie eigentlich viel zu wenig, um zu wissen, ob sich die jetzige, lockere Nähe dadurch nicht in eine viel zu eng gezogene Fessel verwandeln würde.<br />
'Nicht darüber nachdenken! Halte dich jetzt nicht mit solchen Dingen auf, du hattest anderes vor!'<br />
Und das war dringend. Also wandte er seine Konzentration wieder auf den Weg vor ihnen, mit dem sich ein Teil seiner Gedanken die ganz Zeit nebenher beschäftigt hatte.<br />
Schwimmen würde die Rippe zwar allgemein entlasten, dafür aber die Hauptlast der Fortbewegung auf die Arme legen.<br />
Beim Klettern selber würde er mit unter beide Arme einsätzen müssen, auf dem restlichen Weg läge die Hauptlast aber auf den Beinen und, an leichteren Stellen, seiner Gesund Seite.<br />
Die Wahl war also simpel, gerade auch, weil Skadi die erwartete —<br />
'Was?'<br />
Was hatte sie da eben gesagt?!?<br />
Empörung und Erheiterung brachen sich gleichzeitig ihre Bahn nach oben.<br />
<br />
<i>"Fett? Ich? Muß der strich in der Landschaft gerade tönen, der seit einigen Tagen plötzlich Rundungen angesetzt hat!<br />
Allein dafür müßte ich eigentlich verlangen, dass du mich den Rest des Weges huckepack trägst!"</i><br />
<br />
Seine Augen lachten, während der Rest seiner Gestik und Mimik pure Entrüstung ausdrückte.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Pure Entrüstung überzog sein Gesicht. Skadi musste stark an sich halten, um bei diesem Anblick nicht in Gelächter auszubrechen. Hatte sie Enrique je als besonders Eitel eingestuft? Nun, er legte viel Wert auf Etikette und hatte zumindest damals stets auf ein gepflegtes Äußeres geachtet. Doch wie sie selbst konnte er all das nur als Vorwand genutzt haben, um seine wahre Natur zu überspielen. Erst als er ihre neuen Rundungen ansprach, huschten die dunklen Augen von den bärtigen Zügen auf ihren Körper hinab. Hingen eine Weile an ihren Brüsten, ehe sie mit einem breiten Grinsen den Kopf hob und mit beiden Händen die Kontur ihres Oberkörper nachfuhr.<br />
<br />
<i>“Beschwerst du dich etwa gerade über meinen wunderschönen Körper, de Guzman?<br />
Oder ärgert es dich, dass du ihn erst jetzt zu Gesicht bekommen hast?“</i><br />
<br />
Ob sie ihre Worte sonderlich ernst meinte war auf Grund des glitzernden Schalks in den dunklen Augen kaum auszumachen. Umhin ließ ihm die Nordskov keine Zeit dafür. Legt den dunklen Schopf zur Seite und ließ den Blick abschätzend über seine Statur schweifen.<br />
<br />
<i>“Also... wie sieht’s aus? Schwimmen oder klettern? Wenn wir noch mehr Zeit vertrödeln, kommen wir zu spät.“</i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Er sah ihr das zurückgehaltene Lachen deutlich an und fragte sich, warum sie es nicht einfach hinausließ. War ihr nicht danach? Das konnte es eigentlich nicht sein, denn ihre Augen leuchteten frech.<br />
<br />
<i>"Weder, noch!"</i>, erwiderte er, trotz ihres Themenwechsels, lachend, nachdem er ihren Händen, mit dem Blick, überdeutlich gefolgt war, <i>"weder, noch. Immerhin konnte ich dir die ganze Zeit auf dein Allerwertesten schauen, ohne, dass du was dagegen tun konntest."</i><br />
<br />
Und ja, er hatte sie oft gemustert und sich gefragt, wie sie wohl ohne das Versteckspiel aussehen würde, doch nie lange. Das hätte viel zu leicht andere Gerüchte hervorbringen können.<br />
Jetzt genoss er es für einen Augenblick einfach, dass er sie so offen Angaffen durfte, provozierte sie es doch gerade und antwortete auf die anderen Fragen:<br />
<br />
<i>"Da du dich zum Schwimmen sicher nicht ausziehen wirst, bin ich auch für den Wald. Immerhin wirst du die schwierigen Stellen wohl meist vor und über mir erkunden müssen."</i><br />
<br />
So anzüglich sein Wort auch waren, und so genau er sie auch studierte, seinem Blick und Gehabe fehlte jene primitive Lüsternheit, die sie in den schmutzigen Gassen und Straßen der Städte dazu auf sich gezogen hätte.<br />
Sicher, ihm gefiel, was er da sah, aber da waren keine versauten Hintergedanken. Sie war ihm viel zu lange viel zu nahe gewesen, als dass dieses bisschen Geplänkel soetwas hervorgebracht hätte.<br />
Und Auch sein Nähertreten war schlicht dazu gedacht, sich wieder in Bewegung zu setzen ...<br />
<br />
<font color=#BC8F8F>So, hatte er das also? Da blieb ja nur zu hoffen, dass ihn dabei niemand beobachtet hatte und noch auf falsche Gedanken gekommen war. Zwar glaubte sie keines seiner Worte, doch setzte es ein ehrliches Schmunzeln auf ihre Züge. Noch mehr als er fortfuhr und ihr nun doch ein Lachen aus der Kehle kitzelte.<br />
<br />
<i>“Ich kann dich nicht ernst nehmen wenn du so redest.“</i>, erwiderte sie glucksend und klopfte ihm, kaum dass er endlich aufgeholt hatte gegen die Schulter.<br />
<br />
Unter anderem Umständen hätte sie sich auf dieses Spielchen einlassen können. Mit einem Menschen der nicht jahrelang über ihr gedient hatte und zu einer „Vertrauensperson“ geworden war.<br />
<br />
<i>“Verrätst du mir eigentlich weshalb du genau zu ihnen willst?“</i><br />
<br />
Erneut hatten sie sich etliche Minuten durch den Wald gekämpft und immer häufiger über umgestürzte Bäume oder hohe Gesteinsbrocken klettern müssen. Mit ausgestrecktem Arm lehnte sich die Nordskov zu Enrique hinab, um ihn auf das Plateu einer kleineren Felsformation zu ziehen. </font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Und dann lachte sie endlich, ehrlich und wunderschön. Glücklich tat er es ihr gleich.<br />
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<i>"Das will ich auch schwer hoffen!"</i><br />
<br />
Kurz streiften seine Finger ihren Rücken. Ihm war danach, ihre Hand zu nehmen, wie damals bei seiner Schwester oder später bei seiner Tochter.<br />
Stattdessen blieb er ihr einfach, so gut es ging, auf den Fersen, lächelte und stellte fest, dass diese Pause, trotz ihrer Kürze und des Lachens, ihm gutgetan hatte.<br />
<br />
Sie kamen gut voran, auch wenn er bald wieder langsamer wurde, doch jetzt trieb er sich weiter, zeigte ruhig, dass ihm die Seite wehtat und endlastete sie inzwischen auch offensichtlich.<br />
Zweimal atmete er jetzt vorsichtig durch, ehe er ihre Hand nahm und sich auf das Plateau wuchtete.<br />
Oben angekommen kämpfte er sich zunächst, mit ihrer Hilfe, auf die Füße und nahm sich erneut Zeit zum durchatmen. Als der Schmerz dann ein wenig nachgelassen hatte, meinte er:<br />
<br />
<i>"Wenn sie einverstanden und nicht vom falschen Stamm sind, dann werden sie meine Nachricht, mit Glück, recht schnell zu meiner Cano'eyba bringen, oder an Andere weitergeben, damit meine Tochter weiß, dass ich noch lebe. Einen Brief kann ich nicht schicken, das würde womöglich viel zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken."</I><br />
<br />
Seine Seite zwang ihn zu einer Pause. Fahrig wischte er sich den Schweiß von der Stirn.<br />
Ein Teil von ihm sträubte sich, weiterzureden, ihr auch das Andere zu erklären, doch er hatte es bereits angedeutet und er würde, ihr gegenüber, sein Wort, auf jeden Fall, halten. Also setzte er seine Antwort kurzatmig fort:<br />
<br />
<i>"Ansonsten hoffe ich, dass ich etwas dabeihabe, was ich gegen Mohnsamen, Kokablätter und Kalk eintauschen kann."</i><br />
<br />
Er straffte sich etwas, holte noch einmal vorsichtig Luft und setzte sich dann, über den Felsen, wieder in Bewegung.</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie die Anstrengungen Enriques, der sich zum ersten Mal, seitdem sie ihn kannte, erlaubte seinen Schmerz nach außen zu tragen. Zwar hatte er ihr früher bereits verbal mitgeteilt, wie es ihm ging, sobald sie unter sich waren. Doch das hatte lediglich nur sanft an der Oberfläche der Realität gekratzt, wie ihr schnell klar geworden war. Gestört hatte es sie allerdings nie. Aus diversen Gründen. Jetzt allerdings erfüllte es sie für einen kurzen Augenblick mit einer seltsamen Mischung aus Stolz, Dankbarkeit und Missmut. Stolz darauf, dass er endlich begriffen hatte nichts vor ihr verbergen zu müssen und missmütig darüber, ihn nicht früher damit konfrontiert zu haben. Nicht dass sie in der Lage gewesen wäre seine Schmerzen zu lindern, doch so fühlte sie sich noch mehr wie der stille Beobachter seiner Welt.<br />
Ihr Herz pulsierte kaum dass er die ersten Worte über seine Tochter verlor. Ein stetes Pochen, das Hitze in jeden Winkel ihres Körpers pumpte und einen Verständnis- und gleichsam liebevollen Ausdruck auf ihre Miene legte. Nun verstand sie endlich, wieso er es so verdammt eilig gehabt hatte. Zweifelte sogar an der Wahl ihres Weges und glaubte, dass sie womöglich im Wasser schneller voran gekommen wären. Doch für eine Umkehr war es bereits zu spät.<br />
<br />
<i>“Verstehe. Dann sehen wir wohl mal zu, dass wir dich schnell dorthin bekommen.“</I><br />
<br />
Es war mehr ein Murmeln, denn direkte Antwort. Ohnehin verstummte die Nordskov jäh mit skeptischem Blick als Enrique fortfuhr und sich mit dem Handrücken über die glänzende Stirn wischte.<br />
<br />
<i>“ Sind die Schmerzen so schlimm, dass du dich betäuben musst?“</I><br />
<br />
Bisher hatte sie ihn nie als die Art von Genussmenschen eingeschätzt. Womöglich lag sie damit falsch - und sie waren sich erneut in einem Punkt ihres Lebens verdammt ähnlich.</font> <br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihre Frage ließ ihn erneut stehenbleiben. Wie sollte er ihr das nun beantworten?<br />
Mit einem unterdrückten, schweren Seufzen drehte er sich zu ihr herum und sah sie an, noch immer unschlüssig, was er genau sagen wollte, als sein Körper die Antwort einfach übernahm:<br />
Gerade eben noch trat er sicher und aufrecht auf sie zu, als er kurz wegknickte und sich hastig am nächsten Felsen abfangen muste.<br />
Sofort richtete er sich verbissen wieder auf, verdrängte den Schmerz aus seinen Gedanken und lächelte spöttisch, doch allein sein Aufstöhnen musste ihr verraten haben, dass es noch immer schlimmer um ihn stand, als er zeigte.<br />
Auch wenn er, wann immer er konnte, jegliche Arbeit vermieden hatte, wo er seine Seite belasten musste, viel Ruhe hatte er nicht gefunden. Außerdem war die Prügelei mit Cornelis gerade mal vier Tage her.<br />
'¡Maldita! Ich hätte nicht darüber nachdenken dürfen, wie es mir geht.'<br />
Und dann jetzt:<br />
Sie hatten keine Zeit für einen Sonntagsspaziergang mit Kaffeeklatsch.<br />
Wütend auf sich selbst hob er ihr den Blick entgegen:<br />
<br />
<i>"Du hast dir wohl noch nie eine Rippe gebrochen oder geprellt wie?"</i>, fragte er süffisant. <i>„Dann sei froh. Denn wenn du es genau wissen willst: Ja."</i><br />
<br />
Stur sah er ihr weiter ins Gesicht, versteckte oder verstellte sich nicht, versuchte sachlich zu werden und schaffte das sogar halbwegs.<br />
<br />
<i>"Ich habe seitdem kaum ein Auge zugetan, auch weil die Schmerzen, nach einem anstrengenden Tag, mich kaum Schlaf finden lassen haben. Wenn ich nichts tue, dann ist es gut ertragbar aber sowie ich anfange, tiefer zu atmen, fängt es an zu schmerzen, und wenn ich dann auch noch arbeite, dann wird es richtig übel. Ich kann das Scheißteil halt nicht einfach stillhalten, weil ich dafür aufhören müsste zu atmen und ich kann es mir hier, genauso wie auf der Morgenwind, einfach nicht erlauben, in der Hängematte liegen zu bleiben, wenn es 'All Hands!' heißt. Jetzt, hier, wo die Sphinx im Hafen liegt, jetzt werde ich mich so lange und häufig wie möglich darein verkriechen oder mich irgendwo an Deck hinlegen, weil das jetzt jeder machen wird. Trotzdem wird das noch eine Weile so bleiben. Das sind, verflucht nochmal, Piraten, Skadi, und auch wenn die meisten ungewöhnlich nett zu sein scheinen, können wir es uns, bei den Ahnen, nicht erlauben, Schwäche zu zeigen."</i><br />
<br />
Eine schneidende Handbewegung unterstrich seine Worte.<br />
<br />
<i>"Dieser Aspen zum Beispiel ist ein gesuchter Mörder und ihm wäre es nur recht, wenn ich plötzlich über Bord fallen würde. Josiah hat mich nur deshalb noch nicht aus dem Weg geräumt, weil er einen Auftrag von mir angenommen hat. Das Geschwisterpaar, das dieses Schiff führt, ist unberechenbar, zumindest diese Talin. Die Navigatorin ist auch nicht besser.  Der Schutz der Capitáns endet genau hier, oder würde es, hätten wir die Carta nicht unterschrieben. Es sind gerade mal zwei Wochen, die wir auf diesem Schiff sind, und auch wenn es vielleicht bescheuert klingt, wir haben denen noch nicht im Ansatz bewiesen, auf welcher Seite wir stehen."</i><br />
<br />
Gequält sog er die Luft ein und senkte den Blick. Er durfte sich nicht so aufregen, das konnte er sich mit dieser Verletzung und nach solch einer Anstrengung einfach nicht erlauben.<br />
Deshalb würde er gar nicht erst davon anfangen, was es hier, auf Mîlui, alles zu beachten gelten würde.<br />
Er hatte diese Predigt auch gar nicht halten wollen, nein, die Worte waren einfach herausgesprudelt, waren, mit ihm, von Gedanken zu Gedanken gesprungen und hatten sich, trotz der Schmerzen, nicht aufhalten lassen.<br />
Und jetzt konnte er sie nicht unkommentiert stehen lassen, also rang er sich umgehend weitere ab und sah sie wieder an:<br />
<br />
<i>"Ich muss einsatzbereit sein, sollte es heiß auf heiß kommen und das bin ich gerade kaum. Der Mohn wird mir beim Einschlafen helfen und die Kokablätter dabei, gelegentlich anstrengende Arbeiten zu erledigen. Sonst werde ich nichts nehmen. Viel werde ich eh nicht von ihnen bekommen können, da sie ihr Lager nicht hier haben. Ich kann zwar auch noch ohne harte Arbeit erledigen, aber die Frage ist, wie lange."</i><br />
<br />
Aufgewühlt unterstrich er das Gesagte mit einer Handbewegung.<br />
<br />
<i>"Keine Sorge, ich weiß, worauf man beim Koka Kauen achten muss. Richtig angewendet schießt man sich damit nicht so ab, wie das die Süchtigen in den Straßen der Herzogtümer tun, dann machen die Blätter lediglich wach und lindern gleichzeitig die Schmerzen."</i><br />
<br />
Unwirsch und mit sich unzufrieden wollte er sich abstoßen.<br />
<br />
<i>"Und jetzt komm! Wir haben schon genug Zeit verloren."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F><i>“Du hast dir wohl noch nie eine Rippe gebrochen oder geprellt wie?“</i><br />
<br />
Sie ließ ihn in dem Glauben, wenngleich ihr ein bitterböses Lächeln auf die Lippen gerutscht war. Unwissenheit konnte so unfassbar schön und beflügelnd sein. Schließlich lag es kaum an ihm, diesen vermeintlichen Witz auf ihre Kosten ausgesprochen zu haben. Zumindest hoffte sie, dass es einer war. Andernfalls würde sie sich diesen Augenblick als hochnäsiges Gehabe für einen späteren Zeitpunkt merken. Und dann würde sie ihm auf jede erdenkliche Art klar machen, dass eine gebrochene Rippe das kleinste aller Übel war, denen sie in ihrer Kindheit begegnet war.<br />
Tief sog die Nordskov die schwüle Luft der beginnenden Mittagshitze ein und kämpfte stark gegen den ersten Impuls an, die Augen zu verdrehen. Sie hatte ihm eine simple Frage gestellt, auf die er schlicht mit einem Ja oder Nein hatte antworten können. Doch typisch Enrique platzte ein Schwall an Worten aus ihm heraus, der fast einer Moralpredigt glich.<br />
<br />
<i>“Ich wüsste nicht, wieso wir ihnen etwas beweisen sollten.“</i><br />
<br />
Sie sprach es so ruhig und gleichgültig aus, dass sich die dunkle Färbung ihrer Augen mit den leichten Schatten der Baumkronen verschmolz, die wie umherschwirrende Käfer über ihr Gesicht tanzten.<br />
<br />
<i>“Wir sind einer der Gründe, wieso sie es in einem Stück von diesem Schiff geschafft haben und glaub mal nicht, dass sie es nicht wüssten. Sie sind nicht dumm. Unser Glück ist es, dass wir ihnen, solange wir keinen Ärger machen, so ziemlich egal sind.“</I><br />
<br />
Zumindest war es genau das Bild, das sich innerhalb der letzten zwei Wochen in ihrem Brustkorb verfestigte.<br />
<br />
<i>“Und damit wir uns richtig verstehen… Enrique.“ </i><br />
Skadi sprach seinen Namen mit so viel Nachdruck aus, dass sie kaum mehr das Bild einer entspannten jungen Frau abgab.<br />
<br />
<i>“Ich weiß sehr wohl welcher Gefahr du ausgesetzt bist. Aber es enttäuscht mich ein wenig, dass dir immer noch nicht klar ist, wie ernst mir mein Versprechen ist. Vielleicht mag es an diesem Rotbart liegen, sehr wahrscheinlich sogar. Aber ich bin kaum jede Nacht wach, um fleißig Däumchen zu drehen.<br />
Wie dem auch sei…“</I><br />
<br />
Hatte Enrique das Gespräch beenden wollen, versenkte Skadi mit einem letzten Blick und einer beschleunigten Drehung die Sargnagel ihrer Unterhaltung. Sie hatten bereits genug Zeit für unnötige Ausschweifungen verschwendet.<br />
<br />
<i>“Du brauchst deine Schmerzmittel.“</i><br />
<br />
Und damit verschwand sie bereits ins nächste Dickicht.<br />
<br />
einige Minuten später<br />
<br />
Ein letzter Schritt und sie würden aus dem satten Grün heraus treten. Mitten auf den weißen Sandstrand, der sich vor ihnen wie das Himmelreich erstreckte. Leuchtend und befreiend. Doch es lag nicht an ihr zu entscheiden, wie sie sich der kleinen Gruppe am Ende ihres Weges näherten. Nur mit einem knappen Blick sahen die dunklen Augen der Jägerin über die Schulter zu Enrique zurück. Abwartend, was er wohl tun würde.</font><br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihr Gesichtsausdruck verriet ihm genug, um zu wissen, dass sie nur zu gut wusste wie sich eine gebrochene Rippe anfühlte. Und hätte sein Mund nicht beschlossen von Anderem zu sprechen, er hätte wohl kaum das "Was fragst du dann noch so dämlich?!?" zurückhalten können.<br />
So war es zu spät dafür, gerade weil es ihm erst später, als sie bereits wieder über Stock und Stein kraxelten, so richtig aufregte. Da, wo er bereits wieder kaum genug Luft zum Mithalten hatte.<br />
Doch zunächst verdrängte eine einzige Erwiderung alles Andere aus seinem Geist:<br />
"Ich wüsste nicht, wieso wir ihnen etwas beweisen sollten."<br />
Sie sagte das so unbeteiligt und so selbstsicher, dass ihn diese Selbstverständlichkeit völlig aus dem Konzept brachte.<br />
Es war, als würde dieser eine Satz immer und immer in seinem Kopf wiederholt werden, dahinter, wie ein Rauschen die Antwort all seiner Gedanken darauf gleichzeitig erklingen und dazwischen, recht undeutlich, Skadis weiteren Worte, denen er zu folgen suchte.<br />
<i>"... so ziemlich egal sind. ... welcher Gefahr du ausgesetzt bist. ... enttäuscht ... jede Nacht wach, ..."</i><br />
<br />
Ihrer Beider Momentum hatte sie vorwärts getragen, ihre Flinkheit die Jägerin aus seiner Sicht.<br />
Ja verstand sie denn nicht? Oder hatten sie in diesem Punkt so unterschiedliche Sichtweisen? Lag es daran, dass er Offizier und sie nur Sergeant gewesen war? Oder war sie schon immer mit dem zufrieden gewesen, was man ihr hinwarf, so lange es ausreichte, um ihre Ziele zu erreichen? Hinterfragte sie nicht, wie Andere sie sahen?<br />
<br />
Einen Augenblick war er stehen geblieben, nicht nur wegen der Schmerzen, sondern auch, weil ihn dieser Gedanke fragte, ob es denn wirklich wichtig wäre, was Andere von einem dächten? Zu mindest nicht, wenn man wusste, wer man war?<br />
Angst hatte ihn daraufhin befallen, weil er plötzlich das Gefühl hatte, keine Chance zu haben, mit dieser Frau mitzuhalten, weil er so lange ein Bild nach außen getragen hatte, dass er, wie schon bei seinen Gesprächen mit Cornelis, das Gefühl hatte, dass nichts mehr hinter der Maske von ihm geblieben war und dass das offensichtlich sein könnte.<br />
Dann hatte er an seine Tochter denken müssen, dass er vielleicht auch dort nur diese Maske gewesen war und sie ihn, sollte er sie jemals ablegen können, hassen würde.<br />
Wut war emporgekrochen und hatte von ihm Besitz ergriffen, die Angst vertreiben, den Hass auf den Verantwortlichen hervotgezerrt und ihn verwünschen lassen.<br />
Doch wie dem auch war, er hatte seinem Bruder versprochen, wieder er selbst zu werden und egal wie wenig von ihm noch da sein mochte, seine Liebe zu seiner Tochter war ein entscheidener Teil von ihm und sie ließ nicht zu, dass er sie im ungewiss lassen könnte.<br />
Er musste ihr mitteilen, dass er noch lebte und zu ihr zurückkehren würde.<br />
<br />
Das hatte ihn vorangetrieben, die Wut ihm Kraft verliehen und alles andere bei Seite wischen lassen.<br />
Unterwegs hatte er sich dann doch mit ihren Worten auseinandersetzen müssen und sich gefragt, ob er das Gefühl hatte, diesen Leuten etwas beweisen zu müssen und es kategorisch mit einem 'Nein!" von sich gewiesen, ohne jedoch seine innere Unruhe dadurch loszuwerden ...<br />
<br />
+++<br />
<br />
Sie waren am Ziel.<br />
Leise schob er sich an einen der Bäume, nutzte ihn als Stütze und Deckung zugleich. Seine Augen suchten nach Erkennungszeichen und fanden sie. Erleichtert wollte er sich an Skadi wenden, als ihn etwas irritierte.<br />
Sein Gesicht verfinsterte sich zunehmend, als er noch einmal die Szenerie genau musterte und fluchte stumm, ehe er sich tiefer zurück in das Dickicht gleiten ließ.<br />
Als sie ihm verwundert zurückfolgte und sich zu ihm kauerte, da atmete er mühsam tief durch. Dann sah er sie an und fragte:<br />
<br />
<i>"Was sagt dir die Tatsache, daß die Männer und Frauen da unten sich wie Ara'tayu kleiden, ihre Cano'eyba Ara'tayuzeichen trägt, ihre Körperbemalung allerdings, genau wie ihr Verhalten, Fehler aufweist? Ein Ara'tayu würde nämlich nie einen am Boden Liegenden schlagen, wie der große mit der üblen Narbe über Brust und Schulter es gerade getan hat."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Irgendetwas stimmte nicht. Enriques Brauen tanzten derart Limbo zu seinen Augen hinab, dass der dichte Schatten dazwischen noch finsterer wirkte. Leise und wortlos folgte sie ihm ein Stück weit ins Dickicht zurück. Hielt die braunen Seelenspiegel ruhig auf seiner Miene, solange sie seinen Worten lauschte. Prüfend wanderte der Blick zurück über den Strand hinweg, währen sie die Luft zwischen ihnen einsog und nur unter einem leichten Brummen freigab.<br />
<br />
<i>“Dass wir zu spät sind.“</i><br />
<br />
Eigentlich wirkte seine Frage vielmehr rhetorischer Natur, war sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch. Doch die Jägerin verstrickte sich sogleich in einem Konstrukt aus Möglichkeiten, die wie ein Hagelschauer auf ihren Verstand einprasselten.<br />
<br />
<i>“Hast du gesehen wer am Boden lag und wie viele Männer und Frauen dort sind?“</i><br />
<br />
Sie selbst war von knapp 8 Personen ausgegangen, hätte in der aufkeimenden Hektik jedoch nicht die Hand dafür ins Feuer legen können. Ob sie ihr Versteck für einen Angriff nutzen könnten? Sie allein mit vollkommener Sicherheit. Doch Enrique? Eher weniger, wenn sie die Schweißperlen auf seiner Stirn musterte. Für ihren Plan war er ohnehin nur als passiver Mitspieler vorgesehen - mit Pfeil und Bogen um ihre Schulter und einem derart dichten Urwald im Rücken war es beinahe wie eine ihrer unzähligen Prüfungen zu Hause. Und sie würde den Teufel tun jetzt den nicht vorhandenen Schwanz einzuziehen.</font> <br />
<br />
<font color=#4682B4>Ihre Antwort war nicht ganz das, was er erwartet hatte, aber sie traf es ziemlich genau.<br />
Seine Augen wanderten zum, von den Blättern verborgenen, Strand, als er sich die Szene wieder vor Augen rief.<br />
<br />
<i>"Es sind fünf beim Canoa:Zwei darin, ein Mann und eine Frau, damit beschäftigt die Sachen zu durchsuchen, ein Mann davor, der die beiden überwacht oder wer weiß was tut, daneben der mit der Narbe und der am Boden Liegende. Dazu mindestens vier weiter, oben am Strand, unter den beiden großen Palmen, einer direkt bei den beiden am Boden hockenden Frauen und die Wache bei den Felsen etwas näher bei uns. Sie stehen mit dem Rücken zu uns, trotzdem denke ich, dass eine davon eine Frau ist. Sie hat kurz was gesagt und in den Dschungel gedeutet. Ich schätze, es sind noch ein paar weitere hinter der restlichen Cano'eyba hinterher, der Rest bei ihrem Piragua', dass sie entweder hier oder in der nächsten Bucht versteckt haben dürften. Insgesamt werden es aber nicht mehr als elf sein.  Oder 22, falls du auch die angegriffene Cano'eyba zählst.  Letztere dürften Teieri sein. Zumindest wenn ich das bei den Frauen richtig gesehen habe und sie rote Korallenperlen tragen. Die wäre typisch für sie."</i><br />
<br />
Enrique knurrte, seine Hände balllten sich zu Fäusten und er schloss die Augen.<br />
Das durfte nicht wahr sein!<br />
<br />
<i>"Die Angreifer sind dann sehr wahrscheinlich Ara'ke'ni auf Kriegszug, und die Frauen ihre Beute."</i><br />
<br />
Skadi hatte die Wilden an der Böschung zum Wald nicht gesehen, dafür meinte sie allerdings zwei weitere, liegende Person entdeckt zu haben, eine hinter dem großen Kanu und die andere davor, fast gänzlich vom Wasser verborgen. Und vielleicht war, bei dem Szenario, das Enrique da gerade entwarf, der Schatten, hinter dem Felsen in der Brandung, doch kein Treibgut ...</font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Noch während er sprach, ließ sich die Nordskov in die Hocke sinken und begann mit einem Finger die Szenerie vor sich auf den Boden zu zeichnen. Ignorierte vorerst die Verwirrung, die seine zahlreichen, komisch klingenden Begriffe in ihrem Kopf freisetzten, um dann mit grübelnder Miene zu ihm aufzusehen.<br />
<br />
<i>“Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in den Dschungel locken lassen?“</i><br />
<br />
Zwar konnte es die Nordskov auf einen Versuch ankommen lassen und zumindest ein oder zwei aus der Ferne außer Gefecht setzen. Doch sie würde nur unnötige Munition verschießen, wenn sich die Käfer nicht in ihr Spinnennetz verirrten. Auf Enrique zählte sie in diesem Szenario nicht. Mit seiner Rippe war er ihr nur eine Last.<br />
<br />
<i>“Wir haben nur einen Versuch, um diese… Teieri… zu retten. Sofern du das überhaupt willst.“</i><br />
<br />
Das war schließlich auch noch mit einem Fragezeichen offen geblieben. Mochte sein, dass Enrique wenig begeistert wirkte. Doch das konnte auch der Tatsache geschuldet sein, dass er nicht das vorfand, was er sich erhofft hatte.<br />
<br />
<i>“Ich bin zwar schnell und wendig… und mindestens zwei kann ich über den Haufen schießen, bevor sie sich verkriechen können. Aber danach wird’s nen Wettlauf gegen die Zeit.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#4682B4><i>"So lange sie nicht wissen, dass sie alle Teieri erwischt haben, vermutlich recht groß. Wenn du dich als schwache Frau zeigst, noch größer, denn wenn ich das richtig sehe, sind sie auf Frauenfang. Kinder und Handwerker würden sie wahrscheinlich auch zu greifen versuchen, ich habe aber nichts hier, um letzteres zu mimen. Wenn dann bekomme ich eher den verwundeten Krieger hin. Dem werden sie dann versuchen den Gar auszumachen, was sich als schwieriger herausstellen würde, als sie glauben."</i><br />
<br />
Enrique grinste frostig und enthüllte die verborgene Pistole direkt hinter dem Säbel. Seine ganze Haltung drückte aus, dass er diese Situation nicht so lassen würde, wie sie war, und das er sich wohl auch nicht bei direkter Anweisung aus einem Kampf heraushalten würde. Das hier war nämlich längst persönlich geworden.<br />
<br />
<i>"Ich würde sie über zwei potentielle Opfer in zwei verschiedenen Richtungen locken und dann einen Bogen zu einem Treffpunkt schlagen. Hier zum Beispiel."</i><br />
<br />
Während er sprach ergänzte er einige Kleinigkeiten bei ihrer Szenerie, nachdem er herausgefunden hatte, was wofür stand.<br />
Darunter war auch zwei Felsenspitze, eine fast am anderen Ende der Bucht, die andere etwa auf zwei Drittel der Strecke, die den Dschungel etwas überragten und sich recht nah am Strand befanden. Da sie das Terrain nicht näher kannten, blieben ihnen nur solche Landmarken.<br />
<br />
<i>"Ab da müssen wir wahrscheinlich eh schon improvisieren. Falls du lieber Rückendeckung haben willst oder einen anderen Plan hast, lass ihn hören."</i></font><br />
<br />
<font color=#BC8F8F>Eine Augenbraue schnellte hinauf, fast tadelnd, weil sie nicht wirklich davon ausging, dass Enrique ernsthaft dachte, dass er mit einer Pistole weit käme. Außerdem war sie sich nicht sicher, dass er über Stock und Stein davon hechten konnte, wenn es brenzlig wurde. Aber es war wohl zu spät um ihn eines Besseren belehren zu wollen, oder? Mit einem schweren Seufzen erhob sie sich letztlich und stellte den Köcher neben ihrem Bogen im Sand ab. Zog den Verschluss ihres Wams auf und schob sich den dunklen Stoff ihrer Bluse bereits über die Schulter.<br />
<br />
<i>“Ich kümmere mich um die Vier am Schiff. Du versteckst auf dem Weg zum Treffpunkt meinen Bogen im Wald.“ </i><br />
<br />
Ruckartig zog die Nordskov ihr Knie in die Höhe und schob Zeige- und Mittelfinger unter den Bund ihres Stiefels. Zog einen kleinen schimmernden Dolch aus der dort versteckten Scheide und verstaute ihn vorsichtig unterhalb der Bluse zwischen ihren Brüsten. Betont langsam sank ihr Fuß zurück auf den Boden, während sie ihren Oberkörper leicht drehte, um die Position des Dolches an ihrem Körper zu testen. Dann schnaubte sie.<br />
<br />
<i>“Meinst du ich geh so als schwach und wehrlos durch?“</i></font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Where do We go?]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1045</link>
			<pubDate>Wed, 08 Dec 2021 15:37:05 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=2">Lucien Dravean</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=1045</guid>
			<description><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">Where do We go?</font><br><font style="font-size: 11px;">Talin<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">30. März 1822 | Vormittags | Handelsviertel von Mîlui</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color="#458B74">Dafür, dass die <i>Sphinx</i> ein bemerkenswert kleines Schiff war, hatte es erstaunlich lange gedauert, bis er seine Schwester fand. Am Anfang seiner Suche war er dabei fast hektisch geworden. Immerhin wollte er die anderen nicht ewig warten lassen, während sie das Beiboot bereit machten. Doch als er Talin schließlich fand, konnte er sich den kleinen Moment ungläubiger Belustigung nicht verwehren. <br />
Sie arbeitete in der Kombüse. Ganz in die Zubereitung einer frischen Kanne Kaffee vertieft, musste sie sein Kommen über die Geräusche des Schiffes hinweg wohl überhört haben. Denn als Lucien sich mit einem kleinen Schmunzeln um die Mundwinkel mit der Schulter gegen einen der Stützpfeiler lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte, wandte sie sich nicht zu ihm um. Also gönnte er sich die paar Augenblicke, ihr dabei zuzusehen, und fragte sich gleichzeitig, warum er nicht gleich hier nach ihr gesehen hatte. Der Kaffeeverbrauch, den sie an den Tag legte, war ihm in der kurzen Zeit schließlich nicht entgangen.<br />
Es mochte nicht so ganz in das Bild passen, das er von seiner kleinen Schwester hatte, doch er nahm diese neue Angewohnheit gutmütig hin. Auf geradezu kindlich niedliche Art machte es sie irgendwie charmant. Kostspielig zwar, aber charmant. „<i>Na? Verbrauchst du den restlichen Kaffee, damit du neuen kaufen kannst?</i>“ Er durchbrach die Stille letztlich nur, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, auch wenn er nichts dagegen gehabt hätte, ihr noch ein paar Augenblicke lang zuzusehen. Vielleicht, bis sie ihn von selbst bemerkte. Doch ein Teil von ihm dachte nach wie vor an das Beiboot, das auf sie wartete. „<i>Ein paar der anderen setzten an Land über. Hast du Lust, mich in die Stadt zu begleiten?</i>“</font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Das eintönige und mahlende Geräusch der Kaffeemühle in ihrer Hand füllte die Stille der Kombüse. Talin überraschte es, einmal vollkommen allein hier zu sein, aber Rayon meinte nur, er vertraue ihr so weit, dass sie nicht ans Essen gehen würde, nur an ihren heißgeliebten Kaffee und damit war er verschwunden. Nun stand sie an der Kochstelle und mahlte gedankenverloren die Bohnen, sodass der intensive Geruch die Luft füllte. Zufrieden schloss sie die Augen und atmete ganz tief ein. Das Aroma versetzte sie in eine Zeit zurück, in der sie den Geschmack des Getränkes noch nicht zu würdigen wusste, als sie beim allerersten Mal das Gesicht angewidert verzogen hatte. Erst als sie aufgrund von Alpträumen kaum eine Nacht hatte durchschlafen können, hatte sie Gefallen an dem dunklen Gebräu gefunden und es einfach weiter getrunken.<br />
Mit einem leichten Lächeln öffnete sie wieder die Augen, als sie hörte, wie die letzte Bohne gemahlen wurde und sah hinab auf ihr leise kochendes Wasser. Flink stellte sie die Mühle ab und nahm im gleichen Atemzug einen Becher, in den sie das Pulver füllte. Als sie sich leise summend, schwungvoll umdrehen wollte, um das Wasser zu holen, zuckte sie erschrocken bei Luciens Stimme zusammen. Sie legte sich eine Hand auf die Brust und blieb ihm zugewandt stehen. „<i>Erschrick mich doch nicht so</i>“, meinte sie grummelig und blickte einen Moment finster drein, bevor sie ihre Tätigkeit schließlich beendete und Wasser auf das Kaffeepulver goss. Nochmals sah sie – diesmal sanfter – zu ihrem Bruder hin und überlegte, wie lange er ihr wohl schon zugesehen, bevor er etwas gesagt hatte. Es hätte ihr fast peinlich sein können, also nahm sie nur schweigend ihre Tasse in beide Hände, während sie ihre Gedanken seiner Frage zu wandte. Lange überlegen musste sie nicht, denn sie wusste, was sie antworten würde.  „<i>Anscheinend brauche ich Kaffee, also würde ich mit in die Stadt kommen. Was brauchst du?</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#458B74">Das Lächeln auf seinen Lippen vertiefte sich ein wenig. Er hatte nicht vorgehabt, sie zu erschrecken – aber er wäre auch kein guter großer Bruder gewesen, wenn er das nicht ein kleines Stück weit genossen hätte. Selbst die Tatsache, dass sie dabei ein ganz kleines bisschen grummelig klang. <br />
