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Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Druckversion

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RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Alex Mason - 01.02.2021

Sein Blick wanderte an Soula vorbei in die Richtung der kleinen Ansammlung an der Reling, während seine Aufmerksamkeit allerdings eigentlich auf eine Antwort aus dem Krähennest lauschte. Der Nebel war derzeit für ihn reine Nebensache, nichts Unnormales und – auf den ersten Blick – auch weitaus weniger tödlich aus das, was da oben mordlustig auf sie lauerte. Bei Talins Anmerkung schob er den Riemen seines Gewehrs mit der Schulter zurecht und lächelte ein bisschen unglücklich.
 
„Schrot wäre vermutlich etwas wirksamer, aber man nimmt, was man hat.“
 
Nicht umsonst nutzte man für die Jagd auf Vögel Flinten und keine Gewehre. Die Garbe vergrößerte das Zielfeld und vereinfachte somit besonders bei flinken, fliegenden Zielen das Treffen. Sein Glück, dass sie es hier nicht mit einem Fasan zu tun hatten sondern einer Vogelechse mit der Größe einer kleinen Kuh – wenn man die Spannweite außenvorließ. Bei der Frage nach Zairym schüttelte er angedeutet den Kopf, bevor Josiah einer hysterischen Frau gleich übers Deck schrie und Alex skeptisch eine Augenbraue in die Höhe schob. Er musterte die kleine Gruppe, aber an sich schien an ihnen noch alles vorhanden zu sein. Niemand mit Verätzungen oder blubbernden Geschwüren. Es erinnerte ihn ein bisschen wie eine kleine Gruppe Pfadfinder, die nach einer besonders anschaulichen Gruselgeschichte am Lagerfeuer hinter jedem Knacken ein Monster erwarteten. Er schnaubte und fand sogar ein klein wenig Mitleid für Rúnar, der sogleich einer unfreiwilligen Dusche unterzogen wurde. Hinter ihm fiel die Tür nach Talin und Liam wieder ins Schloss, Soula machte sich auf den Weg, den Befehl des blonden Captains zu übermitteln und Alex wandte sich zähneknirschend wieder dem Hauptmast zu, der ihn nachwievor auf eine Antwort warten ließ. Er brummte und wollte gerade noch einmal ein wenig ungehaltener nach oben Rufen, als sich eben diese Frage erübrigte.
 
Alex zuckte zusammen, kaum dass der Schrei unmittelbar neben ihnen über das Deck tönte und mit einem Mal eine riesige Gestalt neben ihnen emporstieg. Jetzt konnte sich Soula selbst davon überzeugen, wie Recht er mit seiner Beschreibung gehabt hatte. Im ersten Moment war der Lockenkopf wie erstarrt, starrte der Kreatur mit einer Mischung aus Faszination und Ehrfurcht entgegen und folgte ihrem Aufstieg gebannt mit den Augen. Aus der Ferne waren sie nicht einmal annähernd so beeindruckend gewesen wie in Wirklichkeit. Erst, als der Echsenvogel nach vorne schnellte, löste sich seine Starre. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte er die Besatzung oben im Krähennest bereits aufgegeben. Dieser Schnabel, die reptilienartigen Krallen – alles an diesem Wesen war nur zu einem Zweck erschaffen: Töten. Er wich zurück, brachte das Gewehr in Anschlag und – verlor im nächsten Augenblick auch schon das Gleichgewicht, als sich die Sphinx bedrohlich nach backbord neigte. Ein tonloser Fluch verließ seine Lippen, während er das Gewehr mit einer Hand packte und mit der anderen nach einem stabilen Punkt zum Festhalten suchte. Letztlich schmiss er sich mit dem Körper nach vorne und zog sich an den Hauptmast heran. Fässer polterten über das Holz gegen die gegenüberliegende Reling. Hinter dem Mast hatte er eine einigermaßen sichere Stelle gefunden, presste sich mit dem Rücken gegen das Holz und harrte aus, bis alles, was lose genug gewesen war, einen neuen Platz gefunden hatte. Kaum, dass er auf der gegenüberliegenden Seite keine mögliche Gefahr mehr ausmachen konnte, verließ er seine Deckung und huschte am Hauptmast vorbei zum Ankerspill, um sich zwischen den Spillspaken einen sicheren Stand zu suchen. Konzentriert biss er sich auf die Unterlippe, während er das Gewehr wieder in Anschlag brachte. Doch er schoss nicht. Nicht etwa, weil das Risiko hoch war, unter dem Schwanken des Schiffes Isala oder Skadi zu treffen (Kollateralschaden, wenn man dadurch verhindern konnte, dass sie alle draufgingen), sondern weil er auf den richtigen Moment wartete. Der Moment, den er zum Nachladen brauchte, konnte ein Moment zu viel sein, wenn er seinen Schuss versemmelte. Und leider war das hier kein Ding, dass überall verwundbar war. Auf dem beschuppten Hinterleib war jeder Schuss vermutlich Verschwendung. Ihn mit einem gezielten Schuss in die Schwingen (vielleicht) flugunfähig zu machen, erschien ihm in dieser Situation auch nicht unbedingt erstrebenswert, solange alles Tödliche noch voll funktionstüchtig war. Das Einzige, was ihnen wirklich helfen würde, ohne das Vieh nur noch aggressiver zu machen, war ein gezielter Schuss, der ihm die Lebenslichter ausbließ. Leider waren Lebewesen dafür bekannt, dass der Kopf meist das kleinste Körperteil und dementsprechend schwer zu treffen. Und die Brust, und damit die lebenswichtigen Organe, waren aus seiner jetzigen Position nicht erreichbar. Abermals ein leises Fluchen, während sich der Kopf des Reptilienvogels in Rage immer wieder seiner Visierung bewegte.
 
„Josiah, schieß!“, rief er letztlich, ohne nachzusehen wo besagtes Crewmitglied gerade stand und ob er – wie von Talin vermutet – wirklich eine Waffe bei sich hatte.
 
Vielleicht war es ihre einzige Chance, den Vogel mit einem Schuss abzulenken, um den kurzen Moment des Schmerzes zu nutzen, um einen gezielteren Schuss abzugeben. Alex hielt die Luft an, folgte dem Ziel mit dem Lauf seines Gewehres und war bereit, eben diesen Moment für sich zu nutzen. Er spürte das leise Zittern in seinem Körper und zwang sich zur Ruhe – das Jagdfieber ließ auch im Angesicht des Todes nicht nach, wenn es einen einmal gepackt hatte.


