Hello cold sweat and those shivers down my spine - Liam Casey - 19.08.2020
Hello cold sweat and those shivers down my spine
You are for real, you are no creatures of the mind
Hello anger, well I still can see your face
The stone cold look in your eyes, in the mirror staring back me
Hello frustration, well, there are you again
'cause you bite, you hurt, teeth like a shark, glows in the dark.
Nacht des 21. Mai 1822
Alex Mason, Liam Casey, Lucien Dravean, Nathan Reed, Skadi Nordskov
Ein tiefer Atemzug hob seine Brust, als er die Augen schloss und abermals die Überwindung suchte, sich von der Mauer hinter ihm zu lösen. Nicht sein erster Versuch in der letzten Viertelstunde, doch er blieb ebenso erfolglos wie die zuvor. Vielleicht war auch schon eine halbe Stunde vergangen, seit Liam die Gestalten beobachtete, die mal mehr, mal weniger unscheinbar in der gepflasterten Straße verschwanden, die er seit seiner Ankunft hier im Auge behielt. Dort irgendwo musste die Scheune liegen, zu der man ihn bestellt hatte, irgendwo unweit des Schwarzmarktes, den er gemeinsam mit Enrique besucht hatte, um Gregorys Vorräte zu füllen. Weder Flint noch einer seiner beiden Schoßhündchen war bislang hier aufgetaucht. Genauso wenig Nathan, der vermutlich mehr auf Liams Erscheinen angewiesen war als andersherum.
Und trotzdem verfluchte sich der Lockenkopf dafür, dass er zu seinem Wort stand. Vielleicht spielte auch seine Abneigung diesem Flint gegenüber und seinem Umgang mit Menschen eine beachtliche Rolle. Wie dem auch war – jetzt war er hier und auch, wenn er bislang nicht den Mut gefunden hatte, sich dem, was ihm bevorstand, direkt zu stellen, wusste er, dass er nicht einfach wieder verschwinden würde. Obwohl ihm bewusst war, dass sie sich nur geringe Chancen gegen diesen Affen ausmalen konnten. Nathan hatte nicht wirklich den Eindruck eines Kämpfers erweckt – noch weniger, als Liam selbst vermutlich, der aber wenigstens optimistisch genug war, sich wenigstens eine geringe Erfolgsmöglichkeit auszumalen. War die Frage, wie sehr sein heutiger Leidensgenosse einstecken und beschäftigen konnte, während Liam versuchen würde, Flint irgendwie zu überwältigen. Sein letzter Besuch bei solchen Ringkämpfen war eine gefühlte Ewigkeit her. Und gerade wünschte er sich, er hätte besser aufgepasst, um sich nun den ein oder anderen Trick der wendigeren Kämpfer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wenn sie gegen einen Schrank hatten antreten müssen. Das hier würde allerdings eher laufen wie sein erster Schwimmversuch damals – ein Sprung ins kalte Wasser. Das Wie kam schon von ganz allein. Hoffentlich.
Seine Hände ballten sich in seinen Hosentaschen zu Fäusten, kaum dass er die Visage des Tuchhändlers unter den Passanten ausmachte. Affe A und Affe B liefen knapp hinter ihnen, Nathan dazwischen. Die freudige Erwartung auf den Zügen Flints ließen den Blondschopf dahinter um einiges blasser wirken als er ohnehin schon war. Der Knoten in seinen eigenen Eingeweiden zog sich fester zusammen. Das flaue Gefühl in seinem Magen hatte ausnahmsweise nichts mit dem Wein zu tun, mit dem er sich den Nachmittag über von seinem abendlichen Rendezvous abgelenkt hatte. Mit einem Seufzen stieß er sich letztlich von der Mauer ab. Flints hässlichem Grinsen war bereits anzusehen, dass er ihn entdeckt hatte.
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Nathan Reed - 23.08.2020
Nathans Stärke war Geschwindigkeit und Gewandtheit. Zwei Dinge, die man in einem Ringkampf nur bedingt anwenden konnte. Mit Muskeln konnte der eher drahtige Dieb nicht aufweisen. Seit frühster Jugend hatte er Kämpfe gefochten, aber es waren nur wenige, die er wegen seiner körperlichen Stärke gewonnen hatte. Flint hatte ihm seinen geliebten Degen genommen, er war tatsächlich völlig unbewaffnet, als er durch die Straßen zwischen den beiden Affen entlangtrottete. Seine Hände waren vor seinem Körper mit einem groben Strick zusammengebunden, es schien Flint kein bisschen zu stören, dass die wenigen Menschen auf den nächtlichen Straßen ihre seltsame Prozession beobachteten. Flints Macht schien sich auch über das Gesetz zu erstrecken. Wahrscheinlich waren die stummen Beobachter auch nur froh, nicht an Nathans Stelle zu sein.