Talin drehte ihm erneut den Rücken zu, goss sich eine Tasse Kaffee auf und der intensive Geruch erfüllte die gesamte Kombüse, quoll in jede Ritze und verdrängte den Geruch von Salzwasser, Algen und Essen. Wie von selbst atmete Lucien tief ein, genoss diese kleine Abwechslung in den Lungen sichtlich, schwieg aber noch und beobachtete mit aller Seelenruhe seine Schwester, bis sie sich endlich gänzlich zu ihm umwandte und seine Frage zurück gab. Der Dunkelhaarige stieß sich leicht von seiner Stütze ab, löste die verschränkten Arme und deutete mit einer ausladenden Geste auf – alles von sich. „<i>Ich könnte mal eigene Kleidung gebrauchen, meinst du nicht?</i>“ <br />
<br />
<center>***</center></font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Die Stadt war erfüllt von Geschrei, fröhlichem Lachen und einer ausgelassenen Stimmung, obwohl alle ihrer Arbeit nachgingen. Das Frühlingsfest musste vorbereitet werden und die Aufregung auf die Feierlichkeiten war fast mit Händen zu greifen. Talin sog diese Stimmung förmlich in sich auf und die düsteren Gedanken und Gefühle, die sie auf dem Schiff noch beschäftigt hatten, verflogen. Sie nahm Lucien bei der Hand und zog ihn mit sich durch das Gedränge. „<i>Wir sollten dir zuerst was zum Anziehen suchen. Willst du was bestimmtes?</i>“</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Das Frühlingsfest stand bevor. An jeder Ecke konnte man es sehen. Er hatte es vergessen. Genau genommen hatte er noch immer kein Gefühl dafür, wie die Tage vergingen. Dass der März sich dem Ende neigte und der April bevor stand. Erst jetzt erinnerte ihn der Trubel in der Stadt an das, was unmittelbar bevor stand. <br />
Im ersten Moment musste Talin ihn mit sich ziehen und Lucien bewegte sich nur deshalb vorwärts, weil sie nicht locker ließ. Ein Teil von ihm reagierte sogar mit derart großem Widerwillen auf diese Massen an Menschen, dass er sich beinahe – einem ersten Impuls folgend – gesträubt hätte. Doch dann gewann sein Verstand und nach einigen wenigen Herzschlägen passte er sich Talins Tempo an, beschleunigte seine Schritte sogar, sodass die Spannung, die auf ihren Armen lag, nachließ und er zu seiner Schwester aufschloss. Selbstverständlich erst, nachdem er sich mit einem missbilligenden Blick seitlich zwischen einer Gruppe Hausfrauen hindurch gequetscht hatte, die den halben Weg vor einem kleinen Stand blockierten. „<i>Vor allem will ich aus diesen Menschenmassen raus.</i>“, knurrte Lucien schließlich leise als Erwiderung auf Talins Frage – obwohl er wusste, dass sie das nicht meinte. <br />
Sie passierten einen weiteren Stand mit geräumiger Auslage, auf der Obst in jeder Form und Größe zu riesigen Bergen aufgestapelt worden war. Auch hier drängten sich Menschen, überwiegend Bedienstete, und als sie sich an diesen vorbei schoben, griff der Dunkelhaarige kurzerhand nach einem der großen, blutroten Granatäpfel, die unbeaufsichtigt auf einem Karren neben dem Stand lagen. „<i>Leihst du mir dein Messer?</i>“, wandte er sich an seine Schwester und hielt demonstrativ den Granatapfel in die Höhe, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. „<i>Lass uns jemanden fragen, wo es einen passablen Schneider gibt. Ich schätze, ich brauche einmal alles.</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Als er zu ihr aufschloss, sah sie seinen finsteren Blick und musste sowohl darüber, als auch über seine Worte lachen. Während er die Menschenmassen hasste, liebte sie diesen Trubel. Die bösen Blicke von anderen nahm sie gar nicht wahr, denn es interessierte sie einfach nicht. Sie mochte die geschäftige und geschwätzige Atmosphäre auf Märkten, die Geräusche von lauten Händlern, die versuchten einander zu übertönen und meistens mochte sie auch die Gerüche, obwohl sie gewöhnungsbedürftig waren. Und diese hektische, aufgeregte Betriebsamkeit für das Fest, machte sie einfach glücklich. Anscheinend das völlige Gegenteil von dem was Lucien empfand. <br />
Als sie das nächste Mal zu ihm sah, hatte er auf einmal einen Granatapfel in der Hand. Kurz stutzte Talin, bevor sie mit einem kleinen Seufzer nach ihrem Messer griff und es ihm hinhielt. Allerdings konnte sie sich einen Kommentar nicht verkneifen. „<i>Gut zu wissen, dass ich nicht die einzige mit einer Sucht bin.</i>“ Und schweren Herzens dachte sie an den Becher Kaffee, den sie zurücklassen musste. Hätte sie ihn mitgenommen, hätte sie den Inhalt mehr auf sich und die anderen im Beiboot verschüttet, als etwas davon zu trinken.<br />
Talin riss sich aus ihren wehleidigen Gedanken und sah sich noch einmal um, bevor sie Luciens Hand losließ und auf eine Gruppe von mittelständischen Damen zu hielt, die sie naserümpfend musterten. „<i>Entschuldigt bitte, aber mein Bruder und ich suchen einen anständigen Schneider, könnt Ihr mir sagen, wo wir so einen finden.</i>“ Wie von selbst hatte sie ihr zuckersüßestes Lächeln aufgesetzt und sah die Frauen wie ein kleiner Engel an. Obwohl diese ihre Kleidung immer noch skeptisch anschauten, hob eine von ihnen die Hand und deutete auf eine größere Gasse. „<i>Geht dort entlang, meine Liebe. Dann einmal nach links und dann noch einmal. Dort befindet sich die Schneiderei von Chiaro. Er ist ein wenig exentrisch, aber sehr gut und kostengünstig. Sagt ihm, Danni hat euch geschickt, dann macht er euch ein gutes Angebot.</i>“ Die Ältere lächelte freundlich, wodurch sich kleine Lachfältchen um ihre braunen Augen bildeten. Talin konnte nicht anders, als das ihr eigenes Lächeln ein klein wenig erwärmte. „<i>Ich danke Euch sehr. Einen schönen Tag noch!</i>“ Damit drehte sie sich zu Lucien um und bedeutete ihm mit einem Blick, wohin sie gehen würden.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Ein kleines, amüsiertes Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel, als er Talins Blick bemerkte und er das dargebotene Messer entgegen nahm. „<i>Das ist keine Sucht. Es ist eine Notwendigkeit!</i>“ Ihm war klar, dass sie das gleiche über ihren Kaffeekonsum behaupten würde und vollkommen widersprechen konnte er dem Vergleich wahrscheinlich nicht. Sein Verlangen nach der süß-herben roten Frucht in seiner Hand konnte mit dem ihren nach dem schwarzen Gebräu vermutlich locker mithalten. „<i>Außerdem war die Gelegenheit günstig</i>“, fügte der 21-Jährige deshalb an, als ob das irgendetwas gerechtfertigt hätte. Sanfte Belustigung lag dabei in seiner Stimme. <br />
Aber sie waren nicht zum Essen in die Stadt gekommen – ausnahmsweise mal. Daran erinnerte ihn seine Schwester in diesem Moment. Lucien blieb stehen, als sie seine Hand los ließ, folgte ihrem Blick und entdeckte die Gruppe Damen, auf die Talin nun zusteuerte. Er selbst blieb jedoch, wo er war und machte sich daran, den Granatapfel zu zerteilen, während sie ihre Erkundigungen einholte. Routiniert nahm er das Messer in die Linke und schnitt einen Kreis um den großen Strunk herum. Fast sofort lief ihm der dunkelrote Saft der kleinen, zerteilten Kerne über die Finger. Doch er störte sich nicht daran, ließ das runde Stück Schale achtlos auf den Boden fallen und hob kurz den Blick, um zu sehen, wie weit seine Schwester war. <br />
Sie verabschiedete sich gerade mit einem herzlichen Lächeln und wandte sich bereits herum, um zu ihm zurück zu kehren. Als sie ihn erreichte, hielt er ihr ein Stück des geachtelten Granatapfels entgegen und lächelte sanft. „<i>Und? Konnten sie uns jemanden empfehlen?</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Sie spürte noch den Blick der Frauen in ihrem Rücken, wusste, sie würden sie den Mund zerreißen, sobald sie vollkommen außer Hörweite war. Wie konnte so ein junges, unverheiratetes Ding so einen tiefen Ausschnitt tragen? War sie nicht doch eher eine Dirne? Und der Mann bei ihr, nicht ihr Bruder, sondern ein Liebhaber. Auf Kitar waren ihre solche Unterstellungen immer wieder über den Weg gelaufen. Anfangs hatte sie es sich vielleicht noch etwas zu Herzen genommen, aber sehr schnell gemerkt, dass es vollkommen egal war, was andere Menschen dachten. Genau wie in ihrer Kindheit. Sie hatte nur wieder lernen müssen, die Menschen so zu nehmen, wie sie waren. <br />
Deshalb hatte Talin die Damen auch schon wieder vergessen, als sie bei Lucien ankam und die dargebotene Frucht sah. Ihr Blick fiel auf seine andere Hand und sie rümpfte ein wenig die Nase, als sie den Saft sah. Dennoch nahm sie das angebotene Stück mit einem leichten Lächeln und einem leichten Herzschlag entgegen. Es gab wirklich wichtigere Dinge, über die sie nachdenken musste, als über das Gerede von gelangweilten Ehefrauen. <br />
„<i>Natürlich konnten sie das. Vermutlich hoffen sie darauf, ich würde mir züchtigere Kleidung kaufen.</i>“ Sie schnaubte leise, während sie ein paar Kerne des Granatapfels in ihren Mund verschwinden ließ. Als sie auf die kleinen Früchte biss, verzog sich kurz ihr Gesicht bei dem säuerlichen Geschmack. „<i>Aber vielleicht sollte ich wirklich mal nach etwas neuem gucken.</i>“ Wie von selbst hakte sie sich bei ihm unter und dirigierte ihn leicht in die Richtung, in die die Frau gedeutet hatte. „<i>Du solltest dir aber vorher die Hände waschen, wenn du Kleidung willst. Ich glaube nicht, dass dich irgendein Schneider seine Ware anfassen lässt, wenn du Blutflecken hinterlässt</i>“, meinte sie mit reichlicher Belustigung in der Stimme.</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien entging der kritische Blick seiner Schwester nicht, mit dem sie seine saftbeschmierten Finger bedachte, tat allerdings so, als bemerke er ihn nicht. Sie nahm das Granatapfelstück entgegen und er brach ein weiteres Achtel heraus, aus dem er nur noch mit den Zähnen die Kerne heraus knabberte. Ein Stück der unangenehm bitteren weißen Haut verirrte sich dabei in seinen Mund, das er jedoch gewohnheitsmäßig zur Seite ausspuckte, als wäre nichts gewesen. Dann huschten die tiefgrünen Augen mit einem vergnügten Ausdruck zurück zu seiner Schwester. „<i>Haben wir denn überhaupt genug Gold dabei? Oder planst du, den Schneider auszurauben?</i>“ <br />
Gelassen nahm er hin, dass sie sich bei ihm einhakte und überließ ihr die Führung. An die Frauengruppe, die sie nach dem Weg gefragt hatte, dachte er schon nicht mehr. Nicht einmal mehr, als sie an ihnen vorbei gingen und das leise Getuschel ihnen folgte. <br />
Auf Talins leisen Tadel hin hob der Dunkelhaarige nur eine Augenbraue, warf ihr einen gespielt skeptischen Seitenblick zu und steckte sich, nachdem er sein Granatapfelstück restlos entkernt und die übrige Schale entsorgt hatte, die beschmierten Finger einen nach dem anderen in den Mund. „<i>So besser?</i>“, fragte er zwischendrin und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Talin beobachtete Lucien aus dem Augenwinkel, bis er die Hand hob und sich jeden Finger einzeln in den Mund schob. Ungläubig sah sie ihn erst an, bevor sie laut lachte, was ihr ein paar pikierte Blicke einbrachte. Wieso nur durfte ein Mensch nichts auf der Straße tun? Er durfte nicht tragen, was er wollte, nicht so laut lachen, wie er mochte. Immer gab es Regeln, die der Rest der Gesellschaft einem aufzwang. Und da wunderten sich alle, warum sie lieber frei auf dem Meer lebte. Ts. <br />
Sie konzentrierte sich wieder auf Lucien und seine Finger. Am liebsten wäre sie ihrem ersten Impuls gefolgt, um ihn ein bisschen zu ärgern, aber sie widerstand dem Drang. Stattdessen sah sie von seiner Hand wieder auf in sein Gesicht. „<i>Ja, natürlich. Das ist viiieeeel besser.</i>“ Sie schüttelte belustigt den Kopf, als sie ihn um eine Ecke führte, die zu einem kleinen Platz führte. Und als hätte jemand ihren Wunsch erhört, sprudelte da ein kleiner Brunnen glücklich vor sich hin. <br />
„<i>Auch wenn es viel besser ist, glaube ich, dass Wasser noch ein bisschen mehr hilft.</i>“ Sie fummelte ein Tuch aus ihrem Rockbund und hielt es ihm auffordernd hin. „<i>Und um deine frage von vorhin noch zu beantworten: Ich dachte mir, wir machen es davon abhängig, wie nett der Herr zu uns ist. Ich habe Gold bei, aber auch keine Skrupel es zu behalten.</i>“ Dem hinterher schickte sie ein engelsgleiches Lächeln. „<i>Oder willst du den Armen gleich ausnehmen?</i>" </font><br />
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<font color="#458B74">Ihr ungläubiges Gesicht, dicht gefolgt von dem kindlich amüsierten Lachen entlockte dem Dunkelhaarigen ein freches Grinsen. Da war es ja, das Mädchen, das er am Kai zurückgelassen hatte. Das Mädchen, das er so furchtbar vermisste. Selbst ihre belustigte Antwort erinnerte ihn mehr denn je an die kleine Schwester, die sie einmal gewesen war. Ts. <br />
Sie konnte froh sein, dass er sie nicht wie früher mit den Kernen bespuckte. Schließlich, als sie den kleinen Platz betraten und die tiefgrünen Augen Talins Blick zu einem kleinen Brunnen folgten, seufzte er gespielt enttäuscht. „<i>Spielverderber!</i>“ <br />
Doch der 21-Jährige trat gehorsam an das Becken heran, ließ den übrig gebliebenen halben Granatapfel auf dem Rand liegen und tauchte die Hände in das Kühle Nass. „<i>Hm, mir gefällt dein Plan. Wahrscheinlich ist es schlauer, nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.</i>“ Er wusch sich die Hände gründlich, bevor er das angebotene Tuch entgegen nahm und sich abtrocknete. Sein Blick huschte derweil zurück zu seiner Schwester. „<i>Also, wo soll dieser Schneider jetzt sein?</i>“ </font><br />
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<font color="#66CDAA">Abwartend und immer noch mit einem Schmunzeln auf den Lippen hielt sie ihm das Tuch hin, während sie auf den halben Granatapfel hinabsah, den er so achtlos auf den Brunnenrand gelegt hatte. Nachdem er das Tuch genommen hatte, nahm sie wie zufällig die Frucht an sich, während sie sich einmal auf dem Platz umsah. „<i>Freut mich, dass er dir gefällt. Im Moment sollten wir so wenig Aufmerksamkeit auf uns ziehen, wie möglich. Und deshalb</i>“, sie hielt den Granatapfel hoch, „<i>ist der beschlagnahmt. Nicht, dass du noch auf Ideen kommst.</i>“ <br />
Unschuldig grinste sie ihn an und deutete zeitgleich auf ein Gebäude hinter ihm. „<i>Das da sollte er sein. Bitte. Nach dir.</i>“ Sie stubste ihn leicht an der Schulter, damit er sich zu einem Gebäude mit knallroter Fassade umdrehte. Dunkelgrüne Markisen spendeten Schatten vor der Eingangstür, aus der gerade ein junges Ehepaar mit drei Tüten trat. <br />
„<i>Vielleicht müssen wir doch ein wenig tricksen. Scheint so, als würde es unser Limit übersteigen, wenn wir dich neu einkleiden wollen.</i>“ </font><br />
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<font color="#458B74">In den tiefgrünen Augen zeigte sich ein sanft-spöttisches Funkeln. „<i>Und wie, glaubst du, hetzt uns ein Granatapfel die Marine auf den Hals?</i>“ Seine Tonlage machte deutlich, dass diese Frage eher rhetorischer Natur war. Eher vermutete er, dass sie die süß-saure Frucht für sich selbst behalten wollte. Lucien erwartete also keine Antwort, warf stattdessen einen Blick über die Schulter und bemerkte wie auch seine Schwester das Pärchen, das voll bepackt den Laden verließ. <br />
Er stieß ein leises Schnauben aus. „<i>Ich werd versuchen, mich zurück zu halten. Also los..</i>“ Damit reichte er seiner Schwester ihr Tuch zurück, hielt ihr schließlich wieder den Ellenbogen hin, damit sie sich einhaken konnte und wartete, bis sie so weit war. Dann setzte er sich wieder in Bewegung und steuerte das knallrote Gebäude an. „<i>Wie hoch genau ist denn überhaupt unser Limit?</i>“</font><br />
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<font color="#66CDAA">Ihr Blick wanderte für einen Moment von ihm zum Granatapfel und dann mit einem zweifelnden Ausdruck in den Augen wieder zu ihm. Es war, als könnte sie seine Gedanken lesen, aber sie wollte die Frucht nur zur Hälfte für sich allein. Sie hatte viel mehr Angst dass er, weil er Lust darauf hatte, mitten im Laden mit den Kernen um sich warf und der Besitzer ihnen vor Wut die Stadtwache auf den Hals hetzte. Schneider waren mit ihrer Ware immer so empfindlich und wenn ihnen ein beliebtes Geschäft in der Stadt gehörte, erst recht. Aber sie teilte Lucien ihre Meinung nicht mit, sondern nahm nur mit einem leicht belustigten Kopfschütteln ihr Tuch zurück und hackte sich bei ihm ein. <br />
„<i>Ich dachte auch nicht, dass du jetzt den ganzen Laden aufkaufen willst.</i>“ Sie verlangsamte ihrer beide Schritte etwas, in dem sie ihn am Arm zurückhielt. Sie wollte nicht im Laden mit ihm besprechen, wie ihre finanzielle Lage aussah. „<i>Einiges an Geld war für die Reparatur der Sphinx. Dann deine vergnüglichen Stunden im Freudenhaus – was ich dir wirklich nicht verübeln kann, die Mädchen dort sind sehr gut. Sagen wir unser Limit befindet sich einiges unter 50 Achter. Aber vielleicht ist die Kleidung hier ja billig.</i>“ <br />
Sie schaute selbst zweifelnd drein, auch wenn die Damen vorhin meinten, dieser Laden wäre der beste. Vor der Tür blieb sie stehen, weil sie erneut aufging und zwei munter schwatzende Mädchen herauskamen, die Talin und Lucien ansahen und dann mit einem mädchenhaften Kichern ihrer Wege zogen. Die Blonde schüttelte den Kopf und hielt die Tür auf. „<i>Wollen wir, liebster Lucien?</i>“ Sie grinste frech.</font><br />
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<font color="#458B74">Als Talin spürbar langsamer wurde, passte er sich mit einem verwunderten Blick zu ihr hinüber automatisch dem Tempo an. Er verstand jedoch schnell, was sie dazu bewogen hatte und der Ausdruck wich gelassener Belustigung. „<i>Ich würde dir wirklich gern versichern, dass das nie wieder passiert, aber...</i>“ <br />
Seine Gedanken huschten viel zu schnell zu eben jenen Mädchen zurück, von denen sie sprach und Talin kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er dieses Versprechen nie und nimmer ernst meinen würde. Sie nahm es ihm jedoch auch nicht übel, das war kaum zu überhören. Eins der wenigen, positiven Dinge, die er ihrer Zeit im Freudenhaus der Tarlenn abgewinnen konnte, war ihr geradezu schwesterliches Verständnis für die Frauen, die dort arbeiteten. Das war eine Eigenschaft, die ihm an ihr ausgesprochen gut gefiel. Und um sich dafür erkenntlich zu zeigen, würde er sie zumindest jetzt nicht arm machen. <br />
„<i>Mehr als zwei Hemden und Hosen werde ich für's Erste ohnehin nicht brauchen</i>“, versicherte er ihr gut gelaunt und wandte sich dem Gebäude zu, aus dem nun zwei junge Mädchen traten. Sie musterten die Geschwister neugierig, wandten sich dann kichernd ab und Luciens Blick folgte den beiden für einige Herzschläge, ehe Talins Stimme ihn zurück rief. Liebster Lucien... er verkniff sich ein Schnauben, warf ihr einen tadelnden Blick zu und trat einen halben Schritt vor, um ihr die Tür aufzuhalten. <br />
Eine Glocke ertönte irgendwo hinten im Laden, gedämpft von zahllosen Kleiderstangen voller Anzüge, Hemden, Westen und Kleidern, Korsagen, Strumpfhosen, Unterröcke und Krawatten für jeden erdenklichen Anlass. Jede freie Fläche schien mit neuer Garderobe behangen zu sein. Nur in einer Ecke, durch weitere Kleiderstangen vom Eingang abgeschirmt, stand ein gewaltiger, mannshoher Spiegel und ein Podest, auf dem an einem Kunden Maß genommen werden konnte. Ein wirklich seriös klingendes <font color="#000000">„<i>Ich bin gleich bei Ihnen.</i>“</font> erklang aus einem Durchgang in den hinteren Teil des Ladens, den Lucien bei der Menge an Stoff im ersten Moment gar nicht gesehen hatte.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Seinen tadelnden Blick kommentierte sie mit einem Luftkuss, als er ihr auch schon die Tür aufhielt. Als sie eintrat, erschlug sie das vorhandene Angebot förmlich. Egal wohin sie sah, Stoffe in allen möglichen Farben und Formen sprangen sie an und für einen Moment vergaß sie fast, aus welchem Grund sie hier waren. Einige der Kleider, Röcke und Blusen wollte sie unbedingt selbst anprobieren. Die Stimme, die sich von irgendwo zwischen den ganzen Stoffen meldete, brach den Bann. Talin beugte sich zu ihrem Bruder rüber, während sie warteten. „<i>Ich habe das Gefühl, du kommst hier nicht so einfach mit nur zwei Hemden und Hosen raus.</i>“<br />
Einen Herzschlag später kam auch schon hinter dem Podium ein etwas untersetzter Mann mit Halbglatze und dafür viel Schnauzer im Gesicht hervor. Sein Erscheinungsbild wirkte nicht besonders ansehnlich, aber seine Augen blickten sie herzlich und freundlich auch, auch wenn einen kurzen Moment Missfallen darin aufblitzte. Talin fühlte sich spontan in ihre Kindheit zurückversetzt und unterdrückte nur schwer das Bedürfnis, sich den Rock zu glätten und den Staub abzuschlagen. <font color="#000000">„<i>Wie kann ich Ihnen helfen?</i>“</font> fragte der Mann mit weicher Stimme, als er vor den beiden stehen blieb. <br />
„<i>Wir suchen neue Sachen für meinen Bruder hier.</i>“<br />
Der Schneider richtete seinen Blick auf Lucien, nahm jeden noch so kleinen Fehler in seinen Sachen auf und wieder schienen seine Augen etwas zu sagen wie: Wundert mich nicht. Um seinen Mund hingegen bildete sich ein kleines Lächeln, als zu Lucien auf ins Gesicht blickte. <font color="#000000">„<i>Was stellt Ihr euch denn vor? Wie ihr seht, habe ich eine Menge im Angebot.</i>“</font> Damit machte er eine allumfassende Geste in den Raum hinein.</font><br />
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<font color="#458B74">In einer Mischung aus Faszination und Unglauben wanderte Luciens Blick über das Angebot. Er war zu pragmatisch, um sich wirklich für Kleidung zu interessieren. Für die Wirkung verschiedener Stoffe und Accessoires, für den Umstand, ob etwas nur passte oder wirklich maßgeschneidert war. Für Schnitte, Farben, Goldgarne und Silberknöpfe – gut, letzteres lohnte sich vielleicht einzustecken, aber sicher nicht zu kaufen und dann zu tragen. Doch allein die Masse an unterschiedlichen Kleidungsstücken hatte etwas Erschlagendes an sich. Warum genau... musste es so viel Auswahl überhaupt geben?<br />
Talins Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit auf sie zurück und er wollte gerade antworten, als der Ladenbesitzer aus den Unmengen an Stoff auftauchte und sie mit sanfter Stimme begrüßte. Seine Schwester übernahm es, ihm ihr Anliegen zu erklären – während Lucien sich unvermittelt dem kritischen Blick eines Schneiders ausgesetzt sah und für einen Sekundenbruchteil in das schuldbewusste Gewand eines kleinen Jungen zu rutschen schien, der wusste, dass er gerade beurteilt wurde und nicht besonders gut dabei abschnitt. Er schüttelte das Gefühl ab, schenkte dem alten Mann ein geradezu entschuldigendes Lächeln – erklärte sich jedoch nicht, sondern antwortete nur: „<i>Etwas Praktisches. Wir verbringen den Großteil unserer Zeit auf See, ich muss also darin arbeiten können. Hemden, die sich hochkrempeln lassen, Hosen aus robustem Stoff...</i>“ Der Dunkelhaarige warf seiner Schwester einen kurzen Blick zu, der zu fragen schien 'Was noch?'. Doch da nickte der Schneider bereits und winkte ihn zu sich, während er mit der anderen Hand auf einen hellen Vorhang etwas rechts hinter dem großen Spiegel wies. <font color="#000000">„<i>Das ist ein Anfang, ein Anfang... Bitte, seien Sie so gut und legen Ihre alte Kleidung ab. Ich bringe Ihnen gleich eine Hose, die Ihren Ansprüchen genügen sollte.</i>“</font> <br />
Lucien tat mit einem kleinen Zögern, wie ihm geheißen. Wobei ihm die Worte 'ein Anfang' wie die drohende Bestätigung für Talins Aussage erschienen. Sie würden hier nicht nur mit ein paar Hemden und Hosen raus gehen. Wieder, dieses Mal etwas skeptisch, huschte sein Blick zu seiner Schwester, bevor er den Vorhang zur Seite schob und in dem Separee dahinter verschwand, um das alte, schmuddelige Hemd und die ebenso verkommene Hose abzulegen.</font><br />
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<font color="#000000">Zielstrebig bahnte sich der Schneider einen Weg zu einem der Kleiderstangen und fuhr dabei in sanfter Tonlage fort: „<i>Ich habe bereits einige Stücke im Sinn, die ich dem jungen Mann gleich zur Anprobe reichen werde. Und wenn es Ihnen nichts ausmacht...</i>“, dabei sah er Talin über einige Hemdbügel hinweg an und lächelte herzlich, „.<i>..leihe ich mir auch das Auge der Dame für eine Einschätzung? Haben wir die passenden Stücke gefunden, nehme ich an dem Herrn Maß.</i>“</font><br />
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<font color="#66CDAA">Talin drehte sich mit einem Frosch im Hals von ihrem Bruder weg. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und räusperte sich wie verrückt, nur um nicht laut zu lachen. Wie Lucien sich vor den Blicken des Schneiders verhielt, war einfach zu komisch, fast schon niedlich. Als würde er sich für sein Aussehen schämen, obwohl es ihm nicht wichtig war. <br />
Schnell räusperte sie sich noch einmal, bevor sie sich wieder umdrehte und den Blicken ihres Bruders begegnete. Sie sah ihn an, lächelte und zuckte dann mit den Schultern. Was sollte sie schon für ihn tun? Er war als Opfer ausgewählt worden und darin musste er sich jetzt wohl oder übel fügen. Immer noch mit einem belustigten Schmunzeln auf den Lippen, lief Talin an einer Stange mit Kleidern entlang und ließ eine Hand über die Stoffe gleiten, während Lucien in das Separee ging, um sich auszuziehen. Die Stimme des Schneiders riss sie schließlich aus ihrer Trance. Mit einer Hand auf einem dunkel blauen Seidenstoff, deutete sie mit dem Zeigefinger ihrer anderen Hand auf sich selbst. „<i>Ich? Ich soll ihnen bei der Auswahl helfen?</i>“ <br />
Der Schneider nickte immer noch mit seinem herzlichen Lächeln und Talin zuckte ergeben mit den Schultern. Sie ließ den Seidenstoff los und kam zu ihm hinüber, um einige der Hemden anzuheben. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn sie an die Kleider aus Musselin und Seide auf der anderen Seite des Ladens dachte. Mit einem Schmunzeln zog sie ein dunkelgrünes Hemd heraus, was gut zu Luciens Augen passte und reichte sie dem Mann neben ihr. Mit einem Nicken bestätigte sie seine Auswahl. Es war faszinierend, wie präzise er das gefunden hatte, was ihr Bruder suchte. Sie war zumindest nicht mehr erstaunt, warum die Dame sie hierher geschickt hatte.<br />
Der Schneider nickte zufrieden und ging schwungvoll zu dem großen Spiegel hinüber. Über eine dort befestigte Stange, drapierte er die Kleidungsstücke, behielt aber ein Hemd und eine Hose in den Händen. Er ging zum Separee hinüber und blieb davor stehen.</font><br />
<br />
<font color="#000000">„<i>So, der Herr. Wir haben eine Auswahl getroffen</i>“, er zwinkerte Talin verschwörerisch zu, „<i>Probiert die bitte an, dann können wir Maßnehmen</i>“, meinte er und reicht durch den Vorhang die beiden Kleidungsstücke.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Ein Opfer, ganz genau. Das war der Eindruck, der sich still und heimlich in sein Unterbewusstsein schlich. Noch war zwar nichts passiert – aber irgendwie hatte Lucien das ungute Gefühl, dass er sich in wenigen Augenblicken als Versuchsobjekt auf einem Podest wieder fand, an dem dieser gruselig nette alte Schneider zusammen mit seiner eigenen Schwester neue Kleidungsstücke ausprobieren konnte. Und sie, Talin, schien sich darüber auch noch teuflisch zu amüsieren. <br />
Was genau draußen in den Ladenräumen vor sich ging, konnte der Dunkelhaarige nicht wissen, aber er hörte durchaus, was gesprochen wurde und quittierte das Ganze mit einem leisen Seufzen, bevor er sich daran machte, die einfachen Stiefel abzustreifen, die ihm eigentlich auch nicht wirklich passten. Seiner Hose hatte er sich schnell entledigt und gerade, als er sich dem Saum seines Hemdes widmen wollte, das ihm immerhin bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, näherten sich vor dem Vorhang Schritte.<br />
Der Schneider verkündete das Ende ihrer Suche und reichte dem 21-Jährigen durch den Vorhang eine schlichte, dunkelbraune, fast schwarze Stoffhose, die ihm immerhin auf Anhieb gefiel, und ein helles Leinenhemd mit langen Ärmeln aus dünnem, aber robusten Stoff und hervorragender Verarbeitung.<br />
Etwas überrascht nahm er die Kleidung entgegen, zog sich um, und verließ nach kaum zwei Minuten barfuß das Separee. Das Hemd steckte bereits in der dunklen Hose, nur am Kragen nestelte Lucien noch ein wenig herum und warf dem Schneider dabei einen Seitenblick zu. „<i>Eigentlich gar nicht schlecht</i>“, stellte er fest und klang dabei noch immer ein wenig verwundert.<br />
Der alte Mann wies lächelnd auf das Podest und der Dunkelhaarige folgte seiner Aufforderung, bis er sich selbst im Spiegel sehen konnte. Dabei wandte er dem Eingang des Ladens und auch seiner Schwester den Rücken zu. Nur ihr Abbild erschien auf der reflektierenden Oberfläche.<br />
Er war immer noch etwas zu dünn. Das war das erste, was er feststellte.<br />
<font color="#000000">„<i>Ich schätze, Ihr benötigt auch neue Stiefel, mein Herr?</i>“</font>, war das erste, was der Schneider feststellte. Im Spiegel erhaschte Lucien einen Blick auf das Gesicht seiner Schwester, ehe er leicht nickte. „<i>Ich befürchte schon. Und ist es Euch möglich, beim Maßnehmen etwas mehr Spielraum zu lassen? Ich habe in letzter Zeit... viel Gewicht verloren.</i>“ Der Alte, der bereits eine Schatulle mit Stecknadeln herbei schaffte, nickte gutmütig. <font color="#000000">„<i>Selbstverständlich.</i>“</font></font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Sie beobachtete einen Augenblick länger den Schneider, wie er ihrem Bruder die Sachen reichten, bevor sie sich wieder den Kleidungsstücken zuwandte. Ein aufwändiges Kleid, dass weit weniger Stoff als alle anderen besaß, bannte ihre Aufmerksamkeit. Es sah nicht nach etwas aus, was sie aus der ersten Welt kannte. Nicht wie die hochgeschlossenen Kleider der Hofdamen und des Hohen Adels, auch nicht wie die manchmal etwas flegelhaften Sachen der Kurtisanen in den Häfen. Einfach...anders. Es juckte sie in den Fingern es anzuprobieren, aber in dem Moment ertönte eine Stimme hinter ihr. Sie ließ den durchsichtigen Stoff fallen und drehte sich zu ihrem Bruder um. Den Unterschied erkannte sie sofort. Die Kleidung, die sie ihm aus dem Fundus der ehemaligen Crew gegeben hatte, hatten gar nicht gepasst, sondern waren nur eine Übergangslösung gewesen. <br />
Jetzt stand ein Mann vor ihr, der - vielleicht immer noch ein wenig mitgenommen – versprach ansehnlich zu werden. Sie spürte die Jahre, die sie nicht mit ihm verbracht hatte, noch viel deutlicher, als die letzten Wochen. Als wäre das dort drüben nicht mehr ihr Bruder, sondern wirklich und wahrhaftig ein völlig Fremder. Talin schluckte, bevor sie den Gedanken schließlich verscheuchte. Es hatte keinen Sinn, sich darüber schon wieder den Kopf zu zerbrechen. Er war ihr Bruder und kein Fremder. Er war Lucien und würde das immer bleiben. <br />
Sie trat näher, während die beiden darüber fachsimpelten, wie der Stoff am besten geschnitten werden musste. Mit einem Schmunzeln dachte Talin daran, dass er auf einmal gar nicht mehr so sehr wie ein Opfer wirkte, sondern, als wäre er in seinem Element. „<i>Das steht dir gut. Ich glaube, dass sollten wir auf jeden Fall nehmen.</i>“ <br />
Während der Schneider ein Band nahm, um routiniert Luciens Maß nahm, hob er kurz den Kopf und lächelte sie bestätigend an. Mit dem Gedanken schon wieder bei seinem Kunden, sprach er trotzdem noch einmal zu der Blonden. <font color="#000000">„<i>Sehen Sie sich ruhig um und probieren sie an, was sie gerne haben möchten.</i>“</font> Talin wollte sofort losstürmen, schüttelte aber schließlich nur den Kopf.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Mit einer gesunden Portion Misstrauen in den grünen Augen beobachtete Lucien, wie die Schatulle mit den Stecknadeln näher kam. Ein Anflug irrationaler Panik trieb seinen Puls in die Höhe, doch der Schneider arbeitete mit präzisen Stichen und geübten Bewegungen, die von jahrelanger Praxis sprachen, sodass die Spitzen ihn nicht ein einziges Mal berührten. Und nach zwei Nadeln lenkte Talin ihn ohnehin von den Vorgängen an seiner Taille ab, sodass er den Blick hob und im Spiegel nach dem ihren suchte – immerhin durfte er sich ja nicht umdrehen und den Meister bei seiner Arbeit stören. „<i>Es ist doch nur Kleidung.</i>“, winkte er ihr Kompliment sanft ab, konnte sich ein flüchtiges Lächeln aber nicht verkneifen. <br />
Der Schneider, der Talin gerade noch angeboten hatte, sich selbst umzusehen, widersprach ihm unvermittelt – ohne auch nur kurz den Blick zu heben. <font color="#000000">„<i>Es ist niemals nur Kleidung, junger Mann.</i>“</font><br />