{ verkeilt im Ankerspill unterhalb des Hauptmastes | bereit, zu schießen, sobald der Vogel kurz still hält }



RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Lucien Dravean - 02.02.2021

Seine Anweisung hatte Shanaya kaum erreicht, da spürte der junge Captain bereits, wie sich die Sphinx ein Stück zur Seite neigte. Wie sie ihren Bug nach Nordwesten ausrichtete und die Wellen sich an ihrem Rumpf brachen. Wie die Segel sich in den Tauen drehten, um vor dem Wind zu bleiben. Allein die Art, wie sich das frisch aufpolierte Schiff mit Leichtigkeit bewegte, hätte ihn in diesem Moment zum Lächeln bringen können – ebenso die Tatsache, wie selbstverständlich ihre Navigatorin seiner Aufforderung nachkam. Obwohl er ganz genau wusste, wie sehr ihr das Abenteuer unter den Nägeln brannte, in das sie sich beide gleichermaßen stürzen wollten.
Doch Lucien lächelte inzwischen nicht mehr. Mit gerunzelter Stirn lauschte er Taróns Erklärung und wo zuvor nur fragendes Unverständnis gelegen hatte, spiegelte sich nun skeptischer Unglaube auf seinen Zügen. Um Jahre gealtert? Was sollte das bedeuten? Es gab nichts... nichts, wovon er je gehört hätte, das diese Auswirkungen haben sollte. Nicht in dieser Welt, zumindest. Selbst Beiros... selbst er hatte nie von solch einem Phänomen zu erzählen gewusst und sein Weg hatte ihn weit, weit über die Grenzen der Ersten, Zweiten oder Dritten Welt hinaus geführt. So viel weiter, als Luciens begrenzter Verstand reichte.
Das Holz des Taljenblocks knackte vernehmlich, lenkte seinen Blick wieder nach unten und er sah gerade noch, wie die morschen Späne lose zu Boden rieselten. Dann führten Taróns Worte ihn zu Trevor, der sich just in diesem Moment in ihr Gespräch einmischte. Wäre ihm seine Hand mal abgefault, dann wäre er damit vielleicht beschäftigt genug gewesen, um den 21-Jährigen nicht schon mit seinem Luftholen zu nerven. Wie genau stellte sich der Spinner das vor? Einen Nebel einzufangen? Es war immer noch ein Nebel, kein verdammter Molch.

Und wie genau soll das funktionieren? Willst du ihn bis dahin vielleicht in ein Gurkenglas sperren?“,

warf er ihm sarkastisch entgegen, bevor er leicht die Augen verdrehte und schließlich seinem eigentlichen Gesprächspartner zunickte, um ihm zu versichern, dass er verstanden hatte. Auch, wenn er nicht verriet, was er von alledem hielt. Trevor verbannte er kurzerhand aus seinen Gedanken. Er hatte in diesem Moment bei Weitem wichtigeres zu tun, als sich die Ideen eines Irren anzuhören. Spätestens, als Ceallagh wieder zu ihnen stieß und ihm eine ganz andere Entscheidung abverlangte.
Bisher hatte er lediglich beschlossen, sich vorsorglich von diesem Nebel zu entfernen, bis Tarón ihn aufgeklärt und von dessen Gefährlichkeit überzeugt hätte. Die Verfolgung ihrer Beute gänzlich abzubrechen stand bis dahin nicht zur Debatte, auch wenn deren Flucht in den weißen Dunst einen Erfolg mehr als unwahrscheinlich machte. Auch ohne Vögel. Doch da ihnen nun Ceallagh im Kampf gegen diesen neuen Gegner ebenfalls nur wenig bis gar keine Chancen einräumte, blieb ihm eigentlich nichts anderes übrig, als abzubrechen und den ursprünglichen Kurs nach Norden einzuschlagen. Gegen einen riskanten Kampf hatte der Dunkelhaarige nichts – aber er würde sie nicht mutwillig in eine aussichtslose Lage steuern.
Mit einem frustrierten Laut fuhr Lucien sich mit der Hand über die Augen und hob dann den Blick zu Ceallagh. Man hörte ihm an, dass ihn das, was er schließlich sagte, gewaltig fuchste.

Wir drehen ab und setzen wieder Kurs nach Cheliya.“ Dann winkte er ab. „Meinetwegen schnapp dir eins von diesen Hühnern. Kann nicht schaden, zu wissen, womit wir es zu tun haben.

Er wollte sich wieder Tarón zuwenden, setzte dazu an, ihn nach weiteren Einzelheiten zu befragen. Doch ein naher, ohrenbetäubender Schrei an Steuerbord ließ ihn herumfahren. Das Rauschen eines gewaltigen Flügelschlags fegte übers Deck, übertönte alle Geräusche. Ein dunkler Schatten legte sich über die Sphinx. Aus purem Reflex griff Lucien nach dem Heft seines Degens, auch wenn der ihm angesichts des Wesens, das sich über ihnen erhob, nicht mehr genutzt hätte, als ein Zahnstocher. Für einen Moment konnte der 21-Jährige ohnehin nichts anderes, als in einer absurden Mischung aus Unglaube und Faszination hinauf zu starren, bis sich der Anblick des Vogels in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. Jedes Detail, jede Feder, jede rot glühende Schuppe.
Dann ging plötzlich ein gewaltiger Ruck durch das Schiff, brachte Lucien aus dem Gleichgewicht. Er taumelte und als sich das Schiff unter dem Gewicht des Angreifers bedrohlich auf die Seite neigte, riss es ihn geradewegs von den Füßen.
Um ihn herum gab es nichts, wonach er hätte greifen können, um sich festzuhalten. Seine unfreiwillige Schlidderpartie Richtung Backbordreling endete deshalb – glücklicherweise – erst, als er unsanft mit der Seite gegen das große Beiboot prallte, das in der Mitte des Hauptdecks in seiner Vertäuung schaukelte. In dem heillosen Chaos um ihn herum griff er nach einem der Seile, hielt sich daran fest. Eine Sekunde später prallte irgendetwas hart gegen seine Schläfe, rollte scheppernd weiter in die Tiefe und sauste von Bord.
Lucien fluchte, drückte die freie Hand gegen seine Braue, hinter der beißender Schmerz tobte, und blinzelte gegen das grelle Weiß an, das ihm für einen Sekundenbruchteil die Sicht genommen hatte. Dann hob er den Blick, versuchte, sich zu orientieren. Zu sehen, wo Ceallagh und Tarón waren und was, bei allen Acht Welten, mit seinem Schiff geschah.
Nur eine Armlänge von ihm entfernt ragte der Hauptmast in die Höhe. Er sah daran hinauf, entdeckte das frei über dem Meer hängende Krähennest und den gewaltigen Vogel, der sich daran festzuhalten schien. Und der sie nur deshalb nicht alle ertränkte, weil er nicht vor hatte, auf ihnen zu landen, sondern noch mit den Flügeln schlug, um sich in der Luft zu halten. Doch von den beiden Frauen, die dort sein sollten, sah Lucien in diesem Augenblick nichts.
Unwillkürlich wandte er den Kopf zum Achterdeck, suchte zunächst nach der Tür, die unter Deck führte und an der Talin zuletzt gestanden hatte. Nichts. Sie war nicht dort. Wo war sie? Unter Deck? Gestürzt? Über Bord gegangen? Er konnte nicht richtig denken.
Mühsam kämpfte Lucien sich auf die Beine, zog sich am Beiboot hoch und registrierte nur am Rande, wie irgendjemand irgendetwas von 'schießen' zu irgendjemand anderem brüllte. Gute Idee. Alles, Hauptsache, sie bekamen diesen Vogel dazu, das Schiff loszulassen. Er musste nach Talin sehen. Und nach... Sein Blick ruckte ein Stück weiter nach oben, zum Steuer, das völlig unkontrolliert ausschlug. Shanaya?!
Sein Kopf schien explodieren zu wollen.