Nathans Magen tat mittlerweile weh, immerhin hatte er aufgehört zu knurren. Schlimmer noch war der brennende Durst, vielleicht würde aber auch dieser in der nächsten Stunde nicht mehr zu seinem Problem zählen, weil Flint ihm dann schon in seinem „freundschaftlichen Wettstreit“ den Hals gebrochen hatte. Er fragte sich, wie er alleine gegen Flint bestehen sollte. Mal ehrlich, wie groß standen die Chancen, dass Liam hier auftauchte? ER an seiner Statt hätte das nicht getan, hätte alles zusammengerafft und hätte der götterverlassenen Stadt den Rücken gekehrt. Wenn Liam einen Funken Verstand besaß, so würde er nicht aufkreuzen. Möglichst unauffällig versuchte Nathan die Habseligkeiten seiner Bewacher zu untersuchen. Wenn es ihm gelang an eines der Messer zu gelangen, der Schrank zu seiner Rechten hatte eines im Gürtel, dann konnte er sich vielleicht befreien und verschwinden. Dafür musste sich ihm nur eine gute Gelegenheit bieten...
Als Liam das Lagerhaus verlassen hatte, hatte man Nathan kurzerhand in eine Holzkiste gesperrt. Diese hatte zwar Astlöcher zum Atmen besessen, aber ansonsten hatte man sich nicht weiter um seine Befindlichkeiten gekümmert. Man hatte die Kiste irgendwohin getragen und Stunden später erst wieder geöffnet, als es zum Wettkampf gehen sollte. Flint schien viel daran zu liegen, dass er sich nicht vorzeitig aus dem Staub machte. Das war seine Rache, die er seiner Tochter Zuliebe auskostete. Vielleicht war seine Tochter aber auch nur die Ausrede dafür, die Freiheit eines Mannes zu nehmen, um gegen ihn kämpfen und ihm die Zähne einschlagen zu dürfen!
Er wurde durch das überraschte Grunzen Flints abgelenkt. “Na sieh mal einer an.“, murmelte Flint mit ungewollter Anerkennung in der rauen Stimme und als Nathan an der breiten Schulter des Tuchhändlers vorbeischaute, sah er zu seiner grenzenlosen Überraschung Liam an einer Mauer gelehnt stehen! Vor Verblüffung blieb Nate der Mund offenstehen, er sah in diesem Moment nicht wirklich intelligent aus und war stehen geblieben, so dass der Kerl mit dem Messer ihn weiterziehen musste.
Liams Gesicht war ernst und nur halb durch eine Straßenlaterne beleuchtet. In diesem Augenblick empfand der Dieb eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass nicht alle Menschen mit der gleichen Verschlagenheit ausgestattet waren, die ihm selbst zu Eigen war, sondern, dass es tatsächlich Menschen gab, deren Wort etwas wert war. Flint legte Nathan den Arm um die Schulter, drückte ihn an sich, ohne Liam aus den Augen zu lassen und lachte freudig. “Wer hätte das gedacht, mein Bester? Ratten kümmern sich ja vielleicht doch um ihresgleichen!“
Nathan erwiderte nichts, doch er sah Liam mit bedauernder Miene an. Hoffentlich bist du nicht alleine hier., schienen die Augen des Diebes dem Lockenkopf zu signalisieren.
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Lucien Dravean - 24.08.2020
Skadi und er hatten nicht lange gebraucht, um herauszufinden, wo hier in Silvestre die Straßenkämpfe stattfanden. Sie hatten auch nicht lange gebraucht, um hinein zu kommen. Ins Wettgeschäft und in den Ring. Inzwischen wussten sie, wonach sie Ausschau halten mussten, hatten Übung darin, den richtigen Leuten zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu folgen. Und es dauerte auch nicht lange, bis die in der Luft pulsierende Gewaltbereitschaft wieder einmal von ihnen beiden Besitz ergriff und sie sich mitreißen ließen.
Dieses Mal zog es den jungen Captain jedoch selbst in den Ring. Nicht, dass dies das erste Mal gewesen wäre, seit er und die Jägerin immer mal wieder zusammen in den Untergrund abtauchten. Aber sein Drang nach dem körperlichen Verausgaben, nach Blut und Schmerz, war heute Nacht stärker, düsterer und wütender als die letzten Male. Was sich deutlich darin äußerte, wie bereitwillig er während des Kampfes unnötige Risiken einging, um nur all seine Kraft und all seine Wut in den nächsten Faustschlag legen zu können und das wütende Knacken von getroffenen Knochen zu hören. Ob er dabei seine Deckung vernachlässigte, war ihm beim besten Willen weitestgehend egal.