Das brachte Lucien zum Verstummen. Wenn auch mit einem amüsierten Schmunzeln auf den Lippen. Der Mann war Schneider – irgendetwas in der Art musste er wohl einfach sagen. Was auch immer das jetzt bedeuten sollte. Er ließ ihn also seine Arbeit machen, sah durch den Spiegel hindurch wieder zu seiner Schwester und lächelte wieder. Sanft amüsiert dieses Mal. „<i>Willst du wirklich nichts anprobieren? Niemand hat gesagt, dass nur ich hier Geld ausgeben darf.</i>“</font></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Alex+Brush' rel='stylesheet' type='text/css'><center><font style="font-family: 'Alex Brush', cursive; text-transform: lowercase; color: ##6E6E6E; font-size: 35px; line-height: 25px;">Where do We go?</font><br><font style="font-size: 11px;">Talin<span style="color: #458B74"> &</span> Lucien<br><font style="font-size: 11px;">30. März 1822 | Vormittags | Handelsviertel von Mîlui</font></font></center><br />
<br />
<blockquote><font color="#458B74">Dafür, dass die <i>Sphinx</i> ein bemerkenswert kleines Schiff war, hatte es erstaunlich lange gedauert, bis er seine Schwester fand. Am Anfang seiner Suche war er dabei fast hektisch geworden. Immerhin wollte er die anderen nicht ewig warten lassen, während sie das Beiboot bereit machten. Doch als er Talin schließlich fand, konnte er sich den kleinen Moment ungläubiger Belustigung nicht verwehren. <br />
Sie arbeitete in der Kombüse. Ganz in die Zubereitung einer frischen Kanne Kaffee vertieft, musste sie sein Kommen über die Geräusche des Schiffes hinweg wohl überhört haben. Denn als Lucien sich mit einem kleinen Schmunzeln um die Mundwinkel mit der Schulter gegen einen der Stützpfeiler lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte, wandte sie sich nicht zu ihm um. Also gönnte er sich die paar Augenblicke, ihr dabei zuzusehen, und fragte sich gleichzeitig, warum er nicht gleich hier nach ihr gesehen hatte. Der Kaffeeverbrauch, den sie an den Tag legte, war ihm in der kurzen Zeit schließlich nicht entgangen.<br />
Es mochte nicht so ganz in das Bild passen, das er von seiner kleinen Schwester hatte, doch er nahm diese neue Angewohnheit gutmütig hin. Auf geradezu kindlich niedliche Art machte es sie irgendwie charmant. Kostspielig zwar, aber charmant. „<i>Na? Verbrauchst du den restlichen Kaffee, damit du neuen kaufen kannst?</i>“ Er durchbrach die Stille letztlich nur, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, auch wenn er nichts dagegen gehabt hätte, ihr noch ein paar Augenblicke lang zuzusehen. Vielleicht, bis sie ihn von selbst bemerkte. Doch ein Teil von ihm dachte nach wie vor an das Beiboot, das auf sie wartete. „<i>Ein paar der anderen setzten an Land über. Hast du Lust, mich in die Stadt zu begleiten?</i>“</font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Das eintönige und mahlende Geräusch der Kaffeemühle in ihrer Hand füllte die Stille der Kombüse. Talin überraschte es, einmal vollkommen allein hier zu sein, aber Rayon meinte nur, er vertraue ihr so weit, dass sie nicht ans Essen gehen würde, nur an ihren heißgeliebten Kaffee und damit war er verschwunden. Nun stand sie an der Kochstelle und mahlte gedankenverloren die Bohnen, sodass der intensive Geruch die Luft füllte. Zufrieden schloss sie die Augen und atmete ganz tief ein. Das Aroma versetzte sie in eine Zeit zurück, in der sie den Geschmack des Getränkes noch nicht zu würdigen wusste, als sie beim allerersten Mal das Gesicht angewidert verzogen hatte. Erst als sie aufgrund von Alpträumen kaum eine Nacht hatte durchschlafen können, hatte sie Gefallen an dem dunklen Gebräu gefunden und es einfach weiter getrunken.<br />
Mit einem leichten Lächeln öffnete sie wieder die Augen, als sie hörte, wie die letzte Bohne gemahlen wurde und sah hinab auf ihr leise kochendes Wasser. Flink stellte sie die Mühle ab und nahm im gleichen Atemzug einen Becher, in den sie das Pulver füllte. Als sie sich leise summend, schwungvoll umdrehen wollte, um das Wasser zu holen, zuckte sie erschrocken bei Luciens Stimme zusammen. Sie legte sich eine Hand auf die Brust und blieb ihm zugewandt stehen. „<i>Erschrick mich doch nicht so</i>“, meinte sie grummelig und blickte einen Moment finster drein, bevor sie ihre Tätigkeit schließlich beendete und Wasser auf das Kaffeepulver goss. Nochmals sah sie – diesmal sanfter – zu ihrem Bruder hin und überlegte, wie lange er ihr wohl schon zugesehen, bevor er etwas gesagt hatte. Es hätte ihr fast peinlich sein können, also nahm sie nur schweigend ihre Tasse in beide Hände, während sie ihre Gedanken seiner Frage zu wandte. Lange überlegen musste sie nicht, denn sie wusste, was sie antworten würde.  „<i>Anscheinend brauche ich Kaffee, also würde ich mit in die Stadt kommen. Was brauchst du?</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#458B74">Das Lächeln auf seinen Lippen vertiefte sich ein wenig. Er hatte nicht vorgehabt, sie zu erschrecken – aber er wäre auch kein guter großer Bruder gewesen, wenn er das nicht ein kleines Stück weit genossen hätte. Selbst die Tatsache, dass sie dabei ein ganz kleines bisschen grummelig klang. <br />
Talin drehte ihm erneut den Rücken zu, goss sich eine Tasse Kaffee auf und der intensive Geruch erfüllte die gesamte Kombüse, quoll in jede Ritze und verdrängte den Geruch von Salzwasser, Algen und Essen. Wie von selbst atmete Lucien tief ein, genoss diese kleine Abwechslung in den Lungen sichtlich, schwieg aber noch und beobachtete mit aller Seelenruhe seine Schwester, bis sie sich endlich gänzlich zu ihm umwandte und seine Frage zurück gab. Der Dunkelhaarige stieß sich leicht von seiner Stütze ab, löste die verschränkten Arme und deutete mit einer ausladenden Geste auf – alles von sich. „<i>Ich könnte mal eigene Kleidung gebrauchen, meinst du nicht?</i>“ <br />
<br />
<center>***</center></font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Die Stadt war erfüllt von Geschrei, fröhlichem Lachen und einer ausgelassenen Stimmung, obwohl alle ihrer Arbeit nachgingen. Das Frühlingsfest musste vorbereitet werden und die Aufregung auf die Feierlichkeiten war fast mit Händen zu greifen. Talin sog diese Stimmung förmlich in sich auf und die düsteren Gedanken und Gefühle, die sie auf dem Schiff noch beschäftigt hatten, verflogen. Sie nahm Lucien bei der Hand und zog ihn mit sich durch das Gedränge. „<i>Wir sollten dir zuerst was zum Anziehen suchen. Willst du was bestimmtes?</i>“</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Das Frühlingsfest stand bevor. An jeder Ecke konnte man es sehen. Er hatte es vergessen. Genau genommen hatte er noch immer kein Gefühl dafür, wie die Tage vergingen. Dass der März sich dem Ende neigte und der April bevor stand. Erst jetzt erinnerte ihn der Trubel in der Stadt an das, was unmittelbar bevor stand. <br />
Im ersten Moment musste Talin ihn mit sich ziehen und Lucien bewegte sich nur deshalb vorwärts, weil sie nicht locker ließ. Ein Teil von ihm reagierte sogar mit derart großem Widerwillen auf diese Massen an Menschen, dass er sich beinahe – einem ersten Impuls folgend – gesträubt hätte. Doch dann gewann sein Verstand und nach einigen wenigen Herzschlägen passte er sich Talins Tempo an, beschleunigte seine Schritte sogar, sodass die Spannung, die auf ihren Armen lag, nachließ und er zu seiner Schwester aufschloss. Selbstverständlich erst, nachdem er sich mit einem missbilligenden Blick seitlich zwischen einer Gruppe Hausfrauen hindurch gequetscht hatte, die den halben Weg vor einem kleinen Stand blockierten. „<i>Vor allem will ich aus diesen Menschenmassen raus.</i>“, knurrte Lucien schließlich leise als Erwiderung auf Talins Frage – obwohl er wusste, dass sie das nicht meinte. <br />
Sie passierten einen weiteren Stand mit geräumiger Auslage, auf der Obst in jeder Form und Größe zu riesigen Bergen aufgestapelt worden war. Auch hier drängten sich Menschen, überwiegend Bedienstete, und als sie sich an diesen vorbei schoben, griff der Dunkelhaarige kurzerhand nach einem der großen, blutroten Granatäpfel, die unbeaufsichtigt auf einem Karren neben dem Stand lagen. „<i>Leihst du mir dein Messer?</i>“, wandte er sich an seine Schwester und hielt demonstrativ den Granatapfel in die Höhe, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. „<i>Lass uns jemanden fragen, wo es einen passablen Schneider gibt. Ich schätze, ich brauche einmal alles.</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Als er zu ihr aufschloss, sah sie seinen finsteren Blick und musste sowohl darüber, als auch über seine Worte lachen. Während er die Menschenmassen hasste, liebte sie diesen Trubel. Die bösen Blicke von anderen nahm sie gar nicht wahr, denn es interessierte sie einfach nicht. Sie mochte die geschäftige und geschwätzige Atmosphäre auf Märkten, die Geräusche von lauten Händlern, die versuchten einander zu übertönen und meistens mochte sie auch die Gerüche, obwohl sie gewöhnungsbedürftig waren. Und diese hektische, aufgeregte Betriebsamkeit für das Fest, machte sie einfach glücklich. Anscheinend das völlige Gegenteil von dem was Lucien empfand. <br />
Als sie das nächste Mal zu ihm sah, hatte er auf einmal einen Granatapfel in der Hand. Kurz stutzte Talin, bevor sie mit einem kleinen Seufzer nach ihrem Messer griff und es ihm hinhielt. Allerdings konnte sie sich einen Kommentar nicht verkneifen. „<i>Gut zu wissen, dass ich nicht die einzige mit einer Sucht bin.</i>“ Und schweren Herzens dachte sie an den Becher Kaffee, den sie zurücklassen musste. Hätte sie ihn mitgenommen, hätte sie den Inhalt mehr auf sich und die anderen im Beiboot verschüttet, als etwas davon zu trinken.<br />
Talin riss sich aus ihren wehleidigen Gedanken und sah sich noch einmal um, bevor sie Luciens Hand losließ und auf eine Gruppe von mittelständischen Damen zu hielt, die sie naserümpfend musterten. „<i>Entschuldigt bitte, aber mein Bruder und ich suchen einen anständigen Schneider, könnt Ihr mir sagen, wo wir so einen finden.</i>“ Wie von selbst hatte sie ihr zuckersüßestes Lächeln aufgesetzt und sah die Frauen wie ein kleiner Engel an. Obwohl diese ihre Kleidung immer noch skeptisch anschauten, hob eine von ihnen die Hand und deutete auf eine größere Gasse. „<i>Geht dort entlang, meine Liebe. Dann einmal nach links und dann noch einmal. Dort befindet sich die Schneiderei von Chiaro. Er ist ein wenig exentrisch, aber sehr gut und kostengünstig. Sagt ihm, Danni hat euch geschickt, dann macht er euch ein gutes Angebot.</i>“ Die Ältere lächelte freundlich, wodurch sich kleine Lachfältchen um ihre braunen Augen bildeten. Talin konnte nicht anders, als das ihr eigenes Lächeln ein klein wenig erwärmte. „<i>Ich danke Euch sehr. Einen schönen Tag noch!</i>“ Damit drehte sie sich zu Lucien um und bedeutete ihm mit einem Blick, wohin sie gehen würden.</font><br />
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<font color="#458B74">Ein kleines, amüsiertes Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel, als er Talins Blick bemerkte und er das dargebotene Messer entgegen nahm. „<i>Das ist keine Sucht. Es ist eine Notwendigkeit!</i>“ Ihm war klar, dass sie das gleiche über ihren Kaffeekonsum behaupten würde und vollkommen widersprechen konnte er dem Vergleich wahrscheinlich nicht. Sein Verlangen nach der süß-herben roten Frucht in seiner Hand konnte mit dem ihren nach dem schwarzen Gebräu vermutlich locker mithalten. „<i>Außerdem war die Gelegenheit günstig</i>“, fügte der 21-Jährige deshalb an, als ob das irgendetwas gerechtfertigt hätte. Sanfte Belustigung lag dabei in seiner Stimme. <br />
Aber sie waren nicht zum Essen in die Stadt gekommen – ausnahmsweise mal. Daran erinnerte ihn seine Schwester in diesem Moment. Lucien blieb stehen, als sie seine Hand los ließ, folgte ihrem Blick und entdeckte die Gruppe Damen, auf die Talin nun zusteuerte. Er selbst blieb jedoch, wo er war und machte sich daran, den Granatapfel zu zerteilen, während sie ihre Erkundigungen einholte. Routiniert nahm er das Messer in die Linke und schnitt einen Kreis um den großen Strunk herum. Fast sofort lief ihm der dunkelrote Saft der kleinen, zerteilten Kerne über die Finger. Doch er störte sich nicht daran, ließ das runde Stück Schale achtlos auf den Boden fallen und hob kurz den Blick, um zu sehen, wie weit seine Schwester war. <br />
Sie verabschiedete sich gerade mit einem herzlichen Lächeln und wandte sich bereits herum, um zu ihm zurück zu kehren. Als sie ihn erreichte, hielt er ihr ein Stück des geachtelten Granatapfels entgegen und lächelte sanft. „<i>Und? Konnten sie uns jemanden empfehlen?</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Sie spürte noch den Blick der Frauen in ihrem Rücken, wusste, sie würden sie den Mund zerreißen, sobald sie vollkommen außer Hörweite war. Wie konnte so ein junges, unverheiratetes Ding so einen tiefen Ausschnitt tragen? War sie nicht doch eher eine Dirne? Und der Mann bei ihr, nicht ihr Bruder, sondern ein Liebhaber. Auf Kitar waren ihre solche Unterstellungen immer wieder über den Weg gelaufen. Anfangs hatte sie es sich vielleicht noch etwas zu Herzen genommen, aber sehr schnell gemerkt, dass es vollkommen egal war, was andere Menschen dachten. Genau wie in ihrer Kindheit. Sie hatte nur wieder lernen müssen, die Menschen so zu nehmen, wie sie waren. <br />
Deshalb hatte Talin die Damen auch schon wieder vergessen, als sie bei Lucien ankam und die dargebotene Frucht sah. Ihr Blick fiel auf seine andere Hand und sie rümpfte ein wenig die Nase, als sie den Saft sah. Dennoch nahm sie das angebotene Stück mit einem leichten Lächeln und einem leichten Herzschlag entgegen. Es gab wirklich wichtigere Dinge, über die sie nachdenken musste, als über das Gerede von gelangweilten Ehefrauen. <br />
„<i>Natürlich konnten sie das. Vermutlich hoffen sie darauf, ich würde mir züchtigere Kleidung kaufen.</i>“ Sie schnaubte leise, während sie ein paar Kerne des Granatapfels in ihren Mund verschwinden ließ. Als sie auf die kleinen Früchte biss, verzog sich kurz ihr Gesicht bei dem säuerlichen Geschmack. „<i>Aber vielleicht sollte ich wirklich mal nach etwas neuem gucken.</i>“ Wie von selbst hakte sie sich bei ihm unter und dirigierte ihn leicht in die Richtung, in die die Frau gedeutet hatte. „<i>Du solltest dir aber vorher die Hände waschen, wenn du Kleidung willst. Ich glaube nicht, dass dich irgendein Schneider seine Ware anfassen lässt, wenn du Blutflecken hinterlässt</i>“, meinte sie mit reichlicher Belustigung in der Stimme.</font><br />
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<font color="#458B74">Lucien entging der kritische Blick seiner Schwester nicht, mit dem sie seine saftbeschmierten Finger bedachte, tat allerdings so, als bemerke er ihn nicht. Sie nahm das Granatapfelstück entgegen und er brach ein weiteres Achtel heraus, aus dem er nur noch mit den Zähnen die Kerne heraus knabberte. Ein Stück der unangenehm bitteren weißen Haut verirrte sich dabei in seinen Mund, das er jedoch gewohnheitsmäßig zur Seite ausspuckte, als wäre nichts gewesen. Dann huschten die tiefgrünen Augen mit einem vergnügten Ausdruck zurück zu seiner Schwester. „<i>Haben wir denn überhaupt genug Gold dabei? Oder planst du, den Schneider auszurauben?</i>“ <br />
Gelassen nahm er hin, dass sie sich bei ihm einhakte und überließ ihr die Führung. An die Frauengruppe, die sie nach dem Weg gefragt hatte, dachte er schon nicht mehr. Nicht einmal mehr, als sie an ihnen vorbei gingen und das leise Getuschel ihnen folgte. <br />
Auf Talins leisen Tadel hin hob der Dunkelhaarige nur eine Augenbraue, warf ihr einen gespielt skeptischen Seitenblick zu und steckte sich, nachdem er sein Granatapfelstück restlos entkernt und die übrige Schale entsorgt hatte, die beschmierten Finger einen nach dem anderen in den Mund. „<i>So besser?</i>“, fragte er zwischendrin und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Talin beobachtete Lucien aus dem Augenwinkel, bis er die Hand hob und sich jeden Finger einzeln in den Mund schob. Ungläubig sah sie ihn erst an, bevor sie laut lachte, was ihr ein paar pikierte Blicke einbrachte. Wieso nur durfte ein Mensch nichts auf der Straße tun? Er durfte nicht tragen, was er wollte, nicht so laut lachen, wie er mochte. Immer gab es Regeln, die der Rest der Gesellschaft einem aufzwang. Und da wunderten sich alle, warum sie lieber frei auf dem Meer lebte. Ts. <br />
Sie konzentrierte sich wieder auf Lucien und seine Finger. Am liebsten wäre sie ihrem ersten Impuls gefolgt, um ihn ein bisschen zu ärgern, aber sie widerstand dem Drang. Stattdessen sah sie von seiner Hand wieder auf in sein Gesicht. „<i>Ja, natürlich. Das ist viiieeeel besser.</i>“ Sie schüttelte belustigt den Kopf, als sie ihn um eine Ecke führte, die zu einem kleinen Platz führte. Und als hätte jemand ihren Wunsch erhört, sprudelte da ein kleiner Brunnen glücklich vor sich hin. <br />
„<i>Auch wenn es viel besser ist, glaube ich, dass Wasser noch ein bisschen mehr hilft.</i>“ Sie fummelte ein Tuch aus ihrem Rockbund und hielt es ihm auffordernd hin. „<i>Und um deine frage von vorhin noch zu beantworten: Ich dachte mir, wir machen es davon abhängig, wie nett der Herr zu uns ist. Ich habe Gold bei, aber auch keine Skrupel es zu behalten.</i>“ Dem hinterher schickte sie ein engelsgleiches Lächeln. „<i>Oder willst du den Armen gleich ausnehmen?</i>" </font><br />
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<font color="#458B74">Ihr ungläubiges Gesicht, dicht gefolgt von dem kindlich amüsierten Lachen entlockte dem Dunkelhaarigen ein freches Grinsen. Da war es ja, das Mädchen, das er am Kai zurückgelassen hatte. Das Mädchen, das er so furchtbar vermisste. Selbst ihre belustigte Antwort erinnerte ihn mehr denn je an die kleine Schwester, die sie einmal gewesen war. Ts. <br />
Sie konnte froh sein, dass er sie nicht wie früher mit den Kernen bespuckte. Schließlich, als sie den kleinen Platz betraten und die tiefgrünen Augen Talins Blick zu einem kleinen Brunnen folgten, seufzte er gespielt enttäuscht. „<i>Spielverderber!</i>“ <br />
Doch der 21-Jährige trat gehorsam an das Becken heran, ließ den übrig gebliebenen halben Granatapfel auf dem Rand liegen und tauchte die Hände in das Kühle Nass. „<i>Hm, mir gefällt dein Plan. Wahrscheinlich ist es schlauer, nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.</i>“ Er wusch sich die Hände gründlich, bevor er das angebotene Tuch entgegen nahm und sich abtrocknete. Sein Blick huschte derweil zurück zu seiner Schwester. „<i>Also, wo soll dieser Schneider jetzt sein?</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Abwartend und immer noch mit einem Schmunzeln auf den Lippen hielt sie ihm das Tuch hin, während sie auf den halben Granatapfel hinabsah, den er so achtlos auf den Brunnenrand gelegt hatte. Nachdem er das Tuch genommen hatte, nahm sie wie zufällig die Frucht an sich, während sie sich einmal auf dem Platz umsah. „<i>Freut mich, dass er dir gefällt. Im Moment sollten wir so wenig Aufmerksamkeit auf uns ziehen, wie möglich. Und deshalb</i>“, sie hielt den Granatapfel hoch, „<i>ist der beschlagnahmt. Nicht, dass du noch auf Ideen kommst.</i>“ <br />
Unschuldig grinste sie ihn an und deutete zeitgleich auf ein Gebäude hinter ihm. „<i>Das da sollte er sein. Bitte. Nach dir.</i>“ Sie stubste ihn leicht an der Schulter, damit er sich zu einem Gebäude mit knallroter Fassade umdrehte. Dunkelgrüne Markisen spendeten Schatten vor der Eingangstür, aus der gerade ein junges Ehepaar mit drei Tüten trat. <br />
„<i>Vielleicht müssen wir doch ein wenig tricksen. Scheint so, als würde es unser Limit übersteigen, wenn wir dich neu einkleiden wollen.</i>“ </font><br />
<br />
<font color="#458B74">In den tiefgrünen Augen zeigte sich ein sanft-spöttisches Funkeln. „<i>Und wie, glaubst du, hetzt uns ein Granatapfel die Marine auf den Hals?</i>“ Seine Tonlage machte deutlich, dass diese Frage eher rhetorischer Natur war. Eher vermutete er, dass sie die süß-saure Frucht für sich selbst behalten wollte. Lucien erwartete also keine Antwort, warf stattdessen einen Blick über die Schulter und bemerkte wie auch seine Schwester das Pärchen, das voll bepackt den Laden verließ. <br />
Er stieß ein leises Schnauben aus. „<i>Ich werd versuchen, mich zurück zu halten. Also los..</i>“ Damit reichte er seiner Schwester ihr Tuch zurück, hielt ihr schließlich wieder den Ellenbogen hin, damit sie sich einhaken konnte und wartete, bis sie so weit war. Dann setzte er sich wieder in Bewegung und steuerte das knallrote Gebäude an. „<i>Wie hoch genau ist denn überhaupt unser Limit?</i>“</font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Ihr Blick wanderte für einen Moment von ihm zum Granatapfel und dann mit einem zweifelnden Ausdruck in den Augen wieder zu ihm. Es war, als könnte sie seine Gedanken lesen, aber sie wollte die Frucht nur zur Hälfte für sich allein. Sie hatte viel mehr Angst dass er, weil er Lust darauf hatte, mitten im Laden mit den Kernen um sich warf und der Besitzer ihnen vor Wut die Stadtwache auf den Hals hetzte. Schneider waren mit ihrer Ware immer so empfindlich und wenn ihnen ein beliebtes Geschäft in der Stadt gehörte, erst recht. Aber sie teilte Lucien ihre Meinung nicht mit, sondern nahm nur mit einem leicht belustigten Kopfschütteln ihr Tuch zurück und hackte sich bei ihm ein. <br />
„<i>Ich dachte auch nicht, dass du jetzt den ganzen Laden aufkaufen willst.</i>“ Sie verlangsamte ihrer beide Schritte etwas, in dem sie ihn am Arm zurückhielt. Sie wollte nicht im Laden mit ihm besprechen, wie ihre finanzielle Lage aussah. „<i>Einiges an Geld war für die Reparatur der Sphinx. Dann deine vergnüglichen Stunden im Freudenhaus – was ich dir wirklich nicht verübeln kann, die Mädchen dort sind sehr gut. Sagen wir unser Limit befindet sich einiges unter 50 Achter. Aber vielleicht ist die Kleidung hier ja billig.</i>“ <br />
Sie schaute selbst zweifelnd drein, auch wenn die Damen vorhin meinten, dieser Laden wäre der beste. Vor der Tür blieb sie stehen, weil sie erneut aufging und zwei munter schwatzende Mädchen herauskamen, die Talin und Lucien ansahen und dann mit einem mädchenhaften Kichern ihrer Wege zogen. Die Blonde schüttelte den Kopf und hielt die Tür auf. „<i>Wollen wir, liebster Lucien?</i>“ Sie grinste frech.</font><br />
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<font color="#458B74">Als Talin spürbar langsamer wurde, passte er sich mit einem verwunderten Blick zu ihr hinüber automatisch dem Tempo an. Er verstand jedoch schnell, was sie dazu bewogen hatte und der Ausdruck wich gelassener Belustigung. „<i>Ich würde dir wirklich gern versichern, dass das nie wieder passiert, aber...</i>“ <br />
Seine Gedanken huschten viel zu schnell zu eben jenen Mädchen zurück, von denen sie sprach und Talin kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er dieses Versprechen nie und nimmer ernst meinen würde. Sie nahm es ihm jedoch auch nicht übel, das war kaum zu überhören. Eins der wenigen, positiven Dinge, die er ihrer Zeit im Freudenhaus der Tarlenn abgewinnen konnte, war ihr geradezu schwesterliches Verständnis für die Frauen, die dort arbeiteten. Das war eine Eigenschaft, die ihm an ihr ausgesprochen gut gefiel. Und um sich dafür erkenntlich zu zeigen, würde er sie zumindest jetzt nicht arm machen. <br />
„<i>Mehr als zwei Hemden und Hosen werde ich für's Erste ohnehin nicht brauchen</i>“, versicherte er ihr gut gelaunt und wandte sich dem Gebäude zu, aus dem nun zwei junge Mädchen traten. Sie musterten die Geschwister neugierig, wandten sich dann kichernd ab und Luciens Blick folgte den beiden für einige Herzschläge, ehe Talins Stimme ihn zurück rief. Liebster Lucien... er verkniff sich ein Schnauben, warf ihr einen tadelnden Blick zu und trat einen halben Schritt vor, um ihr die Tür aufzuhalten. <br />
Eine Glocke ertönte irgendwo hinten im Laden, gedämpft von zahllosen Kleiderstangen voller Anzüge, Hemden, Westen und Kleidern, Korsagen, Strumpfhosen, Unterröcke und Krawatten für jeden erdenklichen Anlass. Jede freie Fläche schien mit neuer Garderobe behangen zu sein. Nur in einer Ecke, durch weitere Kleiderstangen vom Eingang abgeschirmt, stand ein gewaltiger, mannshoher Spiegel und ein Podest, auf dem an einem Kunden Maß genommen werden konnte. Ein wirklich seriös klingendes <font color="#000000">„<i>Ich bin gleich bei Ihnen.</i>“</font> erklang aus einem Durchgang in den hinteren Teil des Ladens, den Lucien bei der Menge an Stoff im ersten Moment gar nicht gesehen hatte.</font><br />
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<font color="#66CDAA">Seinen tadelnden Blick kommentierte sie mit einem Luftkuss, als er ihr auch schon die Tür aufhielt. Als sie eintrat, erschlug sie das vorhandene Angebot förmlich. Egal wohin sie sah, Stoffe in allen möglichen Farben und Formen sprangen sie an und für einen Moment vergaß sie fast, aus welchem Grund sie hier waren. Einige der Kleider, Röcke und Blusen wollte sie unbedingt selbst anprobieren. Die Stimme, die sich von irgendwo zwischen den ganzen Stoffen meldete, brach den Bann. Talin beugte sich zu ihrem Bruder rüber, während sie warteten. „<i>Ich habe das Gefühl, du kommst hier nicht so einfach mit nur zwei Hemden und Hosen raus.</i>“<br />
Einen Herzschlag später kam auch schon hinter dem Podium ein etwas untersetzter Mann mit Halbglatze und dafür viel Schnauzer im Gesicht hervor. Sein Erscheinungsbild wirkte nicht besonders ansehnlich, aber seine Augen blickten sie herzlich und freundlich auch, auch wenn einen kurzen Moment Missfallen darin aufblitzte. Talin fühlte sich spontan in ihre Kindheit zurückversetzt und unterdrückte nur schwer das Bedürfnis, sich den Rock zu glätten und den Staub abzuschlagen. <font color="#000000">„<i>Wie kann ich Ihnen helfen?</i>“</font> fragte der Mann mit weicher Stimme, als er vor den beiden stehen blieb. <br />
„<i>Wir suchen neue Sachen für meinen Bruder hier.</i>“<br />
Der Schneider richtete seinen Blick auf Lucien, nahm jeden noch so kleinen Fehler in seinen Sachen auf und wieder schienen seine Augen etwas zu sagen wie: Wundert mich nicht. Um seinen Mund hingegen bildete sich ein kleines Lächeln, als zu Lucien auf ins Gesicht blickte. <font color="#000000">„<i>Was stellt Ihr euch denn vor? Wie ihr seht, habe ich eine Menge im Angebot.</i>“</font> Damit machte er eine allumfassende Geste in den Raum hinein.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">In einer Mischung aus Faszination und Unglauben wanderte Luciens Blick über das Angebot. Er war zu pragmatisch, um sich wirklich für Kleidung zu interessieren. Für die Wirkung verschiedener Stoffe und Accessoires, für den Umstand, ob etwas nur passte oder wirklich maßgeschneidert war. Für Schnitte, Farben, Goldgarne und Silberknöpfe – gut, letzteres lohnte sich vielleicht einzustecken, aber sicher nicht zu kaufen und dann zu tragen. Doch allein die Masse an unterschiedlichen Kleidungsstücken hatte etwas Erschlagendes an sich. Warum genau... musste es so viel Auswahl überhaupt geben?<br />
Talins Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit auf sie zurück und er wollte gerade antworten, als der Ladenbesitzer aus den Unmengen an Stoff auftauchte und sie mit sanfter Stimme begrüßte. Seine Schwester übernahm es, ihm ihr Anliegen zu erklären – während Lucien sich unvermittelt dem kritischen Blick eines Schneiders ausgesetzt sah und für einen Sekundenbruchteil in das schuldbewusste Gewand eines kleinen Jungen zu rutschen schien, der wusste, dass er gerade beurteilt wurde und nicht besonders gut dabei abschnitt. Er schüttelte das Gefühl ab, schenkte dem alten Mann ein geradezu entschuldigendes Lächeln – erklärte sich jedoch nicht, sondern antwortete nur: „<i>Etwas Praktisches. Wir verbringen den Großteil unserer Zeit auf See, ich muss also darin arbeiten können. Hemden, die sich hochkrempeln lassen, Hosen aus robustem Stoff...</i>“ Der Dunkelhaarige warf seiner Schwester einen kurzen Blick zu, der zu fragen schien 'Was noch?'. Doch da nickte der Schneider bereits und winkte ihn zu sich, während er mit der anderen Hand auf einen hellen Vorhang etwas rechts hinter dem großen Spiegel wies. <font color="#000000">„<i>Das ist ein Anfang, ein Anfang... Bitte, seien Sie so gut und legen Ihre alte Kleidung ab. Ich bringe Ihnen gleich eine Hose, die Ihren Ansprüchen genügen sollte.</i>“</font> <br />
Lucien tat mit einem kleinen Zögern, wie ihm geheißen. Wobei ihm die Worte 'ein Anfang' wie die drohende Bestätigung für Talins Aussage erschienen. Sie würden hier nicht nur mit ein paar Hemden und Hosen raus gehen. Wieder, dieses Mal etwas skeptisch, huschte sein Blick zu seiner Schwester, bevor er den Vorhang zur Seite schob und in dem Separee dahinter verschwand, um das alte, schmuddelige Hemd und die ebenso verkommene Hose abzulegen.</font><br />
<br />
<font color="#000000">Zielstrebig bahnte sich der Schneider einen Weg zu einem der Kleiderstangen und fuhr dabei in sanfter Tonlage fort: „<i>Ich habe bereits einige Stücke im Sinn, die ich dem jungen Mann gleich zur Anprobe reichen werde. Und wenn es Ihnen nichts ausmacht...</i>“, dabei sah er Talin über einige Hemdbügel hinweg an und lächelte herzlich, „.<i>..leihe ich mir auch das Auge der Dame für eine Einschätzung? Haben wir die passenden Stücke gefunden, nehme ich an dem Herrn Maß.</i>“</font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Talin drehte sich mit einem Frosch im Hals von ihrem Bruder weg. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und räusperte sich wie verrückt, nur um nicht laut zu lachen. Wie Lucien sich vor den Blicken des Schneiders verhielt, war einfach zu komisch, fast schon niedlich. Als würde er sich für sein Aussehen schämen, obwohl es ihm nicht wichtig war. <br />
Schnell räusperte sie sich noch einmal, bevor sie sich wieder umdrehte und den Blicken ihres Bruders begegnete. Sie sah ihn an, lächelte und zuckte dann mit den Schultern. Was sollte sie schon für ihn tun? Er war als Opfer ausgewählt worden und darin musste er sich jetzt wohl oder übel fügen. Immer noch mit einem belustigten Schmunzeln auf den Lippen, lief Talin an einer Stange mit Kleidern entlang und ließ eine Hand über die Stoffe gleiten, während Lucien in das Separee ging, um sich auszuziehen. Die Stimme des Schneiders riss sie schließlich aus ihrer Trance. Mit einer Hand auf einem dunkel blauen Seidenstoff, deutete sie mit dem Zeigefinger ihrer anderen Hand auf sich selbst. „<i>Ich? Ich soll ihnen bei der Auswahl helfen?</i>“ <br />
Der Schneider nickte immer noch mit seinem herzlichen Lächeln und Talin zuckte ergeben mit den Schultern. Sie ließ den Seidenstoff los und kam zu ihm hinüber, um einige der Hemden anzuheben. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn sie an die Kleider aus Musselin und Seide auf der anderen Seite des Ladens dachte. Mit einem Schmunzeln zog sie ein dunkelgrünes Hemd heraus, was gut zu Luciens Augen passte und reichte sie dem Mann neben ihr. Mit einem Nicken bestätigte sie seine Auswahl. Es war faszinierend, wie präzise er das gefunden hatte, was ihr Bruder suchte. Sie war zumindest nicht mehr erstaunt, warum die Dame sie hierher geschickt hatte.<br />
Der Schneider nickte zufrieden und ging schwungvoll zu dem großen Spiegel hinüber. Über eine dort befestigte Stange, drapierte er die Kleidungsstücke, behielt aber ein Hemd und eine Hose in den Händen. Er ging zum Separee hinüber und blieb davor stehen.</font><br />
<br />
<font color="#000000">„<i>So, der Herr. Wir haben eine Auswahl getroffen</i>“, er zwinkerte Talin verschwörerisch zu, „<i>Probiert die bitte an, dann können wir Maßnehmen</i>“, meinte er und reicht durch den Vorhang die beiden Kleidungsstücke.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Ein Opfer, ganz genau. Das war der Eindruck, der sich still und heimlich in sein Unterbewusstsein schlich. Noch war zwar nichts passiert – aber irgendwie hatte Lucien das ungute Gefühl, dass er sich in wenigen Augenblicken als Versuchsobjekt auf einem Podest wieder fand, an dem dieser gruselig nette alte Schneider zusammen mit seiner eigenen Schwester neue Kleidungsstücke ausprobieren konnte. Und sie, Talin, schien sich darüber auch noch teuflisch zu amüsieren. <br />
Was genau draußen in den Ladenräumen vor sich ging, konnte der Dunkelhaarige nicht wissen, aber er hörte durchaus, was gesprochen wurde und quittierte das Ganze mit einem leisen Seufzen, bevor er sich daran machte, die einfachen Stiefel abzustreifen, die ihm eigentlich auch nicht wirklich passten. Seiner Hose hatte er sich schnell entledigt und gerade, als er sich dem Saum seines Hemdes widmen wollte, das ihm immerhin bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, näherten sich vor dem Vorhang Schritte.<br />
Der Schneider verkündete das Ende ihrer Suche und reichte dem 21-Jährigen durch den Vorhang eine schlichte, dunkelbraune, fast schwarze Stoffhose, die ihm immerhin auf Anhieb gefiel, und ein helles Leinenhemd mit langen Ärmeln aus dünnem, aber robusten Stoff und hervorragender Verarbeitung.<br />
Etwas überrascht nahm er die Kleidung entgegen, zog sich um, und verließ nach kaum zwei Minuten barfuß das Separee. Das Hemd steckte bereits in der dunklen Hose, nur am Kragen nestelte Lucien noch ein wenig herum und warf dem Schneider dabei einen Seitenblick zu. „<i>Eigentlich gar nicht schlecht</i>“, stellte er fest und klang dabei noch immer ein wenig verwundert.<br />