[Hauptdeck, am Beiboot | unmittelbare Nähe zu Alex, irgendwo bestimmt auch Ceallagh und Tarón | mit Platzwunde an der Stirn]



RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Tarón Valur - 05.02.2021

In dem einen Moment standen sie noch beisammen – beunruhigt, aber immerhin mit so kühlen Köpfen, dass eine Planung und Analysieren der Lage möglich waren und Tarón Ceallaghs Worte bezüglich der Vögel mit der Andeutung eins grimmigen Nickens quittieren konnte – im nächsten brach das Chaos über sie herein.
Taróns Augen erspähten den Vogel - im Dunst dieses verdammten Todesnebels herangenaht, wie ein Geist – erst einen Sekundenbruchteil, bevor er sich auch schon auf das Krähennest stürzte.

‚Isa!‘

Der heisere Entsetzensschrei blieb dem Falken im Hals stecken, als er bereits mit den nahe bei ihm stehenden von den Füßen gerissen wurde und keine Chance hatte sich noch irgendwo anders festzukrallen als an den Planken unter ihm, die seine Fingernägel abschleiften wie Feilen.

Die Erinnerung an ein zu ähnliches Szenario brach über ihm zusammen, wie die Wellen, die die Aurora nur Monate zuvor verschlungen hatten und für einige schreckliche Sekunden vermischte sich die Vergangenheit mit der Gegenwart. Er konnte das Feuer riechen – ein Feuer, das nicht hier brannte, das längst erloschen war, als die Aurora in ihr ewiges Grab am Grund des Meeres fuhr - war sich sicher die Stimmen von Bad Bones und Hutcher unter denen derjenigen zu hören, die nun mit ihm segelten und er spürte den Schmerz in seinem linken Arm aufflammen, als hätte ihn erneut ein Trümmerstück der länge nach aufgeschlitzt und zerfetzt. Er nahm die Erschütterung wahr, als er mit dem Rücken gegen die Reling prallte, konnte sie aber kurzzeitig nicht einsortieren, ebenso wenig wie die Schatten der gigantischen, schlagenden Flügel über ihnen, die das wankende schreiende Schiff wie ein Nachtbote bedeckten.
Nur verschwommen sah er den Anflug von Grün und Blau – dunkel nun und seinem grellen fröhlichen Strahlen beraubt – durch sein benebeltes Sichtfeld zischen, ehe sich kühle Schuppen an seine Wange drückten und er Calwahs angsterfülltes Fauchen in Richtung Himmel in seinen Ohren zischen hörte. Das stellte die Verbindung irgendwie wieder her.

Taróns Hand fuhr über das Schuppenkleid der Echse, schob sie ein Stück von sich und er kämpfte sich wieder auf die Beine. Unweit von ihm kam auch Lucien wieder hoch und versuchte sich ebenso zu orientieren. Zwar blutete der Käpt’n, schien aber zumindest noch handlungsfähig, was Tarón als eine Silbermünze inmitten eines Haufens Scheiße verbuchte.

‚Reiß dich zusammen, Tarón! Verdammt!‘

Sie brauchten eine Idee, und zwar sofort! Sein Blick bohrte sich in die Augen dieses Monsters über ihnen – ein Monster, das davor stand zu vernichten, was Tarón gerade erst wiedergefunden hatte…Isa.
Tarón zwang sich dazu die Panik niederzukämpfen, die beim Anblick von Mast und Vogel in ihm aufkeimte. Panik würde sie nicht retten. Keinen von ihnen. Sein Blick flog umher, suchte nach einer zündenden Idee, denn auch wenn Josiah und Alex gute Schützen sein mochten und er sich selbst zutraute den Vogel ebenso zu treffen erwartete er nicht, dass dieses Mistviech sich davon ernsthaft beeindrucken ließ, sollte es nicht sofort erledigt werden… eher würde es noch wütender werden.

...Rúnar!

„Rúnar! Jetzt wäre der richtige Moment für deine Tiererfahrung!“

Bellte er dem Jüngeren zu, für den Moment jeden Mitgefühls für dessen eigene womögliche Verzweiflung, Verwirrung und Verletzungen beraubt. Dafür war keine Zeit. Selbst wenn sie zuvor darüber gescherzt hatten: Rúnar kannte sich offenbar tatsächlich mit Tieren aus! Und groß oder klein…Bestien waren Bestien. Doch um sich weglocken zu lassen erschien das Vieh im Moment zu wütend – zumindest war das der Eindruck, den der Falke hatte.
Er selbst sah mit gefurchter Stirn auf das Wesen…verdammt große Augen…wie eine Eule. Nachtvogel…

„Vielleicht können wir es blenden und so vertreiben…“

Überlegte er laut genug, dass auch die Schützen es hören konnten. Wenn sie denn schossen wäreder Kopf das einzig denkbare Ziel. In diesem Fall groß genug eine Chance zu haben ihn trotz der Umstände zu treffen, empfindlich genug vielleicht irgendetwas anderes als reine rasende Wut zu bewirken. Vielleicht. Denn wie tödlich ein Schuss ihrer Waffen aus dieser Distanz auf dieses Wesen sein würde war mit einigen Fragezeichen versehen. Verletzt wurde das Ding nur noch runberechenbarer werden. Und da es die Sphinx noch in den Krallen hielt war das keine gute Aussicht.
Doch Tarón dachte beim Blenden daran was Rúnar mit Calwah gemacht hatte und an diesen richteten sich seine Worte in erster Linie, hoffend, dass Rúnar den Plan entweder bestätigen würde oder mit einer besseren Idee daher kam… doch selbst wenn sie etwas Spiegelndes gehabt hätten – etwas, das groß genug wäre – die Schwingend es Wesens verdunkelten die Sphinx zusammen mit dem Nebel so sehr, dass der Plan daran scheitern konnte.

‚Aber wir haben Schießpulver …. und eine Küche.‘

„Glaubst du eine Blendbombe bringt bei der Art Vieh etwas? Schnell!“

Wenn dieser Plan nichts brachte würde er wertvolle Zeit verschwenden – Zeit, die sie nicht hatten … Zeit, die vor allem für die beiden Frauen im Krähennest tickte. Für Isala. Und Tarón – so Ideenreich und erfahren, wie er war – konnte sich hier nicht auf Erfahrung mit großen und gefährlichen Tieren stützen. Eine Wissenslücke, die sich nun auf schmerzhafteste Art bemerkbar machte, wie die verheilte Wunde am Arm, in den er unbewusst die Finger der anderen gekrallt hatte. Er brauchte eine fundiertere Meinung oder sie würden noch einmal vollkommen umdenken müssen…

‚oder es mit roher Gewalt versuchen…‘

Doch für ihre Kanonen war das Biest außer Reichweite…unter Deck hätten die auch am Grund des Meeres liegen können. Und ohne sie, nur mit ihren Gewehren… Nicht gänzlich unmöglich - aber ein dünner Faden, an den sie sich dann krallen mussten.
Es musste eine List geben, die ihnen die Sache zumindest leichter machte. Irgendein Kniff, der diesen Gockel davon überzeugte, dass er sich das falsche Schiff ausgesucht hatte und besser wieder in sein Nebelland verschwand oder ihn zumindest den Kopf in eine Position bringen ließ, die den anderen einen hoffentlich tödlichen Schuss erlaubte...
 