Lucien wusste tief im Unterbewusstsein, dass die Jägerin in der Nähe war, dass sie am Rand des Ringes stand. Dass der einfache Holzverschlag im Inneren der Scheune auf dem Schwarzmarkt von Silvestre von Menschen umgeben war, die grölten, brüllten, pfiffen und buhten. Und die in geradezu ekstatische Verzückung gerieten, als der Dunkelhaarige sich einen schweren Faustschlag gegen den Kiefer einfing und sein Kopf zur Seite ruckte. Aber wahrnehmen tat er all das nicht.
Er taumelte zurück, bis er am Rand seines Blickfelds die Ringbegrenzung auftauchen sah, doch die tiefgrünen Augen kehrten rasch zurück zu seinem Gegner: Ein groß gewachsener Werftarbeiter, dem man das tägliche Handwerk an jedem einzelnen Muskel ansah. Als wäre er selbst aus Holz und Eisen. Von seinem Schlag begegneten ihnen etliche auf diesen Untergrundkämpfen. Männer, die tagsüber einer schweren, körperlichen Arbeit nachgingen und glaubten, sich nachts ein Zubrot beim Wettgeschäft verdienen zu können – die aber keine ausgebildeten Kämpfer waren. Genauso wenig wie Lucien selbst. Doch dafür erinnerte das hier weit mehr an eine ausgereifte Kneipenschlägerei, als an einen ehrlichen Ringkampf, und mit Ersterem hatte er so seine Erfahrungen gemacht.
Auf seiner Zunge schmeckte der junge Captain Blut, spuckte den Schwall mit einer beiläufigen Bewegung zur Seite aus und fuhr sich mit dem Handrücken der Rechten über die Lippen. Spürte dabei die frische Narbe über seine Haut reiben. In seinem Kiefer pulsierte ein donnernder Schmerz und von dem Schlag gegen seinen Kopf tanzten noch kleine dunkle Flecken in seinem Blickfeld. Wie immer war er darauf bedacht gewesen, seinen Brustkorb zu schützen, war dabei auf die Finte seines Gegners reingefallen, der die Schlagrichtung nur angedeutet hatte und jetzt voller Selbstzufriedenheit gehässig grinste. Aber sollte er nur. Noch stand Lucien schließlich und der Kampf dauerte noch keine zehn Minuten.
„Na, willst du nicht lieber aufgeben, Jungchen?“
‚Jungchen‘. Lucien schnaubte als Antwort spöttisch, verzog die blutige Lippe zu einem zynischen Lächeln und hob die Fäuste wieder auf Schulterhöhe. Machte einen Schritt zur Seite, um sich nicht gegen die Bande treiben zu lassen. Näher zu der Gestalt Skadis hin, die nicht weit von ihm entfernt stand. Sein Kontrahent bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung, hielt also den Abstand zu ihm. Wohl, um darauf zu warten, ob der Dunkelhaarige von sich aus angriff.
[mit Skadi schon in der Scheune beim Ringkampf]
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Liam Casey - 04.09.2020
Wie war das damals eigentlich immer gewesen – all die Male, die man versucht hatte, sich mit den Größeren anzulegen, damit sie einen endlich in Ruhe ließen? Liam war damals mit Nichten einer derer gewesen, die die anderen herumgeschubst hatten. Vielmehr war er ein Träumer gewesen, der sich alleine seine Abenteuer gesponnen hatte, um sie fernab der Realität zur Wirklichkeit zu machen. Und jeder, der bereit gewesen war, ihn dabei zu begleiten, war herzlich willkommen gewesen. Die Großen hatte er meist nicht kommen sehen und trotzdem hatte sein damaliger Trotz und Leichtsinn ausgereicht, um ihnen selbstgerecht gegenüberzutreten. Hier ging es allerdings nicht um unzufriedene Kinder, die sich die Schwächeren suchten, um sich einmal in ihrem Leben überlegen zu fühlen – nicht ganz jedenfalls, denn wenn er ehrlich war, vermutete er schon, dass Flint diesen körperlichen Ausgleich brauchte, um seine geistige Schwäche wettzumachen. Flint ging es auch um Macht. Macht, die er zweifellos in diesem Loch besaß und offensichtlich Tag für Tag aufs Neue beweisen musste, weil er sonst nichts war. Ein armseliges Leben.