Der alte Mann wies lächelnd auf das Podest und der Dunkelhaarige folgte seiner Aufforderung, bis er sich selbst im Spiegel sehen konnte. Dabei wandte er dem Eingang des Ladens und auch seiner Schwester den Rücken zu. Nur ihr Abbild erschien auf der reflektierenden Oberfläche.<br />
Er war immer noch etwas zu dünn. Das war das erste, was er feststellte.<br />
<font color="#000000">„<i>Ich schätze, Ihr benötigt auch neue Stiefel, mein Herr?</i>“</font>, war das erste, was der Schneider feststellte. Im Spiegel erhaschte Lucien einen Blick auf das Gesicht seiner Schwester, ehe er leicht nickte. „<i>Ich befürchte schon. Und ist es Euch möglich, beim Maßnehmen etwas mehr Spielraum zu lassen? Ich habe in letzter Zeit... viel Gewicht verloren.</i>“ Der Alte, der bereits eine Schatulle mit Stecknadeln herbei schaffte, nickte gutmütig. <font color="#000000">„<i>Selbstverständlich.</i>“</font></font><br />
<br />
<font color="#66CDAA">Sie beobachtete einen Augenblick länger den Schneider, wie er ihrem Bruder die Sachen reichten, bevor sie sich wieder den Kleidungsstücken zuwandte. Ein aufwändiges Kleid, dass weit weniger Stoff als alle anderen besaß, bannte ihre Aufmerksamkeit. Es sah nicht nach etwas aus, was sie aus der ersten Welt kannte. Nicht wie die hochgeschlossenen Kleider der Hofdamen und des Hohen Adels, auch nicht wie die manchmal etwas flegelhaften Sachen der Kurtisanen in den Häfen. Einfach...anders. Es juckte sie in den Fingern es anzuprobieren, aber in dem Moment ertönte eine Stimme hinter ihr. Sie ließ den durchsichtigen Stoff fallen und drehte sich zu ihrem Bruder um. Den Unterschied erkannte sie sofort. Die Kleidung, die sie ihm aus dem Fundus der ehemaligen Crew gegeben hatte, hatten gar nicht gepasst, sondern waren nur eine Übergangslösung gewesen. <br />
Jetzt stand ein Mann vor ihr, der - vielleicht immer noch ein wenig mitgenommen – versprach ansehnlich zu werden. Sie spürte die Jahre, die sie nicht mit ihm verbracht hatte, noch viel deutlicher, als die letzten Wochen. Als wäre das dort drüben nicht mehr ihr Bruder, sondern wirklich und wahrhaftig ein völlig Fremder. Talin schluckte, bevor sie den Gedanken schließlich verscheuchte. Es hatte keinen Sinn, sich darüber schon wieder den Kopf zu zerbrechen. Er war ihr Bruder und kein Fremder. Er war Lucien und würde das immer bleiben. <br />
Sie trat näher, während die beiden darüber fachsimpelten, wie der Stoff am besten geschnitten werden musste. Mit einem Schmunzeln dachte Talin daran, dass er auf einmal gar nicht mehr so sehr wie ein Opfer wirkte, sondern, als wäre er in seinem Element. „<i>Das steht dir gut. Ich glaube, dass sollten wir auf jeden Fall nehmen.</i>“ <br />
Während der Schneider ein Band nahm, um routiniert Luciens Maß nahm, hob er kurz den Kopf und lächelte sie bestätigend an. Mit dem Gedanken schon wieder bei seinem Kunden, sprach er trotzdem noch einmal zu der Blonden. <font color="#000000">„<i>Sehen Sie sich ruhig um und probieren sie an, was sie gerne haben möchten.</i>“</font> Talin wollte sofort losstürmen, schüttelte aber schließlich nur den Kopf.</font><br />
<br />
<font color="#458B74">Mit einer gesunden Portion Misstrauen in den grünen Augen beobachtete Lucien, wie die Schatulle mit den Stecknadeln näher kam. Ein Anflug irrationaler Panik trieb seinen Puls in die Höhe, doch der Schneider arbeitete mit präzisen Stichen und geübten Bewegungen, die von jahrelanger Praxis sprachen, sodass die Spitzen ihn nicht ein einziges Mal berührten. Und nach zwei Nadeln lenkte Talin ihn ohnehin von den Vorgängen an seiner Taille ab, sodass er den Blick hob und im Spiegel nach dem ihren suchte – immerhin durfte er sich ja nicht umdrehen und den Meister bei seiner Arbeit stören. „<i>Es ist doch nur Kleidung.</i>“, winkte er ihr Kompliment sanft ab, konnte sich ein flüchtiges Lächeln aber nicht verkneifen. <br />
Der Schneider, der Talin gerade noch angeboten hatte, sich selbst umzusehen, widersprach ihm unvermittelt – ohne auch nur kurz den Blick zu heben. <font color="#000000">„<i>Es ist niemals nur Kleidung, junger Mann.</i>“</font><br />
Das brachte Lucien zum Verstummen. Wenn auch mit einem amüsierten Schmunzeln auf den Lippen. Der Mann war Schneider – irgendetwas in der Art musste er wohl einfach sagen. Was auch immer das jetzt bedeuten sollte. Er ließ ihn also seine Arbeit machen, sah durch den Spiegel hindurch wieder zu seiner Schwester und lächelte wieder. Sanft amüsiert dieses Mal. „<i>Willst du wirklich nichts anprobieren? Niemand hat gesagt, dass nur ich hier Geld ausgeben darf.</i>“</font></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Words without Voices]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=847</link>
			<pubDate>Sat, 08 Feb 2020 18:45:40 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=16">Gregory Scovell</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=847</guid>
			<description><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<center><div style="font-family: 'Tangerine'; color: bla/ck; font-size: 52px;line-height:1">Words without Voices</div>
Trevor und Gregory | an Mîluis zerklüftete Küste | 04. April 1822, nachmittags<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Was ist ein Brief – ein Stück Papier, das man zerreißt, zerknittert,<br />
aber auch als Schatz bewahrt, vergilbt schon und verwittert.</span><br />
- Unbekannt</center><blockquote><div class="Gregory">Es war ein leichtes gewesen, sich von Trevor bis zum Strand ziehen zu lassen, sich an seiner Freude zu erheitern und es so immer noch ein bisschen weiter hinauszögern. Doch dann erinnerte der Anblick der Mastspitzen der Sphinx den Schiffsarzt daran, dass er es <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">jetzt</span> tun musste. <br />
Er hielt nicht an, sondern lenkte seine Schritte einfach zu einem kleinen Küstenstieg, den ihm ein Fischer gestern gezeigt hatte, damit er dort ein gebrochenes Bein versorgte. Scherzend lenkte er Trevor davon ab, dass das nicht der eigentliche Weg zu ihrem Schiff war, ließ immer wieder den Brief hochkommen oder den Schuhwurf oder hielt seinen Bruder einfach bei dessen Ideen, bis sie endlich den Grund der Bucht erreicht hatten, der jetzt, in der Nachmittagshitze verlassen da lag. Träge schwappten kleine Wellen an den Strand und die auf Sand gesetzten Fischerboote, Möven kreischten in den Klippen über ihnen und kaum ein Windhauch verirrte sich hierher. Ein kleines Stück den Strand hinauf lag einen Nische zwischen den hohen Steine, die sowohl eine Sitzplatz, als auch Schatten bot. Tief holte er Luft, dann setzte er den jüngeren Scovell dort ab und unterbrach damit etwas rüde dessen fröhliches geplapper.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich muss mit dir reden."</span><br />
<br />
Mehr sagte Gregory zunächst allerdings nicht, sondern sah Trevor eindringlich an, so wie er es nur dann tat, wenn es etwas wirklich ernstes zu besprechen galt und wartete ab, bis das bei seinem Bruder auch angekommen war.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<center><div style="font-family: 'Tangerine'; color: bla/ck; font-size: 52px;line-height:1">Words without Voices</div>
Trevor und Gregory | an Mîluis zerklüftete Küste | 04. April 1822, nachmittags<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Was ist ein Brief – ein Stück Papier, das man zerreißt, zerknittert,<br />
aber auch als Schatz bewahrt, vergilbt schon und verwittert.</span><br />
- Unbekannt</center><blockquote><div class="Gregory">Es war ein leichtes gewesen, sich von Trevor bis zum Strand ziehen zu lassen, sich an seiner Freude zu erheitern und es so immer noch ein bisschen weiter hinauszögern. Doch dann erinnerte der Anblick der Mastspitzen der Sphinx den Schiffsarzt daran, dass er es <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">jetzt</span> tun musste. <br />
Er hielt nicht an, sondern lenkte seine Schritte einfach zu einem kleinen Küstenstieg, den ihm ein Fischer gestern gezeigt hatte, damit er dort ein gebrochenes Bein versorgte. Scherzend lenkte er Trevor davon ab, dass das nicht der eigentliche Weg zu ihrem Schiff war, ließ immer wieder den Brief hochkommen oder den Schuhwurf oder hielt seinen Bruder einfach bei dessen Ideen, bis sie endlich den Grund der Bucht erreicht hatten, der jetzt, in der Nachmittagshitze verlassen da lag. Träge schwappten kleine Wellen an den Strand und die auf Sand gesetzten Fischerboote, Möven kreischten in den Klippen über ihnen und kaum ein Windhauch verirrte sich hierher. Ein kleines Stück den Strand hinauf lag einen Nische zwischen den hohen Steine, die sowohl eine Sitzplatz, als auch Schatten bot. Tief holte er Luft, dann setzte er den jüngeren Scovell dort ab und unterbrach damit etwas rüde dessen fröhliches geplapper.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich muss mit dir reden."</span><br />
<br />
Mehr sagte Gregory zunächst allerdings nicht, sondern sah Trevor eindringlich an, so wie er es nur dann tat, wenn es etwas wirklich ernstes zu besprechen galt und wartete ab, bis das bei seinem Bruder auch angekommen war.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[The Demand of Flags in Times of War]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=840</link>
			<pubDate>Tue, 21 Jan 2020 12:00:00 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=2">Lucien Dravean</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=840</guid>
			<description><![CDATA[<blockquote><i>Die Szene spielt etwa 15 Minuten nach der Abstimmung über das Vorgehen auf Mîlui und die Wahl eines Quartiermeisters. Letzteres wurde vorläufig vertagt. Die Sphinx liegt noch immer in der versteckten Bucht und die Crew bereitet sich aufs Auslaufen mit der nächsten Flut vor. Cornelis und Scortias bleiben an Bord und begleiten die Mannschaft zunächst bis zur nächsten Insel, bevor sie sich entscheiden müssen, ob sie bleiben, oder nicht. Ryan ist ebenfalls noch an Bord und kann sich frei bewegen. Seit der Flucht von der Morgenwind sind 11 Tage vergangen.</i><br />
<br />
<center>26. März 1822 | provisorisches Lazarett der Sphinx | gegen Mittag</center></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Lucien">Er hatte nicht erwartet, dass es derart anstrengend sein würde, so lange nur zu <i>stehen</i>. Und doch spürte er nun, gute zehn Minuten nachdem sich die kleine Versammlung an Deck aufgelöst hatte, wie sich Erschöpfung bleiern über seine Glieder legte. Sein Herz schlug schnell, mühsam, pumpte Blut durch Muskeln, die gerade erst begannen, wieder zu wachsen. Aber an seinem Körper gab es ja immer noch nicht viel, woraus er Kraft hätte schöpfen können. Obwohl er mit dem Arbeiten längst wieder begonnen hatte, war er immer noch nicht so weit, dass er Anstrengung eine Weile durchhielt, ohne zu ermüden. <br />
Und anstrengend war diese Begegnung unter der sengenden Sonne definitiv gewesen. Aspens offensichtliches Missfallen gegen einen zweiten Captain, Gregorys Bedenken diesbezüglich. Das Missfallen, das bei der Frage nach einem Quartiermeister entstanden war. Mit Sicherheit nicht die erste unangenehme Auseinandersetzung mit einer Crew in seinem Leben – aber mit siebzehn oder achtzehn war er gesünder gewesen, als jetzt. Gefestigter. <br />
In der Kapitänskajüte goss sich Lucien einen Krug voll Wasser ein, trank ihn in einem einzigen Anlauf leer und stieß schließlich leise die Luft aus. Ruhe gönnte er sich vorerst keine, obgleich er am Vormittag noch unterwegs gewesen war und sein Körper die Pause gut hätte vertragen können. <br />
Noch nicht. Ihn ließ da etwas nicht los. <br />
Also stellte er den Krug ab, verließ die Kajüte und machte sich auf den Weg unter Deck, wo die Mannschaft nach dem Überfall auf die <i>Morgenwind</i> ein provisorisches Krankenlager errichtet hatte. Leise Geräusche hinter dem Vorhang verrieten dem Dunkelhaarigen, dass Gregory bereits wieder seiner Tätigkeit nachging – oder irgendeiner Tätigkeit zumindest. Doch er sah den Älteren erst, als er die Treppe, die er hinunter gekommen war, umrundet hatte und einen Blick durch die Öffnung in den Vorhängen werfen konnte. Unterhalb der Treppe blieb er stehen, beobachtete den Mann einen kurzen Moment lang, bevor er die Hand hob und vernehmlich gegen das Holz der Stufen klopfte, um auf sich aufmerksam zu machen.<br />
<br />
„<i>Gregory.</i>“ <br />
<br />
Eine Feststellung, keine Frage. Es schwang auch nicht die unausgesprochene Erkundigung darin mit, ob sein Gegenüber überhaupt Zeit für ein Gespräch hatte – wie es vielleicht angebracht gewesen wäre. Lucien wartete lediglich, bis der Arzt sich ihm zuwandte, bevor ein flüchtiges Lächeln über seine Lippen huschte und er unverblümt, wenn auch mit freundlicher Tonlage, das Thema ansprach, das ihn hergeführt hatte. <br />
<br />
„<i>Ich hoffe, du nimmst dir die Ablehnung der anderen nicht zu sehr zu Herzen?</i>“</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><i>Die Szene spielt etwa 15 Minuten nach der Abstimmung über das Vorgehen auf Mîlui und die Wahl eines Quartiermeisters. Letzteres wurde vorläufig vertagt. Die Sphinx liegt noch immer in der versteckten Bucht und die Crew bereitet sich aufs Auslaufen mit der nächsten Flut vor. Cornelis und Scortias bleiben an Bord und begleiten die Mannschaft zunächst bis zur nächsten Insel, bevor sie sich entscheiden müssen, ob sie bleiben, oder nicht. Ryan ist ebenfalls noch an Bord und kann sich frei bewegen. Seit der Flucht von der Morgenwind sind 11 Tage vergangen.</i><br />
<br />
<center>26. März 1822 | provisorisches Lazarett der Sphinx | gegen Mittag</center></blockquote>
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<blockquote><div class="Lucien">Er hatte nicht erwartet, dass es derart anstrengend sein würde, so lange nur zu <i>stehen</i>. Und doch spürte er nun, gute zehn Minuten nachdem sich die kleine Versammlung an Deck aufgelöst hatte, wie sich Erschöpfung bleiern über seine Glieder legte. Sein Herz schlug schnell, mühsam, pumpte Blut durch Muskeln, die gerade erst begannen, wieder zu wachsen. Aber an seinem Körper gab es ja immer noch nicht viel, woraus er Kraft hätte schöpfen können. Obwohl er mit dem Arbeiten längst wieder begonnen hatte, war er immer noch nicht so weit, dass er Anstrengung eine Weile durchhielt, ohne zu ermüden. <br />
Und anstrengend war diese Begegnung unter der sengenden Sonne definitiv gewesen. Aspens offensichtliches Missfallen gegen einen zweiten Captain, Gregorys Bedenken diesbezüglich. Das Missfallen, das bei der Frage nach einem Quartiermeister entstanden war. Mit Sicherheit nicht die erste unangenehme Auseinandersetzung mit einer Crew in seinem Leben – aber mit siebzehn oder achtzehn war er gesünder gewesen, als jetzt. Gefestigter. <br />
In der Kapitänskajüte goss sich Lucien einen Krug voll Wasser ein, trank ihn in einem einzigen Anlauf leer und stieß schließlich leise die Luft aus. Ruhe gönnte er sich vorerst keine, obgleich er am Vormittag noch unterwegs gewesen war und sein Körper die Pause gut hätte vertragen können. <br />
Noch nicht. Ihn ließ da etwas nicht los. <br />
Also stellte er den Krug ab, verließ die Kajüte und machte sich auf den Weg unter Deck, wo die Mannschaft nach dem Überfall auf die <i>Morgenwind</i> ein provisorisches Krankenlager errichtet hatte. Leise Geräusche hinter dem Vorhang verrieten dem Dunkelhaarigen, dass Gregory bereits wieder seiner Tätigkeit nachging – oder irgendeiner Tätigkeit zumindest. Doch er sah den Älteren erst, als er die Treppe, die er hinunter gekommen war, umrundet hatte und einen Blick durch die Öffnung in den Vorhängen werfen konnte. Unterhalb der Treppe blieb er stehen, beobachtete den Mann einen kurzen Moment lang, bevor er die Hand hob und vernehmlich gegen das Holz der Stufen klopfte, um auf sich aufmerksam zu machen.<br />
<br />
„<i>Gregory.</i>“ <br />
<br />
Eine Feststellung, keine Frage. Es schwang auch nicht die unausgesprochene Erkundigung darin mit, ob sein Gegenüber überhaupt Zeit für ein Gespräch hatte – wie es vielleicht angebracht gewesen wäre. Lucien wartete lediglich, bis der Arzt sich ihm zuwandte, bevor ein flüchtiges Lächeln über seine Lippen huschte und er unverblümt, wenn auch mit freundlicher Tonlage, das Thema ansprach, das ihn hergeführt hatte. <br />
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„<i>Ich hoffe, du nimmst dir die Ablehnung der anderen nicht zu sehr zu Herzen?</i>“</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Del dicho al hecho hay un gran trecho]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=757</link>
			<pubDate>Thu, 06 Jun 2019 15:59:13 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=23">Enrique de Guzmán</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=757</guid>
			<description><![CDATA[<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><span style="font-size: xx-large;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Del dicho al hecho hay un gran trecho</span></span><br />
<br />
04. April 1822 | Mîlui | nach Einbruch der Nacht | Lucien und Enrique<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Del dicho al hecho hay un gran trecho. <br />
Einfacher gesagt als getan.</span> </div>
<br />
<br />
<blockquote><div class="Enrique">Lange hatte er sie beobachtet, sie still verflucht und sich in die Schatten gedrückt. Er hatte gewartet, bis er sicher war, dass sie sie nicht mehr woanders hinschaffen würden und war dann zur Sphinx zurückgekommen, hatte einfach mit dem Dingi übergesetzt und war schnurstracks zur Kapitänskajütte marschiert, die Hände und Unterarme dunkel von altem Blut und Schmutz, das Gesicht und die nackte Brust ebenfalls damit verschmiert, ein Feuer in den Augen, dass versprach, die Welt zu versengen, sollte man es wagen, sich ihm in den Weg zu stellen. <br />
Er hatte auch nicht gewartet, sondern einfach die Tür aufgerissen und war hineinmarschiert, hatte das Bündel aus seinem Hemd, der Weste, dem erbeuteten Schmuck und Skadis Bogen auf den Tisch gepfeffert, nur darauf wartend, dass Talin ihn anfahren würden, doch der Kapitän war allein gewesen. <br />
Aber auch ihn hatte er nicht zu Wort kommen lassen:<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Es ist Zeit, dass du mir beweist, dass dein Wort mehr Wert ist als heiße Luft und die Carta als das Pergament auf dem sie steht. Du wirst mich jetzt begleiten, denn <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">wir</span> haben ein Problem, das keinen Aufschub duldet. Beweg dich, ich erkläre es dir unterwegs!"</span><br />
<br />
Enriques Ton war kalt und hart gewesen, doch die Spuren auf den Wangen, das zerraufte Haar und die ungewöhnliche Gleichgültigkeit seinem Äußeren gegenüber verrieten deutlich, dass weit mehr im Argen lag, als er Preis gab.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><span style="font-size: xx-large;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Del dicho al hecho hay un gran trecho</span></span><br />
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04. April 1822 | Mîlui | nach Einbruch der Nacht | Lucien und Enrique<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Del dicho al hecho hay un gran trecho. <br />
Einfacher gesagt als getan.</span> </div>
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<br />
<blockquote><div class="Enrique">Lange hatte er sie beobachtet, sie still verflucht und sich in die Schatten gedrückt. Er hatte gewartet, bis er sicher war, dass sie sie nicht mehr woanders hinschaffen würden und war dann zur Sphinx zurückgekommen, hatte einfach mit dem Dingi übergesetzt und war schnurstracks zur Kapitänskajütte marschiert, die Hände und Unterarme dunkel von altem Blut und Schmutz, das Gesicht und die nackte Brust ebenfalls damit verschmiert, ein Feuer in den Augen, dass versprach, die Welt zu versengen, sollte man es wagen, sich ihm in den Weg zu stellen. <br />
Er hatte auch nicht gewartet, sondern einfach die Tür aufgerissen und war hineinmarschiert, hatte das Bündel aus seinem Hemd, der Weste, dem erbeuteten Schmuck und Skadis Bogen auf den Tisch gepfeffert, nur darauf wartend, dass Talin ihn anfahren würden, doch der Kapitän war allein gewesen. <br />
Aber auch ihn hatte er nicht zu Wort kommen lassen:<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Es ist Zeit, dass du mir beweist, dass dein Wort mehr Wert ist als heiße Luft und die Carta als das Pergament auf dem sie steht. Du wirst mich jetzt begleiten, denn <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">wir</span> haben ein Problem, das keinen Aufschub duldet. Beweg dich, ich erkläre es dir unterwegs!"</span><br />
<br />
Enriques Ton war kalt und hart gewesen, doch die Spuren auf den Wangen, das zerraufte Haar und die ungewöhnliche Gleichgültigkeit seinem Äußeren gegenüber verrieten deutlich, dass weit mehr im Argen lag, als er Preis gab.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Land of all]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=752</link>
			<pubDate>Thu, 23 May 2019 22:49:37 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=752</guid>
			<description><![CDATA[<link href="https://fonts.googleapis.com/css?family=Special+Elite" rel="stylesheet">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><font style="font-family: 'Special Elite', cursive; font-size:24px;">Land of all</font><br />
<font style="text-transform:uppercase; font-size:10px;">I took a chance to build a world of mine<br />
A one way ticket for another life<br />
On a petrol stained sailboat<br />
<br />
<b>31.03.1822 |Greo & Skadi | abends im Wald von Mîlui</b></font><br />
</div>
<br />
<blockquote><div class="Greo">Langsam zog Greo sich einen dünnen, halblangen Mantel an und warf einen ruhigen Blick zurück auf das Schiff, dessen Konturen sich klar und finster gegen die Dämmerung abzeichnete. Ein paar vereinzelte Lichter brannten und auch Greo hatte noch ein kleines Öllämpchen bei sich auf einem Felsen stehen, das jedoch nur einen zaghaften Schimmer verstrahlte, der kaum bis zu seinem Oberschenkel reichte. Er atmete tief durch, genoss eine Brise, die ihm das Haar zauste und setzte dann seinen Deckel – pardon, Hut – wieder auf den rechtmäßigen Platz zurück. Er brauchte ein wenig Bewegung. Die lange Zeit auf dem Wasser, die unermüdliche Arbeit im Bauch des Schiffes, all das zehrte langsam an seinen Nerven. Ein bisschen Abwechslung war ihm willkommen. Er wusste noch nicht, wohin es ihn zog. Die Umgebung war ihm nach wie vor weitestgehend unvertraut. Aber er mochte sie gerne erkunden. Greo scharrte etwas mit den Stiefeln auf dem Untergrund und rückte den Gürtel zurecht, in dem er allerlei kleine Gegenstände, wie seine Schafschere mit sich herumtrug. Das Klimpern gefiel ihm nicht. Kurzerhand machte er sich daran zu schaffen die verräterischen Laute zu unterbinden, indem er den Inhalt neu umsortierte. So viel Zeit musste sein.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Mit einem kleinen Satz sprang Skadi aus dem winzigen Beiboot, das sie behutsam über den Sand in Richtung Buschwerk zog. Seit einigen Stunden war die Crew ausgeflogen und nur tröpfchenweise wieder zurück an Board. Lieber nutzte sie die Gelegenheit frühzeitig vom Deck ans Ufer zu verschwinden, ehe sich jemand an ihre Versen heftete und ihr beim ersten Jagdausflug auf Mîlui Gesellschaft leisten wollte. Nachdem Trevor bereits ihre ersten Ambitionen auf der verlassenen Insel zunichte gemacht hatte, war die Nordskov nicht sonderlich erpicht darauf, es wieder mit jemandem zu versuchen. Sie musste sich konzentrieren.  Und das ging nicht, wenn sie alle Nase lang damit beschäftigt war, mit eindringlichen Blicken um Ruhe zu bitten oder einem davon huschenden Trevor hinterher zu rennen wie eine Glucke. <br />
Bemüht leise schob sie somit die kleine Jolle über den Sand in Richtung des dichten Buschwerks. Überdeckte das Schiffchen mit einigen Ästen, ehe sie sich davon entfernte und mit einem letzten prüfenden Blick in den Wald hinein lief.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Nachdem er die Ursache für die störenden Geräusche beseitigt hatte, lächelte er leise in sich rein und löschte die Lampe, die er auf dem Gestein zurückließ. Das war ein bisschen wie früher, wenn er mit den Hunden morgens seine Runden um die Weiden zog und sich nicht verraten wollte. Es bestand immerhin die Gefahr einem gefährlichen Tier über den Weg zu laufen, Buschmännern oder potenziellem Frühstück. Er ahnte nicht, dass sich die Frau-die-mal-ein-Mann-war-und-jetzt-nicht-mehr sich ebenfalls auf den Weg auf eine einsame Unternehmung gemacht hatte. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, ihr wie ein lüsterner Bengel nachzulaufen. Er hatte sich ebenfalls zwischen die Büsche gezwängt, mit weichen, fließenden Bewegungen, um möglichst wenig anzuecken und Äste zum Schwingen zu bringen. Er stieg eine kleine Anhöhe hinauf. Ohne es zu wissen, näherte er sich in einem Winkel von etwa neunzig Grad einem Menschen. Er war so auf das Geräusch seiner Schuhe auf dem Untergrund konzentriert, dass ihm ihre Anwesenheit entging. Greo hatte den Kopf zum Blätterdach über sich gerichtet. Das war ein Fehler. Sein Stiefel glitt über einen schmierigen Rest Holz, der schon im Begriff war gänzlich zu verfaulen. Er stürzte mit einem überraschten Laut rücklings hinab, konnte noch die Arme schützend über den Kopf reißen und schlitterte, polterte, drehte sich schmerzhaft den Hügel hinunter – direkt auf Skadi zu.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi">
Vorsichtig zog sich Skadi im Gehen die Schuhe von den Füßen. Genoss den kühlen Waldboden an den Sohlen und zwischen den Zehen. Spürte bereits wie jede Vibration durch ihre Beine rauschte und ihre Schritte fast lautlos werden ließ. In einer fließenden Bewegung verknotete sie die ledernen Lappen an ihrem Hüftholster und schlich in leichten Drehungen und Biegungen ihres Körpers durch das Unterholz. Gewöhnte sich allmählich an das schummrige Zwielicht, das sich durch das dichte Blattwerk über ihr immer mehr verdunkelte. Es war genau die richtige Zeit für eine Jagd. Der Moment zwischen Tag und Nacht, wo das Leben erneut erwachte. Ungesehen von den Augen der Menschen, die sich in ihre Häuser zurück zogen und den wilden Tieren endlich jenen Raum zurück gaben, der einst ihr Eigentum gewesen war.<br />
Mit gesenktem Kopf begab sich Skadi bereits wenige Meter vom Waldrand entfernt in die Hocke. Prüfte mit ausgestrecktem Arm ein kleine Spur im Waldboden, die sie beinahe übersehn hätte. Fuhr die Ränder sorgsam mit den Fingerspitzen nach und zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. Irgendetwas musste die Tiere bis an den Rand des Wald gescheucht haben. Etwas Großes und... Schweres. Doch noch ehe sie sich weitreichende Gedanken darum machen konnte, hallte ein erschrockener Laut durch das Unterholz. Näherte sich der Nordskov mit einem unerwarteten Tempo und rauschte einer dunklen Kanonenkugel gleich durch den Busch wenige Meter neben ihr. Mit entsetztem Blick hechtete der schmale Körper voraus und beobachtete wie der hoch gewachsene Körper Greos endlich zum Stillstand kam. Mit pochendem Herzen starrte sie auf den Hut, der einige Armlängen weiter gerollt war und lautlos zur Seite kippte. Blickte dann erst auf den Hünen zurück, dessen Mantel wie eine Schlange wild um ihn gewickelt war. Erst als sie bereits einige Schritte auf ihn zuging, erkannte sie das Gesicht und atmete erleichtert ein. Zumindest kannte sie den Unruhestifter - wenn auch nicht so gut, wie sie es gerne hätte. <br />
<i>"Hey... hast du dir weh getan?"</i> Mit erhobener Augenbraue ließ sich die Dunkelhaarige neben dem Kameraden in die Hocke nieder. Reicht ihm helfend eine Hand und musterte das bärtige Gesicht.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Bei seinem Sturz war er auf das Steißbein geprallt und ein heißer Schmerz schoss seine Wirbelsäule hoch. Er konnte sich allerdings nicht darauf konzentrieren, denn während er über Stock und Stein hinwegrutschte, musste er irgendwie die kleinen Zweige abwehren, die ihm ins Gesicht peitschten und wie hinterhältig nach seinen Augen haschten. Das Hemd kräuselte sich hoch und ballte sich unter seinen Achseln, der Mantel hatte sich fast übergestülpt und klemmte ihm irgendwie die Arme fest. Herrje, so was war ihm aber lange nicht mehr passiert. Wo war sein Hut, wo, wo? Verwirrt und mit schwummrigen Kopf verharrte er reglos auf der Stelle, die Beine in einem dornigen Geäst verhakt und kurz verwundert darüber, dass er bis auf Schürfwunden wahrscheinlich nichts Übleres zu vermelden hatte. Seine Sicht musste sich erst wieder zusammensetzen und er zuckte trotz seiner Verwirrung alarmiert zusammen, als sich etwas näherte und über ihn beugte. Er strampelte, hing aber weiter fest und rammte sich die Dornen durch die Hose die Beine entlang. Dann keuchte er, ließ den Kopf zurück auf den Boden fallen und glubschte zu der Frau hoch. Die kannte er doch? Oder hatte er Halluzinationen? <br />
Ihm fiel mehr als eine Person ein, die bei seinem Auftritt in Lachen ausgebrochen wäre (er selbst hätte vielleicht auch ein Schmunzeln nicht unterdrücken können), aber er war dankbar, dass sie ruhig blieb und sich Hilfe erteilend nach seinem Befinden erkundete.<br />
<i>„Ah, ich glaube, ich lebe.“</i>, würge er hervor, wischte sich mit einer Hand über das Haar, das ein paar Blätter eingesammelt hatte und ergriff mit der anderen langsam ihre Hand, um sich hochhelfen zu lassen. War das das erste Mal, das er sie berührte? Greo mied Kontakt nicht grundsätzlich, war aber gerade bei Frauen eher reserviert. Ausnahme war Shanaya, die kannte er einfach schon zu gut. Er zog sich hoch, verlor dabei seinen Schuh im Buschwerk und kam lahm auf die Füße. Sein Hintern pochte. Ein unangenehmes Gefühl. Zaghaft klopfte er sich ab. Der Dreck kümmerte ihn nicht, aber er wollte gucken, ob noch alles in Ordnung war. <I> „Danke.“</i>, sagte er, schaute Skadi etwas unbeholfen an und ging dann auf alle Viere, um seinen Stiefel hervorzukramen. Als er ihn endlich hatte, zog sich ein blutiger Striemen über sein Kinn. Ärgerlich wischte er ihn ab und hielt ein wenig dümmlich den Stiefel in der Hand. Ihm war das ein bisschen peinlich. <I> „Ich wollte dich nicht attackieren.“</i>, sagte er, um den Moment zu überbrücken, glotzte auf ihre Füße und zog kurzerhand auch seinen zweiten Stiefel aus. Das schien besser zu sein.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Wie er so strampeln im Gebüsch hing, hatte schon etwas von einer Schildkröte. Die langen Arme und Beine von sich gestreckt ohne die geringste Chance aus der Falle heraus zu kommen, die ihn gefangen hielt. Dass er noch lebte war angesichts des freien Falls, in den er sich begeben hatte vielleicht keine Selbstverständlichkeit. Mit einem kurzen Seitenblick verfolgte Skadi seine Spur zurück und den Hügel hinauf, bis ihre Sicht kaum mehr als Dunkelheit übrig ließ. Half ihm dann mit einem beherzten Griff wieder auf die Beine und musterte ihn mit schief gelegtem Kopf. Er wirkte reichlich neben sich. Nichts was sie angesichts des heftigen Sturzes verwunderte. Dennoch war es ungewohnt ihn so zu sehen. Auf dem Schiff glich jede seiner Bewegungen einer eingeübten Tanzeinlagen. Vorausgesetzt sein Kopf traf nicht gegen eine niedrig hängende Decke. <br />
<br />
<i>“Ich frage mich wer hier wen attackiert hat.“</i>, entgegnete sie seinen Worten mit einem Schmunzeln und lächelte eine Spur breiter als sie kurz einen Schritt voraus setzte und einen winzigen Zweig aus seinen Haaren zupfte. Man, der Wald hatte es wirklich gut mit ihm gemeint. <br />
<br />