[Hauptdeck in der Nähe von Lucien und Ceallagh| spricht vor allem Rúnar an, ist aber laut genug für die meisten Umstehenden (und liegenden...)]


RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Soula Veniel - 07.02.2021

Der Nebel schien einige Eigenarten an sich zu haben. Diese waren aber länger nicht mehr relevant, da sie sich sowieso von ihm entfernten. Das war schon Mal gut, auch wenn sie sich noch immer für den seltsamen Dunst interessierte. Nachdem Alex einige Fragen hoch zum Krähennest geschickt hatte, horchte Soula auf eine Antwort, denn die interessierten sie ebenfalls. Noch bevor Worte von den Frauen im Krähennest herunter wehen konnten, hörte sie Talin, die Soula direkt ansprach. Sie nickte, „Ja“, gab sie als kurze Antwort und sah sich direkt auf dem Deck um. Mit Josiah hatte sie noch nicht viel zu tun gehabt. Ihr Blick blieb an Rúnar und Trevor hängen, dann an Greo. Sie hatte sich probiert die Namen so gut es ging einzuprägen, aber das war leichter bei denen, mit denen sie schon direkt und längeren Kontakt gehabt hatte. Soula glaubte aber zu wissen, welches Gesicht sie diesem Namen zuordnete und steuerte Josiah dann auch geradewegs an. Er hatte ziemlich mit Rúnar und dem Nebel zu kämpfen.

„Josiah, Talin möchte, dass du dich bereit machst, auf den Vogel zu schießen“, richtete sie also die Nachricht aus und horchte immer noch, ob sie aus dem Krähennest irgendwelche Worte hören konnte. Was sie dann aber vernahm, war der erneute Schrei des Vogels, viel lauter und viel unheilvoller, als der erste. Sofort hob sie den Kopf und sah dabei zu, wie er sich auf das Krähennest stürzte. Ihre Augen weiteten sich und ihr Herz schlug um einiges schneller. Sie würden hier also alle drauf gehen. Hier und heute. Nur zu gerne dachte sie an die Worte, die Alex unter Deck noch ausgesprochen hatte, zurück. Leider hatten sie nicht diesen beruhigenden Effekt, den sie sich in diesem Moment wünschte. Nur einen Augenblick später begann sich die Sphinx zu neigen, sehr zu neigen. Sie stand zu weit von der Reling weg, um nach dieser greifen zu können. Soula verlor das Gleichgewicht und fiel. Sie erinnerte sich dunkel an Shanayas Worte, die bei ihrer ersten Begegnung davon erzählten, dass Soula von Board ging. Diese Genugtuung würde sie der Navigatorin mit Sicherheit nicht bieten. Sie griff eine der verstärkenden Planken in der Mitte des Schiffes, welche ein wenig herausragten. Sie stöhnte kurz auf, als wieder das Gefühl hatte, sich einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Wobei Kontrolle nicht gerade das Wort war, mit dem sie die gesamte Situation beschreiben würde. Sie hörte etwas von Schießen, sie war selber gespannt, ob das bei dieser Kreatur groß etwas bringen würde.

Die Stimme von Tarón erreichte sie. Er sprach davon das Tier zu blenden und Soula fand diesen Einfall gar nicht so schlecht. Sie schaute in den Himmel, konnte aber leide keine Sonnenstrahlen ausmachen, die man irgendwie hätte umleiten können. Er hatte zwar von einer Blendbombe gesprochen, aber warum sollte man sich auf eine Möglichkeit beschränken? Leider war der Himmel bewölkt und ließ keine Sonnenstrahlen zu, bisher. Mit Bomben kannte sich Soula nicht aus und der Vogel kam ihr auch recht flink vor, trotz seiner Größe.

„Ich weiß, es ist ein Risiko das Schiff abzufackeln, aber mit Feuer können die meisten Tiere auch nicht gut umgehen.“

Es sei denn man begegnete einem Drachen oder ähnlichem. In welche Kategorie sie diesen Vogel einordnen sollte, wusste sie aber auch noch nicht ganz. Viel Zeit zum brainstormen hatten sie hier offensichtlich nicht, denn der Angriff hatte bereits begonnen, blind irgendwelche Aktionen starten war aber auch nicht die beste Art lebend davonkommen zu wollen. Deswegen war das Sammeln von Ideen essenziell. Ihr Blick fiel auf Alex, in erneuter Hoffnung sich selbst irgendwie beruhigen zu können.

[Hauptdeck, mitte der Sphinx | zuerst direkt bei Josiah und Rúnar, dann nahe Tarón, Rúnar, Lucien, Alex (&Co)]



RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Rúnar Rúnarsson - 09.02.2021

Rúnar konnte gar nicht so schnell reagieren, da hatte Josiah seinen Arm gepackt und ihn in den Eimer mit dem Putzwasser getaucht. Rúnar schrie auf vor Schreck, als das kalte Wasser seinen Arm hochspritzte. Der Nebel--

--wurde unwichtig. Ein gellendes Kreischen ließen ihn abermals aufschrecken. Es klingelte in den Ohren und schien aus allen Richtungen zu kommen -- Rúnars Kopf zuckte herum, er versuchte auszumachen, wo es herkam--

Und dann kippte die Sphinx um.

Inventar rumpelte Unterdeck, Rúnar schrie, hörte Tarón laut und beinahe verzweifelt nach Isa schreien, Lucien und Trevor rutschten aus -- Rúnar schaffte es gerade noch so die Reling zu packen. Mit der einen Hand. Die andere packte Josiah am Oberarm und seine Finger gruben sich in Josiahs Trizeps. Doch Rúnars Füße schlitterten auf dem Deck und er musste Josiah loslassen, hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest -- und seine Stiefelspitze fand eine Kerbe im Deck, die ihn stabilisierte.

"Was ist passiert?" Die Sphinx war auf halbem Weg zur Seite hängen geblieben.

Hinter sich hörte Rúnar ein heftiges Flattern und ein wütendes Krächzen, ehe sein aufgemischter Sittich an ihm vorbeischoss. "Harald!" versuchte Rúnar ihm hinterherzurufen, aber es kam nur ein eine angestrengte Reihe an Buchstaben heraus. Und wie anstrengend es wurde, so auf halb acht zu hängen. Rúnar sah sich um -- ob er sich nicht doch einfach runterrutschen lassen sollte -- da sah er Alex, wie dieser sich mit einer Schrotflinte in eine bestimmte Position zu begeben versuchte. Er rief Josiah zu, dass dieser schießen sollte und Rúnars Kopf zuckte zu Josiah herum, dann zu Lucien, wieder zu Alex, zu Tarón -- alle schauten sie zum Krähennest.

Als Rúnar nach oben blickte, blickte ihm ein leuchtendes Paar Eulenaugen entgegen.

Er schnappte nach Luft, um nicht nochmals aufzuschreien.

Rúnar hörte seinen eigenen zittrigen Atem.

Ein.

Aus.

Ein.

Aus.