Was sich aber auch von all den Situationen früher unterschied: Liam war freiwillig hier, auch wenn er das selbst noch immer nicht glauben konnte. Es war nicht wie damals, dass man ihn in die Enge getrieben hatte und er sich stellen musste. Er hatte ganz aktiv die Entscheidung getroffen, jetzt hier zu sein, obwohl er wusste, dass er es bereuen würde. Warum er so entschieden hatte? Er wusste es selbst nicht. Vielleicht war es tatsächlich die Vorstellung gewesen, dass der nur wenig kampferprobte Nathan (seine Vermutung) ansonsten feierlich mehr als nur die Nase gebrochen bekam, ohne dass er sich wehren konnte; das Wissen, dass er alleine nicht den Hauch einer Chance hatte, sich auch nur zu wehren. Allerdings war Liam war offenherzig und hilfsbereit – aber er war nicht dumm. Und auch niemand, der sich mit derlei Taten profilieren musste. Er war kein Held, hatte keinerlei Ambitionen, einer sein zu wollen und war niemand, der sich einbildete, bei einem Ringkampf einen ernstzunehmenden Gegner darzustellen. Wäre da also nicht auch noch die persönliche Schiene gewesen, die Flint und ihn verband – vermutlich wäre er tatsächlich nicht aufgetaucht. Es wäre nicht seine Angelegenheit gewesen. So aber war es das eben doch. Und er beglich die Rechnungen, die er offen hatte. Und diese hier schien Flint zumindest wichtig genug zu sein, während Liam eigentlich nicht einmal wusste, worum es ging.
Für Flints Bemerkung hatte er lediglich einen unbegeisterten Blick übrig, ehe er kurz Nathan musterte, der in erster Linie überrascht schien, ihn hier zu sehen. Liam schluckte die Bestätigung über die Stupidität seiner Entscheidung wortlos hinunter, sog stattdessen scharf die Luft ein und schloss sich dem eigenartigen Zug an, der sich zwischen den Leuten hindurch auf den Eingang der Scheune zubewegte.
„Bringen wir es einfach hinter uns.“, brummte er und ignorierte die hämischen Blicke der beiden Gorillas, die den Blondschopf nach vorne geschubst hatten.
Die Tatsache, dass man ihn wie einen Hund an einem Strick um die Handgelenke führte, ließ darauf schließen, wie es ihm seit dem Mittag ergangen war. Dem Lockenkopf war ausnahmsweise nicht danach, einen Spruch auf seine Kosten zu machen. Der Knoten in seinem Magen forderte vorerst sämtliche Aufmerksamkeit. Jemand öffnete Flint die Tür, als sie nah genug waren und Liam folgte den anderen hinein. Schon von außen hatte man die Menschen grölen gehört. Es schien, als sei die Veranstaltung schon längst in vollem Gange. Hinter den Menschen, die sich um die Mitte des Raumes drängten, konnte Liam nur das vermuten, was sie hier als Kampfring nutzten. Auf dem Boden lag vereinzelt Heu und erinnerte daran, dass dieses Gebäude ursprünglich wohl als Stall genutzt worden war. Es stank nach Blut und Schweiß. Die Menge war aufgeheizt, jubelte und ergötzte sich an den Schlägen, mit denen die Kämpfer im Ring den Sieg erringen wollten. Liam vermied jeglichen Blick in die Richtung des Kampfrings; die Köpfe der Menge versperrten ihm aber ohnehin die Sicht. Flint hob die Hand, seine Gorillas blieben stehen und zwangen auch Nathan dazu. Flint verschwand irgendwo weiter hinten in der Menge.
„Schon mal bei sowas gewesen?“, fragte Liam schließlich und warf Nathan einen flüchtigen Seitenblick zu, ehe er wieder Ausschau nach Flint hielt.
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Nathan Reed - 11.09.2020
Liam hatte mit seiner Vermutung ganz recht, und auch wieder nicht. Nathan hatte vielen Kämpfen beigewohnt, aber seine Art zu kämpfen hatte nicht mit dieser Art, dieser recht robusten, grobschlächtigen Art zu tun. Er war ein passabler Schwertkämpfer und verstand sich auf Finten, um seinen meist körperlich überlegeneren Gegnern zu entkommen. Im Ring, Angesicht zu Angesicht, Faust gegen Faust brachten ihm diese Vorteile nichts ein. In diesem dichten Gedränge erschien eine Flucht unmöglich. Vielleicht bot sich davor eine Gelegenheit.
Seine Chancen jedenfalls hatten sich verdoppelt, seitdem Liam auf den Plan getreten war. Nathan hätte nicht erwartet, dass der Pirat zurückkam. Er schien ebenfalls nicht der geborene Kämpfer zu sein. Er war nicht die Art Mann, die Freude daran hatte, anderen Menschen Knochen zu brechen oder Blut spritzen zu lassen. Ihn würde man an normalen Tagen sicher nicht im Publikum sehen. Und die Wetten würden sicherlich auch nicht für Liam laufen. Was also tat er hier? Mitleid mit Nathan? Die Gier? Rache, weil er aus irgendeinem Grunde Flint etwas heimzahlen musste? Nichts schien seine Frage zufriedenstellend zu beantworten.