<i>“Und du hast dir wirklich nichts getan?“</i> Wieder musterte sie ihn eindringlich von Kopf bis Fuß und warf beiläufig den Zweig zur Seite. Bemerkte wie er sich bereits den verbliebenen Schuh vom Fuß zog und etwas peinlich berührt den Blick auf ihre Füße gesenkt hielt.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Greo betrachtete kurz unschlüssig seine dreckigen Hände und wischte sie dann schulterzuckend kurzerhand an der Hose ab. Das Kind war schließlich schon in den Brunnen gefallen. <i> „Als ob die Insel nicht erpicht auf meinen Besuch wäre.“ </i> Vielleicht hatte er irgendwelche fremden Götter erbost. Er schaute wieder hoch und registrierte die Bewegung nah an seinem Gesicht, als sie ihm das Haar nach einem Zweig lauste. Er konnte ein leichtes Zurückweichen vor der Nähe nicht verhindern, schenkte ihr aber ein mildes Lächeln. <i> „Ich schätze, das zeigt sich die Tage.“ </i>, meinte er und dachte an lauter blaue Flecken am Rücken. Dann fummelte er aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel ein zusammengerolltes Stück Leinen heraus, das sich als überraschend groß entpuppte, als er es aufschlug und damit eine Art Sack für die Stiefel fabrizierte. Er band sich das Bündel quer über die Schulter, zog einen noten vor seiner Brust fest. Schließlich bückte er sich nach seinem Hut, schüttelte ihn aus und stopfte ihn sich wieder über den Schädel. Er wirkte erleichtert. Ohne Hut war einfach etwas verkehrt. Danach gucke er wieder etwas deplatziert drein und presste die Lippen zusammen. Was sollte er jetzt sagen? Was machte sie hier eigentlich? <i> „Ich wollte eigentlich nur mal schauen, was hier so rumkeucht und fleucht. Ich nehme an, du ebenfalls?“ </i> Das ging ihn nicht die Bohne was an – aber sie konnte ja im Zweifelsfall lügen und ihn schnell wieder loswerden.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Bei seinen Worten musste sie unweigerlich schmunzeln. Ihr selbst war der Gedanken bereits durch den Kopf geschossen, noch bevor sie ihre Worte ausgesprochen und sich an seinen Haaren zu schaffen gemacht hatte. Gut möglich, dass die Insel ihn zurück auf das Schiff bringen wollte, aus Sorge, dass er im Gewimmel der Stadt einen ausgiebigen Fußmarsch entfernt unterging. Sein Zurückweichen nahm sie kommentarlos wahr. Sie hätte womöglich ähnlich reagiert, wenn sie an seiner Stelle gewesen wäre. Berührungen waren etwas, das die Nordskov nur ungern zuließ. Vor allem bei Männern, wie nur einem aufmerksamen Beobachter aufgefallen wäre. Meist sträubten sich sämtliche Härchen auf ihrem Körper, sobald sich auch nur eine Fingerspitze auf ihr niederließ. Greos entschuldigendem Lächeln allerdings begegnete sie mit einem erneuten Schmunzeln. Er sollte nicht das Gefühl haben, dass sie ihm irgendetwas böse nahm. Dafür hätte er sie mutwillig von den Füßen reißen müssen. Und selbst dann hätte sie ihn kaum derart feindselig anfunkeln können, wie sie es bereits bei so manchen Menschen getan hatte.<br />
<i>"Ich würde ja vermuten, dass du deine letzte Ration nicht aufgegessen hast aber.. wir wissen beide, dass das nicht stimmt."</i><br />
Mit einem Zwinkern wandte sich der hoch gewachsene Körper der Nordskov zur Seite. Beobachtete Greo eine Weile, während er sein Hab und Gut verstaute und dann ebenso unschlüssig stehen blieb wie noch wenige Herzschläge zuvor. Gott, er musste sich wirklich mal etwas entspannen. Gerade als sich der dunkle Haarschopf herum wandte, um den Weg durch das Unterholz wieder aufzunehmen, erhob sich seine dunkle Stimme und ließ sie noch in der Bewegung innehalten. Es war das erste Mal, dass sich jemand für eine Erkundungstour interessierte, der nicht Shanaya hieß und mit hellen blauen Augen beglückt war.<br />
Erst huschte ein deutliches Nicken durch ihren Körper. Wenig später wandte sie sich wieder halb herum und schob einen Daumen zwischen ihre Brust und die Sehne des Bogens, der über ihre Schulter geklemmt war. <i>"So kann man es sagen."</i>, erwiderte sie ruhig und lächelte dann. <i>"So lange wie wir hier ankern will ich etwas Frischfleisch für unsere nächste Reise besorgen. Vielleicht ....willst du mich begleiten?"</i> Wieder sackte ihr Kopf leicht zur Seite, während sie fieberhaft darüber nachdachte, ob Greo sie nur aus reiner Höflichkeit gefragt hatte. <i>"Ich glaube du bist einer der wenigen, der etwas von Tieren versteht."</i><br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> <i> „Ist das so offensichtlich?“ </i>, murmelte auf den Essens-Kommentar hin, zuckte dann aber schuldig gesprochen die Schultern und schaute sich um. Je dunkler es wurde, desto wohler fühlte er sich. Greo hatte was für Extreme übrig: extreme Hitze, extreme Sonne, aber auch extreme Finsternis. Es hatte einerseits etwas Bedrückendes, andererseits etwas Beruhigendes an sich. Er konnte zwar weniger sehen, da die Linien der Umgebung sich in der Dunkelheit nahezu auflösten, aber das hieß, dass er ebenfalls kaum sichtbar war. Er genoss das Gefühl, unsichtbar zu sein. Unbedeutend. Ein Schauder flimmerte über seine Haut. Wie schön waren die Wälder in der Dämmerung. Der Faden dieses Gedankens zerriss, als sie antwortete und verweilte, obwohl sie Anstalten gemacht hatte, sich abzuwenden. Vielleicht war das hier ja eine Möglichkeit wieder mal jemanden aus der Mannschaft ein wenig kennen zu lernen. Schaden konnte es nicht. Greo folgte im schwachen Licht ihrer Bewegung und schaute den Bogen an. Nie hatte er so eine Waffe in der Hand gehabt, geschweige denn bedient. Helfen konnte er ihr also nicht bei der Jagd, er konnte der möglichen Beute lediglich schnell ein Ende bereiten. Er nickte und bedeutete ihr mit einem leichten Wink des Arms voranzugehen. Sie hatte den Bogen, sie war die Jägerin, sie kannte am ehesten den richtigen Pfad. <i> „Kommt auf das Tier an.“ </i>, meinte er und fragte sich, was hier so alles zwischen den Wurzeln kauerte. <i> „Sind ja schließlich überall anders.“</i><br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Nun. Wenn man ihn ein wenig beobachtete, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mit dem Essen der Sphinx eine innige Beziehung führte. Doch angesichts seiner Größe und der harten Arbeit, die er leistete, ließ sich kaum etwas dagegen sagen. Skadi selbst hätte es ohnehin nicht getan - ihr standen solcherlei Dinge nicht zu. Ganz abgesehen davon, dass sie ihm wie allen anderen auch ohne zu Murren ihren Teil überlassen hätte, wenn es hart auf hart käme. <i>"Wenn man sich für mehr als nur sich selbst interessiert, kann einem das schon auffallen."</i>, erwiderte sie ihrerseits  mit einem Schulterzucken und ohne jegliche Wertung in der Stimme. Es war vielleicht ihrer Ausbildung geschuldet, dass sie ihre Umgebung pausenlos im Blick behielt - zumindest in den meisten Fällen. Vor allem dann, wenn sie sich zwangsläufig zwischen Menschen wiederfand, die allesamt fremd und potentiell gefährlich für sie werden konnten. Nur weil man ihr eine sichere Reise versprach, hieß das noch lange nicht, dass jedes Mitglied der Crew sich strickt daran hielt.<br />
Langsam setzte sich der schmale Körper wieder in Bewegung, als der Hüne mit wenigen Schritten zur ihr aufholte und mit einer Bewegung seines Arms bedeutet voraus zu gehen. <i>"Mag sein."</i> Immer wieder streckte sie ihre Hand voraus, um einen Ast lautlos aus dem Weg zu schieben und wandte sich halb auf den Zehenspitzen herum, damit Greo es ihr gleich tat und sie ihm nicht blind das Geäst ins Gesicht donnerte. Sein Körper sollte nicht noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, als ohnehin schon.<br />
<br />
Eine Weile liefen sie somit in ihrer kleinen Kolonne durch die Dunkelheit. Verursachten kaum einen Laut und verschmolzen regelrecht mit der aufkommenden Geräuschkulisse der anbrechenden Nacht. Skadi musste sich eingestehen, dass sie Greos Leichtfüßigkeit bewunderte. Ebenso erstaunt darüber war, wie umsichtig er sich an den Büschen und Bäumen vorbei schlängelte. Mit erhobener Hand blieb sie zwei Armlängen vor ihm stehen. Lauschte in die Stille hinein, die nur hier und da von ein paar Grillen und einem Vogelruf durchbrochen wurde. Irgendetwas schnüffelte nur wenige Meter vor ihnen im Unterholz. Wurde lauter, ganz als näherte es sich Herzschlag um Herzschlag dem Zweiergespann. Skadi regte sich keinen Millimeter. Blendete das Rauschen in ihren Ohren aus und versuchte in der Dunkelheit die Konturen des wilden Tieres auszumachen. Begann dann in Zeitlupe ihren Bogen vom Oberkörper zu heben und einen Pfeil aus ihrem Köcher zu ziehen.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Es war eine gute Entscheidung gewesen, sich der Stiefel zu entledigen. Mit nackten Füßen konnte er den Boden besser fühlen, sich den Weg in der Dunkelheit sachte ertasten. Er war auch deswegen vorsichtiger, weil er nicht wieder stürzen wollte und sich an zu Hause erinnerte, wo man barfuß schnell mal in etwas reintreten konnte, was potenziell giftig und lebensbedrohlich war. Also sachte voran. Dabei hielt er Abstand zu Skadi, hielt sich etwas geduckt und zog auch wohlweißlich nicht die Schafschere, das einzige, was er hätte als ernsthafte Waffe verwenden konnte. Nicht einmal das kleine Taschenmesser, das er bei sich trug, hatte so lange und scharfe Klingen. Und er glaubte nicht, die Schere jetzt zu brauchen, er ging einfach davon aus, dass Skadi wusste, was sie tat. Mit ihr legte er sich lieber nicht an. Jäger wussten, wo die verletzlichen Adern und Organe lagen. Außerdem war sie ihm noch ein wenig suspekt, weil sie schließlich in Verkleidung rumgelaufen war. Das konnte er ihr nicht verübeln, aber es machte ihn ein wenig skeptisch.<br />
Jetzt allerdings behielt er die Vorsicht vor ihr lediglich im Hinterkopf und konzentrierte sich auf die Jagd. Er nahm die Äste lautlos entgegen, die sie zurückbog und schlich ihr nach. Als sie stehen blieb, verharrte auch er mit flachem, beherrschtem Atem. Interessiert beobachtete er als passiver Teilhaber, ob sie einen Pfeil anlegen und das Tier – was auch immer es war – treffen würde.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Ihr Herzschlag verlangsamte sich mit jedem tiefen Atemzug, den sie zwischen ihren Bewegungen einschob. Konzentrierte sich voll und ganz auf das potentielle Ziel in den Büschen, während Greo im Hintergrund verschwamm. Womöglich hatte sie auf keinen besseren Jagdbegleiter treffen können. Selbst wenn dieser ihr mit reichlich Vorsicht und Skepsis begegnete. Verübeln konnte ihm das keiner. Er teilte diese Ansicht sicherlich mit mehr als einer Hand voll seiner Crew. Doch Skadi hatte weiß Gott andere Probleme als sich um das mangelnde Vertrauen zu sorgen, das man ihr entgegen brachte. Sie wusste, dass sie sich beweisen musste, wenn sie länger auf der Sphinx bleiben wollte. Ebenso gut, dass es eigentlich mehr eine Frage der Zeit denn des "ob überhaupt" war - immerhin hielt sie sich nicht für einen vollkommen unumgänglichen Typ Mensch. Etwas direkt und zuweilen brutal, doch keineswegs falsch.<br />
Ein erneutes Rascheln ließ ihre Augen schmaler zusammen fahren. Jede Faser ihres Körpers kribbelte aufgeregt. War zum Zerreißen gespannt auf das, was sich vor ihnen im Dickicht versteckt hielt. Und doch blieb ihr Bogen locker vor ihrer Brust gen Boden gerichtet. Untätig und lauernd. Solange sie die Anwesenheit eines Menschen nicht ausschließen konnte, würde sie nicht blindlings einen ihrer Pfeile ins Buschwerk jagen. Diesen Fehler hatte sie einmal als junges Mädchen gemacht und für die nächsten Tage als blaue Male auf dem Körper getragen. Ihr Vater hatte vor Wut regelrecht geschäumt. Die Narbe an seinem Arm war aber ohne große Komplikationen verheilt. <br />
Drückende Stille legte sich über das kleine Waldstück. Überzog ihre Körper mit einer dunklen, samtigen Decke, die Skadi augenblicklich die Luft anhalten ließ. Sie spürte, dass es bald soweit sein würde. Straffte bereits ihre Finger um den Bogen... und spannte ihn blitzschnell, als mit ohrenbetäubendem Lärm flatternde Körper aus dem Busch gen Baumkronen stoben. Für ein zwei Herzschläge folgte Skadi einem der großen Vögel mit ihrem Bogen. Ließ dann die Sehne mit einem leisen Zischeln voraus schnellen... und versenkte den Pfeil mit etwas Glück im Leib des langsamsten Tieres. </div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href="https://fonts.googleapis.com/css?family=Special+Elite" rel="stylesheet">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><font style="font-family: 'Special Elite', cursive; font-size:24px;">Land of all</font><br />
<font style="text-transform:uppercase; font-size:10px;">I took a chance to build a world of mine<br />
A one way ticket for another life<br />
On a petrol stained sailboat<br />
<br />
<b>31.03.1822 |Greo & Skadi | abends im Wald von Mîlui</b></font><br />
</div>
<br />
<blockquote><div class="Greo">Langsam zog Greo sich einen dünnen, halblangen Mantel an und warf einen ruhigen Blick zurück auf das Schiff, dessen Konturen sich klar und finster gegen die Dämmerung abzeichnete. Ein paar vereinzelte Lichter brannten und auch Greo hatte noch ein kleines Öllämpchen bei sich auf einem Felsen stehen, das jedoch nur einen zaghaften Schimmer verstrahlte, der kaum bis zu seinem Oberschenkel reichte. Er atmete tief durch, genoss eine Brise, die ihm das Haar zauste und setzte dann seinen Deckel – pardon, Hut – wieder auf den rechtmäßigen Platz zurück. Er brauchte ein wenig Bewegung. Die lange Zeit auf dem Wasser, die unermüdliche Arbeit im Bauch des Schiffes, all das zehrte langsam an seinen Nerven. Ein bisschen Abwechslung war ihm willkommen. Er wusste noch nicht, wohin es ihn zog. Die Umgebung war ihm nach wie vor weitestgehend unvertraut. Aber er mochte sie gerne erkunden. Greo scharrte etwas mit den Stiefeln auf dem Untergrund und rückte den Gürtel zurecht, in dem er allerlei kleine Gegenstände, wie seine Schafschere mit sich herumtrug. Das Klimpern gefiel ihm nicht. Kurzerhand machte er sich daran zu schaffen die verräterischen Laute zu unterbinden, indem er den Inhalt neu umsortierte. So viel Zeit musste sein.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Mit einem kleinen Satz sprang Skadi aus dem winzigen Beiboot, das sie behutsam über den Sand in Richtung Buschwerk zog. Seit einigen Stunden war die Crew ausgeflogen und nur tröpfchenweise wieder zurück an Board. Lieber nutzte sie die Gelegenheit frühzeitig vom Deck ans Ufer zu verschwinden, ehe sich jemand an ihre Versen heftete und ihr beim ersten Jagdausflug auf Mîlui Gesellschaft leisten wollte. Nachdem Trevor bereits ihre ersten Ambitionen auf der verlassenen Insel zunichte gemacht hatte, war die Nordskov nicht sonderlich erpicht darauf, es wieder mit jemandem zu versuchen. Sie musste sich konzentrieren.  Und das ging nicht, wenn sie alle Nase lang damit beschäftigt war, mit eindringlichen Blicken um Ruhe zu bitten oder einem davon huschenden Trevor hinterher zu rennen wie eine Glucke. <br />
Bemüht leise schob sie somit die kleine Jolle über den Sand in Richtung des dichten Buschwerks. Überdeckte das Schiffchen mit einigen Ästen, ehe sie sich davon entfernte und mit einem letzten prüfenden Blick in den Wald hinein lief.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Nachdem er die Ursache für die störenden Geräusche beseitigt hatte, lächelte er leise in sich rein und löschte die Lampe, die er auf dem Gestein zurückließ. Das war ein bisschen wie früher, wenn er mit den Hunden morgens seine Runden um die Weiden zog und sich nicht verraten wollte. Es bestand immerhin die Gefahr einem gefährlichen Tier über den Weg zu laufen, Buschmännern oder potenziellem Frühstück. Er ahnte nicht, dass sich die Frau-die-mal-ein-Mann-war-und-jetzt-nicht-mehr sich ebenfalls auf den Weg auf eine einsame Unternehmung gemacht hatte. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, ihr wie ein lüsterner Bengel nachzulaufen. Er hatte sich ebenfalls zwischen die Büsche gezwängt, mit weichen, fließenden Bewegungen, um möglichst wenig anzuecken und Äste zum Schwingen zu bringen. Er stieg eine kleine Anhöhe hinauf. Ohne es zu wissen, näherte er sich in einem Winkel von etwa neunzig Grad einem Menschen. Er war so auf das Geräusch seiner Schuhe auf dem Untergrund konzentriert, dass ihm ihre Anwesenheit entging. Greo hatte den Kopf zum Blätterdach über sich gerichtet. Das war ein Fehler. Sein Stiefel glitt über einen schmierigen Rest Holz, der schon im Begriff war gänzlich zu verfaulen. Er stürzte mit einem überraschten Laut rücklings hinab, konnte noch die Arme schützend über den Kopf reißen und schlitterte, polterte, drehte sich schmerzhaft den Hügel hinunter – direkt auf Skadi zu.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi">
Vorsichtig zog sich Skadi im Gehen die Schuhe von den Füßen. Genoss den kühlen Waldboden an den Sohlen und zwischen den Zehen. Spürte bereits wie jede Vibration durch ihre Beine rauschte und ihre Schritte fast lautlos werden ließ. In einer fließenden Bewegung verknotete sie die ledernen Lappen an ihrem Hüftholster und schlich in leichten Drehungen und Biegungen ihres Körpers durch das Unterholz. Gewöhnte sich allmählich an das schummrige Zwielicht, das sich durch das dichte Blattwerk über ihr immer mehr verdunkelte. Es war genau die richtige Zeit für eine Jagd. Der Moment zwischen Tag und Nacht, wo das Leben erneut erwachte. Ungesehen von den Augen der Menschen, die sich in ihre Häuser zurück zogen und den wilden Tieren endlich jenen Raum zurück gaben, der einst ihr Eigentum gewesen war.<br />
Mit gesenktem Kopf begab sich Skadi bereits wenige Meter vom Waldrand entfernt in die Hocke. Prüfte mit ausgestrecktem Arm ein kleine Spur im Waldboden, die sie beinahe übersehn hätte. Fuhr die Ränder sorgsam mit den Fingerspitzen nach und zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. Irgendetwas musste die Tiere bis an den Rand des Wald gescheucht haben. Etwas Großes und... Schweres. Doch noch ehe sie sich weitreichende Gedanken darum machen konnte, hallte ein erschrockener Laut durch das Unterholz. Näherte sich der Nordskov mit einem unerwarteten Tempo und rauschte einer dunklen Kanonenkugel gleich durch den Busch wenige Meter neben ihr. Mit entsetztem Blick hechtete der schmale Körper voraus und beobachtete wie der hoch gewachsene Körper Greos endlich zum Stillstand kam. Mit pochendem Herzen starrte sie auf den Hut, der einige Armlängen weiter gerollt war und lautlos zur Seite kippte. Blickte dann erst auf den Hünen zurück, dessen Mantel wie eine Schlange wild um ihn gewickelt war. Erst als sie bereits einige Schritte auf ihn zuging, erkannte sie das Gesicht und atmete erleichtert ein. Zumindest kannte sie den Unruhestifter - wenn auch nicht so gut, wie sie es gerne hätte. <br />
<i>"Hey... hast du dir weh getan?"</i> Mit erhobener Augenbraue ließ sich die Dunkelhaarige neben dem Kameraden in die Hocke nieder. Reicht ihm helfend eine Hand und musterte das bärtige Gesicht.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Bei seinem Sturz war er auf das Steißbein geprallt und ein heißer Schmerz schoss seine Wirbelsäule hoch. Er konnte sich allerdings nicht darauf konzentrieren, denn während er über Stock und Stein hinwegrutschte, musste er irgendwie die kleinen Zweige abwehren, die ihm ins Gesicht peitschten und wie hinterhältig nach seinen Augen haschten. Das Hemd kräuselte sich hoch und ballte sich unter seinen Achseln, der Mantel hatte sich fast übergestülpt und klemmte ihm irgendwie die Arme fest. Herrje, so was war ihm aber lange nicht mehr passiert. Wo war sein Hut, wo, wo? Verwirrt und mit schwummrigen Kopf verharrte er reglos auf der Stelle, die Beine in einem dornigen Geäst verhakt und kurz verwundert darüber, dass er bis auf Schürfwunden wahrscheinlich nichts Übleres zu vermelden hatte. Seine Sicht musste sich erst wieder zusammensetzen und er zuckte trotz seiner Verwirrung alarmiert zusammen, als sich etwas näherte und über ihn beugte. Er strampelte, hing aber weiter fest und rammte sich die Dornen durch die Hose die Beine entlang. Dann keuchte er, ließ den Kopf zurück auf den Boden fallen und glubschte zu der Frau hoch. Die kannte er doch? Oder hatte er Halluzinationen? <br />
Ihm fiel mehr als eine Person ein, die bei seinem Auftritt in Lachen ausgebrochen wäre (er selbst hätte vielleicht auch ein Schmunzeln nicht unterdrücken können), aber er war dankbar, dass sie ruhig blieb und sich Hilfe erteilend nach seinem Befinden erkundete.<br />
<i>„Ah, ich glaube, ich lebe.“</i>, würge er hervor, wischte sich mit einer Hand über das Haar, das ein paar Blätter eingesammelt hatte und ergriff mit der anderen langsam ihre Hand, um sich hochhelfen zu lassen. War das das erste Mal, das er sie berührte? Greo mied Kontakt nicht grundsätzlich, war aber gerade bei Frauen eher reserviert. Ausnahme war Shanaya, die kannte er einfach schon zu gut. Er zog sich hoch, verlor dabei seinen Schuh im Buschwerk und kam lahm auf die Füße. Sein Hintern pochte. Ein unangenehmes Gefühl. Zaghaft klopfte er sich ab. Der Dreck kümmerte ihn nicht, aber er wollte gucken, ob noch alles in Ordnung war. <I> „Danke.“</i>, sagte er, schaute Skadi etwas unbeholfen an und ging dann auf alle Viere, um seinen Stiefel hervorzukramen. Als er ihn endlich hatte, zog sich ein blutiger Striemen über sein Kinn. Ärgerlich wischte er ihn ab und hielt ein wenig dümmlich den Stiefel in der Hand. Ihm war das ein bisschen peinlich. <I> „Ich wollte dich nicht attackieren.“</i>, sagte er, um den Moment zu überbrücken, glotzte auf ihre Füße und zog kurzerhand auch seinen zweiten Stiefel aus. Das schien besser zu sein.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Wie er so strampeln im Gebüsch hing, hatte schon etwas von einer Schildkröte. Die langen Arme und Beine von sich gestreckt ohne die geringste Chance aus der Falle heraus zu kommen, die ihn gefangen hielt. Dass er noch lebte war angesichts des freien Falls, in den er sich begeben hatte vielleicht keine Selbstverständlichkeit. Mit einem kurzen Seitenblick verfolgte Skadi seine Spur zurück und den Hügel hinauf, bis ihre Sicht kaum mehr als Dunkelheit übrig ließ. Half ihm dann mit einem beherzten Griff wieder auf die Beine und musterte ihn mit schief gelegtem Kopf. Er wirkte reichlich neben sich. Nichts was sie angesichts des heftigen Sturzes verwunderte. Dennoch war es ungewohnt ihn so zu sehen. Auf dem Schiff glich jede seiner Bewegungen einer eingeübten Tanzeinlagen. Vorausgesetzt sein Kopf traf nicht gegen eine niedrig hängende Decke. <br />
<br />
<i>“Ich frage mich wer hier wen attackiert hat.“</i>, entgegnete sie seinen Worten mit einem Schmunzeln und lächelte eine Spur breiter als sie kurz einen Schritt voraus setzte und einen winzigen Zweig aus seinen Haaren zupfte. Man, der Wald hatte es wirklich gut mit ihm gemeint. <br />
<br />
<i>“Und du hast dir wirklich nichts getan?“</i> Wieder musterte sie ihn eindringlich von Kopf bis Fuß und warf beiläufig den Zweig zur Seite. Bemerkte wie er sich bereits den verbliebenen Schuh vom Fuß zog und etwas peinlich berührt den Blick auf ihre Füße gesenkt hielt.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Greo betrachtete kurz unschlüssig seine dreckigen Hände und wischte sie dann schulterzuckend kurzerhand an der Hose ab. Das Kind war schließlich schon in den Brunnen gefallen. <i> „Als ob die Insel nicht erpicht auf meinen Besuch wäre.“ </i> Vielleicht hatte er irgendwelche fremden Götter erbost. Er schaute wieder hoch und registrierte die Bewegung nah an seinem Gesicht, als sie ihm das Haar nach einem Zweig lauste. Er konnte ein leichtes Zurückweichen vor der Nähe nicht verhindern, schenkte ihr aber ein mildes Lächeln. <i> „Ich schätze, das zeigt sich die Tage.“ </i>, meinte er und dachte an lauter blaue Flecken am Rücken. Dann fummelte er aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel ein zusammengerolltes Stück Leinen heraus, das sich als überraschend groß entpuppte, als er es aufschlug und damit eine Art Sack für die Stiefel fabrizierte. Er band sich das Bündel quer über die Schulter, zog einen noten vor seiner Brust fest. Schließlich bückte er sich nach seinem Hut, schüttelte ihn aus und stopfte ihn sich wieder über den Schädel. Er wirkte erleichtert. Ohne Hut war einfach etwas verkehrt. Danach gucke er wieder etwas deplatziert drein und presste die Lippen zusammen. Was sollte er jetzt sagen? Was machte sie hier eigentlich? <i> „Ich wollte eigentlich nur mal schauen, was hier so rumkeucht und fleucht. Ich nehme an, du ebenfalls?“ </i> Das ging ihn nicht die Bohne was an – aber sie konnte ja im Zweifelsfall lügen und ihn schnell wieder loswerden.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Bei seinen Worten musste sie unweigerlich schmunzeln. Ihr selbst war der Gedanken bereits durch den Kopf geschossen, noch bevor sie ihre Worte ausgesprochen und sich an seinen Haaren zu schaffen gemacht hatte. Gut möglich, dass die Insel ihn zurück auf das Schiff bringen wollte, aus Sorge, dass er im Gewimmel der Stadt einen ausgiebigen Fußmarsch entfernt unterging. Sein Zurückweichen nahm sie kommentarlos wahr. Sie hätte womöglich ähnlich reagiert, wenn sie an seiner Stelle gewesen wäre. Berührungen waren etwas, das die Nordskov nur ungern zuließ. Vor allem bei Männern, wie nur einem aufmerksamen Beobachter aufgefallen wäre. Meist sträubten sich sämtliche Härchen auf ihrem Körper, sobald sich auch nur eine Fingerspitze auf ihr niederließ. Greos entschuldigendem Lächeln allerdings begegnete sie mit einem erneuten Schmunzeln. Er sollte nicht das Gefühl haben, dass sie ihm irgendetwas böse nahm. Dafür hätte er sie mutwillig von den Füßen reißen müssen. Und selbst dann hätte sie ihn kaum derart feindselig anfunkeln können, wie sie es bereits bei so manchen Menschen getan hatte.<br />
<i>"Ich würde ja vermuten, dass du deine letzte Ration nicht aufgegessen hast aber.. wir wissen beide, dass das nicht stimmt."</i><br />
Mit einem Zwinkern wandte sich der hoch gewachsene Körper der Nordskov zur Seite. Beobachtete Greo eine Weile, während er sein Hab und Gut verstaute und dann ebenso unschlüssig stehen blieb wie noch wenige Herzschläge zuvor. Gott, er musste sich wirklich mal etwas entspannen. Gerade als sich der dunkle Haarschopf herum wandte, um den Weg durch das Unterholz wieder aufzunehmen, erhob sich seine dunkle Stimme und ließ sie noch in der Bewegung innehalten. Es war das erste Mal, dass sich jemand für eine Erkundungstour interessierte, der nicht Shanaya hieß und mit hellen blauen Augen beglückt war.<br />
Erst huschte ein deutliches Nicken durch ihren Körper. Wenig später wandte sie sich wieder halb herum und schob einen Daumen zwischen ihre Brust und die Sehne des Bogens, der über ihre Schulter geklemmt war. <i>"So kann man es sagen."</i>, erwiderte sie ruhig und lächelte dann. <i>"So lange wie wir hier ankern will ich etwas Frischfleisch für unsere nächste Reise besorgen. Vielleicht ....willst du mich begleiten?"</i> Wieder sackte ihr Kopf leicht zur Seite, während sie fieberhaft darüber nachdachte, ob Greo sie nur aus reiner Höflichkeit gefragt hatte. <i>"Ich glaube du bist einer der wenigen, der etwas von Tieren versteht."</i><br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> <i> „Ist das so offensichtlich?“ </i>, murmelte auf den Essens-Kommentar hin, zuckte dann aber schuldig gesprochen die Schultern und schaute sich um. Je dunkler es wurde, desto wohler fühlte er sich. Greo hatte was für Extreme übrig: extreme Hitze, extreme Sonne, aber auch extreme Finsternis. Es hatte einerseits etwas Bedrückendes, andererseits etwas Beruhigendes an sich. Er konnte zwar weniger sehen, da die Linien der Umgebung sich in der Dunkelheit nahezu auflösten, aber das hieß, dass er ebenfalls kaum sichtbar war. Er genoss das Gefühl, unsichtbar zu sein. Unbedeutend. Ein Schauder flimmerte über seine Haut. Wie schön waren die Wälder in der Dämmerung. Der Faden dieses Gedankens zerriss, als sie antwortete und verweilte, obwohl sie Anstalten gemacht hatte, sich abzuwenden. Vielleicht war das hier ja eine Möglichkeit wieder mal jemanden aus der Mannschaft ein wenig kennen zu lernen. Schaden konnte es nicht. Greo folgte im schwachen Licht ihrer Bewegung und schaute den Bogen an. Nie hatte er so eine Waffe in der Hand gehabt, geschweige denn bedient. Helfen konnte er ihr also nicht bei der Jagd, er konnte der möglichen Beute lediglich schnell ein Ende bereiten. Er nickte und bedeutete ihr mit einem leichten Wink des Arms voranzugehen. Sie hatte den Bogen, sie war die Jägerin, sie kannte am ehesten den richtigen Pfad. <i> „Kommt auf das Tier an.“ </i>, meinte er und fragte sich, was hier so alles zwischen den Wurzeln kauerte. <i> „Sind ja schließlich überall anders.“</i><br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Nun. Wenn man ihn ein wenig beobachtete, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mit dem Essen der Sphinx eine innige Beziehung führte. Doch angesichts seiner Größe und der harten Arbeit, die er leistete, ließ sich kaum etwas dagegen sagen. Skadi selbst hätte es ohnehin nicht getan - ihr standen solcherlei Dinge nicht zu. Ganz abgesehen davon, dass sie ihm wie allen anderen auch ohne zu Murren ihren Teil überlassen hätte, wenn es hart auf hart käme. <i>"Wenn man sich für mehr als nur sich selbst interessiert, kann einem das schon auffallen."</i>, erwiderte sie ihrerseits  mit einem Schulterzucken und ohne jegliche Wertung in der Stimme. Es war vielleicht ihrer Ausbildung geschuldet, dass sie ihre Umgebung pausenlos im Blick behielt - zumindest in den meisten Fällen. Vor allem dann, wenn sie sich zwangsläufig zwischen Menschen wiederfand, die allesamt fremd und potentiell gefährlich für sie werden konnten. Nur weil man ihr eine sichere Reise versprach, hieß das noch lange nicht, dass jedes Mitglied der Crew sich strickt daran hielt.<br />
Langsam setzte sich der schmale Körper wieder in Bewegung, als der Hüne mit wenigen Schritten zur ihr aufholte und mit einer Bewegung seines Arms bedeutet voraus zu gehen. <i>"Mag sein."</i> Immer wieder streckte sie ihre Hand voraus, um einen Ast lautlos aus dem Weg zu schieben und wandte sich halb auf den Zehenspitzen herum, damit Greo es ihr gleich tat und sie ihm nicht blind das Geäst ins Gesicht donnerte. Sein Körper sollte nicht noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, als ohnehin schon.<br />
<br />
Eine Weile liefen sie somit in ihrer kleinen Kolonne durch die Dunkelheit. Verursachten kaum einen Laut und verschmolzen regelrecht mit der aufkommenden Geräuschkulisse der anbrechenden Nacht. Skadi musste sich eingestehen, dass sie Greos Leichtfüßigkeit bewunderte. Ebenso erstaunt darüber war, wie umsichtig er sich an den Büschen und Bäumen vorbei schlängelte. Mit erhobener Hand blieb sie zwei Armlängen vor ihm stehen. Lauschte in die Stille hinein, die nur hier und da von ein paar Grillen und einem Vogelruf durchbrochen wurde. Irgendetwas schnüffelte nur wenige Meter vor ihnen im Unterholz. Wurde lauter, ganz als näherte es sich Herzschlag um Herzschlag dem Zweiergespann. Skadi regte sich keinen Millimeter. Blendete das Rauschen in ihren Ohren aus und versuchte in der Dunkelheit die Konturen des wilden Tieres auszumachen. Begann dann in Zeitlupe ihren Bogen vom Oberkörper zu heben und einen Pfeil aus ihrem Köcher zu ziehen.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Greo"> Es war eine gute Entscheidung gewesen, sich der Stiefel zu entledigen. Mit nackten Füßen konnte er den Boden besser fühlen, sich den Weg in der Dunkelheit sachte ertasten. Er war auch deswegen vorsichtiger, weil er nicht wieder stürzen wollte und sich an zu Hause erinnerte, wo man barfuß schnell mal in etwas reintreten konnte, was potenziell giftig und lebensbedrohlich war. Also sachte voran. Dabei hielt er Abstand zu Skadi, hielt sich etwas geduckt und zog auch wohlweißlich nicht die Schafschere, das einzige, was er hätte als ernsthafte Waffe verwenden konnte. Nicht einmal das kleine Taschenmesser, das er bei sich trug, hatte so lange und scharfe Klingen. Und er glaubte nicht, die Schere jetzt zu brauchen, er ging einfach davon aus, dass Skadi wusste, was sie tat. Mit ihr legte er sich lieber nicht an. Jäger wussten, wo die verletzlichen Adern und Organe lagen. Außerdem war sie ihm noch ein wenig suspekt, weil sie schließlich in Verkleidung rumgelaufen war. Das konnte er ihr nicht verübeln, aber es machte ihn ein wenig skeptisch.<br />
Jetzt allerdings behielt er die Vorsicht vor ihr lediglich im Hinterkopf und konzentrierte sich auf die Jagd. Er nahm die Äste lautlos entgegen, die sie zurückbog und schlich ihr nach. Als sie stehen blieb, verharrte auch er mit flachem, beherrschtem Atem. Interessiert beobachtete er als passiver Teilhaber, ob sie einen Pfeil anlegen und das Tier – was auch immer es war – treffen würde.<br />
</div></blockquote>
<blockquote><div class="Skadi"> Ihr Herzschlag verlangsamte sich mit jedem tiefen Atemzug, den sie zwischen ihren Bewegungen einschob. Konzentrierte sich voll und ganz auf das potentielle Ziel in den Büschen, während Greo im Hintergrund verschwamm. Womöglich hatte sie auf keinen besseren Jagdbegleiter treffen können. Selbst wenn dieser ihr mit reichlich Vorsicht und Skepsis begegnete. Verübeln konnte ihm das keiner. Er teilte diese Ansicht sicherlich mit mehr als einer Hand voll seiner Crew. Doch Skadi hatte weiß Gott andere Probleme als sich um das mangelnde Vertrauen zu sorgen, das man ihr entgegen brachte. Sie wusste, dass sie sich beweisen musste, wenn sie länger auf der Sphinx bleiben wollte. Ebenso gut, dass es eigentlich mehr eine Frage der Zeit denn des "ob überhaupt" war - immerhin hielt sie sich nicht für einen vollkommen unumgänglichen Typ Mensch. Etwas direkt und zuweilen brutal, doch keineswegs falsch.<br />
Ein erneutes Rascheln ließ ihre Augen schmaler zusammen fahren. Jede Faser ihres Körpers kribbelte aufgeregt. War zum Zerreißen gespannt auf das, was sich vor ihnen im Dickicht versteckt hielt. Und doch blieb ihr Bogen locker vor ihrer Brust gen Boden gerichtet. Untätig und lauernd. Solange sie die Anwesenheit eines Menschen nicht ausschließen konnte, würde sie nicht blindlings einen ihrer Pfeile ins Buschwerk jagen. Diesen Fehler hatte sie einmal als junges Mädchen gemacht und für die nächsten Tage als blaue Male auf dem Körper getragen. Ihr Vater hatte vor Wut regelrecht geschäumt. Die Narbe an seinem Arm war aber ohne große Komplikationen verheilt. <br />