Was hatte er sich früher nicht alles ausgemalt. Drachen, verfluchte Prinzen in der Gestalt eines Bären, böse Königinnen, die Eissplitter umherschleuderten -- Monster und Gestalten, die er und seine Spielkameraden sich vorgestellt hatten, nur um dann mit einem Stock, einer Mistgabel oder einen alten Reitgerte in die Luft zu stechen und so zu tun als seien sie die Helden, die alle vor dem Unheil bewahrt hatten.

Und jetzt hing eines dieses Monster am Mast über ihnen und sah auf die Crew hinab, als seien sie Figuren auf einem Spielbrett. Als müsse es nur noch überlegen, welche Züge es brauchte, um seinen Gegner schnellstmöglich schachmatt zu setzen.

Rúnar sah zu James hinüber. Hätte er das gewusst, dann hätte er bei ihrem Trinkabend nicht so blöd rumposaunt, was für ein großer Bestienzähmer er wäre. Nicht, dass er angenommen hatte, dass irgendwer das ernst nehmen würde. Dass irgendjemand den schlacksigen, hysterischen, feinen, hochwohlgeborenen Rúnar als Bestienzähmer einschätzte.

Zählte Svavar auch als Bestie?

Egal.

Genau in dem Moment sprach Tarón das aus, woran Rúnar gehofft hatte, dass keiner sich erinnern würde. Er war sich nicht sicher, wie ernst Tarón das nun meinte, denn in der Taverne, hatte er es offensichtlich nicht getan. Oder?

Rúnar zwang sich, den Vogel anzusehen. Direkt in die Augen des Tieres zu blicken -- sich so sehr darauf zu konzentrieren, dass er vergaß, wie viel Angst er eigentlich hatte. Er hatte Wale gejagt und präzise erbeutet, ein gute handvoll Pferde gebrochen, er hatte eine Echse eingefangen und einen Vogel an der Backe, der seiner vorigen Besitzerin angeblich die Augen ausgepickt hatte, sich aber nachts an Rúnars Gesicht schmiegte als gäbe es keinen besseren Schlafplatz als eine kalte, von Salzluft angerauhte Wange.

Rúnars Augen begannen, die Bestie abzusuchen. Konnte er sie mit einer Harpune erledigen? Alex mit seiner Schrotflinte? Eine Kanonenkugel vielleicht?

Tarón rief ihm etwas zu -- Blendbombe. Friedliche Lösung. Soula rief irgendwas von Feuer. Friedlich aber riskant.

Und im selben Moment in dem Rúnar sich dafür schämte, dass sein erster Gedanke gewesen war, das Tier zu töten, fiel ihm etwas auf. Das was an dem Vogel hing, was ausgehen hatte, wie der aktive Nebel, der auch an ihnen gehangen war, war eigentlich Rauch. Er stieg dem Vogel aus dem Schnabel und dem Gefieder. Dichter, dunkler und wirbelnder als der Nebel. Und seine Federn wirkten stumpf und ungepflegt, die Schuppen an seinen Beinen matt.

"Ich--" begann Rúnar, versuchte die Stimme anzuheben, sodass die Crew ihn hörte. "Ich glaube, er hat irgendwas!" Oh, Götter, wie absurd das klang. Aber er war sich so sicher. "Er ist aggressiv, weil er irgendwelche Schmerzen hat!" Kurze Pause, dann betonte er nochmal: "Glaube ich!"

{ hält sich an der Reling fest | ruft, sodass alle an Deck ihn hören können }



RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Talin Dravean - 09.02.2021

Sie blieben ihr die Antwort auf ihre Frage, wo Zairym war, schuldig, aber in dem Augenblick konnte es ihr auch egal sein, denn immerhin hatten sie zwei Schützen an Bord, sollte etwas passieren. Also nickte sie nur noch einmal, an niemanden bestimmten gerichtet und folgte dann Liam nach unten.
Kaum war sie durch die Tür getreten, fiel diese hinter ihr wieder zu und der junge Mann sprach zu ihr, während sie nach unten eilten. Talin neigte nachdenklich den Kopf von der einen zur anderen Seite, bevor sie ihn schließlich schüttelte.

Ich habe von ihnen schon einmal gehört, aber das ist auch schon alles. Ich habe sie für eine Legende gehalten, eine Gute Nacht Geschichte, um Kindern Angst einzujagen, wenn du so willst.

Sie musste ein wenig schmunzeln, wenn sie so darüber nachdachte. Nachdem sie Geschichten und Legenden jagte, sagte sie, dass sie die Existenz dieser Vögel für unwahrscheinlich hielt? Ahhhh, sie musste wirklich aufpassen, dass sie nicht zu schnell von der ‚Realität‘ eingeholt wurde. Talin schüttelte wieder den Kopf und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das wirklich Wichtige, obwohl Liam schon die ersten Anweisungen gegeben hatte.
Während Rayon einen Eimer mit Wasser besorgte und Liam schon mit Gregory die Stoffbahnen zusammensuchte, sah sie noch einmal in Richtung Hauptdeck und ein kleines Frösteln überkam sie, während sie über Liams Frage nachdachte.

Ich weiß nicht, was sie entdeckt haben. Aber sie schienen ziemlich in Panik geraten zu sein, als Trevor seinen Arm in den Nebel gehalten hat.“ Sie machte in Richtung Gregory eine beruhigende Geste, dass es seinem Vetter gut ging. „Allerdings macht mir dieser Nebel fast mehr Angst als der Vogel...

Während sie auf ihrer Unterlippe herumknabberte, wandte sie sich an die beiden Männer und sah sich die Stoffbahnen noch einmal an. Sie zog einen ihrer Dolche heraus und schnitt aus einem der Tücher ein Dreieck heraus, das sie dann hochhielt.

Ich hab in einer Färberei gesehen, dass sie sich die Tücher so vor die Münder binden, um den Gestank ertragen zu können. Wenn wir die Stoffe nass machen, sollte es -

Ein heftiger Ruck ging durch das Schiff, warf den herannahenden Rayon mitsamt seinen Eimer um, sowie auch Gregory und Elian. Talin erstarrte als sie auf einmal den Boden unter den Füßen verlor und schaffte es gerade noch ihren Dolch los zulassen, bevor sie sich selbst oder einen der anderen damit erstach. Doch dadurch schaffte sie es nicht, ihren Fall zu stoppen und prallte schmerzhaft mit dem Kopf gegen den Schreibtisch. Fast sofort hörte sie ein Klingeln in den Ohren und Sterne flogen vor ihren Augen, als sie zu Boden rutschte und ihre Hände auf ihre linke Schläfe presste.
Hysterisch blinzelte sie, versuchte, die schwarzen Punkte vor ihren Augen verschwinden zu lassen, und schluckte ein paar Mal, wobei sie Blut schmeckte. Offensichtlich hatte sie sich auf die Zunge gebissen. Der Gedanke geisterte nüchtern durch ihren Kopf, wobei er schon alsbald von explodierenden Schmerzen verschluckt wurde. Irgendwo bemerkte sie und sei es nur, weil sie es anders gewohnt war, dass sich das Schiff in Schräglage befanden und anscheinend nicht die Absicht hegte, sich wieder aufzurichten.

Was...was...war...

Sie verstummte nahezu sofort und schluckte, versuchte, sich zu orientieren und einen der anderen zu sehen.