Als sie hineingingen, fragte Liam, ob er bei solchen Kämpfen schon einmal teilgenommen hätte. “Ja -ein.“, lautete die nicht so ganz eindeutige Antwort des Taschendiebes.
“Ich habe die Leute hinter dem Ring um ihr Erspartes gebracht, während sie vorne irgendwelche Kampfhähne angefeuert haben. Meistens habe ich nicht sehen können, was im Ring…“
„Schnauze!“, raunzte der Gorilla Nathan von der Seite an.
Vielleicht lag es daran, dass Nathan der Hunger nervte, oder einfach daran, dass es für ihn ohnehin gerade recht aussichtlos war, jedenfalls schnappte Nathan zurück.
“Was denn?! Verstehst du die Gedichte nicht, die hier rezitiert werden? Hier schreit die ganze Meute und ich störe deine wohlverdiente Ruhe?“
Über den Lärm hinweg war wirklich kaum das eigene Wort zu verstehen. Der Schrank neben ihm glotze wenig intelligent und wusste augenscheinlich keine Antwort. Also wandte sich Nathan wieder Liam zu.
„Du hast nicht zufällig etwas zu trinken dabei?“, fragte der Dieb, dem die Zunge schon am Gaumen klebte. Nicht, dass er mehr Chancen mit einem gefüllten Magen gehabt hätte. Aber das würde ihm das Denken erleichtern. Und wenn er nicht ständig daran denken musste, dass er am liebsten seinen Kopf in die nächstbeste Pfütze tauchen wollte.
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Liam Casey - 27.09.2020
Liam war angespannt und wirkte vermutlich konzentrierter denn je. Was er zu entdecken erhoffte, wusste er bislang selbst nicht – irgendetwas, was ihnen helfen konnte eben, auch wenn die Auswahl, die seine Gedanken ihm ließ, aus gähnender Leere bestand. Sein Blick flog über die Fluppe eines grölenden Zuschauers, die nur ungünstig auf dem trockenen Stroh landen musste, das noch an den ursprünglichen Stall erinnerte. Aber diese Kämpfe fanden häufig statt. Weit weniger häufig hörte man von abgebrannten Scheunen. Man würde also entweder nachhelfen müssen oder sich dem eigentlichen Vorhaben stellen. Brandstiftung kam dem Lockenkopf nun auch nicht zwingend verhältnismäßig vor, bloß um einem kleinen Hinterhofkampf zu entkommen. Himmel, manchmal war ein Verständnis für Moral doch wirklich eine Last. Nachdenklich biss er sich auf die Unterlippe, als Nathan seine Vermutung bestätigte. Damit waren sie also schon zwei, die eher die Unruhe der Meute genutzt hatten als selbst in den Ring zu steigen. Jetzt würden sie das beste daraus machen müssen.
Doch statt Nathans Worten weiterhin lauschen zu können, wurden sie grob von einem ihrer beiden Aufpasser unterbrochen. Die Laune des Blondschopfs schien im Verhältnis zu vorhin inzwischen noch gespannter. Wer konnte es ihm verübeln, wenn man die Fesseln bedachte, ohne die sie ihn offenbar nicht hätten handhaben können.
„Wenn’s hier um Lyrik ginge, hätte ich nur noch halb so viel Bammel gegen diesen Flint.“, brummte er mit einem angedeuteten, aber auch anerkennenden Lächeln an Nathan und ließ die Drohung des Gorillas außen vor. „Die Sprache dieser Menschen hier ist allerdings eine andere als die, die wir sprechen.“
Damit verschwand das Lächeln und seine blasse Stirn tauchte sich wieder besorgt in Falten.
„Nein, tut mir Leid.“ Liam verzog das Gesicht, musterte Nathan kurz, und suchte dann wieder den Raum ab. „Aber was wäre das hier für eine Veranstaltung, wenn’s nicht irgendwo Bier gäbe, um die erhitzten Gemüter weiter anzuheizen.“
Vielsagend hoben sich seine Augenbrauen, ehe ein flüchtiger Blick ihrem Aufpasser galt und er sich kurz darauf auf die Suche nach irgendwem machen wollte, der Bier ausschenkte. Die Flaschen in den Händen mancher ließen jedenfalls hoffen.