Drückende Stille legte sich über das kleine Waldstück. Überzog ihre Körper mit einer dunklen, samtigen Decke, die Skadi augenblicklich die Luft anhalten ließ. Sie spürte, dass es bald soweit sein würde. Straffte bereits ihre Finger um den Bogen... und spannte ihn blitzschnell, als mit ohrenbetäubendem Lärm flatternde Körper aus dem Busch gen Baumkronen stoben. Für ein zwei Herzschläge folgte Skadi einem der großen Vögel mit ihrem Bogen. Ließ dann die Sehne mit einem leisen Zischeln voraus schnellen... und versenkte den Pfeil mit etwas Glück im Leib des langsamsten Tieres. </div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Whispers In The Dark]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=741</link>
			<pubDate>Mon, 06 May 2019 12:45:09 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=0">Cornelis Feuerbart</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=741</guid>
			<description><![CDATA[<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b"><span style="font-size: large;" class="mycode_size">Whispers In The Dark</span></span></div>
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Eine Böse Überraschung II</span></div>
<br />
<div style="text-align: center;" class="mycode_align">Cornelis und Enrique, 24. März 18:22, ein geraume Weile nach dunkel werden, am Strand</div>
<br />
<br />
<blockquote><div class="Enrique">Lange währte sie nicht, und, sobald der Schmerz wieder durchkam, stöhnte er auf und drehte sich auf die Seite.<br />
Langsam öffnete er die Augen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">'¿Qué ...?'</span><br />
Dann kehrte die Erinnerung zurück und ließ ihn erneut aufstöhnen.<br />
Er war wirklich ein blöder, impulsiver Idiot.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Natiao?"</span>, fragte er leise, ehe er versuchte sich hochzustemmen.</div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Cornelis">Eine Welle der Erleichterung durchfuhr ihn, als Enrique das Bewußtsein wiedererlangte und sich aufstöhnend auf die Seite drehte.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich bin hier, Natiao."</span> Er sprach es mit einem herrlichen Akzent aus, der Enrique eigentlich zum Schmunzeln bringen müßte. Dann legte er ihm sacht die Hand auf die Schulter und merkte gar nicht, daß er Enrique dabei mit Blut beschmierte. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Es tut mir leid. Ich wollte deine Rippe eigentlich aus dem Spiel lassen"</span>, sagte er leise. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Geht es dir jetzt wenigstens besser, nachdem du dich austoben konntest?"</span> Und nur einen Moment später fragte er: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Was heißt eigentlich kleiner Bruder?"</span></div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Enrique">Erleichtert lächelte er tatsächlich über die Aussprache und blieb erstmal liegen. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Esta bien. Ich bin selbst schuld.<br />
"Keine Ahnung. Vielleicht. Ich glaube ich bin ruhiger." <br />
</span><br />
Dann lächelte er abermals. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Naitiao wäre in etwa Brüderchen, kleiner Bruder Natiabi, manchmal auch nur Natibi. Großer Bruder wäre Natiaguama oder Natiaguana, oder respektvoller Natiabano.<br />
"Das wird aber eigentlich nicht fürs Anreden verwendet."</span><br />
<br />
Dann atmete er vorsichtig durch und setzte sich auf. Schwindel, Schmerz und leichte Übelkeit ließen ihn kurzzeitig wanken. Dann sah er zu Cornelis hinüber.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Wie geht es dir?"</span></div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Cornelis">Cornelis nickte leicht.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Das dachte ich mir. Wie sagtest du vorgestern so treffend: Wenn es raus muß, dann muß es raus."</span><br />
<br />
Er lauschte Enriques Ausführungen.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Also einfach Natiao? Aber du hast doch die letzten Tage noch eine andere Formulierung für großer Bruder gehabt. Wie war das noch gleich... Nanischi Natiao, oder so ähnlich..."</span><br />
<br />
Er zog seine Hand zurück, als Enrique Anstalten machte, sich aufzusetzen, doch als dieser dann zu wanken begann, packte er ihn ganz automatisch wieder an der Schulter und stützte ihn so lange, bis er wieder sicher saß. Dann erst fiel ihm auf, daß er ihn schon wieder <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"angefaßt"</span> hatte und ließ die Hand langsam sinken.<br />
Als sich sein Freund nach seinem Empfinden erkundigte, lachte er kurz auf.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mach dir keine Sorgen um mich. Einen Dickschädel und alten Seebären wie mich wirft so leicht nichts um. Da ist mir schon ganz anderes passiert, so wie das hier."</span><br />
<br />
Er zeigte mit dem Finger auf die Narbe des Durchschußes an der rechten Wade.</div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Enrique"><span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Nanichi. Was du meinst ist Nanichi. Das hat aber nichts mit groß zu tun."</span><br />
<br />
Irritiert sah er zu Cornelis hinüber, als der die Hand fortnahm und schaute dann auf sie nieder.<br />
Dann schnaubte er.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Es geht dir also gut, wenn deine Hand ungehindert in den Sand blutet. Ganz wie du meinst."</span> <br />
<br />
Langsam schüttelte er den Kopf. Dann sah er auf die Brandung. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Und Nanichi heißt 'mein Herz' oder 'meine Liebe'. Nanichi Natiao heißt 'geliebter Bruder'."</span></div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Cornelis"><span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Oh, dann habe ich da wohl den falschen Schluß gezogen..."</span><br />
<br />
Als Enrique ihn auf seine blutende Hand ansprach, drehte er ganz automatisch für einen Moment die Innenseite nach oben, so daß er die Wunde sehen konnte, dann winkte er ab.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Das ist doch bloß ein Kratzer, der bringt mich nicht gleich um..."</span><br />
<br />
Und dann bekam er einen Stich ins Herz, als Enrique ihm die Bedeutung von Nanichi erklärte. Doch es war kein schmerzhafter Stich, es war ein warmer, ein Stich der Rührung.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Geliebter Bruder...",</span> wiederholte er und es war nur ein ersticktes Flüstern. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Nanichi Natiao.... geliebter Bruder..."</span><br />
<br />
Er schloß die Augen und einige heiße Tränen brachen sich unter den geschlossenen Lidern ihre Bahn, als er begriff, was diese beiden kleinen Worte für ihn bedeuteten. Was es bedeutete, daß Enrique, sein geliebter kleiner Bruder, das zu ihm gesagt hatte...</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b"><span style="font-size: large;" class="mycode_size">Whispers In The Dark</span></span></div>
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Eine Böse Überraschung II</span></div>
<br />
<div style="text-align: center;" class="mycode_align">Cornelis und Enrique, 24. März 18:22, ein geraume Weile nach dunkel werden, am Strand</div>
<br />
<br />
<blockquote><div class="Enrique">Lange währte sie nicht, und, sobald der Schmerz wieder durchkam, stöhnte er auf und drehte sich auf die Seite.<br />
Langsam öffnete er die Augen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">'¿Qué ...?'</span><br />
Dann kehrte die Erinnerung zurück und ließ ihn erneut aufstöhnen.<br />
Er war wirklich ein blöder, impulsiver Idiot.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Natiao?"</span>, fragte er leise, ehe er versuchte sich hochzustemmen.</div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Cornelis">Eine Welle der Erleichterung durchfuhr ihn, als Enrique das Bewußtsein wiedererlangte und sich aufstöhnend auf die Seite drehte.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich bin hier, Natiao."</span> Er sprach es mit einem herrlichen Akzent aus, der Enrique eigentlich zum Schmunzeln bringen müßte. Dann legte er ihm sacht die Hand auf die Schulter und merkte gar nicht, daß er Enrique dabei mit Blut beschmierte. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Es tut mir leid. Ich wollte deine Rippe eigentlich aus dem Spiel lassen"</span>, sagte er leise. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Geht es dir jetzt wenigstens besser, nachdem du dich austoben konntest?"</span> Und nur einen Moment später fragte er: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Was heißt eigentlich kleiner Bruder?"</span></div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Enrique">Erleichtert lächelte er tatsächlich über die Aussprache und blieb erstmal liegen. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Esta bien. Ich bin selbst schuld.<br />
"Keine Ahnung. Vielleicht. Ich glaube ich bin ruhiger." <br />
</span><br />
Dann lächelte er abermals. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Naitiao wäre in etwa Brüderchen, kleiner Bruder Natiabi, manchmal auch nur Natibi. Großer Bruder wäre Natiaguama oder Natiaguana, oder respektvoller Natiabano.<br />
"Das wird aber eigentlich nicht fürs Anreden verwendet."</span><br />
<br />
Dann atmete er vorsichtig durch und setzte sich auf. Schwindel, Schmerz und leichte Übelkeit ließen ihn kurzzeitig wanken. Dann sah er zu Cornelis hinüber.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Wie geht es dir?"</span></div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Cornelis">Cornelis nickte leicht.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Das dachte ich mir. Wie sagtest du vorgestern so treffend: Wenn es raus muß, dann muß es raus."</span><br />
<br />
Er lauschte Enriques Ausführungen.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Also einfach Natiao? Aber du hast doch die letzten Tage noch eine andere Formulierung für großer Bruder gehabt. Wie war das noch gleich... Nanischi Natiao, oder so ähnlich..."</span><br />
<br />
Er zog seine Hand zurück, als Enrique Anstalten machte, sich aufzusetzen, doch als dieser dann zu wanken begann, packte er ihn ganz automatisch wieder an der Schulter und stützte ihn so lange, bis er wieder sicher saß. Dann erst fiel ihm auf, daß er ihn schon wieder <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"angefaßt"</span> hatte und ließ die Hand langsam sinken.<br />
Als sich sein Freund nach seinem Empfinden erkundigte, lachte er kurz auf.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mach dir keine Sorgen um mich. Einen Dickschädel und alten Seebären wie mich wirft so leicht nichts um. Da ist mir schon ganz anderes passiert, so wie das hier."</span><br />
<br />
Er zeigte mit dem Finger auf die Narbe des Durchschußes an der rechten Wade.</div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Enrique"><span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Nanichi. Was du meinst ist Nanichi. Das hat aber nichts mit groß zu tun."</span><br />
<br />
Irritiert sah er zu Cornelis hinüber, als der die Hand fortnahm und schaute dann auf sie nieder.<br />
Dann schnaubte er.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Es geht dir also gut, wenn deine Hand ungehindert in den Sand blutet. Ganz wie du meinst."</span> <br />
<br />
Langsam schüttelte er den Kopf. Dann sah er auf die Brandung. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Und Nanichi heißt 'mein Herz' oder 'meine Liebe'. Nanichi Natiao heißt 'geliebter Bruder'."</span></div></blockquote>
<br />
<blockquote><div class="Cornelis"><span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Oh, dann habe ich da wohl den falschen Schluß gezogen..."</span><br />
<br />
Als Enrique ihn auf seine blutende Hand ansprach, drehte er ganz automatisch für einen Moment die Innenseite nach oben, so daß er die Wunde sehen konnte, dann winkte er ab.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Das ist doch bloß ein Kratzer, der bringt mich nicht gleich um..."</span><br />
<br />
Und dann bekam er einen Stich ins Herz, als Enrique ihm die Bedeutung von Nanichi erklärte. Doch es war kein schmerzhafter Stich, es war ein warmer, ein Stich der Rührung.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Geliebter Bruder...",</span> wiederholte er und es war nur ein ersticktes Flüstern. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Nanichi Natiao.... geliebter Bruder..."</span><br />
<br />
Er schloß die Augen und einige heiße Tränen brachen sich unter den geschlossenen Lidern ihre Bahn, als er begriff, was diese beiden kleinen Worte für ihn bedeuteten. Was es bedeutete, daß Enrique, sein geliebter kleiner Bruder, das zu ihm gesagt hatte...</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Too Good at Goodbyes]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=740</link>
			<pubDate>Sun, 05 May 2019 21:40:56 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=33">Elian Montrose</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=740</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Too Good at Goodbyes</div>
<font size=1><i>I know you're thinking I'm heartless<br />
I know you're thinking I'm cold<br />
I'm just protecting my innocence<br />
I'm just protecting my soul<br />
I'm never gonna let you close to me<br />
<b>Even though you mean the most to me</b><br />
'Cause every time I open up, it hurts<br />
So I'm never gonna get too close to you<br />
<b>Even when I mean the most to you</b><br />
In case you go and leave me in the dirt</i><br />
<br />
04. April 1822, später Abend<br />
Taranis Ives & Elian Montrose</font></center><br />
<br />
<br />
<blockquote><div class="Elian">Was für ein verdammter Tag. Elian war nicht undankbar. Sicher nicht. Aspen lebte und war hier. Rhys lebte und war hier. Und er selbst war angeschossen, aber immerhin nicht gelyncht worden. Ja, gut, sie waren alle Teil von einer Piratencrew, so wie es aussah, und das war nichts, was er jemals angestrebt hätte, aber...<br />
<br />
Sie lebten und waren zusammen und auch wenn sein Rücken hämmerte wie bescheuert, hatte der so genannte Schiffsarzt wirklich sein Bestes getan und ihn sauber behandelt, und Elian hatte die Kugel gesehen, sie war im Ganzen rausgekommen... also...<br />
<i>Danke, Göttin. Für was es wert ist.</i><br />
<br />
Aber es war eine Menge. Und nicht alles davon fühlte sich gut an. Ja, er hatte Aspen wieder, aber Aspen war jetzt ein Vatermörder und Pirat und... nicht mehr der kleine Junge, den er auf Raízun gekannt hatte, all diese Jahre zuvor. Natürlich war er das nicht, es wäre nicht rational gewesen, das zu erwarten. Die Aussprache mit seinem Bruder hatte er gerade schon hinter sich gebracht. Es war das Wichtigste überhaupt gewesen. Und jetzt...<br />
<br />
Er hatte Rhys wieder, entgegen aller Zeichen, entgegen jeder Logik...<br />
<br />
Aber... hatte er ihn wirklich wieder? Rhys hätte tot sein müssen. Und wenn nicht, dann hätte er Marineuniform tragen müssen, die er keiner Leiche ausgezogen hatte. Er hätte Flüchtlinge vor dem Gesetz stellen und der Gerichtsbarkeit überantworten müssen, weil er ein Mann mit felsenfesten Prinzipien war, ein treuer Offizier, und das war was treue Offiziere taten.<br />
Wenn er das nicht war, was an ihm stimmte dann noch? War er noch Elians Freund? Ja, vermutlich schon. Aber er war offensichtlich nicht ganz ehrlich gewesen. Und er hatte Elian glauben lassen, dass er tot war. Für Monate. Es... es tat weh, mehr, als er erwartet hätte. Nicht so sehr natürlich, wie Rhys für tot zu halten, aber... <br />
<br />
Aber.<br />
<br />
Elian stand an der Reling und sah auf das abendliche Hafenbecken hinab. Er drehte den Kopf leicht und sah Rhys an einem der nahegelegenen Docks sitzen, die Beine über der Wasseroberfläche baumelnd und das Gesicht zum Horizont gewandt, wo sich die Sonne orange glühend in Richtung der Wasseroberfläche senkte. Das weiche Abendlicht malte seine Züge schwarz und gold an. So schön, dass Elian sich wünschte, er könnte es mit Farben auf einer Leinwand einfangen, und sei es nur, um sich für einige wenige Minuten länger der Illusion hinzugeben, dass alles zwischen ihnen so war wie früher.<br />
<br />
Stattdessen gab er sich einen Ruck und ging die Landungsbrücke hinunter. Keine Wachen weit und breit, von daher machte er sich keine allzu großen Sorgen, während er langsam zum Wiederauferstandenen hinüber ging.<br />
<br />
Er erwog kurz, der Höflichkeit halber zu fragen, ob Rhys überhaupt Gesellschaft wollte. Aber die Frage wäre ohnehin rhetorisch gewesen und er wollte nicht, dass das erste, was er im vollen Besitz seiner Kräfte zu Rhys sagte, eine Banalität war. <br />
Für einen kurzen Moment blieb er zwei Schritte hinter dem anderen stehen, sah ebenfalls auf die wunderschöne Szenerie, die sich ihnen bot. Dann ließ er sich neben Rhys nieder, ein Bein an den Körper gezogen und mit beiden Armen umarmt, so dass er den Kopf auf dem Knie ablegen konnte.<br />
<br />
<i>"Ist der Ausblick für Tote wohl noch atemberaubender, frage ich mich..."</i></div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Too Good at Goodbyes</div>
<font size=1><i>I know you're thinking I'm heartless<br />
I know you're thinking I'm cold<br />
I'm just protecting my innocence<br />
I'm just protecting my soul<br />
I'm never gonna let you close to me<br />
<b>Even though you mean the most to me</b><br />
'Cause every time I open up, it hurts<br />
So I'm never gonna get too close to you<br />
<b>Even when I mean the most to you</b><br />
In case you go and leave me in the dirt</i><br />
<br />
04. April 1822, später Abend<br />
Taranis Ives & Elian Montrose</font></center><br />
<br />
<br />
<blockquote><div class="Elian">Was für ein verdammter Tag. Elian war nicht undankbar. Sicher nicht. Aspen lebte und war hier. Rhys lebte und war hier. Und er selbst war angeschossen, aber immerhin nicht gelyncht worden. Ja, gut, sie waren alle Teil von einer Piratencrew, so wie es aussah, und das war nichts, was er jemals angestrebt hätte, aber...<br />
<br />
Sie lebten und waren zusammen und auch wenn sein Rücken hämmerte wie bescheuert, hatte der so genannte Schiffsarzt wirklich sein Bestes getan und ihn sauber behandelt, und Elian hatte die Kugel gesehen, sie war im Ganzen rausgekommen... also...<br />
<i>Danke, Göttin. Für was es wert ist.</i><br />
<br />
Aber es war eine Menge. Und nicht alles davon fühlte sich gut an. Ja, er hatte Aspen wieder, aber Aspen war jetzt ein Vatermörder und Pirat und... nicht mehr der kleine Junge, den er auf Raízun gekannt hatte, all diese Jahre zuvor. Natürlich war er das nicht, es wäre nicht rational gewesen, das zu erwarten. Die Aussprache mit seinem Bruder hatte er gerade schon hinter sich gebracht. Es war das Wichtigste überhaupt gewesen. Und jetzt...<br />
<br />
Er hatte Rhys wieder, entgegen aller Zeichen, entgegen jeder Logik...<br />
<br />
Aber... hatte er ihn wirklich wieder? Rhys hätte tot sein müssen. Und wenn nicht, dann hätte er Marineuniform tragen müssen, die er keiner Leiche ausgezogen hatte. Er hätte Flüchtlinge vor dem Gesetz stellen und der Gerichtsbarkeit überantworten müssen, weil er ein Mann mit felsenfesten Prinzipien war, ein treuer Offizier, und das war was treue Offiziere taten.<br />
Wenn er das nicht war, was an ihm stimmte dann noch? War er noch Elians Freund? Ja, vermutlich schon. Aber er war offensichtlich nicht ganz ehrlich gewesen. Und er hatte Elian glauben lassen, dass er tot war. Für Monate. Es... es tat weh, mehr, als er erwartet hätte. Nicht so sehr natürlich, wie Rhys für tot zu halten, aber... <br />
<br />
Aber.<br />
<br />
Elian stand an der Reling und sah auf das abendliche Hafenbecken hinab. Er drehte den Kopf leicht und sah Rhys an einem der nahegelegenen Docks sitzen, die Beine über der Wasseroberfläche baumelnd und das Gesicht zum Horizont gewandt, wo sich die Sonne orange glühend in Richtung der Wasseroberfläche senkte. Das weiche Abendlicht malte seine Züge schwarz und gold an. So schön, dass Elian sich wünschte, er könnte es mit Farben auf einer Leinwand einfangen, und sei es nur, um sich für einige wenige Minuten länger der Illusion hinzugeben, dass alles zwischen ihnen so war wie früher.<br />
<br />
Stattdessen gab er sich einen Ruck und ging die Landungsbrücke hinunter. Keine Wachen weit und breit, von daher machte er sich keine allzu großen Sorgen, während er langsam zum Wiederauferstandenen hinüber ging.<br />
<br />
Er erwog kurz, der Höflichkeit halber zu fragen, ob Rhys überhaupt Gesellschaft wollte. Aber die Frage wäre ohnehin rhetorisch gewesen und er wollte nicht, dass das erste, was er im vollen Besitz seiner Kräfte zu Rhys sagte, eine Banalität war. <br />
Für einen kurzen Moment blieb er zwei Schritte hinter dem anderen stehen, sah ebenfalls auf die wunderschöne Szenerie, die sich ihnen bot. Dann ließ er sich neben Rhys nieder, ein Bein an den Körper gezogen und mit beiden Armen umarmt, so dass er den Kopf auf dem Knie ablegen konnte.<br />
<br />
<i>"Ist der Ausblick für Tote wohl noch atemberaubender, frage ich mich..."</i></div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Delikatessen des Frühlings]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=736</link>
			<pubDate>Sat, 04 May 2019 18:49:25 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=736</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Delikatessen des Frühlings</div>
<font size=1>Nachmittag des 04. April 1822<br />
Liam Casey & Shanaya Árashi</font></center><br />
<font color=#6C7B8B>Liam hatte sich nur eine kurze Pause an Board der Sphinx gegönnt, ehe es ihn bereits wieder zum Festland gezogen hatte. Die Strecke vom Schiff zurück zum Fest kannte er wohl mittlerweile nicht nur betrunken sondern auch fast im Schlaf. Die ausgelassene Stimmung hing ihm noch immer nach, während er leichtfüßig über die rauen Steine sprang, um dem abendlichen Treiben in Milui beizuwohnen. Die letzten Tage des Festes standen an, selbst wenn der Lockenschopf heute vermutlich früher als die letzten Abende aufgeben würde. Der Tag war aufregender gewesen als erwartet. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya wusste nicht, wie spät es war. Sie war mit Lucien und Talin zurück zur Sphinx gegangen, bevor sie das Schiff erreicht hatten, war ihr jedoch noch etwas eingefallen. Sie hatte noch etwas besorgen wollen – das hatte sie hiermit getan. Das kleine in Papier verpackte Päckchen ruhte nun in ihrer Tasche, während Shanaya mit ausgelassenen Schritten am Rande der Massen entlang schritt. Manchmal glitt sie hinter die Stände, zwängte sich an Mauern vorbei, um nicht durch die Menschen laufen zu müssen. Sie summte dabei leise, ließ den hellen Blick halbherzig schweifen. Gerade schob sie sich zwischen zwei Ständen wieder auf die belebtere Straße, als ihr ein verlockender Duft in die Nase stieg. Verdammt. Sie wollte nach der Quelle suchen, erblickte aber nur ein bekanntes Gesicht, als sie den Blick hob. Gespannt neigte sich eine Augenbraue in die Luft, abwartend, ob Liam sie entdecken würde. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Inzwischen kannte er die Abfolge der Stände fast auswendig, wenn er die Straße entlang lief, die schließlich irgendwann am großen Brunnen endete. Speisen aller Art, Kleidungsstücke und Leder, Schmuck, Krüge und Gebilde, die angeblich böse Geister von einem fernhielten. Trotz seines eigentlichen Zieles ließ er sich die Zeit nicht nehmen, sich die Leute anzusehen, die an den jeweiligen Ständen zum Halten kamen. Die Frauen, die sich nach neuem Geschirr umsahen und Männer, die zu ihrem stetigem Bierpegel noch die richtige Speise suchten, um den Rausch etwas zu beruhigen. Und zwischen all der Bürger blitzte schließlich ein dunkler Haarschopf heraus, der ihm wohl bekannt war und ihn bereits entdeckt zu haben schien. Mit einem lockeren Lächeln auf den Lippen und den Händen in den mittlerweile wieder geleerten Hosentaschen schritt er auf sie zu und besah sich, kaum dass er sie erreicht hatte, den Stand, an dem sie vermeintlich zum Stehen gekommen war. <i>„Na? Hast du was entdeckt, was dir gefällt?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya musste ein wenig breiter schmunzeln, als sie in Liams Gesicht den Ausdruck des Erkennens erkannte. Manchmal wirkte der Ältere etwas... in seiner Welt verloren. Diesmal schien er aber anwesend zu sein. Er kam auf sie zu, sprach sie an und die junge Frau ließ kurz den Blick schweifen, zu dem Stand, der direkt hinter ihr lag. Ein Haufen Kerzen, was den Geruch, der in der Luft lag, erklärte. Mit einem amüsierten Blick richteten sich die blauen Augen wieder auf Liam, suchten kurz die Umgebung nach seiner Begleitung ab. <i>„Eigentlich habe ich nur Wege gesucht, damit ich nicht... da durch muss.“</i> Mit ihren Worten deutete sie auf die belebte Straße, auf der immer wieder kleine Grüppchen zum Stehen kamen und den Weg versperrten. <i>„Aber so kommt man sich ja fast kriminell vor...“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam folgte ihrer Geste und besah sich die kleine Menschenmenge, durch die er sich eben ganz automatisch geschoben hatte. Es war wie ein Trott, der einen mit sich trieb und dazu brachte, sich automatisch der Geschwindigkeit der Menge anzupassen. Ihm machte das nur wenig aus. Er hatte es eher selten eilig, irgendwo hinzukommen. Trotzdem war ihm klar, dass die schlendernden Passanten durchaus hinderlich sein konnten, wenn man selbst nur wenig an den Ständen interessiert war. <i>„Aber dann verpasst du doch all die Stände und ihre Auslagen.“</i>, bemerkte er und besah sich kurz die Kerzen in ihrem Rücken. Okay, so schön anzusehen sie auch waren, Liam hatte eher weniger Verwendung für die hübsch verzierten Minifackeln. Leuchten musste sie. Im Dunkeln blieb einem ihr Aussehen ohnehin verborgen. Dass er seine Worte nicht ganz so ernst gemeint hatte, hörte man ihm aber durchaus an. <i>„Wobei du schätzungsweise auch schon genug Zeit hattest, die Abfolge der Waren auswendig zu lernen, was?“</i> Immerhin hatte es jeden von ihnen diesen Weg schon des Öfteren hin und her geführt.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya gab ein leises amüsiertes Schnaufen von sich, als Liam sie darauf aufmerksam machte, dass was sie alles verpassen würde. Sie hob leicht eine Schulter an. Aber bevor sie antworten konnte, hing der Lockenkopf noch einen Satz dran, mit dem sie schließlich leicht nickte. „<i>Exakt. Die Stände, die etwas haben, was mich interessiert, umgehe ich nicht, aber...“</i> sie richtete den blauen Blick noch einmal zu den Kerzen, dann zu dem Stand daneben, der verzierte Teller und Krüge anbot. <i>„... ich bin da eher auf den Nutzen aus. So... hübsche Teller überleben sicher nicht lange. Vor allem, wenn Trevor sie in die Hand bekommt.“</i> Wieder richtete sich ihr Blick auf den Mann. <i>„Wo hast du Sineca gelassen?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam hatte es sich denken können. Besonders um diese Uhrzeit reizten auch ihn mehr die Stände, deren verführerischer Duft über die Straße wehte und einen für einen Augenblick den Schweißgeruch vergessen ließ, der mit der Menschenmenge wanderte. Ansonsten hatte er sich ausgesprochen zurückhaltend gezeigt und mehr Wert darauf gelegt, seine Sachen zu verkaufen, um die finanzielle Lage der Sphinx wieder etwas aufzubessern. Federn und Tinte würde warten müssen, bis sein letzter Vorrat wohl gänzlich verbraucht sein würde. Er schmunzelte amüsiert bei der Vorstellung von Trevor, der einen Teller nach dem anderen aus Versehen zu Bruch gehen ließ, doch es hatte auch eine positive Seite, wie er fand. <i>„Naja, andererseits könnte man ihn dann mit Mosaikbildern beschäftigen.“</i> Ein Vorschlag, der den junggebliebenen Piraten vielleicht wirklich über längeren Zeitraum fesseln können würde, wenn man es nur geschickt anstellte. Als Shanaya sich nach Sineca erkundigte, hob er die Hand und wies über seine Schulter zurück in die Richtung des Stadtrandes. <i>„Ihr wird das Fest allmählich zu viel. Sie vertreibt sich die Zeit lieber vor der Stadt.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya verzog für einen Moment das Gesicht zu einer nachdenklichen Miene, ehe sie über das Bild vor ihrem inneren Auge lachte. <i>„Du hast Recht, wir sollten einen ganzen Stapel mitnehmen und immer, wenn ihm langweilig wird, darf er einen davon zertrümmern und wieder zusammen setzen...“</i> Das klang nach einem ultimativen Plan – nur leider befürchtete die Schwarzhaarige, dass er nicht aufhören würde, bevor er fertig war. Egal, ob der Rest der Crew schlafen wollte. Vielleicht schnitten sie sich damit ins eigene Fleisch... Kurz folgte der Blick der jungen Frau dem Deuten des Mannes, nickte dann verstehend. Sie konnte das absolut nachempfinden. Mit dem nächsten Atemzug setzte sie sich jedoch wieder in Bewegung. <i>„Das verstehe ich absolut. Hast du noch etwas vor, sonst können wir den Weg zusammen gehen. Sonst geht es mir noch wie Sineca...“ </i>Sie hatte zwar Nichts bestimmtes mehr, was sie erledigen wollte... aber vielleicht bot sich ihnen ja irgendeine Chance, die man nutzen musste. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam dachte tatsächlich einen Augenblick darüber nach, zumindest einen kleinen Stapel Porzellan einzupacken. Als Test sozusagen und wenn es sich bewährte, konnte man Nachschub besorgen. <i>„Wir könnten ihn auch Konfetti basteln lassen.“</i> Etwas, was vielleicht nicht ganz so zeitaufwendig war, ihm aber bestimmt genauso viel Spaß und Beschäftigung bieten würde. <i>„Du willst so früh schon verschwinden? Dabei geht das Fest abends doch erst richtig los.“</i>, seufzte er mit harmloser Verständnislosigkeit, ehe er den Blick gen Himmel hob, um die Zeit ein wenig abzuschätzen. Er freute sich auf den Abend, so wie er es bislang jeden Abend getan hatte. Heute fühlte er sich vielleicht nur sogar noch etwas freier als zuvor. <i>„Aber ich denke, meine Verabredung kann auch noch ein bisschen warten.“</i> Bereitwillig wandte er sich um und schlenderte neben der Schwarzhaarigen den Weg zurück.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanayas Grinsen wurde mit den Worten des Lockenmannes noch ein wenig breiter. Konfetti... damit konnten sie ihn lang genug beschäftigen, das konnte er auch irgendwie allein machen. Notfalls nachts auf dem Deck. Dann hatten sie ihre Ruhe. <i>„Wir sind wirklich gut... wir sollten unsere Tipps an die anderen verkaufen.“</i> Es gab sicher den ein oder anderen, der Mal einen Moment Ruhe vor dem Kindskopf haben wollte. <i>„Nein nein, noch nicht. Aber ich kenne genug Gassen, um schneller an andere Ziele als die gewöhnlichen zu kommen. Und abends kommen doch sowieso nur die ganzen Säufer raus.“</i> Ein erneutes Zucken der Schultern – dafür musste sie nicht auf einem Fest rumlaufen. <i>„Deine Verabredung?“</i> Sichtlich neugierig drehte Shanaya den Kopf ein wenig zur Seite, musterte das Profil des Mannes. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam wog überlegend den Kopf, nicht unbedingt abgeneigt von ihrem Vorschlag, Trevor-Abwehrtipps für ein bisschen Gold unter die Crew zu bringen. Es gab bestimmt noch einiges, wie man ihn beschäftigen konnte und wenn man so wollte, profitierten ja beide Seiten davon, oder nicht? War nur die Frage, was er am Ende mit all dem Konfetti anzufangen wissen würde. <i>„Ah, ich verstehe. Und wohin zieht es eine Shanaya?“</i>, fragte er und musste zugeben, dass es ihn freute, dass sie nicht direkt wieder zur Sphinx verschwinden wollte. Unweigerlich kam ihm der Anblick des Waffenstandes in den Sinn, doch er blinzelte ihn weg und war ganz froh, sich nun seinerseits ‚rechtfertigen‘ zu müssen. Ein wissendes Grinsen trat auf seine Züge. Wissend, was sie vermutlich dachte. <i>„Ich muss dich leider enttäuschen. Nicht diese Art von Verabredung.“</i>, bedauerte er für sie. <i>„Abends trifft sich immer eine Gruppe Musiker am Brunnenplatz. Ich wurde sozusagen adoptiert.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya behielt die Idee mit der Trevor-Beschäftigung im Hinterkopf, lachte jedoch leise bei Liams Frage. Tja, wohin zog es sie? <i>„Da ich alles, was ich mir besorgen wollte, schon zusammen habe...“</i> Sie deutete auf den neuen Degen, der an ihrem Gürtel baumelte. <i>„... zu keinem bestimmten Ort. Aber heute morgen habe ich da ein paar Stände gesehen, die ich mir noch nicht genauer angesehen habe. Vielleicht ist da ja etwas bei, was meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht.“ </i>Möglich war es. Sein Grinsen ließ sie kurz eine Augenbraue heben, ehe sie bei seinen Worten ein leises 'Arww' von sich gab. Adoptiert?<i> „Hauptsache, sie entführen ihren neuen Sohn nicht, wenn das Fest vorbei ist.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam überflog ihre neuen Besitz und nickte zufrieden mit dem, was sie sich da beschafft hatte. Trotzdem wünschte er sich insgeheim, er würde nicht abermals daran erinnern, was sie sich sonst noch an besagtem Waffenstand geangelt hatte. Wäre es richtig gewesen, ihr zu sagen, dass er davon wusste, oder sollte er sich doch lieber in Schweigen hüllen und so lange so tun, als hätte er nichts gesehen, bis er es tatsächlich vergessen hatte? Eigentlich konnte man sich ja für sie freuen, selbst wenn es mehr wie zwei Teenager gewirkt hatte, die nicht von einander ablassen konnten. Aber wenn es das war, was sie wollten? Innerlich zuckte Liam mit den Schultern. <i>„Ich bin dabei.