[erst am Hauptdeck | dann beim Lazarett | bei Liam]


RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Zairym al Said - 09.02.2021

Er hätte nie gedacht, dass er einmal so schnell einen neuen Freund finden würde. Wirklich und wahrhaftig, er schloss niemanden schnell ins Herz. Aber dieser kleine, hölzerne Eimer schien genau das zu sein, wonach er sich seit Ewigkeiten zu sehnen schien. Zumindest seit dieses vermaledeite Schiff und seine verfluchte Crew begonnen hatten, Jagd auf ein anderes Schiff zu machen. Gegen einen kleinen Raubzug für ein wenig mehr Geld hatte er nie etwas einzuwenden, aber konnten sie das nicht auf festen Boden machen? Das waren seine Gedanken gewesen, als er sich das erste Mal über die Reling gebeugt und übergeben hatte. Nur mit Mühe hatte er sich mit eben besagtem neuem Freund nach unten aufs Mannschaftdeck verzogen, in eine Hängematte gelegt und gehofft, dass er das ganze irgendwie überstehen würde. Sein Magen hatte, nach mehrmaligem entleeren und würgen, sogar angefangen, sich zu beruhigen. Und dann kippte seine Welt.
Ohne groß darüber nachzudenken, hatten Rym den Eimer losgelassen, der frei durch den Raum flog und seinen Inhalt unschön auf dem Deck verteilte. Der junge Mann konnte von Glück sagen, dass er sich mit einigermaßen zielsicheren Reflexen am Mast festhalten konnte, nachdem er schon aus der Matte gepurzelt war. Völlig entsetzt über das Chaos, das ihn auf einmal in diese Lage gebracht hatte, vergaß er seinen rebellierenden Magen, während er auf die Füße kam.

Was bei der gütigen Göttin...?“, begann er zu fluchen, während er sich in eine einigermaßen bequeme Position aufrichtete. Wehmütig sah er seinem einzigartigen Freund hinterher, der irgendwo in der Dunkelheit verschwunden war. Gleichzeitig machte er sich auf den Weg in Richtung Treppe, um schwankend nach oben zu kommen. Sein Magen begann schon wieder nervös zu flattern, aber diesmal war er zu wütend über die Störung, die ihn seine aufkommende Ruhe ruiniert hatte, um daran zudenken, sich wieder zu übergeben. Stattdessen riss er die Tür auf und sah sich nach dem Grund für die Schieflage des Schiffes um.
Rym blinzelte ein paar Mal, hob unsicher die Hand an die Tasche in seinem Hemd. Doch ob Brille oder nicht, er musste sich eingestehen, dass das, was er dort vor sich sah, Wirklichkeit sein musste. Ein sehr großes, schweres...Etwas mit Flügeln so lang wie das Schiff, hing am Hauptmast der Sphinx und schien es darauf abgesehen zu haben, sie zu versenken. Der Dunkelhaarige kniff wütend die Augen zusammen, dachte an seinen beschädigten Freund auf dem unteren Deck, bevor er die Tür losließ und sich bis zur Reling rutschen ließ. Von dort schwankte er die Treppe hinauf und sah sich kurz um. Es herrschte keine Ordnung auf dem Schiff, aber immerhin konnte er erkennen, dass ein Lockenkopf seine Waffe auf das Vieh dort oben gerichtet hielt. Rym achtete gar nicht weiter auf seine Umgebung, nahm seine Hübsche von der Schulter, wickelte sie aus und richtete sie, ohne lange zu zögern, auf das Vogelvieh. Er wollte schon abdrücken, denn immerhin war es das, was er besonders gut konnte, aber als er bemerkte, dass sich in dem Nest am Hauptmast jemand bewegte, fluchte er wieder leise. Für einen kurzen, nachdenklichen Moment hielt er inne, bevor er seine Brille aus der Tasche riss und diese in einer fließenden Bewegung aufsetzte. Erst dann legte er sein Gewehr wieder an und zielte auf die Krallen des Vogels, die das Holz fest im Griff hatten. Er ignorierte das Schwanken, ignorierte seine instabile Lage, atmete ruhig ein und aus und schoss, wobei eine falsche Bewegung der Personen da oben, diesen auch einfach umbringen konnte.

[erst auf dem Mannschaftsdeck, dann auf dem Hauptdeck | in der Nähe von Greo und Shanaya | schießt auf die Krallen des Vogels]


RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Liam Casey - 12.02.2021

Es war fast schon bemerkenswert, wie einfach sich der Lockenkopf vom Ernst des Lebens ablenken ließ, kaum dass es es um Mythen, Legenden und Geschichten ging – unabhängig davon, ob an ihnen etwas Wahres dran war oder nicht. Auch, wenn Talin leider bestätigte, dass der Einzige, der (vielleicht) mehr Erfahrungen mit diesen Kreaturen hatte, Ceallagh war und ihre Chancen somit sanken, huschte ein flüchtiges Lächeln über seine Lippen. Eines, das mit diesem kindlichen Funkeln in seinen Augen einherging, das ihnen immer innewohnte, kaum dass es um die fantastischen Dinge der Welt ging. Ein Teil von ihm sehnte sich tatsächlich zurück an Deck; hoffte, dass sie vielleicht noch ein kleines Stückchen näher herankamen, um sich diese majestätische Kreatur genauer ansehen zu können. Hätte Talin ihn nicht direkt aufgefordert, sie zu begleiten, wäre er vermutlich nicht einmal mehr auf die Idee gekommen, sich irgendwo nützlich zu machen; viel zu gebannt vom Anblick dieser Wesen.

„Sollten wir das hier überleben“, begann er zuversichtlich, „muss ich dir etwas zeigen.“

Immerhin drehte die Sphinx bereits ab. Seine Schritte fühlten sich leichter an, seit der Überfall in den Hintergrund gerückt war. Und das Geheimnis, das diesen eigenartigen Nebel scheinbar umgab, erschloss sich ihm noch immer nicht. Liam runzelte die Stirn und wollte das Thema gedanklich fast schon wieder abtun, hätte Talin nicht so frei heraus zugegeben, dass er ihr mehr Sorgen bereitete als diese Vögel. Er schluckte, blieb ihr eine Antwort schuldig und tat sich schwer dabei, zu entscheiden, wer von ihnen beiden die Situation falsch einschätzte. Wie dem auch wahr – Vorsicht war besser als Nachsicht und auch, wenn der Lockenkopf nur selten vorher an Dinge wie Vorsicht dachte, erkannte er den Nutzen ihrer Idee, ganz gleich, ob dieser Nebel nun schädlich war oder nicht. Dass ein nasses Tuch überhaupt irgendetwas bewirkte, war nicht einmal gesagt – aber Talin war so überzeugt, dass er die Wirkung nicht wirklich in Frage stellte.