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Skadi Nordskov - 28.09.2020
Das Holz vibrierte dich an ihrem Körper. Bei jedem Schlag. Bei jedem lauten Ausruf in den Ring hinein, der von Blut und aufgewühlter Erde übersät war. Immer wieder verschmolzen die zwei Leiber im Inneren zu einem undurchdringlichen Knäuel, um wenig später auseinander zu driften, als stob ein Keil aus Blitzen zwischen sie. Lucien taumelte und Skadi presste die Lippen zusammen. Ließ den Blick vom dunklen Haarschopf über seine Schulter zu dem Hünen hinauf gleiten, dessen massige Gestalt im Licht der Scheune imposant über die Umstehenden ragte. Noch ein gezielter Schlag auf Augenhöhe und sie musste ihren Captain vom Boden auflesen. In ganzen Stücken oder als matschigen Haufen aus Muskeln und Knochen, den sie angesichts ihrer eigenen Verletzungen wohl die halbe Nacht und den ganzen Morgen des nächsten Tages ins Bordell zurück schleppen musste.
Fast zeitgleich durchfuhr sie ein genervtes Schnauben, den Blick noch immer skeptisch auf dem hochroten Kopf des Fremden ruhend, während sich Lucien Schritt um Schritt näherte. Rufe wurden laut. Hände flogen an ihr vorbei in die Luft. Jeder Zuschauer dürstete nach Blut und sichtbarem Schmerz. Doch Skadi bezweifelte, dass Lucien es noch einmal darauf ankommen ließ.
“Da hat wohl jemand noch zu viel Luft zum Reden.“, raunte sie dem dunklen Haarschopf zu, der nach nur wenigen Schritten auf Hörweite war und dessen Profil unter dem Licht der über ihm hängenden Leuchten unfassbar lädiert aussah. Wie ein Leuchtfeuer schrie die aufgeplatzte Lippe zu ihr hinüber und hinterließ einen bitteren Beigeschmack auf ihrer Zunge. Morgen würde sein Gesicht wohl ein faszinierendes Farbspektrum von Rot bis Blau durchlaufen und Talin auf den Plan rufen. “Bei der steifen Schulter wäre ich an seiner Stelle lieber vorsichtig.“
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Lucien Dravean - 02.10.2020
Prüfend biss Lucien die Zähne aufeinander, bewegte den schmerzhaft pochenden Kiefer, um zu testen, ob er noch tat, was er tun sollte. Ein unglücklich präziser Treffer, aber zumindest schien nichts gebrochen zu sein. Nur eine aufgeplatzte Lippe gesellte sich zu dem schon entstehenden Veilchen um sein rechtes Auge. Mal sehen, was Talin dazu nun wieder zu sagen hatte, oder ob sie inzwischen resignierte und ihn einfach machen ließ. Wahrscheinlich nicht.
Leise drang in diesem Moment Skadis Stimme an sein Ohr, die er wahrscheinlich nur deshalb aus dem Toben um sie herum heraus hörte, weil ihr Raunen sich ganz und gar von dem Stimmengewirr der Zuschauer unterschied. Es veranlasste ihn, noch einen halben Schritt in ihre Richtung zu rücken, um sie besser zu verstehen. Seinen Gegner hatte er dabei die ganze Zeit im Blick und der schien tatsächlich noch genug Luft zu haben, um sich ein bisschen zu profilieren.
Nur den Bruchteil einer Sekunde bemerkte er dabei, wie sich das Tor der Scheune öffnete, glaube für einen winzigen Augenblick, einen vertrauten Lockenschopf in der Menge verschwinden zu sehen. Doch der Gedanke war so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Denn all seine Aufmerksamkeit richtete sich auf das, was die Jägerin ihm zuraunte.
Vielleicht sollte er jetzt tatsächlich mal anfangen, sein Gehirn zu benutzen, statt sich willkürlich in die nahende Faust zu schmeißen. Der Hüne hielt sich längst für den Gewinner und Selbstüberschätzung war etwas, was man hervorragend ausnutzen konnte. Lucien war außerdem kleiner, leichter und damit schneller. Und schließlich lenkten Skadis Worte seine Aufmerksamkeit auch auf die steife Schulter, die ihm vorher völlig entgangen war. Vielleicht eine alte Arbeitsverletzung.
Der Werftarbeiter schien derweil keine Lust mehr zu haben, auf einen Angriff zu warten und stürmte je mit einem Schnaufen auf den jungen Captain zu. Lucien sah den Schlag kommen, tauchte entlang der starren Schulter unter dem Angriff hinweg und schlug dem Hünen aus dem Schwung heraus die linke Faust in die ungeschützte Seite. Es knackte vernehmlich, wobei Lucien sich nicht ganz sicher war, ob das seine Knöchel oder die Rippe seines Gegners gewesen war. Seine Hand jedenfalls tat jetzt mörderisch weh.