“</i>, entschloss er und lachte bei ihrer Sorge kurz auf. Seine Stimme hatte allerdings etwas deutlich Vorwurfsvolles. <i>„Soso. Im Dschungel hättest du mich einfach zurückgelassen. Aber hier, unter Menschen, würdest du das nicht.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya verengte ein wenig skeptisch die Augen, während man Liam ansah, dass er über irgendetwas nachdachte. Was genau blieb sein Geheimnis. Und da die Schwarzhaarige sich nicht vorstellen konnte, dass dieses Geheimnis mit ihr zu tun hatte... Er würde schon wissen, wieso er Nichts sagte. <i>„Nichts anderes habe ich erwartet.“</i> Liam war auch nicht der Typ, der einfach seiner Wege ging, ohne eine Chance zu ergreifen, wenn er sie sah. Bei seinen nächsten Worten setzte sie eine gespielt getroffene Miene auf. <i>„Im Dschungel hast du nur mit wilden Tieren zu tun – da bist du sicherer als an solch einem Ort!“</i> Ihr war ein Tiger, der sie in Stücke reißen wollte, lieber als diese ganzen Fest-wütigen Horden. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam hob skeptisch eine seiner Augenbrauen, als er über Shanayas Versuch nachdachte, sich aus der Affäre zu ziehen. Er wartete, ob sie noch etwas zuzufügen hatte, ehe nachdenklich das Gesicht verzog und in seinen Worten zusammenfasste, wie man ihre Ausrede verstehen konnte. <i>„Du meinst also, ich hätte mehr Chancen zu überleben, wenn mich ein Rudel Wölfe adoptiert als unter einer Scharr nutzloser Musiker?“</i> Er meinte es nicht wörtlich, aber die Schwarzhaarige kannte ihn wohl mittlerweile gut genug, um nichts, was er sagte, für bare Münze zu nehmen. Dass er sich am Mittag gar nicht mal so schlecht angestellt hatte als ‚wildes Tier‘ konnte sie dabei nicht wissen.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya drehte bei Liams Nachfrage den Kopf ein wenig zur Seite, überlegte und nickte dann mit einem warmen Grinsen auf den Lippen. <i>„Ganz genau. Also... nicht wegen der Musiker, die sind vielleicht harmlos...“</i> Sie legte die Handfläche an ihren Mundwinkel, neigte sich ein wenig zu dem Dunkelhaarigen, als müsse sie ihre Worte vor denen verstecken, die zufällig zuhören konnten. <i>„Aber der ganze große Rest... Vor denen musst du dich wirklich in Acht nehmen.“</i> Um ihren Worten noch einmal mehr Nachdruck zu verliehen, nickte die Schwarzhaarige. Und mit dem nächsten Herzschlag packte sie Liams Arm und zog ihn mit sich, auf einen der Stände zu. <i>„Was hälst du von überbackenem Brot? Ich bin ganz schwer für einen kleinen Zwischenstopp!“ </i>Und wieder trat das begeisterte Funkeln in ihre blauen Augen. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam senkte den Kopf ein wenig, als Shanaya leiser wurde, als würden sie plötzlich beobachtet. Mit schmalen Augen begutachtete er die Meute, auf die die Schwarzhaarige anspielte. Ein Ausdruck, als hätte sie ihm plötzlich die Augen geöffnet trat auf seine Züge, ehe er verstehend nickte. <i>„… Dann sollte ich für deine Fürsorge wohl ehrlich dankbar sein.“</i>, murmelte er fast schon entschuldigend. Im Grunde hatte sie ja sogar recht – war er es nicht gewesen, der am Vormittag noch von einer Scharr Kinder bestohlen worden war? Wo die sich eigentlich verkrochen hatten? Etwas unvorbereitet, da er von seinen Gedanken abgelenkt gewesen war, spürte er plötzlich einen Ruck, der ihn zur Seite zog. Als er sich umsah, erkannte er den Stand, an dem er bereits heute Mittag mit Skadi gehalten hatte. <i>„Öh, klar, dazu sage ich nicht nein.“</i> Schließlich begann er, seine Geldbörse herauszuholen, um der Jüngeren ein bisschen des ergatterten Goldes in die Hand zu legen.</font>v<br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte eindeutig auf die Worte des Lockenkopfes hin und grinste ihm dabei vielsagend entgegen. <i>„Solltest du. Vielleicht habe ich dir ja das Leben gerettet!“</i> Heute war sie wirklich wieder sehr dramatisch, das kam davon, dass sie so viel Zeit mit dem Brummbären verbracht hatte. Da konnte man ja nur dramatisch denken. Aber immerhin ließ Liam sich ohne Gegenwehr mitziehen, auch wenn er einen Moment verwirrt zu sein schien. Als er sein Geld zücken wollte, patschte sie ihm mit der freien Hand auf seine. Sie war in Spendierlaune... Zumindest, wenn sie in der richtigen Gesellschaft war. Bei dem Stand kam sie zum stehen, strahlte dem Verkäufer entgegen und bestellte zwei von den Broten. Erst, als sie bezahlt hatte und sie in den Händen hielt, drehte sie sich mit gut gelauntem Grinsen zu Liam um, hielt ihm seinen Anteil entgegen. <i>„Das gehört zu dem, was ich noch nicht probiert habe. Wenn ich mich ran halte, habe ich mich durch das ganze Fest probiert...“</i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam schmunzelte amüsiert, fügte ihrer Annahme allerdings nichts mehr hinzu, sondern ließ sich schlicht bereitwillig in die Nähe des Standes zerren. Bevor Liam Shanaya erklären konnte, dass es nicht unbedingt sein Geld war, welches er ihr zur Verfügung gestellt hätte, war sie schon mit einer eindeutigen Geste verschwunden und kam wenige Augenblicke mit zwei der gefüllten Brote zu ihm zurück. Liam nahm es dankbar entgegen. <i>„Oh, die sind gut.“</i>, versicherte er ihr und nahm schließlich einen Bissen. <i>„Endlich mal jemand, der das Fest doch zu schätzen weiß und nicht nur hier ist, um anderen die Taschen zu leeren.“</i>, seufzte er glücklich darüber, dass auch die Schwarzhaarige einen anderen Sinn darin sah, als sich stur am Geld anderer zu bereichern. Dabei hatte dieses Fest so viele Möglichkeiten, sich von den vergangenen Strapazen zu erholen. <i>„Was hast du sonst schon durch? Vielleicht kann ich dir noch etwas empfehlen.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya s Augen leuchteten dem Dunkelhaarigen begeistert entgegen, als er ihr versicherte, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Im nächsten Moment tat sie es ihm gleich, kaute auf dem Brot herum und schluckte schließlich, als Liam wieder zu sprechen begann. <i>„Du hast Recht, die sind wirklich gut!“</i> Über seine nächsten Worte musste sie schmunzeln. <i>„Das habe ich so nebenbei erledigt...“</i> Die Schwarzhaarige bewegte die Hüfte ein wenig, sodass der Degen leicht klirrte. <i>„Aber Geld für die Sphinx habe ich auch schon besorgt. Aber... das geht alles gleichzeitig.“</i> Wenn man sich richtig anstellte. <i>„Hmm... ich hatte glaube ich noch Nichts Süßes...“</i> Überlegend biss sie noch einen Haps vom Brot ab. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam wog zustimmend den Kopf. Es kam ganz darauf an, wie man die Sachen anging und dass Geldbesorgen auch Spaß machen konnte, musste man ihm nicht zweimal sagen. <i>„Bin mal gespannt, wie viel letztendlich zusammengekommen ist.“</i>, überlegte er laut, während er weiter seinen Brotlaib verspeiste. <i>„Wonach wäre dir? Obst oder eher Teigware?“</i> Ein Fest war immerhin nicht alle Tage, da musste man sich auch schon während der Hauptspeise über den Nachtisch Gedanken machen, wenn man – wie sie – alles probieren wollte. <i>„In der Parallelstraße gibt es in Teig gebackene Äpfel. Das wären zwei Fliegen mit einer Klappe.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte ruhig nach den Worten des Lockenkopfs, kaute dabei auf einem weiteren Bisschen des Brotes und schluckte. <i>„Hoffentlich genug, damit die Sphinx bald wieder auf dem Damm ist.“</i> Sie hatte es wirklich nötig, und wirklich richtig in See stechen konnten sie erst, wenn sie nicht mehr Sorge haben mussten, dass ihnen das Schiff durchbrach. Die Frage des Mannes hätte sie beinahe mit einem automatischen 'Beides' beantwortet, aber er hing selbst noch eine Möglichkeit dran, die erneut dazu führte, dass ihre Augen in seine Richtung leuchteten. <i>„Ich nehme drei.“</i> Wäre sie nicht am Essen gewesen, wäre ihr wahrscheinlich das Wasser im Mund zusammen gelaufen. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam nickte. Und gleichzeitig mussten sie noch zusehen, nicht doch noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als gut für sie war. <i>„Immerhin die Crew scheint inzwischen größer zu sein als am Anfang. Da sollte uns der Rest doch auch noch gelingen.“</i> Er war zuversichtlich, dass alles schon irgendwie funktionieren würde. Sie hatten bislang so viel mehr Glück als Verstand gehabt – da standen die Chancen gut, dass sie auch weiterhin von Glück gesegnet waren. Die Aussicht auf Nachtisch schien bei Shanaya auch nicht unwillkommen zu sein. Der Lockenkopf lachte. <i>„Aber wehe es bleibt etwas übrig.“</i> Eine Zeit lang verspeiste er einfach schweigend sein Brot, hatte sich allmählich wieder in Bewegung gesetzt, um langsam aber stetig dem Teigstand näher zu kommen. <i>„Wenn du das nächste Ziel bestimmen könntest – wohin würde es gehen?“</i>, fragte er schließlich nachdenklich und besah sich die junge Frau neben sich neugierig.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte nur noch auf die Worte des Mannes hin, während sie schon wieder auf dem nächsten Bissen herum kaute. Wenn sie an den Anfang dachte... Aspen, Talin und sie. Dazu dann Greo, Liam selbst und der olle Dieb. Mit dem Zuwachs war es deutlicher, das Schiff unter Kontrolle zu halten und andere Arbeiten zu erledigen... Ein weiterer, großer Bissen, mit dem sie den hellen Blick kurz überlegend schweifen ließ, ehe sich ein ruhiges Lächeln auf ihre Lippen schlich. Sie hatte sich längst entschieden, ihre Wahl war auf diese Crew gefallen. Auch, wenn manch einer davon wohl auf dem Grund des Meeres besser aufgehoben gewesen wäre. Aber dann gab es immerhin so jemanden wie Liam. Vertrauen war eine Sache, aber die junge Frau glaubte, dass man sich im Notfall auf ihn verlassen konnte. „Ich würde dir den ganzen Stand leer essen, wenn ich nicht noch Platz für anderes lassen müsste!“ Wenn sie Pech hatte, wurde ihr eben schlecht. Das wäre es ihr allemal wert. <i>„Das nächste Ziel... hmmm...“</i> ein wenig grüblerisch hob sie den Blick zum blauen Himmel. <i>„Die östlichen Inseln der ersten Welt habe ich noch nicht bereist, das wäre sicher einen Ausflug wert.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam hatte keine genauen Vorstellung bezüglich der Ziele, die Shanaya wohl verfolgte. Hatte sie überhaupt welche, die sich auf Örtlichkeiten beschränkten? Wie es schien, würde sie den Osten wählen. Er nickte langsam bei diesem Gedanken. Ihm war es ziemlich egal, wohin die Reise ging. Ob Osten oder Westen, Süden oder Norden. Abenteuer waren mit dieser Crew wohl vorprogrammiert. An diesem Abend fühlte es sich sogar richtiger als sonst an, sich als Teil davon zu sehen. <i>„Um deine Sammlung weiterzubringen?“,</i> fragte er interessiert und dachte an die Karten, die die Jüngere akribisch von jeder Insel anfertigte und aufbewahrte.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya dachte an die Reisen, die sie unfreiwillig hinter sich gebracht hatte. Egal, ob auf einem Schiff ihrer Eltern – oder die Zeit bei ihrem Bruder. Sie hatte diese Reisen nie wirklich genießen können, es hatte sich immer angefühlt, als ob unsichtbare Fesseln sie gehalten hatten. Umso mehr genoss sie nun die Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wollte. Und selbst wenn ihr die Route vorgegeben wurde... es blieb ein unbeschreibliches Gefühl. Auf Liams Frage nickte sie. <i>„Zum einen das... aber ich will auch einfach dort gewesen sein. Was bringen mir tausende Karten der ersten Welt, wenn ich den Ort, den sie darstellen, nicht genossen habe? Deswegen habe ich damit auch erst angefangen, als ich auf die Sphinx gekommen bin.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam lächelte verständnisvoll. <i>„Das ist eine gesunde Einstellung.“</i>, stimmte er ihr zu. Wer die Natur einer Insel nicht genießen konnte, würde niemals einen Ort finden, an dem er sich wohl fühlte. Er selbst war zwar ständig auf reisen, doch er vermisste nichts, weil er sich an jedem Ort wohlfühlen konnte, solange er dort war. Er wusste den Wäldern etwas abzugewinnen, schroffen Klippen und von Flüssen gegrabenen Gräben. Wenn man ständig nur die Zukunft im Blick hatte, vergaß man, die Gegenwart zu schätzen. <i>„Das klingt, als wüsstest du auch noch nicht, wohin es danach geht.“</i>, schlussfolgerte er schließlich frei heraus. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Mit diesen Gedanken wurde Shanaya fast ein wenig sentimental. Es war nun schon ein paar Wochen her, dass sie diese neue Freiheit erlangt hatte... und es erfüllte sie noch immer mit einer unglaublichen Zufriedenheit. Sie bekam, was sie wollte. Und wenn es 'nur' ihr eigener Weg war. Es war ein unglaublich gutes Gefühl. Aber... wohin es nach Milúi ging? Shanaya grinste. „<i>Dazu setze ich mich bald mit den Captains zusammen. Vielleicht haben sie ja schon einen Plan...“</i> Möglich wäre es. Aber langsam konnten sie sich an eine neue Route setzen... „<i>Ich merke auch, dass ich langsam genug Landgang hatte...“</i> Das war Nichts für sie, nicht mehr, seit sie seit einiger Zeit immer von den Wellen in den Schlaf geschaukelt wurde. Ein weiterer, kleiner Biss vom Brot, das sich mehr und mehr dem Ende zuneigte.</font>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Delikatessen des Frühlings</div>
<font size=1>Nachmittag des 04. April 1822<br />
Liam Casey & Shanaya Árashi</font></center><br />
<font color=#6C7B8B>Liam hatte sich nur eine kurze Pause an Board der Sphinx gegönnt, ehe es ihn bereits wieder zum Festland gezogen hatte. Die Strecke vom Schiff zurück zum Fest kannte er wohl mittlerweile nicht nur betrunken sondern auch fast im Schlaf. Die ausgelassene Stimmung hing ihm noch immer nach, während er leichtfüßig über die rauen Steine sprang, um dem abendlichen Treiben in Milui beizuwohnen. Die letzten Tage des Festes standen an, selbst wenn der Lockenschopf heute vermutlich früher als die letzten Abende aufgeben würde. Der Tag war aufregender gewesen als erwartet. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya wusste nicht, wie spät es war. Sie war mit Lucien und Talin zurück zur Sphinx gegangen, bevor sie das Schiff erreicht hatten, war ihr jedoch noch etwas eingefallen. Sie hatte noch etwas besorgen wollen – das hatte sie hiermit getan. Das kleine in Papier verpackte Päckchen ruhte nun in ihrer Tasche, während Shanaya mit ausgelassenen Schritten am Rande der Massen entlang schritt. Manchmal glitt sie hinter die Stände, zwängte sich an Mauern vorbei, um nicht durch die Menschen laufen zu müssen. Sie summte dabei leise, ließ den hellen Blick halbherzig schweifen. Gerade schob sie sich zwischen zwei Ständen wieder auf die belebtere Straße, als ihr ein verlockender Duft in die Nase stieg. Verdammt. Sie wollte nach der Quelle suchen, erblickte aber nur ein bekanntes Gesicht, als sie den Blick hob. Gespannt neigte sich eine Augenbraue in die Luft, abwartend, ob Liam sie entdecken würde. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Inzwischen kannte er die Abfolge der Stände fast auswendig, wenn er die Straße entlang lief, die schließlich irgendwann am großen Brunnen endete. Speisen aller Art, Kleidungsstücke und Leder, Schmuck, Krüge und Gebilde, die angeblich böse Geister von einem fernhielten. Trotz seines eigentlichen Zieles ließ er sich die Zeit nicht nehmen, sich die Leute anzusehen, die an den jeweiligen Ständen zum Halten kamen. Die Frauen, die sich nach neuem Geschirr umsahen und Männer, die zu ihrem stetigem Bierpegel noch die richtige Speise suchten, um den Rausch etwas zu beruhigen. Und zwischen all der Bürger blitzte schließlich ein dunkler Haarschopf heraus, der ihm wohl bekannt war und ihn bereits entdeckt zu haben schien. Mit einem lockeren Lächeln auf den Lippen und den Händen in den mittlerweile wieder geleerten Hosentaschen schritt er auf sie zu und besah sich, kaum dass er sie erreicht hatte, den Stand, an dem sie vermeintlich zum Stehen gekommen war. <i>„Na? Hast du was entdeckt, was dir gefällt?“</i> </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya musste ein wenig breiter schmunzeln, als sie in Liams Gesicht den Ausdruck des Erkennens erkannte. Manchmal wirkte der Ältere etwas... in seiner Welt verloren. Diesmal schien er aber anwesend zu sein. Er kam auf sie zu, sprach sie an und die junge Frau ließ kurz den Blick schweifen, zu dem Stand, der direkt hinter ihr lag. Ein Haufen Kerzen, was den Geruch, der in der Luft lag, erklärte. Mit einem amüsierten Blick richteten sich die blauen Augen wieder auf Liam, suchten kurz die Umgebung nach seiner Begleitung ab. <i>„Eigentlich habe ich nur Wege gesucht, damit ich nicht... da durch muss.“</i> Mit ihren Worten deutete sie auf die belebte Straße, auf der immer wieder kleine Grüppchen zum Stehen kamen und den Weg versperrten. <i>„Aber so kommt man sich ja fast kriminell vor...“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam folgte ihrer Geste und besah sich die kleine Menschenmenge, durch die er sich eben ganz automatisch geschoben hatte. Es war wie ein Trott, der einen mit sich trieb und dazu brachte, sich automatisch der Geschwindigkeit der Menge anzupassen. Ihm machte das nur wenig aus. Er hatte es eher selten eilig, irgendwo hinzukommen. Trotzdem war ihm klar, dass die schlendernden Passanten durchaus hinderlich sein konnten, wenn man selbst nur wenig an den Ständen interessiert war. <i>„Aber dann verpasst du doch all die Stände und ihre Auslagen.“</i>, bemerkte er und besah sich kurz die Kerzen in ihrem Rücken. Okay, so schön anzusehen sie auch waren, Liam hatte eher weniger Verwendung für die hübsch verzierten Minifackeln. Leuchten musste sie. Im Dunkeln blieb einem ihr Aussehen ohnehin verborgen. Dass er seine Worte nicht ganz so ernst gemeint hatte, hörte man ihm aber durchaus an. <i>„Wobei du schätzungsweise auch schon genug Zeit hattest, die Abfolge der Waren auswendig zu lernen, was?“</i> Immerhin hatte es jeden von ihnen diesen Weg schon des Öfteren hin und her geführt.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya gab ein leises amüsiertes Schnaufen von sich, als Liam sie darauf aufmerksam machte, dass was sie alles verpassen würde. Sie hob leicht eine Schulter an. Aber bevor sie antworten konnte, hing der Lockenkopf noch einen Satz dran, mit dem sie schließlich leicht nickte. „<i>Exakt. Die Stände, die etwas haben, was mich interessiert, umgehe ich nicht, aber...“</i> sie richtete den blauen Blick noch einmal zu den Kerzen, dann zu dem Stand daneben, der verzierte Teller und Krüge anbot. <i>„... ich bin da eher auf den Nutzen aus. So... hübsche Teller überleben sicher nicht lange. Vor allem, wenn Trevor sie in die Hand bekommt.“</i> Wieder richtete sich ihr Blick auf den Mann. <i>„Wo hast du Sineca gelassen?“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam hatte es sich denken können. Besonders um diese Uhrzeit reizten auch ihn mehr die Stände, deren verführerischer Duft über die Straße wehte und einen für einen Augenblick den Schweißgeruch vergessen ließ, der mit der Menschenmenge wanderte. Ansonsten hatte er sich ausgesprochen zurückhaltend gezeigt und mehr Wert darauf gelegt, seine Sachen zu verkaufen, um die finanzielle Lage der Sphinx wieder etwas aufzubessern. Federn und Tinte würde warten müssen, bis sein letzter Vorrat wohl gänzlich verbraucht sein würde. Er schmunzelte amüsiert bei der Vorstellung von Trevor, der einen Teller nach dem anderen aus Versehen zu Bruch gehen ließ, doch es hatte auch eine positive Seite, wie er fand. <i>„Naja, andererseits könnte man ihn dann mit Mosaikbildern beschäftigen.“</i> Ein Vorschlag, der den junggebliebenen Piraten vielleicht wirklich über längeren Zeitraum fesseln können würde, wenn man es nur geschickt anstellte. Als Shanaya sich nach Sineca erkundigte, hob er die Hand und wies über seine Schulter zurück in die Richtung des Stadtrandes. <i>„Ihr wird das Fest allmählich zu viel. Sie vertreibt sich die Zeit lieber vor der Stadt.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya verzog für einen Moment das Gesicht zu einer nachdenklichen Miene, ehe sie über das Bild vor ihrem inneren Auge lachte. <i>„Du hast Recht, wir sollten einen ganzen Stapel mitnehmen und immer, wenn ihm langweilig wird, darf er einen davon zertrümmern und wieder zusammen setzen...“</i> Das klang nach einem ultimativen Plan – nur leider befürchtete die Schwarzhaarige, dass er nicht aufhören würde, bevor er fertig war. Egal, ob der Rest der Crew schlafen wollte. Vielleicht schnitten sie sich damit ins eigene Fleisch... Kurz folgte der Blick der jungen Frau dem Deuten des Mannes, nickte dann verstehend. Sie konnte das absolut nachempfinden. Mit dem nächsten Atemzug setzte sie sich jedoch wieder in Bewegung. <i>„Das verstehe ich absolut. Hast du noch etwas vor, sonst können wir den Weg zusammen gehen. Sonst geht es mir noch wie Sineca...“ </i>Sie hatte zwar Nichts bestimmtes mehr, was sie erledigen wollte... aber vielleicht bot sich ihnen ja irgendeine Chance, die man nutzen musste. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam dachte tatsächlich einen Augenblick darüber nach, zumindest einen kleinen Stapel Porzellan einzupacken. Als Test sozusagen und wenn es sich bewährte, konnte man Nachschub besorgen. <i>„Wir könnten ihn auch Konfetti basteln lassen.“</i> Etwas, was vielleicht nicht ganz so zeitaufwendig war, ihm aber bestimmt genauso viel Spaß und Beschäftigung bieten würde. <i>„Du willst so früh schon verschwinden? Dabei geht das Fest abends doch erst richtig los.“</i>, seufzte er mit harmloser Verständnislosigkeit, ehe er den Blick gen Himmel hob, um die Zeit ein wenig abzuschätzen. Er freute sich auf den Abend, so wie er es bislang jeden Abend getan hatte. Heute fühlte er sich vielleicht nur sogar noch etwas freier als zuvor. <i>„Aber ich denke, meine Verabredung kann auch noch ein bisschen warten.“</i> Bereitwillig wandte er sich um und schlenderte neben der Schwarzhaarigen den Weg zurück.</font><br />
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<font color=royalblue>Shanayas Grinsen wurde mit den Worten des Lockenmannes noch ein wenig breiter. Konfetti... damit konnten sie ihn lang genug beschäftigen, das konnte er auch irgendwie allein machen. Notfalls nachts auf dem Deck. Dann hatten sie ihre Ruhe. <i>„Wir sind wirklich gut... wir sollten unsere Tipps an die anderen verkaufen.“</i> Es gab sicher den ein oder anderen, der Mal einen Moment Ruhe vor dem Kindskopf haben wollte. <i>„Nein nein, noch nicht. Aber ich kenne genug Gassen, um schneller an andere Ziele als die gewöhnlichen zu kommen. Und abends kommen doch sowieso nur die ganzen Säufer raus.“</i> Ein erneutes Zucken der Schultern – dafür musste sie nicht auf einem Fest rumlaufen. <i>„Deine Verabredung?“</i> Sichtlich neugierig drehte Shanaya den Kopf ein wenig zur Seite, musterte das Profil des Mannes. </font><br />
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<font color=#6C7B8B>Liam wog überlegend den Kopf, nicht unbedingt abgeneigt von ihrem Vorschlag, Trevor-Abwehrtipps für ein bisschen Gold unter die Crew zu bringen. Es gab bestimmt noch einiges, wie man ihn beschäftigen konnte und wenn man so wollte, profitierten ja beide Seiten davon, oder nicht? War nur die Frage, was er am Ende mit all dem Konfetti anzufangen wissen würde. <i>„Ah, ich verstehe. Und wohin zieht es eine Shanaya?“</i>, fragte er und musste zugeben, dass es ihn freute, dass sie nicht direkt wieder zur Sphinx verschwinden wollte. Unweigerlich kam ihm der Anblick des Waffenstandes in den Sinn, doch er blinzelte ihn weg und war ganz froh, sich nun seinerseits ‚rechtfertigen‘ zu müssen. Ein wissendes Grinsen trat auf seine Züge. Wissend, was sie vermutlich dachte. <i>„Ich muss dich leider enttäuschen. Nicht diese Art von Verabredung.“</i>, bedauerte er für sie. <i>„Abends trifft sich immer eine Gruppe Musiker am Brunnenplatz. Ich wurde sozusagen adoptiert.“</i></font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya behielt die Idee mit der Trevor-Beschäftigung im Hinterkopf, lachte jedoch leise bei Liams Frage. Tja, wohin zog es sie? <i>„Da ich alles, was ich mir besorgen wollte, schon zusammen habe...“</i> Sie deutete auf den neuen Degen, der an ihrem Gürtel baumelte. <i>„... zu keinem bestimmten Ort. Aber heute morgen habe ich da ein paar Stände gesehen, die ich mir noch nicht genauer angesehen habe. Vielleicht ist da ja etwas bei, was meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht.“ </i>Möglich war es. Sein Grinsen ließ sie kurz eine Augenbraue heben, ehe sie bei seinen Worten ein leises 'Arww' von sich gab. Adoptiert?<i> „Hauptsache, sie entführen ihren neuen Sohn nicht, wenn das Fest vorbei ist.“ </i></font><br />
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<font color=#6C7B8B>Liam überflog ihre neuen Besitz und nickte zufrieden mit dem, was sie sich da beschafft hatte. Trotzdem wünschte er sich insgeheim, er würde nicht abermals daran erinnern, was sie sich sonst noch an besagtem Waffenstand geangelt hatte. Wäre es richtig gewesen, ihr zu sagen, dass er davon wusste, oder sollte er sich doch lieber in Schweigen hüllen und so lange so tun, als hätte er nichts gesehen, bis er es tatsächlich vergessen hatte? Eigentlich konnte man sich ja für sie freuen, selbst wenn es mehr wie zwei Teenager gewirkt hatte, die nicht von einander ablassen konnten. Aber wenn es das war, was sie wollten? Innerlich zuckte Liam mit den Schultern. <i>„Ich bin dabei.“</i>, entschloss er und lachte bei ihrer Sorge kurz auf. Seine Stimme hatte allerdings etwas deutlich Vorwurfsvolles. <i>„Soso. Im Dschungel hättest du mich einfach zurückgelassen. Aber hier, unter Menschen, würdest du das nicht.“</i></font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya verengte ein wenig skeptisch die Augen, während man Liam ansah, dass er über irgendetwas nachdachte. Was genau blieb sein Geheimnis. Und da die Schwarzhaarige sich nicht vorstellen konnte, dass dieses Geheimnis mit ihr zu tun hatte... Er würde schon wissen, wieso er Nichts sagte. <i>„Nichts anderes habe ich erwartet.“</i> Liam war auch nicht der Typ, der einfach seiner Wege ging, ohne eine Chance zu ergreifen, wenn er sie sah. Bei seinen nächsten Worten setzte sie eine gespielt getroffene Miene auf. <i>„Im Dschungel hast du nur mit wilden Tieren zu tun – da bist du sicherer als an solch einem Ort!“</i> Ihr war ein Tiger, der sie in Stücke reißen wollte, lieber als diese ganzen Fest-wütigen Horden. </font><br />
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<font color=#6C7B8B>Liam hob skeptisch eine seiner Augenbrauen, als er über Shanayas Versuch nachdachte, sich aus der Affäre zu ziehen. Er wartete, ob sie noch etwas zuzufügen hatte, ehe nachdenklich das Gesicht verzog und in seinen Worten zusammenfasste, wie man ihre Ausrede verstehen konnte. <i>„Du meinst also, ich hätte mehr Chancen zu überleben, wenn mich ein Rudel Wölfe adoptiert als unter einer Scharr nutzloser Musiker?“</i> Er meinte es nicht wörtlich, aber die Schwarzhaarige kannte ihn wohl mittlerweile gut genug, um nichts, was er sagte, für bare Münze zu nehmen. Dass er sich am Mittag gar nicht mal so schlecht angestellt hatte als ‚wildes Tier‘ konnte sie dabei nicht wissen.</font><br />
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<font color=royalblue>Shanaya drehte bei Liams Nachfrage den Kopf ein wenig zur Seite, überlegte und nickte dann mit einem warmen Grinsen auf den Lippen. <i>„Ganz genau. Also... nicht wegen der Musiker, die sind vielleicht harmlos...“</i> Sie legte die Handfläche an ihren Mundwinkel, neigte sich ein wenig zu dem Dunkelhaarigen, als müsse sie ihre Worte vor denen verstecken, die zufällig zuhören konnten. <i>„Aber der ganze große Rest... Vor denen musst du dich wirklich in Acht nehmen.“</i> Um ihren Worten noch einmal mehr Nachdruck zu verliehen, nickte die Schwarzhaarige. Und mit dem nächsten Herzschlag packte sie Liams Arm und zog ihn mit sich, auf einen der Stände zu. <i>„Was hälst du von überbackenem Brot? Ich bin ganz schwer für einen kleinen Zwischenstopp!“ </i>Und wieder trat das begeisterte Funkeln in ihre blauen Augen. </font><br />
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<font color=#6C7B8B>Liam senkte den Kopf ein wenig, als Shanaya leiser wurde, als würden sie plötzlich beobachtet. Mit schmalen Augen begutachtete er die Meute, auf die die Schwarzhaarige anspielte. Ein Ausdruck, als hätte sie ihm plötzlich die Augen geöffnet trat auf seine Züge, ehe er verstehend nickte. <i>„… Dann sollte ich für deine Fürsorge wohl ehrlich dankbar sein.“</i>, murmelte er fast schon entschuldigend. Im Grunde hatte sie ja sogar recht – war er es nicht gewesen, der am Vormittag noch von einer Scharr Kinder bestohlen worden war? Wo die sich eigentlich verkrochen hatten? Etwas unvorbereitet, da er von seinen Gedanken abgelenkt gewesen war, spürte er plötzlich einen Ruck, der ihn zur Seite zog. Als er sich umsah, erkannte er den Stand, an dem er bereits heute Mittag mit Skadi gehalten hatte. <i>„Öh, klar, dazu sage ich nicht nein.“</i> Schließlich begann er, seine Geldbörse herauszuholen, um der Jüngeren ein bisschen des ergatterten Goldes in die Hand zu legen.</font>v<br />
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<font color=royalblue>Shanaya nickte eindeutig auf die Worte des Lockenkopfes hin und grinste ihm dabei vielsagend entgegen. <i>„Solltest du. Vielleicht habe ich dir ja das Leben gerettet!“</i> Heute war sie wirklich wieder sehr dramatisch, das kam davon, dass sie so viel Zeit mit dem Brummbären verbracht hatte. Da konnte man ja nur dramatisch denken. Aber immerhin ließ Liam sich ohne Gegenwehr mitziehen, auch wenn er einen Moment verwirrt zu sein schien. Als er sein Geld zücken wollte, patschte sie ihm mit der freien Hand auf seine. Sie war in Spendierlaune... Zumindest, wenn sie in der richtigen Gesellschaft war. Bei dem Stand kam sie zum stehen, strahlte dem Verkäufer entgegen und bestellte zwei von den Broten. Erst, als sie bezahlt hatte und sie in den Händen hielt, drehte sie sich mit gut gelauntem Grinsen zu Liam um, hielt ihm seinen Anteil entgegen. <i>„Das gehört zu dem, was ich noch nicht probiert habe. Wenn ich mich ran halte, habe ich mich durch das ganze Fest probiert...“</i></font><br />