Gemeinsam mit Gregory kramte er die Stoffe hervor, beäugte sie prüfend und sah schließlich auf, als die Blonde zeigte, wie sie sich die Stofflinge vorstellte. Mit einer Hand griff er bereits nach seinem Dolch, als plötzlich ein markerschütternder Schrei neben dem Schiff ertönte. Er erstarrte, bis ihn ein heftiger Ruck der Sphinx unsanft nach vorne riss. Gregory stürzte zur Seite und auch Elians Kopf verschwand hinter dem Tisch zwischen ihnen. Liam verlor den Halt und landete (zum Glück) nur unsanft auf den Holzdielen. Hinter ihm rieselten einige der Glasflaschen mit den Tinkturen aus dem offenen Schrank und zerbarsten unter lautem Klirren in seinem Rücken. Schützend hielt er die Arme vors Gesicht, bis der Großteil der Fläschchen zerbrochen auf dem Boden lagen und er die Schranktür irgendwie mit dem Fuß zugeschlagen bekam. Was bei allen sieben Welten war dort oben los?!

Das was konnte er sich ziemlich gut selbst beantworten, kaum dass sich das Chaos seiner Gedanken wieder etwas gelegt hatte. Ein unangenehm schweres Gewicht ließ sich in seinem Magen nieder, wühlte Sorge und Angst auf, kaum dass ihm bewusst wurde, dass Alex und die anderen dort oben offensichtlich nicht mehr alleine waren. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte er einen Moment an die Decke über ihnen, lauschte dem Poltern und den Stimmen, die aufgeregt übers Deck flogen. Gerade, als sich seine Gedanken von Alex entfernten und den anderen zuwenden wollten, holte Talins leise Stimme sie zurück in ihre eigene missliche Lage. Etwas, wofür er ihr durchaus dankbar gewesen wäre, wäre es ihm bewusst gewesen.

„Schätze, der Nebel ist erstmal zum kleineren Problem geworden.“ Langsam versuchte er, sich wieder aufzurichten – ganz im Gegensatz zur Sphinx übrigens, die noch immer in bedrohlicher Schräglage verharrte. „Geht’s?“

Er blickte in die Runde, ehe sein Blick auf Talin hängen blieb, die sich offenbar den Kopf angeschlagen hatte. Kollateralschaden. Über ihnen löste sich ein Schuss. Liam war unschlüssig, ob es nun wirklich Sinn machte, ebenfalls nach oben zu stürmen. Sie hatten diesem Ding nichts entgegenzusetzen. Ihre Schützen waren allesamt bereits an Deck. Seine Gedanken rasten, suchten nach einer Möglichkeit, nicht völlig untätig unter Deck zu sitzen und zu hoffen. Die Lappen waren für ihn längst wieder vergessen. Dazu waren diese Vögel nun viel zu präsent. Er fluchte leise, als ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er die Scherben vergessen hatte, in denen er sich gerade hatte abstützen wollen. Dadurch aber kam ihm auch eine Idee.

„Greg, Gift.“, packte er seine Gedanken knapp zusammen und wischte sich mit verzerrtem Gesicht die Scherben aus der rechten Hand, ehe er sich an der Tischkante nach oben zog. „Das Zeug, das Skadi mischt. Steht das hier?“

Sein Blick fiel auf die Scherben auf dem Boden. Die Flüssigkeiten hatten sich überall über den Boden ergossen. Hoffend hob er den Blick auf die restlichen Bestände in den Schränken. Die, die das Manöver überlebt hatten. Inzwischen hatten sich auch Gregory, Elian und Rayon wieder auf die Beine gekämpft. Talin wirkte noch immer etwas benommen. Liam streckte die Hand nach ihr aus, um ihr wieder auf die Beine zu helfen.

„Vielleicht können wir es davon überzeugen, dass wir nicht ganz so gut schmecken wie Fisch oder irgendwas.“

Fragend sah er zu Rayon in der Hoffnung, dass er wusste, wie viele mögliche Köder sie noch übrighatten. Sein Ziel war nicht zwingend, dieses Wesen umzubringen – vermutlich hatten sie dafür nicht einmal genügend Gift (wenn es denn überhaupt wirkte), aber auch ein krankes Tier zog sich zurück, wenn es denn konnte.


{ Talin (& Rayon & Elian & Gregory) }


RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Skadi Nordskov - 13.02.2021

Sie hatte zu sehr auf den Vogel über der Wolkendecke geachtet, als dass ihr die Verwirbelung im Nebel aufgefallen war. Diese kleinen Strudel, die immer wieder hinter den verschwommenen Schatten hervor traten und urplötzlich ein massigen Leib in die Luft spuckten. Ein lauter Flügelschlag. Schwingen, die das Schiff ins Wanken brachten und die Oberfläche des Meeres aufwühlten. Flammend rot und schneeweiß.  Skadi wandte ruckartig den Kopf herum. Sah in die  leuchtend gelben Augen, ehe der Kopf des Tieres erschrocken zur Seite ruckte und der helle Körper mit einem weiteren Flügelschlag dem Mast des Schiffes auswich. Ein zweiter Vogel!? Reflexartig trat  Skadi einen Schritt zurück. Entging um Haaresbreite den weißen Federspitzen, als das Ungetüm sich in die Luft erhob.  Es hatte sie nicht kommen sehen. Genauso wenig wie sie selbst, als sie auf das faszinierende Monstrum starrte und mit aufgerissenen Augen in die Hocke ging, als scharfe Krallen aufblitzten und in ihre Richtung stoben. Der Aufschrei des Tieres schob sich Mark erschütternd durch ihren Körper und ihre Nervenbahnen. Wurde nur wenig später von dem Isalas abgelöst, die neben ihr ins Straucheln geriet. Doch Skadi blieb kaum ein Augenblick, um zu der anderen hinüber zu sehen, als das Schiff vom Gewicht des Vogels, der statt ihnen den hölzernen Mast zwischen die Krallen bekam, in Schieflage geriet und die Nordskov kraftvoll gegen das Geländer des Krähennestes rumpelte.
Mit schwerem Atem fühlte die Jägerin einen Moment dem Schmerz in ihrem Rücken nach. Dem Pochen in ihrer Lunge, das sich anfühlte, als säße ein dickes Kind auf ihrer Brust. Wie gebannt starrte sie auf den massigen Leib des Vogels über sich. Die weit ausgestreckten Schwingen. Die kleinen schwarzen Stellen im Gefieder, die sich unter dem dichten Weiß auftaten und von weitem kaum zu erkennen gewesen waren. Dem schillernden Unterleib, der von matten Stellen unterbrochen schien. Kleine Rauchschwaden, die den Schnabel und nur noch wenige Bereiche der Flügel umspielten und augenblicklich verschwanden, als die Nordskov blinzelte. Das Tier erinnerte sie an tosende Feuer. Die kleinen Funken, die von Gesängen und tanzenden Leibern begleitet in die dunkle Nacht stieben. An jedem einzelnen Tag, den sie den Göttern huldigten. Den Gezeiten. Dem Leben und dem Tod.

„Das ist ein Weibchen.“, raunte sie in einem Anflug von Erkenntnis. Wandte den Kopf augenblicklich herum, um am Fußende den Kopf Isalas zu erspähen. Doch ihr Körper reagierte bereits, noch ehe sie sich vergewissern konnte, dass die junge Frau wohlauf war. Dass Isala nicht mehr Schaden davon getragen hatte, als eine blutende Wunde am Arm, die sich rot unter ihren Fingern auf dem Stoff ihres Oberteils abzeichnete. Sie musste dafür sorgen dass das Vieh vom Schiff abließ. Sofort.