Er achtete jedoch nicht darauf, nutzte die Gelegenheit, die der Andere damit verbrachte, keuchend vornüber gebeugt stehen zu bleiben, verschränkte die Finger seiner Hände miteinander und rammte ihm mit der Kraft beider Arme den Ellenbogen gegen das Schultergelenk. Diesmal knirschte es leise, als der Knochen aus dem Gelenk sprang. Der Mann taumelte mit einem leisen Aufschrei zur Seite, griff sich mit der unverletzten Hand an die Schulter, während Lucien sich mit schwerem Atem wieder in Skadis Nähe zurückzog.
„Er hätte auf dich hören sollen“, meinte er mit einem Anflug von Spott in der Stimme, warf ihr einen kurzen Seitenblick zu und verzog die blutende Lippe zu einem Schmunzeln. Dann sah er wieder nach vorn. „Was meinst du, hat er genug?“
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Skadi Nordskov - 18.04.2021
Der Kampf war schneller vorbei, als er begonnen hatte. Zumindest klangen die gezielten Schläge schmerzhafter, als sie sollten. Ein Knirschen und Ploppen von Gelenken und Knochen, die sicherlich nicht so leicht an Ort und Stelle zurück zu setzen waren. Mit gekräuselter Nase beobachtete die Jägerin die Szenerie. Stand mit beiden Beinen auf den Holzsprossen des Rings, die unaufhörlich vibrierten – vor und zurück, vor und zurück. Die Menge um sie herum wurde lauter, pöbelte angesichts des Jungspundes, der seinen Gegner viel zu schnell in die Knie zwang. Skadi indes schmunzelte, beugte sich über den Rand des Geländers hinweg, kaum das Lucien zurückkehrte. Ihr war der Ausdruck auf seinen Zügen nicht entgangen, der den ihren spiegelte.
“Tja. Nicht nur er.“ Nicht zuzuhören war eine Männerkrankheit. Erst recht nicht, wenn es um Dinge wie diese hier ging. Niemand traute dem „Weibsbild“ auch nur irgendetwas zu, das nichts mit Haushaltspflichten und Gebärden zu tun hatte. Etwas, dass sich die Nordskov durchaus zu Nutzen machte. Lieber wurde sie unter, statt überschätzt. Nicht wahr?
“Ganz ehrlich. Ich glaube er versuchts nochmal. Damit die Schulter nicht vollkommen umsonst war.“ Ganz davon abgesehen, dass Lucien selbst keuchte wie nach einem Hürdenlauf durch die Stadt – auf der Flucht vor den Wachen, die ihn beim Klauen erwischt hatten. An seiner Stelle würde sie nicht so schnell beigeben, selbst wenn der Schmerz sie endgültig ausknocken sollte. Lieber scheiterte sie bei dem Versuch zu siegen, als bereits vorher das Handtuch zu werfen. Was von beidem vernünftiger war, spielte dabei absolut keine Rolle. “Aber übertreibs nicht. Und halte deine Deckung oben. Ein Schlag gegen deinen Kopf und ich kann dich an den Füßen aus dem Ring schleifen.“
Und sie wollte den schlaffen, tonnenscheren Körper lieber nicht durch die ganze Stadt tragen müssen, um sich eine Standpauke von Talin abzuholen.
RE: Hello cold sweat and those shivers down my spine - Liam Casey - 26.04.2021
Aus dem Plan, sich noch etwas (mehr) Mut anzutrinken, wurde nur leider nichts. Liams gutmütiges Lächeln, mit dem er dem Jüngeren ein wenig die Sorge nehmen wollte, erstarb, als die beiden Affen Flints sie abermals unsanft an der Schulter weiter in die Scheue hineinschoben. Hinter dem Rücken der aufgeladenen Menge hätte man auch fast glauben können, dass hier Hahnen- oder Hundekämpfe bestritten wurden. Hauptsache Blut und die Aussicht auf ein bisschen Gold, mehr brauchten die grölenden Gestalten nicht. Nathan war blass. Liam konnte es ihm nicht verübeln. Er wollte auch gar nicht wissen, inwieweit er seiner flüchtigen Bekanntschaft diesbezüglich Konkurrenz machte. Je weiter sie nach hinten geleitet wurden, desto dumpfer wurden die Geräusche des Ringkampfes und der brüllenden Menge, die sich an der Gewalt innerhalb des mit Stroh bedeckten Rings labten, in seinen Ohren. Denn je tiefer sie in die Scheune hineintraten, desto näher rückte das, wozu dieser Flint sie hierhergebracht hatte. Liam bereute es nicht, hier aufgetaucht zu sein. Was er bereute, war lediglich, dass er dieser Kreatur, deren Rücken gut das zweifache von seinem Maß, mit Nichten die Lektion erteilen konnte, die ihm gebührte. Nathan wirkte zudem zu eingeschüchtert, als dass er sich ihn als große Hilfe vorstellte. Vermutlich würde seine eigene Rolle daraus bestehen, ein paar Schläge abzufangen und den Schwindler daraufhin irgendwie – möglichst noch lebend – aus dem Ring zu schleifen. Dass er um das Leben des anderen fürchtete, kam immerhin nicht von ungefähr: Dass Flint ein paar schwerwiegende Probleme mit Ehre und Ruf hatte, hatte er immerhin schon primitiv demonstriert.