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<font color=#6C7B8B>Liam schmunzelte amüsiert, fügte ihrer Annahme allerdings nichts mehr hinzu, sondern ließ sich schlicht bereitwillig in die Nähe des Standes zerren. Bevor Liam Shanaya erklären konnte, dass es nicht unbedingt sein Geld war, welches er ihr zur Verfügung gestellt hätte, war sie schon mit einer eindeutigen Geste verschwunden und kam wenige Augenblicke mit zwei der gefüllten Brote zu ihm zurück. Liam nahm es dankbar entgegen. <i>„Oh, die sind gut.“</i>, versicherte er ihr und nahm schließlich einen Bissen. <i>„Endlich mal jemand, der das Fest doch zu schätzen weiß und nicht nur hier ist, um anderen die Taschen zu leeren.“</i>, seufzte er glücklich darüber, dass auch die Schwarzhaarige einen anderen Sinn darin sah, als sich stur am Geld anderer zu bereichern. Dabei hatte dieses Fest so viele Möglichkeiten, sich von den vergangenen Strapazen zu erholen. <i>„Was hast du sonst schon durch? Vielleicht kann ich dir noch etwas empfehlen.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya s Augen leuchteten dem Dunkelhaarigen begeistert entgegen, als er ihr versicherte, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Im nächsten Moment tat sie es ihm gleich, kaute auf dem Brot herum und schluckte schließlich, als Liam wieder zu sprechen begann. <i>„Du hast Recht, die sind wirklich gut!“</i> Über seine nächsten Worte musste sie schmunzeln. <i>„Das habe ich so nebenbei erledigt...“</i> Die Schwarzhaarige bewegte die Hüfte ein wenig, sodass der Degen leicht klirrte. <i>„Aber Geld für die Sphinx habe ich auch schon besorgt. Aber... das geht alles gleichzeitig.“</i> Wenn man sich richtig anstellte. <i>„Hmm... ich hatte glaube ich noch Nichts Süßes...“</i> Überlegend biss sie noch einen Haps vom Brot ab. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam wog zustimmend den Kopf. Es kam ganz darauf an, wie man die Sachen anging und dass Geldbesorgen auch Spaß machen konnte, musste man ihm nicht zweimal sagen. <i>„Bin mal gespannt, wie viel letztendlich zusammengekommen ist.“</i>, überlegte er laut, während er weiter seinen Brotlaib verspeiste. <i>„Wonach wäre dir? Obst oder eher Teigware?“</i> Ein Fest war immerhin nicht alle Tage, da musste man sich auch schon während der Hauptspeise über den Nachtisch Gedanken machen, wenn man – wie sie – alles probieren wollte. <i>„In der Parallelstraße gibt es in Teig gebackene Äpfel. Das wären zwei Fliegen mit einer Klappe.“</i></font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte ruhig nach den Worten des Lockenkopfs, kaute dabei auf einem weiteren Bisschen des Brotes und schluckte. <i>„Hoffentlich genug, damit die Sphinx bald wieder auf dem Damm ist.“</i> Sie hatte es wirklich nötig, und wirklich richtig in See stechen konnten sie erst, wenn sie nicht mehr Sorge haben mussten, dass ihnen das Schiff durchbrach. Die Frage des Mannes hätte sie beinahe mit einem automatischen 'Beides' beantwortet, aber er hing selbst noch eine Möglichkeit dran, die erneut dazu führte, dass ihre Augen in seine Richtung leuchteten. <i>„Ich nehme drei.“</i> Wäre sie nicht am Essen gewesen, wäre ihr wahrscheinlich das Wasser im Mund zusammen gelaufen. </font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam nickte. Und gleichzeitig mussten sie noch zusehen, nicht doch noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als gut für sie war. <i>„Immerhin die Crew scheint inzwischen größer zu sein als am Anfang. Da sollte uns der Rest doch auch noch gelingen.“</i> Er war zuversichtlich, dass alles schon irgendwie funktionieren würde. Sie hatten bislang so viel mehr Glück als Verstand gehabt – da standen die Chancen gut, dass sie auch weiterhin von Glück gesegnet waren. Die Aussicht auf Nachtisch schien bei Shanaya auch nicht unwillkommen zu sein. Der Lockenkopf lachte. <i>„Aber wehe es bleibt etwas übrig.“</i> Eine Zeit lang verspeiste er einfach schweigend sein Brot, hatte sich allmählich wieder in Bewegung gesetzt, um langsam aber stetig dem Teigstand näher zu kommen. <i>„Wenn du das nächste Ziel bestimmen könntest – wohin würde es gehen?“</i>, fragte er schließlich nachdenklich und besah sich die junge Frau neben sich neugierig.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya nickte nur noch auf die Worte des Mannes hin, während sie schon wieder auf dem nächsten Bissen herum kaute. Wenn sie an den Anfang dachte... Aspen, Talin und sie. Dazu dann Greo, Liam selbst und der olle Dieb. Mit dem Zuwachs war es deutlicher, das Schiff unter Kontrolle zu halten und andere Arbeiten zu erledigen... Ein weiterer, großer Bissen, mit dem sie den hellen Blick kurz überlegend schweifen ließ, ehe sich ein ruhiges Lächeln auf ihre Lippen schlich. Sie hatte sich längst entschieden, ihre Wahl war auf diese Crew gefallen. Auch, wenn manch einer davon wohl auf dem Grund des Meeres besser aufgehoben gewesen wäre. Aber dann gab es immerhin so jemanden wie Liam. Vertrauen war eine Sache, aber die junge Frau glaubte, dass man sich im Notfall auf ihn verlassen konnte. „Ich würde dir den ganzen Stand leer essen, wenn ich nicht noch Platz für anderes lassen müsste!“ Wenn sie Pech hatte, wurde ihr eben schlecht. Das wäre es ihr allemal wert. <i>„Das nächste Ziel... hmmm...“</i> ein wenig grüblerisch hob sie den Blick zum blauen Himmel. <i>„Die östlichen Inseln der ersten Welt habe ich noch nicht bereist, das wäre sicher einen Ausflug wert.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam hatte keine genauen Vorstellung bezüglich der Ziele, die Shanaya wohl verfolgte. Hatte sie überhaupt welche, die sich auf Örtlichkeiten beschränkten? Wie es schien, würde sie den Osten wählen. Er nickte langsam bei diesem Gedanken. Ihm war es ziemlich egal, wohin die Reise ging. Ob Osten oder Westen, Süden oder Norden. Abenteuer waren mit dieser Crew wohl vorprogrammiert. An diesem Abend fühlte es sich sogar richtiger als sonst an, sich als Teil davon zu sehen. <i>„Um deine Sammlung weiterzubringen?“,</i> fragte er interessiert und dachte an die Karten, die die Jüngere akribisch von jeder Insel anfertigte und aufbewahrte.</font><br />
<br />
<font color=royalblue>Shanaya dachte an die Reisen, die sie unfreiwillig hinter sich gebracht hatte. Egal, ob auf einem Schiff ihrer Eltern – oder die Zeit bei ihrem Bruder. Sie hatte diese Reisen nie wirklich genießen können, es hatte sich immer angefühlt, als ob unsichtbare Fesseln sie gehalten hatten. Umso mehr genoss sie nun die Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wollte. Und selbst wenn ihr die Route vorgegeben wurde... es blieb ein unbeschreibliches Gefühl. Auf Liams Frage nickte sie. <i>„Zum einen das... aber ich will auch einfach dort gewesen sein. Was bringen mir tausende Karten der ersten Welt, wenn ich den Ort, den sie darstellen, nicht genossen habe? Deswegen habe ich damit auch erst angefangen, als ich auf die Sphinx gekommen bin.“ </i></font><br />
<br />
<font color=#6C7B8B>Liam lächelte verständnisvoll. <i>„Das ist eine gesunde Einstellung.“</i>, stimmte er ihr zu. Wer die Natur einer Insel nicht genießen konnte, würde niemals einen Ort finden, an dem er sich wohl fühlte. Er selbst war zwar ständig auf reisen, doch er vermisste nichts, weil er sich an jedem Ort wohlfühlen konnte, solange er dort war. Er wusste den Wäldern etwas abzugewinnen, schroffen Klippen und von Flüssen gegrabenen Gräben. Wenn man ständig nur die Zukunft im Blick hatte, vergaß man, die Gegenwart zu schätzen. <i>„Das klingt, als wüsstest du auch noch nicht, wohin es danach geht.“</i>, schlussfolgerte er schließlich frei heraus. </font><br />
<br />
<font color=royalblue>Mit diesen Gedanken wurde Shanaya fast ein wenig sentimental. Es war nun schon ein paar Wochen her, dass sie diese neue Freiheit erlangt hatte... und es erfüllte sie noch immer mit einer unglaublichen Zufriedenheit. Sie bekam, was sie wollte. Und wenn es 'nur' ihr eigener Weg war. Es war ein unglaublich gutes Gefühl. Aber... wohin es nach Milúi ging? Shanaya grinste. „<i>Dazu setze ich mich bald mit den Captains zusammen. Vielleicht haben sie ja schon einen Plan...“</i> Möglich wäre es. Aber langsam konnten sie sich an eine neue Route setzen... „<i>Ich merke auch, dass ich langsam genug Landgang hatte...“</i> Das war Nichts für sie, nicht mehr, seit sie seit einiger Zeit immer von den Wellen in den Schlaf geschaukelt wurde. Ein weiterer, kleiner Biss vom Brot, das sich mehr und mehr dem Ende zuneigte.</font>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[We are hunting like the wolves]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=734</link>
			<pubDate>Thu, 02 May 2019 10:36:52 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=734</guid>
			<description><![CDATA[<link href="https://fonts.googleapis.com/css?family=Special+Elite" rel="stylesheet">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><font style="font-family: 'Special Elite', cursive; font-size:24px;">We are hunting like wolves</font><br />
<font style="text-transform:uppercase; font-size:10px;">In the deep of the forests<br />
<br />
<b>2. April 1822 |Farley & Skadi | nachmittags im Wald und auf der Sphinx</b></font><br />
</div>
<br />
<blockquote><div class="Skadi">Vögel zwitscherten in den Wipfeln der hohen Bäume, deren leises Rascheln dem Klangteppich des Waldes eine angenehme Note verliehen. Vereinzelt schimmerten Sonnenstrahlen durch das tiefgrüne Blattwerk und hinterließen flackernde gelbe Punkte auf dem Waldboden, deren Lichtkegel kleine Fliegen und Schmetterlinge umtanzten. Dieser Teil des Waldes auf Milui war fernab der üblichen Wege gelegen und schien nahezu unberührt. Atmete fast wie ein lebendiger Organismus, dessen Adern tief unter Moos und dunkler Erde verwurzelt waren.<br />
<br />
Ein Reh durchbrach jäh die friedliche Idylle, als es sich panisch seinen Weg durch das Unterholz suchte. Schlug unermüdlich Haken in seinem Lauf und preschte nur knapp an Mannes dicken Baumstämmen vorbei. Der Pfeil in seinem Hinterlauf hinterließ bereits rote Spuren auf seinem Fell und erzitterte, kaum dass das elegante Tier erneut über einen jungen Ginsterbusch hinweg setzte. <br />
Zischelnd schoss der nächste Pfeil durch die Luft, verfehlte das Tier um wenige Millimeter am Kopf und schlug krachend in die dunkle Rinde eines Baumes ein.<br />
<br />
Leise fluchend hechtete die Nordskov dem Tier nach und zog kraftvoll den Pfeil aus dem Stamm. Kleine Brocken der Rinde rieselten auf den Boden, während sie sich bereits wieder abwandte und den plattgedrückten Gräsern und tief hängenden, abgeknickten Ästen folgte. Lieber hätte sie das Reh schnell und lautlos erlegt, um ihm unnötige Schmerzen zu ersparen - doch das plötzliche Geräusch, dass ohne Frage das Pfeifen eines Menschen gewesen sein musste, hatte es in jenem Moment aufgeschreckt zurückweichen lassen, als der Pfeil ihre gespannte Sehne verließ. <br />
Somit hechtete sie dem Tier hinterher und versuchte sich nicht noch bei der Hetzjagd über frei liegende Wurzeln und unebenen Boden sämtliche Knochen zu brechen. Wenn sie sich nicht bald etwas einfallen ließ, zerplatzten ihre Lungen und zwangen sie regelrecht dazu stehen zu bleiben. Somit verlangsamte Skadi ihr Tempo, fokussierte die deutlichen Anzeichen der Flucht, die das braune Huftier hinterließ und fischte sich einen neuen Pfeil aus ihrem Köcher. Der fremde Bogen fühlte sich immer noch wie ein Wechselbalg in ihren Händen an und verlangte ihr weitaus mehr Kraft für einen Schuss ab, als der geliebte Bogen ihres Vaters. Doch besser überhaupt ein Bogen, als gar keiner. Denn mit Pistolen schoss sie niemals auf ein Tier. Ihre Ahnen hätten sie dafür auf ewig verflucht. <br />
<br />
An der nächsten Lichtung ging die Dunkelhaarige in die Hocke, als sie das gefleckte Fell des Tieres erkannte. Scheinbar hatte der Blutverlust und die lang anhaltende Flucht reichlich Kraft auf seinen Gliedern gepumpt. Und ermöglichte es der Nordskov somit den Moment zu nutzen. Ohne lang zu überlegen schlich sie in die richtige Position, spannte die Sehne kraftvoll mit einer Hand und schickte einen letzten zielgerichteten Pfeil auf den Hals des Tieres. Und traf dabei fast das Gesicht des Rotschopfes der vollkommen unerwartet ihren Weg kreuzte und mit mehr Glück als Verstand der tödlichen Pfeilspitze entging. Hinter ihm viel das Reh mit einem schrillen Laut zu Boden. Und dann kehrte Stille ein. Eine brennende Ruhe, in der Skadi sichtlich erschrocken zu Farley hinüber sah. <br />
<br />
</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href="https://fonts.googleapis.com/css?family=Special+Elite" rel="stylesheet">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><font style="font-family: 'Special Elite', cursive; font-size:24px;">We are hunting like wolves</font><br />
<font style="text-transform:uppercase; font-size:10px;">In the deep of the forests<br />
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<b>2. April 1822 |Farley & Skadi | nachmittags im Wald und auf der Sphinx</b></font><br />
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<blockquote><div class="Skadi">Vögel zwitscherten in den Wipfeln der hohen Bäume, deren leises Rascheln dem Klangteppich des Waldes eine angenehme Note verliehen. Vereinzelt schimmerten Sonnenstrahlen durch das tiefgrüne Blattwerk und hinterließen flackernde gelbe Punkte auf dem Waldboden, deren Lichtkegel kleine Fliegen und Schmetterlinge umtanzten. Dieser Teil des Waldes auf Milui war fernab der üblichen Wege gelegen und schien nahezu unberührt. Atmete fast wie ein lebendiger Organismus, dessen Adern tief unter Moos und dunkler Erde verwurzelt waren.<br />
<br />
Ein Reh durchbrach jäh die friedliche Idylle, als es sich panisch seinen Weg durch das Unterholz suchte. Schlug unermüdlich Haken in seinem Lauf und preschte nur knapp an Mannes dicken Baumstämmen vorbei. Der Pfeil in seinem Hinterlauf hinterließ bereits rote Spuren auf seinem Fell und erzitterte, kaum dass das elegante Tier erneut über einen jungen Ginsterbusch hinweg setzte. <br />
Zischelnd schoss der nächste Pfeil durch die Luft, verfehlte das Tier um wenige Millimeter am Kopf und schlug krachend in die dunkle Rinde eines Baumes ein.<br />
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Leise fluchend hechtete die Nordskov dem Tier nach und zog kraftvoll den Pfeil aus dem Stamm. Kleine Brocken der Rinde rieselten auf den Boden, während sie sich bereits wieder abwandte und den plattgedrückten Gräsern und tief hängenden, abgeknickten Ästen folgte. Lieber hätte sie das Reh schnell und lautlos erlegt, um ihm unnötige Schmerzen zu ersparen - doch das plötzliche Geräusch, dass ohne Frage das Pfeifen eines Menschen gewesen sein musste, hatte es in jenem Moment aufgeschreckt zurückweichen lassen, als der Pfeil ihre gespannte Sehne verließ. <br />
Somit hechtete sie dem Tier hinterher und versuchte sich nicht noch bei der Hetzjagd über frei liegende Wurzeln und unebenen Boden sämtliche Knochen zu brechen. Wenn sie sich nicht bald etwas einfallen ließ, zerplatzten ihre Lungen und zwangen sie regelrecht dazu stehen zu bleiben. Somit verlangsamte Skadi ihr Tempo, fokussierte die deutlichen Anzeichen der Flucht, die das braune Huftier hinterließ und fischte sich einen neuen Pfeil aus ihrem Köcher. Der fremde Bogen fühlte sich immer noch wie ein Wechselbalg in ihren Händen an und verlangte ihr weitaus mehr Kraft für einen Schuss ab, als der geliebte Bogen ihres Vaters. Doch besser überhaupt ein Bogen, als gar keiner. Denn mit Pistolen schoss sie niemals auf ein Tier. Ihre Ahnen hätten sie dafür auf ewig verflucht. <br />
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An der nächsten Lichtung ging die Dunkelhaarige in die Hocke, als sie das gefleckte Fell des Tieres erkannte. Scheinbar hatte der Blutverlust und die lang anhaltende Flucht reichlich Kraft auf seinen Gliedern gepumpt. Und ermöglichte es der Nordskov somit den Moment zu nutzen. Ohne lang zu überlegen schlich sie in die richtige Position, spannte die Sehne kraftvoll mit einer Hand und schickte einen letzten zielgerichteten Pfeil auf den Hals des Tieres. Und traf dabei fast das Gesicht des Rotschopfes der vollkommen unerwartet ihren Weg kreuzte und mit mehr Glück als Verstand der tödlichen Pfeilspitze entging. Hinter ihm viel das Reh mit einem schrillen Laut zu Boden. Und dann kehrte Stille ein. Eine brennende Ruhe, in der Skadi sichtlich erschrocken zu Farley hinüber sah. <br />
<br />
</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[We are the last of us]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=733</link>
			<pubDate>Tue, 30 Apr 2019 22:05:37 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=733</guid>
			<description><![CDATA[<link href="https://fonts.googleapis.com/css?family=Special+Elite" rel="stylesheet">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><font style="font-family: 'Special Elite', cursive; font-size:24px;">We are the last of us</font><br />
<font style="text-transform:uppercase; font-size:10px;">You and me - last gang in town<br />
It feels like we are one<br />
<br />
<b>4. April 1822 |Enrique & Skadi | nachts auf der Sphinx</b></font><br />
</div>
<br />
<blockquote><div class="Skadi">Sie war vor Stunden aufgebrochen, als die Sonne untergegangen war. Hatte sich bei einem der Anwesenden im Vorbeigehen mit den Worten <i>„Bin gleich wieder da.“</i> abgemeldet und war mit einem kleinen Beiboot aufs Festland verschwunden. Von Enrique fehlte jedoch weiterhin jegliche Spur. Fast war ihr, als hätte sie bereits jeden Stein und jeden Halm umgedreht und ausgerupft. Nirgends konnte sie den Dunkelhaarigen auftreiben, der sich zu verstecken schien wie eine Ameise. Selbst der letzte Hinweis eines Passanten hatte nichts genutzt – seine Aussage war ebenso vage gewesen, wie jede andere zuvor. Es lagen Stunden zwischen dem Gesehenen und jetzt. De Guzmán konnte demnach überall sein! Sichtlich genervt kletterte Skadi die Leiter zum Schiff hinauf. Fuhr sich durch den losen Haarschopf, kaum dass sie auf dem leeren Deck stand und blickte in die gähnende Dunkelheit des Horizonts. Das konnte wohl echt nicht wahr sein. Wieso hatte sie nicht direkt nach ihrem Fluchtversuch nach ihm gesucht?! Wenn er jetzt irgendwo verletzt in einem Verlies lag… energisch schüttelte die Nordskov den Kopf. Verdrängte damit jeglichen Gedanken an das blutverschmierte Gesicht, das sich so gut in die Toten ihrer Heimat einreihte. <br />
<br />
Wandte sich bereits zum Gehen, als ein seltsamer Laut ihre Ohren erreichte. Vom aufkommenden Wind getragen, umspielte es ihr Gesicht, als sie sich Richtung Bug wandte und mit zusammengezogenen Augenbrauen im Schein der wenigen Lampen an Deck versuchte, jemanden zu erkennen. Doch es zeichnete sich keine Silhouette im Halbdunkel ab. Nur das seltsame Geräusch blieb über, das ihr seltsam bekannt und fremd zugleich vorkam. <br />
Mit schnellen Schritten überquerte sie die dunklen Planken, huschte die äußere Treppe hinauf und stand nun perplex auf der Anhöhe. Erst jetzt erblickte sie die Gestalt, die von der Dunkelheit verschluckt im Bugspriet lag und mit dem Gesicht in den Himmel starrte. <br />
<br />
<i>“Enrique?“</i> <br />
<br />
Fast zaghaft glitt sein Name über ihre Lippen, spiegelte den verwirrten Ausdruck auf ihrem Gesicht, der zwischen Erleichterung, Verwunderung und Sorge schwankte. Sie hatte ihn noch nie SO gesehen. Es musste etwas Schlimmes vorgefallen sein. <br />
<br />
<i>“Was ist los?“</i> <br />
<br />
Sie näherte sich nur langsam an ihn heran, hob fast schon abwehrend die Hände, sollte er sich auf die Füße schwingen und zu ihr hinüber hechten. Ein reiner Selbstschutz, der sie überkam wann immer sie mit einem Betrunkenen zu tun hatte. Doch Enrique machte keine Anstalten sich von seiner Position zu bewegen – geschweige denn ihr deutlich zu signalisieren, dass er sie gehört hatte.<br />
</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<link href="https://fonts.googleapis.com/css?family=Special+Elite" rel="stylesheet">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align"><font style="font-family: 'Special Elite', cursive; font-size:24px;">We are the last of us</font><br />
<font style="text-transform:uppercase; font-size:10px;">You and me - last gang in town<br />
It feels like we are one<br />
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<b>4. April 1822 |Enrique & Skadi | nachts auf der Sphinx</b></font><br />
</div>
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<blockquote><div class="Skadi">Sie war vor Stunden aufgebrochen, als die Sonne untergegangen war. Hatte sich bei einem der Anwesenden im Vorbeigehen mit den Worten <i>„Bin gleich wieder da.“</i> abgemeldet und war mit einem kleinen Beiboot aufs Festland verschwunden. Von Enrique fehlte jedoch weiterhin jegliche Spur. Fast war ihr, als hätte sie bereits jeden Stein und jeden Halm umgedreht und ausgerupft. Nirgends konnte sie den Dunkelhaarigen auftreiben, der sich zu verstecken schien wie eine Ameise. Selbst der letzte Hinweis eines Passanten hatte nichts genutzt – seine Aussage war ebenso vage gewesen, wie jede andere zuvor. Es lagen Stunden zwischen dem Gesehenen und jetzt. De Guzmán konnte demnach überall sein! Sichtlich genervt kletterte Skadi die Leiter zum Schiff hinauf. Fuhr sich durch den losen Haarschopf, kaum dass sie auf dem leeren Deck stand und blickte in die gähnende Dunkelheit des Horizonts. Das konnte wohl echt nicht wahr sein. Wieso hatte sie nicht direkt nach ihrem Fluchtversuch nach ihm gesucht?! Wenn er jetzt irgendwo verletzt in einem Verlies lag… energisch schüttelte die Nordskov den Kopf. Verdrängte damit jeglichen Gedanken an das blutverschmierte Gesicht, das sich so gut in die Toten ihrer Heimat einreihte. <br />
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Wandte sich bereits zum Gehen, als ein seltsamer Laut ihre Ohren erreichte. Vom aufkommenden Wind getragen, umspielte es ihr Gesicht, als sie sich Richtung Bug wandte und mit zusammengezogenen Augenbrauen im Schein der wenigen Lampen an Deck versuchte, jemanden zu erkennen. Doch es zeichnete sich keine Silhouette im Halbdunkel ab. Nur das seltsame Geräusch blieb über, das ihr seltsam bekannt und fremd zugleich vorkam. <br />
Mit schnellen Schritten überquerte sie die dunklen Planken, huschte die äußere Treppe hinauf und stand nun perplex auf der Anhöhe. Erst jetzt erblickte sie die Gestalt, die von der Dunkelheit verschluckt im Bugspriet lag und mit dem Gesicht in den Himmel starrte. <br />
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<i>“Enrique?“</i> <br />
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Fast zaghaft glitt sein Name über ihre Lippen, spiegelte den verwirrten Ausdruck auf ihrem Gesicht, der zwischen Erleichterung, Verwunderung und Sorge schwankte. Sie hatte ihn noch nie SO gesehen. Es musste etwas Schlimmes vorgefallen sein. <br />
<br />
<i>“Was ist los?“</i> <br />
<br />
Sie näherte sich nur langsam an ihn heran, hob fast schon abwehrend die Hände, sollte er sich auf die Füße schwingen und zu ihr hinüber hechten. Ein reiner Selbstschutz, der sie überkam wann immer sie mit einem Betrunkenen zu tun hatte. Doch Enrique machte keine Anstalten sich von seiner Position zu bewegen – geschweige denn ihr deutlich zu signalisieren, dass er sie gehört hatte.<br />
</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Time to say hello]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=728</link>
			<pubDate>Wed, 24 Apr 2019 11:33:53 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=9">Liam Casey</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=728</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Time to say hello</div>
<font size=1>Vormittag des 03. April 1822<br />
Farley Dunbar & Liam Casey</font></center><br />
<br />
<blockquote><div class="Liam">Dumpf klopfte die vergangene Nacht noch gegen seine Stirn. Liam wusste nicht, ob es hauptsächlich Müdigkeit oder doch der Alkohol war, der den Abend bis spät in die Nacht hinein geflossen war. Doch er wusste, dass er jetzt weder Zeit noch Lust hatte, sich davon ausbremsen zu lassen, denn das Fest würde nicht ewig dauern. Tagsüber kümmerte er sich darum, seine fertigen Bücher und Zeichnungen für Gold unter die Menge zu bringen bevor sich am Abend wieder die Musiker der Stadt trafen, um gemeinsam zu musizieren. Dass er so schnell ein Teil von ihnen sein würde, hätte er definitiv nicht gedacht, aber umso mehr genoss er die Nächte und nahm dafür eben auch die wenigen Stunden Schlaf in Kauf, mit denen er seither auskommen musste. Wenn sie wieder in See stechen würden, hoffte er darauf, die verlorenen Stunden nachholen zu können, immerhin waren sie jetzt ja einige Leute mehr an Board als noch zum Anbeginn ihrer Reise. <br />
<br />
An diesem späten Vormittag hatte er sich in einer Zulaufstraße zum Markplatz niedergelassen, um seine Werke auszustellen. Der Nachbarstand war so gütig gewesen, ihm leere Obst- und Gemüsekisten zur Verfügung zu stellen, die er als eine kleine Art Theke umgedreht vor sich aufgestellt hatte. Darauf ließen sich die letzten beiden Bücher und ein paar der Zeichnungen ausstellen, die er hier noch zu Geld machen wollte. Er selbst hatte sich auf den staubigen Boden der Straße gesetzt und lehnte im Schatten des Nachbarvordachs an der Wand. In der Hand hielt er eine kleine Feldflasche, die guten Gewissens dieses Mal mit Wasser gefüllt war, um dem leichten Hämmern in seinem Kopf entgegenzuwirken. Die Bücher vor ihm erzählten die Gesichte einer jungen Frau, die eine besondere Freundschaft mit einem weißen Löwen verband. Sie basierte auf einer Freundin, die er auf einer fernen Insel mit ihrem Stamm hatte kennenlernen dürfen, während er auf Reisen gewesen war. Das Buch daneben war ein gemalter Kinderband von einem kleinen Bären auf Umwegen.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Time to say hello</div>
<font size=1>Vormittag des 03. April 1822<br />
Farley Dunbar & Liam Casey</font></center><br />
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<blockquote><div class="Liam">Dumpf klopfte die vergangene Nacht noch gegen seine Stirn. Liam wusste nicht, ob es hauptsächlich Müdigkeit oder doch der Alkohol war, der den Abend bis spät in die Nacht hinein geflossen war. Doch er wusste, dass er jetzt weder Zeit noch Lust hatte, sich davon ausbremsen zu lassen, denn das Fest würde nicht ewig dauern. Tagsüber kümmerte er sich darum, seine fertigen Bücher und Zeichnungen für Gold unter die Menge zu bringen bevor sich am Abend wieder die Musiker der Stadt trafen, um gemeinsam zu musizieren. Dass er so schnell ein Teil von ihnen sein würde, hätte er definitiv nicht gedacht, aber umso mehr genoss er die Nächte und nahm dafür eben auch die wenigen Stunden Schlaf in Kauf, mit denen er seither auskommen musste. Wenn sie wieder in See stechen würden, hoffte er darauf, die verlorenen Stunden nachholen zu können, immerhin waren sie jetzt ja einige Leute mehr an Board als noch zum Anbeginn ihrer Reise. <br />
<br />
An diesem späten Vormittag hatte er sich in einer Zulaufstraße zum Markplatz niedergelassen, um seine Werke auszustellen. Der Nachbarstand war so gütig gewesen, ihm leere Obst- und Gemüsekisten zur Verfügung zu stellen, die er als eine kleine Art Theke umgedreht vor sich aufgestellt hatte. Darauf ließen sich die letzten beiden Bücher und ein paar der Zeichnungen ausstellen, die er hier noch zu Geld machen wollte. Er selbst hatte sich auf den staubigen Boden der Straße gesetzt und lehnte im Schatten des Nachbarvordachs an der Wand. In der Hand hielt er eine kleine Feldflasche, die guten Gewissens dieses Mal mit Wasser gefüllt war, um dem leichten Hämmern in seinem Kopf entgegenzuwirken. Die Bücher vor ihm erzählten die Gesichte einer jungen Frau, die eine besondere Freundschaft mit einem weißen Löwen verband. Sie basierte auf einer Freundin, die er auf einer fernen Insel mit ihrem Stamm hatte kennenlernen dürfen, während er auf Reisen gewesen war. Das Buch daneben war ein gemalter Kinderband von einem kleinen Bären auf Umwegen.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Deep within the forests]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=724</link>
			<pubDate>Mon, 01 Apr 2019 21:43:37 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=5">Skadi Nordskov</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=724</guid>
			<description><![CDATA[<blockquote><div class="Skadi">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align">Am Morgen des 26. März 1822 | am See auf der Insel</div>
<br />
<br />
Seit einer Stunde stand sie nun schon regungslos im Knie hohen Wasser des Seeufers und starrte auf den Wasserfall etliche Meter voraus. Zum ersten Mal seit Tagen, Monaten, wenn nicht sogar Jahren fühlte sie sich losgelöst. Fast als habe sie die Last ihres eigenen Körpergewichts verloren und schwebe nun irgendwo in den Baumwipfel über ihrem Kopf. Gestern hatte sie den ersten Schritt in ihre neue Zukunft getan und würde in den kommenden Tagen nicht mehr länger verstecken, was sie gerade unter dem weiten Stoff ihres Hemdes und ihrer Hose verbarg. Mitten im Nirgendwo stehend, ungesehen, ungehört und nur mit einem Stück Stoff von der Wahrheit getrennt. <br />
Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Strahlte bis in ihre Augen, die hinter braun gebrannten Augenlidern verschwanden. Genüsslich streckte die Jägerin ihre Arme in die Luft, verknoteten sie über dem kurzgeschnittenen, schwarzen Haarschopf, der sich gen Himmel wandte. Wie sehr sie doch  die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf ihrer Haut genoss.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><div class="Skadi">
<div style="text-align: center;" class="mycode_align">Am Morgen des 26. März 1822 | am See auf der Insel</div>
<br />
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Seit einer Stunde stand sie nun schon regungslos im Knie hohen Wasser des Seeufers und starrte auf den Wasserfall etliche Meter voraus. Zum ersten Mal seit Tagen, Monaten, wenn nicht sogar Jahren fühlte sie sich losgelöst. Fast als habe sie die Last ihres eigenen Körpergewichts verloren und schwebe nun irgendwo in den Baumwipfel über ihrem Kopf. Gestern hatte sie den ersten Schritt in ihre neue Zukunft getan und würde in den kommenden Tagen nicht mehr länger verstecken, was sie gerade unter dem weiten Stoff ihres Hemdes und ihrer Hose verbarg. Mitten im Nirgendwo stehend, ungesehen, ungehört und nur mit einem Stück Stoff von der Wahrheit getrennt. <br />
Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Strahlte bis in ihre Augen, die hinter braun gebrannten Augenlidern verschwanden. Genüsslich streckte die Jägerin ihre Arme in die Luft, verknoteten sie über dem kurzgeschnittenen, schwarzen Haarschopf, der sich gen Himmel wandte. Wie sehr sie doch  die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf ihrer Haut genoss.</div></blockquote>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Longing for Waves]]></title>
			<link>https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=699</link>
			<pubDate>Tue, 01 Jan 2019 20:40:20 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://inselwelten.crux-mundi.de/member.php?action=profile&uid=4">Shanaya Árashi</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://inselwelten.crux-mundi.de/showthread.php?tid=699</guid>
			<description><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Longing for Waves</div>
<font size=1>Später Mittag des 25. März 1822<br />
Cornelis Feuerbart, Scortias Bartholomew & Shanaya Árashi</font></center><br />
<blockquote><div class="Shanaya">Mit einer ruhigen Bewegung schlug Shanaya etwas von dem Farn aus dem Weg. Sie hatte den ganzen Vormittag im Dschungel verbracht – und die kleine Kampfeinlage mit dem Dieb hatte ihren ganzen Wasservorrat gefressen. Früher als geplant hatte sie sich also auf den Weg zurück zur Sphinx gemacht, auf deren Deck sie nun stand. Irgendwo hörte sie Stimmen, folgte ihnen jedoch nicht, sondern machte sich mit der Feldflasche in der Hand direkt auf den Weg zum Frachtraum. Sie wusste ja, dass sie dort frisches Wasser finden würde. Und woher dieses Wasser kam. Mit diesem Gedanken, der sie amüsiert schmunzeln ließ, tänzelte die junge Frau die Treppen hinab, ließ die Sonne hinter sich und wurde mit den letzten Stufen etwas langsamer, um sich an das dämmrige Licht zu gewöhnen. <br />
Sie mochte diese Insel, sie hatte etwas paradiesisches an sich – aber auch wenn ihre Laune noch nicht angeschlagen war, so hoffte die Schwarzhaarige doch, dass sie bald wieder aufbrechen würden. Sie wusste noch Nichts von einem nächsten Ziel – aber jetzt, wo Lucien befreit war, stand ihnen alles offen. Und sie konnte sich vorstellen, dass es ihm und auch Talin in den Fingern juckte, endlich wieder in See zu stechen. Und wer wäre sie, sich gegen den Willen der Beiden zu stellen? <br />
Gut gelaunt trat Shanaya also mit diesem Gedanken an eines der Fässer heran, die mit Wasser befüllt waren. Die Flasche nicht zur Seite legend hob sie den Deckel leicht an, schob ihn etwas zur Seite und griff mit der freien Hand nach der Kelle, die auf einem nächsten Fass lag. Mit ruhigen Bewegungen füllte sie erst die Kelle und damit ihre Flasche auf. Für heute hatte sie genug von dem Dschungel, aber es gab sicher genug zu tun, womit sich sicher auch wieder Durst einstellen würde. Nun hob sie die Flasche an, legte sie an die Lippen und gönnte sich einen großen Schluck, womit sie den blauen Blick durch den Raum schweifen ließ.</div></blockquote>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center><link href='https://fonts.googleapis.com/css?family=Tangerine' rel='stylesheet' type='text/css'>
<div style="font-family: 'Tangerine'; color: black; font-size: 52px;  LINE-HEIGHT: 0px">Longing for Waves</div>
<font size=1>Später Mittag des 25. März 1822<br />
Cornelis Feuerbart, Scortias Bartholomew & Shanaya Árashi</font></center><br />
<blockquote><div class="Shanaya">Mit einer ruhigen Bewegung schlug Shanaya etwas von dem Farn aus dem Weg. Sie hatte den ganzen Vormittag im Dschungel verbracht – und die kleine Kampfeinlage mit dem Dieb hatte ihren ganzen Wasservorrat gefressen. Früher als geplant hatte sie sich also auf den Weg zurück zur Sphinx gemacht, auf deren Deck sie nun stand. Irgendwo hörte sie Stimmen, folgte ihnen jedoch nicht, sondern machte sich mit der Feldflasche in der Hand direkt auf den Weg zum Frachtraum. Sie wusste ja, dass sie dort frisches Wasser finden würde. Und woher dieses Wasser kam. Mit diesem Gedanken, der sie amüsiert schmunzeln ließ, tänzelte die junge Frau die Treppen hinab, ließ die Sonne hinter sich und wurde mit den letzten Stufen etwas langsamer, um sich an das dämmrige Licht zu gewöhnen. <br />
Sie mochte diese Insel, sie hatte etwas paradiesisches an sich – aber auch wenn ihre Laune noch nicht angeschlagen war, so hoffte die Schwarzhaarige doch, dass sie bald wieder aufbrechen würden. Sie wusste noch Nichts von einem nächsten Ziel – aber jetzt, wo Lucien befreit war, stand ihnen alles offen. Und sie konnte sich vorstellen, dass es ihm und auch Talin in den Fingern juckte, endlich wieder in See zu stechen. Und wer wäre sie, sich gegen den Willen der Beiden zu stellen? <br />
Gut gelaunt trat Shanaya also mit diesem Gedanken an eines der Fässer heran, die mit Wasser befüllt waren. Die Flasche nicht zur Seite legend hob sie den Deckel leicht an, schob ihn etwas zur Seite und griff mit der freien Hand nach der Kelle, die auf einem nächsten Fass lag. Mit ruhigen Bewegungen füllte sie erst die Kelle und damit ihre Flasche auf. Für heute hatte sie genug von dem Dschungel, aber es gab sicher genug zu tun, womit sich sicher auch wieder Durst einstellen würde. Nun hob sie die Flasche an, legte sie an die Lippen und gönnte sich einen großen Schluck, womit sie den blauen Blick durch den Raum schweifen ließ.</div></blockquote>]]></content:encoded>
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