Stück für Stück schob sich Skadi mit Händen und Füßen in die Hocke. Nutze die Rippen und Oberkanten des Geländers, um mit den Stiefeln Halt zu finden. Fischte bereits mit einer Hand nach einem ihrer Wurfmesser, während sie die andere fest um den Griff ihres Dolches schloss. Ein Versuch. Mehr würde ihr nicht bleiben. Ein einziger Augenblick, der darüber entschied, ob das Tier vom Schiff abließ und sie nicht kurz darauf zu Monsterfutter wurde.
Doch genauso wie sie das Tier über sich beobachtete, streckte der Vogel seinen Kopf voraus. Balancierte sein Gewicht auf dem verhältnismäßig winzigen Mast zwischen seinen Krallen aus und wandte seinen Kopf skeptisch und irritiert zur Seite. Beinahe glaubte Skadi sogar, dass es schnurrte, als sie sich aufrichtete und die Federn auf der voluminösen Brust zu vibrieren begannen. Doch das plötzliche Funkeln in den Augen war ihr Warnung genug, um mit einer schnellen Bewegung  nach vorn und oben zu schnellen. Mit gezückter Klinge auf eine der matten Stellen am Bein zu, während das Vieh bereits mit einem Schrei seinen Kopf senkte und nach ihr schnappte. Im selben Augenblick als sich unter ihnen ein Schuss löste.

[Im Krähennest bei Isala]



RE: Kapitel 8 - Schleichende Wasser - Néniel Valerius - 14.02.2021

Wie gefährlich kann so eine Seefahrt schon sein? Genau das hatte sich Néniel gefragt als sie, nach langem hin und her, den Entschluss gefasst hatte Asanu - und damit ihrem bisherigen Leben - den Rücken zu kehren. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, diese Entscheidung zu treffen, dem Händler das bisschen Gold zu geben, welches sie besaß und an Bord seines kleines Schiffes zu kommen. Masita war ihr Ziel gewesen, aber das war Néniel im Grunde egal gewesen. Hauptsache Asanu würde hinter ihr immer kleiner werden und nicht wieder auftauchen. Doch was hatte sie sich für einen Plan für ihre Zukunft zurechtgelegt? Im Grunde keinen. Sie fuhr auf diesem Schiff in eine Zukunft die ihr schleierhaft vorkam und neben einem leisen Gefühl der Euphorie, nahm sie auch ein Anflug von Angst fest in seinen Griff. Angst, die sie - seit dem sie Segel gesetzt hatten - ständig begleitete und die sie versuchte auszublenden. Dabei halfen ihr die Gespräche mit Jonni, die sich eher um Tiere und Pflanzen oder seinen Cousin's drehten. Néniel selbst gab selten etwas von sich Preis, zu sehr befürchtete sie, dass der Name Valerius aus diesem Schiff bekannt sein könnte. Und wer hörte sich schon gerne Geschichten über eine kaputte Familie an, in welcher die Mutter wegen Ehebruch im Gefängnis saß und der Vater in seinen Psychosen gefangen war? Sie selbst würde sich das nur sehr ungern anhören wollen, geschweige denn davon berichten. Das würde das ganze Ausmaß der Verderbheit ihrer Familei, für sie nur wieder begreiflich machen. 
Leise seufzte die junge Frau, stieß sich von der Reling ab und wandte sich gerade um, als ihr rote Segel ins Auge stachen. Sie kamen ihr bekannt vor und sie glaubte, dass sie sie am Hafen von dem sie abgefahren war, ebenfalls gesehen hatte. War das nicht das Schiff, auf dem es auch so 'viele' Frauen gegeben hatte? Néniel spürte, wie ihr Mund für einen Moment trocken wurde, ehe sie ein Stoß gegen ihre Schulter aus dem Gleichgewicht brachte. "Verzeihung, M'am.", raunte ein junger Seefahrer, von einer ihr - anfangs - unbegreiflichen Hektik erfasst. 

Sie flohen. Das war nicht nur daran zu erkennen, wie der Captain ihres Schiffes die Anweisungen verteilte, sondern auch an der Tatsache, dass das fremde Schiff stets aufzuholen und sie als klares Ziel auszumachen schien. Ein seltsam aufregendes Gefühl beschlich die junge Frau, am Heck des Schiffes stehend und das andere Schiff taxierend. Natürlich erkannte sie nicht, was sich auf dem anderen Schiff abspielte und es war absurd, mit einer solchen Ungeduld darauf zu warte, was passierte - der Händler schien schließlich ernsthaft besorgt - doch Néniel konnte sich dieser Regung einfach nicht erwehren. 

Der Nebel jedoch, fiel ihr erst dann auf, als er sie beinahe völlig umschloss. Ein seltsames und irgendwie unwirkliches Kribbeln zog sich über ihre Haut und das Holz unter ihren Händen fühlte sich ungewohnt und verbraucht an. Der Blick ihrer eisblauen Augen, löste sich von dem Punkt, welchen sie zuvor noch fixiert hatte und mit einem fragenden Ausdruck wandte sie sich um. Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging, dröhnte über den Nebel hinweg an ihre Ohren und das Schiff unter ihr knarzte demütig. Die Mannschaft griff zu den Waffen und plötzlich wurde es sehr laut. Schüsse fielen und gerade als sich der Blick der blonden Frau gen Himmel richtete, saß sie wie das halb gefiederte, halb beschuppte Wesen den ohnehin angeschlagenen Mast - er war ihr zu Beginn ihrer Reise gar nicht so morsch vorgekommen? - mühelos unter seinem Gewicht zum Einsturz brachte. Holzsplitter stoben durch die Luft und Néniel wurde durch die Wucht des Aufpralls von den Füßen gehoben und landete unsanft auf dem Holzdeck des Schiffes. Ein scharfer Schmerz zog sich über ihre Schläfe und strahlte in ihren gesamten Kopf. 
Es dauerte einen Moment bis sich die junge Frau sammeln konnte und wusste, wo oben und unten war. Nicht unweit von ihr lag ein Seemann, mit vor Schreck geweiteten Augen und einem verzerrten Gesicht, durch dessen Brust ein großes Stück Holz getrieben war. Erschrocken, nahezu panisch, betrachtete die Blondine das Bild einen Moment, ehe sie sich taumelnd aufraffte und sich umsah. 

"Jonni? JONNI?"

Sie hatte das Gefühl, dass ihr Ruf von dem dichten Nebel geschluckt wurde, der in unnatürlichen Schlieren über das Deck des Handelsschiffes waberte. Wie kleine, gierige Finger umschloss er alles, was seinen Weg kreuzte. Das Holz wurde morsch, Eisen begann zu rosten. Néniels Blick glitt zu dem einzigen Beiboot. Eine Traube Männer hatte sich darum versammelt, keiner machte sich die Mühe nachzusehen, ob einer der Männer noch lebte, die bewusstlos und verteilt auf dem Schiff lagen. Das Herz der 25jährigen klopfte aufgeregt und ängstlich in ihrer Brust, verloren auf dem Deck stehend und nicht wissend, was sie nun tun sollte.

{AUF DECK DES HANDELSSCHIFFES - JÓN}