Die Minuten verzogen, doch letztlich kam es ihm vor wie nur wenige Sekunden, bis man sie abermals packte und unsanft in die Richtung des Ringes schubste. Wie es schien, war der vorherige Kampf vorbei. Liam erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf das deformierte Gesicht des einen, ehe er in der tobenden Menge verschwand. Flint trat vor, ein Teil der Menge grölte, doch Liam bildete sich ein, auch vereinzeltes Gelächter zu hören. Ihm fehlte die Zeit, weiter darüber nachzudenken, da packten sie abermals die Handlanger des Initiators, als befürchteten sie, Nathan und er würden den letzten Augenblick nutzen, um sich doch noch aus dem Staub zu machen. Halbherzig wandte er sich aus dem Griff heraus und begegnete dem warnenden Blick des einen mit ernster Miene. Die unangenehme Leere, die sich schmerzhaft in seinen Eingeweiden ausgedehnt hatte, hielt er gekonnt hinter seiner – zugegeben! – gar nicht so schlechtsitzenden Fassade.
Was Flint genau sagte, um den kommenden Kampf einzuläuten, konnte er gar nicht mehr recht erfassen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, während er sich zunehmend Sorgen machen musste, dass Nathan neben ihm noch vor dem eigentlichen Beginn zu Boden ging. Sinngemäß vermutlich irgendetwas mit ‚großer Show, um seine letzte, Niederlage wettzumachen‘, ‚er habe einen schlechten Tag gehabt‘, ‚zwei gegen einen‘ und ehe er sich versah, stolperte er auch schon mit recht deutlicher Motivationshilfe von hinten in den Ring hinein, in dem sie Flint mit einem zahnigen Grinsen empfing. Sein Blick erinnerte ein bisschen an eine Schlange, die sich ihrer Übermacht deutlich bewusst war und sich auf das kommende Spiel freute.
Liam blinzelte, sein Blick erhaschte noch im Versuch, wieder festen Stand zu finden, das blutbefleckte Stroh unter ihren Füßen, ehe auch schon das kleine Tor hinter ihnen wieder zufiel und Flints raue Lache durch die Scheune drang – abermals dicht gefolgt von dem Grölen der Menge. Noch ehe Liam sich mit seinem Leidensgenossen abstimmen konnte, preschte Nathan nach vorne und versuchte, sich den Erstschlag zu sichern. Im nächsten Moment hing er auch schon vor Schmerzen gekrümmt vorn über und ächzte. Der Lockenkopf hatte nur einen flüchtigen Blick für ihn übrig, ehe er in die Grimasse ihres Gegners starrte, der es nun eindeutig auf ihn abgesehen hatte. Wendigkeit, wiederholte er eine seiner wenigen Vorteile gegenüber Flint gedanklich, während der Schrank näherkam und duckte sich im nächsten Moment auch schon geschickt unter dem ersten Schlag hindurch. Angriff brachte noch nichts; sie mussten auf Zeit setzen. Viel Masse brauchte auch viel Energie, um in Bewegung gesetzt zu werden. Was in seinem Kopf allerdings wie ein guter Plan klang, scheiterte zwei Schläge später bereits in der Durchführung, als er sich einen Moment zu spät in Deckung bringen wollte. Auf den Schlag folgte ein gezielter Tritt, der ihn rücklings gegen die halbhohe Reling beförderte ihm für einen Moment die Luft aus den Lungen drückte. Flint feierte sich, lachte blechern und trat mit langsamen Schritten auf ihn zu. Liam biss die Zähne zusammen und kämpfte sich wieder in eine aufrechte Haltung. Mit dem Rücken zur Wand war keine gute Lage für ihn. Das wurde ihm spätestens bewusst, als sein Versuch, sich vom Holz in seinem Rücken abzustoßen, an einem festen Griff von hinten scheiterte. Er hielt die Luft an, warf einen Blick über die Schulter und erkannte einen seiner Handlanger, der ihn mit einem schadenfrohen Schmunzeln auf den Lippen festhielt, während Gorilla-Flint mit schweren Schritten näher kam.